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Wirtschaftsirrtümer


Wirtschaftsirrtümer

50 Denkfehler, die uns Kopf und Kragen kosten
1. Aufl.

von: Henrik Müller

16,99 €

Verlag: Campus Verlag
Format: EPUB
Veröffentl.: 10.09.2014
ISBN/EAN: 9783593424927
Sprache: deutsch
Anzahl Seiten: 304

Dieses eBook enthält ein Wasserzeichen.

Beschreibungen

Die Debatte über Wirtschaftsfragen ist geprägt von Un- und Halbwahrheiten, von Vor- und Schnellurteilen, von Verfälschungen und Verfärbungen. Gerade in schwierigen Zeiten kann dies gefährliche Folgen haben. Kurz und prägnant korrigiert der Wirtschaftsexperte Henrik Müller gängige Fehlurteile über Fragen zu Wachstum, Märkten, Globalisierung, Arbeit, Gesellschaft, Geld und Europa. Ist alles Nützliche schon erfunden worden? Geht uns wirklich die Arbeit aus? Ist die Globalisierung unumkehrbar? Dieses Buch gibt Antworten und löst die Denkbremsen, die uns daran hindern, längerfristige Entwicklungen zu erkennen. Leicht im Ton, tief in der Analyse: So werden wirtschaftliche Zusammenhänge anschaulich.
Inhalt

Einleitung: Gewissheiten, Irrtümer, Katastrophen 9

I. Wachstum
Irrtum 1: Die Ära des Wachstums ist vorbei 18
Irrtum 2: Wachstum ist schlecht 24
Irrtum 3: Viel Geld schafft Wohlstand 28
Irrtum 4: Große Exportüberschüsse sind gut 33
Irrtum 5: Alles Nützliche ist schon erfunden worden 37
Irrtum 6: Nur Genies bringen die Welt voran 44
Irrtum 7: Alternde Gesellschaften können nicht mehr innovativ sein 47
Irrtum 8: Teure Energie ist eine Wachstumsbremse 54

II. Arbeit
Irrtum 9: Uns steht das Ende der Arbeit bevor 64
Irrtum 10: Das Jobwunder geht immer weiter 68
Irrtum 11: Die Hartz-Reformen sind die Ursache des Beschäftigungswunders 73
Irrtum 12: Nur schlechte Arbeit wird immer mehr 78
Irrtum 13: Lohnzurückhaltung ist gut 83
Irrtum 14: Deutschland wird von Einwanderern überrannt 86
Irrtum 15: Facharbeiter werden immer gebraucht 91
Irrtum 16: Wir sind auf dem Weg zur digitalen Freizeitgesellschaft 95

III. Märkte
Irrtum 17: Ein großer Staatssektor kostet Wohlstand 102
Irrtum 18: China & Co. werden den Westen schon bald in den Schatten stellen 110
Irrtum 19: Märkte funktionieren immer richtig 119
Irrtum 20: Die Industrie ist die Zukunft der Wirtschaft 126
Irrtum 21: Die Digitalisierung ist ein Segen 130

IV. Globalisierung
Irrtum 22: Die Globalisierung ist unumkehrbar 138
Irrtum 23: Offene Märkte stiften Frieden 146
Irrtum 24: Globalisierung befördert die Vielfalt 151
Irrtum 25: Offene Kapitalmärkte sind eine Abkürzung zum Wohlstand 155
Irrtum 26: Globale Institutionen können die Globalisierung bändigen 162
Irrtum 27: Deutschland kann sich aus Konflikten
heraushalten 167

V. Gesellschaft
Irrtum 28: Geld macht nicht glücklich 174
Irrtum 29: Reichtum nützt nur den Reichen 180
Irrtum 30: Durch die Krise sind die Reichen reicher und die Armen ärmer geworden 186
Irrtum 31: Ungleichheit ist kein Problem, solange die Armen genug zum Überleben haben 188
Irrtum 32: Die Deutschen sind unausweichlich eine Schrumpfnation 195
Irrtum 33: Reiche Gesellschaften haben zwangsläufig weniger Kinder 200
Irrtum 34: Einwanderer sind eine Belastung 204
Irrtum 35: Ostdeutschland hat keine Chance 208

VI. Geld
Irrtum 36: Geld ist neutral 214
Irrtum 37: Notenbanken sollten sich nur um die Inflation kümmern 220
Irrtum 38: Die Notenbanken müssen Deflation auf jeden Fall verhindern 225
Irrtum 39: Wäre Inflation ein echtes Risiko, hätte sie längst eingesetzt 231
Irrtum 40: Nur Immobilien und Gold sind noch sichere Anlagen 235

VII. Europa
Irrtum 41: Die Staatsschulden sind die Ursache der Eurokrise 240
Irrtum 42: Durch Sparen lassen sich Schuldenkrisen überwinden 245
Irrtum 43: Griechenland ist das größte Problem der Eurozone 250
Irrtum 44: Die Vergemeinschaftung von Schulden führt in den Ruin 254
Irrtum 45: Die Auflösung der Währungsunion würde Europas Probleme lösen 257
Irrtum 46: Die Rückkehr zum Maastricht-Vertrag würde Europas Probleme lösen 261
Irrtum 47: In Europa herrscht Stillstand 267
Irrtum 48: Die EZB muss den Eurokurs drücken 274
Irrtum 49: Deutschland muss Stabilitätsmeister sein 277
Irrtum 50: Die Bürger wollen Europa nicht mehr 280

Anmerkungen 286
Literatur 294
Register 301
Klare Sicht auf unsere wichtigsten Fragen
Henrik Müller, Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der TU Dortmund, war zuvor viele Jahre stellvertretender Chefredakteur des manager magazins. Er ist Träger mehrerer renommierter Journalistenpreise, Autor diverser Bücher zu wirtschaftspolitischen Themen und überrascht immer wieder mit originellen Perspektiven auf aktuelle Wirtschaftsfragen.
Einleitung
Gewissheiten, Irrtümer, Katastrophen


Fortschritt entsteht durch Versuch und Irrtum. Je schneller wir die Irrtümer erkennen, desto besser. Insofern soll dieses Buch dem Fortschritt dienen. Ein großer Anspruch, ich weiß. Ob er eingelöst wird, können Sie nach der Lektüre selbst entscheiden. Mir geht es darum, weithin akzeptierte Gewissheiten über die Wirtschaft infrage zu stellen, sie mit Fakten zu konfrontieren und alternative Deutungen vorzuschlagen.
Die jüngste Wirtschaftsgeschichte ist voll von gravierenden Irrtümern. Deshalb haben sich einige westliche Nationen binnen weniger Jahre ruiniert. Die Europäer gaben sich eine gemeinsame Währung, ohne die Voraussetzungen dafür zu schaffen. Millionen Bürger in Westeuropa und den USA bauten Häuser, die sie nicht brauchten und die ihre finanziellen Möglichkeiten weit überstiegen. Großkonzerne investierten viele Milliarden im Glauben an einen illusionären Boom. Banken blähten sich zu riesigen Zockermaschinen auf, völlig losgelöst von der realen Wirtschaft und den Wertvorstellungen normaler Menschen. Aufsichtsbehörden glaubten blindlings an freie Märkte und wurden eines Schlechteren belehrt. Notenbanken pumpten gigantische Summen Geld in die Wirtschaft und erklärten sich für die Blasen, die sie aufblähten, nicht zuständig.
Der Weg in die große Krise des Kapitalismus ist gesäumt von Irrtümern. Wären sie früher erkannt worden, die Welt wäre heute ein besserer Ort. Denn die Krise hat das Vertrauen und den Wohlstand erschüttert, sie kostet viel Geld und verursacht menschliches Leid, nicht zuletzt bei Millionen Arbeitslosen. Wieder einmal hat sich bewahrheitet, dass Menschen die "verhängnisvolle Neigung" haben, "über etwas, das nicht mehr zweifelhaft ist, nicht länger nachzudenken", wodurch in der Folge "die Hälfte aller Irrtümer" entstehe, wie der britische Philosoph John Stuart Mill vor 200 Jahren schrieb.1


Sieben Jahre Krise

Die schwelende Krise des Kapitalismus produziert ihre eigenen Gewissheiten, die wiederum zweifelsfrei geglaubt werden - die nächsten Irrtümer, die uns am Ende Kopf und Kragen kosten könnten. Unbehagen an den realkapitalistischen Zuständen macht sich breit, nicht nur in Deutschland, wo die schwarz-rote Koalition einen viele Milliarden Euro teuren Wiederausbau des Sozialstaats wagt. Auch im konservativ regierten Großbritannien erregen sich die Mittelschichten über eine "cost of living crisis". In Frankreich brechen spontan immer wieder wütende Proteste aus. In den USA herrscht heftige Aufregung wegen der immer größeren Ungleichheit bei der Verteilung der Einkommen. Im Vatikan regiert ein Papst, der zu dem harten Urteil kommt, dass "diese Wirtschaft tötet". Die Liste ließe sich verlängern.
Sieben Jahre Krise. Nicht mehr die Angst vor plötzlichem Systemversagen dominiert die Stimmung, stattdessen frisst sich der Frust über die schleichende Verarmung ins Gemüt.
Und das hat Folgen für den ökonomischen Kurs ganzer Nationen. Verteilungsfragen haben Priorität. Man igelt sich ein, hält fest an dem, was man hat. Die Wirtschaft macht da keine Ausnahme: Große Investitionen sind nicht in Planung. Sogar in Deutschland, das vergleichsweise gut dasteht, geben die Unternehmen in Relation zur Wirtschaftsleistung immer noch weniger für neue Ausrüstungen aus als vor der großen Krise.
Wachstum? Fortschritt? Zukunft? In den USA sammeln zwei neue Denkschulen Anhänger. Die eine verkündet, die Ära der Wohlstandszuwächse sei vorbei, und zwar wahlweise für die kommenden Jahrzehnte oder gleich für immer. Die andere prophezeit eine Roboterrevolution, verbunden mit rapiden Wohlstandszuwächsen, von denen allerdings nur wenige Menschen profitieren werden. Währenddessen schwankt Deutschland zwischen satter Selbstzufriedenheit und den Zukunftsängsten, die alternde Gesellschaften eben so umtreiben.
Die Erfahrungen der vergangenen Jahre begründen neue Erzählungen
Abermals entstehen Gewissheiten über die Wirtschaft, die "nicht mehr zweifelhaft" sind, um noch mal Mill zu bemühen - die wiederum allgemein geglaubt werden. Auf die Phase des Booms, als das Nichts-ist-unmöglich-Narrativ (frei nach Toyota) in vielen Ländern dominierte, folgt nun eine Phase des Nichts-ist-mehr-möglich. Solche großen ökonomischen Erzählungen haben Macht über die Realität. In gewisser Weise sind sie die Realität: Sie prägen unsere Wahrnehmung, weil wir bevorzugt jene Fakten zur Kenntnis nehmen, die sich in die uns vertraute Erzählung fügen. Anderes blenden wir aus. Erzählungen beeinflussen unsere Zukunftsvorstellungen, unser gegenwärtiges Handeln, unsere Ängste und Hoffnungen. Immer und immer wiederholt - von Politikern und Journalisten, Wirtschaftsleuten und Fernsehunterhaltern, Börsenzockern und Wissenschaftlern -, werden sie zu vorbehaltlos geglaubten Gewissheiten.
Vor einem Jahrzehnt konnte Spaniens damaliger Premier José María Aznar sich damit brüsten, sein Land habe einen Bausektor, der größer sei als der von Deutschland und Frankreich zusammen. In Wahrheit eine absurde Verzerrung der Wirtschaftsstrukturen, zumal gleichzeitig die Verschuldung der privaten Wirtschaft und der Bürger sprunghaft anstieg. Aber der Bauboom passte einfach zu gut ins Narrativ eines Landes, das sich endlich angekommen wähnte in der ersten Liga der Weltwirtschaft, vollwertiges Mitglied des zweitgrößten Währungsraums der Welt, gesegnet mit hohen Wachstumsraten, sinkender Arbeitslosigkeit und Einwanderung. Sicher, man konnte die sich auftürmenden Probleme sehen, schließlich gab es überall im Land riesige Baustellen. Oder: Man hätte sie sehen können. Tatsächlich überstrahlte die mächtige Erzählung vom iberischen Wirtschaftswunder die Fakten. Niemand trat Aznar entgegen. Das Ergebnis war eine der größten Immobilienblasen der Geschichte, gefolgt von einem desaströsen Crash, von dem sich das Land längst nicht erholt hat.
Wer heute Deutschlands Wirtschaftskraft lobt, der sollte sich an die spanische Erzählung erinnern. Wie immer, wenn sich fast alle einig sind "über etwas, das nicht mehr zweifelhaft ist", und nicht länger darüber nachdenken, sind Zweifel angezeigt. Die Reformen der "Agenda 2010", die Exportstärke der Industrie, der in Teilen leergefegte Arbeitsmarkt, der Immobilienmarkt, der sich endlich "normalisiert" - das sind die Kernelemente des derzeit dominierenden Deutschland-Narrativs. Die Geschichte vom zweiten Wirtschaftswunder wirkt einfach überzeugend. Was nicht ins Bild passt, wird ausgeblendet. Dass sich in den Ballungsräumen die nächste Immobilienblase aufbläht - wird mit dem Hinweis auf die Schwäche des Marktes seit Mitte der 1990er Jahre relativiert. Dass es keine gute Entwicklung ist, wenn eine Volkswirtschaft fast ein Jahrzehnt lang außenwirtschaftliche Überschüsse von 6 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) und mehr verzeichnet - sogar unter Ökonomen findet sich hierzulande kaum jemand, der das für wirklich problematisch hielte. Warum? Weil das tradierte Narrativ vom Exportweltmeistertum, vom Siegeszug des Labels "Made in Germany" im späten 19. Jahrhundert und vom Wiederaufstieg der D-Mark-Republik nach dem Zweiten Weltkrieg so wirkmächtig ist, dass es alle Zweifel beiseite räumt (mehr unter Irrtum 4).
Währenddessen geht man in der Politik dazu über, die Beschäftigungsrekorde für selbstverständlich zu nehmen - und eine Welle von Regulierungen einzuführen, die das Erreichte gefährden. Wo noch vor wenigen Jahren Panik herrschte, weil angeblich das "Ende der Arbeit" drohte (Irrtum 9), greift nun unbeschwertes Vertrauen auf die Belastbarkeit des deutschen Arbeitsmarktes um sich (Irrtum 10), alle heraufziehenden und längst sichtbaren Risiken ignorierend - von der bedrohten Globalisierung (Irrtümer 22 bis 27) über die Fehlsteuerungen der Geldordnung (siehe Irrtümer 36 bis 40) bis hin zur nach wie vor fragilen Lage in Europa (siehe Irrtümer 41 bis 50).


Ökonomische Narrative sind erstaunlich stabil

Wenn sich eine Erzählung einmal etabliert hat, zeigt sie Beharrungskräfte. Verständlich. Schließlich handelt es sich um soziale Übereinkünfte, die identitätsstiftend wirken. Sie geben einer Gesellschaft eine Ahnung davon, wer sie ist und wohin sie sich gemeinsam bewegt. Sie verleihen ihr das beruhigende Gefühl, eine gemeinsame Richtung zu haben. Wenn sie sich auf einem guten Weg wähnt - umso besser. Wenn der Pfad ein absteigender ist - dann ist man wenigstens nicht allein unterwegs. Ähnlich wie die individuelle Erzählung der Biografie des einzelnen Menschen, die nach Konsistenz und Kontinuität strebt und deshalb im individuellen Selbstgespräch alle Brüche begradigt, so haben auch gesellschaftliche Narrative die Tendenz, über längere Zeiträume aufrechterhalten zu werden.
Dieses Verhalten hat tiefe Gründe: Das menschliche Hirn sucht Muster. Es bemüht sich, Konstanten zu entdecken und in die Zukunft fortzuschreiben. Eine Eigenschaft, die die Orientierung erleichtert und beim Sammeln von Erfahrungswissen hilft. Für unsere vorgeschichtlichen Vorfahren war das ein evolutionärer Vorteil. Sie beobachteten die Welt (das Wetter, die Sterne, den Zug der Vögel, die Wanderungen der Wildtiere), erkannten Gesetzmäßigkeiten und konnten ihr Handeln entsprechend optimieren.
Auch bei den großen, abstrakten wirtschaftlichen Zusammenhängen der Gegenwart helfen Narrative, die Komplexität zu reduzieren und die Individuen zu koordinieren. Narrative lassen sich, so gesehen, als Bindeglieder zwischen gesellschaftlichen Subsystemen (Wirtschaft, Gesellschaft, Politik, Medien, Wissenschaft und so weiter) begreifen: Sie vereinheitlichen die Erwartungen, schaffen Übereinkünfte, wo es sonst keine gäbe, und erleichtern so Verhandlungen und Transaktionen. Anders gesagt: Sie stellen Sozialkapital dar, in das eine Gesellschaft via Massenkommunikation investiert hat. Ein Narrativ aufzugeben ist deshalb mit Kosten verbunden: Vorhandenes Sozialkapital muss abgeschrieben, neues hergestellt werden; und bis ein neues dominantes Narrativ etabliert ist, gibt es eine Phase der Verunsicherung. Es ist ganz klar: Eine einmal etablierte Erzählung gibt man nur ungern wieder auf, selbst wenn sich die Realität zwischenzeitlich weiterentwickelt hat.
So kommt es zu Phasen der Ungleichzeitigkeit: Eine Gesellschaft glaubt beharrlich, sie sei noch in Narrativ A, dabei ist die Ökonomie längst in einem anderen Zustand. Deshalb handeln Nationen gelegentlich, als seien sie im falschen Film. Diese Phasen der Ungleichzeitigkeit sind ergiebige Quellen für Wirtschaftsirrtümer: Eine Gesellschaft stützt sich auf Gewissheiten, die längst ihre Geltung verloren haben.
Dagegen hilft nur eins: ein fortwährender skeptischer Blick auf die Fakten. Der Status quo hat stets viele Nutznießer. Massive Interessen und Interessengruppen stehen dem Erkennen des Neuen im Wege. Journalisten können und sollten sich gegen die Ungleichzeitigkeiten stemmen.


Noch mehr Wirtschaftsirrtümer

Dies ist mein zweites Buch mit dem Titel Wirtschaftsirrtümer. 2004 erschien das erste. Dass Sie nun den Nachfolger in Händen halten, ist keineswegs Resultat akuter Denkfaulheit. Vielmehr hat sich seither so viel verändert, dass ich es für lohnend hielt, mit einem ähnlichen Blickwinkel erneut populäre ökonomische Gewissheiten aufzuspießen und zu sezieren. Naturgemäß weicht das vorliegende Buch von seinem Vorläufer ab: Es umfasst andere Themen und folgt einer anderen Struktur. In sieben Teilen behandelt es große Themenblöcke - Wachstum, Arbeit, Märkte, Globalisierung, Gesellschaft, Geld, Europa. Jeder dieser Abschnitte ist unterteilt in relativ knappe, leicht verdauliche Kapitel. So kommen 50 Irrtümer zusammen.
Seit 2004 hat sich die Lage in Deutschland fundamental verändert. Damals befand sich die Nation noch in einem Zustand der ökonomischen Dauerdepression. Charakteristisch für diesen spezifisch deutschen Blues war das Gefühl der Ausweglosigkeit. Der damalige Präsident des Industrie- und Handelskammertages (DIHK) Ludwig Georg Braun verglich die Bundesrepublik mit Argentinien - eine Nation im unaufhaltsamen Abstieg, reif für die Pleite. Der Kern des ersten Irrtümer-Buchs bestand denn auch darin, dem deprimierenden Deutschland-Narrativ Handlungsoptionen entgegenzusetzen. Mein Ansatz war, die aktuelle Trübnis durch Einordnung in eine zeitliche und eine räumliche Dimension zu relativieren: Wie sind wir hierher gekommen? Welche Erfahrungen haben andere Länder gemacht? Und welche Schlüsse lassen sich daraus ziehen?
Ein Jahrzehnt später hat sich die ökonomische Befindlichkeit in ihr Gegenteil verkehrt. Heute sieht die Republik die Leistungsfähigkeit ihrer Wirtschaft mit zufriedenem Selbstbewusstsein - was, wie erwähnt, seine eigenen Probleme nach sich ziehen kann. Dieser Stimmungsumschwung ist ein interessantes Beispiel dafür, wie eine ökonomische Erzählung durch eine andere ersetzt wird. Noch 2005 glaubte kaum jemand an einen Umschwung. 2006 begann der deutsche Wiederaufstieg, die Wachstumsraten schnellten empor, was niemand prognostiziert hatte. Dazu kam ein außerökonomisches Schlüsselereignis: die schwarz-rot-goldene Fußballweltmeisterschaft 2006, bei der sich die Nation in puncto Lebensfreude und Gastfreundschaft selbst überraschte, mit nachhaltiger Wirkung für das Selbstbild und die Außenwahrnehmung.


Wie schnell stabile Trends brechen können

In einiger Hinsicht leben wir heute in einer anderen ökonomischen Wirklichkeit als vor zehn Jahren. Die Knappheit von Jobs ist der Knappheit von Arbeitskräften gewichen. Die Globalisierung, verbunden mit dem relativen Abstieg der USA und Europas und dem Aufstieg der Schwellenländer, hat die globale Tektonik verändert. Energie wurde erst knapp und teuer, nun scheint sie wieder reichlicher und billiger zu werden.
Neue Entwicklungen tauchen auf, die vor zehn Jahren in ihrer Vehemenz nicht absehbar waren: Migrationsbewegungen in Europa in überraschender Größenordnung (Irrtümer 13 und 34); eine digitale Revolution, die immer mehr Branchen verändert, mit potenziell dramatischen Auswirkungen (Irrtümer 15 und 21); die immer schiefere Verteilung von Einkommen und Vermögen, die in einigen Ländern schwer erträgliche Ausmaße angenommen hat und andere verunsichert (Irrtümer 29 bis 31). Was wird aus Staaten (Ukraine, Großbritannien, Spanien, Belgien), die entlang ethnischer Grenzen auseinanderzubrechen drohen? Was aus Russland, wenn der Putin-Staat nicht mehr die gewohnten Wohlstandszuwächse liefern kann? Was aus China, wenn Peking nach jahrzehntelangem ökonomischem Höhenflug keine sanfte Landung hinbekommt? Was aus der Europäischen Union - zerlegt sie sich doch noch in ihre Bestandteile, oder wächst sie zum Überstaat zusammen?
Fehlentwicklungen können sich sehr lange aufbauen, bevor sie sich in einer plötzlichen Eruption entladen. Die globalen Ungleichgewichte zum Beispiel, die in die Krise von 2008 geführt haben, waren Jahre vorher sichtbar. Aber sie wurden beharrlich ignoriert. Warum? Weil Menschen nun mal die "verhängnisvolle Neigung" haben, "über etwas, das nicht mehr zweifelhaft ist, nicht länger nachzudenken", sodass die Irrtümer unerkannt bleiben.
Wir sollten uns nicht damit abfinden.


Irrtum 1
Die Ära des Wachstums ist vorbei

Der Glaube schwindet - dass die Zukunft besser sein könnte als die Gegenwart, dass der Fortschritt weitergeht, dass auch kommenden Generationen noch ein gutes Leben blüht: die große Verheißung des aufgeklärten Westens verliert ihre Überzeugungskraft. Der Zeitgeist ist pessimistisch. Die Jahre der latenten Dauerkrise haben sich so tief ins Bewusstsein eingefurcht, dass sich die Erwartungen verdüstern. Eine bessere Zukunft? Schon das Erreichte zu bewahren erscheint als Erfolg. Eine neue, negative Erzählung ersetzt die alte, optimistische: Abstieg statt Aufstieg, Zerstören statt Schaffen, Frust statt Glück.
Übertriebene Ängste, wie ich im ersten Teil des Buches darlegen werde. Aber sie sind durchaus real, weil gut begründet - und deshalb gefährlich.
Dem Westen drohe eine lange Phase der "säkularen Stagnation", raunte der frühere US-Finanzminister Larry Summers in einer Rede beim Internationalen Währungsfonds (IWF) im Herbst 2013. Eine Warnung, die er seither diverse Male wiederholt hat. Die Finanzkrise sei in eine Ära der großen Erschlaffung übergegangen: sehr schwaches Wirtschaftswachstum, Deflationsgefahr und ultra-niedrige Zinsen, allenfalls unterbrochen von gelegentlichen Blasen an den Kapitalmärkten.1
Gefangen in einer "Liquiditätsfalle" sei der Westen, glaubt der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman. Kaum jemand, der Geld habe, wolle es noch ausgeben, geschweige denn investieren. Wenn aber das monetäre Vermögen auf den Bankkonten weggesperrt sei, könne es keinen selbstragenden Wachstumsprozess geben. Nur radikale Maßnahmen, etwa eine künstlich angefachte Inflation, die die Menschen vor Angst um ihr Erspartes zum Geldausgeben verleite, hülfen dann noch weiter.2
Die Ära der Wohlstandszuwächse sei vorbei, meint der französische Ökonom Thomas Piketty. Wo aber die Expansion ausbleibe, drohe eine Verarmung der arbeitenden Schichten, während sich immer größere Teile der Wirtschaftsleistung in Form von Kapitalrenditen bei den Vermögenden ablagerten. Piketty sagt Verteilungskämpfe epischen Ausmaßes voraus, und er empfiehlt ziemlich radikale Rezepte: zum Beispiel eine global erhobene Vermögenssteuer.3
Noch fundamentalere Sorgen treiben Robert Gordon um. Die Menschheitserfahrung der Neuzeit - steigender Wohlstand durch technischen Fortschritt - komme an ihr Ende, sagt der kanadische Ökonom voraus. 250 Jahrhunderte spürbares Pro-Kopf-Wachstum seit Beginn der Industrialisierung seien, historisch gesehen, eine Anomalie. Nun sei die Menschheit wieder dabei, in ihren historischen Normalzustand zurückzuverfallen: eine Existenz nahe der Nulllinie des Wachstums (siehe Grafik zu Teil I).4
Vier Positionen von einflussreichen Denkern. Vier Analysen, die exemplarisch zeigen, wie groß die gegenwärtige Verunsicherung ist - in den USA, in Europa, zunehmend auch in den Schwellenländern. Nur Deutschland, das sich seit Mitte der 2000er Jahre einer Sonderentwicklung erfreut, ist von solch Düsternis gegenwärtig noch halbwegs unbeeindruckt.
Ich werde in diesem ersten Teil des Buches eine andere Sichtweise präsentieren: Der Fortschritt kommt nicht zum Stillstand. Im Gegenteil, vieles spricht dafür, dass wahrhaft epochale Durchbrüche bevorstehen. Das Problem ist unser gegenwärtiges Wirtschaftssystem, das sich weit von einer wirklich unternehmerisch getriebenen Marktwirtschaft entfernt hat.


Wovor haben die Skeptiker Angst?

Dass der Fortschritt irgendwann zum Stillstand kommen könnte, ist eine Angst, die sich immer wieder in Wellen ausbreitet. Auch in der Vergangenheit gab es Phasen der Verunsicherung und des Pessimismus. Die Kriege des 20. Jahrhunderts mit ihrer industrialisierten Lebensvernichtung ließen ganze Generationen an Gott und der Welt zweifeln. Noch im frühen 19. Jahrhundert suchten Hungernöte und Seuchen Europa heim, was den britischen Pastor und Ökonomen (so etwas gab es damals!) Thomas Robert Malthus zu der Vorhersage trieb, die Menschheit werde immer von Krisen bedroht sein, weil die Bevölkerung nun mal stets schneller wachse als die physischen Möglichkeiten des Planeten. Eine Warnung, die in den 1970er Jahren der Club of Rome in neuem Ton wiederholte. Auch in den Szenarien der heutigen Klimaforscher schwingen solche Vorstellungen mit.
Doch allen Ängsten und zwischenzeitlichen Rückschlägen zum Trotz hielt der langfristige Trend an: Es ging aufwärts - immer wieder, immer weiter.
Mehr als zweieinhalb Jahrhunderte lang haben sich die Menschen an die Idee gewöhnten, dass der Fortschritt nicht aufhört, dass der Wohlstand steigt, die Gesundheit und das Wohlbefinden sich bessern, dass das Leben länger, gesünder und glücklicher wird. Weil der aufgeklärte Mensch in der Lage ist, sich die Welt immer besser nach seinen Bedürfnissen einzurichten, werde er die dunkle Vorzeit des Jammertals und des Aberglaubens hinter sich lassen und ins Licht treten. Entsprechend alarmierend wirkt die Idee, dass dieser Weg der fortschreitenden Verbesserung eine Sackgasse sein könnte.
Brüche in der Wachstumsgeschichte bleiben als Traumata im kollektiven Gedächtnis. Für die asiatischen Schwellenländer ist die Krise von 1997/98 ein solch schockierendes Ereignis, das sie dazu veranlasste, große Teile ihres Wohlstands zu opfern und gigantische Währungsreserven anzulegen, als Versicherung gegen künftige Rückschläge. Für den Westen, vor allem für die USA, ist die große Depression der 1930er Jahre ein Horrorerlebnis mit Langzeitwirkung. Wenig überraschend, dass die heutigen Wachstumspessimisten Vorstellungen aus jener Zeit wiederbeleben. So geht die Idee, es könne eine "Liquiditätsfalle" geben, auf John Maynard Keynes zurück, den großen Analytiker der Depression. "Säkulare Stagnation" wiederum ist ein Begriff, den der US-Ökonom Alvin Hansen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs prägte. Übrigens hatte er schon vor dem Krieg bei einer Rede in Detroit gewarnt: "Wir entfernen uns rasch von der alten Ordnung, in der unsere Generation aufgewachsen ist, hin zu einer neuen", die niemand kenne. "Wir überqueren eine Schwelle, die die große Ära des Wachstums" (Hansen meinte das 19. Jahrhundert) von "unserer Ära" trenne.5 Manchmal lohnt sich ein Blick zurück, um heutige Befürchtungen zu relativieren.


Die Depression hat tief sitzende Ursachen

Das derzeitige Erlahmen der Dynamik ist nicht wegzudisktuieren. Praktisch alle westlichen Volkswirtschaften haben auch 2014 noch nicht die Scharte der Krise, die 2008 begann, ausgewetzt. Die Arbeitslosenquoten sind hoch, zumal unter Jugendlichen (insbesondere in Südeuropa). Viele Menschen haben sich frustriert aus dem Arbeitsmarkt zurückgezogen (insbesondere in den USA).
Die lautstarken Stagnationspropheten führen vor allem folgende Argumente an:

- Schulden
Der Westen leidet unter den Folgen einer langen und wilden Konsumorgie.6 Seit den 1990er Jahren haben sich zunächst die Privatbürger und die Unternehmen in fast allen westlichen Ländern immer höher verschuldet, dann, im Zuge der Krise und der Bankenrettungen seit 2008, auch die Staaten. Die hohe Gesamtverschuldung dämpft das Wachstum, weil ein großer Teil der Einkommen, Gewinne und Staatseinnahmen für den Schuldendienst draufgeht statt für Investitionen.7 Finanzielle Schieflagen und schärfere Regulierung erschweren Banken die Kreditvergabe für Investitions- und Konsumzwecke.8
- Liquiditätsfalle
Allgemeiner Pessimismus und die aufkommende Erwartung eines dauerhaften Preisverfalls (Deflation) treiben Bürger und Unternehmen dazu, große Teile ihrer Vermögen in Geld zu halten, anstatt diese Mittel auszugeben. Auch noch so niedrige Zinsen können sie nicht davon abbringen, in großem Stil Bares zu horten.9 Dadurch wird der Wirtschaft dauerhaft Nachfrage entzogen, sodass Kapazitäten brachliegen (was sich insbesondere in hohen Arbeitslosenzahlen niederschlägt).
- Demografie
Wie schon Alvin Hansen in seinen düsteren Prophezeiungen in den 1930er Jahren argumentierte, so bremst auch heute die Demografie die Wirtschaft. Zwei Trends scheinen sich weltweit dauerhaft etabliert zu haben: Frauen gebären immer weniger Kinder (globaler Durchschnitt derzeit: 2,5 - Tendenz weiter fallend, Richtung 2,0), und die Menschen werden immer älter (weltweite Lebenserwartung derzeit: 70 Jahre - Tendenz weiter steigend Richtung 80). Folge: In vielen westlichen Ländern schrumpft die einheimische Bevölkerung, und sie altert rapide.
- Umverteilung von Arm zu Reich
Dass eine wohlhabende Minderheit ein immer größeres Stück vom Nationaleinkommen bekommt, während der Anteil der ärmeren Mehrheit sinkt - eine Entwicklung, die in den USA und einigen Schwellenländern besonders ausgeprägt ist; in Deutschland und anderen Staaten Europas steuern progressive Steuersysteme und umfangreiche Transfers gegen10 -, führt zu einer nachhaltig geringeren Konsumnachfrage. Denn Reiche geben von ihrem zusätzlichen Einkommen nicht viel aus; ihre Sparquote ist hoch. Ärmere Leute konsumieren fast ihr gesamtes Einkommen, sie bekommen aber einen immer kleineren Teil vom Wohlstand ab.11 So gesehen ist staatliche Umverteilung nicht nur ein Gebot der Gerechtigkeit, sondern auch der gesamtwirtschaftlichen Vernunft.
- Weltweiter Ersparnisüberhang
Die These, es gebe global einen "savings glut", ein Zuviel an Kapitalangebot, brachte der langjährige Chairman der US-Notenbank Ben Bernanke 2005 in die Debatte ein.12 Kernargument: Die asiatischen Schwellenländer betreiben staatliches Zwangssparen, indem sie riesige Währungsreserven anhäufen und ihre Währungen unterbewertet halten. Diese Überschussersparnis führt zu einem Mangel an globalwirtschaftlicher Konsumnachfrage.13

Um die Argumente der Wachstumsskeptiker auf einen simplen Nenner zu bringen: Es wird zu wenig konsumiert und zu viel gespart. Deshalb bleibt die gesamtwirtschaftliche Nachfrage hinter dem Angebot zurück. Die Folgen sind brachliegende Kapazitäten, insbesondere Arbeitslosigkeit, und die Gefahr eines allgemeinen Preisverfalls. Eine klassisch keynesianische Argumentation. Entsprechend fallen die wirtschaftspolitischen Ratschläge aus: Staatsausgaben erhöhen, Geld drucken, Steuern erhöhen (für die Reichen).
Das mag schlüssig klingen. Aber es verkennt die wahren Ursachen der gegenwärtigen Probleme. Man kann es auch so sehen: Die tiefer liegende Deformation, die unter der Oberfläche aus schwacher Nachfrage und ungleicher Verteilung schlummert, ist keine Folge der Dauermalaise, sondern letztlich ihre Ursache (siehe Irrtum 3).
Zwei Argumente gegen den Pessimismus
Makroökonomische Größen mögen das Wachstum der Wirtschaftsleistung beziffern, aber sie beschreiben den Prozess des Fortschritts, der dem Wachstum zugrunde liegt, nur oberflächlich. Letztlich ist wirtschaftliches Wachstums eng verbunden mit dem Streben nach Fortschritt. Und dabei geht es um Grundlegendes: um das Streben nach einem besseren Leben, um sportlichen Wettstreit im Wettbewerb, um die pure Lust an der Veränderung.


Zwei Argumente zum Abschluss dieses Kapitels:

1. Die Neugier erlahmt nicht. Neues zu entdecken und zu erfinden ist eine menschliche Grundeigenschaft - und die eigentliche Quelle aller Wohlstandszuwächse. Warum sie plötzlich, nach Millionen Jahren der Menschwerdung, versiegen sollte, ist unplausibel. Eher sollte das Gegenteil der Fall sein: die Explosion der Kreativität. Denn die Innovationsfähigkeit steigt mit zunehmendem Wohlstand. Je weniger man sich um Grundbedürfnisse kümmern muss und je leichter der Zugang zu Bildung, Wissen und Information ist, desto mehr Menschen können am Fortschrittsprozess teilhaben. Diese Bedingungen sind heute viel eher gegeben als noch vor 20 Jahren. Zugleich gehen uns die Probleme nicht aus: Energieversorgung, Alterung, das Wachstum von Megastädten in Schwellenländern, um nur drei Beispiele zu nennen. Es gibt also Anlass genug, die menschliche Kreativität produktiv einzusetzen.

2. Womöglich messen wir das Wachstum falsch. Viele heutige Innovationen finden keinen Niederschlag in unseren volkswirtschaftlichen Rechenwerken. Die Digitalisierung führt dazu, dass Produkte und Dienstleistungen nicht nur drastisch im Preis sinken, sondern teilweise sogar ihren Preis verlieren - also eine Art freies Gut werden. Sie tauchen dann gar nicht mehr auf in unseren Warenkörben und unseren Berechnungen zur Bruttowertschöpfung. Die Digitalisierung führt tendenziell dazu, dass wir die Menge an Gütern und Dienstleistungen, die den Bürgern zur Verfügung stehen, massiv unterschätzen. Der Zusammenhang zwischen Fortschritt und gemessenem Wachstum könnte in Zukunft lockerer werden.
Zugegeben, eine ungünstige Konstellation hält derzeit den Westen im Griff: hohe Schulden, verschlechterte Demografie, politische Instabilität. Daraus den Schluss zu ziehen, von nun an sei es für alle Zukunft mit dem Wachstum vorbei, wäre arg voreilig.


Irrtum 2
Wachstum ist schlecht


Wer das Ende des Wachstumsfetischismus feiert, übersieht, welche Folgen dauerhafter ökonomischer Stillstand hat. Es geht dabei keineswegs nur um Geld, sondern um viel fundamentalere Werte: Freiheit, Zufriedenheit, Sicherheit, Gesundheit, Selbstvertrauen.
Man kann diesen Zusammenhang auch in Deutschland erkennen: In Zeiten einer dynamischen Wirtschaftsentwicklung sind mehr Menschen der Meinung, sie seien Herren ihres Lebens und nicht Spielball sinistrer Mächte. "Jeder ist seines Glückes Schmied" - fast zwei Drittel der Bundesbürger waren in den dynamischen Nachkriegsjahrzehnten dieser Auffassung. Erst in den 1980er Jahren ließen die abflauende Dynamik und die Massenarbeitslosigkeit Zweifel aufkommen. Auch in den vergangenen Jahren folgen die Umfragedaten der Wirtschaftsentwicklung. Die Krise von 2008 und die damit einhergehende Verunsicherung ließen auch das Freiheitsgefühl zurückgehen. Die Erholung seit 2010 sorgte für ein Revival. Besonders erfreulich: Gerade in Ostdeutschland sind die Werte zuletzt deutlich angestiegen.14
Das Wertesystem schwankt mit der wirtschaftlichen Lage, dafür gibt es eine Menge empirischer Hinweise. Übrigens sorgt eine wachsende Ökonomie nicht unbedingt dafür, dass alle nur noch dem Geld hinterherrennen. Eher ist das Gegenteil zu beobachten: Postmaterielle Werte - etwa: das Recht auf freie Meinungsäußerung oder politische Teilhabe - gewinnen in guten Zeiten an Bedeutung, wie dem "Datenreport" des Statistischen Bundesamts zu entnehmen ist.15
Demoskopen erkennen: Wenn es gut läuft, verlagern sich Ängste vom konkret Persönlichen (Jobverlust) ins entfernt Abstrakte (Klimawandel). Darin spiegelt sich ein enormer Zuwachs an Wohlbefinden. Wachstum ist deshalb keine fixe Idee gieriger Manager oder engstirniger Ökonomen, sondern ein lohnenswertes gesellschaftliches Ziel.
So gesehen ist Wachstum ein großes Projekt. Viel größer als die Wirtschaft selbst. Wir sollten es nicht leichtfertig aufgeben. Was übrigens auch die derzeit so prominent auftretenden Skeptiker nicht tun: Larry Summers und Paul Krugman (siehe Irrtum 1) beispielsweise fordern eine extrem expansive Geld- und Finanzpolitik, um die von ihnen vermutete Stagnationsfalle zu überwinden. Ob das allerdings angesichts der derzeitigen Probleme - Schuldenüberhänge, kreditgetriebene Blasen - weise Ratschläge sind, ist höchst zweifelhaft.
Müssen Volkswirtschaften eigentlich wachsen?
Viele beantworten diese Frage inzwischen mit Nein. Die permanente Expansion der Produktion schädige die Lebensgrundlagen des Planeten, heißt es. Blinder Konsumismus entferne die Menschen von den wahren Werten. Letztlich müsse es um Wohlstand gehen, nicht um Wachstum. Das stimmt. Der gebräuchlichste Indikator, das Bruttoinlandsprodukt (BIP), ist in vielerlei Hinsicht blind für Fehlentwicklungen: Die Zerstörung der Umwelt, die Gesundheit, Lebenserwartung und Zufriedenheit der Bürger, auch schwerwiegende ökonomische Ungleichgewichte wie steigende Verschuldung oder Immobilienblasen, selbst die Beschäftigungschancen der Bürger - all diese Fragen sind an den reinen BIP-Zahlen nicht ablesbar. Diverse Expertengruppen haben sich in den vergangenen Jahren mit alternativen Wohlstandsindikatoren beschäftigt,16 die nützliche Zusatzinformationen für die wirtschaftspolitische Kursbestimmung liefern. Wachstum um jeden Preis kann und sollte nicht der Maßstab für ökonomischen Erfolg sein. Das gilt umso mehr, als die nur noch langsam steigenden Bevölkerungszahlen des Westens (die USA sind in dieser Hinsicht die große Ausnahme) kein schnelles Wirtschaftswachstum mehr schaffen müssen, um ihre Wohlstandsniveaus zu halten. Demografisch dynamische Nationen wie Indien jedoch stehen nach wie vor unter Wachstumszwang: Die ökonomischen Möglichkeiten müssen mindestens mit dem Bevölkerungswachstum mithalten. Andernfalls drohen Elend und Verarmung.
Entscheidend ist das Wachstum des Sozialprodukts pro Kopf, also die Summe der in einem Land jährlich produzierten Güter und Dienstleistungen in Relation zur Bevölkerungsgröße. Wächst die Wirtschaft lediglich mit der gleichen Rate wie die Kopfzahl, entstehen keine Wohlstandszuwächse; wächst sie langsamer als die Bevölkerung, kommt es zu massenhafter Verarmung. Ziel des Wirtschaftens muss es also sein, das Pro-Kopf-Einkommen zu heben.

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