Cover

Ihr erstes Buch Muttergefühle. Gesamtausgabe spricht Müttern aus der Seele: unverblümt, selbstironisch, provokant. Nun hat Rike Drust das zweite Kind gewagt. Die Scheißangst, es zu vermasseln, ist wieder da, aber kleiner; die Romantik rund ums Kinderkriegen verblasst zugunsten eines heiteren Pragmatismus, der ruinierte Brüste und Besserwisser meistens ignoriert. Dennoch diagnostiziert sie bitter die Mutter, die sie nie sein wollte, sieht die Rente in die Teilzeitfalle plumpsen und scheitert regelmäßig am Vereinbarkeitsspagat sowie an den Erwartungen ihrer Familie, an theoretischen Erziehungskonzepten und immer wieder ihren eigenen. Aber bei allen Konflikten, die Rike Drust sucht, findet sie in ihrer Familie das Glück. Weil über allem dieser herrliche Wahnsinn, der unbändige Spaß und die bedingungslose Liebe steht. Muttergefühle. Zwei ist eine schonungslos ehrliche, lustige, wütende und dankbare Momentaufnahme einer Mutter, die mit und an ihrer Familie wächst.

Rike Drust studierte in Münster und Bristol und arbeitet seit mehr als zehn Jahren als Werbetexterin. Ihre Arbeiten wurden national und international ausgezeichnet. Ihre Muttergefühle.Gesamtausgabe ist ein Dauerseller für immer neue Elterngenerationen.

Rike Drust

Muttergefühle. Zwei

Neues Kind, neues Glück

C. Bertelsmann

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© 2017 beim C. Bertelsmann Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: Jorge Schmidt, München

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN: 978-3-641-19575-5
V002

www.cbertelsmann.de

Inhalt

Vorwort

ALLES NOCH MAL VON VORN

Huch, schwanger!
Die Verwunderung, dass es noch mal geklappt hat.

Früher war mehr Trara.
Der Pragmatismus der zweiten Schwangerschaft.

Ein Traum(a) von einer Geburt.
Der innere Frieden mit dem Kinderkriegen.

BEIM ZWEITEN KIND IST ALLES SCHÖNER

Ha! Diesmal hab ich den Glow!
Die Dankbarkeit für einmal alles in Rosarot.

Wie herrlich normal alles ist.
Die Begeisterung, nicht mehr bei jedem Mist durchzudrehen.

Ist die Brust erst ruiniert, stillt es sich ganz ungeniert.
Die Entdeckung, dass Stillen auch toll sein kann.

Ich höre die Stimmen nicht mehr.
Die Erleichterung, wieder einen eigenen Kopf zu haben.

Superheldin mit Meditationshintergrund.
Die Bewunderung für die eigene Leistung.

BEIM ZWEITEN KIND IST ALLES SCHLIMMER

Im Arsch. Im Ärscher. Im am Ärschesten.
Die Erkenntnis, dass es immer noch schlimmer geht.

Ich bin die Mutter, die ich nie sein wollte.
Der Missmut vom Meckern und Ungeduldigsein.

Endstation Muddi-Look.
Der Frust über Figur, Outfit und andere Oberflächlichkeiten.

Schlafmangel, du blöde Sau.
Der Hass auf die Müdigkeit.

VERRÜCKT! DAS SIND JA BEIDES MEINE

Ist da überhaupt Liebe für zwei?
Die Befürchtung, dass die Gefühle nicht reichen.

Ich hab die Kleine lieber. Also, den Großen. Äh, umgekehrt.
Die Verwirrung beim Lieben von zwei Kindern.

Die können doch gar nicht zusammen spielen.
Die »schlauen« Meinungen zum Altersabstand.

Spiel mal mit ihr. Aber nicht so doll.
Die Sorge um die Ruppigkeit großer Geschwister.

Genau so war ich auch.
Die Gedanken beim Beobachten von Ersteltern.

BEREIT FÜR DEN ALLTAG

Alles zu seiner Elternzeit!
Die Dankbarkeit für viel Zeit beim Kennenlernen.

Kinder, die besten Folterknechte der Welt.
Die Qual von Lautstärke, Wiederholung und Witzen.

»Du hast mich nicht geboren.« – »Äh, also, äh …«
Die Ratlosigkeit beim Streiten.

Guten Abend, keine Nacht.
Der Wahnsinn einer typischen Nacht.

Kann ich bitte in die Kita?
Das Glück über die besten Erzieher:innen der Welt.

EIN Kind ist nur KEIN Kind, wenn man das richtige erwischt hat.
Der Frust, immer ausgerechnet das andere zu haben.

Ihr seid einfach nur krank!
Die Wut, als Einzige bei Grippe und Co. funktionieren zu müssen.

Ist das jetzt dieses »komplett«, von dem alle reden?
Die Verwirrung bei der Familienplanung.

SEX, MEDIEN UND ANDERE GRUNDSÄTZLICHKEITEN

Penis! Hahahaha. Penis! Hahahaha.
Die Arglosigkeit der kindlichen Sexualität.

Bitte nur noch eine Folge!?!!
Die Aufregung um Fernsehen, Tablet und Co.

Er ist eben eher ein Gewinnertyp.
Der Frust mit Kindern, die nicht verlieren können.

Geschlechterrolle rückwärts.
Der Hass auf Rosa gegen Hellblau.

Am liebsten weder Opfer noch Arschloch.
Die Wachsamkeit beim Thema Mobbing.

Das lese ich aber nicht vor!
Die Abneigung gegen schlimme Kinderbücher.

Sonst gibt’s keinen Nachtisch.
Der Ärger mit dem Essen.

Wir müssen alle sterben!
Die Überforderung beim Thema Tod.

EIN JOB. SO VIELE BAUSTELLEN

Was schaff ich denn schon?
Die Wut, wenn mit den Kindern das Selbstbewusstsein schwindet.

Mein Job ist wichtiger. Meiner auch.
Die Diskussionen um Zeit, Geld und Bedeutung.

Weniger Geld für eventuell mehr Zeit.
Das Risiko des neuen Jobs.

Lieber Job, wenn ich dich nicht hätte …
Die Ode an die Arbeit.

Ihr könnt mich alle mal.
Die Absage an die Vereinbarkeit.

LIEBE IN ZEITEN VON TRITRATRULLALA

Du hast doch gestern geduscht!
Die Fassungslosigkeit über den Egoismus des Mannes.

Wie geht’s dir eigentlich?
Die Sehnsucht nach dem Partner.

Der Mann, das dritte Kind.
Das Rumärgern mit einem partiell unerwachsenen Mann.

Und wenn er recht hat?
Die Angst, dass der Mann es besser macht.

Alter! Da muss man doch dran denken!
Die Romantik eines Ehevertrages.

Danke, Mann.
Das Glück über einen Mann, der sich nicht drückt.

MEIN AKTUELLES KOPFKINO-PROGRAMM

Ich dreh durch, wenn ich weiter drüber nachdenke.
Die Angst um die Familie.

Ich? Nie gehört.
Der Verlust der eigenen Identität.

Müsste ich jetzt nicht erwachsen sein?
Die Irritation mit dem Alter.

Berufswunsch: Diktatorin.
Die Sehnsucht, nichts mehr tausendmal sagen zu müssen.

FRÜHER WAR MEHR ERZIEHUNG

Wer schlafen will, sollte das Heulen lassen.
Das schlechte Gewissen aufgrund falscher Entscheidungen.

Rumhängen ist das neue Frühfördern.
Die Entschleunigung für die ganze Familie.

So holen Sie doch Hilfe!
Die Dankbarkeit für Erziehungsberatung.

Die machen das schon.
Das Vertrauen in die Kinder.

Ein Klaps hat noch nie keinem geschadet.
Die Distanzierung von Gewalt gegen Kinder.

Ich mach mir die Ratgeberwelt, wie sie mir gefällt.
Die Kunst, nur Positives aus Tipps zu ziehen.

Ich erziehe nichts, was einen Namen hat.
Die halbe Absage an AP und Co.

Das haben Sie gut gemacht.
Der Stolz auf die supersten Kinder.

WAS ICH NOCH SAGEN WOLLTE

Genießt doch selber!
Die Wut auf Leute, die bestimmen wollen, wie es mir geht.

Das hätte mir doch mal jemand sagen können.
Die Scham über unangenehme Begleiterscheinungen beim Kinderhaben.

Spinnst du, oder was?
Die Wut auf andere Kinder (und ihre Eltern).

Der Klügere tritt nach, oder wie hieß es noch gleich?
Die Empörung über die ständige Empörung.

Alles scheiße, außer Kinder.
Die Wut auf die schlecht gelaunte Welt.

HAPPY END

Sie werden ja wirklich schnell groß.
Die Bestürzung, dass die Kinder schon so gut wie aus dem Haus sind.

Und jetzt alle: Wir sind viele.
Das Plädoyer für Vielfalt und Zusammenhalt.

Nur mit euch will ich das alles!
Der Lobgesang auf die Familie.

Glück sind meine schönsten Erinnerungen.
Der Versuch, die schönen Momente zu speichern.

REGISTER

Vorwort

Eigentlich war mein Vorwort schon fertig. Dann ist mein Rechner abgeschmiert, und ich musste von vorn anfangen. Erst war ich sauer, aber schließlich fand ich es fast gut. Weil im Leben von Eltern genau das andauernd passiert: Du denkst, du hast es – und dann fängst du wieder bei null an. Alles ist immer anders.

Vor ein paar Wochen zum Beispiel schrieb ich ganz gemeine Sachen über den Mann. Er schlug meine Bitte aus, mir mit dem kranken Kind zu helfen, weil er zu viel Arbeit hatte. Und ich war wütend, weil ich am nächsten Tag mit der Kleinen zum Arzt würde gehen müssen, statt dieses Buch zu schreiben. Und der Große hatte mich auch noch angepöbelt. Am nächsten Tag jedoch hatten der Große und ich uns schon längst vertragen, der Arztbesuch mit der Kleinen war erstaunlich lustig, der Mann entschuldigte sich und machte mir ein Gegenangebot, damit ich arbeiten konnte. Und meine Texte versprühten viele Herzchen statt wütender Fäuste.

Alle meine Texte sind Momentaufnahmen. Inzwischen ist vieles anders als zu der Zeit, in der ich »Muttergefühle.Gesamtausgabe« geschrieben habe. Wenn ich aus heutiger Sicht darin lese, denke ich: »Mannometer, damals war ich schwer damit beschäftigt, mich zu fragen, was ›die Leute‹ denken.« Und streng war ich, puh. Ich muss wirklich fertig gewesen sein, dass ich Schlaftraining ausprobiert habe. Heute würde ich das nie mehr so machen.

Apropos, sag niemals nie: Im ersten Buch steht auch, dass ich kein zweites Kind will. Hahahahahaha! Aber ich weiß genau, wie sicher ich mir in dieser Frage war – auch und besonders wegen dieser vielen Nächte, in denen das Kind nicht schlafen wollte und meine Augenringe aussahen, als hätte ich mir verschrumpelte Auberginen unter die Augen geklebt. Ich konnte mir damals nicht im Entferntesten vorstellen, wie ich ein Leben mit zwei Kindern meistern sollte. Keine Ahnung, wie andere das schafften, aber ich würde das nicht packen.

»Am Arsch die Räuber«, rief daraufhin mal wieder mein Leben. Denn an einem dieser Tage, als wir alle glücklich waren und großen Spaß hatten, habe ich gemerkt, dass ich zwar hundemüde war, aber nicht kindermüde. Was zum Glück dazu führte, dass an einem Dienstag im November »das Kind« zu »dem Großen« wurde und»die Kleine« in unsere Familie kam. Sie hatte weniger Geschrei im Gepäck als der Große; der Große war zwar oft wütend, aber ein unglaublich kluger und lustiger Supertyp und ein liebevoller großer Bruder; der Mann und ich verstanden uns meistens prächtig, und ich war durch meine fast fünfjährige Erfahrung als Familienmutter entspannt und quälte mich bei der Säuglingspflege und -liebe nicht mehr so sehr mit fremden Ansprüchen und meiner Mutterrolle. Das war schön, weil ich die Babyzeit sehr genießen konnte.

Über ein Jahr lebten wir vier also fröhlich vor uns hin. Und ich war sicher: Nie könnte ich ein weiteres Buch über Mütter und Kinder, über das Elternleben schreiben, weil das viel zu beseelt klingen würde. Doch seien wir ehrlich: Was für ein Scheißgedanke. Wenn du als Mutter glücklich bist, finden viele Leute, du bist entweder zu einer dieser unambitionierten Muddis mutiert oder eine Angeberin; dabei solltest du lieber still sein, weil es Mütter gibt, denen es schlechter geht. Wenn du jedoch als Mutter was zu meckern hast, zum Beispiel weil du vor Müdigkeit nicht mehr weißt, von welcher Kita du deine Kinder noch mal abholen musst, oder weil dich die rosa verpackte Vereinbarkeit von Beruf und Familie fertigmacht, wirst du daran erinnert, dass du dir das erstens ausgesucht hast und es zweitens Mütter gibt, denen es schlechter geht. Diese Holzhämmer schwingen leider sogar Mütter selbst.

Aber wozu führen diese Beleidigungen und diese Mundtotmacherei?

Dass wir Mütter immer weitermachen und sich alle, die davon profitieren, die Hände reiben. Wir verdienen weniger als Männer und machen dafür mehr im Haushalt. Wir werden auf dem Spielplatz schief angeguckt, wenn wir nicht wissen, was Softshell ist, während Väter noch viel zu oft schon dafür gefeiert werden, dass sie auf dem Weg zum Spielplatz kein Kind verloren haben. Alleinerziehende werden vom Staat zu wenig unterstützt, aber leisten vielfach Übermenschliches. Alte Leute meckern über unsere frechen Kinder, kriegen aber selber nicht hin, beim ­Bäcker Guten Tag zu sagen oder sich hinten anzustellen. Und wenn ich mir das Unterhaltsrecht und die Altersarmut von Frauen anschaue, kommt Qualm aus meiner Nase. Soll das so bleiben? Soll das weiterhin unter den Teppich gekehrt werden? Eben.

Und wo wir gerade bei Qualm aus der Nase sind: Wenn es aus meiner Nase wegen des Mannes oder der Kinder raucht, dann will ich auch darüber schreiben. Weil der Mann und ich immer wieder über Zeit, Geld und Liebe in Diskussionen geraten und es den meisten Eltern genauso geht. Weil es mit den Kindern Phasen gibt, die ich schwierig, anstrengend oder traurig finde. Weil ich andauernd scheitere, ohne ein böser Mensch oder ein Arschloch zu sein. Und ich hoffe, mit meinem Buch dazu beitragen zu können, dass Mütter sich gehört und nicht allein fühlen und dass ihnen mehr Respekt entgegengebracht wird. Auch von Müttern selbst.

Während der Arbeit an diesem Buch habe ich mich mit ­einer Mutter aus der Kita unterhalten und ihr von meiner Angst vor dem Erscheinen berichtet, weil so viel über mein Scheitern drinsteht. Sie war überrascht, weil sie in der Kita noch nie das Gefühl hatte, dass ich das Muttersein nicht lässig wuppen würde. Erst musste ich lachen, dann sagte ich ihr, dass ich genau den Eindruck von ihr hätte. Eigentlich schade, dass wir uns nicht öfter mal so sehen können, wie andere uns sehen.

Dann könnten wir feststellen, dass wir trotz aller Unterschiede so viele Gemeinsamkeiten haben. Wir lieben unsere Kinder wie wild, und wir strengen uns jeden Tag an, um sie fröhlich zu machen. Das bringt Spaß. Manchmal aber auch gar keinen. Und genau wie ich sagen will, dass es mir gut geht und dass es für mich nichts Besseres gibt als meine zwei Kinder (und den Mann), möchte ich auch negative Gefühle haben können. Weil ich mich gut fühle, wenn sie raus sind. Noch besser fühle ich mich übrigens, wenn andere Mütter mir für meine Ehrlichkeit danken und mir sagen, dass es ihnen ähnlich geht. Oder anders. Hauptsache, alles ist raus, wir tauschen uns ehrlich aus, alles ist okay, und wir sind entspannt und fröhlich.

Deshalb stelle ich mich also ein zweites Mal ziemlich nackt hin und präsentiere meine Gedanken, meine Fehler, meine Liebe, meine Ängste, meine Wut, sogar eine Hämorrhoide ist dieses Mal mit von der Partie. Wenn ich behaupten würde, ich hätte keine Angst vor den Reaktionen, wäre das gelogen. Ich weiß inzwischen, wie sich das anfühlt, wenn jemand schreibt, mir sollten die Kinder weggenommen werden. Über mich hat auch nach dem Erscheinen von »Muttergefühle. Gesamtausgabe« eine Mutter gewettert, dass ich erst mal mehr Kinder kriegen soll und die ­älter werden müssen, bevor ich mich zu Wort melden darf. Das fand ich gemein, weil es nicht nur ein Maulkorb für mich war, sondern auch für alle Mütter. Schließlich hat irgendeine immer ältere oder mehr Kinder. Ich hatte mit voller Absicht ein Buch aus der Babykäseglocke für Mütter in der Babykäseglocke geschrieben.

Jetzt könnte ich das so gar nicht mehr schreiben. Jetzt gerade kann ich genau dieses Buch hier schreiben. Und morgen wäre es vermutlich schon wieder anders.

ALLES NOCH MAL VON VORN

Huch, schwanger!

Die Verwunderung, dass es noch mal geklappt hat.

Bei der Entscheidung fürs erste Kind war mehr Romantik. Auf einem Musikfestival haben wir uns bei Bier aus Plastikbechern verabredet, ein Kind zu kriegen. Wir fanden uns cool, und die Verabredung fühlte sich nach Freiheit à la Hollywood an: Als wenn man mit einem Cabriolet bei perfektem Wetter einen amerikanischen Highway runterfährt, aufsteht und voller Glück und Abenteuerlust die Arme hochreißt. Beim zweiten Kind würde man lieber sitzen bleiben, weil man inzwischen weiß, dass einem sonst nur Insekten in den Mund fliegen, dass die Wangen vom Fahrtwind unvorteilhaft flattern und es nichts mit sexy zu tun hat, wenn man krampfhaft versucht, sein Gleichgewicht zu halten, während das Cabriolet zu schnell um die Kurve braust. Will heißen: Kennste einmal die Realität mit Kindern, ist das Kinderkriegen nicht mehr romantisch, weil du genau weißt, wie anstrengend dieses Leben auch ist. Und trotzdem. Wir wollten ein zweites. Zumindest meistens. Und weil es uns schwerfiel, diese endgültige Entscheidung zu treffen, überließen wir sie dem Schicksal.

Es hat in den vergangenen Jahren schließlich auch gut gewusst, was zu tun ist. Also ließ ich mir die Spirale ziehen, und wir ließen es darauf ankommen.

Ein paar Monate wurde ich nicht schwanger, war aber nicht traurig drum. Dann sind wir drei im Urlaub durch Florida gefahren und hatten so viel Spaß und waren so glücklich, dass ich zum ersten Mal bedauerte, nur zu dritt zu sein. Ich spürte, dass dieser Urlaub nur so fröhlich machte, weil wir ihn als Familie erlebten. Ich hatte Lust auf cheesy Freizeitparks, darauf, dass alle in einem Zimmer schlafen, am Strand rumspacken und Quatsch reden. Jetzt wollte ich, dass wir mehr sind. Familie sein gefiel mir, deshalb sollte sie sich gern vergrößern. Ich war bereit und wollte noch einen kleinen Menschen, den wir beim Aufwachsen begleiten dürften. Das erste Mal piekste mich eine Sehnsucht. Nicht danach, allein mit dem Mann zu sein oder sogar ganz alleine, sondern nach noch mehr Chaos, nach noch mehr Krach und Gewusel und Spaß.

Ein schräges Gefühl, das zu Hause schnell in den Hintergrund trat. Der Alltag kehrte zurück. Und alles war okay, wie es war. Wir haben weitergemacht wie vorher. Ich habe das Schwangerwerden nicht durch Folsäure, Kerze oder sonst was forciert, und außerdem hatten wir trotz fehlender Spirale ein prima Verhütungsmittel, das nachts durch ausladende Bewegung dafür sorgte, dass der Mann und ich uns nicht näher kamen. Darüber hinaus hat der Mann so unglaublich viel gearbeitet, dass ich stark bezweifelte, er würde mir mit zwei Kindern mehr helfen. Vermutlich würde ich die zusätzliche Belastung allein wuppen müssen und wäre deshalb permanent sauer auf ihn.

Ich fasste einen Entschluss und machte dem Mann an einem Samstag einen Vorschlag: »Du bist immer so hin- und hergerissen zwischen deiner Arbeit und deiner Familie. Jetzt finde doch mal raus, ob du das richtig geil findest, wenn du so viel arbeiten kannst, wie du willst. So wie deine verrückten Kollegen. Ich halt dir hier für ein Jahr den Rücken frei und meckere nicht. Du machst dich krumm und findest das danach hoffentlich kacke.«

Er: »Echt? Das würdest du für mich tun?«

Ich: »Ja.«

Er: »Und was ist mit dem zweiten Kind?«

Ich: »Vielleicht kriegen wir danach eins, und wenn das nicht geht, denken wir vielleicht doch noch über ein Pflege­kind oder so nach.«

Er war sehr gerührt und ein bisschen erleichtert.

Ich auch. Jetzt gab es endlich mal so etwas wie einen Plan. Am folgenden Montag rechnete ich ein bisschen meinen Zyklus durcheinander und kaufte zur Bestätigung, nicht schwanger zu sein, einen Schwangerschaftstest. Und weil die Überschrift schon gespoilert hat, ist klar, was rauskam: Ich war schwanger. Und plötzlich sehr durchein­ander. Aber ein bisschen fröhlich war ich auch. Und aufgeregt. Fast doch wieder wie im Cabriolet.

Am selben Tag stand ich nachmittags in unserem Innenhof, und eine Nachbarin erzählte mir, dass sie schwanger sei. Ich muss geguckt haben, als hätte sie mir erzählt, dass sie in ihrem Keller Hundebabys ertränkt und die ­Videos davon im Darknet verkauft. Ich war natürlich nur verstört, weil ich mich über diesen Zufall gewundert habe: Unsere ersten Kinder sind nämlich nur drei Tage aus­ein­ander. Erzählen wollte ich aber noch nichts; deshalb machte ich durch ein Psychogrinsen alles noch etwas gestörter und ging weg.

Abends waren der Mann und ich auf einem Konzert der »Killers«. Auf dem Weg erzählte ich ihm, dass unsere Nachbarin wieder schwanger ist. Er hat sich gefreut. Dann habe ich ihm gesagt, dass ich auch schwanger bin. Er hat gelacht. Ich habe erwidert, dass es kein Witz ist. Er hat mich zweimal gefragt, ob ich ihn verarsche. Ich habe zweimal Nein geantwortet. Danach Stille. Auf dem Konzert angekommen, hat der Mann sich ein Bier bestellt und es auf ex ausgetrunken. Dann haben wir uns umarmt.

Etwas verhalten blieb seine Freude trotzdem. Ich vermutete, er hatte in der Agentur schon damit angegeben, dass er bald länger als alle anderen arbeiten würde. Aber in echt hatten wir beide ein bisschen Angst. Viel Angst. Eine Scheißangst. Hatte uns das Schicksal doch das erste Kind nicht von dem Baum geschüttelt, auf dem die unkomplizierten Kinder wohnen, sondern es aus der zarten Pflanze geholt, auf der die Kinder wachsen, die sehr, sehr viel fühlen und sehr sehr schlecht schlafen und unglaublich aufgebracht sein können. Von welchem Baum würde das nächste Kind kommen?

Die ersten Wochen meiner Schwangerschaft haben wir das Thema deshalb ziemlich ausgeblendet und beschlossen, erst mal die klassischen zwölf Wochen abzuwarten. In dieser Zeit haben wir abends »The other F-Word« geguckt. Das ist eine großartige Dokumentation über die Vaterschaft von Punkrockern. Viele meiner Heldenmusiker erzählen, was Vaterschaft für sie bedeutet und wie sie diese Erfahrung mit ihrem Punkrockerleben vereinbaren. Flea von den »Red Hot Chili Peppers«, Ron Reyes, der ehemalige Sänger von »Black Flag«, oder Tim McIlrath von »Rise Against«, zum Beispiel, kommen als super Väter rüber, und das Leben mit Kindern wirkt bei denen irgendwie viel lustiger als bei uns. Wenn der Sänger von »NOFX« seiner Tochter ein Kleidchen raussucht, ist plötzlich das Spießige, vor dem ich häufig Angst habe, weg. Wenn Flea die Tränen kommen, weil er erklärt, was seine Kinder ihm bedeuten, wirkt Elternschaft überhaupt nicht altbacken, kitschig oder peinlich, sondern emotional, tief und voller Bedeutung.

Mir schien, als hätten die Männer aus der Doku meinem zugeflüstert: »Komm, das wird super. Selbst wir mit unseren Gesichtstattoos und unserer Verachtung für Autoritäten und Angepasstheit kriegen das hin mit der Verantwortung und dem frühen Aufstehen und allem. Weil Kinder das Beste sind.«

Keine Ahnung, ob es genau das war, auf jeden Fall saß der Mann beim Nachspann mit Tränen in den Augen da und sagte glücklich: »Jetzt freue ich mich auch.«

Früher war mehr Trara.

Der Pragmatismus der zweiten Schwangerschaft.

Manchmal trifft man auf der Straße alte Bekannte. Dann ist die Überraschung groß, wenn die ein Kind bekommen haben und es sich sogar schon hinter dem Vaterbein verstecken kann. Alter! Wie lange haben wir uns denn bitte schön nicht gesehen? Wann, zur Hölle, ist das alles passiert? Dass man dieses Gefühl sogar in seinem eigenen Leben haben kann, hat mir die zweite Schwangerschaft gezeigt, indem sie meistens so beiläufig an mir vorbeizog wie irgendeine Regionalbahn. Während der ersten Schwangerschaft hatte ich noch Zeit für Yoga und Kinderzimmer hübsch machen, für Rumsitzen und in Gedanken die Zukunft ein bisschen zu rosarot Ausmalen. Und damals hatten die ande­ren auch noch Zeit, mir einen Sitzplatz anzubieten oder mich davon abzuhalten, schwere Sachen zu tragen. In der zweiten Schwangerschaft treffe ich den Mann vor unserer Haustür; ich mit schweren Ein­kaufs­tüten, und das Einzige, was er macht, ist, vor mir reinzugehen und mich zu fragen, warum ich so wütend gucke …

Und auch Fremde halten sich zurück. Meistens, weil ich schon ein Kind dabeihabe. Wenn es gerade wütet oder sonst wie zu laut ist, dann ist mein Bauch nicht schön, sondern bewohnt von einem weiteren Unruhestifter – und es wird präventiv schon mal genervt weggeguckt. Wenn das Kind aber gut gelaunt und höflich ist, dann scheinen wir eine Art Spezialkraft zu haben. Wir genießen die anerkennenden Blicke und denken uns: »HA, IHR ARSCHGEIGEN. Wir sind fröhlich, und ich kann vernünftig mit meinem Kind reden, das voll super drauf ist und plietsch und freundlich; und jetzt kriege ich noch eins! Dann habe ich sogar zwei Superkinder, die in spätestens zwanzig Jahren die Welt zu einem besseren Platz gemacht haben.«

Huch!? Es ist mit mir durchgegangen. Wo war ich? Ach ja: Niemanden interessiert, dass ich schwanger bin.

Wäre der Schwangerschaftsdiabetes nicht gewesen, hätten die ganzen zehn Monate nur darin bestanden, dass mir hin und wieder einfiel, dass ich ja schwanger bin. Nach dem Test bei der Frauenärztin war mein Zuckerwert zu hoch, und ich wurde gebeten, in eine Diabetespraxis zu fahren, um das abklären zu lassen.

Einen Tag später saß ich im Wartezimmer zwischen sehr alten und sehr blassen Menschen und rollte schon mal prophylaktisch die Augen, weil gleich bestimmt viele Klugscheißereien und footballstadiongroße Schaumstoffzeigefinger auf mich zukommen würden. Aber alle ­waren nett und entspannt und erklärten mir geduldig, was ich beachten und machen muss – und dass eigentlich alles halb so wild ist. Drei Mahlzeiten am Tag essen, vorher und nachher Blutzuckerspiegel messen und zusammen mit den Mahlzeiten in das lustige Heft eintragen. Die Eintragungen würden sie regelmäßig kon­trol­lieren; wenn der Wert zu hoch war, konnte man meistens an den Mahlzeiten ab­lesen, warum. Wer jetzt denkt, dort stand dann so was wie frittierte Sahne­torte mit heißem Schokoladenkern, hat sich leider geschnitten. Mein Zuckerspiegel ging schon bei ­einer Handvoll Kirschen an die Decke. Oder bei weißem Reis. Weißen Nudeln. Fruchtsaft. Nur bestimmtes Obst. Gemüse und Vollkorn. Und was machte ich? Ich hielt mich an diese Diät wie ein hochprofessionelles Model; nur dass ich keine Modelmaße wollte, sondern eine natürliche Geburt. Kinder von Müttern mit Schwangerschaftsdiabetes sind nämlich gern mal ziemlich proper, und so eine Geburt wie die vom Großen (Kurzfassung: Mittwochnacht Fruchtblase geplatzt, Wehen, Muttermund auf, Press­wehen, Kind rutscht nicht das letzte Stück ins Becken, Wehentropf & PDA, Kind rutscht nicht, Freitagmorgen Kaiserschnitt) wollte ich nicht noch einmal. Mein großer Wunsch war, es einmal allein zu schaffen. Und wenn ich dafür Vollkornnudeln mit Gemüsesoße essen musste, dann war das so. Abends Insulin spritzen, weil der Wert morgens zu hoch war? Auch kein Problem. Eigent­lich sogar ganz cool, wie Mann und Kind beeindruckt guckten, wenn ich mir lässig die Spritze ins Bein haute. Außerdem fühlte ich mich viel fitter als an den Schwangerschaftstagen, an denen ich mir abends zwei ­Calippo und eine Doppelportion Spaghetti bolo reingehauen hatte.

Vor lauter Gezähle und Gemesse vergaß ich öfter mal, dass in meinem Bauch gerade ein kleines Menschlein he­ranwuchs. Er wurde trotz seiner fast monumentalen Größe meist nicht weiter beachtet; selbst wenn er manchmal so ausbeulte, als würde darin eine Cartoonfilm-Katzenprügelei stattfinden. Und ich fand das alles genau genommen toll, weil ich das meiste Traraaa der letzten Schwangerschaft nicht noch einmal wollte.

Ich wollte keine schwangerschaftsfreundlichen Wandfarben googeln und keinen hautfreundlichen Weichspüler kaufen, um damit die Babywäsche aus Sicherheitsgründen gleich fünfmal zu waschen. Ich habe die Babysachen aus dem Keller geholt und fast alle) einmal gewaschen und das Babybay an unser Bett gestellt. Ich wollte keinen Geburtsvorbereitungskurs, in dem Paare ihre Bäuche streicheln und sich total liebe Sachen ins Ohr flüstern. Genau genommen wollte ich überhaupt nicht mehr in esoterisch angehauchten Räumen sein, deren Wände mit oranger Wischtechnik bemalt waren und in denen es immer fußkalt ist. Einmal bin ich dann doch mit dem Sohn zu einem Geschwisterkurs gegangen. Aber ganz ehrlich: In der Zeit hätte ich lieber mit ihm Lego gebaut.

Ich wollte auch nicht das letzte Trimester jeden Abend über einer Schüssel aus Brennnesseltee hocken. Ich wusste, was ich fühlte, und das war großes Glück, besonders bei den Ultra­schalluntersuchungen und auch immer mal zwischendurch. Den Rest der Zeit hatten wir alle wie immer unsere Grundliebe und waren trotzdem wie immer ziemlich unesoterisch und unsentimental. Deshalb haben wir unserem Sohn auf einer McDonald’s-Raststätte gesagt, dass er einen Bruder oder eine Schwester bekommt, und deshalb war seine Reaktion diese hier: »YES! (Beckerfaust). Ich gehe wieder rutschen.«

Ein Traum(a) von einer Geburt.

Der innere Frieden mit dem Kinderkriegen.

»Mama, haben mich hier die Leute rausgeschnitten?«, fragte mich mein Sohn irgendwann mal und zeigte auf meine Kaiserschnittnarbe. Sie war ein schiefer, roter Wulst, knubbelig, und von innen tat die Naht bei schnellen Bewegungen auch nach Jahren immer noch weh. Am meisten, wenn ich große Ausfallschritte gemacht habe, was dank meiner nicht vorhandenen Ambitionen in den Bereichen Fitness und Degenfechten eher selten vorkam. Trotzdem. Die Narbe wollte nicht richtig heilen. Als wollte sie beleidigt daran erinnern, wie schlimm ich es fand, in einem OP mit lauter grünen Männchen zu liegen, die sich über die Qualität von Wanderschuhen austauschten, während sie mein Kind aus mir herausrissen, irgendwer es danach sofort irgend­wohin brachte und ich eine gefühlte Ewigkeit allein und einsam rumlag wie ein Verkehrsunfallopfer mit Fahrerflucht.

»Wer ist eigentlich diese Frau mit offener Bauchdecke?«

»Keine Ahnung, aber da hängt noch ein Stück Darm raus. Und überhaupt, Lanzarote ist im September echt toll.«

Beim zweiten Kind sollte alles anders werden. Meine Tochter würde auf jeden Fall den normalen Weg nach draußen nehmen. Sie würde nicht so ein Vier-Kilo-Klops werden wie der Große, trotz des Schwangerschaftsdiabetes. Ich war fest entschlossen. Bis ich wenige Wochen vor dem Geburtstermin im Krankenhaus war, weil ich Atemnot hatte. Ich war mir ziemlich sicher, dass es am Arbeitsstress lag, wollte es aber abklären lassen. Mit der Kleinen war alles in Ordnung, haben die Ärzte gesagt. Leider haben sie weitergeredet: Das Kind sei ziemlich groß. Und mit meiner Vorgeschichte plus Diabetes sollte ich doch mal über einen Kaiserschnitt nachdenken.

Kaiserschnitt? Auch noch GEPLANT? Ich versuchte, mich zu beruhigen, indem ich sie im Stillen verschwörungstheoretisch beschimpfte: »Ihr blöden Krankenhausärzte! Natürlich findet ihr das besser, wenn ich zu einer verabredeten Geburt komme. Haut bloß ab, und schneidet bepumpsten Businessfrauen mit Angst um ihr Bindegewebe die Kinder am Fließband raus. Ich bespreche das mit meiner Frauenärztin.«

Und die würde mir sagen: »Aber selbstverständlich können Sie das Kind natürlich kriegen. Ihr Baby ist ganz klein und schmal, weil Sie gegessen haben wie ein veganer Spatz. Das wird ein Spaziergang.« Leider sagte die Frauenärztin aber: »Hm. Das Baby wiegt schon jetzt über vier Kilo. Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass Sie bei dieser Geburt die gleichen Probleme bekommen wie bei der ersten. Ihr Spruch über die Businessfrauen war doof, und vielleicht sollten Sie über einen Kaiserschnitt nachdenken.«

Am liebsten wäre ich auf die Knie gefallen, hätte meine Arme vorwurfsvoll gen Himmel gestreckt und WARUUUUUM? gerufen. Stattdessen bin ich still nach Hause gegangen und habe geweint. Ich hatte mir so sehr gewünscht, einmal eine natürliche Geburt zu erleben. Meine Vorstellung davon war zwar voller Blut und Geschmiere und Schmerzen, aber eben auch ohne grüne Männchen, grelles Licht und diese schreckliche Einsamkeit. Ich hatte mir so sehr gewünscht, mit dem Mann allein im Kreißsaal zu liegen und zu kuscheln und unsere kleine Tochter zu bestaunen. Nur wir zusammen. Und nur manchmal sollte die Hebamme ihren Kopf durch die Tür strecken und fragen, ob ich schon vor Glück verrückt geworden sei.

Ich war so enttäuscht. Von mir, vom Schicksal, von ­allem. Und brauchte ein paar Tage, um mich damit abzufinden und tatsächlich ins Krankenhaus zu gehen, um den Kaiserschnitt klarzumachen. Aber ich wollte nicht enttäuscht und mit einem Scheißgefühl im Bauch einen Termin für etwas eigentlich Wunderschönes machen. Zum Glück. Weil ich viel darüber nachdachte und mir in diesen Tagen klar wurde, was genau ich an der letzten Geburt so schrecklich gefunden hatte. Und das war gar nicht der Kaiserschnitt, sondern die Tatsache, dass sie mir den Großen sofort weggenommen haben und ich so erschöpft war, dass ich mich an den ersten Moment mit ihm nicht genau erinnern kann. Ich weiß nicht mehr so richtig, wie ich ihn das erste Mal im Arm hielt, weil ich so fertig war von den Tagen davor, von der OP und von allem. Ich weiß nicht mehr, wie er sich angefühlt hat, wie er geguckt hat, wie ich mich gefühlt habe. Ich weiß es nicht mehr. Jedes Mal, wenn ich das erzähle, kommen mir die Tränen – und er geht inzwischen zur Schule. Diesen ersten Moment mit ihm nicht gehabt zu haben, werde ich mein Leben lang bedauern.

Weil ich das also auf keinen Fall noch mal so wollte, riskierte ich bei der Anmeldung zum Kaiserschnitt die interne Fußnote »hysterische Nervmutter mit Kontrollzwang«, weil ich allen Beteiligten deutlich und immer wieder, mit den Tränen kämpfend, sagte beziehungsweise befahl: »NEHMEN SIE MIR NICHT GLEICH MEIN KIND WEG. ICH WILL SIE SOFORT BEI MIR HABEN. ICH WILL IMMER WISSEN, WAS SIE MACHEN UND WAS PASSIERT

Aber statt die Augen zu rollen und mich in irgendeine Besenkammer zu schicken, bis der Arzt kommt, nahmen mich alle ernst, waren aufmerksam und fröhlich und lustig. Wir verabredeten den Kaiserschnitttermin für in einer Woche. An einem Dienstag.

Der Mann brachte den Großen in die Kita, und ich machte mich zu Fuß auf ins Krankenhaus. Gleich würde also meine Tochter geholt. Alles so getimt, dass der Mann dabei sein und nachmittags den Großen aus der Kita holen konnte, damit er seine Schwester kennenlernen konnte. Muss ja auch Vorteile haben. Ich hätte bestimmt auch noch eine Pediküre oder einmal DAX checken reingekriegt, aber erstens konnte ich meine Füße eh nicht mehr sehen, und zweitens weiß ich vom DAX mit X nur, dass er keine Haare hat.

Und was soll ich sagen. Bei aller Planerei und Keimfreiheit war die Geburt großartig. In meiner Akte muss eine Warnung gestanden haben, so etwas wie: Wenn bei dieser Frau irgendetwas Unangekündigtes passiert, dann reißt sie mit den Zähnen Nasen ab. Denn jeder Move wurde sensibelst anmoderiert. Die Ärztin sagte mir beim Zuganglegen, dass sie den Zugang lege und dass dies heute ihr dritter Tag sei. Ich hätte höchstens auf den zweiten getippt, weil der Zugang so scheiße lag, dass er im OP von zwei Pflegern mit Heftpflaster runtergeklebt wurde, damit was durchfloss. Aber sie haben es mir erklärt.

Im OP haben sich alle mit mir unterhalten, und es herrschte eine ausgelassene Stimmung. Den Schnitt habe ich nicht gemerkt; diesmal klatschte auch kein Blut an die grüne Grenze, dafür wurde geruckelt und geknurpst. Es fühlte sich an wie ein Kind, das nicht vom Spielplatz nach Hause will, nur eben von innen. Und dann diese Erleichterung, als sie raus war. Wahnsinn!

Ab da weiß ich nur noch die Kleine. Sie lag gleich auf meiner Brust, dieses kleine, wunderschöne Mädchen mit den dicken Armen und dem grummeligen Gesicht. Sie war so wundervoll warm, und wie sie da auf meiner Brust lag, hat sich dieses Gefühl in meinen Kopf und in mein Herz gelegt. Für immer. Sie war so ganz. Und ich wurde es auch wieder. Der Mann hat wahrscheinlich noch heimlich die Ärztin gefragt, ob sie mir vielleicht aus Versehen Ecstasymorphiumkonzentrat oder so gegeben hat, oder genau geguckt, ob das wirklich ich bin, die da gerade immer wieder »Sie ist so schön. Oh, ist das toll. Ich bin so glücklich. Hallo, hallo« und noch viel mehr Pilcher-Kram juchzte. Oberglück mit Vollkommenheit und Ausflippgarantie. Ein Bombenstart.

Der Arzt, der mich vernähte, schwärmte auch in den höchsten Tönen, allerdings von der Perfektion seiner Naht. Er sollte recht behalten. Schon nach ein paar Monaten sah die Narbe viel besser aus als fünf Jahre nach dem ersten Kaiserschnitt. Heute ist sie weich und wird immer dünner und blasser. Und sie fühlt sich an, als würde sie endlich zu meinem Körper gehören. Und ganz fest glaube ich daran, dass es nicht nur am Arzt mit dem Nähtalent lag, sondern auch daran, dass es eben für mich ein guter, weitgehend stressfreier, emotional positiver Start war. Scheiß doch auf den Kaiserschnitt. Voll egal. Wichtig ist schließlich nicht, dass ich im Sandkasten schief angeguckt werde, wenn ich »geplanter Kaiserschnitt« sage, sondern dass ich mich im Spiegel sehe und denke: »Schön! Du siehst glücklich aus. Und zwar ganz.«