Dies ist ein fiktionales Werk. Alle Figuren, Organisationen und Ereignisse entspringen der Fantasie der Autoren oder sind fiktionalisiert.

 

 

 

Unsere Bücher gibt es überall im Buchhandel und auf carlsen.de

 

Alle Rechte vorbehalten.

 

Sämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten.

 

Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken. Die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Widergabe ist ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.

 

In diesem E-Book befinden sich eventuell Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass sich die Carlsen Verlag GmbH die Inhalte Dritter nicht zu eigen macht, für die Inhalte nicht verantwortlich ist und keine Haftung übernimmt.

 

Deutsche Erstausgabe

Alle deutschen Rechte bei Carlsen Verlag GmbH, Hamburg 2017

Originalcopyright © 2016 by Nina LaCour and David Levithan

Originalverlag: St. Martin’s Press, 175 Fifth Avenue, New York, N.Y. 10010

Originaltitel: You Know Me Well

Umschlaggestaltung: formlabor

Umschlagbilder: shutterstock © omihay/BLUR LIFE 1975/Rawpixel.com; photocase.de © misterQM

Aus dem Englischen von Christel Kröning und Martina Tichy

Lektorat: Rebecca Wiltsch

Satz und E-Book-Umsetzung: Dörlemann Satz, Lemförde

ISBN 978-3-646-92902-7

 

Für Kristyn

(natürlich)

–N

  

  

Für Billy, Nick und Zack

(fürs Big Gay Lunch und alles andere)

–D

MARK  1

MEINE ELTERN GLAUBEN, dass ich in diesem Augenblick bei meinem besten Freund Ryan auf der Couch schlafe, eingelullt von der Stille einer Vorstadt; Ryans Eltern hingegen glauben, dass er nach einem gemütlichen Abend mit Videospielen und Fernsehen friedlich im Stockbett über mir schlummert. Tatsächlich sind wir im Castro, dem Lesben-und-Schwulen-Viertel der Stadt, und hängen anlässlich der ersten gay-gantischen Party von San Franciscos Gay-Pride-Week in einem Club namens Happy Happy ab. Heute Abend ist das ganze schillernde Spektrum versammelt, atmet die Regenbogenluft ein, tanzt zu den Regenbogenklängen. Ryan und ich sind zu jung, zu unerfahren, zu langweilig angezogen und zunehmend gebannt von dem, was hier auf uns einstürmt. Ryan wirkt ein bisschen verschreckt, versucht das aber mit einer hochgezogenen Augenbraue und einer guten Portion Sarkasmus zu verschleiern. Wenn jemand auf uns zukommt, der ihm nicht gefällt, greift er nach meiner Hand, damit es so aussieht, als wäre er vergeben. Ansonsten heißt es aber Hände weg. Was unsere Beziehung angeht, folgen wir dem Prinzip: Wir sind einfach nur Freunde, abgesehen von den Momenten, in denen wir, nun ja, mehr als nur Freunde sind. Über diese Momente reden wir nicht, und vermutlich glaubt Ryan, wenn wir nicht darüber reden, sind sie auch nicht passiert. So will er es haben.

Wie ich es haben will, weiß ich nicht so genau, darum schließe ich mich da meistens an.

Es war meine Idee, hierherzufahren, aber ohne Ryan hätte ich sie niemals durchgezogen. Mein öffentliches Leben hat bisher nur auf den Fluren meiner Highschool stattgefunden und sich auch im Vergleich zu der Zeit, bevor alle anderen (und ich selbst) Bescheid wussten, kaum verändert. Aber jetzt sind wir in der letzten Woche der Elften, und meinem Gefühl nach war es an der Zeit, uns endlich mal die Dreiviertelstunde Fahrt in die Stadt zu gönnen. »Süße sechzehn, und nie was riskiert«, beschreibt Ryan mein Leben, dabei hat er sich selbst auch noch nie einfach so aus dem Staub gemacht. Zum Glück sehe ich älter aus, als ich bin – irgendwann wollte der Trainer einer gegnerischen Mannschaft sogar meine Unterlagen einsehen, um sicherzugehen, dass ich nicht zu einer College-Mannschaft gehöre. Ich habe keinen gefälschten Ausweis oder so was, aber ernsthaft kontrolliert wird in einem Laden wie dem Happy Happy am ersten Abend der Pride-Parade eh nicht. Ein bisschen vorgetäuschte Selbstsicherheit, und schon waren wir drin.

Es hat mich etwas gewundert, als Ryan meinte, er käme mit. Schließlich besteht er immer darauf, dass es »niemanden was angeht«, ob er schwul ist oder nicht. Keine Ahnung, was ich davon halten soll. Manchmal möchte ich ihn schütteln und sagen: Alter, ich bin der Baseballspieler mit den Spitzensportlerfreunden, und du bist der empfindsame Dichter, der das Literaturmagazin herausgibt – sollte da nicht eigentlich ich Schiss haben? Aber dann denke ich: Das wäre nicht besonders nett, oder jedenfalls nicht verständnisvoll. Denn so was muss Ryan natürlich mit sich selbst ausmachen. Das kann einem niemand abnehmen. Auch der beste Freund nicht, mit dem man irgendwie immer wieder mal rummacht.

Es ist stockfinster und total eng hier drin. Die anderen beäugen uns wie Wölfe auf Beutezug. Ich glaube, das gefällt Ryan – zumindest, wenn sie schnuckelig sind. Aber ich komme mir blöd vor. Ich bin nicht hergekommen, um jemanden kennenzulernen, doch vielleicht hat Ryan genau das bei seiner Zusage im Sinn gehabt. Manche Typen auf dieser Party sehen so aus, wie ich mir meinen Dad in voller Ledermontur vorstelle, andere posieren so übertrieben, als würden sie gerade ein Selfie nach dem anderen schießen. Sämtliche Sätze formen sich zu einem einzigen, gigantischen Lärm, und ich höre nur noch dieses Getöse, weil mir so viel anderes im Kopf herumschwirrt.

Bisher bin ich bloß auf Partys in Hobbykellern und Schulturnhallen gewesen. Jetzt scheine ich eine weitere und zugleich engere Welt betreten zu haben. Robyn singt, dass sie ganz für sich tanzt, und die Leute verbiegen sich im Takt dazu. Nicht die Leute, mit denen ich normalerweise abhänge. Wir sind hier nicht zum Giants-Spiel im Brewster’s. Das hier ist keine Biermeute. Hier ist jeder ein ganz eigener Cocktail.

Wir sind nicht so richtig an der Bar und auch nicht so richtig auf der Tanzfläche. Ryan will etwas sagen, aber da schiebt sich ein Mann mit Kamera vor ihn und fragt, wer ich bin. Maximal dreißig, mit silbrig weißen Haaren.

»Worum geht’s?«, schreie ich über den Lärm hinweg.

»Wer bist du?«, fragt er noch einmal.

»Ich heiße Mark«, sage ich. »Wieso?«

»Modelst du?«

Ryan muss kichern.

»Nein!«, erwidere ich.

»Solltest du aber!«, sagt der Typ.

Das meint er mit Sicherheit nicht ernst, aber dann gibt er mir seine Visitenkarte. Bevor ich was sagen kann, blendet mich ein Blitzlicht. Ich blinzle noch, da umfasst der Fotograf mein Handgelenk und sagt, ich solle ihm eine Mail schicken. Dann verschwindet er wieder in der Menge.

»Was war das denn?«, frage ich Ryan.

»Sprichst du etwa mit mir?«, gibt er zurück. »Wie es aussieht, bin ich gerade unsichtbar. Jedenfalls für berühmte Modefotografen.«

Ryan sieht genauso gut aus wie ich, aber es wäre ein Verstoß gegen die Regeln, darüber ein Wort zu verlieren.

Ich lasse die Karte zu Boden fallen. »Egal.«

Ryan hebt sie auf und drückt sie mir wieder in die Hand.

»Behalt sie als Andenken«, sagt er. »Du wirst ja vermutlich sowieso nichts damit anfangen.«

»Wer sagt das?«

»Ich würde mal behaupten, die Vergangenheit spricht gegen dich.«

Und damit hat er nicht ganz Unrecht. Ich bin schüchtern. Manchmal so schüchtern, dass es wehtut. Und es tut besonders weh, wenn mir jemand das vor Augen führt.

»Schauen wir uns weiter um?«, frage ich. »Und tanzen vielleicht ein bisschen?«

»Ich tanze nicht, das weißt du doch.«

Damit meint er: Er tanzt nur, wenn niemand zusieht. Das war seine Ausrede, als ich mit ihm zum Abschlussball der Elften gehen wollte. Es wäre ein großer Schritt für uns gewesen und er hat mich angeguckt, als hätte ich gefragt, ob er mit mir in einem Haifischaquarium knutschen möchte. Und zwar vor seinen Eltern. Statt klar zu sagen, er wolle das mit uns lieber weiter geheim halten, hüllte er sich in den Deckmantel einer Tanzabsage ein. Mich zusehen zu lassen, wie er mit jemand anders hinginge – das hätte er mir niemals angetan. Aber mit mir zu dem Ball gehen wollte er auch nicht.

Letztlich bin ich damals einfach nicht hingegangen. Er kam bei mir vorbei und ich dachte, er würde es wiedergutmachen, aber wir guckten uns nur There Will Be Blood an, dann fuhr er zurück nach Hause.

Ich verstehe, dass er nicht vor lauter Freunden und Bekannten mit mir tanzen will. Das wäre schon ziemlich happig gewesen. Aber hier, wo nichts happig ist und alle einfach nur happy sind, habe ich gehofft, es würde anders laufen.

»Komm schon«, sage ich so leichthin wie möglich. »Ist schließlich Pride Week!«

Doch Ryans Blick ist schon wieder abgeschweift – zu einem bildhübschen College-Typen mit Clark-Kent-Brille und einem links an der Schulter leicht eingerissenen blauen T-Shirt. Der gefundene Apfel für jeden Bücherwurm und viel eher Ryans Typ als ich. Er spürt, dass Ryan ihn anschaut, spürt dann, dass ich ihn anschaue, und sieht zu mir hin. Ich gucke schnell weg.

»Ich hab ihn zuerst entdeckt«, murrt Ryan. Könnte scherzhaft gemeint sein, aber irgendwas in meiner Magengrube spricht dagegen. Dann sagt er: »O Mann.« Ich gucke wieder hin, und siehe da, unser Buchladen-Clark-Kent schlingt die Arme um einen Jungen, der eine Wollmütze aufhat, und das im Juni. Der Mützenjunge fordert einen Kuss ein, den Clark ihm mit Freuden gewährt. Wenn das Ganze ein Manga wäre, sähe man Ballons in Herzform über ihren Köpfen aufsteigen.

»Happy Happy macht mich depri-depri«, sagt Ryan. »Du hast mir Spaß versprochen. Und, wo ist der?«

Das war mein schlagendes Argument gewesen – wir werden Spaß haben. Nicht erwähnt habe ich meine Überlegung, wie es wäre, sich aus dem Haus zu stehlen, auf Zehenspitzen zum Zug zu schleichen und in die Stadt zu fahren, ohne dass jemand davon wüsste … irgendwie romantisch, dachte ich. Unterwegs war es auch fast so, wie bei einem gemeinsamen Abenteuer. Ich drückte mein Bein an seins und er rückte nicht weg. Wir witzelten rum und stellten uns die Miene meiner Mutter vor, falls sie nach uns schauen wollte und das Zimmer leer vorfände. (Meine Mutter kriegt schon Zustände, wenn ein Sofakissen nicht da liegt, wo es hingehört.) Ich dachte, andere würden uns für ein Paar halten, und das hätte mir so was wie Bestätigung gegeben.

Aber jetzt wirken wir wohl eher wie Freunde und ich wie derjenige, der für Ryan jemanden aufreißen soll.

»Ich will was trinken«, erklärt er.

»Die erwischen dich doch.«

»Nein, tun sie nicht. Jetzt hab mal ein bisschen Vertrauen in die Menschheit und sei nicht so ein alberner Angsthase.«

Er bahnt sich seinen Weg durch die Menschenmenge zur Bar. Ich folge ihm und frage mich, was passieren würde, wenn ich stehen bliebe und die Lücke zwischen uns sich wieder schlösse. Würde er es mitbekommen? Würde er zurückrudern, um mich zu finden? Oder würde er sich einfach weiter durchpflügen, weil sein Ziel »Vorwärts« heißt und nicht »Mark«?

Ich gerate kurz ins Wanken und genau in dem Moment greift er nach meiner Hand. Als spürte er meine Zweifel. Als müsse er sich nicht mal umdrehen, um zu wissen, wo genau ich bin. Als hätte alles, was wir bisher durchgemacht haben, immerhin diese Verbindung, diese Brücke geschaffen.

»Bleib bei mir«, sagt er.

Mache ich. Und an der Bar ist Ryan, der Charmeur, wieder da. Seine düstere Stimmung ist wie weggeblasen. Als der Barkeeper fragt, was es sein soll, gibt Ryan seine Bestellung so lässig auf, als wäre ihm vollkommen klar, dass sie allen anderen wie Öl runtergeht. Der Barkeeper lächelt, es geht ihm wie den Übrigen: Ryan nicht zu mögen ist ein Ding der Unmöglichkeit. In diesen Typen habe ich mich verknallt, ungefähr acht Jahre nachdem wir Freunde wurden. Dieser Typ hat in mir den Wunsch geweckt, der zu sein, der ich bin. Von diesem Typen beziehe ich mein Selbstvertrauen.

Der Barkeeper kommt mit zwei Champagnerflöten an und das ist so albern, dass ich lachen muss. Ryan weiß, dass ich keinen Alkohol trinke, trotzdem schiebt er mir eins der beiden Gläser hin.

»Nur ein Schlückchen«, sagt er. »Zum Anstoßen. Sich dem zu verweigern wäre anstößig!«

Ich gebe nach und erhebe das Glas. Wir stoßen an, ich nippe, er kippt, und als seins alle ist, gebe ich ihm meins, das er im nächsten Moment auch leer hat.

»Jetzt mach dich doch mal ein bisschen locker«, sagt er schließlich.

»Was soll das heißen?«, frage ich, obwohl wir darüber schon mehr als einmal geredet haben.

»Nichts.«

»Stimmt nicht.«

»Doch. Null und nichts.«

»Was ist null und nichts?«

»Was du in die Welt hinaussendest.«

Wieso ist das auf einmal Thema?

»Wovon redest du? Dass ich meinen Champagner nicht austrinke, macht mich zu – was? Einem feigen Flattermann?«

»Es ist nicht nur das.« Er deutet mit seinem leeren Glas in die Menge. »Hier wimmelt es von gut aussehenden Typen. Du bist ein Prachtexemplar der Gattung Menschenjunges. Aber du siehst dich nicht mal um. Machst nicht den kleinsten Versuch. Der Kerl vorhin hat dir eine Karte gegeben, von der du nie Gebrauch machen wirst. Andere Typen lassen dich nicht aus den Augen. Du könntest echt was draus machen. Aber du willst nicht.«

»Was hättest du denn gern von mir?« Ich erspähe die Liste neben seinem Ellbogen. »Dass ich bei dem Unterwäsche-Wettbewerb um Mitternacht mitmache? Auf dem Tresen tanze?«

»Ja! Genau das hätte ich gerne!«

»Damit ich einen Typen zum Rummachen finde?«

»Oder zum Reden. Guck mich nicht so an – wir sind heute Abend in diesem Schuppen nun wirklich nicht die Einzigen unter zwanzig. Vielleicht ist Mr Right ja genau zur rechten Zeit am rechten Ort.«

Kapierst du denn nicht, dass du das bist?, will ich ihn fragen. Aber auch das verstößt gegen die Regeln, wie ich nur zu gut weiß.

»Also gut«, sage ich, und bevor Ryan noch irgendwas von sich geben kann, greife ich nach dem Klemmbrett, angle mir aus Ryans Tasche den Stift, den er immer dabeihat, und trage mich ein.

Ryan muss lachen. »Niemals. Nie im Leben ziehst du das durch.«

»Wirst schon sehen«, sage ich, obwohl mir klar ist, dass er Recht hat. In der Umkleide und mit Ryan habe ich kein Problem. Aber in aller Öffentlichkeit? In Unterhose? Das ist ungefähr so wahrscheinlich, als würde ich ein Mädchen abschleppen.

Trotzdem, es ist ein Unterschied, ob ich denke, dass ich es nicht schaffe, oder ob Ryan denkt, dass ich es nicht schaffe. Denn je mehr er sich darauf versteift, dass ich mich drücken werde, desto mehr will ich ihm das Gegenteil beweisen. Ein klarer Fall von Doppelmoral – er würde es umgekehrt auf keinen Fall machen. Aber auf dem Prüfstand stehe ich.

Wir kabbeln uns noch eine Weile, dann ist es Mitternacht und der DJ ruft alle Unterwäschewettbewerber zur Bar. Der Barkeeper wirft Zettel mit den Namen von der Liste in eine umgedrehte rosa Perücke und plärrt dann als Erstes meinen Namen heraus, gefolgt von neun anderen. Der Typ neben mir fängt sofort an, sich die Klamotten vom Leib zu reißen, wobei ein stahlgepanzerter Brustkorb und ein beträchtlicher Sixpack zum Vorschein kommen. Kann es sein, dass er bei den letzten Olympischen Spielen im Schwimmen dabei war? Vielleicht lasse ich mich aber auch nur von seiner Unterhose täuschen, die an ein Modell von Speedo erinnert. Laut dem Barkeeper geht es in einer Minute los.

»Jetzt oder nie«, sagt Ryan. Sein Ton gibt mir zu verstehen, dass er sein Geld auf nie gesetzt hat.

Ich kicke meine Schuhe weg, streife die Jeans ab und ziehe dann auch noch die Socken aus, weil es mit Socken total dämlich aussähe. Apropos: Blödes Wortspiel, ich weiß, aber Ryan scheint völlig von den Socken zu sein. Ich denke nicht lange darüber nach, was ich da tue. Komisches Gefühl, barfuß mitten in einem überfüllten Club. Der Boden ist klebrig. Ich ziehe mir das Shirt über den Kopf.

Hier stehe ich nun, in Unterhose. Umgeben von Fremden. Friere nicht, wie eigentlich gedacht, sondern spüre die Hitze des Clubs nur noch stärker. Den Dunst der vielen Körper. Und ich mittendrin.

So würde ich mich wohl selbst nicht erkennen und das ist okay.

Der Barkeeper ruft meinen Namen auf. Ich drücke Ryan mein Shirt in die Hand und springe auf den Tresen.

Mein Herz hämmert so laut, dass es mir in den Ohren dröhnt.

Lautes Gejohle, dann legt der DJ »Umbrella« von Rihanna auf. Keine Ahnung, was ich tun soll. Ich stehe in meinen rot-blau gemusterten Boxershorts auf einem Tresen und habe Angst, irgendwelche Gläser umzuwerfen. Zum Glück nehmen die Gäste sie weg, und ehe ich es mich versehe, komme ich in … Bewegung. Bilde mir ein, ich tanzte in Unterhose in meinem Zimmer, denn das tue ich ziemlich oft. Nur ohne Publikum, versteht sich. Ohne Zuschauer, die johlen und pfeifen. Ich lasse die Hüften kreisen, recke die Hand hoch in die Luft und singe mit: »-ella, -ella, -eh, -eh.« Vor allem aber achte ich auf Ryan, der mich mit großen Augen anstarrt. Ich habe ihn noch nie so breit und strahlend lächeln sehen. Ihn noch nie so stolz auf mich erlebt. Er schreit sich für mich die Lunge aus dem Leib. Ich zeige auf ihn und lächle ebenso breit und strahlend zurück. Tanze mit ihm, obwohl er da unten ist und ich hier oben. Ich lasse alle sehen, wie sehr ich ihn liebe, und er schreckt nicht davor zurück, weil er einen Augenblick lang nicht daran denkt, sondern nur an mich.

Ich sauge alles in mich auf. Aus dieser Perspektive ist die Welt durchgeknallt schön. Ich lasse den Blick über die Menge schweifen, über all die Leute, die ihren Spaß haben – Spaß an mir haben oder Späße über mich machen oder sich vorstellen, Spaß mit mir zu haben. Pärchen, weiblich und männlich. Junge Skater und Männer, die aussehen wie Bankdirektoren an ihrem freien Tag. Das komplette Sortiment der Bay Area; viele tanzen mit, andere werfen Geldscheine in meine Richtung. Clark Kent steht auch noch in der Menge und mustert mich. Als unsere Blicke sich treffen, könnte ich schwören, dass er mir zuzwinkert.

Meine Aufmerksamkeit wird wieder auf Ryan gelenkt, bleibt auf dem Weg dorthin jedoch an jemand anderem hängen. Während ich immer noch hier oben in der Unterhose herumzapple und denke, Ryan sei der Einzige weit und breit, der mich kennt, entdecke ich ein weiteres bekanntes Gesicht. Es ist, als hielte der Song für eine Sekunde an, und dann haut es mich um. Denn ja, das kann nur sie sein. Sie, die zusieht, wie ich in dieser Schwulenbar praktisch nackt auf einem Teppich aus Dollarscheinen tanze.

Katie Cleary.

Die aus der Zwölften, neben der ich in Mathe sitze.