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Prof. Dr. Martin Zimmermann

Prof. Dr. Ralf Behrwald

Prof. Dr. Hartwin Brandt

ALTE GESCHICHTE

 DIE GRIECHISCH-RÖMISCHE ANTIKE

 DIE GRIECHISCHE POLIS

 ALEXANDER DER GROSSE

 KONSTANTIN DER GROSSE

Inhaltsverzeichnis

DIE GRIECHISCH-RÖMISCHE ANTIKE: EINE EINFÜHRUNG

Was ist die „Antike“?

Griechen und Minoer, Römer und Etrusker

Von der Palast-Kultur zur Polis-Kultur

Die griechische Polis – Keimzelle politischen Bewusstseins

Die große Kolonisation

Zivilisations-Export

Verarmung der Bauern, neue Kriegsführung und Staatssklaventum

Die Tyrannis

Die attische Demokratie

Alexander der Große, Hellenismus und Diadochenreiche

Der Aufstieg Roms

Senatoren und Plebejer

Die Punischen Kriege

Ordnungsmacht im griechischen Osten

Die Krise der römischen Republik

Von der Republik zum Prinzipat

Das Imperium Romanum des Augustus

Pax Augusta und Prinzipat

Adoptivkaisertum

Die Reichskrise

Die Spätantike

Konstantin der Große

West-Rom und Ost-Rom – das Ende des Imperium Romanum

Die Spätantike – Brücke zur Neuzeit

DIE GRIECHISCHE POLIS: STADT UND BÜRGERGEMEINDE

Einführung

Ursprünge der griechischen Polis

Sozialstruktur

Die Agora

Die Chora

Religion

Die Institutionalisierung

Krisen der Poleis

Kolonisation

Solon – eine neue Verfassung

Die Tyrannis

Die Tyrannis der Peisistratiden

Die kleisthenischen Reformen

Die Perserkriege

Sparta

Die absolute Demokratie Athens

ALEXANDER DER GROSSE

Einleitung

Voraussetzungen

Der Kleinasienfeldzug

Der Levantefeldzug

Das persische Kernland und der Osten

Das letzte Jahr

Alexanders Errungenschaften

KONSTANTIN DER GROSSE

Konstantin der Große – ein christlicher Idealkaiser?

Die „Konstantinische Frage“

Biographischer und historischer Kontext

Die Tetrarchie Diokletians

Christenverfolgungen

Konstantins Marsch nach Rom

Das Toleranzedikt des Galerius

Die Schlacht an der Milvischen Brücke

Die „Konstantinische Wende“

Der Donatisten-Streit

Kaiser, Pragmatiker und Realpolitiker

Mehrgleisige Religionspolitik

Arianischer Streit und erstes Konzil von Nicaea

Imperium und Sacerdotium

Christianisierung und Monarchisierung

Taufe am Lebensende

Die Konstantinische Schenkung – eine Legende

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DIE GRIECHISCH-RÖMISCHE ANTIKE: EINE EINFÜHRUNG

Von Prof. Dr. Hartwin Brandt

Die Antike (ca. 1200 vor Christus – ca. 500 nach Christus) ist hochaktuell: Das heutige Europa – mit seiner Bürgergesellschaft und der Demokratie, mit der bedeutenden Rolle von Religion(en) und Kirche(n), mit seinem Städtewesen, mit seiner Verwaltung und seinem Rechtssystem – fußt in vielerlei Hinsicht auf der griechisch-römischen Antike. Moderne wissenschaftliche Kontroversen (zum Beispiel über Troja oder die Dichtungen Homers) finden Eingang in die Medien. Wer sich ein eigenes Urteil bilden oder gar mitreden möchte, muss über die Antike Bescheid wissen: über die Entstehung der griechischen Bürgergemeinde (Polis), die Demokratie in Athen, den Aufstieg Roms zur Weltmacht, über die römischen Kaiser und die Christianisierung der antiken Welt in der Spätantike.

WAS IST DIE „ANTIKE“?

Kann man über die Antike heute noch streiten? Man kann und wie!

Man braucht nur die Zeitung aufzuschlagen oder ins Fernsehen zu schauen. So hätte man erkennen können, dass Troja, der trojanische Krieg bis heute unter den Gelehrten aktuell ist und immer wieder neu ausgefochten wird. An der fachgerechten Deutung von Troja entzünden sich immer wieder die Geister.

Nach Troja werden wir auch gleich kommen, denn, wenn man über die Antike redet und nachdenkt, kommt man an Troja nicht vorbei.

Trotzdem muss man sich, bevor man sich auf die Antike einlässt, natürlich klarmachen, was diese eigentlich ist und was sie ausmacht. Sind es nur die Griechen und Römer oder sind es nicht auch ganz andere Hochkulturen, andere Völker, die berücksichtigt werden müssen, die eine Rolle spielen? Mesopotamien, der alte Orient, Ägypten, Israel, Phönizien – gehören die nicht auch alle zur Antike?

Griechen und Minoer, Römer und Etrusker

Die Griechen kamen ja schließlich auch nicht aus dem historischen Niemandsland. Wir wissen, dass das griechische Alphabet dem phönizischen entlehnt ist, also dem Gebiet des heutigen Libanon. Oder die minoischen Kreter, deren Palastkultur im frühen zweiten Jahrtausend vor Christus eine Art archäologische Vorstufe für die mykenischen Paläste bildet diese minoischen Kreter waren keine Griechen.

Wer heute nach Kreta fährt und sich die Paläste von Knossos und Phaistos anschaut, der denkt, er sieht frühgriechische Paläste. So ist es aber nicht. Er sieht Anlagen, die viel mehr mit altorientalischer Palastkultur zu tun haben.

Erst wenn der Besucher nach Mykene kommt, dann ist er tatsächlich im frühgriechischen Kernland: in Mykene selbst, in Tiryns oder in Pylos an der südwestlichen Ecke der Peloponnes. Dort trifft er auf archäologische Reste aus der Zeit der trojanischen Helden.

Dort könnte möglicherweise auch Homer gewesen sein, aber wir wissen nichts von ihm. War er ein Grieche oder war Homer vielleicht ein assyrischer Schreiber (wie heutzutage unter den Gelehrten behauptet wird und worüber man sich streitet)? Was wir wissen, ist, dass Homer, wenn er denn überhaupt als historische Figur existiert hat, im 8. und 7. Jhd. vor Christus geschrieben hat jedenfalls die Werke, die uns unter seinem Namen überliefert sind. Diese stammen aus jener Zeit. Sie sind ungeheuer wirkungsvoll gewesen – in der Antike und über die Jahrhunderte, über das Mittelalter hinweg bis in unsere Zeit. Man kann sagen, dass die homerischen Werke den Beginn der europäischen Literaturgeschichte markieren.

Auch die frühen Römer stehen in diesem Kontext. Sie haben über die Etrusker Verbindungen nach Kleinasien gepflegt, und sie haben schon sehr früh erkennen lassen, dass sie die griechische Kultur wahrgenommen haben, dass sie die griechische Kultur rezipiert haben, dass sie Homer kannten.

Unter der Antike versteht man also im Grunde genommen die gesamte Vorgeschichte der gesamten antiken Mittelmeerwelt. Die kann man nicht in sechzig, siebzig Minuten präsentieren. Wir werden uns auf die Griechen und auf die Römer konzentrieren, aber immer mal wieder ‚nach links und rechts‘ schauen, nach Süden, nach Westen und nach Osten und die antiken Nachbarkulturen in unsere Überlegungen mit einbeziehen.

Von der Palast-Kultur zur Polis-Kultur

Die Griechen selbst brauchten sehr lange, um überhaupt wahrzunehmen, dass sie eine homogene Gemeinschaft darstellten, dass sie „die Griechen“ in ihrer Gesamtheit waren. Politisch gelingt das erst im frühen 5. Jhd. vor Christus, also nach etlichen Jahrhunderten, die wir heute bereits zur griechischen Geschichte zählen. Das gelingt auch erst, als äußerer Druck dafür sorgt, dass sich die vielen kleinen griechischen „Poleis“ darüber bewusst werden müssen, dass sie eigentlich zusammengehören.

Insofern ist die Entstehung eines griechischen Gemeinschaftsgefühls, eines griechischen Gemeinschaftsbewusstseins, eines griechischen Zusammengehörigkeitsgefühls erst das Ergebnis der berühmten, sogenannten „Perserkriege“. Als sich die Perser aufmachen, um nach Griechenland vorzudringen und Griechenland zu erobern (im frühen 5. Jhd. vor Christus), erst da finden die Griechen gewissermaßen zu sich selbst.

Vorher ist die griechische Welt vollkommen zersplittert: Eine Welt voller kleiner Siedlungen, autonomer Gemeinwesen, die wir vielleicht ab dem späten 7. oder frühen 6. Jhd. „Polis“ nennen dürfen. Auf jeden Fall ist es eine Welt, die noch kein hellenisches Gemeinschaftsdenken oder Gemeinschaftsgefühl kennt.

Die sogenannten dunklen Jahrhunderte, die den homerischen Epen vorausgehen (das 10., 9., 8. Jhd. v. Chr.), sind es, in denen sich diese frühgriechische Identität oder Mentalität herausbildet.

Vorläufer lagen – ich habe es bereits gesagt – in der sogenannten mykenischen Zivilisation. Diese mykenische Zivilisation, eine Hochkultur, gekennzeichnet von Palästen (wie in Mykene, Tiryns und Pylos), kannte bereits eine Frühform der Schrift, die so genannte Linear B-Schrift, eine Silbenschrift, die – darüber sind sich die heutigen Sprachwissenschaftler einig – als eine Frühform des Griechischen angesehen werden kann. Insofern waren die Mykener der späten Bronzezeit, also etwa um 1300 v. Chr., tatsächlich frühe Griechen. Die Minoer auf Kreta waren es noch nicht.

In diese Spätzeit fällt der berühmte Trojanische Krieg (wenn es ihn je gegeben hat) oder vielleicht eher die Trojanischen Kriege. Es gab Kontakte zwischen Griechenland und Kleinasien ziviler, aber eben auch militärischer Art. Die mögen den Hintergrund gebildet haben für die berühmten homerischen Epen.

Bevor wir darauf kommen, noch ein Blick auf die mykenische Palastkultur. Diese geht um etwa 1200 v. Chr. unter, und das offensichtlich im Kontext dramatischer Vorgänge, die wir nur auf Grund von archäologischen Forschungen ein wenig beurteilen können. Es scheint eine Ansammlung von Katastrophen gegeben zu haben, Invasionen von sogenannten Seevölkern (aus dem Osten), vielleicht Erdbeben. Die Archäologen haben Brandschichten in Mykene und Tiryns in diese Zeit um 1200 v. Chr. datieren können. Es gibt also eine katastrophale Krise, die zum Untergang dieser Palastkultur führt.

Erst danach, in den dunklen Jahrhunderten, bildet sich dann – wenn man so will – eine Frühform der griechischen Polis-Kultur heraus. Umbrüche und Krisenzeiten sind oft in der Geschichte der Anfang von etwas Neuem. Das scheint auch in diesem Fall so gewesen zu sein. Und zwar nicht nur in Griechenland.

Denn während im frühen ersten Jahrtausend v. Chr. z.B. in Palästina ein hebräisches Königtum unter David und Salomo mit einem eigenen Jahwe-Kult entstand ein Reich, das dann anschließend von Assyrern und Neu-Babyloniern im 8. und 7. Jhd. v. Chr. erobert und schließlich durch die Zerstörung Jerusalems im Jahr 587 v. Chr. seines Zentrums beraubt wurde spielten sich weiter westlich und nördlich Entwicklungen ab, die für die folgenden Jahrhunderte insbesondere im griechischrömischen Raum bedeutsam werden sollten.

DIE GRIECHISCHE POLIS – KEIMZELLE POLITISCHEN BEWUSSTSEINS

Die Phöniker, beheimatet an der heutigen Küste Libanons, waren das aktivste, nach Westen orientierte Volk von Händlern und Seefahrern dieser Zeit. Sie segelten nach Westen und bauten dort Handelsstationen auf, um gute Geschäfte zu machen. Im 9. Jhd. v. Chr. scheinen sie in Karthago, also in Nordafrika beim heutigen Tunis, einen Handelsstützpunkt gegründet und ausgebaut zu haben, der dann im Laufe der Jahrhunderte zu einer der führenden Handels- und Seemächte und schließlich auch der politischen und militärischen Mächte im Westen avancieren sollte.

Im griechischen Ägäisraum existierten damals jedoch vor allem Kleinsiedlungen und Dorfgemeinschaften, die von lokalen Herrschern dominiert wurden. Erst allmählich – und damit bin ich wieder im griechischen Raum – entwickelten sich aus diesen Kleinsiedlungen stadtstaatenähnliche Formen von Gemeinwesen, die wir dann als Polis bezeichnen: als eine Polis, die sich selbst verwaltet, die bestimmte Werte für sich beansprucht (vor allem die innere und die äußere Autonomie, d. h. die Souveränität, auch in der Wahl der äußeren Bündnis- und Vertragspartner).

Es entstehen in dieser Zeit im 8. Jhd. v. Chr. Kultstätten von überregionaler Bedeutung für uns die ersten Indizien dafür, dass die Griechen so etwas wie eine griechische Identität in Ansätzen erkennen und entwickeln.

Zu nennen ist dabei vor allem natürlich das berühmte Zentrum der olympischen Spiele, nämlich Olympia selbst: Ein Heiligtum, wo zu Ehren des Zeus Olympios, also des höchsten Gottes der Griechen, seit 776 v. Chr. Spiele gefeiert wurden.

Daneben ist das zweite, panhellenische Heiligtum in Delphi, geweiht dem Apollon, zu nennen. Dort zelebrierte man die sogenannten pythischen Spiele. An diesen Spielen nahmen seit dem 8. und 7. Jhd. v. Chr. Griechen aus dem gesamten Ägäisraum teil. Was waren das für Griechen?

Es waren vor allem Adelige, vornehme Herren, die Beherrscher der besagten Kleinsiedlungen im griechischen Ägäisraum. Diese Adeligen konnten es sich leisten, zu diesen Spielen zu reisen, sich untereinander zu messen – kulturellen Austausch zu pflegen, würde man heute formulieren.

So bildet sich im Laufe des 8. und 7. Jahrhunderts eine Art von gemein-griechischer Aristokratie heraus. Überall in diesen kleinen Poleis herrschen kleine Schichten von Adeligen, die sich untereinander einem gemeinsamen Komment verpflichtet fühlen, einem gemeinsamen Kanon von Werten, von Ansichten, von Haltungen, von Lebensstilen.

So kommt es dazu, dass sich in dieser Zeit die griechischen Poleis entwickeln, die auch eine gewisse Form von Gemeinsamkeit ausbilden, eine Gemeinsamkeit der Selbstorganisation. Überall beanspruchen die Bürger, am Gemeinwesen teilzunehmen. Sie wollen mitbestimmen, sie wollen ihre Angelegenheiten regeln und so entsteht so etwas wie das politische Bewusstsein der Griechen in dieser Frühzeit.

Das können wir im 7. Jhd. sogar in schriftlicher Form fassen, denn damals entstehen zum ersten Mal die sogenannten Rechtskodifikationen in den griechischen Poleis. In den Gemeinwesen entstand das Bedürfnis, bestimmte Regeln in schriftlicher Form zu publizieren, damit nachprüfbar zu machen und für alle Bewohner der Polis eine transparente Grundlage zu schaffen, auf die man sich berufen konnte, Regeln zu formulieren, die man notfalls auch einklagen konnte. Die Adelsherren der frühen Polis sind es, über die wir am besten Bescheid wissen, aufgrund von schriftlichen Zeugnissen, die später entstehen, vor allem aber auf Grund von archäologischen Zeugnissen. Es sind adelige Herren, die mit ihren Familien jeweils einen so genannten „Oikos“ bilden, ein adeliges Haus. Die Adelsherren sind die unbestrittenen Vorstände dieser Familien. Sie schalten und walten souverän über das gesamte Vermögen, den gesamten Besitz. Sie veranstalten Feste und Gelage, so genannte Symposien. Sie achten auf soziales Ansehen, auf ihre Ehre, und sie tragen ihre Konflikte, die selten zivile Konflikte, meistens kriegerische Konflikte waren, in Form von adeligen Zweikämpfen aus. Diese adeligen Zweikämpfe kennen wir z. B. aus Darstellungen auf griechischen Vasen, auf denen adelige Herren mit ihren Streitwagen gegeneinander antreten.

Die Große Kolonisation

So entsteht seit etwa dem 8. Jhd. v. Chr. eine im Wesentlichen von Aristokraten getragene panhellenische Kultur und Zivilisation, die dann auch in andere Teile der Mittelmeerwelt exportiert wurde. Das geschah im Rahmen der so genannten Großen Kolonisation seit etwa 750 v. Chr. Hintergrund ist das Bestreben von einzelnen Poleis, Handelsstützpunkte zu gründen, internationale Kontakte zu pflegen, Siedlungen anzulegen, aber auch Probleme in der eigenen Polis in der Weise zu lösen, dass man problematische Bestandteile der eigenen Bevölkerung gewissermaßen „exportierte“.

Im Laufe von knapp zwei Jahrhunderten entstanden im gesamten ostägäischen Raum so genannte „Pflanzstädte“, Apoikien – Kolonien würde man heute sagen – aber auch in Unteritalien und Sizilien. Dort fassen die Griechen jetzt Fuß. Heutige italienische Städte wie Messina oder Reggio di Calabria sind von ihrem Ursprung her griechische Apoikien oder Kolonien. Dasselbe gilt auch für das heutige französische Marseille, das als Massilia eine Koloniegründung wahrscheinlich des späten 7. oder frühen 6. Jahrhunderts v. Chr. ist.

Vor allem die Archäologie hat uns Aufschlüsse über die Art und Weise vermittelt, wie diese Kolonisations-Unternehmungen organisiert wurden, wie sie abliefen. Daneben haben wir auch andere Zeugnisse wie Inschriften, Texte, die in Stein eingemeißelt oder auf Bronzetafeln eingeritzt waren; und schließlich die einsetzende Geschichtsschreibung seit dem frühen 5. Jhd. v. Chr., die auf die vorherigen Jahrhunderte zurückblickt und auf diese Weise Informationen vermittelt.

Zivilisations-Export

In der Regel organisierte ein Aristokrat aus der Mutterstadt die Auswanderung. Er nannte sich Oikist. Bevor man losfuhr, hatte man sich der Einwilligung einer Gottheit zu versichern. Nichts ging in der Antike, ohne dass man vorher die Götter befragt hatte. Ein so riskantes Unternehmen wie die Anlage einer Kolonie weit weg von der Mutterstadt bedurfte erst Recht des Schutzes der griechischen Götter. Man holte meistens einen sogenannten Orakelspruch ein. Die allererste Adresse für Orakelsuchende war Delphi. Man schickte Gesandte zum Apollon-Heiligtum nach Delphi, die fragten, ob das Unternehmen, die Wahl des Ortes etc. die Zustimmung der Gottheit finden würde.

Die Auswanderer nahmen dann, wenn sie die Zustimmung eingeholt hatten, gewissermaßen ihren gesamten „Kulturvorrat“ buchstäblich mit. Sie packten die Gottheiten aus ihrer Mutterstadt ein und zwar in Form von Statuen. Sie nahmen ihre Sprache, ihren Dialekt mit, sie nahmen ihre Lebensgewohnheiten mit, sie nahmen ihre Siedlungsweise mit und vieles andere mehr, d. h. es fand ein wirklicher „Zivilisations-Export“ statt.

So kamen griechische Siedler nach Italien und in Kontakt zu den dort siedelnden Etruskern, welche das griechische Alphabet übernahmen. Diese lernten so auch Kunststile und Kunsterzeugnisse im griechischen Stil kennen und produzierten sie nach. Solche Dinge sind uns etwa in den etruskischen Nekropolen der heutigen Toskana erhalten. Aus den Funden dortiger Vasen können wir erkennen, wie sich diese Kulturkontakte tatsächlich dann archäologisch niederschlugen.

Die frühe römische Geschichte ist daher gerade mit Blick auf diese Kolonisation sehr eng mit der griechischen Geschichte verbunden. Doch zur römischen Geschichte kommen wir gleich.

Obwohl etwa die griechische Kolonisation auch in den Heimatpoleis entstandene Probleme milderte, gab es doch in bestimmten Regionen weiter eine dramatische Bevölkerungszunahme, die zu Problemen in der Heimatpolis führte: Landknappheit, Versorgungsengpässe usw. So kam es in den griechischen Heimatpoleis, in den Mutterstädten, im 7. und 6. Jhd. v. Chr. zu wachsenden Problemen. Die Gründe sind vielschichtig:

Verarmung der Bauern, neue Kriegsführung und Staatssklaventum

Die Konkurrenz der Adeligen untereinander eskalierte. Dazu kamen die wachsende Verschuldung des Kleinbauerntums und vor allem aber eine Veränderung der Kriegsführung. An die Stelle der adeligen Zweikämpfe trat die sogenannte Phalanx, d. h. die Kriegsführung in geschlossenen Reihen. Diese Reihen wurden nun nicht mehr von den Aristokraten gebildet, sondern von den Hopliten, gewissermaßen der bürgerlichen Mittelschicht. Wer aber den Kopf hinhält für sein Gemeinwesen, der will auch mitbestimmen, der will auch etwas zu sagen haben. Und so bildeten sich als Folge der Veränderungen der Kriegsführung politische Reformen und Bewegungen heraus. Die können wir am besten in Athen erkennen.

Im frühen 6. Jhd. v. Chr. war es der berühmte Solon, der Philosoph und Denker, der aber hier zunächst als Politiker, als „Schlichter“ eine innere Reform in Athen durchführt. Er entschuldet dabei vor allem das Bauerntum und führt eine Neuordnung der Bürgerschaft mit dem Ziel durch, mehr Bürgern Teilhabe am politischen Geschäft zu ermöglichen. Eine ganz andere Entwicklung sehen wir etwa in Sparta. Sparta hatte sich im 8. und 7. Jhd. v. Chr. auf der Peloponnes zur führenden Macht entwickelt, dabei seine Nachbarvölker erobert und zum Teil versklavt und als so genannte Heloten zu spartanischen „Staatssklaven“ gemacht.

In Sparta gab es ein Doppelkönigtum, ein Miteinander von zwei Königen, die zusammen mit 28 angesehenen Alten in der sogenannten Gerusia, dem Ältestenrat, saßen. Dieser bestimmte maßgeblich die Geschäfte des Gemeinwesens. In Sparta gibt es nicht wie in Athen Prozesse, die bei Solon angefangen zur Demokratisierung Athens im 5. Jhd. v. Chr. führten.

Die Tyrannis

Wie in Athen eskalierten aber auch in anderen Poleis, wie z. B. in KorinthTyrannenAthenPeisistratidenKorinthKypselidenSamosPolykrates