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Buch

»Wenn jemand homosexuell ist und Gott sucht und guten Willens ist – wer bin ich, über ihn zu richten?« Diese Worte von Papst Franziskus ließen viele schwule Priester Hoffnung schöpfen. Aber ein grundlegender Wandel in der katholischen Kirche steht weiterhin aus. Entsprechend großen Wirbel verursachte daher das Coming-out des hochrangigen Geistlichen Krzysztof Charamsa, eines Mitglieds der Kongregation für die Glaubenslehre.

In Der erste Stein berichtet er von seiner Kirchenkarriere, eröffnet erschreckende Einblicke in den klerikalen Alltag und beschreibt die Absurdität von Doktrinen und Vorschriften wie dem Zölibat. Immer wieder greift er die nach außen homophoben Strukturen der katholischen Kirche an. Seine Geschichte ist die einer Kirche, »die besessen ist vom Sex, die der Sex krank macht«. Sein Outing bedeutet für ihn eine einzige Befreiung.

Autor

Krzysztof Charamsa, geboren 1972 in Polen, hat Theologie und Philosophie studiert. Er wurde 1997 zum Priester geweiht, lehrte seit 2004 an der Päpstlichen Hochschule Regina Apostolorum und seit 2009 auch an der Päpstlichen Hochschule Gregoriana in Rom. 2003 wurde er in die Glaubenskongregation berufen und wurde 2011 zum zweiten Sekretär der Internationalen Theologischen Kommission ernannt. Nach seinem Coming-out wurde Charamsa von allen kirchlichen Ämtern suspendiert. Heute ist er Autor und Redner und setzt sich für die Rechte von Frauen und LGBT-Minderheiten ein. Er lebt mit seinem Partner Eduard Planas in Katalonien. Web: www.kcharamsa.com.

Krzysztof Charamsa

DER ERSTE STEIN

Als homosexueller Priester gegen die Heuchelei der katholischen Kirche

Aus dem Italienischen übertragen
von Michael Jacobs

C. Bertelsmann

Die Originalausgabe ist 2016 unter dem Titel »La prima pietra. Io, prete gay, e la mia ribellione all’ipocrisia della Chiesa« bei Rizzoli, Mailand, erschienen.

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1. Auflage

© 2016 by Rizzoli Libri S.p.A./Rizzoli

© 2017 für die deutsche Ausgabe by C. Bertelsmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: Büro Jorge Schmidt

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-20673-4
V001

www.cbertelsmann.de

Inhalt

Die Protagonisten des Dramas

ERSTER TEIL
DIE BEGEGNUNG

Ich, Narziß

Mein Goldmund

Der Tag danach

ZWEITER TEIL
DIE SCHÖNE UND DAS BIEST

Familie

Glaube

Vaterland

Schule

Berufung

Ein Seminar – oder vielmehr drei

Zölibat

Kirche

Verzicht

Sexbeichte

Der Klerus

Der unwandelbare Gott

Die Heilige Inquisition

Das Sant’ Uffizio und das Sperma

Eine Universität – oder vielmehr zwei

Benedikt, Franziskus und die ergebnislosen Synoden

Scheinheilige Gesellschaft

Unverheiratet und gewalttätig

Aussätzige

DRITTER TEIL
DAS ERWACHEN

Die Diktatur der Heterosexualität

Das freie Europa

Der Spiegel des Schwulenkinos

Weitere drei Schritte auf der Suche nach mir selbst

Auch Schwule haben ein Recht auf Religion

Mein Coming-out

Endlich frei

Gott hat gesiegt

Dieser Mensch hat sich nicht umgebracht

Die letzten Stunden

Der Augenblick, in dem die Zukunft begründet liegt

An meine Leser

POSTSKRIPTUM

Die Erklärung meines Coming-out

Brief an Papst Franziskus

Das neue Manifest der Schwulenbefreiung

Anmerkungen

Dem Mann, der mich geküsst und mir die Hand gereicht hat, um mich aus der Verlogenheit herauszuziehen
Dem Mann, den ich liebe:
Eduard

Die Protagonisten des Dramas

ICH

Wer bin ich?

Ich bin immer ein dramatisch veranlagter Mensch gewesen. Ich habe immer jeden einzelnen Augenblick erlebt, als ob es die Ewigkeit wäre. Das Ganze im Fragment.

Bin ich vielleicht ein Fragment?

Nein, ich bin die Totalität.

Die Totalität der Person.

Ich bin eine Person.

DIE KIRCHE

Wer ist die Kirche in diesem Drama?

Das, was ich hier auf die Bühne bringe, ist sie, die universelle katholische Kirche. Die Brüder, die es besonders genau nehmen, werden sagen, dass ich mich vor allem auf die oberen Ränge des Klerus beziehe. Aber ich will nicht unterscheiden. Ich halte mich getreulich an das, was die Kirche, die Gemeinde Christi, mich über sie selbst gelehrt hat. Ich bitte die katholischen Brüder und Schwestern, die sich nicht im runzligen Gesicht, das hier enthüllt wird, wiedererkennen, und die nicht dieselben Sünden zu beichten haben, nicht gekränkt zu sein und Verständnis zu haben. Aber ich bitte sie auch, zu bedenken, dass auch wir, wenn wir uns nicht den homophoben Hohepriestern widersetzt haben, teilhaben an dem verängstigten und hassenswerten Geist dieser Protagonistin des Dramas.

Ich an erster Stelle.

ERSTER TEIL

DIE BEGEGNUNG

Ich, Narziß

Ich will nicht mein ganzes Leben lang Narziß sein.

Früher wollte ich es, für immer. Es schien mir die einzige Möglichkeit, um mich zu verwirklichen; ich redete mir ein, dass es aufregend sei, erstrebenswert, gut.

Narziß ist der heimliche Freund aller Schwulen, wie ich einer bin. Er ist der Freund, den ich bei der Lektüre von Hermann Hesses Erzählung Narziß und Goldmund entdeckt habe, jemand, der erfährt, wie reizvoll, aber auch wie schmerzvoll es sein kann, einen Menschen zu lieben – das Lustvolle, aber auch das Geheimnisvolle daran.

Auch ich bin in meinem tiefsten Inneren Narziß gewesen, noch lange, bevor mich die Fernsehserie Queer as Folk1 begeisterte und ich, durch sie dazu angeregt, Schwulenkinos aufsuchte, dann Call me by your name2 las und mich in all die Bücher vertiefte, die jeder Homosexuelle kennen sollte. Es war lange bevor ich Kunde von Cómplices wurde, einer kleinen Buchhandlung im Barrio Gótico von Barcelona – einer Buchhandlung, wie es sie in jeder Stadt geben müsste.

Genau diesen Narziß haben unzählige Priester in sich erkannt, wenn sie einem Mitglied ihres eigenen Vereins gegenüberstanden und sich fragten, ob der Mann vor ihren Augen ihr Geheimnis teilte. »Narziß« ist wie ein geheimes Passwort, das einem den Zugang zu einer verborgenen und verbotenen Schönheit ermöglicht, zu einer spirituellen Veranlagung, die nach Ausdruck verlangt. Narziß lebt weiter, weil es weder den Katholiken noch den Puritanern gelungen ist, ihn zu töten. Er hat es mir ermöglicht, in der Hölle der Zwangsheterosexualität zu überleben.

Das ist der Grund dafür, dass ich in meinen Vorträgen über religiöse Themen Hesse zitierte und mir dabei beinahe Tränen in die Augen schossen. Ich hoffte, jemand würde den verborgenen Sinn dieser Zitate aus Narziß und Goldmund erkennen, welche nichts mit der christlichen Doktrin zu tun hatten, die ich mich zu erläutern bemühte. Ich hoffte, jemand würde begreifen, dass ich eigentlich mich selbst befreien, meine wahre Natur zeigen wollte, das heißt meine Veranlagung, an der für mich und Tausende anderer alles absolut natürlich war.

Hesse zitierte ich auch in meinem letzten Buch, das sich mit dem Katholizismus auseinandersetzt und das in dieser Hinsicht mein Testament ist. In Virtù e vocazione3 legte ich – gewissermaßen zwischen den Zeilen – offen, was ich persönlich glaubte und auf welch intensive Weise ich dies tat, und wie dies vergehen könnte – aus dem einfachen Grund, dass die Kirche sich weigert, die wahre Natur des Menschen, des Menschen, der ich bin, zu akzeptieren. Man wollte eine Kleinigkeit nicht sehen: nämlich dass ich schwul bin. Voller Verzweiflung ließ ich deshalb Hesse zu Wort kommen. Ich wünschte mir, dass irgendjemand endlich die unnützen frommen Theorien außer Acht lassen und mir stattdessen in die Augen schauen würde.

Narziß ist der katholische Priester, der gelehrte Geistliche, der vorbildliche Mönch, der arbeitsame Abt, ganz versunken in seine Studien und seine Bücher. Warum führt er ein solches Leben? Damit er nicht lieben, damit er nicht an die Liebe denken muss, um das natürliche Empfinden von Liebe zu begraben. Sein langjähriger Freund Goldmund, der ihn, dem Tode nahe, in seiner Abtei aufsucht, löst ein explosionsartiges Aufwallen der lange verdrängten Gefühle in Narziß aus. Der Abt flüstert dem Todkranken ins Ohr:

Mein Leben ist arm an Liebe gewesen, es hat mir am Besten gefehlt. Unser Abt Daniel sagte mir einst, daß er mich für hochmütig halte, wahrscheinlich hat er recht gehabt. Ich bin nicht ungerecht gegen die Menschen, ich gebe mir Mühe, gerecht und geduldig mit ihnen zu sein, aber geliebt habe ich sie nie. Von zwei Gelehrten im Kloster ist der Gelehrtere mir lieber; nie habe ich etwa einen schwachen Gelehrten trotz seiner Schwäche liebgehabt. Wenn ich trotzdem weiß, was Liebe ist, so ist es deinetwegen. Dich habe ich lieben können, dich allein unter den Menschen. Du kannst nicht ermessen, was das bedeutet. Es bedeutet den Quell in einer Wüste, den blühenden Baum in einer Wildnis. Dir allein danke ich es, daß mein Herz nicht verdorrt ist, daß eine Stelle in mir blieb, die von der Gnade erreicht werden kann.4

Wenn ich diese Passage vor Priestern, Ordensschwestern oder mehr oder weniger gläubigen Laien zitierte, wollte ich in Wirklichkeit die Erkenntnis herausschreien, die sich in dem herzzerreißenden Geständnis des Abtes Narziß verbirgt: Er habe die Menschen nie geliebt, er habe sich immer für sie verantwortlich gefühlt, habe sie geachtet, wie es sich gebührt, alle einbezogen, aber niemals habe er einen von ihnen geliebt.

Auch ich hätte ein Geständnis, wie Narziß es in Hesses Erzählung ablegt, herausschreien wollen. Es war mir nicht möglich, und ich konnte nur hoffen, dass einer von meinen Zuhörern sich die Erzählung vornehmen und den Sinn dessen, was Narziß Goldmund offenbart, erfassen würde:

»Ich bin so froh, daß du wiedergekommen bist. Du hast mir so sehr gefehlt, ich habe jeden Tag an dich gedacht, und oft hatte ich Angst, du würdest nie mehr wiederkommen wollen.«

Goldmund schüttelte den Kopf: »Nun, der Verlust wäre nicht groß gewesen.«

Narziß, das Herz vor Weh und Liebe brennend, bückte sich langsam zu ihm herab, und nun tat er, was er in den vielen Jahren ihrer Freundschaft niemals getan hatte, er berührte Goldmunds Haar und Stirn mit seinen Lippen. Verwundert zuerst, dann ergriffen, merkte Goldmund, was geschehen sei.5

Narziß gesteht dem sterbenden Freund hier nicht nur, dass er nicht geliebt hat, sondern er bekennt seine Homosexualität und beklagt, dass er daran gehindert wurde, diese Art der Liebe auszuleben, dass sie ihm vergällt, in den Dreck gezogen wurde. Er wurde von seiner Kirche gezwungen, sie zu hassen, abzutöten, auszumerzen, doch sie ist immer wieder erwacht, allen kaltherzigen hyperkatholischen Hütern der einzig wahren Wiederauferstehung zum Trotz, die mit ihrer ideologischen Rigidität die Menschen zerstörten. In der absurden Negation der Realität, zu der er verpflichtet wurde, hatte Narziß seinen modus vivendi gefunden.

Doch dann … dann war die Stunde seines Coming-out gekommen. Das war es, was ich meinen Zuhörern zurufen wollte, diesen korrekten und klarsichtigen homophoben Männern und Frauen.

Als Seminarist in Lugano habe ich viele Male die Begegnung mit Hesse gesucht, das heißt, ich bin zu seinem Grab gepilgert, das in einem Nachbarort von Montagnola im Kanton Tessin liegt. Der Schriftsteller hatte von 1919 an in Montagnola gelebt und war dort auch gestorben. Für mich kam ein Besuch seines Grabes einer eigentlich verbotenen sentimentalen Wallfahrt gleich, die mir aber niemand wirklich verbot. Vielleicht wussten viele gar nicht, dass Hesses sterbliche Überreste dort ruhen, unter zwei schlichten Felsblöcken. Vielleicht wussten viele auch gar nicht, wer er war. Ich suchte sein Grab auf, um mich von ihm inspirieren zu lassen, um ihm, wie einem alten homosexuellen Freund, meine Seele zu öffnen. Ich weiß nicht, ob er mir zuhörte. Doch jener entlegene, stille Winkel im Süden der Schweiz, mit seiner Kultur der Toleranz, war für mich eine Stätte, wo ich Trost fand und innere Freiheit erlangte. Dort lebte Hesse, der Meister, in mir. und ich vertraute mich diesem sensiblen und gefühlvollen Freund an, dem Sohn eines strengen protestantischen Missionars. Hesse hatte mir den Namen Narziß geschenkt.

Und heute weiß ich, dass ich nicht länger Narziß sein will. Heute weiß ich, dass ich einen Goldmund habe, und ich will mein Leben nicht vergeuden, indem ich auf ihn verzichte. Heute will ich anfangen zu lieben, so, wie ich bin, wie Gott es will, wie es seiner Absicht entspricht.

Mein Goldmund

Narziß ist nicht einsam. Er ist nie einsam gewesen.

Auch ich bin meinem Goldmund begegnet. Es ist in einer Nacht in Barcelona geschehen. Das war der Augenblick, in dem wir uns gefunden, uns ineinander verliebt und uns verlobt haben. Von dem an wir nicht mehr ohne den anderen sein wollten. In dem ich über seine Lippen, sein Haar gestrichen habe, in der er mich in seine warmen und starken Arme genommen hat. Er liebte mich, und ich dachte nur noch darüber nach, wie ich seine Liebe nicht wieder verlieren könnte.

Es war eine der schönsten Nächte meines Lebens. Nicht im Hotel Axel6, sondern in einer schäbigen kleinen Pension im Bezirk Eixample, der grässlichsten Absteige, die ich jemals kennengelernt hatte, … genau dort begegnete ich meinem zukünftigen novio, meinem Verlobten, Partner, Ehemann! Es war eine der schönsten Nächte, die ich jemals erlebt hatte, und ich betete zu Gott, dass diese Nacht nicht enden möge. Ich betete zu Gott, dass dieser Mann, der der richtige, der wahre für mich war, mich nie wieder verlassen würde. Doch wie sollte das möglich sein? Ruhig, ganz ruhig. Er müsste sich eigentlich so schnell wie möglich wieder von mir abkehren, denn ich war … ein Priester. Er wusste das jedoch nicht.

Er wusste, dass ich Pietro hieß … was aber natürlich gar nicht mein richtiger Name war. Er wusste auch, woher ich kam. Aus Mailand … aber auch das stimmte nicht. Und was war mein Beruf? Ich unterrichtete Philosophie. Nun, das war nicht ganz so weit von der Wahrheit entfernt. Damit, dass ich ihm eine falsche Staatsangehörigkeit genannt hatte, hatte ich meiner Schwindelei die Krone aufgesetzt. Doch er wusste ja eigentlich alles, was Liebende für eine einzige Nacht voneinander wissen müssen. Ich wollte ihm aber nach dieser Nacht nichts mehr über mich verbergen. Warum wollte ich mich ihm offenbaren? Was zog mich so sehr zu diesem Mann hin, von dem ich schon das Gefühl hatte, dass er ganz und gar mir gehörte?

Ich wollte ihn nicht wieder verlieren, ich hatte mich in ihn verliebt.

Und in jener Nacht hatte ich Gott erblickt, der mich liebte, mich umarmte, mich akzeptierte, weil er mich verstand. Ich, Experte für Gott und alles, was göttlich war, und gleichzeitig … homophob, hatte endlich Gott erblickt. Ich war einem Menschen begegnet, aber Gott hatte ich gesehen.

Und zum Glück begann Gottes mediokre Kirche vor meinem inneren Auge zu verblassen.

Der Tag danach

Goldmund hat mich für die Liebe zum anderen geöffnet, vor allem aber für die Liebe zu mir selbst.

Durch ihn erfuhr ich das, was mir schon bekannt war, jedoch nur theoretisch: Man kann keinen anderen Menschen lieben, wenn man kein positives und ausgeglichenes Verhältnis zu sich selbst hat, wenn man nicht zuerst sich selbst akzeptiert, sich selbst kennt. Wenn man sich selbst hasst, wenn man sich selbst belügt, dann kann man niemand anderen lieben. Man kann auch ohne die christliche Lehre begreifen, dass die Liebe den Grundstein für alle menschlichen Beziehungen darstellt. Zwar rühmt das Christentum von heute sich, diesen Grundsatz zu lehren oder ihm zumindest zu folgen, doch es bleibt in der Theorie stecken; es begnügt sich mit frommen Wünschen, dass es so sein möge. Doch für das Leben ist die Umsetzung der Theorie in die Praxis von Bedeutung. Die Prägung, die ich durch die Kirche erhalten hatte, hatte mich zu einem perfekten Theoretiker gemacht, der alles erklären und darlegen konnte, aber das wahre Leben leugnen musste.

Es ist mir nicht leichtgefallen, mich von der geistigen Unterdrückung durch die Kirche zu befreien. Ihre Doktrinen waren bald in jede Fiber meines Körpers eingedrungen, und ich geriet in eine Art von geistiger Gefangenschaft. Vorstellungen und Ideen, eine Denk- und Handlungsweise, die mir fremd waren, wurden mir oktroyiert. Nach einer gewissen Zeit konnte ich aber auch nicht mehr ohne das alles sein. Man gewöhnt sich an vieles, an die Angst und an die Lügen, und überraschenderweise findet man nach einer gewissen Zeit Gefallen daran. Die Kirche hätte den Sieg über mich davongetragen, vielleicht hätte sie mir, in ihrer unermesslichen Gnade, meine kleine Eskapade vergeben, allerdings nicht, ohne mir aufzuerlegen, sofort den Hass auf mich selbst, auf meine Natur wiederaufleben zu lassen.

Tatsächlich hegte mein Goldmund bereits den Verdacht, dass ich ihm irgendetwas verheimlichte. Schon am Vortag hatte er mir auf unserem ersten Spaziergang durch Barcelona (wie glücklich hatte es mich gemacht, am helllichten Tag frei von Angst neben einem Mann hergehen zu können) Fragen gestellt: »Du bist doch nicht etwa verheiratet? Mit einer Frau? Und hast Kinder?« Ich hatte ganz ruhig mit Nein geantwortet. Er hatte mich natürlich nicht gefragt: »Bist du womöglich ein Monsignore, ein Priester?«

Goldmund hatte mich an seinen Lieblingsort in der Stadt geführt: Santa Maria del Mar, eine von einer Atmosphäre des Friedens durchdrungene Kirche. Unglaublich … bei meinem ersten ernsthaften Rendezvous mit einem Mann, führte dieser mich in eine Kirche. An einen traumhaften Ort, still und einladend, wo alles für eine Hochzeit bereit schien. Wir setzten uns auf eine Bank und bewunderten die Stützpfeiler im Stil der katalanischen Gotik. Meine Hand ruhte in der seinen. Ich liebte ihn vor meinem Gott, ohne mich zu schämen.

Doch jetzt schien das Ende unserer Beziehung gekommen – nach nur einem Tag und einer Nacht. Der Hass auf meine Natur, die Angst, die (Selbst-)Lüge gerieten in Konflikt mit der Wahrheit der Liebe zwischen zwei Menschen. Einerseits sagte ich mir: »Tilge aus deinem Denken und Empfinden, was geschehen ist, was da ist. Vergiss es. Es existiert nicht.« Andererseits hörte ich eine Stimme, die sagte: »Wie, es existiert nicht? Es ist da! Er ist da! Und er hat dich umarmt.«

Gleich würden wir am Flughafen ankommen. Mir blieben nur noch wenige Augenblicke. Ich wollte nicht zum Albtraum meines bisherigen Alltags zurückkehren, zu jenem selig machenden, heiligen Dasein.

»Eduard, tengo que decirte te una cosa, yo soy cura!«7

Eduard, das war sein Name. Ich brach in Tränen aus, konnte sie einfach nicht mehr zurückhalten. Mir wurde plötzlich klar, dass man einem wesentlichen Teil meiner Persönlichkeit bis zu diesem Tag eine Art von »Sterbehilfe« geleistet hatte, dass man mir absurderweise und völlig grundlos Verletzungen zugefügt und mir meine Würde geraubt hatte. Das alles hatte die Kirche in den langen Jahren, in denen ich cura – Priester – gewesen war, mit mir gemacht, mir angetan.

Gleich würde ich an Bord der Maschine nach Rom gehen, dann würde alles zu spät sein.

»Eduard, wenn du mich noch willst, werde ich dich anrufen!«

Ich konnte nicht mehr zu jenem abgeklärten Dasein im Schoß der katholischen Kirche zurückkehren, weil diese Kirche mich zu einem irrationalen und blinden Hass auf mich selbst und meine sexuelle Orientierung zwang, Ich war verliebt. Ich träumte von einem Leben, das mit meiner Natur, meiner sexuellen Veranlagung, meinem innersten Wesen im Einklang stand. Ich träumte davon, frei zu sein, ich selbst zu sein.

Ich träumte von einem neuen Leben. Ein Traum, der unmöglich in Erfüllung gehen konnte? Doch, er konnte es. Sind es nicht die Christen, die sagen, dass die Liebe alle Hindernisse überwindet?

Doch wie war ich an diesem Punkt angekommen? Wie konnte es geschehen, dass ich so etwas in mir fühlte? Welcher Weg hatte mich bis hierher geführt?

ZWEITER TEIL

DIE SCHÖNE UND DAS BIEST

Familie

Um mich selbst zu verstehen, muss ich in die Vergangenheit zurückkehren, und zwar sehr weit …

Ich muss bis zu meiner Geburt zurückgehen, zu der Familie, der ich entstamme.

Vielleicht sollte ich sofort sagen, wann ich geboren bin? Also: Ich bin am 5. August auf die Welt gekommen, an einem Samstag im Hochsommer, vielleicht deswegen habe ich später meinen Geburtstag immer gerne am Meer verbracht. Zunächst im Norden, nur rund fünfzig Kilometer von daheim entfernt, auf der Ostsee-Halbinsel Hela mit ihren weitläufigen, ein wenig wilden, tiefen Sandstränden, und in späteren Jahren dann viel weiter im Süden Europas.

Ich bin 1972 geboren worden, dem Jahr, in dem der große Guy Hocquenghem seinen programmatischen Text Le désir homosexuel 8 veröffentlicht hat. Ich bin also unter dem guten Stern des Manifests der Homosexuellen-Revolution auf die Welt gekommen, die die Homophobie mit Macht anprangerte. Hocquenghem schilderte in seinem Buch das Umsichgreifen der Homophobie und die Gründe dafür und legte das Fundament für eine Bewegung zur Befreiung der Homosexuellen, nachdem er selbst sich in jenem Jahr geoutet hatte. Er hatte sich offenbart, um die kollektive Hypokrisie anzuprangern, und wurde daraufhin aus der Kommunistischen Partei, deren Mitglied er war, ausgeschlossen. Die Gesellschaft, der er angehörte, wollte seine Kritik nicht hören.

Der Ausdruck »Homophobie« wurde ebenfalls in jenem Jahr geprägt: Der amerikanische Psychologe George Weinberg bezeichnete in Society and the Healthy Homosexual mit »Homophobie« die irratonale Furcht, die viele vor Homosexuellen empfinden, jene Phobie vor dem Andersgearteten, die Gewalttätigkeit, Hass, Zerstörung entstehen lässt. Ein Übel präzise zu benennen, ihm einen Namen zu verleihen, stellt den ersten Schritt zu dessen Überwindung dar. Doch dem katholischen Umfeld, in dem ich aufgewachsen war, dem Denken derer, die ihm angehörten, zufolge durfte ein solcher Name überhaupt nicht exstieren.9

Im Jahr 1972 durfte jenes Wort, mit dem die Furcht vor Homosexuellen und der Hass auf sie angeprangert werden, überhaupt nicht ausgesprochen werden. Dass es so etwas wie ein désir homosexuel gab, durfte nicht eingestanden werden. Vielleicht hätte ich auch gar nicht geboren werden dürfen. Ich wurde aber geboren. Und die Existenz des homosexuellen Verlangens wurde mutig verkündet. Und Gott sei Dank begann ein Wissenschaftler, endlich jene Angst, jenen Hass auf Homosexuelle zu untersuchen und genau zu bestimmen …

In der Zeit und in dem Umfeld, in das ich hineingeboren wurde, existierten Homosexuelle offiziell überhaupt nicht. Homosexualität war tabuisiert. Auch heute noch verschaffen sich die alten (Vor-)Urteile jedes Mal Geltung, wenn die Homosexualität einer Person bekannt wird: Homosexualität ist etwas Schändliches, Krankhaftes, Unaussprechliches, Perverses, Sündiges, Teuflisches … doch offiziell gibt es sie gar nicht. Eine Veranlagung, die jemanden zum Aussätzigen macht, darf noch nicht einmal einen Namen haben. Ihre Existenz muss schamhaft totgeschwiegen werden.

In der Welt, in die ich hineingeboren wurde, interessierte es niemanden, dass 1973, in dem Jahr, in das mein erster Geburtstag fiel, in Paris der erste Weltkongress von Homosexuellen-Organisationen stattfand. Niemanden interessierte es, dass in jenem Jahr die American Psychiatric Association Homosexualität aus der Liste der anerkannten psychischen Störungen strich.10 Die Wissenschaft korrigierte ihre eigenen Fehler, doch in dem katholischen Umfeld, in dem ich aufwuchs, wurden diese neuen Ansichten einfach als irrig eingestuft und abgetan. Dennoch bekannte sich in jenem Jahr ein katalanischer Jesuit namens Salvador Guasch öffentlich zu seiner Homosexualität und erklärte, glücklich mit ihr zu sein: Ein Schwuler, der vorgibt, sich trotz seiner Veranlagung Gott nahe zu fühlen! Was für eine Anmaßung eines irregeleiteten Menschen! Es heißt, dass Guasch für seine Aufrichtigkeit teuer bezahlen musste: Er wurde für mehrere Monate in eine Nervenheilanstalt gesperrt und musste brutale Therapien über sich ergehen lassen, die ihn von seinen kranken, »widernatürlichen« Begierden und Gefühlen befreien oder diese zumindest unterdrücken sollten. Ich war noch zu jung, um etwas von seinem naiven, unbedachten Coming-out und dem, was ihm im Anschluss daran widerfuhr, mitzubekommen. Aber meine Welt kastrierte noch jeden, der es sich erlaubte, ohne Genehmigung der Kirche oder des Staats glücklich zu sein.

Ja, ich bin in einer katholischen Welt geboren worden.

Ich liebte und liebe meine Familie. Meine Mutter war eine Frau mit einem unerschütterlichen Glauben. Er ermöglichte es ihr, Wunder zu vollbringen und die größten Prüfungen zu bestehen. Sie wurde nie in ihrem Glauben schwankend, auch wenn die Kirche sich erratisch verhielt. Sie hatte etwas Geniales an sich, das sie über den Durchschnitt der Menschheit erhob. Meine Eltern waren Wirtschaftswissenschaftler. Sie waren beide berufstätig, auch wenn es, dem katholischen Denken entsprechend, dem Vater – als dem Mann – oblag, für den Unterhalt der Familie zu sorgen. Ich war ihr Erstgeborener. Drei Jahre später kam mein Bruder auf die Welt und dann, ich war schon zwölf, meine Schwester. Damit war die Familie komplett.

Mein Vater verließ uns an demselben Tag, an dem ich, nach absolviertem Abitur, ins Priesterseminar eintrat. Mir waren damals keine anderen Fälle einer solchen Trennung bekannt, doch das Ende der Ehe meiner Eltern war in jeder Beziehung ungewöhnlich. Wir blieben mit nichts zurück, in einer entsetzlichen Wohnung. Alle Ersparnisse, die wir für ein neues Zuhause zurückgelegt hatten, verschwanden mit meinem Vater. Vor dem Scheidungsrichter brachte meine Mutter nichts zu ihrer Verteidigung vor und unternahm auch nichts, damit sie selbst und ihre Kinder in den Genuss all dessen kamen, was ihnen nach dem Gesetz zustand. Ich begriff die Radikalität ihres Schweigens. In ihrem Inneren akzeptierte sie die Scheidung nicht und weigerte sich daher, um das zu kämpfen, was ihr zugestanden hätte. Um seine Ansprüche durchzusetzen, braucht man aber wohl auch einen guten Anwalt, und einen solchen konnten wir uns nicht leisten. So kam es, dass mein Vater von uns wegging, ohne sich groß darum zu kümmern, ob seine Kinder finanziell zurechtkommen würden; er überwies nur regelmäßig die Summe für den Unterhalt meiner kleinen Schwester, die der Richter festgesetzt hatte. Doch immerhin konnten wir danach in Frieden leben.

Für mich kam der Weggang meines Vaters einer Befreiung gleich. Vielleicht verhielt es sich für meine Geschwister anders. Nach dem Eintritt ins Seminar begann ich ein neues Leben, während meine Geschwister zu Hause blieben und ihr altes Leben weiterführten. Das alltägliche Zusammensein mit meinem Vater, an den mir nach einer Zeit nur eine vage Erinnerung blieb, war für mich unerträglich geworden: Er hatte nie eine wirklich väterliche Beziehung zu uns Kindern aufgebaut, war eigentlich nie richtig »bei uns« gewesen. Heute weiß ich, dass er uns auf seine eigene Art liebte; er liebte uns, aber auf eine possessive Art und Weise, so wie man einen persönlichen Besitz liebt. Das ist in vielen patriarchalisch strukturierten Familien, in denen der Mann tonangebend sein will, nicht anders. Heute trage ich ihm nichts nach, doch ist mir leider das Gefühl geblieben, nie einen Vater an meiner Seite gehabt zu haben.

Einer in katholischen Kreisen verbreiteten Ansicht zufolge ist ein Knabe mit einem »abwesenden« Vater und einer »hyperprotektiven« Mutter (was die meine nie war) dazu prädisponiert, zu verweichlichen, unmännlich, ergo homosexuell, das heißt anormal und sündig zu werden. Im Lauf der Jahre habe ich, da ich eine Erklärung für meine sexuelle Orientierung suchte, dieses Klischee übernommen: Ich war schwul, weil ich ein negatives oder überhaupt kein Verhältnis zu meinem Vater gehabt hatte. Die Kirche bot mir die perfekte Lösung an – beziehungsweise die Möglichkeit, mich zu verstecken, indem ich Mitglied des Klerus wurde. Der Zölibat ermöglichte es mir, mich, ohne mein Gesicht zu verlieren, der Notwendigkeit zu entziehen, zu heiraten und eine heterosexuelle Ehe zu führen. Doch bin ich in meinem Leben Dutzenden und Aberdutzenden von Schwulen begegnet, die ein sehr gutes oder zumindest ganz normales Verhältnis zu ihren Vätern gehabt haben – wenn ich es mir herausnehmen darf, das Wort »normal« zu verwenden, da ja anscheinend einzig und allein die katholische Kirche die Kompetenz besitzt, darüber zu befinden, was normal ist. Das ist eine von ihr so rigoros vertretene Doktrin, wie es in der Vergangenheit sonst nur noch die marxistische war, gegen die ebendiese Kirche gekämpft hatte.

Ich glaube, dass ich nie der Sohn war, den mein Vater sich erträumt hatte: Ich fühlte mich viel stärker zur bildenden Kunst, zum Ballett, zum Theater und zur Oper hingezogen als zum Fußball. Ich flüchtete mich in meine Bücher, und zu seinem Leidwesen nicht etwa in Mathematikbücher, sondern in Romane, Gedichtsammlungen und Bücher über historische Ereignisse. Ich war daher nicht der typische männliche »Stammhalter«, wie mein Vater ihn sich gewünscht hätte, ein Junge, der seine Stärke unter Beweis stellte, indem er seine Spielgefährten verdrosch, ein viriler Knabe, dem es ins Buch des Lebens geschrieben war, sich eines Tages, wie er selbst, mit Wirtschaftsthemen und Finanzfragen zu befassen. Mein Vater wollte einen nüchternen Wissenschaftler, keinen Träumer, Romantiker oder idealistischen Schwärmer. Ich hatte immer den Eindruck, dass er meinen jüngeren Bruder bevorzugte, da der nicht nur Bücher liebte, sondern auch gerne Fußball spielte, wie es sich für einen »richtigen Jungen« gehörte.

Ja, ich war schwul! Ich bin es immer gewesen – seitdem meine Mutter mir das Leben geschenkt hat. Aber es sind nicht meine Eltern gewesen, und auch sonst niemand, die mich entsprechend geprägt haben. Es sind nicht sein Vater oder seine Mutter, die einem Jungen eine homosexuelle oder eine heterosexuelle Veranlagung mit auf den Weg geben. Aber man kann in einer anderen Person Homophobie und den Hass auf Homosexualität, auch die eigene, wach werden lassen. Homophobie übernimmt man von anderen, Homosexualität ist einem von Geburt an gegeben. Für einen Homosexuellen ist sie ein Geschenk, genauso wie Heterosexualität ein Geschenk für einen Heterosexuellen ist. Ein Geschenk Gottes, ein Geschenk der Natur, ein Geschenk des Lebens. Sexualität ist positive Energie, die den Menschen in der einen oder der andern Form gegeben wird. Sie ist per se gut, und nur durch Homophobie kann sie in den Ruch des Schlechten oder Bösen kommen.

Manchmal denke ich, dass mein Vater in Bezug auf meine Veranlagung schon Misstrauen verspürte, als ich noch klein war. Ich wüsste gerne, wie er bei meinem Coming-out reagiert hätte. Hätte er vielleicht gesagt: »Ich hab’s immer gewusst«, »Ich hatte schon immer den Verdacht« – oder auch: »Ich hab’s immer befürchtet«? Heute, nach so vielen Jahren, in denen er ohne Berechtigung so fern von mir war, kann ich mir aber nicht mehr vorstellen, wieder eine wie auch immer geartete Beziehung mit ihm aufzunehmen. Es ist, als wäre er gestorben. Ich glaube nicht an diese Geschichte von der »Blutsverwandtschaft«, die dich gegen alle Widerstände zu jemandem hintreibt, auch wenn dieser Jemand dich lange, zu lange, ignoriert und missachtet hat.

Ich liebte meinen Bruder und meine Schwester. Heute denke ich bisweilen, dass es mir nicht immer gelungen ist, das meinem Bruder hinreichend zu zeigen, und das tut mir leid. Vielleicht war ich genau wie mein Vater. Vielleicht ließ mich auch das Gefühl, dass er der Lieblingssohn war, auf Distanz zu ihm gehen. Meine kleine Schwester hingegen überschüttete ich mit Zuwendungen jeder Art: Ich kümmerte mich liebevoll um sie, beschützte sie, gab quasi einen Ersatzvater für sie ab. Instinktiv wurde in mir der Drang wach, für meine Familie zu sorgen, nachdem wir verlassen worden waren. Ich fühlte mich für ihren Unterhalt verantwortlich, mein einziger Wunsch war, dass sie glücklich würden. Ihnen zuliebe verzichtete ich auf alles Mögliche, ich versuchte ihnen das tägliche Leben zu erleichtern, ihnen ein Gefühl von Sicherheit zu vermitteln. Jahre später half ich anderen Menschen auch in Bezug auf ihre Ausbildung. Ich selbst war in meinem Leben Wohltätern begegnet, die meine eigene Ausbildung gefördert hatten, deswegen hielt ich es für meine Pflicht und Schuldigkeit, auf einen Teil meines Gehalts zu verzichten, um anderen das Studium zu ermöglichen – so wie es mir selbst von Fremden ermöglicht worden war. Ich wollte für die anderen da sein. Manchmal kommt es mir heute so vor, als hätte ich mir zu viel zugemutet, mir selbst zu große Opfer abverlangt. Doch würde ich alles wieder genauso machen. In jenen Jahren hatten meine Geschwister und ich unser Glück gefunden, eine Art von äußerer und innerer Stabilität erlangt. Was ich für meine Lieben tat, scheint mir im Rückblick die Manifestation einer für einen Homosexuellen typischen Liebe zu sein: bisweilen überschäumend, von barockem Überschwang, übersteigert. Es war beinahe so, als ob ich ganz unbewusst danach strebte, ihre Billigung zu erwerben, die Zustimmung zu der Person, die ich wirklich war, zu meinem wahren Ich, von dem sie aber nichts wussten.

Immer wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, frage ich mich, ob ich nicht alles zu energisch und rigoros anging. Ich war immer ernst, wirkte wie vor der Zeit gereift. Ich gestand mir nie das zu, was ein Kind sich eigentlich zugestehen sollte. In einem gewissen Sinn bin ich von allerfrühester Jugend an erwachsen gewesen. Vielleicht wollte ich mich auf diese Weise verstecken, eine Mauer zwischen meiner empfindlichen und empfindsamen Seele und der Welt errichten. Zu jener Zeit bekamen alle katholischen Kinder eingetrichtert, dass man nichts als Abscheu vor Männern empfinden dürfe, die andere Männer liebten. Grauen, Ekel vor ihrer Lasterhaftigkeit oder »Verworfenheit«, um einen von der Philosophin Julia Kristeva verwendeten Ausdruck aufzunehmen.11 Ich habe den Glauben meiner Familie und die von meiner Kirche propagierten Glaubenssätze immer ernst genommen. Doch vielleicht hat mich gerade die Kirche verwirrt, was die Liebe zum eigenen Ich betraf. Ich machte mir das Gebot, seinen Nächsten zu lieben wie sich selbst, ohne zu zögern zu eigen, aber zugleich war ich skeptisch, was die Liebe der Männer der Kirche zu sich selbst und zu ihrem eigenen Wesen betraf.

Als ich vor einiger Zeit meiner Mutter offenbarte, dass ich homosexuell sei, war ich überrascht über ihre Antwort. Sie reagierte nicht auf die Art und Weise, die der Denkweise der Kirche entsprochen hätte, sondern auf eine, aus der ihre grenzenlose Liebe zu mir sprach. Sie sagte immer wieder, sie könne sich nicht vorstellen, wie sehr ich wegen »jener Sache« gelitten hätte und wie viel Schmerzen mir ein Geheimnis bereitet haben müsse, das ich so lange mit herumgetragen hätte. Sie wollte wissen, warum ich nicht schon früher, als Heranwachsender, mit ihr darüber gesprochen hätte. Ich fand nicht die richtigen Worte, um es ihr zu erklären. Mir fiel nichts Besseres ein, als auf ihrem Computer den Link zu dem Fernsehfilm Prayers for Bobby (Gebete für Bobby) zu hinterlassen, der auf der wahren Geschichte von Mary Griffith, einer gläubigen Christin, basiert. Er handelt im Wesentlichen davon, wie diese Frau nach dem Selbstmord ihres geliebten schwulen Sohnes mühsam zu einem Verständnis für dessen sexuelle Veranlagung gelangt. Dieser Film macht einige der Gründe deutlich, aus denen ich bis zu jenem Augenblick meiner Mutter meine Homosexualität nicht hatte eingestehen können oder wollen: So wie Mary Griffith es mit ihrem Bobby gemacht hatte, hätte unsere Kirche versucht, mich zu »heilen«. Vielleicht hätte die Kirche den heiligen Sebastian um ein Wunder gebeten, dem ja mein Problem wohl nicht unbekannt war. Doch der Hauptgrund war der, dass man zu jener Zeit so gut wie nie über Homosexualität redete. Die Kirche erlegte es den Gläubigen auf, über alles Anrüchige, über alles, was nicht »sein durfte«, zu schweigen. Homosexualität kam nur in geschmacklosen Witzen und Zoten vor, mit denen man sich über Schwule lustig machte.

Überdies wollte ich Priester werden, was bedeutete, dass ich homophob zu sein hatte. Ich musste jene teuflische Ausgeburt der modernen Gesellschaft hassen, vor der nur die katholische Kirche und die diktatorischen kommunistischen Regimes – was dies betraf, paradoxerweise verbündet – die Menschen schützen konnten. Auch ich war von jenem vernichtenden Urteil über alle diese Perversen wie durchtränkt: Ich wusste, dass Homosexualität das Böse schlechthin verkörperte, ein entsetzliches Laster, gegen das ich natürlich gefeit war. Deswegen konnte das, was ich in mir verspürte, zwangsläufig nicht real sein, es musste auf einer Täuschung beruhen oder sich um ein vorübergehendes Gefühl handeln, das binnen Kurzem wieder vergangen sein würde. Überzeugt, dass es nichts als eine Gefühlsverwirrung war, unter der Pubertierende leiden, machte ich mir vor, dass mein Hingezogensein zu anderen Knaben nur auf einen natürlichen Drang zurückzuführen war, mich mit ihnen zu messen. Heute würde ich, bevor ich mich zum Priester weihen ließe, vermutlich lange darüber nachdenken, ob eine religiöse Institution, die das Wesen des Menschen so erbärmlich schlecht kennt, überhaupt berechtigt ist, ihm Vorschriften bezüglich seines Verhaltens, nicht nur des sexuellen, zu machen. Doch damals versuchte ich nur, mir einzureden, dass an meinem homosexuellen Verlangen nichts »echt« war. Ich verbarg es vor mir selbst, tat es als etwas Ephemeres und Irreales ab, als momentane Verirrung oder im schlimmsten Fall eine temporäre Erkrankung. Vor allem aber war es eine Sünde. Für das katholische Denken sind die wirklich schweren Sünden solche, die mit Sexualität zu tun haben, und es gibt keine schwerere als jene, als Mann Gefallen an anderen Männern zu finden. Das ist eine Sünde, für die es noch nicht einmal eine Bezeichnung gibt. »Jene Sache« hat keinen Namen …

Meiner Familie war immer ein gewisser Grad an »Noblesse« zu eigen. Wir pflegten unsere Eltern zu siezen, eine veraltete, aus der Mode gekommene Sitte. Mir ist es aber nie so vorgekommen, als würde diese förmliche Art der Anrede eine Distanz zwischen ihnen und uns schaffen oder unserem Umgang – vor allem dem mit unserer Mutter – eine »offizielle« Note verleihen. Sie war meine beste Freundin, meine Vertraute – wenn man von »jener Sache« absieht. In den letzten Jahren, seit ich mit meiner Mutter vor allem über Skype und WhatsApp kommuniziere, finde ich es jedoch immer verkrampfter, mich in meinen kurzen und knappen, dafür aber umso häufigeren Botschaften auf diese Weise an sie zu wenden. Ich weiß jedoch, wie viele Eltern meine Mutter um diese Bekundung von Sohnesliebe und Respekt beneiden würden. Ihre Enkel gehen zum Glück direkter mit ihr um.

Im Laufe der Zeit entwickelte meine Mutter ein Faible für auffallende, große und spektakuläre Hüte. Ich machte es ihr bald nach, und stülpte mir einen schwarzen Hut auf den Kopf. Wie mir ihre Hüte gefielen! Sie waren bunt, elegant, ganz unterschiedlich geformt, manchmal klassisch-nobel, manchmal extravagant. Einige schenkte ich ihr. Nach ein paar Jahren begann sie dann kleinere und sportlichere Modelle zu bevorzugen, vielleicht, weil sie letztlich doch eine modere Frau war, die zwar nie die tägliche Messe versäumte, aber auch jeden Tag zur Gymnastik ging.

Alles in allem habe ich keine unglückliche Kindheit gehabt. Zu meinen angenehmsten und unbeschwertesten Erinnerungen gehören die an die Ferien, die wir in Hamburg bei meiner Tante oder in London bei meinem Onkel verbrachten. Die Schwester und der Bruder meines Vaters – die auch meine Taufpaten gewesen waren – hatten einen deutschen Protestanten beziehungsweise eine englische Katholikin geheiratet. Beide unterschieden sich von ihrer Wesensart her stark von meinem Vater. Sie waren Ärzte und erlagen leider beide, als sie erst um die vierzig waren, einem unheilbaren Leiden. Ich träumte das ganze Jahr über von den Ferien im Westen, denn dort war ich glücklich. Ich identifizierte mich spontan mit diesem freien und modernen Europa, wo es ganz anders zuging als in Polen. Vor allem Hamburg mit der Alster gefiel mir. Unsere Verwandten wohnten ganz in der Nähe des Alstersees. Ich träumte von den prächtigen Häusern, den Gärten, den gepflegten Straßen, den Geschäften, aber auch von der Sonntagsmesse, die nicht mit so viel Pomp zelebriert, sondern auf eine viel nüchternere Art und Weise gefeiert wurde als bei uns. Ich beneidete die Menschen dort darum, dass der Arbeitsbeginn so viel später lag. Auf diese Weise blieb ihnen Zeit für ein geruhsames Frühstück, was im kommunistischen Polen, wo der Arbeitstag so rigide durchgetaktet war, undenkbar war. Als ich klein war, nahmen meine Verwandten mich zu einer Ausstellung der Werke von Andy Warhol mit: Es war das erste Mal, dass ich die Arbeiten eines Künstlers sah, der homosexuell war (ein Faktum, das ich damals, wie es sich für einen braven Katholiken gehörte, ignorierte). Irgendwann identifizierte ich mich derart mit dieser freien westlichen Welt, dass ich davon zu träumen begann, in dieser Welt leben zu können. Ich hoffte, dass meine Zeit im tristen Polen, auf mein ganzes Leben bezogen, nur eine kurze Episode darstellen möge.

Meine Tante hatte liberale Vorstellungen, die mich gleichzeitig aufwühlten und mir Unbehagen bereiteten. Sie hinterfragte vieles, zog überlieferte Ansichten in Zweifel, liebte die Kunst. Sie machte mich mit der Feldenkrais-Methode12 zur Ausbildung von Bewusstheit durch Bewegung bekannt. Außerdem besaß sie eine großartige Sammlung von Bildern polnischer Malerinnen, an der ich mich immer wieder erfreuen konnte. In Gesprächen mit meiner Tante versuchte ich, obwohl ich so feste religiöse Überzeugungen hatte, mich nicht vor ihren Zweifeln zu verschließen, ich bewunderte ihren Mut, alles zu relativieren, die Selbstverständlichkeit, mit der sie, um mit Milan Kundera zu sprechen, die »Leichtigkeit des Seins« im freien Westen »ertrug«. Ich wollte mit ihr diskutieren, ich mochte ihre geistige Unruhe, es faszinierte mich, dass sie über Klischees und stereotype Vorstellungen erhaben war und damit um Lichtjahre vom Provinzialismus des polnischen Katholizismus entfernt.

Bei uns daheim wimmelte es immer von Freunden meines Vaters. Es schien beinahe, als würden sie größere Anrechte besitzen, sich in unserer Wohnung aufzuhalten, als wir selbst. Etwas Besonderes war die Bibliothek meiner Mutter, die zahlreiche klassische Werke polnischer und ausländischer Autoren umfasste, außerdem viele Kunstbücher, denen meine besondere Leidenschaft galt. Ich war gewissermaßen im Schatten dieser Bücher aufgewachsen und von ihnen geprägt worden. Die Sammlung schloss auch die Werke von Miron Białoszewski13 ein. Später kam auch dessen erst 2012, also fast dreißig Jahre nach seinem Tod veröffentlichtes Tajny dziennik (Das geheime Tagebuch) hinzu. Die persönlichen Erfahrungen dieses Dichters gehören zu den interessantesten, die Homosexuelle unter und mit einem kommunistischen Regime machten: Ihm gelang es jahrelang, mit seinem Lebensgefährten unter einem Dach zu wohnen. Aus den Büchern Białoszewskis, die ich bei uns zu Hause vorfand, erfuhr ich aber natürlich nichts darüber, und erst Jahre später entdeckte ich die Berichte über seine Reisen nach New York, las ich über sein »Berauschtsein« von der Freiheit, die die gay people dort genossen und die seine Aufenthalte in der Stadt so »heilsam«, geradezu rettend für ihn werden ließ. Auch von ihm wusste, genau wie von mir, niemand, dass er schwul war.

Als Homosexueller bin ich lange überzeugt gewesen, keine eigene Familie haben zu können – außer der natürlich, der ich selbst entstammte und die ich überdies sehr liebte. Heute weiß ich jedoch, dass es den Schwulen keineswegs auferlegt oder beschieden ist, in einer Gesellschaft, die Heterosexualität als Norm ansieht, ausschließlich für die eigenen Eltern, Geschwister, Onkel oder Tanten da zu sein. Alle schwul-lesbischen Personen haben, wie jeder andere Mensch, das Recht, eine eigene Familie zu gründen. Auf unserem kleinen Planeten streben alle, mit größerem oder geringerem Erfolg, danach, geliebt zu werden und ihrerseits zu lieben und nicht allein zu bleiben, denn die Natur drängt uns dazu, uns mit anderen zu vereinen. Einen schwulen Mann oder eine lesbische Frau daran zu hindern, dieses natürliche Verlangen zu befriedigen, ist grausam und herzlos.

Heute weiß ich, dass es für Homosexuelle Familien ihrer eigenen Wahl geben kann: Vielen meiner Freunde, die von den Familien, denen sie entstammen, abgelehnt werden, ist es gelungen, sich in neue Gemeinschaften zu integrieren, sich mit anderen zusammenzuschließen, und zwar auch noch auf andere Weise als durch die Heirat mit dem jeweiligen Lebensgefährten. In solchen Gemeinschaften finden sie, Gott sei Dank, endlich Anerkennung. Die Katholiken haben recht, wenn sie immer wieder erklären. dass die Familie die Keimzelle der Gesellschaft sei, gleichzeitig versuchen sie aber, die aus zwei Homos oder zwei Lesben gebildeten Familien ideologisch zu vernichten. Doch diese Gemeinschaften regenerieren sich, sie werden wiedergeboren, sie leben wieder auf. Schwule und Lesben, die von ihren Eltern und Geschwistern abgelehnt, ausgeschlossen, verlassen oder auch einfach bemitleidet werden, sehnen sich danach, eigene Familien zu gründen. Oft tun sie sich andernorts mit Leuten zusammen, die ihnen so wohlgesinnt sind, wie Katholiken es den Geboten ihres Glaubens entsprechend gegenüber allen anderen Menschen sein müssten. Auf diese Weise bilden sich familienähnliche Gemeinschaften von Menschen, die niemanden hassen, erniedrigen oder verurteilen, sondern einfach nur … lieben. Über das, was eine Familie ausmacht, über die Zuneigung, den Respekt und die Treue, die zwischen ihren Mitgliedern herrschen sollten, habe ich von Homosexuellen mehr gelernt, als meine Kirche mir mit ihren abstrakten Lehren beibringen konnte. Schwule und Lesben sehnen sich genau wie die Heterosexuellen nach dem Gefühl von Sicherheit und Wärme, das ein Leben in einer Familie vermittelt.

Also lösen diese jungen Leute sich von ihren ursprünglichen Familien, um glücklich sein zu können oder um sich zumindest von der Unterdrückung durch ihre Mütter zu befreien, die aus Angst vor dem, was andere »denken« könnten, zittern und denen es nicht gelingt, das Irrationale an den ihnen oktroyierten religiösen Überzeugungen zu erkennen. Sie distanzieren sich von den Vätern, die bereit sind, sie zu verleugnen, und es besser fänden, sie wären tot, und von den anderen Familienmitgliedern, die hoffen, das lästige »Problem« würde durch irgendeine von Gott gesandte Seuche ein für alle Mal aus der Welt geschafft werden. Wie viele von ihnen haben ihre eigenen Verwandten hinter ihrem Rücken sagen hören: »Er ist eine kranke, perverse Schwuchtel« oder: »Sie ist eine abartige, spinnerte Lesbe … Sie ist von sich aus gegangen. Es ist nicht so, dass wir sie davongejagt hätten.« Leider schaffen es einige Homosexuelle ihr Leben lang nicht, sich von solchen Stimmen zu befreien, diese hallen ihnen ständig in den Ohren und treiben sie zur Verzweiflung.

Schwule und Lesben werden immer in der Minderheit sein. Doch das darf nicht dazu führen, dass die heterosexuelle Mehrheit denkt: »Wir sind in der Überzahl. Die Minderheit darf zwar tun, was sie will, aber sie soll gefälligst unsichtbar bleiben. Wir werden ihnen nie irgendwelche Rechte zugestehen.« Noch heute ist in vielen Familien, in vielen religiösen Gemeinschaften alles so, wie es immer war. Meine Kirche stellt die Homosexuellen immer noch als bestialische und gefährliche Feinde der Familie dar, als Zerstörer des häuslichen Harmonie und der Ehe. Doch paradoxerweise sehnen sich Schwule und Lesben oft mehr danach, eine eigene Familie zu gründen, als viele Heterosexuelle. Sie wünschen sich, ein normales, friedliches Alltagsleben führen zu können, ohne Angst davor haben zu müssen, zu sagen, wer oder was sie sind.

Ein ganz gewöhnliches Leben, in dem man ihnen ihre Würde lässt und sie in ihrer Andersartigkeit respektiert. Die Würde, die jede Person in ihrer Andersartigkeit besitzt.