cover

»In dieser eigenartigen Gemengelage … ein angenehm bodenständiger Situationsbericht.«

»Ja! Man muss und darf auch das erzählen.«

»Ich danke Ihnen für Ihr Engagement und Ihre Ehrlichkeit gleichermaßen.«

»Das ist es, was wir brauchen, dieses reflektierte Denken, das hilft, die Ursachen von Problemen überhaupt erst zu erkennen.«

Leserstimmen zu Ann-Kathrin Eckardts Essay »Gute Menschen«, veröffentlicht in der Süddeutschen Zeitung im Dezember 2015

Eineinhalb Jahre nach den Willkommensszenen und dem Merkel’schen Glaubensbekenntnis »Wir schaffen das« stellt sich die Frage, wie wir das alltägliche Zusammenleben mit den Flüchtlingen bewerkstelligen können. Wie die unterschiedlichsten Mentalitäten mit der unseren zu vereinen sind und wie die vielen Menschen nicht nur ein Leben in Frieden und Freiheit finden, sondern auch ein Obdach und Arbeit. Die SZ-Redakteurin Ann-Kathrin Eckardt, die für ihren Essay »Gute Menschen« zahlreiche bestärkende Leserstimmen erhalten hat, zieht hier eine ehrliche und schonungslose Bilanz ihres Engagements in der Flüchtlingshilfe – eine wichtige, authentische Stimme in der Debatte um gelingende Integration.

Ann-Kathrin Eckardt

FLUCHT

UND

SEGEN

Die ehrliche Bilanz
meiner Flüchtlingshilfe

Pantheon

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Erste Auflage

März 2017

Copyright © 2017 by Pantheon Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Straße 28,
81673 München

Umschlaggestaltung: total italic, Thierry Wijnberg, Amsterdam/Berlin, unter Verwendung einer Abbildung von © Shutterstock Images LLC

Porträtfoto: Thomas Dashuber, München

Gestaltung und Satz: Andrea Mogwitz/Pantheon

Gesetzt aus der Minion

Für die Darstellung der Emojis wurde die Schrift »EmojiOne« verwendet, www.emojione.com, lizenziert unter Creative Commons BY 4.0

ISBN 978-3-641-20514-0
V001

www.pantheon-verlag.de

Für Nadja und Hazal

Inhalt

EINLEITUNG

1 HELFEN

Parship für Paten – wie alles begann

Refugees Welcome – wie es zum Wunder von München kam

Deutschland in der Helferrolle – die Gründe der Hilfsbereitschaft

2 ERWARTEN

Pfefferspray und Terrorismus – die Befürchtungen der Deutschen

Pünktlichkeit und Dankbarkeit –die falschen Erwartungen der Helfer

Profi-Fußballer und Haus mit Garten – die falschen Erwartungen der Flüchtlinge

Wenn Seifenblasen platzen – Ernüchterung auf beiden Seiten

Zu viel des Guten – die Fehler der Helfer

3 WOHNEN

Vier-Zimmer-Flüche-Bad – eine missglückte Wohnungsübergabe

Heute Flüchtlingsheim, morgen Musikschule – die neue Art, langfristig zu denken

Stadt, Land, Ghetto – wo sollen die Neuen wohnen?

Den Flüchtlingen sei Dank – wie Städte beim Wohnungsbau den Turbo einschalten

Staffelmiete, Abschlagszahlung, Mülltrennung – die erste eigene Wohnung

4 LERNEN

»Ich komme mit die Asaban« – warum Deutschlernen vielen so schwerfällt

»Anna, ich verstehe nicht« – von der Schwierigkeit, das Lernen zu lernen

Im Schnelldurchlauf zum Schulabschluss –die Integrationspioniere von der Schlau-Schule

Integration im Klassenzimmer – wie die Schulen Schule machen

Von der Realität zur Normalität –warum wir unser Bildungssystem neu denken müssen

5 ARBEITEN

»Wir wollen arbeiten, unbedingt!« – warum manche Neuankömmlinge es schaffen und andere nicht

Putzen statt Jura – warum viele Flüchtlinge lieber arbeiten wollen, statt zu lernen

Falsche Förderung – wo Fördergelder versanden

Mahlzeit! – wie unsere kulturelle Prägung unsere Arbeitswelt beeinflusst

Flüchtlinge als Kollegen – drei ehrliche Erfahrungsberichte

6 FRAU SEIN, MANN SEIN

»Sie muss jetzt einen Jungen bekommen!« – vom ungleichen Verhältnis der Geschlechter

Schnurrbart oder Tod – wie die Religion das Rollenverständnis prägt

»Das versteht nur, wer selbst Kinder hat« – zwei Aha-Erlebnisse

Gebrochene Flügel – der schwere Neustart in das Leben als gleichberechtigte Frau

Machtverlust und Provokation – der schwere Neustart in das Leben als gleichberechtigter Mann

7 INTEGRIEREN

Deutschland – Einwanderungsland wider Willen

Gelungene Integration – was ist das eigentlich?

Rosis Verderben – eine Frage der Werte

Bruchreif – eine Entfremdung von Vater und Sohn

Because it’s 2017 –zehn Vorschläge zur besseren Integration

SCHLUSS

DANK

ANHANG

Glossar

Nützliche Links

Lösungen

EINLEITUNG

Freitag, 22. Juli 2016

Als ich diese Whatsapp von Nadja erhalte, bin ich, wie so viele Menschen an diesem Abend, gerade auf der Flucht. Mit Mann und Kindern versuche ich, aus einem Schwabinger Hinterhof zu unserem Auto zu gelangen, das eine Straße weiter steht. Anders als so viele Menschen an diesem Abend fliehen wir allerdings nicht vor den »vermutlich drei bewaffneten Tätern«, die ein Riesenaufgebot der Münchner Polizei seit dreieinhalb Stunden jagt. Wir wollen nur von einem Grillfest nach Hause. Seit zwei Stunden will uns der Gastgeber nicht gehen lassen. Viel zu gefährlich! Wir müssen uns heimlich aus dem Hinterhof stehlen.

Es ist der Abend im Juli 2016, an dem sich nach einer Schießerei im Olympia-Einkaufszentrum die ganze Stadt, das ganze Land in Terrorlage wähnt. Es ist der Abend, der klarmacht, wie sehr der islamistische Terror unsere Wahrnehmung verändert hat, der Abend, der die Achillesferse unseres Landes offenbart.

Schweigend gehen mein Mann und ich die fünfhundert Meter zum Auto, jeder mit einem Kind auf dem Arm. Wir hasten nicht und gehen doch schneller als sonst. Ich bin kein ängstlicher Mensch, die unzähligen Nachrichten von Freunden, die sich in den vergangenen Stunden »in Sicherheit« gemeldet haben oder wissen wollten, ob man selbst in Sicherheit sei, habe ich noch ziemlich unbedacht beiseitegewischt. Doch auf dem Weg zum Auto beschleunigt sich auch mein Puls. Im Minutentakt rasen Polizeiautos und Krankenwagen an uns vorbei, über uns zieht ein Hubschrauber adlergleich seine Kreise. Auf den Kufen: Scharfschützen.

Selbst mit Kind auf dem Arm schaue ich ständig auf mein Handy. Ich kann, was Nadja nicht kann: mich informieren. Die Münchner Polizei twittert an diesem Abend unaufhörlich, bittet die Bevölkerung, zu Hause zu bleiben, informiert auf Deutsch, Englisch und Französisch. Nadjas Muttersprache ist Kurmandschi, eine der drei kurdischen Sprachen. Auf Twitter ist sie nicht. Für die Tagesschau ist ihr Deutsch zu schlecht. Und noch etwas unterscheidet uns in diesem Moment: Nadja ist Jesidin. Islamistische Terroristen haben bereits Tausende ihrer Landsleute misshandelt, vergewaltigt, getötet. Selbst Kinder haben sie vor den Augen ihrer Eltern zu Tode gefoltert. Nadjas Angst ist kein mulmiges Gefühl wie bei mir. Nadjas Angst hat einen realen Hintergrund. Ich versuche, sie zu beruhigen.

Sicherheit – was für ein großes Wort in diesen Zeiten. Nadja und ihr Mann Jusuf haben schon einmal versucht, sich vor islamistischen Fanatikern in Sicherheit zu bringen. Sie haben dafür ihre Familien, ihr Dorf in Nordirak, ihr Land verlassen. Mitte zwanzig waren sie damals, frisch verheiratet. Sieben Jahre ist das her. Inzwischen haben sie zwei Töchter, einen Sohn und eine Patin – mich.

Am nächsten Morgen: Trauer im ganzen Land. Zehn Menschen sind gestorben, darunter der 18-jährige Täter. Er hat sich umgebracht. Aber auch: ein Anflug von Erleichterung. Es war »nur« ein Amoklauf, die Einzeltat eines gemobbten Schülers. Kein islamistischer Terror. Kein zweites Paris.

Und doch ändert sich etwas in diesen Juli-Tagen 2016. Der Amoklauf in München hat deutlich vor Augen geführt, wie angespannt die Nerven der Menschen sind. Viele Münchner glaubten in der Nacht des Amoklaufes auf einmal, Schüsse in ihrer Nähe gehört zu haben. Am Ende dieser Nacht hatte die Münchner Polizei nach Notrufen 67 Tatorte aufgenommen, 65 Schießereien und zwei Geiselnahmen. Alles Falschmeldungen – bis auf eine.

München ist nur eine von drei Schreckensmeldungen, die Deutschland innerhalb einer Woche erschüttern. Vier Tage zuvor hat ein unbegleiteter minderjähriger Flüchtling fünf Menschen in einem Regionalzug bei Würzburg mit einer Axt und einem Messer attackiert und eine Familie aus Hongkong teils schwer verletzt. Zwei Tage später wird ein abgelehnter syrischer Flüchtling bei einem Musikfestival im fränkischen Ansbach eine Splitterbombe zünden und 15 Personen verletzen. Der Täter selbst wird bei diesem Anschlag sterben. Und anders als den Amoklauf in München wird die Polizei die Taten in Ansbach und Würzburg später als »islamistisch motiviert« bezeichnen.

Verglichen mit Frankreich und Belgien kommt Deutschland in diesem Sommer 2016 zwar mit dem Schrecken davon. Doch die Anschläge haben klargemacht: Es kann überall passieren, nicht nur in den Großstädten, sondern auch auf dem Land. Und: Die Gefahr geht nicht nur von Selbstmordattentätern aus, die als Flüchtling getarnt die deutsche Grenze passieren. Mindestens ebenso gefährlich sind enttäuschte Flüchtlinge, die sich erst in Deutschland radikalisieren. Ähnlich wie nach den zahlreichen Übergriffen in der Silvesternacht in Köln und Stuttgart ist deutlich zu spüren: Angst und Misstrauen gegenüber Flüchtlingen nehmen zu. Es werden nicht die letzten Anschläge und Gewalttaten sein, die von Flüchtlingen verübt werden.

Ändern die Anschläge auch etwas an meinem Flüchtlingsengagement? Ich stelle mir diese Frage nicht selbst, es ist Susan Link, die Moderatorin des ARD-Morgenmagazins, die das ein paar Tage später von mir wissen will. Bevor mich die Redaktion des Morgenmagazins kontaktiert hat, war mir der Gedanke noch gar nicht in den Sinn gekommen. Dabei ist es nicht so, dass ich meine Flüchtlingshilfe noch nie infrage gestellt hätte. Mehr als einmal habe ich gedacht: Warum mache ist das eigentlich?

Ich weiß nicht mehr genau, wann der erste große Frust kam. Sicher aber weiß ich noch: Als Deutschland in den Spätsommermonaten 2015 sein zweites Sommermärchen erlebte; als an manchen Tagen 13000 Flüchtlinge ins Land kamen und an den Bahnhöfen in München, Dortmund, Hamburg oder Frankfurt mit tosendem Applaus empfangen wurden; als mehr Menschen helfen wollten, als es überhaupt zu helfen gab, und halb Deutschland seinen Kleiderschrank ausmistete, war ich zwar voller Bewunderung für unser Land. Aber ich war nicht euphorisch. Nicht mehr.

In den ersten Monaten als Flüchtlingshelfer macht man nämlich einen ziemlich guten Deal. Man gibt: ein bisschen Zeit, ein wenig Geld, ein paar ausrangierte Klamotten. Man bekommt: Dankbarkeit, einen erweiterten Horizont und endlich wieder Platz im Kleiderschrank. Aber es bleibt nicht so. Irgendwann kommt bei fast allen – Flüchtlingen, Helfern, Behördenmitarbeitern – der Frust. Weil alles viel zu langsam geht. Weil die Bürokratie so viel Zeit und Nerven frisst (auch die der Behördenmitarbeiter). Weil nur die wenigsten Flüchtlinge ihre Familie nachholen können. Weil für manche Flüchtlinge vor dem ersten festen Job dann doch erst ein großer Fernseher hermuss. Und obwohl man als Helfer durchaus Etappensiege erreicht – eine neue Wohnung, einen Kindergartenplatz, einen Minijob –, wird schnell klar: Integration ist kein Sprint. Eher ein Ultra-Marathon mit dem Wunsch, auch einfach mal kurz stehen zu bleiben.

Als ich Nadja und Hazal – auch Hazal ist Jesidin, auch ihre Familie unterstütze ich – vor drei Jahren kennenlernte, war der ganz große Flüchtlingstreck noch ein winziger Punkt in weiter Ferne. Unter dem Brennglas der Medien schwoll er im Sommer 2015 zu einem Strom, zu einer Welle, einer Flut an.1 Um im Bild zu bleiben: Ich schwimme mit meinen Familien sozusagen etwas vor der großen Welle. Hazal, ihr Mann und die Kinder sind bereits eingebürgert. Nadjas Mann und ihre drei Kinder haben eine langfristige Aufenthaltserlaubnis. Nur Nadja noch nicht. Fast alle sprechen so gut Deutsch, dass ich mich mit ihnen unterhalten oder zumindest verständigen kann. Doch wie beim Schwimmen im Meer müssen auch wir immer wieder gegen den Rücksog der Wellen ankämpfen. Man könnte auch sagen: Wir gehen oft zwei Schritte vor und einen zurück. Als ich zum Beispiel Nadjas älteste Tochter Lana kennenlernte, war sie drei, ihr einziges deutsches Wort: »Schettaming«. Heute kann sie nicht nur ihr Lieblingstier richtig benennen, sondern bei unseren gemeinsamen Zoobesuchen auch fast alle anderen Tiere. Ihre Deutschfortschritte machen mich glücklich und zuversichtlich.

Zwei Tage nach dem Zoobesuch bekomme ich eine Whatsapp von Nadja: »Komme mit die Asaban«. Und ich denke mir: Müsste man nach sieben Jahren in Deutschland nicht wissen, wie man S-Bahn schreibt? Wieder einmal wird mir bewusst, wie weit ein Schulabschluss noch entfernt ist.

Die ernüchternden Momente habe ich lange für mich behalten. Im Bekannten- und Freundeskreis habe ich lieber von gemeinsamen Weihnachtsfeiern oder lustigen Missverständnissen erzählt. Ich wollte keine Vorurteile zementieren, keine Ängste schüren. Vielleicht habe ich aus Selbstschutz auch manchmal weggeschaut. Außerdem gilt wie bei den meisten Idealisten auch unter vielen Flüchtlingshelfern das ungeschriebene Gesetz: Man klagt nicht – höchstens mal über Wartezeiten beim Asylantrag oder unverständliche Behördenschreiben. Aber öffentlich Unverständnis oder gar Unmut über die eigenen Schützlinge äußern? Lieber nicht.

Genau das jedoch ist eines der Hauptprobleme in der Flüchtlingsdebatte: Sie wird bestimmt von Ängsten, und zwar auf beiden Seiten. Der Angst, politisch unkorrekt zu sein oder falsch verstanden zu werden, auf der einen Seite, und der Angst vor dem Untergang der abendländischen Kultur auf der anderen.

Auch ich habe lange überlegt, ob ich dieses Buch schreiben soll – und mich schließlich dafür entschieden. Weil Dinge nicht verschwinden, nur weil man sie verschweigt. Weil andere vielleicht aus meinen Fehlern lernen können. Weil wir weitermachen müssen – auch dann, wenn der Frust kommt. Wir Flüchtlingshelfer. Und wir Deutschen. Weil es zu Integration und Engagement einfach keine Alternative gibt. Davon bin ich nach den Anschlägen von Ansbach, Würzburg und Berlin mehr denn je überzeugt.

Genau deshalb schreibe ich dieses Buch. Ich werde darin über meine Erfahrungen mit meinen Flüchtlingsfamilien berichten, über Frust und Freude, über (Selbst-)Zweifel und Hoffnung. Ich schreibe es für alle ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer und für alle, die in ihrem Alltag, im Job, in der Nachbarschaft oder im Verein auf Flüchtlinge treffen. Ich schreibe es aber auch für die Menschen, die bislang noch keine Gelegenheit, Zeit oder Lust hatten, einen Flüchtling kennenzulernen. Am Ende des Buches hat hoffentlich jeder das Gefühl, Nadjas und Hazals Familien persönlich zu kennen. Es sind, so viel sei schon verraten, trotz aller Probleme und Schwierigkeiten, die ich auf den folgenden Seiten schildern werde, tolle Familien, herzliche Eltern, fröhliche Kinder – bestens geeignet, um Berührungsängste abzubauen.

Damit ich in diesem Buch eine ehrliche (Zwischen-)Bilanz meiner Arbeit als Flüchtlingshelferin ziehen kann, ohne die Privatsphäre meiner Familien zu verletzten, gebe ich ihnen andere Namen. Auch ein paar Details habe ich zu ihrem Schutz verändert. Doch es wird in diesem Buch nicht nur um Nadja, Hazal und ihre Familien gehen. Auch Erlebnisse mit anderen Flüchtlingen, die ich zum Beispiel für Reportagen getroffen habe, werden mit einfließen, ebenso wie die Erwartungen und Erfahrungen anderer ehrenamtlicher Helfer aus ganz Deutschland. Damit auch sie frei erzählen können, nenne ich meist nur ihre Vornamen. Da ich ihre Aussagen und Erzählungen in diesem Buch nur stark verkürzt wiedergeben kann, habe ich mich meist auf die Probleme konzentriert. Was bei allen Protokollen dazugedacht werden muss, sind die Begeisterung und Freude, mit denen fast alle Helfer ihr Engagement betreiben.

Außerdem werde ich für dieses Buch hauptamtliche Flüchtlingshelfer, Wissenschaftler, Stadtplaner, Lehrer, Migranten und Flüchtlinge interviewen. Menschen, die gerade erst hier angekommen sind, ebenso wie solche, die schon länger bei uns leben. Ich möchte Antworten auf Fragen finden, die ich mir in den vergangenen drei Jahren oft gestellt habe:

Woher kommen die überzogenen Erwartungen der Flüchtlinge?

Woher unsere?

Wie vehement soll, muss, darf ich unsere Werte verteidigen?

Was sind überhaupt unsere Werte?

Wie kann ich Nadja und Hazal beim Deutsch- und Mathelernen helfen?

Wie viel Nähe tut einer Patenschaft gut?

Kann man sie auch wieder beenden?

Wenn ja, wie?

Und wann?

Wenn die Geflüchteten irgendwann integriert sind?

Was bedeutet Integration überhaupt?

Im Februar 2016 kam unser zweiter Sohn auf die Welt. Seit ich in Elternzeit bin, kann ich Nadja und Hazal endlich wieder öfter treffen – und auch ein paar Fortbildungen besuchen. Dafür hat mir bislang die Zeit gefehlt, und ehrlicherweise habe ich es auch nicht für notwendig erachtet. Doch inzwischen bin ich schon manches Mal an meine Grenzen gestoßen. Ich will mir deshalb Rat von Profis holen. Ich werde interkulturelle Trainings, Werte-Seminare und andere Vorträge zum Thema Flüchtlinge besuchen und mein eigenes Handeln, meine Erwartungen in einer Supervision hinterfragen.

Jedes der sieben Kapitel wird sich einem der großen Flüchtlings-Themenfelder widmen, den überzogenen Erwartungen, der Hilfe, dem Wohnen, Lernen, Arbeiten, der Frauen-Männer-Rolle und schließlich der Integration.

Doch zunächst haben Nadja und Hazal das Wort. Ich habe sie gebeten, sich selbst vorzustellen (und ihr Deutsch etwas geglättet). Ohne ihr Einverständnis könnte ich dieses Buch nicht schreiben. Ohne ihre Familien wäre ich um viele Erfahrungen ärmer. Ohne sie wäre mein Blick in die Zukunft sicherlich um einiges pessimistischer.

Nadja, 29: »Mein Vater hat immer gesagt: Entweder wir gehen zusammen, oder wir bleiben zusammen hier. Wir waren zehn Kinder zu Hause, sechs Jungs und vier Mädchen. Für Jesiden ist das eine kleine Familie. Ich bin in einem Dorf in der Nähe der nordirakischen Stadt Mossul aufgewachsen. Meine Familie hatte zwei Kühe, Schafe und viele Hühner. Wir waren nicht arm, aber auch nicht reich. In unserem Dorf haben nur Jesiden gewohnt, im Nachbardorf nur Christen. Wir haben uns gut mit ihnen verstanden. Mein Vater hatte auch einen Freund, der Christ war. Von ihm kommt auch mein Name.

Mit den Muslimen dagegen hatten wir schon immer Probleme. Sie sagen, wir Jesiden seien Teufelsanbeter. Schon bevor der IS bei uns eingefallen ist, haben sie uns schlecht behandelt. Wir durften zum Beispiel nur schlechte Arbeiten machen und mussten in der Schule Angst haben, entführt zu werden.

Vor etwa sieben Jahren, als die Islamisten immer stärker wurden, wurde es dann richtig gefährlich für uns. Aber um alle zusammen zu fliehen, fehlte uns das Geld. Außerdem habe ich mich ein Jahr zuvor in Jusuf verliebt. Zusammen mit seinem Bruder hatte er einen Gemüseladen direkt gegenüber vom Haus meines Opas. Jedes Mal, wenn ich meinen Opa besuchte, traf ich ihn. Öffentlich miteinander sprechen durften wir nicht. Aber auf einer Geburtstagsfeier seiner Schwester konnten wir einmal sehr lange miteinander reden. Wir wollten unbedingt heiraten. Das Problem war, dass ich eigentlich einen Cousin heiraten sollte – und dass Jusuf nicht genug Geld hatte, um das Brautgeld zu bezahlen, etwa dreitausend Dollar. Deshalb ist er nach Deutschland gegangen, um dort Geld zu verdienen. Sobald er genug beisammenhat, wollte er um meine Hand anhalten und zurückkommen.

Als er weg war, wurde die Situation für Jesiden im Irak immer kritischer. Jusuf traute sich nicht mehr zurück. Eines Abends kam seine Mutter zu uns und hat für ihn um meine Hand angehalten, mit einem goldenen Ring. Mein Vater wollte erst nicht zustimmen. Ihm gefiel vor allem nicht, dass ich dann als Einzige unserer Familie nach Deutschland gehen würde. Aber dann hat er zum Glück doch Ja gesagt. Seit August 2010 bin ich in München.

Das Erste, was mir hier aufgefallen ist, war, dass alles so grün ist. Und so ruhig. Und ein junges Pärchen, das im Zug saß und sich küsste. Ich sagte: »Jusuf, schau mal, da drüben!« Er lachte nur und sagte, das sei hier ganz normal. Das finde ich bis heute das Schönste an Deutschland: Dass hier jeder einfach machen kann, was er will, solange er niemanden stört. Ich kann hier einfach das Haus verlassen, ohne dass es jemanden interessiert, mit wem oder was ich anhabe. Bei uns im Irak wird alles genau von den Nachbarn, den Verwandten, der Familie beobachtet, kommentiert und weitererzählt. Wir haben ja auch viel mehr Zeit. Im Irak hat eigentlich jeder immer Zeit. Jeden Nachmittag habe ich mich mit meinen Freundinnen im Schatten der Bäume auf die Straße gesetzt, und wir haben gequatscht und gequatscht und gequatscht. Wenn wir jemanden besuchen, bleiben wir gleich den ganzen Tag, nicht nur ein paar Stunden, wie die Deutschen.

Was mir in Deutschland auch noch sehr gut gefällt, ist, dass alle gleich behandelt werden, egal ob Mann oder Frau, arm oder reich. Wenn ich zum Beispiel auf eine Behörde gehe und mich um 8 Uhr anstelle, dann komme ich auf jeden Fall vor dem dran, der erst um 9 Uhr kommt. Im Irak war das anders. Wenn man ein paar Geldscheine dabeihatte, dann kam man sofort dran. Auch Männer und Frauen waren nicht gleich. Wir Frauen durften zwar im Irak allein das Haus verlassen und ähnliche Klamotten tragen wie die Frauen hier. Aber wir durften keine Männer als Freunde haben, nicht mit ihnen arbeiten und nicht so lange in die Schule gehen wie die Jungs. Theoretisch zwar schon, aber meine Eltern konnten nicht für alle Kinder so lange Schulgeld bezahlen. Wir Mädchen haben deshalb nur die Grundschule besucht. Ich bin gern zur Schule gegangen. Ich habe schnell gelernt, kann Kurdisch und Arabisch lesen und schreiben. Und ich habe Computer geliebt. Als ich 18 Jahre alt war, habe ich meinen Vater so lange genervt, bis er mich bei einem Windows-Kurs angemeldet hat. Als erste Frau habe ich die Prüfung bestanden.

In Deutschland habe ich bis jetzt leider nur einen kurzen Deutschkurs besucht, denn bald nachdem ich hier war, kam unsere erste Tochter zur Welt. Zwei Jahre später die zweite. Wieder zwei Jahre später bekamen wir unser drittes Kind, zum Glück einen Sohn. Der Stammhalter ist bei uns Jesiden sehr wichtig. Aber wenn du einen Sohn hast, dann sagt die Familie zu Hause: Ein Sohn? Schön, aber du brauchst zwei, drei, vier! Sie verstehen nicht, dass man hier in kleinen Wohnungen lebt und viel arbeiten muss, um Geld zu verdienen.

Jetzt, da meine zweite Tochter in den Kindergarten geht, will ich endlich richtig Deutsch lernen. Wenn mein Deutsch gut genug ist, will ich Kinderpflegerin werden. Ich mag Kinder sehr. Außerdem arbeiten in dem Beruf vor allem Frauen. Für mich ist das wichtig, nicht weil ich nicht mit Männern zusammen arbeiten will oder es mein Mann mir nicht erlaubt, sondern weil Frauen in unserer Kultur einfach nicht mit fremden Männern zusammen arbeiten. Es gibt zu viele Cousins und Nachbarn aus unserem Dorf, die inzwischen auch in München leben. Sie würden schlecht über mich reden. Jusuf sagt zwar immer, ich soll mich um das Gerede der Leute nicht kümmern, aber ich kann das nicht einfach ignorieren.

Oft liege ich nachts wach und mache mir Sorgen. Zum Beispiel darüber, dass die radikalen Muslime jetzt auch nach Deutschland kommen oder dass wir es hier nicht schaffen, eine richtige Arbeit zu finden. Mein Mann macht zwar gerade seinen Führerschein und hat einen Minijob als Küchenhilfe in einem sehr schicken Restaurant, aber er spricht schlecht Deutsch, und wir haben beide keinen Schulabschluss. Außerdem habe ich als Einzige unserer Familie immer noch keinen Pass. Vor allem als mein Vater vor kurzem bei einem Unfall ums Leben gekommen ist, war es so schwer, nicht nach Hause fliegen zu können. Am Abend zuvor hatte er mir noch versprochen, dass wir uns jetzt endlich wiedersehen … Ich würde so gern meine Mutter besuchen! Ich habe sie seit sechs Jahren und zehn Monaten nicht mehr gesehen. Sie und einer meiner älteren Brüder sind die Einzigen unserer Familie, die noch im Irak sind. Meine Lieblingsschwester wohnt inzwischen mit ihren acht Kindern auch in Deutschland. Ihr Mann hat sie nachgeholt. Der Großteil der Familie aber lebt in den USA. Mein ältester Bruder hat dort für seine Familie sogar schon ein Haus und ein Auto gekauft. Das wäre auch Jusufs und mein Traum. Aber erst mal möchte ich meine Mutter wiedersehen.«

Hazal, 32: »Hier in Deutschland nennen mich alle Hazal, obwohl ich eigentlich Hazel heiße. Ein Beamter hat meinen Namen am Anfang falsch geschrieben. Jetzt heiße ich eben Hazal. Nur mein Mann nennt mich Hazel. Ich kannte ihn kaum, bevor ich nach Deutschland gekommen bin. Ich wusste nur: Ich wollte unbedingt einen Mann in Europa heiraten, raus aus dem Irak. Über meine Cousine, die schon in Deutschland gelebt hat, habe ich Jamil kennengelernt. Sie hat mir ein Foto von ihm geschickt und mir von ihm erzählt. Ich habe gesagt: Ja, der gefällt mir. Damals war ich 21. Ich hatte davor viele Heiratsangebote, aber ich wollte keinen der Männer. Mein Vater war schon ziemlich verzweifelt, aber er hat mich zum Glück nicht gezwungen.

Jamil und ich haben in Syrien geheiratet, dann bin ich versteckt in einem Lkw in München angekommen. Über Deutschland wusste ich bis dahin eigentlich gar nichts. Außer, dass es den Menschen dort gut geht. Jamil hat mir am Telefon zwar erzählt, dass er viel arbeiten muss, aber so stressig habe ich mir das Leben hier nicht vorgestellt. Mein Mann arbeitet fast Tag und Nacht. Unter der Woche als Paketbote bei DHL, am Wochenende bei einem Pizzaservice, und abends haben wir bis vor Kurzem noch den Kindergarten unserer Tochter zusammen geputzt, um Jamils Brautgeld für mich – zehntausend Euro – an meinen Vater abzubezahlen. Ich hatte auch noch einen anderen Putzjob, aber jetzt geht unsere Tochter in eine Ganztagsschule und unser Sohn in den Kindergarten. Ich kann endlich den Mittelschulabschluss machen. Hoffentlich schaffe ich es, ich habe Angst wegen Mathe, ich muss noch viel üben.

Bis vor Kurzem haben wir noch in einer kleinen Zweizimmerwohnung gewohnt. Meistens haben auch noch mein Schwiegervater und meine Schwägerin bei uns geschlafen, weil sie nicht in ihrer Asylunterkunft bleiben wollten. Über Jamils Arbeit haben wir jetzt eine Vierzimmerwohnung in München bekommen – für dieselbe Miete! Ich habe mich wahnsinnig gefreut, aber ich war auch traurig, weil wir in der alten Wohnung sehr nette Nachbarn hatten, die uns viel geholfen haben. Jetzt muss ich erst wieder neue Leute kennenlernen. Das ist gar nicht so einfach, weil viele Deutsche sehr verschlossen sind. Es ist schwierig, mit ihnen wirklich in Kontakt zu kommen und nicht nur über das Wetter zu reden. Im Irak schüttet man einander gleich sein Herz aus, redet auch mit Menschen, die man erst zum zweiten Mal sieht, über seine Sorgen, zum Beispiel über Probleme mit den Kindern oder Krankheiten in der Familie.

Aber auch wenn ich mir vieles leichter vorgestellt habe: Ich bin sehr froh, dass ich jetzt hier lebe. Das Beste ist die Freiheit – vor allem für uns Frauen. Meine Mutter zum Beispiel hat meinen Vater mit 13 Jahren geheiratet. Er war ziemlich reich, viel älter und hatte schon eine Frau. Mit ihr hatte er sechs Kinder. Doch die Mutter meines Vaters sagte irgendwann zu ihm: »Sohn, du bist reich, warum holst du dir nicht eine hübschere Frau?« Und dann hat sie meine Mutter für ihn ausgesucht. Meine Mutter hat noch mal zwölf Kinder mit ihm bekommen. Weil die erste Frau früh starb, musste sie auch noch deren Kinder mit aufziehen. Ich weiß nicht, wie sie das geschafft hat. 18 Kinder! Wahrscheinlich nur, weil im Irak auch immer viele Tanten, Schwestern und Omas im Haus sind, die helfen.

Meine größte Sorge ist meine Tochter. Obwohl sie erst sechs ist, habe ich Angst, dass sie sich in einen nicht-jesidischen Mann verliebt. Bei uns ist das streng verboten. Wir dürfen nur untereinander heiraten. Das Problem ist: Meine Tochter kennt unsere Religion ja kaum, es gibt in Deutschland nicht mal jesidische Gotteshäuser. Für sie wird unsere Religion später vermutlich keine große Rolle spielen. Wieso sollte sie sich dann an die Regeln dieser Religion halten?«

1 Ich bin mir bewusst, dass »Flüchtlingswelle« ein umstrittenes Wort ist. Die neuen Medienmacher, ein Zusammenschluss von Journalisten mit Migrationshintergrund, kritisieren beispielsweise, das Wort vermittle das Bild eines Naturphänomens, das Deutschland überschwemme. Menschen und ihre Einzelschicksale würden durch solch eine Wortwahl zu einer anonymen, bedrohlichen Masse. Zudem werde suggeriert, die Politik sei einer Naturgewalt machtlos ausgesetzt. Sie weise damit den Schutzsuchenden selbst die Verantwortung für die Probleme bei ihrer Aufnahme in Deutschland zu. Ich verstehe die Argumentation, werde das Wort aber trotzdem verwenden (ebenso wie ich von der »Welle der Hilfsbereitschaft« sprechen werde), da ich das Bild der Welle dennoch zutreffend finde. Deutschland wurde ja tatsächlich kalt überrascht – auch wenn man die Welle längst am Horizont hätte erkennen können (oder müssen). Dasselbe gilt für die Begriffe »Flüchtling« oder »Migrationshintergrund«. Auch hier gibt es Einwände. »Flüchtling« sei ein zu passiver Begriff, »Migrationshintergrund« stigmatisierend, weil damit mittlerweile vor allem (muslimische) »Problemgruppen« assoziiert würden. Außerdem stelle der Begriff die ausländischen Wurzeln in den Hintergrund. Eine alternative Bezeichnung für Flüchtling ist »Geflüchteter«, für Menschen mit Migrationshintergrund »Menschen aus Einwandererfamilien«. Als Journalistin weiß ich, welche Wirkung Worte entfalten können, aber ich bin auch der Meinung, dass ein bisschen mehr Entspanntheit der Flüchtlingsdebatte guttun würde. Ständig das Gefühl zu haben, irgendetwas nicht mehr sagen zu dürfen, vergiftet jede Debatte.