cover

ZUM BUCH

Im bretonischen Finistère, am wind- und wellenumtosten »Ende der Welt«, gibt es eine ganz besondere Bibliothek. Sie sammelt Bücher, die nie erscheinen durften. Eines Tages entdeckt dort eine junge Pariser Lektorin ein Meisterwerk, und der Roman wird zum Bestseller. Der Autor, Henri Pick, war der Pizzabäcker des Ortes. Seine Witwe beteuert, er habe zeit seines Lebens kein einziges Buch gelesen und nie etwas anderes zu Papier gebracht als die Einkaufslisten – ob er ein geheimes Zweitleben führte? Diese verrückte Geschichte spornt viele Menschen an, selbst Neues zu wagen: Paare trennen sich, Liebende finden unerwartet zueinander, und so manche Gewissheit wird auf den Kopf gestellt.

Ein französisch-charmanter Roman über die Liebe, verlorene Träume und den Mut, sein Leben in die Hand zu nehmen. Leicht, beschwingt und voller Witz.

ZUM AUTOR

David Foenkinos, 1974 geboren, lebt als Schriftsteller und Drehbuchautor in Paris. Seit 2002 veröffentlicht er Romane, darunter den Millionenbestseller Nathalie küsst, der auch als Film mit Audrey Tautou das Publikum begeisterte, und den vielfach ausgezeichneten Roman Charlotte. Seine Bücher werden in rund vierzig Sprachen übersetzt. Das geheime Leben des Monsieur Pick war in Frankreich ein Bestseller.

DAVID
FOENKINOS

Das
geheime Leben des
Monsieur Pick

Roman

Aus dem Französischen
von Christian Kolb

Deutsche Verlags-Anstalt

»Diese Bibliothek ist gefährlich.«

Ernst Cassirer
über die Kulturwissenschaftliche
Bibliothek Warburg

ERSTER TEIL

1

1971 erschien der Roman Die Abtreibung1 des amerikanischen Schriftstellers Richard Brautigan. Er erzählt die ziemlich außergewöhnliche Liebesgeschichte zwischen einem Bibliothekar und einer sagenhaft schönen jungen Frau. Diese wird in gewisser Weise Opfer der eigenen Schönheit, als gäbe es einen Fluch der Schönheit. Wegen ihr, erzählt sie, sei ein Autofahrer tödlich verunglückt. Gebannt vom Anblick der umwerfenden Passantin, habe er schlichtweg vergessen, auf die Straße zu achten. Vida, so der Name der Figur, war nach dem Crash sofort zu dem Wagen geeilt. Blutüberströmt, im Sterben liegend, brachte der Fahrer diese letzten Worte hervor: »Sie sind wunderschön.«

Eigentlich gilt unser Interesse hier jedoch mehr dem Bibliothekar als Vida. Denn das Spezielle an diesem Buch ist, dass der Held in einer Bibliothek arbeitet, die von Verlagen abgelehnte Manuskripte annimmt. Wir begegnen etwa einem Mann, der sein Buch nach über vierhundert Ablehnungen dort abgibt. Vor den Augen des Erzählers stapeln sich Bücher jeglicher Art. Ein Essay mit dem Titel Wie man bei Kerzenschein in Hotelzimmern Blumen züchtet oder ein Kochbuch mit sämtlichen Rezepten der Dostojewski-Romane. Eine Besonderheit des Konzepts dieser Bibliothek liegt zudem darin, dass die Autoren ihren Platz in den Regalen frei wählen dürfen. Bevor man das eigene Anti-Vermächtnis einreiht, kann man noch ein wenig in den Werken der ebenfalls verstoßenen Kollegen blättern. Manuskripte mit der Post zu schicken ist allerdings nicht zulässig. Man muss die von allen verschmähte Arbeit schon persönlich abliefern und bekundet durch diesen symbolischen Akt, dass man jegliche Hoffnung auf eine Veröffentlichung hat fahren lassen.

1984 nahm sich der Autor der Abtreibung in Bolinas, Kalifornien, das Leben. Von ihm und den Umständen, die zu seinem Selbstmord führten, wird noch die Rede sein, doch bleiben wir erst einmal bei seiner der Fantasie entsprungenen Bibliothek. Anfang der 90er-Jahre wurde seine Idee Wirklichkeit. Als Hommage an Brautigan rief ein begeisterter Leser eine Bibliothek der abgelehnten Manuskripte ins Leben. In den Vereinigten Staaten entstand die Brautigan Library, deren Ziel es ist, verwaiste Texte zu beherbergen. Sie befindet sich in Vancouver im Bundesstaat Washington.2 Die Initiative seines Fans hätte Brautigan sicherlich gerührt. Andererseits, was weiß man schon über die Gefühlswelten eines Toten? Über die Einweihung der Bibliothek berichteten allerhand Zeitungen, auch in Frankreich. In der bretonischen Gemeinde Crozon stand einem Bibliothekar der Sinn danach, genau das Gleiche zu tun. Und so gründete er im Oktober 1992 die französische Version der Bibliothek der abgelehnten Manuskripte.

2

Jean-Pierre Gourvec war stolz auf das kleine Schild mit dem Aphorismus von Cioran, das über dem Eingang zu seiner Bibliothek angebracht war. Ein schelmischer Spruch für jemanden, der außer der Bretagne nicht viel von der Welt zu sehen bekam.

»Paris ist der ideale Ort, um im Leben zu scheitern.«

Gourvec gehörte zu den Leuten, die mehr an ihrer Region als an ihrem Land hingen, was aber noch keinen glühenden Nationalisten aus ihm machte. Auch wenn er durchaus einen glühenden Eindruck machte: Ein schroffer, schlaksiger Typ mit ziemlich rotem Gesicht und deutlich hervortretenden Adern am Hals – da denkt man schnell, der Mann weist sämtliche äußeren Merkmale eines cholerischen Wesens auf. Doch weit gefehlt. Gourvec war ein besonnener und überlegter Mensch, in dessen Augen Wörter einem Sinn und Zweck dienten. Es genügte, wenige Minuten in seiner Gesellschaft zu verbringen, schon ließ man den falschen ersten Eindruck hinter sich. Gourvec vermittelte das Gefühl, ganz in sich selbst zu ruhen, ähnlich einem Buch in einem Regal.

Er räumte also die Regale um und schuf in einem Winkel seiner Gemeindebücherei Platz für schutzbedürftige Manuskripte. Eine Arbeit, die ihm einen Satz von Jorge Luis Borges ins Gedächtnis rief: »Wer ein Buch aus einem Regal nimmt, um es gleich wieder zurückzustellen, strapaziert nur das Möbelstück.« Heute werden die Möbel ganz schön strapaziert, dachte Gourvec lächelnd. Er hatte den leicht angestaubten Humor eines Gelehrten, mehr noch: des einsamen Gelehrten. So sah er sich selbst, was der Wirklichkeit relativ nahekam. Sein Sinn für Geselligkeit war äußerst schwach ausgeprägt, er konnte selten über die Dinge lachen, über die die Leute aus der Gegend lachten, verstand es jedoch, sich bei dem einen oder anderen Witz dazu zu zwingen. Von Zeit zu Zeit ging er sogar in der Kneipe am Ende der Straße ein Bier trinken, redete mit anderen Männern belangloses Zeug, wie er fand, über Gott und die Welt und ließ sich bei solch großen gemeinschaftlichen Anlässen auch mal auf ein Kartenspiel ein. Ihm war nicht daran gelegen, dass man ihn für einen Sonderling hielt.

Man wusste recht wenig über ihn, nur so viel, dass er allein lebte. In den 50er-Jahren hatte er geheiratet, doch niemand hätte sagen können, weshalb ihn seine Frau schon nach wenigen Wochen wieder verlassen hatte. Es hieß, die beiden hätten sich über eine Heiratsanzeige kennengelernt. Bevor sie sich trafen, schrieben sie sich lange Zeit Briefe. Hatte das Scheitern der Beziehung damit zu tun? Vielleicht zählte Gourvec zu der Sorte von Mann, dessen flammende Liebesbekenntnisse man mit Freuden las, für den man gleich alles liegen und stehen ließ, doch die mit schönen Worten verhüllte Realität stellte dann wohl eher eine Enttäuschung dar. Andere böse Zungen behaupteten damals, seine Frau habe sich schleunigst aus dem Staub gemacht, weil Gourvec impotent war. Eine ziemlich unwahrscheinlich anmutende Theorie, doch man greift bei komplexen psychologischen Sachverhalten gern zu einfachen Erklärungen. Jedenfalls blieb dieses Liebesintermezzo ein unlösbares Rätsel.

Nachdem seine Frau das Weite gesucht hatte, war nie davon zu hören, dass er eine dauerhafte Bindung eingegangen wäre, und er hatte auch keine Kinder. Schwer zu sagen, wie sein Sexualleben aussah. Möglicherweise tat er sich ja als Liebhaber einer verlassenen Frau hervor, einer Emma Bovary seiner Zeit. So manche hielt in den Regalen bestimmt nicht nur nach der Befriedigung ihrer literarischen Träume Ausschau. Mit einem wie Gourvec, der sich aufs Lesen und dadurch auch aufs Zuhören verstand, ließ sich sicher herrlich aus dem drögen Alltag ausbrechen. Doch für diese Spekulationen fehlen die Beweise. Fest steht nur: Seine Begeisterung und Leidenschaft für seinen Beruf sind nie abgeklungen. Er bedachte jeden Nutzer der Bibliothek mit besonderer Aufmerksamkeit, bemühte sich, immer ein offenes Ohr zu haben, und gab persönliche Lektüreempfehlungen ab. Es ging ihm dabei nicht darum, ob er den jeweiligen Titel nun mochte oder nicht, das Ziel war vielmehr, für jeden Leser das passende Buch zu finden. Er vertrat die Ansicht, dass alle Leute gerne lesen, jedoch nur, wenn das Buch das richtige für sie ist, wenn es ihnen so sehr gefällt, wenn es sie so anspricht, dass sie es gar nicht mehr aus der Hand legen wollen. Um im Einzelfall zu ermitteln, welches Buch das richtige ist, hatte er eine geradezu übernatürlich wirkende Methode entwickelt: Er musterte das äußere Erscheinungsbild der Leute und konnte daraus ableiten, welches Werk für sie geeignet war.

Die nimmermüde Energie, die er in seine Arbeit steckte, ließ den Bestand der Bibliothek immer weiter anwachsen. Ein immenser Erfolg seiner Ansicht nach, als würde sich jeder neue Band in die Armee der Schwachen einreihen, die einen heroischen Kampf gegen das drohende Büchersterben führte, bei dem es auf jeden einzelnen ankam. Der Bürgermeister von Crozon erklärte sich einverstanden, noch eine Assistentin einzustellen. Man schaltete also eine Stellenanzeige. Gourvec mochte es, Bücher zu beschaffen, die Regale zu sortieren und noch vieles andere mehr, doch der Gedanke daran, eine Entscheidung fällen zu müssen, die ein menschliches Wesen betraf, flößte ihm Angst und Schrecken ein. Dabei sehnte er sich nach so etwas wie einem literarischen Spießgesellen, nach jemandem, mit dem man stundenlang über die Bedeutung der Auslassungspunkte im Werk Célines diskutieren oder sich über die Gründe für Thomas Bernhards Selbstmord austauschen konnte. Um aber eine solche Person zu finden, stand ihm etwas im Wege: Er wusste sehr wohl, er konnte zu niemandem Nein sagen. So würde ihm die Wahl nicht schwerfallen. Wer sich als Erstes bewarb, würde genommen werden. Und damit fiel die Wahl auf Magali Croze, die fraglos ein Talent dafür hatte, recht zügig auf Stellenanzeigen zu antworten.

3

Magali hatte keine besondere Schwäche für Literatur,3 doch sie war Mutter von zwei kleinen Kindern und brauchte dringend einen Job. Ihr Mann hatte nur noch eine halbe Stelle in einem Renault-Werk. Anfang der 90er-Jahre wurden in Frankreich immer weniger Autos gebaut, man richtete sich auf eine dauerhafte Krise ein. Magali hatte das Bild ihres Mannes vor Augen, das Bild seiner ölverschmierten Hände, als sie ihren Vertrag unterschrieb. Solche Unannehmlichkeiten würde sie nicht in Kauf nehmen müssen, wenn sie den ganzen Tag mit Büchern hantierte. Das würde einen riesigen Unterschied ausmachen zwischen ihr und ihrem Mann. Vom Standpunkt der Hände aus entfernten sie sich immer weiter voneinander.

Letztlich war Gourvec die Vorstellung, mit jemandem zusammenzuarbeiten, dem Bücher nicht heilig waren, recht angenehm. Er sah ein, dass man sich nicht jeden Morgen über deutsche Literatur zu unterhalten brauchte, um gut mit einer Kollegin auszukommen. Er würde die Kunden beraten, und sie sich um die Verwaltung kümmern. Die beiden entpuppten sich als perfekt aufeinander abgestimmtes Duo. Es war nicht Magalis Art, die Initiativen ihres Vorgesetzten infrage zu stellen, aber bei der Sache mit den abgelehnten Manuskripten konnte sie es sich doch nicht verkneifen, ihre Bedenken auszudrücken:

»Was hat das für einen Sinn, Manuskripte ins Regal zu stellen, die überhaupt niemand lesen will?«

»Das war die Idee eines Amerikaners.«

»Na und?«

»Zu Ehren von Brautigan.«

»Wer ist das?«

»Richard Brautigan. Träume von Babylon, haben Sie das gar nicht gelesen?«

»Nein. Ist ja auch egal, aber das ist eine komische Idee. Wollen Sie wirklich die ganzen Psychopathen aus der Umgebung hier haben? Schriftsteller sind nicht ganz richtig im Kopf, das weiß doch jeder. Und Schriftsteller, die überhaupt nichts veröffentlichen, wahrscheinlich erst recht.«

»Es wird endlich einen Ort geben, wo sie willkommen sind. Sehen Sie es als karitatives Werk an.«

»Ich verstehe: Ich soll so etwas wie die Mutter Teresa der erfolglosen Schriftsteller werden.«

»Genau, so ähnlich …«

»…«

Allmählich freundete sich Magali mit der Vorstellung an, und versuchte, sich bereitwillig auf das Abenteuer einzulassen. Jean-Pierre Gourvec gab in den einschlägigen Literaturzeitschriften, darunter Lire und Le Magazine littéraire, Anzeigen auf, in denen er gestrandeten Autoren eine Reise nach Crozon nahelegte, wo sie ihre Manuskripte in der Bibliothek der Verstoßenen abgeben könnten. Die Idee fand sogleich Anklang, und zahlreiche Leute machten sich auf den Weg. Einige durchquerten ganz Frankreich, um sich der Last ihres Scheiterns zu entledigen. Das Ganze hatte etwas von einer Wallfahrt, sozusagen die literarische Variante des Jakobswegs. Indem man Hunderte von Kilometern zurücklegte, um so mit der Enttäuschung, nicht veröffentlichen zu können, innerlich abzuschließen, vollzog man einen wichtigen symbolischen Akt. Es war eine Art, die Wörter aus dem Gedächtnis zu streichen. Und wenn man sich vor Augen hielt, in welchem französischen Departement Crozon liegt, wurde der symbolische Akt vielleicht noch bedeutender: im Finistère, am Ende der Welt.

4

Die Bibliothek nahm in rund zehn Jahren annähernd tausend Manuskripte an. In Betrachtung seines gewaltigen, sinnlosen Schatzes stand Jean-Pierre Gourvec oft fasziniert da. 2003 wurde er schwer krank und kam für lange Zeit in eine Klinik nach Brest. Er trug seiner Meinung nach doppeltes Leid, denn eigentlich belastete ihn sein Gesundheitszustand nicht so sehr wie die Tatsache, dass er nicht bei seinen Büchern sein konnte. Vom Krankenbett aus verfolgte er weiter das literarische Geschehen und wies Magali an, welche Bücher sie bestellen sollte. Man durfte nichts verpassen. Er opferte seine letzte Kraft auf für das, was ihn immer mit Leben erfüllt hatte. Die Bibliothek der abgelehnten Manuskripte schien niemanden mehr zu kümmern, und das machte ihn traurig. Nach dem vielversprechenden Anfang wurde das Projekt nur durch Mundpropaganda noch ein wenig am Leben erhalten. Auch die Brautigan Library in den Vereinigten Staaten geriet langsam in Schwierigkeiten. Kein Mensch interessierte sich mehr für unveröffentlichte Manuskripte.

Vollkommen entkräftet kehrte Gourvec zurück. Man musste kein Hellseher sein, um zu erkennen, dass er nicht mehr lange zu leben hatte. Die wohlwollenden Bürger von Crozon verspürten plötzlich den unwiderstehlichen Drang, sich Bücher aus der Bibliothek auszuleihen. Magali, die Jean-Pierre eine letzte Freude bereiten wollte, hatte die künstliche Begeisterung geschürt. Geschwächt von der Krankheit, bekam er gar nicht mehr mit, dass der unvermittelte Leseransturm im Grunde nicht normal sein konnte. Er ließ sich sogar davon überzeugen, dass seine Arbeit endlich Früchte trug. In diesem unendlich befriedigenden Gefühl würde er aus der Welt scheiden.

Um die Regale zu füllen, bat Magali zudem einige Bekannte, kurzerhand einen Roman zu schreiben. Sie redete nicht zuletzt auf ihre Mutter ein:

»Aber ich kann überhaupt nicht schreiben.«

»Trotzdem, jetzt ist der richtige Zeitpunkt, es mal zu versuchen. Schreib einfach ein paar Erinnerungen auf.«

»Aber ich kann mich an überhaupt nichts erinnern, außerdem mach ich jede Menge Rechtschreibfehler.«

»Ist doch egal, Mama. Wir brauchen Bücher. Du kannst mir auch deine gesammelten Einkaufslisten bringen.«

»Echt? Meinst du, das könnte irgendjemanden interessieren?«

»…«

Am Ende zog ihre Mutter es vor, Seiten aus dem Telefonbuch abzuschreiben.

Mit eigens zum Zweck der Ablehnung produzierten Texten entfernte man sich von der ursprünglichen Idee, aber egal. Die acht Manuskripte, die Magali in wenigen Tagen zusammengetragen hatte, machten Jean-Pierre ganz glücklich. Er sah in den Neuzugängen die Boten des Aufschwungs, ein Zeichen dafür, dass noch nichts verloren war. Lange würde er die Fortschritte seiner Bibliothek nicht mehr mit ansehen können, und so rang er Magali das Versprechen ab, den in all den Jahren angehäuften Bestand zumindest zu bewahren.

»Ich versprech’s, Jean-Pierre.«

»Diese Autoren vertrauen auf uns … wir dürfen sie nicht enttäuschen.«

»Ich werde auf sie aufpassen. Sie werden hier sicher sein. Wir werden immer ein Herz für die Ausgestoßenen haben.«

»Danke.«

»Jean-Pierre …«

»Ja.«

»Ich wollte Ihnen danken …«

»Wofür?«

»Für den Liebhaber … das ist so ein schönes Buch.«

»…«

Er nahm Magalis Hand und hielt diese eine ganze Weile. Wenige Minuten später saß sie allein in ihrem Auto und musste weinen.

In der darauffolgenden Woche starb Jean-Pierre Gourvec. Viel wurde geredet über den interessanten Mann, den bestimmt alle vermissen würden. Doch zu der schlichten Trauerfeier kamen nur wenige Leute. Was würde bleiben von ihm und seiner Bibliothek der abgelehnten Manuskripte? Am Tag der Beerdigung konnte man vielleicht ein wenig ahnen, was ihn bewogen hatte, dieses Projekt ins Leben zu rufen und daran zu arbeiten. Es war ein Denkmal gegen das Vergessen. Niemand würde diese abgelehnten Bücher lesen, so wie niemand sein Grab besuchen sollte.

Magali hielt freilich ihr Versprechen und pflegte den vorhandenen Bestand, aber ihr fehlte die Zeit, ihn zu erweitern. Seit ein paar Monaten sparte die Gemeindeverwaltung, wo es nur ging; vor allem am Kulturhaushalt. Nach Gourvecs Tod war Magali mit der Bibliotheksleitung betraut worden, durfte jedoch keinen neuen Mitarbeiter einstellen. Sie fand sich allein wieder. Die Ecke mit den abgelehnten Manuskripten verstaubte allmählich und geriet zunehmend in Vergessenheit. Selbst Magali, die von anderen Aufgaben beansprucht wurde, dachte nur noch selten daran. Wer hätte geglaubt, dass die Geschichte mit den abgelehnten Manuskripten noch einmal ihr Leben verändern sollte?


1 Mit dem Untertitel Eine historische Romanze 1966.

2 Man findet über die Brautigan Library leicht Informationen im Internet: www.thebrautiganlibrary.org

3 Als Gourvec sie zum ersten Mal sah, dachte er augenblicklich: Ihr könnte Der Liebhaber von Marguerite Duras gefallen.

ZWEITER TEIL