Band 1  Mia legt los!
Band 2  Mia und das Mädchen vom anderen Stern
Band 3  Mia und der Traumprinz für Omi
Band 4  Mia und das Liebeskuddelmuddel
Band 5  Mia und der Großstadtdschungel
Band 6  Mia und das Schwesterndings

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Copyright deutsche Erstausgabe © by Carlsen Verlag GmbH, Hamburg 2009
Digitale Ausgabe © by Carlsen Verlag GmbH, Hamburg 2013
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Michael Meller Literary Agency GmbH, München.
Umschlagillustration: Dagmar Henze
Typografie Umschlag: Gerhard Schröder
E-Book-Umsetzung: Dörlemann Satz, Lemförde
ISBN 978-3-646-92563-0

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Die schlimmste Horror-Familie der Welt

Jette, Leonie und ich hocken auf meinem blau-weiß gestreiften Läufer vorm Bett und überlegen, wer von uns die horrorartigste Familie hat.

„Ich!“, kräht Jette. „Meine Mutter hätte mir ruhig einen richtigen, echten BH kaufen können. Was soll ich bloß mit so einem albernen Kinderteil?“ Sie richtet sich kerzengerade auf und ruckelt ihre neueste Errungenschaft, einen Sport-BH, zurecht.

Leonie stöhnt. „Ich wäre froh, wenn ich nie im Leben einen BH tragen müsste.“

„Wieso nicht?“, will ich wissen.

„Meiner Mutter starren sie ständig in den Ausschnitt. Das ist doch grässlich!“

Jette fängt an zu kichern. „Kein Wunder. Deine Mutter hat ja auch …“ Statt weiterzusprechen, deutet sie enorme Wasserbälle an.

„Lass das“, faucht Leonie. „Du bist echt gemein!“

„Reg dich ab. Und überhaupt – was ist denn so schlimm daran, mit großen …“

„Wehe, du sagst das Wort“, droht Leonie und eine steile Zornesfalte taucht zwischen ihren Brauen auf. „Wehe!“

Kein Mensch weiß warum, aber Leonie ist verklemmter als eine Nonne. Sie möchte bis zu ihrem Lebensende Jungfrau bleiben und wird schon rot, wenn wir an einem Händchen haltenden Liebespaar vorbeigehen.

Prompt trompetet Jette: „Busen! Brüste!“

Sie kann es einfach nicht lassen, Leonie zu piesacken. Das war schon immer so und wird sich in diesem Leben wohl auch nicht mehr ändern. Manchmal finde ich es ja auch ganz spaßig und muss mitlachen. Aber meistens blutet mir das Herz, wenn meine Freundinnen ihre Kleinvieh-Hühnerkacke-Streitereien ausfechten. Weil ich alle beide mag. Und weil ich möchte, dass sie sich auch mögen. Während Leonie mit verkniffener Miene gespaltene Haarspitzen abknipst und auf ihre geringelten Socken regnen lässt, sagt Jette: „Aber keine Angst. Der liebe Gott wird schon dafür sorgen, dass du nie im Leben einen Busen kriegst und auch keine Scham …“

Leonie schießt in die Senkrechte, guckt wie eine Raubkatze kurz vorm Angriff und giftet: „Wenn du jetzt Schamhaare sagst … Wenn du das jetzt sagst, dann …“

„Dann was?“

„Dann kannst du was erleben!“

„Schamhaare! Schamhaare!“

Schon eine Sekunde später nimmt Leonie sie in den Klammergriff und kitzelt sie durch.

„Lass das! Hör auf!“, kichert Jette.

„Nur, wenn du dich ergibst!“

„Ja, ich ergebe mich ja schon!“ Danach ist sie erst mal ein paar Sekunden lang still und schiebt bloß ihre Brille millimeterweise rauf und runter.

„Ich kriege bestimmt auch nie einen Busen“, komme ich Leonie zu Hilfe. Vielleicht tröstet sie das etwas.

Ungelogen! Ich bin der Meinung, dass die Natur so etwas für mich nicht vorgesehen hat. Schon seit einiger Zeit unterziehe ich mich gründlichen Untersuchungen vor dem Spiegel und konnte bisher nichts als platte norddeutsche Landschaft erkennen.

Nachdem sich alle wieder beruhigt haben, starte ich einen neuen Versuch, über unsere Familien zu reden. Typisch, dass Jette es mal wieder geschafft hat, die Aufmerksamkeit aller auf sich zu lenken. Jette will immer im Mittelpunkt stehen – vormittags, nachmittags und am liebsten auch noch nachts.

„Meine Familie ist am blödesten“, erkläre ich und befestige meine Schmetterlingsspange im Haar.

„Wieso denn das, Mia?“, fragt Leonie erstaunt und fährt sich durch ihre dünnen, köterbeigen Haare. „Du hast doch alles, wovon man nur träumen kann. Mutter, Vater, Schwester, Bruder …“

„Eben!“, ächze ich. „Alles stinknormal! Langweilig wie ungetoastetes Toastbrot!“

Leonie und Jette wechseln einen überraschten Blick.

„Aber deine Omi“, wirft Jette ein, „die ist doch echt der Knaller. Bunt, schrill und lustig.“

„Stimmt. Aber Omis zählen nicht.“

„Ich kann dir gerne mal Enzo ausleihen“, schlägt Leonie mit Weltuntergangsmiene vor. „Und meinen Stiefvater auch. Falls du Lust hast, den ganzen Tag lang Boxen im Fernsehen zu gucken oder über Boxen zu reden.“

Leonies Mutter lebt seit ihrer Scheidung mit ihrem neuen Freund, einem Italiener, und dessen Sohn zusammen. Enzo ist vierzehn und gibt immer damit an, die nächste Weltmeisterschaft im Boxen zu gewinnen. Auch wenn das reichlich albern ist, finde ich, dass er mit seinen dunklen Locken ziemlich französisch aussieht. Sprich: total süß. Seit wir Französisch im Unterricht haben, stehe ich nämlich auf alles, was mit Frankreich zu tun hat.

„Aber euch redet nicht ständig jemand bei den Schularbeiten rein“, spiele ich meinen letzten Trumpf aus. Leonies Mutter ist Verkäuferin und arbeitet rund um die Uhr im Kaufhaus. Jettes Eltern schuften und ackern beide in der hauseigenen Apotheke. Meine Eltern schuften auch, allerdings sind sie dabei oft zu Hause. Papi, weil er als Lehrer (Geschichte und Deutsch) nachmittags unterrichtsfrei hat. Mami, weil sie sich als Fußpflegerin selbstständig gemacht hat.

„Igitt, dann hocken ja Leute mit schiefen, krummen, gelben Zehennägeln bei euch rum!“, hat Jette damals so angeekelt ausgerufen, als würde unser Mathelehrer Herr König, genannt die Triefnase, einen Striptease vor ihr hinlegen. Aber ich konnte sie beruhigen. Zum Glück ist Mamis Arbeitsbereich von unserer Wohnung abgetrennt, sodass die Leute mit den schiefen, krummen, gelben Zehennägeln gerade mal unseren Flur betreten.

„Ich dachte, du findest es toll, wenn deine Eltern dir bei den Schularbeiten helfen“, wirft Jette ein.

„Öhm“, grunze ich nur. Was Papi betrifft, hat Jette schon Recht. Er greift einem unter die Arme, wenn man Fragen hat, ansonsten lässt er einen in Ruhe. Mami ist dagegen die reinste Sklaventreiberin. Jede freie Minute nutzt sie, um sich über einen zu beugen und die Aufgaben zu kontrollieren. Das nervt! Das strengt an! Das treibt einen an den Rand des Wahnsinns!

„Aber ohne deine Eltern würdest du doch nie so gute Noten schreiben“, sagt Jette jetzt und wirft ihre blonden Supertraumhaare zurück.

„Spinnst du?“ Ich kann gerade noch verhindern, dass ich wie ein Drache Feuer spucke. Mir so was zu unterstellen ist einfach nur fies!

„Jette, du spinnst“, mischt sich Leonie zum Glück ein. „Mia schreibt gute Noten, weil sie schlau ist. Nicht wegen ihrer Eltern.“

„Alles klar“, nuschelt Jette beleidigt in ihre Kapuzenjacke. „Dann bin ich hier wohl die Einzige, die ein bisschen beschränkt ist.“ Seit sie die letzte Englischarbeit vergeigt hat, hat sie einen regelrechten Ich-bin-ja-so-blöd-wie-Taubenschiss-Komplex, den man ihr nur schwer ausreden kann.

„Nein, bist du nicht“, versichere ich ihr zum tausendsten Mal und versuche meinen Ärger runterzuschlucken. „Einmal Englisch zu verhauen, ist ja wohl kein Drama.“

„Erinnere mich nicht daran!“, heult Jette wie ein Schlosshund auf. Sie braucht eine Weile, um sich wieder runterzukochen, dann fragt sie: „Übrigens … Kann ich bei jemandem von euch die Übung mit Simple Past abschreiben?“ Sie stößt mich an. „Miss Butterfly?“

Gerade habe ich ihr innerlich großzügig verziehen, da bringt sie mich schon wieder auf die Palme. „Wenn du mich noch einmal Miss Butterfly nennst, ganz bestimmt nicht“, drohe ich. Nur weil ich Schmetterlinge in allen Farben und Formen liebe und zu Hause schon eine ganze Sammlung habe – aus Glas, aus Stoff, sogar als Haarspangen! –, muss man mich ja nicht bei jeder Gelegenheit Miss Butterfly nennen.

„Alles klar, Miss Butterfly!“

Jette kichert.

Leonie kichert.

Ich verziehe keine Miene und schmolle erst mal eine Runde. Doch weil ich Jette nie länger als ein paar Sekunden lang böse sein kann, lege ich schon kurz darauf mein Beste-Freundin-Lächeln auf und hole mein Englischheft aus dem Ranzen, das dort schon in einen komatösen Tiefschlaf gefallen ist.

Später am Abend – ich habe mit meiner Familie zu Abend gegessen, meine Zähne sind geputzt und ich liege schon im Bett – krame ich mein rot-weiß gepunktetes Tagebuch aus der Nachttischschublade hervor. Ich habe es zu meinem elften Geburtstag geschenkt bekommen und bringe seitdem jeden Tag ein paar Sätze zu Papier. Heute knabbere ich erst eine Weile am Stift herum, bevor ich drauflosschreibe:

Den Nachmittag mit Jette und Leonie verquatscht. Fast Streit mit Jette gehabt. Weil sie der oberdusseligen Meinung war, dass ich meine guten Noten nur wegen Mami und Papi kriege, was natürlich der reinste Quatsch ist.

Good night, liebes Tagebuch, schlaf Du auch gut und pass auf, dass Dir niemand die Pünktchen vom Umschlag klaubt, klaro?!

Danach ist Schlafen angesagt. Doch gerade als ich fast schon einschlummere, fällt mir noch etwas ein, etwas ziemlich Weltbewegendes sogar. Also knipse ich das Licht wieder an.

„Mia!“, tönt es total genervt aus dem Nebenbett hinter dem Vorhang. Zwei Kinderzimmer, drei Kinder – da müssen meine Schwester Lena und ich uns ein Zimmer teilen. Nur mein Paschabruder, der schöne Lukas, hat sein eigenes Reich. Und das nennen Mami und Papi dann Gleichberechtigung. So aufgeklärt die beiden auch immer tun, manchmal benehmen sie sich eben doch wie Wesen aus der Steinzeit.

„Nur ganz kurz“, entschuldige ich mich und knöpfe mir mein Tagebuch noch einmal vor. Damit der Geistesblitz nicht noch über Nacht flöten geht. Schlaftrunken kritzele ich:

Was ich alles mal tun möchte:

1.  Auf einem Schimmel durch die Camargue reiten.

2.  Ein kombiniertes Spaghetti-Schaumkuss-Wettessen veranstalten.

3.  Einen supersüßen Franzosen küssen. Ich finde Franzosen einfach toll!

Zufrieden klappe ich mein Tagebuch zu, lösche das Licht und dämmere neben meiner inzwischen wie Hölle schnarchenden Schwester endlich weg.