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Walter Kempowski

Plankton

Ein kollektives Gedächtnis

Herausgegeben von

Simone Neteler

Knaus

1. Auflage

Copyright © 2014 Albrecht Knaus Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Gesetzt aus Stempel Garamond

von Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

Schubergestaltung von www.buerosued.de

ISBN 978-3-641-12264-5

www.knaus-verlag.de

»Mehr noch als die anderen bin ich gerade

von diesem eiskalten Dämon der Befragung besessen.«

Michel Leiris, »Phantom Afrika«

Vorwort

Plankton ist mit dem bloßen Auge kaum sichtbar. Und doch verbirgt sich hinter diesem griechischen Wort eine äußerst artenreiche Lebenswelt unter Wasser. Kleinste Organismen bevölkern Seen und ganze Ozeane, lassen sich in den Fluten treiben und sind eine Grundlage des Lebens in jedem Gewässer. Wer die umherflirrenden Kreaturen im Wassertropfen entdecken möchte, dem offenbart der Blick durch das Mikroskop ihre Lebendigkeit und überraschend anmutende Schönheit.

Walter Kempowski wählte den Titel »Plankton« für das vorliegende Buch aus Überzeugung. Versammelt sind hier auf gut 800 Seiten ungezählte »Erinnerungskristalle« von Menschen, die der Autor im Laufe von nahezu 50 Jahren bis zu seinem Tod 2007 befragen konnte – nach Kindheitserlebnissen, nach Erinnerungen an die Eltern, die Großeltern, nach Kriegserfahrungen, Nachkriegszeit, Wiederaufbau und Mauerfall, nach Begegnungen mit Prominenten und Reisebegebenheiten, nach dem Thema des Abituraufsatzes, einem Bibelzitat oder auch nach einem Gedicht, das im Gedächtnis geblieben ist. Diese Interviews nannte Walter Kempowski »Plankton fischen« und meinte damit nichts anderes, als Erinnerungsbilder im Gespräch abzufragen und wie literarisches Strandgut aufzusammeln.

Die Antworten, die er von Nachbarn, Freunden, Mitarbeitern, aber auch von Zufallsbekanntschaften im Zug oder auf der Straße erhielt, stehen in zufälliger Reihenfolge nebeneinander, vorangestellt sind nur ein biografischer Hinweis und das jeweilige Stichwort, dem die dazugehörige Erinnerung folgt.

Diese ist manchmal eine Zeitreise in längst vergangene Welten, manchmal eine gestochen scharfe Momentaufnahme, ein Blick in den Mikrokosmos eines gewesenen Augenblicks – oder auch ein Wort gewordener Irrtum, ein Trugbild, das trotz seiner Fehlerhaftigkeit im Gedächtnis eines Menschen überdauert hat und somit von der Kraft des Erinnerns wie des Verdrängens zeugt.

Goethe sagte, dass das Besondere das Allgemeine sei. Walter Kempowski passte diese Erkenntnis seiner Arbeit an: »Das Allerprivateste ist auch das Allgemeinste.« Je mehr man in die eigene Erinnerung hinabsteige, desto eher treffe man das Allgemeine. Denn das, was dem Einzelnen widerfahre, sei exemplarisch – für eine ganze Generation oder gar für die Menschheit an sich.

Dabei offenbart sich das scheinbar Gleiche erst in der Sammlung als verschieden – wie die Sandkörner am Strand, die Alexander Sowtschick, das Alter Ego von Walter Kempowski aus dem Roman »Letzte Grüße«, beim Blick durch das Mikroskop betrachtet:

»Sandkörner waren zu sehen, schöne Gebilde, durch spezielle seitliche Beleuchtung in allen Farben wie Edelsteine erstrahlend und blinkend. Durchsichtige Körner, schwarze, braune, rote – alle unterschiedlich geformt. Alle gleich und doch alle verschieden.«

Walter Kempowski war davon überzeugt, dass es die Erinnerungen der Menschen sind, die zu dem Kostbarsten zählen, was einer Gesellschaft innewohnt. Mit nahezu unersättlicher Leidenschaft hat er genau diese individuellen »Andenken« gesammelt und vor dem Vergessen bewahrt – sowohl in der »Deutschen Chronik«, welche die Familiengeschichte der Kempowskis über mehrere Generationen erzählt, als auch im »Archiv für unpublizierte Autobiographien« und im »Echolot«, dem kollektiven Monumentalwerk zum Zweiten Weltkrieg.

Am vielleicht deutlichsten offenbart sich Walter Kempowskis Hochachtung vor den flüchtigen Gedächtnisbildern jedoch in »Plankton«, denn im Urquell der kollektiven Erinnerung löst sich schriftstellerisches Tun auf, und es entsteht fast wie von selbst ein literarisches Kunstwerk – unverfälscht und echt.

Simone Neteler,

im August 2013

Ein kollektives Gedächtnis

Studentin, *1970

Prominenz | Costa Cordalis habe ich gesehen. Da war ich aber noch jünger, sieben oder acht. Das war entsetzlich. Meine Mutter ging zu ihm hin und meinte: »Meine Tochter möchte ein Autogramm von Ihnen.« Das war mir so peinlich! Er hat sich dann sogar angeboten, ein Foto mit mir zu machen. Das fand ich alles gar nicht lustig.

Eine Französin, *1968

Reise | Mit sieben war ich zum erstenmal im Ausland, in Deutschland, da wohnte eine Schwester meiner Großmutter. Da fuhren wir im Sommer hin, Bad Bergzabern bei Landau. Das war sehr beeindruckend wegen der Grenzkontrollen, das Paßvorzeigen. Als Kind hatte man ja keinen Paß, da wurde dann abgezählt, die Kinder, ob die alle auf dem Paß der Eltern mit drauf waren.

Damals gab es in Frankreich Sommerzeit und in Deutschland nicht. Das war dann ganz gut so. Im Elsaß, da haben wir immer im deutschen Fernsehen »Sandmännchen« geguckt, das kam um 7 nach deutscher Zeit, im Sommer in Frankreich also erst um 8; und da wir nun in Deutschland waren, gab’s das ja wieder um 7. Darüber haben wir uns besonders gefreut, weil wir das nun früher gucken konnten. Vorher mußten wir aber noch essen, das war immer ein Drama, weil es dunkles Brot gab. Dagegen haben wir uns gesträubt.

Volkswirt, *1929

Zweiter Weltkrieg | 1944. Wir haben vom Krieg nicht viel erlebt. Ich wohnte im Sudetenland auf einem Dorf, da haben wir wirklich kaum was gemerkt. Ende des Krieges kamen dann die Bomberpulks, und da haben wir im Gras gelegen und haben gesagt: »Ach, das sind diese Bomberpulks.«

Allerdings eines haben wir doch mitgekriegt vom Krieg. Das war, wenn die Leiterin der Frauenschaft und der Ortsgruppenleiter ins Dorf kamen, ganz in Schwarz, dann wußten wir: Da ist wieder einer gefallen. Man saß dann am Fenster und hat beobachtet: Gehen die nun in das Haus oder in das Haus nebenan? Da hatte man richtig einen Horror davor. Die brachten die Nachricht von den Gefallenen.

Das war das einzige. Nachher wurde es dann ja allerdings schlimm, 1945, da kam’s dann dicke.

Eine Frau, *1968

Erste Liebe | Ein guter, süßer Junge. Der aß immer »Rotkäppchen«Camembert. Der durfte mit mir nicht in die Schule, weil er einen Herzfehler hatte – kam ein Jahr später zur Schule, und dann zogen sie auch weg.

Eine Frau, *1959

Schule | Furchtbar. Schon der Geruch, wenn man reinkam: Bohnerwachs, Milch, muffige Kleidung, Staub und Schweiß.

Ein Mann

Zaun | Ich bin einmal zwischen die Schranken eines Bahnübergangs geraten. Der Schrankenwärter hatte die Schranken geschlossen, und ich stand dazwischen und spielte mit den Steinen, als der Zug sich näherte.

Studentin, *1970

Prominenz | Karlheinz Böhm habe ich auf Sylt getroffen. Das war in Kampen. Ich habe ihn angerempelt, unabsichtlich natürlich. Ich versuchte gerade ganz vertieft, meinen Schuh zu schließen. Er hat dann genickt. Ich habe hochgesehen zu dem netten Herrn, der da so freundlich nickte, erkannte ihn aber erst im Weitergehen. Da dachte ich: Mensch, das ist doch dieser Frauenheld! – Ich erkannte ihn dann endgültig an seinem Schal, das Hemd oben so offen, den Schal so umgebunden.

Ein Mann

Brücke | Ich denke an eine kurze Brücke, die über einen kleinen Graben hinwegführt und sich auf der Oberfläche nicht von der Straße eines Wohnviertels einer Kleinstadt unterscheidet. Der Bach, der unter der Brücke fließt, wird durch einen Betonring ein paar Meter lang kanalisiert.

Mein Vater klärt mich über die »Brücken-Einsturz-Neurose« auf: eine psychische Krankheit, die es dem Betroffenen nicht gestattet, eine Brücke zu betreten – aus Angst vor der vermeintlichen Einsturzgefahr.

Eine Frau, *1943

Kindheit | Nachmittags mußten wir eine Kuh an der Leine am Wegrand hüten und dann im Sitzen zwischen den Beinen auf der Erde Schularbeiten machen.

Hausfrau, *1893

Erster Weltkrieg | August 1914. Es waren ja zunächst schöne ruhige Tage, aber in Langemarck, da fielen dann die ganzen Wandervögel, das war ja schlimm. Singend sind die gefallen. Die waren ja fanatisch; Fanatismus kann man ja in die Jugend hineintragen. Und die andern waren uns doch technisch weit überlegen.

Lehrerin, *1952

Gedicht | »Das Karussell« von Rilke

»In seinem Schatten dreht sich eine kleine Weile der Bestand von Hund, Tieren, alle aus dem Land, das lange zögert, ehe es untergeht «

Romanistin, *1968

Prominenz | Eberhard Feik wohnte hier in Hamburg im Haus nebenan, so 1994, wohl wenn er zu Dreharbeiten kam. Wenn der abends zurückkam, verschwand er im Haus; kurz darauf kam er dann mit einem superedlen Mountainbike und Radlerhose, verschwand und kam nach einiger Zeit wieder zurück – total verschwitzt, total rot –, ging ins Haus, kam bald wieder raus, ging essen, in die Kneipe nebenan und dann in die Eisdiele. Da habe ich den dann getroffen. Er bestellte Rieseneisportionen. Die Leute haben ihn natürlich erkannt, die standen da rum, aber keiner sagte was. Plötzlich meinte einer, ob er denn auch »in Fisch macht«? Was das sollte, weiß ich nicht. – Feik sagte: »Nee, ich mach’ in Eis.« – Das war’s.

Ein Mann, *1963

Reise | Santa Margherita Ligure. Ein Seebad, das in den 60ern hoch im Kurs stand. Jetzt ist es dort ganz still, und unter dem Firnis schimmert das Flair der 60er Jahre. Sehr vornehm sind die Leute dort. Sie sind das für Italien, was die Hanseaten für Deutschland sind. Tiefe, Verläßlichkeit, Intensität.

Eine herrliche Landschaft. Da gibt es Dörfer, die nur zu Fuß oder mit der Bahn zu erreichen sind. Und da fragt man sich denn doch: Warum ist das hier noch nicht entdeckt? Wo sind die Reisebusse? Es gibt Berge, und: Da ist das Meer? Dadurch, daß der Lack ein bißchen ab ist, ist es auch preiswert.

Ein reaktionärer Spießer ist man heute, wenn man sagt: »Ich fahr’ nach Italien.« Heute muß es mindestens die Dominikanische Republik sein.

Rechtsanwalt, *ca. 1955

Bibel | »Und Petrus ging hinaus und weinte bitterlich.« Das kann ich sogar auf lateinisch sagen: »Et Petrus egressus flevit amare.«

Geographin, *1965

Prominenz | Thomas Gottschalk ist mir mal im Auto begegnet, in München, 1987, auf dem Altstadtring, so am Sendlinger Tor. Ich glaube, ich saß in der Straßenbahn, und er ist in einem alten Auto vorbeigefahren. Das war irgendwas Besonderes, ich glaub’, ein weißer Rolls-Royce. Ich dachte: Hm, der sieht ja aus wie Thomas Gottschalk. – Dann war er auch schon vorbei, und ich dachte dann: Ja, das ist er gewesen.

Pressezeichner, *1920

NS-Zeit | Den Zeppelin hab’ ich 1934 über Berlin gesehen. Macht schon ’n Eindruck, wenn da ’n Riesending rumschwebt, in majestätischer Höhe. Ich glaube, wir haben’s vom Dach aus gesehen.

Mütterberaterin, *1927

Film | 1937. Ein Film von Beniamino Gigli. Mein Großvater ging mit mir da hin, denn wir hätten kein Geld gekriegt. Kinder kriegen doch kein Geld fürs Kino! Bevor man nicht zehn ist, darf man nicht ins Kino. Da gab’s so ’ne Grenze.

Mein Großvater summte dann ja immer mit, und denn schwankte er so hin und her: Oh, fand er das schön, wenn der da sang!

Ich weiß die Handlung gar nicht mehr genau, ich erinnere mich bloß noch: Auf einer Schiffsreise war ein Vater mit einem Kind. Irgendwie hatten die keine Mutter, die war wahrscheinlich gestorben. Dann kümmerte sich auf diesem Schiff ein anderes Mädchen nun um das Kind, eine junge Dame, nicht wahr! Und die verliebte sich natürlich in den Vater des Kindes, und nachher war das wieder vereint in eine Familie, und sie standen da so an der Reling. Ich seh’ nur noch, wie sie an der Reling standen, Beniamino und wer da diese Mädchenrolle gespielt hat, und die Köpfe gingen immer näher zusammen, und eine Musik! Ach, das war wunderbar.

Eine Frau

Geräusch [ein Tonband wird vorgespielt mit dem Geräusch fließenden Wassers] | Schneeschmelze: Die Dachrinne ist kaputt, darunter steht eine Zink-Waschwanne.

Ein Mann

DDR | Einen Ossi hab’ ich mal kennengelernt, ein Mensch wie du und ich war das.

Kellnerin, *1949

Reise | 1961 bin ich zur Kur gefahren, nach Usedom, nach Bansin. Ich weiß noch genau, am 13. September war das. Da mußten wir Morgenappell machen, weil der da gestorben, wie heißt der andere noch, nicht Ulbricht … Pieck. Da hatten wir Appell, und da bin ich umgefallen, wahrscheinlich zu lange gestanden. Wie das da sonst war, weiß ich nicht mehr.

Amerikanischer Student

Deutschland/Erster Eindruck | Im Sommer, ich war gerade 17 Jahre alt, besuchte ich Deutschland zum ersten Mal. Weil meine Mutter Deutsche ist, hatte ich schon einige Erwartungen an das Land – erfüllt – und an die Leute – nicht erfüllt; allerdings betrachtete ich vieles durch die rosarote Brille.

Das Land: märchenhaft schön. Ich war in der Gegend von Nürnberg und machte einen Ausflug nach Würzburg, um meine Großmutter zu besuchen. Gepflegte Äcker, ländliche Häuser, keine Zäune, viele Hügel, Wald.

Städtische Landschaften in Franken beeindruckten mich sehr ihres Alters wegen. Ich mußte viel an Dürer und Riemenschneider denken. Erst allmählich erkannte ich, daß vieles wiederaufgebaut und restauriert werden mußte.

Der einwöchige Aufenthalt in Berlin am Ende meines ersten Deutschland-Besuches zerstörte all meine jugendlichen Illusionen über Deutschland. In dieser dunklen, »überwachsenen« Großstadt schaut man dem 20. Jahrhundert mit seinem Krieg und seiner ständigen Urbanisierung direkt ins Gesicht.

Die Leute. Ich erwartete, daß sich alle Deutschen – ob jung und alt – nur für »Kultur« interessierten und daß sie alle irgendwie intelligenter als – zum Beispiel – Amerikaner wären. Gott sei Dank ist das nicht so, aber damals kam mir die Vorstellung schön vor.

Unter Jugendlichen fand ich wenige Unterschiede im Vergleich mit meinen Landsleuten. Die älteren Menschen, also die über 50, kamen mir irgendwie verdächtig vor: Ich erinnere mich noch gut daran, als ich bei meiner Großmutter war und die alten Gesichter durch die nur wenig geöffneten Wohnungstüren herausgucken sah.

Gesamteindruck: Deutschland ist ein sonderbares Land, wo man täglich der Vergangenheit neben der Gegenwart begegnet und wo die Grenzen dazwischen beweglich sind.

Soziologe, *1956

Reise | Im Senegal sah ich einen verrückten Neger, der war nackt und onanierte mitten auf der Straße. Er fror nicht, und er war nicht unterernährt. Ein extremes Bild. Ich hab’ den mehrfach gesehen.

Beamter, *1933

Möbel | Wir waren ja vier Kinder und wohnten in einem Zimmer, das war nicht sehr groß. Damit alle schlafen konnten, hatten wir zwei Doppelstockbetten, die stammten aus unserem Luftschutzkeller. Das war schon nach dem Krieg. Matratzen hatten wir nicht, sondern Strohsäcke, auf denen wir lagen. Die Großen schliefen oben, mein Bruder und ich – die Kleinen, meine Schwestern, unten. Das war so ganz einfaches Fichtenholz, ganz roh gebaut, die hatte man damals im Luftschutzkeller.

Arzt, *1948

Radio | Diese wunderbare Sendung »Sternenzeit« im Deutschlandradio, die habe ich eine Zeitlang immer gehört. Da haben sie von der Entwicklung der Postrakete erzählt, in den 30er Jahren. Und da ist auch tatsächlich eine angekommen, mit 300 Briefen, auf einem kleinen Dorf. Und die wurden dann enorm wertvoll, weil sie einen Stempel hatten: »Mit der Rakete transportiert«.

Ein Mann

Mauerfall | Ich war in Berlin, habe um 19 Uhr den Schabowski gesehen, die Panne sozusagen, die das Ganze ausgelöst hat. Mal rumgerätselt, was passiert? Sprach mit unserm DDR-Experten: Dann wird’s wohl um Mitternacht soweit sein?

Nein, die Polizeidienststellen machen um 8 Uhr auf, dann werden die ersten gegen 9 Uhr kommen und sich den Stempel holen. Das war also nun die Phantasie eines DDR-Experten, mehr Phantasie hatte er nicht.

Am Potsdamer Platz, am 10. oder 11.: In der Mauer, da hörte man die Bohrer, und dann kam ein ganz kleines Loch, und dann kam ein Bagger, steckte sein Maul da rein und hob das erste Stück hoch unter vielstimmigem Jubel! Zuerst stand da noch Grenzpolizei; die haben den Leuten, die auf die Mauer klettern wollten, mit Stangen auf die Pfoten gehauen. Es war ja etwas schwer, da hochzukommen, da war ja eine Rundung. Aber die Leute haben Pyramiden gebildet, und da war das auch kein Hindernis mehr.

Das hatte was von einem Volksfest. Legionen von Trabbis, und dann wurde mir auch klar: Die fuhren einmal grade durch die Stadt. Die Heerstraße geht ja grade durch die Stadt. Früher mußte man ja einen großen Bogen machen.

Eine Frau, *1933

Reise | England. Ich mach’ keinen Urlaub mehr. Früher bin ich jedes Jahr in England gewesen, ganz systematisch, von Süden nach Norden. Kleine Pensionen, morgens steht die Milch vor der Tür. In London habe ich dann ein Emigrantenehepaar kennengelernt. Als die hörten, daß ich Deutsche bin, haben sie gar nicht mehr von mir abgelassen, haben mir immer vorgeschrieben, wo ich hinfahren soll. Später dann bin ich mit ihnen nach Griechenland und sonstwohin gefahren, habe alles organisiert, und sie waren immer sehr zufrieden.

Flugzeugbauer, *1908

Möbel | Im Kinderzimmer hatten wir einen gußeisernen Ofen, der hatte ein sehr langes Rohr, das senkrecht ins Zimmer ragte, im unteren Teil aber vierkant war. Oben war er richtig wie eine Krone gearbeitet, so wie mit einer Krone verziert. Der Ofen war schwarz, der hat nie im Leben gebrannt, er wurde mit Wichs geschwärzt, man hatte so komische Mittel damals. Unten war eine Fachtür, da hatte ich eine Dose mit Pfennigstücken drin im Wert von 5 Mark!

Anglist, *1911

Weimarer Republik | 1923. Wir hatten drei Mietshäuser, und die Inflation brachte meine Mutter dazu, eins abzustoßen, damit sie die andern halten konnte.

Und wenn sie dann die Mieten kassiert hatte, dann zählte sie das Geld und ging mit einem Waschkorb voll Geld zum Finanzamt, um die Steuern zu bezahlen. Das hat mich sehr beeindruckt.

Arzt, *1922

Sport | 1956 habe ich in St. Andreasberg das Skilaufen gelernt. Ich hatte das Schwingen gerade richtig heraus, da kam ich mit dem linken Ski unter eine schneebedeckte Baumwurzel. Doppelter Knöchelbruch. Ich habe die Ski seitdem nicht mehr angerührt. Man soll das Schicksal nicht herausfordern.

Jurist

Haft Bautzen | Im Knast haben wir ein »Mensch ärger dich nicht« auf den Tisch gestanzt, das war ein viereckiger Tisch mit einer Linoleumplatte. Wir nahmen dazu von einer Tablettenröhre den Deckel. Früher gab es ja Glasröhren mit einem Blechdeckel. Der war verhältnismäßig scharf, mit dem konnte man auf dem Linoleum Kreise drehen. Als das Spielbrett fertiggedreht war, entwickelten wir höchst komplizierte »Mensch ärger dich nicht«-Regeln mit Sperren bauen, durchfallen und raufsteigen, mit vorwärts und rückwärts schlagen und so weiter.

Eine Frau

Mauerfall/Wiedervereinigung | Bei diesen Großveranstaltungen, die großen Kinderaugen, vor denen habe ich Angst gekriegt: Wie können wir diese Erwartungen erfüllen?

Krankenschwester, *1974

Verrückter | In Kopenhagen gibt es einen Verrückten, der fährt auf der Straße auf einem imaginären Motorrad, den ganzen Tag, gibt immer Gas und so weiter.

Technische Angestellte im Krankenhaus, *ca. 1960

Kinder | Wir fahren mit unserm Jungen nach München ins Deutsche Museum, da interessiert er sich für. Mein Mann war schon da und hat ihm davon erzählt. Sonst fährt der Junge immer ins Zeltlager. Jetzt ist er da Betreuer, das macht ihm Spaß. Mit den Jungens am Lagerfeuer sitzen, das ist was für ihn.

Musiker, *1966

Prominenz | Carlo von Tiedemann wartete mal abends auf dem Dammtorbahnhof auf den IC: Trenchcoat, kleiner Koffer. Der Bahnsteig war ziemlich leer, der stand da sehr allein rum.

Moderatorin, *1966

Nachbarn | Die waren nicht so interessant. Ohne Kontakt. Ich bin auf dem Lande groß geworden, zum Teil Bauern, nette, aber einfache Menschen. Wir haben uns die Tiere angeschaut. Schweine haben mir angst gemacht, die waren eingepfercht in so enge Ställe, und das haben sie gewiß auch als schrecklich empfunden. Ihre Aggressivität hat mir angst gemacht.

Friseurin, *1909

Kriegsende | 1945. Wenn ich nicht immer noch an den Endsieg geglaubt hätte, dann hätte ich mir das Leben genommen. Als dann die ersten Flüchtlinge kamen, das waren doch alles Rittergutsbesitzer, Mädchen mit weißen Reithosen, an jeder Hand zwei Reitpferde. Die Wagen waren alle hoch bepackt, und die inspizierten, wo sie ihr neues Rittergut aufmachen könnten. Als ich das sah, hab’ ich doch nicht an das Kriegsende geglaubt!

Reporter, *1960

Musik | Ich bin ein Kind der 80er Jahre, damals gab’s die Neue Deutsche Welle, Nena: »Ich will Spaß!« Es gab auch politische Texte: »Tanz’ den Mussolini, tanz den Jesus Christus, tanz den Adolf Hitler«. Damals hatten die Deutschen nur deutsche Musik gekauft. Darüber haben sich die Amis geärgert, kamen in Panik, weil sie ihr Zeug nicht verkaufen konnten. Die haben dann die ganze Deutsche Welle aufgekauft – alle Songs, alle Bands – und eingemottet. Quasi abgewrackt.

Damals gab’s auch die »Leningrad Cowboys«, mit so ’ner komischen Haarfrisur. Das waren Finnen; das war aber schon Anfang der 90er Jahre, als der Eiserne Vorhang fiel.

Gastwirt, *1924

KZ | Von Pastoren hieß es: Der hat was Unvorsichtiges auf der Kanzel gesagt, den haben sie abgeholt. Daß die Kirche mit den Nazis kontra stand. Aber es gab auch Pastoren mit Parteiabzeichen.

Hausfrau aus Mecklenburg, *1924

Mauerfall/Wiedervereinigung | Ich meine, was Besseres konnte uns gar nicht passieren. Trotzdem ist es ein Wunder.

Obwohl ich gehofft habe – geglaubt habe ich nie daran. Man sagt immer: Was der Russe hat, gibt er nie wieder her.

Arzt, *1922

Prominenz | Man kann über Romy Schneider sagen, was man will: Die Anatomie war tadellos.

Eine Frau, *ca. 1955

Schule | Nach den großen Ferien einen Aufsatz schreiben: »Mein Schulranzen erzählt«.

Ostdeutsche Buchhändlerin in einer Fernsehsendung 1991

Mauerfall/Wiedervereinigung. | Rückwärts möchten wir’s nicht, aber es ist schließlich alles ein bißchen kompliziert.

Haushälterin, *1919

Religion | Ich bin in der Kirche von Klein Dexen konfirmiert worden. Wir mußten vorm Altar alle einen Einsegnungsspruch aufsagen. Meinen werd’ ich mein Leben nicht vergessen: »Hier knie’ ich heut’, vor vielen Zeugen, und lege mein Bekenntnis ab «

Aber das würde jetzt zu lange dauern, das ist ein langer Spruch, den ich da aufsagen müßte.

Schiffsmakler, *1923

Schule | Langweilige Stunden, wo am Anfang kleine Bücher verteilt wurden, in Form eines Registers. Dann wurden uns Pflanzen in die Hand gegeben, die dann anhand der Bestimmungstabellen erkannt werden sollten. Ob die Blätter gefiedert waren oder nicht. Paarig oder unpaarig, behaart oder unbehaart.

Interessanterweise kam man dann tatsächlich auf die richtigen Pflanzen. Aber Nutzanwendungen waren daraus nicht zu ziehen.

Eine Frau

Gedicht | »Osterspaziergang«.

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche

durch des Frühlings holden, belebenden Blick,

im Tale grünet Hoffnungsglück;

der alte Winter, in seiner Schwäche,

zog sich in rauhe Berge zurück.

Von dort her sendet er, fliehend, nur

ohnmächtige Schauer körnigen Eises

in Streifen über die grünende Flur.

Aber die Sonne duldet kein Weißes,

überall regt sich Bildung und Streben,

alles will sie mit Farben beleben;

doch an Blumen fehlts im Revier,

sie nimmt geputzte Menschen dafür.

Kehre dich um, von diesen Höhen

nach der Stadt zurück zu sehen!

Aus dem hohlen finstern Tor

dringt ein buntes Gewimmel hervor.

Jeder sonnt sich heute so gern.

Sie feiern die Auferstehung des Herrn,

denn sie sind selber auferstanden:

aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,

aus Handwerks- und Gewerbesbanden,

aus dem Druck von Giebeln und Dächern,

aus den Straßen quetschender Enge,

aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht

sind sie alle ans Licht gebracht.

Sieh nur, sieh! wie behend sich die Menge

durch die Gärten und Felder zerschlägt,

wie der Fluß in Breit und Länge

so manchen lustigen Nachen bewegt,

und, bis zum Sinken überladen,

entfernt sich dieser letzte Kahn.

Selbst von des Berges fernen Pfaden

blinken uns farbige Kleider an.

Ich höre schon des Dorfs Getümmel,

hier ist des Volkes wahrer Himmel,

zufrieden jauchzet groß und klein:

Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein!

Techniker, *1926

Zweiter Weltkrieg | 1943. Eine Szene in Afrika. Da lagen wir als vorgeschobener Stützpunkt, wir hatten ein MG, Handfeuerwaffen und ein Pakgeschütz. Der Amerikaner näherte sich von der andern Seite, aus Tunesien, und da lagen wir tagelang ohne Feindberührung. Der nächste Stützpunkt war 200 Meter entfernt.

Dann näherten sich auf der Straße amerikanische gepanzerte Mannschaftsfahrzeuge. Bei uns herrschte Verwirrung: Was sollen wir machen? Wir schießen! Einfach draufhalten. Wir sahen die Menschen, die raussprangen und in die Geröllfelder liefen. Und plötzlich merkten wir, daß da auch welche von dem Nachbarstützpunkt liefen, und wir schossen weiter. In der allgemeinen Verwirrung. Die hatten sich anscheinend aus ihren Löchern rausgemacht, und wir haben weitergeschossen. In Minutenschnelle ging das. Die Amis hauten wieder ab, und zurück blieben ein paar deutsche Verwundete.

Germanist, *1965

Neger | Mein erster Klavierlehrer war ein Schwarzer, ein sehr, sehr freundlicher Mann. Der kam aus Ghana. Da war ich neun Jahre alt. Der sprach Deutsch mit einem kleinen, irgendwie wohl englischen Akzent. Eigentlich gab der Klarinettenunterricht. Große Finger hatte der, die innen hell waren. Der roch sehr speziell. Fremd, aber irgendwie mochte ich das. Als ich nach zwei Jahren dann eine andere Lehrerin kriegen sollte – so eine richtige Ziege –, da habe ich vor der ersten Stunde bitterlich geweint, und da hat er mich getröstet und dann bei der andern Lehrerin abgeliefert.

Mediziner, *1923

Fanatismus | Die überzeugten Kommunisten haben, wie die Zeugen Jehovas oder die Friedensbewegten, einen leicht irren und irgendwie leeren Blick.

Eine Frau

Frühes Erlebnis | Sommer 1963. Das Schlafzimmer meiner Eltern, braune Eichenmöbel, grüner Läufer, in der hintersten Ecke ein Spiegel, rechts an der Wand ein bespanntes Weidenkörbchen mit Baldachin; so wie man es damals für die Babys hatte.

Die Taufe meiner kleinen Schwester war zu feiern. Ich hatte ein neues Kleid bekommen. Es hatte einen weiten, knisternden Rock. Der helle Stoff war mit zartgrünen Tupfern übersät, und hinten wurde eine breite Schleife gebunden.

Ich stand auf dem Läufer zwischen Ehebett und Kleiderschrank, die Sonne schien durchs Fenster direkt auf mein Gesicht. Und während Mutter die Schleife hinten festzog, sah ich glücklich an mir herunter: auf meine neuen roten Lackschuhe, auf die ich maßlos stolz war.

Verleger, *1913

Prominenz | Gerhart Hauptmann in Hiddensee. Ich war auf Hiddensee, als Schüler. Und da bin ich frech und gottesfürchtig hingegangen, und da hat mir seine langjährige Sekretärin, Seebach oder wie sie hieß, aufgemacht. Und da hab’ ich gefragt, ob ich Herrn Hauptmann mal eben begrüßen darf. »Das geht wohl nicht«, hat sie gesagt, »der arbeitet jetzt, aber wenn Sie ein Buch von ihm haben, schicken Sie’s ihm, dann kriegen Sie sicher ein Autogramm von ihm.«

Das hab’ ich auch getan. »Der Ketzer von Soana«, das hab’ ich ihm geschickt, und das kriegte ich zurück mit der Widmung: »Der deutschen Zwietracht mitten ins Herz.« 1930 war das. Das Buch habe ich heute noch!

Techniker, *1928

Möbel | Der runde Tisch, der hatte so dicke Knollenbeine. Wenn Kaffeekränzchen war, ging man schnell weg oder saß da unten auf den Knollen.

Wenn meine Mutter erzählte, dann saßen wir um den Tisch herum. Sie war mit einer Freundin namens Emmi 1919 in Dänemark gewesen. Man wußte nie, wann die von Dänemark erzählte, aber wenn sie’s tat, blieb man da sitzen.

Vier Beine mit Klumpen, und da war auch noch Gestänge, das verband die Beine. Man konnte ihn ausziehen und Platten drauflegen; wenn das Kaffeekränzchen kam, wurde das gemacht. Mit dem hat man sich dann eines Tages furchtbar verkracht.

In Dänemark war meine Mutter Gesellschafterin gewesen. Noch ’ne ganz alte Postkarte liegt bei mir: »Heute ist schlechtes Wetter, Schneetreiben « Wir hörten ihr gern zu. Sechs- oder siebenmal hat sie von Dänemark erzählt.

Ein Mann, *1950

Mauerfall | Ich habe die Öffnung der Grenze erlebt; am Donnerstag hatten wir einen Betriebsausflug gemacht. Übers Wochenende hatten wir ein Hotel in Helmstedt gemietet, mit den ganzen Kollegen und Kolleginnen. Wir ahnten schon so was, und da sind wir … Die Pressekonferenz haben wir im Bus noch gehört, und dann sind wir da hochgelaufen zur Grenze, 3 Kilometer, um 10, halb 11 sind wir mit 40 Kollegen und Kolleginnen da hochgelaufen.

Das war eines der ergreifendsten Erlebnisse, das ich je gehabt habe. Wenn das einer vorhergesagt hätte!

Ich habe Germanistik studiert, ich habe viele Entwicklungen in der DDR mit Sympathie gesehen, das Selbstwertgefühl der Frauen und so weiter. Ich war zwei-, dreimal drüben, in den 80er Jahren, und ich hatte den Eindruck, daß viele sich da ganz wohl fühlten … Und mich hat dann diese gewaltige Bewegung überrascht und hat mein Bild total verändert. Historischer Zeitraffer war das.

Ein Mann

Mauerfall/Wiedervereinigung | Ein Tierarzt, er habe früher 20 000 Schweine betreut, jetzt 700. Was soll ich da sagen. – Und ich Idiot hab’ ihn auch noch gefragt, ob er für Wellensittiche zuständig sei.

Angestellte, *1959

Vater | Mein Vater hat großes Talent im Umgang mit kleinen Kindern. Beim Spazierengehen früher, wenn irgendwo ein weinendes Kind stand – mit den meist verärgerten Eltern in der Nähe –, dann streckte er im Vorbeigehen die Hand nach dem Kind aus und sagte: »Wein man nicht! Komm lieber mit mir mit.« Und die Kinder gingen praktisch immer mit! Hörten auf zu weinen, nahmen seine Hand und gingen mit.

Er brachte sie dann natürlich gleich zu den Eltern zurück. Aber heute dürfte er so was nicht mehr machen, das gäbe sicher einen Riesenkrach. Da hätte er sofort ein Verfahren am Hals wegen potentiellen Kindesmißbrauchs.

Hotelier, *1904

KZ | Nö. Ich habe nur im Warthegau ein Judenlager gesehen. Das war abgegittert, und die armen Menschen flehten da und wollten was zu essen haben. Weiter habe ich nichts gesehen.

Und dann auf der Moorweide. Ich sag’ zu meiner Frau: »Du, die ganzen Juden kommen weg.« Meine Frau sagt: »Das kann doch nicht sein?« – Die ganze Moorweide war voll, prima angezogen, Leute aus der Ehestraße, alle mit’m Judenstern, jeder mit einer Tasche. Die wurden dann abtransportiert.

Eine Frau, *1963

Reise | Königssee. Einsam gelegen. Ganz kleine Barockkirche, mitten im See. Da fahren kleine Elektroboote.

Schön war auch das Gasthaus dort, mit einem zauberhaften Biergarten. Man hat den See so vor sich und im Rücken die Gebirgswand.

Das war mal ein Jagdschloß oder ein Kloster. Die Kirche selbst ist ganz einfach.

Ein Mann, *ca. 1930

Zukunft | Daß wir nächstes Jahr in Urlaub fahren. Wohin, weiß ich nicht. – Ich hätte mir nicht vorstellen können vor 50 Jahren, daß es hier mal so glatte Straßen gibt. Sogar in der DDR! Dementsprechend kann ich mir auch nicht vorstellen, wie es in der Zukunft aussehen wird.

Jurist, *1894

Vater | Mein Vater? Ah – eine prachtvolle Erscheinung. Ich kann sagen, daß ich mit allem, was er sagte und tat, 100 Prozent konform gehe. Heute.

Eine Frau

Zukunft | So geht das immer weiter, es wird immer schlechter, bis zum totalen Chaos, und das ist dann das Ende der Menschheit. Dann ziehen sie alle nach Afrika, wo die Früchte wild wachsen.

Arzt, *1922

Arbeit | Ich glaube gar nicht, daß die Arbeitszeitverkürzung den großen Betrieben viel ausmacht. Man stellt das Band ein paar Sekunden schneller oder kauft einen weiteren Roboter. Viel wichtiger für die Betriebe ist, daß die Maschinen möglichst lange am Tag laufen, am besten 24 Stunden. Übrigens finde ich es besser, wenn die Leute länger, aber dafür weniger hektisch arbeiten, also gemütlicher.

Lehrerin, *ca. 1945

Ostdeutschland | Ich stamme von drüben. Im vorigen Jahr haben wir ein Klassentreffen gemacht, und ich war die einzige aus dem Westen. Alle andern sind dageblieben. Das war sehr eigenartig, aber sie haben sich nichts anmerken lassen.

Archivar aus Köln

Bibel | »Ich bin der gute Hirte, dir wird nichts mangeln «

Gibt verschiedene Versionen davon.

Eine Frau

Mutter | Meine Mutter war ganz Hausfrau. Sie war immer da, hat sich immer um mich gekümmert. Sie hat auch Kinderbücher geschrieben, literarisch nicht so doll, aber sehr phantasievoll.

Krankenschwester, *1974

Zukunft | Ein Häuschen im Garten, auf’m Land, und noch mehr Kinder. Bäume pflanzen.

Ein Mann, *1979

Gedicht | Walther von der Vogelweide:

Owê war sint verswunden alliu mîniu jâr?

Ist mîn leben mir getroumet oder ist ez wâr?

Daz ich ie wânde, daz iht waere, was daz iht?

Dar nâch hân ich geslâfen und enweiz ez niht.

Nû bin ich erwachet und ist mir unbekant,

daz mir hie vor was kündic als mîn ander hant.

Liute unde lant, dar inn ich von kinde bin erzogen,

die sint mir fremde worden reht als ob ez sî gelogen.

Die mîne gespiln wâren, die sint traege unde alt.

Bereitet ist daz velt, verhouwen ist der walt.

Wan daz daz wazzer fliuzet als ez wîlent floz,

für wâr ich wânde mîn ungelücke wurde grôz.

Mich grüezet maniger trâge, der mich bekande ê wol.

Diu welt ist allenthalben ungnâden vol.

Als ich gedenke an manigen wünneclîchen tac,

die mir sint enpfallen als in daz mer ein slac,iemer mêre ouwê.

Filmtonmeister, *1961

Großeltern | Ich sehe meinen Großvater noch Zigarre rauchen und einen Wohnzimmertisch mit Möbelpolitur polieren. Einmal war ich mit ihm in Hoyerswerda, da haben wir Pferdebohnen gegessen, die mochte ich gerne. Interessanter Geschmack. Die gab’s bei uns nicht.

Musiker, *1934

Musik | Die alte Dammsche Klavierschule, da war ein Auszug aus der 7. Sinfonie von Beethoven drin, eine einzige Zeile war das bloß. Ich weiß noch genau den Rhythmus, die feierliche Grundstimmung. Das hat mich immer wieder angerührt, und ich hab’ es immer wieder gespielt. 13 Jahre alt war ich. Und dann hab’ ich angefangen à la Beethoven zu komponieren, in d-Moll, düster, dramatisch. d-Moll, das spielte sich leicht.

Jurist, *1966

Prominenz | Als ich ganz neu in Hamburg war, so 1993, da fuhr ich mit dem Rad an der Elbe lang, Oevelgönne, wo die Kapitänshäuser sind. Ich biege forsch um die Ecke, sehe noch so von links einen hellen langen Staubmantel und erwische fast einen nicht mehr so ganz jungen Herrn, der dann aber doch elegant zur Seite sprang, der wirkte recht alert. Ich mußte ziemlich in die Bremsen steigen und fuhr dann erschrocken weiter. Nach 5 Metern habe ich gedacht: Mensch, das war doch Peter Rühmkorf.

Veranstalter, *1974

Essen | Rotkohl mit Knödeln, auf böhmisch. Runde Knödel, guten Braten. In Leipzig, »Auerbachs Keller«, da habe ich mal einen Schweinebraten mit Knödeln gegessen.

Bankkaufmann, *1977

Bundeswehr | Ich war bei der Bundeswehr, ich hab’ gedacht: Warum soll ich die Erfahrung nicht machen?! Ich besaß schon einen Jagdschein, und da dachte ich: Da kannst du dann schießen. Meine Kameraden gingen dann nach Jugoslawien, aber ich hab’ mich geweigert. Ich wollte mir das nicht antun, obwohl’s eine finanzielle Zulage gab.

Managing-Director, *1951

Bild | »Die Nachtwache«, »Guernica« und »Der Mann mit dem Goldhelm«.

Eine Frau

Zukunft | Ich habe unheimliche Angst, nicht vor Runzeln – ich glaube, daß man das sehr schnell in sein Leben einbaut –, sondern vor der Hilflosigkeit, die das Alter mit sich bringt. Davor, daß die Fähigkeit, etwas zu erleben, immer mehr nachläßt, nicht mehr reisen, nicht mehr lesen, keine Musik mehr hören können. Daß man also eingeschränkt ist, wie ein kleines Kind, zusammengeschrumpft.

Und ich hoffe inständig, daß ich nicht so werde wie meine Großeltern, die unheimlich klagen. Ich hoffe, daß ich in Zukunft niemandem zur Last falle.

Eine Frau

Mauerfall/Wiedervereinigung | Wir sind jetzt zwiespältig. Daß sich schon jetzt so viele Widerstände aufgebaut haben gegen die Wiedervereinigung, das macht uns traurig und betroffen. Die Geschäftsleute fürchten um ihre Pfründe, und den westdeutschen Kaufleuten hängt die Zunge aus’m Hals.

Historikerin, *1950

Schule | 1968. Ich war auf einer katholischen Nonnenschule, und da hatten wir immer fromme Aufsatzthemen. Ich hatte fast immer eine Eins im Aufsatz. Irgendwie hatte ich den Ton raus, den die Nonnen hören wollten. Ich war ganz opportunistisch. Die Nonnen waren Augustinen, sie trugen ein langes Habit.

Eine Frau

Reise | Sizilien. In Sizilien sind die Tempel so trutzig, nicht so elegant wie in Griechenland. Alles abgeholzt, aber trotzdem schön. Im Mai das erste Grün, im Oktober schon so erdbraun.

Die Straße von Messina ist sehr gefährlich. Aber wir fuhren mit dem Zug. Wir haben da unten von der antiken über die arabische Kultur alles studiert. Die Menschen sind sehr freundlich, aber etwas chaotisch und nicht ganz sauber. Am Fuß des Ätnas, wenn man abends auf der Terrasse gesessen hat, hat man richtig Weltschmerz gekriegt. Eine gefährliche Meerenge, das Wasser ist furchtbar tief, Strömungen.

Die Tempel sind gut erhalten, wir haben mit vielen Leuten gesprochen. Natürlich muß man auch mal nach Griechenland, aber im Grunde reicht Sizilien. Im Frühjahr so wunderschöne Blumen. Überhaupt die Vegetation, ganz atemberaubend. Kleine Inselbahn um den Ätna herum. Qualmt und macht Geräusche.

Jurist, *1925

Großeltern | Meine Mutter hatte fünf Kinder und war immer überlastet, immer nett, aber überbeschäftigt, und meine Großmutter hatte immer Zeit. Sie gab sich viel mit mir ab: Pilze suchen, Briefmarken sammeln, ins Kino gehen – alles vermittelte die Großmutter. Großvater sagte dann immer: »Geht aber in gewichtige Filme, nicht Revuefilme; und bezahlt auch!« Der wollte nicht, daß wir umsonst ins Kino gingen, weil wir den Besitzer kannten. Er ging nie mit, aber ermahnte uns immer, auch ja zu bezahlen. Doch dann stand Mary an der Kasse und sagte: »Ihr könnt natürlich umsonst rein.«

Johannes-Heesters-Filme, das war leichteste und billigste Unterhaltung für mich: Treppen runter und rauf, im Frack, und dann tanzte Ballett drum herum.

Buchhändler, *1956

Schule | Ich sollte mal zum Rektor unserer Schule gehen, der wohnte gegenüber. Aber das konnte ich nicht. Ich hatte mal gesehen, wie er einen kleinen Jungen auf die Schulbank legte und verprügelte, mit dem Stock. Und das war so schlimm, daß ich nie zu dem gegangen wäre. So eine Wut hatte der auf das Kind. Also wirklich, so auf ihn einzuschlagen!

Bankkaufmann, *1977

Tiere | Ich hatte einen wunderbaren Hund, und den hab’ ich dann selbst überfahren. Beim Reifenwechsel hat er sich unter den Wagen gelegt, und da hab’ ich ihm das Genick gebrochen. Habe ihn noch eine halbe Stunde im Arm gehalten und getröstet, bis der Tierarzt kam und ihn erlöste.

Russischer Übersiedler

Kindheit | Als ich noch ein Kind war, war ich sehr schwierig. Meine Eltern hatten viele Probleme mit mir. Ich wollte alles haben, was ich wollte, deshalb habe ich laut geschrien und die Tür zugeknallt und mit keinem gesprochen.

Ich wollte auch raufen, deshalb haben meine Eltern immer mit mir geschimpft. Und ich bin weggelaufen und habe nicht zugehört.

Ein Mann, *1979

Tiere | Dackel. Ein Langhaardackel! Man sieht sie immer seltener. Eines Tages hing er am Arm eines Freundes, er hatte zugebissen. Der hatte was falsch gemacht. Wir sind mit dem Fahrrad zum Arzt gefahren, was sehr unklug war, aber der Dackel war sauber.

Behördenangestellte, *1921

Zweiter Weltkrieg | 1945. Mein Schwiegervater hat ein Lazarett gebaut, im Samland, für Schwerstbeschädigte, ohne Stufen, alles, wie ’ne kleine Stadt für sich, mit Kino und so weiter. Das war fast fertig. Für die Torsos, die keine Arme und keine Beine hatten und noch blind dazu. – Wo die wohl abgeblieben sind, frag’ ich mich manchmal. Ich hab’ die doch gepflegt als Krankenschwester.

Die jungen Leute, wenn man mit denen spricht, die sagen: »Heut’ ist heut’. Jetzt ist Frieden, jetzt ist kein Krieg mehr.« Die wischen das weg.

Arzt, *1922

Geruch | Frisch gescheuerte Bürgersteige in Flandern, jeden Samstag wurden sie mit Schmierseife gescheuert. Meine Mutter stammt von dort.

Eine Frau, *1968

Glück | Im Januar bin ich mit den Kindern hinten drin nach Rotenburg gefahren. Und auf der Chaussee war hinter einer Bodenwelle alles gefroren, und ich rutschte auf einen Baum zu. Es war glatt, und ich war wohl zu schnell, konnte nicht mehr bremsen, und es ging geradewegs auf einen Baum zu. Das Auto driftete dann etwas zur Seite, großer Knall, wir drehten uns und landeten auf der Straße. Die Kinder guckten nur, war nichts weiter. Aber ich vorne! Der Holm hatte sich bis aufs Steuerrad hinuntergebogen. Ich hatte nur den einen Gedanken: Bitte nicht die Kinder! Und ich kam gar nicht aus dem Auto raus, mit den Beinen zuerst durch das Fenster

Die Kinder waren nur ein bißchen abgeschrammt – und ich an den Ellenbogen. Als ich dann draußen war, hatte ich weiche Knie! Mein Mann kam ein paar Minuten später, der sah meine Beine aus dem Fenster herausstehen.

Bankkaufmann, *1977

Ausländer | Ich war mit einer Türkin befreundet. Die Familie war schon 30 Jahre in Deutschland. Aber als sie dann zu ihren Eltern sagte: »Ich hab’ einen deutschen Freund« – da ging’s nach hinten los.

Archivarin, *ca. 1960

Musik | Meine Tochter spielt Klarinette. Zuerst hat sie Blockflöte gespielt, dann sagte sie: »Ich möchte gern Klarinette spielen.« Jetzt spielt sie in einem kleinen Quartett, ihr Musiklehrer komponiert selbst.

Das Blättchen muß erst befeuchtet werden und dann mit einer Schnur angebunden.

Studienrat, *1940

Heimkehr | Ich war ja noch ganz klein, ich kannte meinen Vater überhaupt nicht. Eines Tages, es war abends, wir lagen schon im Bett, da wurden wir wieder aufgeweckt und mußten hinunterkommen. In der Stube saß er dann, auf dem Sofa. Und dann haben wir gebetet, das Vaterunser. Das ging, glaub’ ich, von ihm aus.

Philologin, *1970

Geschenk | Als ich zwölf Jahre alt war, bekam ich neue Rennskier, gelb und von Atomic. Dazu die passenden Skistöcke.

Eine Frau, *1989

Reise | Ich war mit meinen Eltern in der Bretagne. Da war eigentlich nichts los, aber es ist total gemütlich, so ähnlich wie in England. Der Atlantik ist denn da – und Hortensien.

Wir aßen Galetten, die sind lecker, mit Käse, Buchweizenteig.

Buchhändlerin, *1928

NS-Zeit | 1935. Will Quadflieg spielte einen Geiger, und der hatte einen Brillanten am kleinen Finger.

Westdeutsche Lehrerin

Mauerfall/Wiedervereinigung | Besuch von drüben. Ich hatte ein umfangreiches Kulturprogramm ausgearbeitet für sie, ein Riesenprogramm, Schloß, Museum und so weiter. Aber die wollten ganz was anderes sehen, Supermarkt, Autowaschanlage, dafür konnten sie sich begeistern. Auch zum Gebrauchtwagenhändler sind wir gefahren, stundenlang, haben sich alle Preise notiert.

Mein Mann hat Wirtschaftswissenschaften studiert. »Geldumtausch 1:1, das ist nicht gut«, hat er gesagt, »1:2 auch nicht.« Aber ich sag’: »Gönn ihnen das doch!«

Hausfrau, *1927

Zweiter Weltkrieg | 1940. Das Ende des Frankreichfeldzuges. Mein Vater war zu Tränen gerührt. »Vier Jahre haben wir in Frankreich gelegen, und dann kommt dieser Adolf daher und macht das in sechs Wochen!«

Und ich hab’ mir vorgestellt, wie das werden wird, wenn der Krieg zu Ende ist, und die Stadt ist geschmückt, und die Truppen kommen wieder.

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