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Buch

Das Leben auf Londons Straßen ist beinah zum Erliegen gekommen, alle Welt hält sich in gekühlten Räumen auf. Catherine Berlin hingegen schwitzt Blut und Wasser. Denn Sonja Kvist, ein Geist aus Berlins Straßenvergangenheit, fordert eine alte Schuld bei ihr ein: Ihre zehnjährige Tochter ist verschwunden, und Catherine muss die Suche nach dem Mädchen aufnehmen. Doch schon bald wird aus der Suchenden die Gejagte: Berlin soll Insiderinformationen zum Drogenmarkt enthüllen, der in eine Schieflage geraten ist. Als die Hitze immer drückender wird, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Situation in London zu eskalieren droht.

Autorin

Annie Hauxwell, gebürtige Londonerin, wanderte als Teenager mit ihren Eltern nach Australien aus. Sie arbeitet als Privatdetektivin und Drehbuchautorin, lebt in Castlemaine, Victoria, ist aber regelmäßig in Europa – sei es, um Urlaub zu machen, oder aber weil einer ihrer Rechercheaufträge sie hierherführt.

Von Annie Hauxwell bereits erschienen:

In ihrem Blut

ANNIE HAUXWELL

Bittere Schuld

Thriller

Aus dem Englischen
von Nina Schindler

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Die englische Originalausgabe erschien 2013 unter dem Titel
»A Bitter Taste« bei William Heinemann, London.

1. Auflage

Deutsche Erstveröffentlichung Juli 2014 bei Blanvalet,
einem Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH, München.

Copyright © 2013 by Annie Hauxwell

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2014
by Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Umschlaggestaltung: bürosüd

Umschlagmotiv: plainpicture / Gallery Stock /Marcel Christ

Redaktion: Kerstin Kubitz

Herstellung: sam

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN: 978-3-641-12415-1

www.blanvalet.de

Für Julie, die zu früh gegangen ist

Die Vergangenheit ist niemals tot.
Sie ist nicht mal vergangen.

William Faulkner

Sie war erst zehn Jahre alt, aber klug genug, um den Griff des blutigen Küchenmessers abzuwischen. Die Nachtluft war drückend. Die Fenster waren geschlossen und versiegelten das Chaos: ein umgeworfener Tisch, Geschirrscherben.

Ihre völlig verstörte Mutter, die nackten Schultern voller Striemen, kniete neben dem reglosen Vater. Ein Fleck breitete sich auf seinem verblichenen schwarzen T-Shirt aus, und Blut sickerte in die abgetretenen Dielenbretter. Neben ihm lag ein Lederriemen.

Als die schluchzende Frau aufstand und die Hand nach dem Mädchen ausstreckte, ließ das Kind das Messer fallen. Es entzog sich dem Griff, schnappte sich seinen Rucksack und rannte los.

28 °C

1

Es war noch früh, aber schon jetzt stieg der Staub in schimmernden Hitzewellen vom Beton auf. Dieselschwaden hingen stinkend in der Luft. Autos kochten, Gemüter erhitzten sich, Eiswagen wurden belagert und ausgeraubt. Berichten zufolge fielen Tauben tot vom Himmel. Es war die heißeste Hitzewelle aller Zeiten, und noch war kein Ende in Sicht.

London war wie ausgetrocknet.

Berlins Narben schwitzten nicht. Die rote Wucherung an ihrem Hals fühlte sich an wie ein Druckverband und engte ihre Erregung ein. Sie wollte schreien. Sie schlürfte ihren Tee.

Sie saß im Café und beobachtete den Strom der Frauen, die zum Morgengebet in die Moschee eilten. Manche trugen ein schlichtes Kopftuch, manche einen Schleier, andere waren in eine schwarze Burka gehüllt. Die Frau, auf die sie wartete, betrat die Moschee in ihrer Krankenschwesterntracht und hatte nur den Kopf bedeckt. In anderthalb Stunden würde sie wieder herauskommen. In der Zwischenzeit konnte sie voll verschleiert kommen und gehen, und kein Beobachter würde davon etwas mitbekommen.

Berlin bezahlte ihren Tee und ging. Mit diesem Job war sie ganz unten im Mülleimer angekommen: Ehebruch. Und dabei sprang für sie nur ein Getränk heraus.

Es bimmelte, als sie den Laden betrat, der hier nur der »Inder« hieß, obwohl er seit achtzehn Monaten von einer türkischen Familie betrieben wurde. Der Ladeninhaber, Mr. Demir, saß auf einem erhöhten Stuhl hinter der Theke; sein Blick war von schlaflosen Nächten abgestumpft. Wie immer hielt er seinen Inhalator in der Hand.

Mr. Demir rückte seinen Gürtel zurecht, der zwischen den Fettrollen um seine Leibesmitte vergraben war, und wandte sich einem jungen Mann zu, der in einer Illustrierten blätterte.

»Murat, kümmere dich hinten bitte um die Getränkekisten«, sagte er, und jedes Wort wurde durch ein Keuchen unterstrichen.

Murat starrte Berlin an und rührte sich nicht.

»Bitte, mein Sohn«, wiederholte sein Vater.

Murat ließ sich Zeit. Er duckte sich unter der Theke durch und tauchte, immer noch finster blickend, auf der anderen Seite auf, schlurfte durch den Perlenvorhang und verschwand im Hinterraum des Ladens. Mr. Demir wartete, bis der Vorhang sich nicht mehr bewegte, dann grüßte er Berlin auf dieselbe Weise, wie er es nun schon seit fast einem Monat immer tat.

»Irgendwelche Entwicklungen, Miss Berlin?«

Berlin sah einen Schatten über die Plastikperlen fallen. Murat lauerte noch in Hörweite. Als Antwort auf die Frage schüttelte sie den Kopf.

»Sie hat sich so verhalten wie immer.«

»Das ist sehr ungewöhnlich, sehr beunruhigend. Sie war nie fromm«, sagte Mr. Demir verständnislos. Er drückte einmal auf seinen Inhalator und atmete tief ein. »Wir waren nie streng. Bei keiner Sache.« Er warf einen bedauernden Blick in den hinteren Teil des Ladens. Offensichtlich war das bei der Erziehung des Sohnes ein Fehler gewesen.

Seufzend reichte Mr. Demir Berlin eine Tüte mit Brot, Milch und einer Flasche billigem Scotch. Es war kein Talisker, aber er würde es zur Not tun. Was an den meisten Tagen um fünf Uhr nachmittags der Fall war.

»Vielleicht kommt sie darüber hinweg«, tröstete Berlin, doch sie merkte selbst, wie schwach sich das anhörte.

Mr. Demir blickte ziellos an ihr vorbei, vielleicht suchte er nach einer Antwort auf seine Gebete. Doch keine konnte ihn froh stimmen.

Mrs. Demirs Frömmigkeit begann und endete in einer nahe gelegenen, schick renovierten Wohnung. Diskrete Nachforschungen hatten den Namen des Bewohners erbracht: ein Arzt, der in dem Krankenhaus arbeitete. Eine Burka wahrte den guten Ruf der Krankenschwester und zweifellos auch den des Arztes.

Anscheinend besuchte Mrs. Demir, die tagsüber im Laden arbeitete und nachts zwanzig psychotische Greise betreute, jeden Morgen das Paradies. Berlin konnte sich nicht dazu überwinden, dem bedauernswerten Mr. Demir das zu sagen. Außerdem brauchte sie die Lebensmittel. Und den Scotch. Es war unethisch und unprofessionell. Wie lange hielt sie das noch durch?

»Vielen Dank, Miss Berlin«, sagte Mr. Demir. »Werden Sie mit den … äh … Nachforschungen fortfahren, bis Sie etwas herausfinden?«

Berlin nickte. Das war ihre Antwort. Ziemlich mies.

Im Lagerraum beobachtete Murat durch die Überwachungskamera die Straße. Die Kamera – eine L-S-S – war auf dem neuesten Stand der Technik. Mit dem Joystick konnte er sie in alle Richtungen drehen, auf Weitwinkel stellen oder zoomen und scharf einstellen. Er konnte sogar Fotos von seinem Zielobjekt ausdrucken. Er sah Berlin den Laden verlassen und davonhinken und druckte ein Foto von ihr aus.

Sein Vater hatte ein Riesengeschrei wegen dieser Kosten für sein bescheidenes Geschäft gemacht. Sein Vater war ein alter Trottel. Die Firma London Superior Systems bot den besten Kundendienst, den man für Geld bekommen konnte.

Berlin hinkte mit der schäbigen Bezahlung langsam zu ihrem nächsten Termin und fragte sich, wessen Betrug schlimmer war: ihrer oder der von Mrs. Demir. Sie hielt Mr. Demir hin und schob das Unvermeidliche hinaus. Es war ein mieses, falsches Spiel, eins mit Selbstbetrug.

Der Gehweg war voller Menschen, aber sie hatte den Eindruck, dass sich rasche Schritte näherten. Bevor sie sich umdrehen konnte, stand plötzlich jemand vor ihr. Abrupt blieb sie stehen.

»Halten Sie sich von meiner Familie fern«, sagte Murat.

Er war atemlos, aber sie wusste nicht, ob es von der Anstrengung in der Hitze oder von der dramatischen Situation herrührte.

Sie wäre gern einen Schritt zurückgewichen, aber das wäre das falsche Signal gewesen.

»Ich weiß nicht, was Sie meinen«, sagte sie.

Die verschwitzten schwarzen Locken klebten ihm an den Schläfen. Mit der flachen Hand stieß er ihr gegen die Brust. Sie geriet etwas aus dem Gleichgewicht, wich aber nicht von der Stelle.

»Halten Sie sich da raus«, knurrte er. »Ich warne Sie.«

Passantenströme umfluteten sie, ohne den gut aussehenden jungen Mann, der eine etwa Fünfzigjährige bedrohte, auch nur eines Blickes zu würdigen. Gefährlich genug wirkte er.

Wider alle Vernunft sah Berlin plötzlich in Mr. Demir einen geschätzten Klienten, demgegenüber sie sich professionell verpflichtet fühlte.

»Fick dich«, sagte sie.

Sie stieß Murat beiseite, ging weiter und hoffte inständig, dass er ihr nicht folgen und die Gelegenheit nutzen würde, um ihr eine zu verpassen. Jemandem den Rücken zuzukehren war immer ein Risiko.

Als Berlin endlich die Poliklinik hinter dem Royal London Hospital erreichte, ging die Warteschlange bis hinaus auf die enge Straße. Arme in Schlingen und Handgelenke in Gips waren der häufigste Anblick in der Reihe der Wartenden.

Sie schlurfte die heiße Betonrampe hinauf. Dichte Drahtgitter schützten die kleinen Spitzbogenfenster in der schlichten Ziegelfassade. Die Tür aus Sicherheitsglas in dem schweren Stahlrahmen wurde durch einen alten gusseisernen Klumpen aufgehalten, zweifellos wegen der erdrückenden Hitze.

Die Schlange bewegte sich zentimeterweise vorwärts, und schließlich schaffte Berlin es bis ins Wartezimmer, wo sie die angeblich beruhigenden Farbdrucke betrachten konnte: das azurblaue Mittelmeer, eine Yacht bei Sonnenuntergang und Delfine. Besonders die Delfine empfand sie als Zumutung.

Die Poliklinik hatte dasselbe Nummernsystem wie die Fleischtheke im Supermarkt. Berlin sah zu, wie die roten Digitalzahlen oben an der Wand weitertickten.

Endlich kam ihre Nummer.

Sie setzte sich auf einen der harten Stühle, obwohl es auch Sessel gab. Ihr gegenüber in einem Sessel saß Dr. Terrence Rolfe, bei seinen Patienten bekannt als Rolfie. Obwohl er schon Ende Vierzig sein musste, hatte er sich ein jungenhaftes Aussehen bewahrt. Sein blonder Haarschopf lichtete sich bereits, aber er ergänzte immer noch perfekt sein freundliches Wesen. Man musste Rolfie einfach gernhaben.

Er war immer müde, etwas zerzaust und ein bisschen geistesabwesend, aber Berlin wusste, dass er nicht dumm war. Er schien sich zu bemühen, und sie hatte gehört, dass das zu Zusammenstößen mit der Geschäftsleitung geführt hatte, die andere Prioritäten hatte. Er saß vor seinem Schreibtisch und nicht dahinter, um klarzumachen, dass er alle Barrieren zwischen sich und seinen Patienten beseitigen wollte. Das konnte nicht leicht sein. Sie wollten so viel, und sein Auftrag war, ihnen so wenig wie möglich anzubieten.

Er schlug eine Akte auf und überflog sie mit einem Blick.

»Berlin, wir sehen uns schon seit fast drei Monaten. Die Klinikregeln sehen eine vierteljährliche Überprüfung vor, die nächste Woche ansteht. Sind irgendwelche Fortschritte zu verzeichnen?«

Berlin wusste, dass er einen schwierigen Job hatte. Drogensüchtige mit chronischen Schmerzen, die nicht in Zusammenhang mit ihrer Sucht standen, waren Rolfies Spezialität; zusätzlich zu ihrer Schmerztherapie sollten sie und Rolfie sich auf eine Behandlung ihrer Heroinabhängigkeit einigen. Mit anderen Worten: Sie sollte mit ihrer lebenslangen Gewohnheit brechen.

Diese Poliklinik war der einzige Ort in London mit solch einer ganzheitlichen Behandlungsweise. Süchtige bekamen Krebs, wurden verletzt und litten an genauso vielen Krankheiten wie alle anderen Menschen. Wissenschaftliche Forschungsergebnisse zeigten, dass Opiatabhängige stärker unter Schmerzen litten. Welche schmerzstillenden Medikamente verabreichte man ihnen, und wie konnte man sie ihnen wieder entziehen?

Berlin verstand Rolfies Problem: Er konnte nicht wissen, ob ihre Schmerzen wirklich nachgelassen hatten; sie konnte ihn reinlegen und behaupten, es hätte sich nichts gebessert, damit er ihr weiterhin Morphin verschrieb.

Schmerz ist etwas sehr Subjektives.

Sie empfand eine distanzierte Sympathie für ihn, aber nicht viel. Sie konnte genauso wenig wie er sagen, wo die Schmerzen von ihren Verletzungen endeten und wo ihre schmerzhafte Sucht begann.

Morphin ist Morphinsulfat. Heroin ist Diacetylmorphin. Ein einfaches Morphin mit einem angehängten Acetyl-Molekül. Aber was für ein Molekül!

Heroin überwindet die Blut-Hirn-Schranke schneller und ist dreimal so stark, Dosis für Dosis. Rolfie verschrieb Morphin, weil es ein kulturell akzeptiertes Schmerzmittel war. Heroin war eine Freizeitdroge.

Berlin hätte gern geglaubt, dass sie wie jeder andere Mensch von Morphin entwöhnt werden konnte, und die Tatsache ignoriert, dass sie bereits zwanzig Jahre vor ihren Verletzungen therapeutisches Heroin als sogenannte »registrierte Süchtige« bekommen hatte. Aber sie konnte nicht gut heucheln.

Unsicherheit waberte im Raum, Zweifel flackerten auf. Sie saß stumm da, undurchschaubar.

»Wir müssen reden«, sagte Rolfie.

Er klappte ihre Akte zu und warf sie auf den Tisch.

Das war kein gutes Zeichen.

2

Es hätte nur ein zwanzigminütiger Spaziergang von der Poliklinik bis zu ihrer Wohnung sein sollen, aber das Hinken bei der Hitze dauerte länger. Ihre durchtrennte Achillessehne war trotz der Operation schlecht verheilt. Es gab Busse, aber sie musste sparsam sein, weil sie jetzt nur noch Krankengeld bezog.

Den Job bei Mr. Demir hatte sie bekommen, weil beide Parteien verzweifelt waren. Die Stadtteilzeitung hatte über ihren letzten Fall berichtet, als sie noch beim Finanzamt angestellt gewesen war. Dieser Fall hatte sie beinahe umgebracht. Mr. Demir hatte sie natürlich erkannt, und als sie eines Tages Brot und Milch bei ihm gekauft hatte, hatte er sie unbeholfen gefragt, ob sie ihm einen Gefallen tun könnte.

Sie stieß mit dem Fuß gegen eine Kante im Beton und zuckte zusammen. Aus der Kanalisation drang der süßliche Gestank von Verwesung. Ohne Regen bildete der Abfall der Stadt in den Kanalrohren unter dem Pflaster faulende Flöze. Um die Fäulnis hier oben wegzuwaschen, würde es allerdings mehr als Regen brauchen.

Berlin hinkte weiter. Sie hatte die Bewegung nötig, und das verschaffte ihr Zeit, die Sitzung mit Rolfie zu überdenken.

Seit ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus hatte sie ihn fast täglich gesehen. Nach jedem Termin holte sie sich ihre Kapseln beim Apotheker und konnte sich glücklich schätzen, wenn sie andere beim erniedrigenden Konsum ihrer Droge an Ort und Stelle beobachtete. Sie gehörte zu einer Elite mit einem Rezept für Drogen zum Mitnehmen. Aber wie lange noch?

Die Kapseln, die der Apotheker ihr heute gegeben hatte, waren viel schwächer als sonst. Rolfie hatte das Rezept geändert. Das beunruhigte sie.

Seit mehr als zwei Jahrzehnten hatte sie das Leben einer ganz normalen Bürgerin geführt – abgesehen von ihrer täglichen Ampulle Diacetylmorphin. Legales Heroin zum Spritzen, von ihrem Hausarzt verschrieben. Das war nun vorbei. Rolfies Strategie der »allmählichen Reduzierung« konfrontierte sie mit einer neuen Versuchung: die Kapseln mit dem Retardpräparat zu öffnen, die Kügelchen zu zerdrücken und zu kochen, bis sie sich auflösten.

Wenn die Droge dann injiziert wurde, wirkte sie schneller, und ihre Wirkung wäre nachhaltiger. Das hieß Bio-Verfügbarkeit, und sie wusste, es würde sie an den goldenen Ort bringen.

Das Einzige, was sie daran hinderte, war ihre Würde. Ironischerweise. Sie hatte sich jahrelang vom stereotypen Junkie-Verhalten distanziert und würde jetzt nicht ihre Werte zusammen mit den Kapseln den Bach runtergehen lassen.

Rolfie hatte gesagt: »Sie können keine vernünftigen Entscheidungen treffen, wenn die Sucht Sie in den Klauen hat.«

Sie hatte darin immer eher eine Umarmung gesehen.

Berlin hatte kaum ihre Wohnungstür hinter sich geschlossen, als jemand klopfte. Da sie das dringende Bedürfnis nach ihrer Medizin hatte, überlegte sie kurz, ob sie das Klopfen ignorieren sollte. Aber wer immer dort stand, hatte sie nach Hause kommen sehen. Sie steckte die Kapseln zurück in die Tasche und spähte durch den Spion. Draußen stand eine Frau mit dem Rücken zur Tür. Berlin öffnete, und die Frau wandte sich ihr zu.

»Hallo, Cathy«, sagte die hagere Gestalt vor ihrer Schwelle. Trotz der Hitze zitterte sie. »Kennst du mich noch?«

Berlin runzelte die Stirn. Es dauerte einen langen Augenblick, aber jenseits der aufgesprungenen Lippen und verschwitzten Haare nahm sie in den milchblauen Augen ein schwaches Echo aus der Vergangenheit wahr.

Berlin trat beiseite, und Sonja Kvist trat wieder in ihr Leben.

»Wie hast du mich gefunden?«, fragte Berlin.

»Ich bin dir von der Klinik gefolgt. Du hast mich gar nicht bemerkt. Wahrscheinlich bin ich älter geworden.« Ihre Wangenknochen standen stark hervor, und ihre Haut war so gespannt, dass ihr Versuch zu lächeln fast grotesk wirkte. Berlin wusste, dass Sonja nicht der Mode halber so dünn war. Sie war abgemagert.

»Hilft Rolfie dir gegen deine Schmerzen?«, fragte Berlin.

Sonja schien die Ironie nicht zu bemerken. Sie berührte ihren linken Arm, und da sah Berlin, dass er in einem unnatürlichen Winkel herunterhing.

»Früher mal«, sagte Sonja. »Ich hatte Pech.«

»Da bist du nicht die Einzige.«

Berlin sah, wie Sonja die Bücherstapel, den neuen Laptop auf dem Tisch und die bequeme Couch registrierte, die Teppiche und Vorhänge in sanften Blau-Gelb-Tönen. Den Kontrast zu Berlins von Kopf bis Fuß schwarzer Kleidung.

»Gehst du zu Rolfie, weil …« Sonja berührte ihr Gesicht und den Hals als Anspielung auf Berlins Narben.

»Klar«, sagte sie.

Berlin wickelte sich immer einen dünnen schwarzen Schal um, wenn sie das Haus verließ. Aber das blutrote Muster, das ihre eine Gesichtshälfte und das Kinn zeichnete, konnte sie nicht verstecken. Es wirkte wie eine Art Januskopf.

Da sie Mitleid nicht ertragen konnte, drehte sie sich um und ging zu der kleinen Kochnische in der Ecke. Sie füllte den Wasserkessel, zündete das Gas darunter an und hantierte mit den Tassen und Untertassen. Tee. Das Ritual würde ihr Zeit geben, sich wieder zu sammeln.

Der Anblick von Sonja war beunruhigend. Sie hätte Berlins Porträt auf dem Dachboden sein können: das Abbild des Lebens, das sie hätte führen können. Das Leben, das sie geführt hatte, war nicht gerade umwerfend gewesen, aber sie hatte zumindest ihre Sucht in den Griff bekommen. Jetzt gab es hier jemanden, der alles wieder ans Tageslicht zerren konnte.

Sie stellte das Gas ab.

Das hier war kein Höflichkeitsbesuch. Sonja würde wahrscheinlich Geld haben wollen. Berlin sah, dass sie ihre Erregung nur mühsam unter Kontrolle halten konnte. So wie sie aussah, hatte Rolfie bei ihr versagt. Zweifellos hatte sie alle Brücken hinter sich abgebrochen, und in Berlin sah sie nichts weiter als eine Quelle zum Anzapfen. Sie würden nicht wie alte Freundinnen Tee trinken und plaudern.

Berlin drehte sich zu ihrer unwillkommenen Besucherin um, lehnte sich an die Spüle, verschränkte die Arme über der Brust und verzichtete auf weitere Höflichkeiten.

»Also, Sonja, was willst du?«

Sonja reagierte auf die veränderte Haltung. Berlin beobachtete sie, wie sie schwankte, ob sie betteln oder fordern sollte.

Sie entschied sich schließlich für Verzweiflung. »Ich möchte, dass du meine Tochter findest«, sagte sie mit zittriger Stimme.

Berlin ging ins Bad und schluckte eine Kapsel. Sie wollte die Schachtel in den Badezimmerschrank über dem Waschbecken legen, zögerte aber und steckte sie dann wieder in ihre Tasche für den Fall, dass Sonja die Toilette benutzen wollte. Den Junkie, der dem Blick in einen Badezimmerschrank widerstehen könnte, gab es nicht.

Sie setzte sich auf den Toilettendeckel und nahm sich kurz Zeit, um Sonjas Anliegen zu überdenken. Ihre Vorstellung war sehr überzeugend gewesen, aber Berlin gefiel die Geschichte ganz und gar nicht.

Sonjas zehnjährige Tochter war gestern Abend weggelaufen. Es waren Sommerferien, sie hatten keine nennenswerten Verwandten hierzulande, und es hörte sich so an, als ob die Kleine kaum irgendwelche Freunde hatte. Sie war eine Außenseiterin.

Sonja wollte nicht zur Polizei gehen, weil sie befürchtete, dass man ihr die Tochter wegnehmen würde, nachdem man sie gefunden hatte. Zumindest würden sie sie unter die Betreuung einer Sozialarbeiterin stellen: ein Eingriff des Staates, den Sonja aus ideologischen Gründen ablehnte.

Als Berlin aus dem Bad kam, saß Sonja am Tisch und schrieb irgendetwas auf.

»Ich konnte keinen Zettel finden, deshalb habe ich …«

»Mach es dir hier bloß nicht gemütlich, dazu wird es nicht kommen«, schnitt Berlin ihr das Wort ab.

»Warum denn nicht?« Offensichtlich war Sonja von Berlins Haltung verwirrt. »Ich habe keine Ahnung, wo ich anfangen soll, aber du kennst dich in diesen Dingen aus. Du kennst Leute. Das ist doch dein Job, oder? Du bist eine Ermittlerin. Rolfie hat gesagt, dass du für die Behörden arbeitest.«

Das war’s dann mit der ärztlichen Schweigepflicht, dachte Berlin.

»Hast du ihm erzählt, dass deine Tochter verschwunden ist?«

»Nein. Ich hab dich mal vor einiger Zeit aus der Klinik kommen sehen, als ich noch zu ihm gegangen bin. Ich war mir sicher, dass du es warst, aber du hast dich so sehr verändert … Ich hab ihm gesagt, wir wären alte Bekannte. Er hat erzählt, du hättest irgendeinen Gangster aus dem East End hochgehen lassen, und dann haben wir ein bisschen geredet und …«

»Ich suche nicht nach vermissten Personen und auch nicht nach Ehebrechern«, fauchte Berlin und war sich schmerzhaft bewusst, dass das nicht mehr stimmte. »Außerdem kannst du dir mich gar nicht leisten.« Es sei denn, für den Preis von einem Brot oder einem Liter Milch. Sie war momentan wirklich erste Wahl. »Deine Kleine taucht wieder auf, müde und hungrig.« Sie gab sich Mühe, mitfühlend zu erscheinen.

Sonja stand auf und schmiss dabei fast den Stuhl um. »Nein, das glaub ich nicht. Ich kenne sie. Sie kommt nicht zurück.«

Berlin sah, dass Sonja den Kampf um Selbstbeherrschung verloren hatte.

»Dann geh zur Polizei«, erwiderte sie. »Was bist du denn für eine Mutter, dass du ein zehnjähriges Kind da draußen sich selbst überlässt?«

»Ich hab sie die ganze Nacht gesucht«, brüllte Sonja. »Ich bin ihr nachgerannt, aber es war dunkel, und sie war einfach verschwunden. Ich habe gedacht, sie würde nach ein paar Stunden zurückkommen. Ich weiß einfach nicht, was ich tun soll!«

Sie heulte los und ließ die Hände flattern, Vögel, die sich nirgendwo ausruhen konnten.

»Verdammt noch mal, hör auf zu plärren«, sagte Berlin. »Nimmst du irgendwas?«

»Bei der Dürre?«, schniefte Sonja.

Berlin wusste, dass sie nicht auf die allgemeine Trockenheit anspielte. In ganz Westeuropa war der Nachschub an Heroin versiegt. Dazu machten die unterschiedlichsten Theorien die Runde: Ein Pilz hatte die afghanische Ernte verdorben, oder der Krieg hatte Schuld, oder die mächtigsten Dealer versuchten, die Preise in die Höhe zu treiben. Oder es war der Lieblingssündenbock: eine Verschwörung der CIA.

Sonja legte den Kopf auf den Tisch, als könnte sie sein Gewicht nicht länger tragen.

»Mein Baby ist weggelaufen, Cathy«, schluchzte sie.

»Niemand sagt mehr Cathy zu mir.«

»Na gut. Berlin. Ich flehe dich an.«

»Was ist mit ihrem Vater? Vielleicht ist sie bei ihm?«

Sonja nuschelte etwas.

»Was?«

Sonja hob den Kopf und wischte sich mit einem Zipfel der Tischdecke übers Gesicht. »Ich hab doch gesagt, der spielt keine Rolle. Den haben wir schon seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen.«

So wie sie das sagte, hörte es sich merkwürdig an.

»Wer ist es?«, fragte Berlin.

Sonja zögerte.

»Komm schon!«, forderte Berlin.

»Cole.«

»Cole? Cole Mortimer?«, sagte Berlin ungläubig.

Sonja nickte.

Berlin ging zur Wohnungstür und öffnete sie.

»Raus!«, sagte sie.

Sonja bewegte sich nicht.

»Sofort.«

Sonja stand langsam auf, dann stürzte sie sich auf Berlin. Sie besaß noch einen Trumpf und spielte ihn aus. Von ganz unten im Stapel. Sie schrie es Berlin ins Gesicht. »Na gut, ich gehe. Du warst schon immer ein gemeines Aas. Aber vergiss nicht: Du hast mich damit bekannt gemacht. Du hast mich auf den Geschmack gebracht.«

Berlin schob sie hinaus auf den Treppenabsatz.

»Du warst viel zu sehr im Arsch, um dich an so was zu erinnern.«

»Aber du erinnerst dich, Cathy?«, kreischte Sonja.

Berlin knallte die Tür zu.

Ein siebzehn Stunden langer Sommertag war zu viel für Berlin. Sie zog die Vorhänge zu und verfluchte Sonja, weil sie in der Vergangenheit herumgestochert hatte.

Als sie sich damals kennengelernt hatten, war Berlin bereits auf Droge und Gast auf jeder Party. Sonja besaß als Tochter eines skandinavischen Konsuls einen britischen Pass. Sie hatte gerade die Schule beendet und war wild darauf, in die Szene reinzukommen. Damals war ihnen der Altersunterschied riesig erschienen; jetzt war er unbedeutend geworden: Berlin war sechsundfünfzig und Sonja einundfünfzig.

Die Blonde mit dem frischen Teint hatte Augen von einem hellen, fast milchigen Blau. Sie war vor Kurzem in eine winzige Dachkammer gezogen, die einzige noch freie Ecke in einem besetzten, baufälligen Londoner Reihenhaus aus dem 18. Jahrhundert. Früher einmal war das das Zimmer des Dienstmädchens gewesen. Berlin gab Sonja den Spitznamen »die nordische Fee«.

Als die nordische Fee zum ersten Mal in die Küche schlenderte, hatte sie mit aufgerissenen Augen zugeschaut, wie Berlin und ihre verschworene Schar von »ernsthaften« Junkies braunen Teer in kleinen Quadraten auf Alufolie erhitzten.

Damals liebten sie das Heroinrauchen wegen des Rituals. Mit einem Partner ging es leichter, das gab allem ein vages Gemeinschaftsgefühl. Sie verzierten sogar die Toilettenpapierrollen, durch die sie inhalierten. Sie flachsten herum, dass es wie in der Sendung mit der Maus zuging: Hallo, Kinder, in eurem Lieblingsprogramm wollen wir heute viel Spaß haben und eine alte Klopapierrolle in einen Apparat für Drogenkonsumenten verwandeln. Frag deine Mama, was eine Droge ist.

Als das besetzte Haus später von der Polizei gestürmt wurde, hatten einige geglaubt, der alte Herr der nordischen Fee hätte das veranlasst. Sonja, Berlin und ein paar andere waren durch eine Dachluke geklettert und hatten sich über die Dächer in Sicherheit gebracht. Manche hatten nicht so viel Glück gehabt, zum Beispiel Cole Mortimer.

Nach diesem knappen Entkommen hatte Berlin sich erst mal eine Auszeit genommen und versucht, clean zu werden, indem sie sich bei ihren alten Bekannten in deren Schlupfwinkeln nicht mehr blicken ließ. Das war ein hübscher Plan gewesen. Sie kehrte zu ihren Wurzeln nach Ost-London zurück und verlor den Kontakt zu ihren Kumpels. Aber nicht zu ihrem Liebsten. Heroin.

Später erfuhr sie, dass Cole Mortimer drei Jahre wegen Drogenbesitzes und Dealerei gesessen hatte.

Während langer Abende im besetzten Haus, als alle stoned gewesen waren, hatte Cole seiner faszinierten Kundschaft aus Bürgerkindern immer wieder gern von seiner Kindheit erzählt. Er war in Süd-London allen Widerständen zum Trotz aufgewachsen, und sein Papa war kein Diplomat oder Euer Ehren, sondern Arbeiter in einem Schlachthof gewesen. Mortimer Senior war ein Fan von Nat King Cole, und so kam sein Sohn zu seinem Namen.

An einem kalten nebligen Morgen hatte er seinen fünfjährigen Sohn mit zur Arbeit genommen, um ihm zu zeigen, woher das Essen auf seinem Teller kam und mit welcher Knochenarbeit es dorthin gelangte. Cole sah zu, wie sein Rambling Rose summender Vater die verzweifelten Viecher mit einem Bolzenschussgerät betäubte, bevor er ihnen die Kehle aufschlitzte. Mit dem dampfend heißen Schlachteratem auf seinem Gesicht lernte Cole: Wo Blut war, war Geld.

Er war ein erfolgreicher Dealer mit dunklem Teint und Kussmund, der auf seine Abstammung von der Arbeiterklasse stolz war und seinen Sadismus vor seinen feinen Kumpeln gut unter Kontrolle hatte. Seine Geschichte verwob sich mit urbanen Mythen – angeblich hatte Cole als Kind aus Wut auf einen Nachbarn ein Loch gegraben und die Katze des Nachbarn hineingesetzt, bis nur noch der Kopf heraussah, und war dann mit dem Rasenmäher darüber gefahren.

Berlin wusste, dass es in Wahrheit ein Stallkaninchen gewesen war.

Die Nähe zum Bösen verlieh Cole Mortimer in den Augen seiner bourgeoisen Freunde Authentizität. Es war einfach total cool, an einem rustikalen, von Hand gezimmerten Tisch in einer Jagdhütte aus dem 16. Jahrhundert zu sitzen, die schon immer im Besitz der Familie war, und Joints mit einem gut aussehenden, unberechenbaren Wilden zu rauchen. Cole machte ihnen Angst, und sie liebten ihn dafür, besonders wenn er Gitarre spielte und Bukowski zitierte.

Aber als eine Fünfzehnjährige fast verblutet wäre, nachdem Cole sie mit einer Flasche vergewaltigt hatte, konnte er den Richter mit seinem Charme nicht becircen. Er bekam zehn Jahre. Berlin wusste, was schwere Zeiten jemandem wie Mortimer antun konnten. Das Böse in ihm würde ihn in neue Tiefen der Verderbtheit stürzen. Ihr schauderte.

Die Morphin-Kapseln brannten ein Loch in ihre Tasche. Erst in acht Stunden sollte sie die nächste nehmen. Aber das dauerte sieben Stunden und fünfundfünfzig Minuten zu lange.

Es gibt zwei Arten von Schmerz: Einer foltert den Körper, der andere bringt dich um den Verstand. Berlin kümmerte sich um Letzteren und schluckte eine Kapsel. Es würde ein ruhiger Tag werden.

3

Detective Sergeant Grant Xavier Kennedy war in Gedanken ganz woanders. Die leisen Wortwechsel zwischen dem Staatsanwalt und der Verteidigung während der Fallkonferenz bekam er gar nicht richtig mit. Er hatte jede Menge Rezepte für seine Frau und seinen Sohn in der Tasche, die er vergessen hatte, in der Apotheke abzugeben, und außerdem sollte er nachher etwas fürs Abendbrot mitbringen. Selbst seine Kinder würden sich weigern, schon wieder Fischstäbchen zu essen. Außerdem hatte er die halbe Nacht bei seiner Mutter gewacht und war schlagkaputt.

Als er die Worte »Wir haben uns auf eine Empfehlung an das Gericht geeinigt« hörte, wurde ihm zu spät klar, was geschehen war. Die Anwälte schüttelten sich die Hände und packten ihre Akten ein. Kennedy hatte plötzlich den Drang, auf den Tisch zu springen, den Staatsanwalt an der Gurgel zu packen und zu erwürgen.

Die Staatsanwaltschaft hatte verlauten lassen, falls ein Gerichtsverfahren länger als zwei Tage dauerte, würde ein Schuldgeständnis zu einer geringeren Straftat akzeptiert werden. Der Staatsanwaltschaft (Crown Prosecution Service = CPS, bei der Polizei unter anderem als Criminal Protection Society verschrien) waren für das laufende Finanzjahr die Gelder ausgegangen. Ein günstiger Zeitpunkt für einen Mord.

Kennedy hätte liebend gern diese Gelegenheit genutzt. Stattdessen knallte er seine Akte mit dem Beweismaterial auf den Tisch. Doch die Anwälte nahmen diese Geste gar nicht zur Kenntnis; sie waren schon gegangen.

Vom Gericht ging Kennedy direkt zur Kneipe auf der anderen Straßenseite. Der Pub war gerammelt voll mit glücklichen Gaunern und traurigen Bullen: Partner in dem Tanz bekannt als Justizsystem. Kennedy verlangte einen doppelten Scotch und ein Pint Stella und hatte sofort ein schlechtes Gewissen, weil er das Geld für die Rezepte gebraucht hätte.

Er suchte sich einen Weg durch das Gedränge zu einem kleinen, klebrigen Tisch und setzte sich gegenüber von Detective Chief Inspector Burlington.

Burlington wurde Bertie genannt – nach einem alten Music-Hall-Song. Der Name passte zu ihm, und zwar nicht nur wegen seines Nachnamens oder weil er aus Bow kam; es war auch allgemein bekannt, dass er neuerdings nicht gern vor halb elf aufstand. Früher war er einmal ein ernst zu nehmender Diebesfänger von beeindruckendem Ruf gewesen. Jetzt beeindruckte er nur noch mit seinen Wutausbrüchen.

Bertie war in jeder Hinsicht ein großer Mann. Großer Körper. Großes Maul. Großer Kopf. Unempfindlich für Kritik. Unantastbar.

Kennedy wusste, dass er immer in Berties Schatten stehen würde, er war immer nur »der dürre Hering mit der Brille«. Das hatte seine Vorteile, aber es war nicht sehr witzig, wenn man immer der Prügelknabe war.

Bertie schob seinen Teller mit den Resten eines Burgers mit Fritten zur Seite und sah auf die Uhr.

»Ihr wart schnell«, sagte er. »Sag nichts. Sie haben es runtergedrückt auf einfache Körperverletzung, und er hat es akzeptiert.«

Kennedy kippte seinen Scotch und nickte. »Er hat eine Verwarnung bekommen. Jetzt feiert er an der Bar. Wie soll ich das seinem dreiundneunzigjährigen Opfer erklären?«

»Keine Sorge, das brauchst du nicht«, sagte Bertie. »Ich hab gerade einen Anruf vom Revier gekriegt. Sie ist vor einer Stunde gestorben. Aber es hat so lange gedauert, bis die Sache vor Gericht kam, dass sie nicht mit Sicherheit sagen können, ob es infolge des Überfalls war.«

Beide wussten sie, dass der die Ursache war. Schweigend tranken sie.

Der Tremor in Kennedys Knie verstärkte sich bei dem Gedanken an die alte Dame. Er war ein Mann in ständiger Bewegung. Er litt nicht nur am Syndrom der unruhigen Beine, sondern auch an einem ruhelosen Verstand und Körper.

Er sah, wie Bertie einen verächtlichen Blick auf sein vibrierendes Bein warf: ein Mann, der nicht mal seine Glieder unter Kontrolle hatte. Viel zu beschissen sensibel. Das dachte sein Chef über ihn.

»Vergiss es«, empfahl Bertie. »Wir haben Wichtigeres zu tun.«

Kennedy fummelte an einer Packung mit Chips herum, um seine Jämmerlichkeit zu überspielen.

»Was gibt es denn Neues?«, fragte er und gab sich den Anschein eines starken Kerls von abgebrühter Gleichgültigkeit. Er bezweifelte, dass er damit irgendwen täuschte, schon gar nicht sich selbst.

»Das Gerücht sagt, dass die Logistikkette unterbrochen wurde, aber es ist noch unklar, ob der Anlass dazu intern oder extern ist«, sagte Bertie. Seine Finger tauchten in Kennedys Tüte und grabschten sich eine Handvoll Chips.

»Könnte noch jemand hinter der Ware her sein?«, fragte Kennedy.

»Jup«, grunzte Bertie mit vollem Mund, während Chipskrümel herabfielen.

»Und was ist der Plan?«

»Anpeilung der Zielperson bei höchster Geheimhaltungsstufe und größtmöglicher Ausnutzung verdeckter Gewährsleute«, sagte Bertie.

»Ein Riesenaufwand also«, sagte Kennedy ohne große Begeisterung.

Bertie nickte. »Gleich morgen früh. Das bedeutet zwar einen frühen Start, aber was sein muss, muss sein. Die Arbeit hört nie auf.«

Darauf tranken sie.

4

Detective Sergeant Kennedy verließ den Pub, ging aber nicht wieder ins Büro, sondern fuhr nach Hause in das Vier-Zimmer-Reihenhaus in Walthamstow, das kaum genug Platz für drei Kinder, eine Mutter mit Alzheimer und eine bipolare Ehefrau bot. Sein Jüngster litt an Mukoviszidose.

Kennedy ließ sich nicht unterkriegen.

Seine Mutter hatte ihn immer als einen Strich in der Landschaft beschrieben, und genauso fühlte er sich. Wenn er zur Seite trat, übersah man ihn. Seine blasse Gesichtsfarbe, das mausbraune Haar und die randlose Brille ergänzten das unscheinbare Gesamtbild. Dann war da noch dieser unablässige Zitterzwang, ein Tic, den er nicht kontrollieren konnte.

Aber er war ein guter Detektiv.

Als man ihn in das Dezernat für Kapitalverbrechen versetzt hatte, war er glücklich gewesen, denn hier wurden viele Überstunden gemacht. Ohne dieses Geld würde das baufällige Konstrukt, das er Familie nannte, einstürzen.

Das Haus war nie still. Seine Mutter wanderte auch mitten in der Nacht herum und schaltete alle elektrischen Geräte ein. Er ging in die Küche und suchte im Kühlschrank nach etwas Essbarem zum Abendbrot. Seine Frau tauchte auf und lächelte matt.

»Wie wär’s heute mit Hamburgern und Fritten?«, fragte er.

Er gab ihr schnell einen Kuss und übersah, dass sie immer noch im Morgenmantel herumlief. Sie gab ihm die Post von heute. Ein Stapel Rechnungen.

Die Ökonomie befand sich im Sinkflug, und Überstunden wurden jetzt nicht mehr vergütet, obwohl die Kriminalität zunahm, außerdem hatte die Öffentlichkeit kein Vertrauen mehr in die Polizei. Kennedy versuchte gar nicht mehr, die Gründe seiner Regierung zu begreifen. Es war überall dasselbe.

Sein Freund vom Grenzschutz hatte ihm erzählt, dass sie die bei Razzien festgenommenen Illegalen nicht mehr verhaften sollten, es sei denn, sie wären vorher schon einmal festgenommen worden und befänden sich im System. So wuchs ihre Zahl nicht. Das Innenministerium machte sich Sorgen wegen der Statistiken.

Kennedy hatte nichts gegen die Illegalen. Sie arbeiteten viele Stunden für wenig Geld, halfen der Wirtschaft und belasteten nicht das Budget des Arbeitsamts. Wir sollten alle illegal sein, dachte er. Dann ginge es dem Land besser.

Er hatte die Logik dieser Schlussfolgerung weiter bedacht und herausgefunden, dass Illegalität nicht gleichbedeutend mit Unmoral war. Das hatte es ihm erleichtert, mit Bertie gemeinsame Sache zu machen. Außerdem hatte er keine Wahl gehabt.

Nachdem die Hamburger und die Fritten im Backofen waren, ging er ins Wohnzimmer, wo sein Sohn schlief; die Beatmungsapparate standen wie Wächter neben seinem Bett.

Sanft legte Kennedy seinem Sohn die Hand auf die Brust, um zu spüren, wie sich die kleinen Rippen hoben und senkten. Wieder einmal fragte er sich, wer so kleinen Wesen Gewalt antun könnte. Er hatte ein paar schreckliche Fälle gesehen. Er selbst gab seinen Kindern nicht mal eine Ohrfeige: Es war einfach falsch, wenn ein Erwachsener seine körperliche Überlegenheit gegen sein Kind einsetzte. Kennedy verlor nur selten die Geduld, selbst dann nicht, wenn die kleinen Racker ihn auf die Palme zu bringen versuchten.

Aber einmal hatte er die Beherrschung im Job verloren, und einmal war genug. Ein schmieriger Pädophiler hatte ihm erklärt, dass es ihm nichts ausmachte, wenn er ins Gefängnis kam, weil er zum Zahnarzt musste und das Gefängnis dafür die Kosten übernehmen würde.

DC Kennedy hatte den Steuerzahler von diesem Problem befreit, indem er den Kerl von den besagten Zähnen befreite.

Bertie war damals der dienstälteste Vorgesetzte auf dem Revier gewesen und hatte Kennedy in der anschließenden Untersuchung entlastet. Danach gab es kein Zurück mehr. Bertie sorgte für Kennedys Beförderung, und Kennedy gehörte von da an als Detective Sergeant zu Berties Mannschaft.

Er gehörte Bertie.

Der Ertrag aus ihren Joint Ventures war gut gewesen. Ein Mann muss für seine Familie sorgen, und genau das hatte er getan. Niemandem war ein Leid geschehen. Bis jetzt.

5

Rolfie schaltete die Lampen aus und die leuchtende Neonschrift an, die der Welt verkündete: HIER KEINE DROGEN. Es war ein langer Tag gewesen, zu viele Klienten und neue Patienten, zu denen er nicht einfach »nein« sagen konnte.

Er wollte nicht an den Brief der Ärztekammer in seiner Tasche denken, in dem um ein »möglichst baldiges« Gespräch gebeten wurde, um die offensichtlichen Unregelmäßigkeiten bei seinen Verschreibungen zu besprechen.

Der zuständige Verantwortliche für die kontrollierte Verschreibung von Drogen – und das war er selbst – hatte korrekte Berichte beim Örtlichen Nachrichtendienst für kontrollierte Drogenabgabe eingereicht. Irgendein Bürokratenschnüffler bei der Kommission für Qualitätssicherung hatte ihn verpfiffen. Er ertrank in Buchstabenkürzeln und Papierkram. Die Sorge um seine Patienten stand für diese Fuzzis ganz unten auf der Prioritätenliste.

Er schaltete den Alarm ein und verließ die Poliklinik. Die warme, abgestandene Luft von Whitechapel war geschwängert von Currydüften. Er hatte heute noch nichts gegessen, aber er hatte keinen Appetit. Er war müde; die Erschöpfung reichte bis in die Knochen, und er konnte sich gar nicht mehr vorstellen, dass er sie jemals wieder loswerden würde. Es war nicht nur die Arbeit, es war alles zusammen.

Eine Gruppe lärmender junger Leute – wahrscheinlich Medizinstudenten – überholte ihn auf dem Weg zum Pub, und ihre Energie machte ihm seine miese Verfassung einmal mehr bewusst. Er folgte ihnen und kramte in seinen Taschen nach Kleingeld, denn er hatte ein Herz für jeden Plastikbecher, der ihm entgegengestreckt wurde, und jede Schmuddelhand, die an seinem Ärmel zupfte.

Die Studenten ignorierten die Bettler; sie blickten geradeaus und nicht nach unten auf den Gehweg. Sie konnten es kaum erwarten, den hippokratischen Eid zu schwören: niemandem wehzutun. Sie hatten keine Ahnung, wie schwierig das sein konnte.

Schon in ihrem Alter hatte ihm die Fähigkeit gefehlt, sich von seinen Patienten zu distanzieren, und seine Tutoren hatten ihn wegen seiner Empathie getadelt. Wie sollte er als Mediziner mit dem nötigen Maß an Objektivität arbeiten können, wenn er sich mit jedem Patienten identifizierte?

Damals war er ein junger Narr gewesen, schlimm genug. Jetzt war er etwas noch viel Ärgeres: ein alter Narr. Süchtig nach Liebe. Diese Dummheit konnte ihn erlösen oder verdammen. Die momentane Prognose war nicht vielversprechend. Er folgte den Studenten in den Pub.

6

Um diese Jahreszeit waren die Nächte kurz; eigentlich wurde es gar nicht richtig dunkel. Berlin hinkte durch die Londoner Innenstadt, die sogenannte Square Mile entlang. Der Spitzname war irreführend, die Meile stimmte – aber square bedeutete nicht nur rechtwinklig, sondern auch anständig, doch die Banker und Finanzleute, die sie tagsüber bevölkerten, waren nicht berühmt für ihre Ehrlichkeit.

Berlin hatte auf ihren nächtlichen Wanderungen diese Route nicht mehr eingeschlagen, seitdem es sie vor einem halben Jahr fast das Leben gekostet hätte. Ein Routinejob war zu einem Albtraum an Verrat geworden, nachdem sie die Anweisung ihres damaligen Chefs missachtet und die Ermittlung nicht abgebrochen hatte.

Getrieben von ihrer Heroinsucht und der eigensinnigen Suche nach der Wahrheit, hatte sie andere in viel schlimmere Fallen geführt als die, in der sie sich schließlich selbst gefangen hatte. Sie berührte ihren übel zugerichteten Hals. Die äußerlichen Narben waren viel weniger schlimm als die innerlichen.

Die Hitze des Tages hing noch in den luftlosen Straßen. Wasserspeier hockten hoch über ihr auf Simsen, bereit zum Sprung. Berlin wusste, dass sie dort waren, aber sie sah nicht hoch.

Sonja irrte sich. Berlin erinnerte sich.

Es war am 1. April gewesen. Sie erinnerte sich an den Tag, aber nicht an das Jahr. Irgendwas in den Neunzehnachtzigern. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund beschloss die WG, feierlich den Tag zu begehen, an dem Marvin Gaye von seinem Vater erschossen worden war, und die Hausbesetzer sangen »Sexual Healing«.

An diesem 1. April – April, April, der macht ja, was er will – hatte Sonja Berlin um ein bisschen Stoff gebeten, und die hatte ihr etwas gegeben. Sie hatte ihr gesagt, sie solle sich setzen, falls sie umfiele, und sie von der Droge probieren lassen. Alle lachten, als der Neuling den Dampf einzuatmen versuchte, der von dem kochenden Teer aufstieg. Der scharfe Geruch hing in der Luft und verband sich mit dem ausgeatmeten Rauch.

In Berlins Kehle stieg ein säuerlicher Geschmack auf.

Sie bog in die Catherine Wheel Alley, eine gewundene, enge Passage zwischen der Middlesex Street und der Liverpool Street. Zwei wie Stöcke in den Weg gestreckte Beine zwangen sie zu einem abrupten Halt. Sie gehörten einem dünnen, bekifften Jugendlichen, der an der einen Häuserwand lehnte und sich mit den Füßen an der gegenüberliegenden abstützte.

»Das hier is privat, klaa«, sagte er.

Berlin stieg über seine Beine und lief weiter.

»Oi!«, sagte er.

Ein paar Meter vor ihr in der Gasse löste sich ein Schatten von einer Mauer und wurde zu einem blassen Kind, einem schmächtigen, etwa vierzehnjährigen Mädchen. Berlin blieb stehen und wartete darauf, dass der Junge hinter ihr herkam und das Paar eine unausgegorene Zangenstrategie im Leutebeklauen anwendete. Früher einmal war diese Gasse der Schlupfwinkel von Straßenräubern gewesen. Die Tradition lebte also noch fort.

Dann zeichnete sich in der Dunkelheit hinter dem Mädchen eine größere Gestalt ab, die den Reißverschluss hochzog. Ein widerlicher Typ.

Das Mädchen spuckte aus und wischte sich mit dem T-Shirt über den Mund.

Berlin fühlte die Wut in ihren Eingeweiden explodieren, eine rasche, harte Kraft, so zerschmetternd wie ein Schlag gegen ihr Brustbein. Sie griff nach hinten und zog die Waffe aus ihrem Jeansbund: den Teleskopschlagstock. Sie bewegte das Handgelenk, um ihn zu entsichern, und der Schlagstock aus Stahl und Aluminium dehnte sich zu seiner vollen, bösartigen Länge aus.

»Geh«, sagte sie zu dem Mädchen.

»Was is mit meim Geld?«, jaulte das Mädchen, aber sie verschwand dann doch.

Der Widerling sah Berlin verwirrt und angsterfüllt an.

»Hör ma, ich … es is nich, was du denkst.«

Sie trat einen Schritt näher. Alkoholdunst stieg in ekelerregenden Wellen von ihm auf. Er blickte zum Ende der Gasse. Keine flackernden Blaulichter, keine Uniformen. Wahrscheinlich hielt er das hier für eine Test-Razzia.

»Hau ab!«, schnauzte er.

Der Schlagstock durchschnitt die träge Luft und traf. Der Widerling heulte auf, stürzte zu Boden und umklammerte seinen Ellenbogen.

Berlin stand über ihm und klappte mit der Spitze des Schlagstocks sein Jackett auf. Das Futter war aus Seide. Sie holte seine Brieftasche heraus.

Als Berlin aus der Gasse zurückkehrte, lungerten der dünne Junge und das schmächtige Mädchen in der Liverpool Street herum. Während sie näher kam, wichen sie unter den großen Torbogen vom Bishopsgate Institute zurück, außerhalb der Reichweite der Überwachungskameras und weit entfernt von den Besoffenen und den Kneipengästen, die auf den Nachtbus warteten.

Sie ging direkt auf das Mädchen zu, öffnete die Brieftasche und holte ein dickes Bündel Geldscheine heraus.

»Hier«, sagte sie und drückte dem Mädchen die Scheine in die Hand, dann drehte sie sich zu dem Jungen um.

»Hör mir mal gut zu, du Stöckchen«, sagte sie.

Er blickte sich um, weil er sich unsicher war, ob sie mit ihm redete. Er zeigte fragend auf sich.

»Ja, du«, sagte Berlin. »Das Geld gehört ihr, ist das klar? Wenn du es anrührst oder ihr wehtust, dann find ich dich und brech dich durch.«

Stöckchen nickte. Die Botschaft war angekommen.

Das Mädchen glotzte Berlin ehrfürchtig an.

»Er ist in Ordnung, Miss«, sagte das Mädchen. »Er ist mein Bruder.«

Erfüllt von ihrer neu gefundenen Autorität, wandte sich das Mädchen an ihren Bruder und versuchte es mit einem Spruch, den sie aus den tiefsten Tiefen der Erinnerung an eine mütterliche Lektion hochzerrte.

»Was sagst du zu der netten Frau?«

»Danke«, sagte Stöckchen.

Die düsteren Lücken von London hatten für Waisen und Straßenkinder immer Schlupfwinkel geboten; brave Bürger mieden die Gassen, Gässchen und Durchgänge, undurchdringlich auch für den hellsten Sonnenschein. Die eisige Luft und die Düsternis waren der Vorhang für die Sittenlosigkeit. Das war die natürliche Umgebung für kleine, huschende Gestalten, die unerkannt blieben. Bis zu einer Einbruchsserie oder bis einer von ihnen tot aufgefunden wurde.

Berlin durchsuchte die Brieftasche. Der Führerschein wies den Widerling als Mr. Derek Parr aus. Sie holte ein Foto heraus und hielt es in das Licht einer Straßenlaterne. Drei glückliche gesunde junge Gesichter strahlten sie an. Süß. Sie fragte sich, ob der Papa seine Laster auf die Straße trug, um sie zu schonen.

Das gelbe Licht schimmerte, die Nacht zerriss, und sie sah nur noch das blasse Mädchen, ihr dünnes T-Shirt, das von dem Sperma glänzte, und ihren jämmerlichen Bruder. Waren sie von unfähigen Eltern im Stich gelassen worden, oder flohen sie vor der alltäglichen Gewalt und der Erniedrigung zu Hause? Was auch immer – sie waren dem Bösen in die Arme gelaufen.

Sie dachte an Sonjas Tochter.

Zu viele Menschen wandten sich von diesen Kindern ab. Ihr war nicht wohl bei dem Gedanken, dass Sonjas Tochter eins von ihnen war. Warum musste das Kind für die Sünden der Mutter büßen?

Sie behielt das Familienfoto von Mr. Parr und den Führerschein, den Rest warf sie in einen Gully.

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