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Marc Dugain

In der Haut des
Teufels

Roman

Aus dem Französischen
von Michael von Killisch-Horn

Die Originalausgabe erschien 2012 unter dem Titel
»Avenue des Géants« bei Éditions Gallimard, Paris.

1. Auflage

© 2014 by C. Bertelsmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: buxdesign, München

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-12367-3

www.cbertelsmann.de

Für Florent, Héloïse, Roman Kamil und
Emmanuelle, meine Freude

Für Bruno Jeanmart, Psychoanalytiker und Philosoph,
mein ältester Freund. Aus unseren nächtlichen Diskussionen
ist dieses Buch entstanden.

»Sein heißt, in der Klemme sein.«

Cioran, Gevierteilt

1

____

Wie jeden Monat sitzt sie ihm gegenüber, nachdem sie sich schwer auf ihren Stuhl hat plumpsen lassen. Sie holt die Bücher aus ihrer Tasche, zehn insgesamt. Die meisten haben einen kartonierten Einband. Er wirft einen raschen Blick darauf und legt sie vor sich hin. Sie lächelt schmallippig, ohne ihm ins Gesicht zu blicken. Seit Jahren weicht sie hartnäckig seinem Blick aus, weshalb sie häufig die Augen abwenden muss. Sie senkt oft den Kopf, wodurch er den kahlen Scheitel in der Mitte ihres Schädels gut erkennen kann, der immer breiter wird. Sie hat langes Haar, und es ist schwer zu erkennen, wann es sauber ist. Selbst wenn es das ist, sieht es nicht so aus. Sie muss einmal ganz hübsch gewesen sein, soweit ihre aufgedunsenen Gesichtszüge eine frühere Schönheit überhaupt erkennen lassen. Aber er mag diese Frau. Oder besser, er hat für sich entschieden, dass er sie mag, weil er nichts für sie empfindet, weder Liebe noch Hass. Manchmal ein bisschen Verärgerung. Er nimmt es ihr übel, dass sie die einzige Person ist, die ihn besucht. Er verübelt es ihr stellvertretend für die anderen, die ihn niemals besuchen, was ein bisschen ungerecht ist, weil es gar keine anderen mehr gibt. Er ist scharfsinnig genug, um zu bemerken, dass sie ihm schon seit Langem etwas sagen will. Nur was? Er weiß es nicht. Er spürt nur, dass sie etwas bedrückt, das sie nicht in Worte fasst. Das hat nichts mit Schüchternheit zu tun. Ihr Verhalten ihm gegenüber ist niemals wirklich natürlich. Sie arrangiert sich. Häufig besteht eine eigenartige Diskrepanz zwischen ihrer Stimme und dem, was sie sagt. Manchmal kommt sie ihm geradezu schwärmerisch vor, dann wieder völlig ausgebrannt. Ihr faltiges Dekolleté mündet in große schlaffe Brüste. Für eine Frau, die um die sechzig sein muss, kein sehr erfreulicher Anblick. Aber er ist ihr dankbar, dass sie keine Fantasien in ihm weckt. Einen Motor ohne Benzin bringt man nicht auf Touren.

»Haben Sie mit den Zeitungsverlagen über das gesprochen, was wir überlegt haben?«

Sie lässt sich mit der Antwort Zeit. Das ist nicht ungewöhnlich, sie lässt sich mit der Antwort immer Zeit, als fühlte sie sich in gewisser Weise verantwortlich.

»Ja. Mit mehreren an der Küste. Sie sind … wie soll ich sagen, neugierig. Sie überlegen. Aber ich glaube, es wäre möglich.«

Sie wendet den Blick wieder ab. Wenn sie das tut, würde er ihr am liebsten mit der Faust auf den Kopf schlagen, doch eigentlich will er es nicht wirklich. Außerdem stellt er sich die Schäden vor, die er damit anrichten würde, während sie mit ihrer Stimme weiterredet, in der jedes Wort sich dafür zu entschuldigen scheint, dass es aus ihrem Mund kommt, der für ein Gesicht dieser Größe sehr klein wirkt. Sie muss indianisches Blut haben. Kein frisches Blut, Blut, das bis auf den Anfang des 20. Jahrhunderts zurückgeht, als man den Indianern übel mitgespielt hat.

»Es ist ein bisschen gewagt für sie, verstehen Sie …«

»Sie meinen als Literaturkritiker …?«

»O nein! Darüber werden sie sich ihre eigene Meinung bilden. Es geht mehr darum zu enthüllen oder nicht zu enthüllen, wer Sie sind. Und wenn Verleger oder Redakteure nicht preisgeben, wer Sie sind, könnte man es ihnen eines Tages vorwerfen. Und zugleich sagen sie sich, dass es eine Sensation wäre, wenn sie Ihre Identität enthüllen. Na ja, die Medien eben …«

Er nickt etwas verspätet, als interessierte ihn das Gespräch schon nicht mehr. Das hat er immer schon so gemacht. Es ist eine Möglichkeit, Einfluss auf seine Gesprächspartner zu gewinnen. Er hat es sich überlegt.

»Ich habe eine Menge Kritiken in meinem Leben gelesen. Ich wüsste nicht, worum ich die Kritiker beneiden sollte. Ich habe seit Beginn der Siebzigerjahre dreitausendneunhundertzweiundfünfzig Bücher verschlungen. Ganz genau habe ich sie gelesen, das können Sie nicht bestreiten. Gibt mir das jetzt nicht das Recht, eine Meinung über die Literatur zu haben? Ich denke doch.«

»Sie haben mir gesagt, sie würden Sie eher als Kritiker von Krimis sehen.«

Er bemüht sich, nicht genervt zu wirken, um sie nicht zu erschrecken, denn sie erschrickt leicht.

»Das riecht nach Sensationsmacherei. Sie werden ihnen sagen, dass Krimis mich nicht interessieren. Nicht die Bohne interessieren. Zu konventionell, zu viele Gemeinplätze, zu viele langweilige Rätsel.«

Sie sitzen sich eine Weile schweigend gegenüber, ohne sich anzusehen. Es gibt in diesem Raum nichts, worauf man seinen Blick richten kann, also lassen sie ihn über die Wand gegenüber gleiten. Er hat bereits genug von ihr, aber er beherrscht sich, will nicht, dass sie es merkt, sie kann nichts dafür.

Plötzlich bricht es aus ihm hervor: »Sie können ihnen die Zahl ruhig sagen, dreitausendneunhundertzweiundfünfzig Bücher von 1971 bis heute. Und wenn Sie sie zum Lachen bringen wollen, sagen Sie ihnen, dass ich zwischen meiner Geburt 1948 und 1971 nur ein einziges gelesen habe. Ich habe es dreimal gelesen. Erraten Sie, welches?«

Sie erwidert: »Die Bibel.«

»Nein. Schuld und Sühne. Ein verdammt gutes Buch, wirklich. Ich glaube nicht, dass jemals ein besseres geschrieben wurde.«

In ihrem Blick erkennt er, dass sie sich fragt, ob das nicht ein Scherz ist. Sie hat eine hübsche gerade Nase, und ihre Augen haben eine originelle Farbe. Doch sie riecht nach Angst, so wie ein Leichnam nach Tod riecht. Eine allgemeine Angst vor dem Leben. Übrigens benutzt sie viel zu viel Patschuli, um sie zu überdecken. Damit kann sie sicher viele täuschen. Ihn nicht.

Er setzt die Durchsicht der Bücher fort, die sie ihm mitgebracht hat, und entdeckt eines, das aus der Reihe tanzt.

»Was macht dieses Kinderbuch hier?«

»Das ist ein Vorschlag. Man hat festgestellt, dass es kaum Aufnahmen für Kinder gibt. Es gibt viel mehr blinde Kinder, als man denkt.«

»Haben Sie das absichtlich gemacht?«

Sie beginnt zu schmelzen wie Eis in der Sonne und wischt sich mit dem Handrücken über die verschwitzte Stirn. Sie versteht nicht, was er meint.

»Sie wissen wahrscheinlich nicht, dass meine Großmutter Kinderbücher geschrieben hat«, sagt er sanft, um sie zu beruhigen, denn sie hat eine beunruhigend rote Gesichtsfarbe angenommen. »Aber das ist nicht der Punkt. Können Sie sich wirklich vorstellen, wie ich mit meiner Stimme CDs für Kinder aufnehme? Man muss schon ziemlich verzweifelt sein, um auf so eine Idee zu kommen. Und es ist enorm schwierig, sich in ein Kind hineinzuversetzen, wenn man nie die Chance gehabt hat, eines zu sein. Diese Begabung habe ich nicht.«

Ihre Antwort kommt prompt: »Niemand hat so viele Preise für seine Aufnahmen bekommen wie Sie. Der Verleger, na ja … man will Sie.«

Sie glaubt, sie könne ihm schmeicheln.

Er ist über das Alter hinaus, auch wenn er stolz auf seine Preise ist. Er verspricht, es zu versuchen, das kostet ja nichts, und jeder ist zufrieden. Er macht gern Kompromisse. Es mag dumm klingen, aber Kompromisse machen ihm richtig Freude. Er ist überzeugt, wenn alle sich auf halbem Weg entgegenkämen, könnte man die meisten Konflikte vermeiden. Er sagt es oft, wenn er seinen Jungs eine Predigt hält. Sobald die Idee des Kompromisses in eurem Geist aufgekeimt ist, hat die Gewalt verloren. Selbst wenn ihr nicht die Absicht habt, dem andern auf halbem Weg entgegenzukommen, ein Schritt auf den anderen zu, und ihr habt die Gewalt hinter euch gelassen. Er will über diese Kinderbuchgeschichte nicht weiter diskutieren, es ist abgemacht, er wird es versuchen. Andernfalls hätte er das Gefühl, sich der Vergangenheit zu unterwerfen, und das will er nie wieder.

»Die guten Kritiker begreifen, dass das Kreisen des Autors um das Thema wichtiger ist als der Kern dieses Themas. Das ist die wahre Reise der Literatur. Wenn man sich durch Tausende von Seiten kämpfen muss, nur um zu dem zu gelangen, was gesagt werden muss, was soll das für einen Sinn haben, sagen Sie mir das? Ich habe so viele Gemeinheiten über Leute gehört, die es nicht verdienten. Wenn Sie lesen, was Mary McCarthy oder Henry Miller, die unfähig sind, zwischen den Zeilen zu lesen, über Salinger geschrieben haben, dann zweifle ich schon an der Stichhaltigkeit ihres Urteils und frage mich, ob das nicht ein Eingeständnis der Mittelmäßigkeit ihrer eigenen Texte ist. Da krieg ich manchmal eine Stinkwut! Ich erspare Ihnen, was ich alles über Carver gelesen habe. Klar, jetzt haben sie ihn in den Pantheon aufgenommen, ein reines Wunder, dass sie ihn nicht im Familiengrab von Tschechow beigesetzt haben, aber ich war da, als sie sich über seinen Minimalismus das Maul zerrissen haben. Er musste erst sterben. All diese Leute ziehen die Mumien den Lebenden vor. Aber sollen sie doch machen, was sie wollen, was die Krimis betrifft, können sie jedenfalls nicht mit mir rechnen. Ist das klar? Das ist ein minderwertiges, verachtenswertes Genre. Selbst der schlechteste Krimi ist nicht imstande, auch nur zehn Prozent der Realität wiederzugeben, von der er erzählt.«

Er sagt das alles, ohne laut zu werden. Er wird nur selten laut. Seine Wutausbrüche toben sich in einem wasserdichten Senkkasten aus. Wenn er wütend ist, weiß nur er es.

»Wenn Sie wirklich keine Kinderbücher …«

Für ihn war die Sache abgemacht. Warum kommt sie noch einmal darauf zurück? Er hat viele Leute wie sie gekannt, die keinen Schritt vorwärts machen können, ohne zurückzuschauen.

»Ich sagte doch, ich werde es lesen.«

Ein klägliches Lächeln huscht über ihr Gesicht. Dabei blickt sie auf die Uhr, um sich von dem eindringlichen Blick zu befreien, mit dem er sie ansieht. Für sie drückt er Feindseligkeit aus, dabei hat er es einfach nur satt, die Wand hinter ihr anzustarren.

»Wann werden Sie wiederkommen?«

Sie wirkt mit einem Mal erleichtert. »In vier Wochen«, sagt sie.

Er könnte ihr den Zugang verbieten lassen. Er müsste nur die Verwaltung bitten. Sie würde dann einfach die Bücher für ihn abgeben. Er hat die Macht dazu, dessen ist er sich bewusst, aber er will sie nicht missbrauchen. Manchmal verspürt er eine dumpfe Wut bei dem Gedanken, dazu verdammt zu sein, als einziges weibliches Wesen nur sie mit diesem Schädel zu sehen, der wie ein nasses Kornfeld aussieht. Er ist sicher, dass sie sich abrackert. Sie ist die Sorte Frau, die beim Frühstück in der einen Hand einen Joint und in der anderen eine Tasse Kaffee hält und zu essen vergisst. Vermutlich trinkt sie den ganzen Tag Limonade, unterbrochen von einem fetttriefenden Hamburger. Seit sie ihn besucht, seit gut dreißig Jahren, ist er ihr dankbar dafür, dass sie ihm nichts Persönliches über sich anvertraut hat. Er hätte es nicht ertragen. Es ist schwer zu erklären, aber er hätte es ihr übel genommen. Eine berufliche Beziehung kann er akzeptieren, aber nichts darüber hinaus. Er lauert auf Versuche von Vertraulichkeit, um sie im Keim zu ersticken, und sie weiß es. Sie hat niemals einen Fauxpas begangen.

Es wird Zeit, zum Ende zu kommen.

»Können Sie mir eine CD mitbringen, wenn Sie wiederkommen? Ich sag Ihnen aber gleich, ich habe nicht die Mittel, sie Ihnen zu bezahlen.«

Sie ist überglücklich, ihm eine Freude machen zu können, und nickt fast krampfartig.

»Wunderbar«, sagt er und steht auf. »Skip James. So viel wie möglich. Aber vor allem ›Crow Jane‹ und Devil Got My Woman

Sie verspricht es ihm und steht ebenfalls auf. Sie hat etwas Mühe, sich von ihrem Stuhl zu erheben. Das liegt sicher an der Fettleibigkeit, die ihre Knie belastet.

Er dreht ihr den Rücken zu, hebt die Hand zum Abschied, zieht den Kopf ein, um durch die Tür zu gehen, und verlässt den Raum, wobei er seine Brille hochschiebt.

Ein geachteter Mann genießt kleine Privilegien. Eines der seinen besteht darin, dass er seine Post selbst holen darf. Der Chef reicht sie ihm mit einem Lächeln. Am liebsten hätte er nur mit Typen wie ihm zu tun. Es vergeht kein Tag, an dem er nicht einen Brief bekommt. Wer kann sich schon vorstellen, was für eine Freude es ist, seine Post zu öffnen in der Gewissheit, niemals schlechte Nachrichten zu erhalten? Er bekommt zwei Arten von Briefen. Die meisten kommen von Hörern, die ihm danken. Sie haben sie nicht selbst geschrieben, sondern einer nahestehenden Person diktiert. Sie danken ihm für die Sorgfalt, mit der er die Bücher liest, und für seine Tonfälle und Betonungen, die ihn, wie manche sagen, auf das Niveau des Actor’s Studio heben. Er freut sich über das Kompliment, obwohl er Schauspieler nicht mag. Er misstraut Leuten, deren Beruf es ist, jemand anderer zu sein. Früher oder später wissen sie nicht mehr, wer sie sind. Empathie ist nicht seine Stärke, und er glaubt, dass es besser ist, es zuzugeben als sie vorzugaukeln, dennoch ist er voller Mitgefühl für die Blinden, die ihm zuhören. Er stellt sich vor, dass es schlimm sein muss, blind zu sein, vor allem in den USA, dem Land mit den schönsten Landschaften der Welt, doch zum Glück wissen diejenigen, die blind geboren sind, nicht, was sie versäumen. Neben den Briefen der Blinden bekommt er Briefe von Bewunderinnen. Sie sind häufig überaus pikant. Sie schicken ihm immer ein Foto von sich. Ein Passfoto oder ein Ganzkörperbild. Manche genieren sich nicht, nackt zu posieren, wobei die Palette von Erotik bis hin zu obszönster Pornografie reicht, mit Großaufnahmen ihres Geschlechts. Er findet das widerlich. Die Begleitbriefe sind häufig völlig verrückt, und er zieht es vor, nicht darüber zu sprechen, denn das würde ein trauriges Licht auf die Menschheit werfen. Um ganz offen zu sein, sie erinnern ihn an Raben, die sich über die Leitplanken eines Highways beugen, fasziniert von dem kleinen Kadaver eines überfahrenen wilden Tiers, und auf den günstigsten Augenblick lauern, um ihn zwischen zwei vorbeirasenden Lkws aufzupicken. Die Verwaltung öffnet seine Post niemals. Deswegen bekommt er die Fotos überhaupt. Er hebt sie auf seinem Regalbrett auf, schaut sie sich aber, ehrlich gesagt, nie an. Manchmal zerreißt er das eine oder andere. Um die Jahrhundertwende, vor gut zehn Jahren, hatte ihm eine Frau geschrieben, um ihm eine Liebeserklärung zu machen und ihn zu bitten, sie zu heiraten. Sie hatte ein schlechtes Foto beigefügt, aber man konnte erkennen, dass ihr recht ebenmäßiges Gesicht – schön konnte man es nicht wirklich nennen – gepierct war; Ringe verschiedener Größe steckten in ihren Ohren, ihrer Nase und ihrer Zunge. Er hatte das Foto einem Typen gezeigt, der noch nicht lange da war, und der hatte ihm gesagt, gepiercte Leute sehe man jetzt häufig. Er hatte eine halbe Stunde gezögert, bevor er dieser Frau, die in Reno, Nevada, lebte, geantwortet hatte.

»Ich verstehe Ihr Interesse für mich nicht. Ich habe niemals die Absicht gehabt zu heiraten, jetzt noch weniger als früher. Ihr Foto zeigt mir eine vulgäre, grundlos durchlöcherte Frau. Ich weiß nicht, was Sie sich in Ihren Wahnvorstellungen einer kranken, geistesgestörten Frau zusammenfantasieren, und ich will es auch nicht wissen. Ich bin nicht mehr der Mann, der ich vor dreißig Jahren war, und dieser Mann hätte Sie nicht mehr geliebt als ich. Das ist das erste und letzte Mal, dass ich Ihnen antworte. Wir leben in verschiedenen Welten, hämmern Sie sich das ein für alle Mal in Ihren Schädel.«

Er hat nie wieder etwas von ihr gehört.

2

____

An dem Tag, an dem Lee Harvey Oswald mir die Show gestohlen hat, wies in diesem Teil der Sierra Nevada nichts darauf hin, dass November war. Die Natur um die Farm meiner Großeltern herum war kahl geworden, doch die Bäume, die den Hügel gegenüber bedeckten, verfärbten sich nicht im Herbst. Der Tag hatte begonnen wie so viele andere. Ich hatte vor dem Aufstehen zweimal in meinem Bett onaniert. Ein bewährtes Mittel, um den Tag ruhig zu beginnen. Ich war gerade fertig, als meine Großmutter zu poltern begann, damit ich aufstehe. Dann kam sie, ohne anzuklopfen, in mein Zimmer. Ich konnte gerade noch die Decke über mich ziehen. Ohne mich anzusehen, sagte sie mit gespielter Liebenswürdigkeit: »Das ist ein verdammt schöner Tag, du solltest schnell aufstehen und ein bisschen rausgehen.« Ich nahm es ihr nicht übel wie an dem Tag, an dem ich sie hätte umbringen können, weil sie einfach in mein Zimmer gekommen war, als ich zwei Sekunden vor dem Erguss gewesen war. Ich hatte nie zuvor eine solche Bereitschaft zur Gewalt in mir gespürt. Schließlich stand ich auf, aber erst später. Ich erinnere mich nicht mehr, ob es unter der Woche gewesen war oder am Wochenende. Es wäre nicht schwierig, es nachzuprüfen, der 22. November 1963 ist ein ziemlich denkwürdiges Datum. Drei Tage zuvor hatte ich mit ihr und meinem Großvater meinen Geburtstag gefeiert. Die Alte hatte einen Kuchen gebacken, der nach kaltem Plastik schmeckte. Der Alte hatte sein Geschenk mit feuchten Augen ausgepackt: eine Winchester Henry .22 long rifle. »Um Kaninchen und Maulwürfe zu jagen«, hatte er gesagt und seine Hand auf meinen Arm gelegt. Seine Hand war mir sehr alt und sehr faltig vorgekommen, obwohl er erst einundsiebzig war. Er war ein braver Mann, aber ich mochte ihn nicht, weil er mir in Gegenwart meiner Großmutter wie ein kleiner Hund vorkam. Sie verbrachte ihre Zeit damit, ihm wie einem Knecht Befehle zu erteilen, in einem vermittelnden Ton, um ihn nicht zu demütigen. Und der Alte gehorchte. Als er meinem verächtlichen Blick begegnete, sah er zu Boden und schenkte mir ein klägliches Lächeln, das sagen sollte: »Was bleibt mir schon übrig, als dieser Frau zu gehorchen, die ich geliebt habe?« Dabei wäre alles besser gewesen als diese Sklaverei. »Das ist eine .22, Al. Du weißt, wie sie funktioniert. Sie hat eine große Reichweite und dringt schnell ein, aber das Kaliber ist zu klein für Hochwild, du würdest es schrecklich leiden lassen.« Blieben das Kaninchen, die Maulwürfe und ein paar Hasen. Meine Großmutter war abrupt aufgestanden und hatte mit dieser Miene der Überlegenheit, die sie so gern aufsetzte, hinzugefügt: »Wenn ich sehe, dass du auf Vögel schießt, nehme ich dir die Winchester weg und werfe sie ins Feuer.« Pech für die Alte! Nichts ist einfacher, als Kaninchen zu schießen. Es wimmelt von ihnen, und sie drücken sich in die Hecken und wähnen sich in Sicherheit, und wenn sie loslaufen, haben sie es wahrlich nicht eilig. Vögel zu schießen, egal welche, ist dagegen ein echter Sport, außer der Piepmatz sitzt auf einem Ast, okay. Das Geschenk überraschte mich. Meine Großmutter hatte angeblich dagegen protestiert, unter dem Vorwand, dass ich in Anbetracht meiner Fähigkeiten in der Schule nicht genügend arbeiten würde. Was konnte ich für meine Fähigkeiten? Intelligenztests hatten bewiesen, dass ich einen höheren IQ als Einstein hatte. Und trotz dieses Potenzials war ich nichts als Durchschnitt. Meine Großmutter fand, das sei Verschwendung, und sie hasste Verschwendung. Wehe, man aß seinen Teller nicht leer, ließ das Licht in einem Zimmer brennen, in dem niemand war, ließ den Wasserhahn tropfen, benutzte zu viel Toilettenpapier oder hatte nicht die beste Note in allen Schulfächern, dann wurde sie hysterisch. Sie hatte ständig Probleme mit der Gebärmutter. Das war ihr Lieblingsgesprächsthema, neben ihren Kinderbüchern. Ich habe nie eines gelesen, denn als ich zu ihr kam, war ich kein Kind mehr, und was sie schrieb oder illustrierte, interessierte mich nicht die Bohne. Ich denke, dass es von bestürzender Einfältigkeit gewesen sein muss. Auf ihrer Gebärmutter bildeten sich regelmäßig Zysten, wie eine Bedrohung, die umgehend durch eine harmlose Operation beseitigt wurden. Sie zählte ihre Operationen wie andere ihre Medaillen. Mir ist die Begeisterung, mit der sie sich dieser wiederkehrenden Tumore rühmte, und das kindliche Bedürfnis, als mutige Frau angesichts einer ungefährlichen Krankheit anerkannt zu werden, stets auf die Nerven gegangen.

Ich hatte die Winchester noch nicht ausprobiert. Ich hatte sie auf einen Tisch am Fußende meines Betts zwischen meine Schulbücher gelegt. Es war eine leichte Waffe mit mattschwarzem Lauf. Sie faszinierte mich, aber ich traute mich nicht, sie anzurühren.

An diesem Morgen des 22. November ging ich hinunter, um zu frühstücken. Meine Großmutter reinigte das Spülbecken. Ich spürte, wie sie ihre Vorwürfe unterdrückte, weil ich nicht auf ihre erste Aufforderung hin aufgestanden war. Wir beobachteten uns eine ganze Weile. Dann fragte sie mich, was ich zu tun gedenke, da ich einen freien Tag hatte. Die Schule hatte eine Wildwasserfahrt organisiert, und ich hatte mich wie üblich davon befreien lassen. Ich hatte einen schlechten Tag, es war einer dieser Morgen, an dem die Beklemmung sich mit einer eigenartigen Lustlosigkeit paarte, eine Stimmung, die mir nur allzu vertraut war. »Warum gehst du nicht jagen, die Kaninchen fressen mir meine Beete kahl.« Dieser Vorschlag war so gut wie jeder andere, obwohl ich keine Lust hatte, ihr eine Freude zu machen. Dann fügte sie hinzu: »Fünf Cents pro Maulwurf, zehn Cents pro Kaninchen«, als wäre ich käuflich. Der Hund des Hauses, ein alter ausgemergelter englischer Setter, wedelte bereits ganz aufgeregt mit dem Schwanz und vergaß sein Rheuma. Ich ging wieder in meine Bude hinauf und lud sorgfältig meine Waffe, fünfzehn kleine Kugeln, die in eine Kammer unter dem Lauf gesteckt wurden. Anschließend putzte ich mir die Zähne und wusch mir die Achselhöhlen mit kaltem Wasser. Ich zog die Militärjacke meines Vaters an, das einzige Kleidungsstück, an dem ich wirklich hing und das mir das Gefühl gab, nicht nur ein zu großer Kerl zu sein, bei dem man sich fragt, ob der Himmel seine Grenze ist. Mit fünfzehn überragte ich meinen Vater bereits um acht Zentimeter, und die Vorstellung, dass ich mich langsam, aber stetig auf zwei Meter zwanzig zubewegte, gefiel mir nicht sonderlich. Ich konnte bereits nicht mehr durch eine Tür gehen, ohne mich zu bücken, und überall, wo ich hinkam, drehten die Leute sich nach mir um. Wenn ich im Unterricht saß, war ich so groß wie mein Klassenlehrer, wenn er vor seinen Schülern stand, und ich wurde von allen Seiten ange starrt, als wäre ich ein merkwürdiges Tier. Manchmal träumte ich davon, klein zu sein, der Prügelknabe der Größeren, und das Mitleid eines mitfühlenden Mädchens für ein misshandeltes Kind zu wecken. Doch niemand traute sich jemals, mich zu belästigen, und wenn die Mädchen mich bisweilen anstarrten und einen Lachkrampf unterdrückten, taten sie es, weil sie sich fragten, ob die Größe meines Geschlechts proportional zum Rest sei. Das ist keine Erfindung, ich habe wirklich einmal in der Pause auf dem Korridor ein derartiges Gespräch belauscht. Meine Klassenkameraden behandelten mich niemals wohlwollend. Alle sahen in mir einen besonderen Schüler, einen geheimnisvollen Riesen, und meine dicken Brillengläser förderten den Kontakt nicht gerade, denn meine Augen waren nur undeutlich wie durch eine Doppelverglasung zu erkennen. Im College fiel mir alles leicht, und wenn ich sah, wie diese Sportskanonen mit ihren Spatzengehirnen vor einer Gleichung ersten Grades Blut und Wasser schwitzten, empfand ich nichts als Verachtung für meine Kameraden. Die meisten von ihnen redeten von nichts anderem als Rafting, lebten nur für Rafting. Was fanden sie nur daran, wie der Teufel eine Stromschnelle hinunterzufahren und sich der Gefahr auszusetzen zu ertrinken? Ich habe das nie verstanden. Der Klassenlehrer, Mr. Abott, sah mich mit den gleichen bestürzten Blicken an wie meine Großmutter. Er verstand nicht, dass ich mein Talent vergeudete. Eines Tages rief er mich sogar zu sich in sein Büro im ersten Stock, das einer Forscherhöhle glich, um es mir zu sagen. Es hieß, Abott schlafe manchmal dort, um nicht zu Hause seiner Frau begegnen zu müssen. Sodass sie überzeugt war, er habe eine Geliebte. Abott eine Geliebte, was für ein Mangel an Urteilsvermögen! Doch das war nicht mein Bier. Für einen Kerl von meiner Größe war es schwierig, in seinem Kabuff einen Ort zu finden, wo ich mich setzen konnte.

»Sie wissen, Kenner, dass Sie über intellektuelle Fähigkeiten verfügen, die weit über dem Durchschnitt liegen … Also, was ist los mit Ihnen?«

Das war eine sehr unangenehme Frage, die für mich nicht nach einer Antwort verlangte.

»Ich habe keine Ahnung.«

»Ist Ihnen klar, was Sie erreichen könnten, wenn Sie sich wirklich ins Zeug legen würden? Sagen Sie mir, was möchten Sie später einmal machen?«

»Später?«

Ich lächelte, zum ersten Mal seit Langem, und schob meine dicken viereckigen Brillengläser hoch, eine Geste, die ich heute noch mache, bevor ich zu sprechen anfange; dann sagte ich: »Ich habe nie an später gedacht, Mr. Abott, irgendetwas in mir sagt mir, dass es kein später gibt.«

»Aber Sie haben doch sicher Träume, Kenner? Oder nicht?«

»Träume?« Es kostete mich Überwindung, ihm zu antworten. Nicht wegen der Frage. Es lag eher daran, dass ich diesen Kümmerling mit seiner schäbigen Fliege, der manchmal in diesem Loch schlief, um seiner Frau aus dem Weg zu gehen, da vor mir stehen sah und ihm jede Berechtigung absprach, mit mir über meine Probleme zu sprechen, und erst recht, sie zu lösen. »Sie sind nicht der Richtige, um mir zu sagen, was ich tun oder nicht tun soll, Mr. Abott.«

Er zupfte an seiner Fliege. »Und warum, Kenner?«

Ich sah ihn scharf an, ohne ein Wort zu sagen und ohne mich zu rühren. Er begann, von einem Fuß auf den anderen zu treten, und dann sah ich, wie seine Gesichtszüge entgleisten. Mein massiger Körper versperrte ihm den Weg zur Tür, und ich saß reglos und stumm da. Als ich bemerkte, dass er zu schwitzen begann, fand ich, es habe nun lange genug gedauert, stand auf und ging hinaus. Er hat nie wieder versucht, mit mir über meine Zukunft zu sprechen. Ich denke, er hat sich auch mit den anderen Lehrern abgesprochen, denn keiner von ihnen hat je versucht, mich auf dieses Thema anzusprechen.

Mit wem kann man über diese Langeweile reden, die einen von morgens bis abends quält und den Willen vollkommen lähmt, sodass jede Aktivität von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist? In den zwei Jahren, die ich in North Fork verbrachte, hatte ich nicht einen Freund gefunden. Ich hatte niemals den Wunsch, mit irgendjemandem zu reden, und das merkte man mir wohl so deutlich an, dass man mich gründlich mied. Ich wusste, dass man sich immer wieder das Maul über mich zerriss, aber das war mir egal. Das Urteil der anderen, ihr Getue, ihr kleines unbedeutendes Leben in dieser Stadt, die sich einbildete, der Bauchnabel Kaliforniens zu sein, interessierten mich nicht. Der Vietnamkrieg hatte gerade begonnen, und ich hätte mich gern freiwillig verpflichtet, um meinem Vater Ehre zu machen, der mutig im Zweiten Weltkrieg gekämpft hatte. Aber ich hatte eine tief sitzende Angst vor physischer Gewalt. Immer wenn es in der Schule zu einer Schlägerei kam, dankte ich dem Schöpfer, dass meine Körpergröße mich davon fernhielt. Ich wäre vor jedem Zwerg, der mich hätte verdreschen wollen, vor Angst im Boden versunken.

Meine Fantasien über Mädchen waren meine einzige Verbindung zu dieser Gemeinschaft. Eine Art Freiheit, ein rechtsfreier Raum. In meinen Träumen machte ich mit ihnen, was ich wollte, und niemand konnte mir dreinreden. Die Fantasien regieren die Welt. Ich bin überzeugt davon, dass die meisten Leute, wenn sie mit jemandem schlafen, im Kopf nicht bei der Person sind, die sie in dem Augenblick besitzen. Für mich war meine Fähigkeit zu fantasieren eine Art Überlegenheit, denn in meinen Träumen trieb ich es mit allen, mit den Lehrerinnen und den Schülerinnen, den Schönen und den Hässlichen, die ich immer wieder zu bezaubern vermochte, und ohne dass sie es wussten, verschaffte ich ihnen Erregungszustände, die kein Wesen aus Fleisch und Blut ihnen bieten konnte. Im Blick all dieser Mädchen erkannte ich die Verlegenheit, die sie empfanden, weil sie so lange von mir besessen worden waren. Meine Traumfantasien genügten mir. Ich zog es niemals in Betracht, wirklich mit einem Mädchen zu schlafen, nicht nur weil ich wusste, dass es für mich schwierig sein würde, eine zu finden, die bereit dazu wäre, es war auch eine Frage der Kontrolle. In meinen Fantasien hatte ich alles unter Kontrolle, doch was hätte in der Realität passieren können? Es hätte alles aus dem Ruder laufen können, was weiß ich.

Mit Ava Panzer war es etwas anderes. Von Anfang an verband uns etwas. Sie war ebenfalls sehr groß. Nicht so groß wie ich, aber zu groß für ein Mädchen, über einen Meter fünfundachtzig, was sie zu etwas Besonderem machte. Es dauerte drei Monate, bis wir miteinander sprachen. Wenn wir uns in den Gängen der Schule begegneten, sah ich nur sie, und sie sah nur mich. Ich hätte niemals den ersten Schritt getan. Sie ebenfalls nicht. Manchmal tauschten wir ein komplizenhaftes Lächeln aus. Was mich veranlasste, mit ihr zu reden, war die Tatsache, dass sie bereits den Führerschein hatte und dass ihre Eltern ihr einen alten nachtblauen Dodge bezahlt hatten, mit dem sie nach Hause fahren konnte, denn sie wohnte ziemlich weit von North Fork entfernt, und der Schulbus fuhr dort nicht hin. Von der Endhaltestelle hatte sie noch vier Meilen zu fahren, die ersten zwei über Asphalt, die übrigen zwei über einen Feldweg, der zu einem Weiler ehemaliger Goldgräber führte, in dem von den fünf Häusern, die er in seiner Glanzzeit gezählt hatte, nur noch eines übrig war. Das hatte ich aus unserem ersten Gespräch erfahren. Beim Verlassen der Schule waren wir im Gedränge aneinandergepresst worden, und sie hatte mich angesprochen. Sie war weder schön noch hässlich, und genau das gefiel mir. Sie hatte eine ziemlich große Nase und große Füße, alles in allem aber war sie recht weiblich. Ich hasse maskuline Frauen. Wenn ich eine männliche Frau sehe, fühle ich mich noch unwohler, als wenn ich einem leicht weibischen Kerl begegne. Ava – ihre Eltern hatten sie wegen Ava Gardner so genannt – hatte wie ich einen deutschen Namen. Das hätte uns näherbringen können, aber uns war das egal. Ich wusste nicht viel über meine Herkunft, und auch sie wusste nicht viel über ihre. Das hätte sie gezwungen herauszufinden, warum es ihre Eltern in ein solches Kaff verschlagen hatte, und dazu hatte sie nicht wirklich Lust. Und ich erinnerte mich, dass die Militärpolizei, bevor mein Vater während des Kriegs in die Special Forces eingetreten war, umfangreiche Nachforschungen über seine Herkunft angestellt hatte. Das hatte ihm seinen Namen nicht unbedingt sympathisch gemacht, zumal sich in den Sechzigerjahren niemand sonderlich für Deutschland interessiert hatte. Doch da niemand sich traute, mich zu hänseln, hatte ich niemals unter meinem Namen gelitten. Ihre Eltern hatten mich sofort gemocht, weil ich irgendwie ein Gefühl der Sicherheit ausstrahlte. Und außerdem wirkte sie neben mir winzig und daher weiblicher. Sie waren beide gute Menschen. Ihr Vater, der bei der staatlichen Forstverwaltung gearbeitet hatte, war im Ruhestand, und ihre Mutter sah aus wie das Leiden Christi. Sie bestellten einen Streifen Land um ihr Haus herum, was ihnen erlaubte, praktisch autark zu leben. Sie wollten mich ein paarmal zum Abendessen dabehalten, doch ich lehnte ab. Ich wusste, dass sie einer Art Kirche angehörten und dass das Tischgebet sich endlos in die Länge ziehen konnte, und damals stand mir nicht der Sinn nach derartigen Albernheiten. Auch wenn ich durchaus kein Atheist war, ging mir das Gerede über Gott auf die Nerven, ich fand es obszön. Ava war wie ich. Sie lebte ohne ein bestimmtes Ziel. Es gab nichts, was sie besonders motivierte. Sie hasste Sport, hatte aber nichts gegen ausgedehnte Spaziergänge in der Umgebung ihres Hauses, auf den trockenen Hügeln mit niedrigem Gras, die mit Nadelbäumen bedeckt waren, zwischen denen man bisweilen einem Bären oder einem Hirsch begegnen konnte. Wir sprachen nicht viel, und das mochte ich an ihr. Sie war ruhig und bedächtig, das genaue Gegenteil all dieser narzisstischen Mädchen auf der Schule, die den Jungs mit ihren Träumen von Schönheitswettbewerben den letzten Nerv töteten. Sie fuhr mich oft nach Hause, was meine Großmutter ihr, im Gegensatz zu ihren Eltern, die sich mir gegenüber stets zuvorkommend verhielten, mit einem leicht verächtlichen Nicken dankte. Meine Großmutter war unfreundlich zu den Männern und blieb anderen Frauen gegenüber stumm, es sei denn, sie fühlte sich, weil sie sich irgendetwas davon versprach, verpflichtet, Konversation mit ihnen zu machen. Ava und ich bewahrten uns unsere Einsamkeit, da es zwischen uns um nichts ging.

An einem ganz gewöhnlichen Tag, eine Woche vor dem berühmten 22. November, brach ich den Kontakt zu ihr ab. Wir machten einen langen stummen Spaziergang, und ich fühlte mich nicht gut. Ein merkwürdiges Kribbeln in meinem Kopf hinderte mich daran, die Natur und die Ruhe zu genießen. Es fing an zu regnen, ein plötzlicher heftiger Regenguss, der auf den Boden klatschte, der durch die lange Trockenheit jenes Herbstes staubig geworden war. Wir suchten Schutz in einer Holzhütte, die den Goldgräbern im vorigen Jahrhundert wohl als Unterschlupf gedient hatte. Die Tür war offen und schlug heftig auf und zu. Das Innere war sauber, obwohl die Hütte verlassen war. Die Sitzbank einer Limousine stand vor einem der kleinen Fenster. In einer Ecke ein Tisch aus Brettern. Wir setzten uns und warteten auf das Ende des Schauers. Während wir so nebeneinandersaßen, legte sie plötzlich ihre Hand auf meinen Oberschenkel. Ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte. Da sie sah, dass ich mich nicht rührte, ließ sie ihre Hand zwischen meine Beine gleiten, während sie mir ihre Lippen bot, um die Dinge in der richtigen Reihenfolge zu tun. Ich war außerstande, sie zu küssen. Ich war wie gelähmt, während sie mich streichelte. Doch nichts rührte sich. Absolut nichts. Sie schlug vor, wir sollten uns ausziehen, doch ich fand die Idee bescheuert. Ich hinderte sie nicht daran, meinen Hosenstall zu öffnen und mein Glied herauszuholen. Sie nahm es in die Hand wie ein Rotkehlchen, das gegen ein Fenster geflogen ist. Der Vogel kehrte nicht ins Leben zurück, als wäre die Verbindung zwischen meinem Geist und meinem Körper plötzlich unterbrochen. Sie betrachtete es lange, ohne etwas zu sagen. Ich hätte beinahe geweint, aber ich hatte zu viel Achtung vor mir selbst. Ich schob ihre Hand sanft weg, knöpfte meine Hose wieder zu und verließ die Hütte, ohne mich umzudrehen. Wortlos gingen wir den Berg einer hinter dem anderen hinunter. Vor dem Haus ihrer Eltern winkte ich ihr zu und ging allein zu Fuß weiter. Am liebsten hätte ich meinen Kopf gegen die Bäume geschlagen, die den Weg säumten. Ich hatte soeben begriffen, dass alles, war real war, für mich verboten war, und ich hatte nicht die geringste Ahnung, warum. In den Tagen, die uns vom 22. November trennten, ging ich ihr in der Schule geflissentlich aus dem Weg.

3

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Nachdem ich die Winchester geladen hatte, zog ich meine Stiefel an, aber ich war mir immer noch nicht klar, ob ich wirklich hinausgehen sollte. Der alte Hund fing an, sich vor der Tür im Kreis zu drehen, ich hörte seine Krallen auf dem Boden und wusste, dass die Alte jeden Augenblick auftauchen und krakeelen würde, der Hund dürfe nicht ins Haus, als ob ich etwas dafür könnte. Ich ging die Treppe hinunter, der Köter hinter mir her, wobei er zweimal fast hingeschlagen wäre, so sehr war sie gewachst. Mir war unbegreiflich, wie eine Frau, die sich für eine Künstlerin hielt und Kinderbücher schrieb und illustrierte, so pedantisch sein konnte. Für mich leiden nur diejenigen, die es nicht schaffen, ihre Gedanken zu ordnen, unter einem Aufräumzwang. Und die wirklichen Künstler haben mit dieser scheinbaren Ordnung nichts am Hut. Ich ging hinaus, ohne Bescheid zu sagen, getrieben von dem Hund, der mir folgte.

Kein Lüftchen regte sich, und jeder meiner Schritte hallte auf dem Boden wider. Ich ging zu den Beeten meiner Großmutter. Sie hatte sie reichlich gegossen, und die Erde war schwarz. Drei Kaninchen waren dort. Ich sah sie, noch bevor der Hund sie witterte, aber sein Geruchssinn hatte mit dem Alter nachgelassen. Ich legte auf sie an, zweimal, ohne zu schießen. Nicht dass ich Mitleid mit ihnen empfunden hätte, aber ich hatte keine Lust, meiner Großmutter einen Gefallen zu tun. Eine Art Dompfaff hatte sich auf das Dach des Werkzeugschuppens gesetzt. Ich zielte auf ihn, schoss und sah nichts mehr. Ich weiß nicht, ob ich ihn getroffen habe. Diese schwarze Erde hatte die Wut wieder geweckt, die mich erfüllte, seit ich vor vier Monaten in dieser Gegend gelandet war. Ich dachte an meinen Vater und bekam feuchte Augen. Ich erinnerte mich an den einzigen Augenblick tiefer Freude in meinem Leben, als ich von meiner Mutter in Helena, Montana, zu meinem Vater gereist war, der in Los Angeles lebte. Ich hatte die Reise per Anhalter gemacht, mit der Vorstellung des Gelobten Landes im Kopf. Ich hatte Stunden im Auto verbracht, meist mit braven Leuten. Ich hatte mir als Gegenleistung dafür, dass sie mich mitnahmen, ihre Geschichten anhören müssen und Interesse geheuchelt. Manchmal hatte ich stundenlang in einem verlassenen Kaff warten müssen, bis jemand mich mitnahm. Und dann erinnerte ich mich an einen der schlimmsten Augenblicke meines Lebens, ich sage nicht, der schlimmste, denn es gibt so viele.

Mein Vater war in mein Zimmer gekommen, in seinem Haus, dessen Farbe verblichen und das von einem winzigen Garten umgeben war, an dem dicht unterhalb eine Zufahrt zur befahrensten Autobahn von L.A. vorbeiführte, eine Autobahn, die überall und nirgendwohin führt. Von meinem Zimmer aus hörte man die Schnellstraße, ein ohrenbetäubender Lärm, an den ich mich allerdings gewöhnt hatte, obwohl ich aus einem Staat kam, in dem das geringste Geräusch eine Beleidigung des Schöpfers zu sein scheint. Der Sommer begann, die Leute auszuwringen. Die Hitze, gepaart mit der Umweltverschmutzung, konnte einem alten Asthmatiker ganz schön zusetzen, aber mir bekam sie sehr gut. Ich hatte die Rollos noch nicht hochgezogen, doch helles Licht drang bereits schräg herein. Ich wusste nicht so recht, was ich mit meinem Tag anfangen sollte. Nachdem ich benommen aufgestanden war, weil ich am Abend zuvor gebechert hatte, ging ich in die Küche auf der Suche nach etwas, das meinen Magen beruhigen würde. Ich stocherte in einem großen Teller Haferflocken herum und suchte verzweifelt nach Kaffee; es gab keinen, und ich war zu faul, mir welchen zu machen. Ich kehrte in mein Zimmer zurück. Das Haus schien verlassen zu sein. Normalerweise steckte mein Vater, wenn sie das Haus verließen, den Kopf in mein Zimmer, um mir zu sagen, wohin sie gingen, seine neue Frau und er, und wann sie zurückkämen. Mich scherte es einen Dreck, ob sie ausgingen und wann sie zurückkämen, aber es hatte sich so eingespielt zwischen uns. Und jetzt war niemand da, und das beunruhigte mich. Ich dachte, sie hätten mich verlassen wie einen armen Köter, der die Zuneigung seiner Familie verloren hat. Der Rausch vom Vorabend verstärkte diese Furcht wohl noch. Daher stürzte ich ins Zimmer meines Vaters. Ich vergaß sogar zu klopfen. Ich öffnete die Tür mit einem jähen Ruck und stand vor der Frau meines Vaters, die sich splitterfasernackt im Spiegel ihres Schranks betrachtete. Sie drehte mir den Rücken zu. Ihr platinblondes Haar fiel lockig über ihre schmalen Schultern. Sie hatte ein verdammt hübsches Kreuz, kaum beeinträchtigt von einer Cellulitis, die ganz leicht ihre Hüften verbeulte. Die Sehnsucht ist absolut nicht mein Ding, doch wenn ich daran zurückdenke, sage ich mir, dass dies das erste und letzte Mal in meinem Leben gewesen ist, dass ich eine nackte Frau lebendig gesehen habe. Ich sah ihr Gesicht im Spiegel, obwohl ich mich eher auf ihre Brüste konzentrierte. Die Augen traten ihr beinahe aus den Höhlen, und ich schloss die Tür, bevor sie einen Laut von sich geben konnte. Ich muss sie eine ganze Weile angestarrt haben, sonst hätte mein Vater bei seiner Rückkehr nicht ein solches Theater gemacht. Aber da war nicht nur dieser Vorfall, er sagte mir, ich würde ihr mit meinem bedrückenden Schweigen Angst machen, sie fühle sich nicht sicher, wenn ich allein mit ihr im Haus sei, als schwebte eine Bedrohung über ihr.

»Was für eine Bedrohung?«, fragte ich.

»Ich habe keine Ahnung, eine Bedrohung eben. Du kannst nicht hierbleiben, verstehst du?«

Ich verstand vor allem etwas anderes, worüber wir nicht sprechen wollten, weil ich es nicht gekonnt hätte und weil ich ihm keinen Kummer machen wollte. Für ihn wohnte unter seinem Dach der einzige Zeuge dessen, was er durch meine Mutter hatte erleiden müssen, und er hatte Angst, ich könnte seiner neuen Frau davon erzählen, er würde seine Glaubwürdigkeit bei ihr verlieren, und sie würde ihn nicht mehr als richtigen Mann betrachten. Doch ich hätte ihm niemals eine solche Gemeinheit angetan.

»Ich fühle mich hier wohl.«

»Davon merkt man aber nichts, Al. Nein, wirklich, wir können dich nicht hierbehalten.«

Ich wusste, dass er seine Entscheidung nicht rückgängig machen würde, und wollte mich nicht mit ihm streiten, das war nicht unsere Art des Umgangs miteinander. Natürlich sei, wie er sagte, nichts endgültig, aber ich spürte, dass dieser Monat mit ihm der letzte sein würde.

Ich hörte, wie er meine Mutter anrief, während seine neue Frau beim Friseur war. Er war blass, und sein Gesicht zuckte unaufhörlich. Ich begriff, dass sie mich nicht mehr bei sich haben wollte, und das traf sich gut, ich hätte lieber das Weite gesucht, als nach Montana zurückzukehren. Sie einigten sich darauf, mich zu meinen Großeltern väterlicherseits in die Sierra Nevada zu schicken. Wenn ich so zurückdenke, jedes Mal, wenn sie sich in einer Sache einig waren, hatte das katastrophale Folgen.

4

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Ich legte meine Winchester neben mir im Wohnzimmer ab, setzte mich, zog meine Stiefel aus und nahm meinen Kopf zwischen die Hände. Ich zitterte nicht, und doch kam es mir so vor. Ich fühlte mich seltsam. Ich hatte eine gewaltige Dummheit gemacht, wie man sie eben als Jugendlicher machen kann. Das ist ein Alter, in dem man seine Grenzen ausprobiert. Ich sage das heute, damals dachte ich darüber nicht nach, denn ich dachte gar nichts. Es war jetzt kalt, weil meine Großmutter an der Heizung sparte. Ich dachte daran, sie eine Stufe höher zu stellen, doch das hätte mich gezwungen, an einem Ort vorbeizulaufen, den ich auf keinen Fall noch mal betreten wollte. Und wenn ich das Haus verließe, hätte ich das gleiche Problem. Also schaltete ich den Fernseher ein. Während das Gerät warm wurde, ging ich auf Beutezug in die Küche. Ich holte aus den Wandschränken, was mir ohne Mühe verzehrbar schien. Ich nahm auch ein Sixpack Bier mit, das hatte ich mir verdient. Meine Schritte hallten merkwürdig, ich hatte es vorher nie bemerkt. Ich öffnete eine Flasche mit den Zähnen, weil ich das in Filmen gesehen hatte, und legte mich in ganzer Länge auf das Sofa, wobei ich auf beiden Seiten überragte. Ich blieb nicht lange in dieser Position. Ich stand auf, um den Ton lauter zu stellen. Auf den Präsidenten der Vereinigten Staaten war geschossen worden. Was mir an dieser Nachricht unglaublich erschien, war, dass ein Typ sich so etwas erlaubt hatte. In den Nachrichten war von einem einzelnen Schützen die Rede. Ich konnte es nicht fassen. Ein ganz gewöhnlicher Typ war tatsächlich stark genug, ganz allein für sich zu beschließen: »Ich werde den Präsidenten der Vereinigten Staaten abknallen.« Ich stellte mir vor, dass Tausende von Männern vor ihm die gleiche Idee gehabt hatten, aber er hatte es getan und – unglaublich, aber wahr – mit Erfolg. Ich wusste noch nicht, inwieweit es ihm gelungen war … im Augenblick war nur von schweren Verletzungen die Rede. Ich war grün vor Bewunderung und Eifersucht. Vor Eifersucht, weil dieser Kerl mir die Show stehlen würde. Das sollte mein Ruhmestag werden, doch selbst in den Lokalblättern würden sie nur darüber sprechen. Wie konnte mir so etwas passieren? Ich verfolgte weiter die aufgeregte Berichterstattung der Sonderkorrespondenten, die Kommentare, und trank Bier dabei. Beim sechsten hatte ich meine Meinung schon ein bisschen geändert. Ich fand, dass es gar nicht so schlecht sei, dass Kennedy an diesem Tag getötet worden war, auf diese Weise würde ich vielleicht unentdeckt bleiben, oder man würde es mir weniger übel nehmen, oder was weiß ich noch alles. Um ganz ehrlich zu sein, so langsam bekam ich Bammel.

5

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Nachdem ich darauf verzichtet hatte, die Kaninchen zu erschießen, verließ ich das Gelände der Farm und ging in die weite Landschaft hinaus. Und ich hörte meine Großmutter zetern, weil ich die Grenze ihres Gartens überschritten hatte. Ihre Stimme traf mich wie ein elektrischer Schlag. Ich ging an einem Stück Zaun eines entfernten Nachbarn entlang, ein Zaun, der ihm dazu diente, einen schönen rot-grauen Quarter-Horse-Schimmel am Fortlaufen zu hindern, der mich wegen seines schmalen Kopfs und seiner muskulösen Kruppe faszinierte. Ich richtete meine Winchester auf ihn, einfach um des Vergnügens willen, auf ein so großes Tier zu zielen. Ich stieg auf den Hügel und kam langsam außer Atem. Meine Großmutter krakeelte noch immer und fand Gefallen daran, ihre Stimme als Echo fortgetragen zu hören. Ich wog damals nicht mehr als hundertzwanzig Kilo, aber ich musste sie mit mir schleppen. Der Hund folgte mir mit hängender Zunge. Schließlich erreichte ich einen Punkt, wo es keine Behausung, keine Spur menschlichen Lebens mehr gab. Ich setzte mich an eine Kiefer, die sich nach Westen neigte. Dort holte die Stimme der Alten mich ein. Der Hund legte sich etwas weiter entfernt hin. Er kuschelte sich niemals an mich. Er betrachtete mich mit seinen glasigen Augen. Ich hätte mich eigentlich ruhig fühlen müssen, doch selbst in den weiten Landschaften fühlte ich mich eingesperrt, und allein schon der Gedanke daran löste einen Sturm in meinem Schädel aus, der schlimmer war als alle Hurrikane Alabamas. Eine gute