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JONATHAN COE

Liebesgrüße aus Brüssel

Roman

Aus dem Englischen von
Walter Ahlers

Deutsche Verlags-Anstalt

Für Dad,
dem leider nicht genug Zeit blieb

»Wissen Sie, ich wäre beinahe geneigt zu glauben, dass es eine vernünftige Erklärung für das alles geben muss.«

Naunton Wayne zu Basil Radford in Eine Dame verschwindet (1938)

»Bis zum Tag der Eröffnung war der amerikanische Pavillon in ein Spionageinstrument gegen die Sowjetunion und ihre Verbündeten verwandelt worden.«

Robert W. Rydell, World of Fairs: The Century-of-Progress Expositions

BRÜSSEL MACHT
UNS ALLEN
GROSSE FREUDE

In einem Schreiben vom 3. Juni 1954 überbrachte der belgische Botschafter in London der britischen Regierung Ihrer Majestät die Einladung zur Teilnahme an einer neuen Weltausstellung mit dem Titel »Exposition Universelle et Internationale des Bruxelles 1958«.

Gut fünf Monate später, am 24. November 1954, überreichte die Regierung Ihrer Majestät dem Botschafter anlässlich eines Londonbesuchs des von der belgischen Regierung ernannten Generalbeauftragten für die Organisation der Ausstellung, Baron Moens de Fernig, ihre förmliche Zusage.

Es handelte sich um die erste Veranstaltung dieser Art seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Sie würde zu einer Zeit stattfinden, in der die ehemals gegeneinander Krieg führenden europäischen Nationen Schritte hin zu friedlicher Kooperation oder gar Bündnissen unternahmen, während gleichzeitig die Spannungen zwischen den NATO-Staaten und denen des Warschauer Paktes einen Höhepunkt erreicht hatten. Der Optimismus hinsichtlich der Fortschritte auf dem Gebiet friedlicher Nutzung der Kernenergie war nie größer gewesen, doch zugleich wurde er gedämpft von einer nie da gewesenen Furcht vor dem, was passieren mochte, würden diese Fortschritte nicht zu friedlichen, sondern zu zerstörerischen Zwecken genutzt. Als Symbol dieses Paradoxes sollte im Herzen des Ausstellungsgeländes eine riesengroße, in Aluminium gekleidete Konstruktion mit dem Namen Atomium errichtet werden. Das von dem in England geborenen belgischen Ingenieur André Waterkeyn konzipierte und entworfene, über hundert Meter hohe Bauwerk stellte die Elementarzelle einer Eisenkristallstruktur in 165-Milliarden-facher Vergrößerung dar.

Ziel der Ausstellung war es laut dem offiziellen Einladungsschreiben: »… einen Vergleich der mannigfaltigen Aktivitäten verschiedener Völker auf den Gebieten des Denkens und der Kunst, der Wirtschaft und Technologie zu ermöglichen. Zu diesem Zweck soll ein umfassender Blick auf aktuelle Errungenschaften geistiger wie materieller Art sowie weiterführende Bestrebungen in einer sich rapide verändernden Welt geliefert werden. Letztliches Ziel ist die Förderung einer echten, auf dem Respekt vor der Individualität des Einzelnen basierenden Eintracht unter den Menschen.«

Wie der britische Außenminister auf diese eindrucksvollen Worte reagierte, ist nicht überliefert, aber Thomas stellte sich gerne vor, dass ihm bei der Aussicht auf vier Jahre Stress, Streitigkeiten und galoppierende Kosten das Einladungsschreiben aus den Fingern glitt, er sich die Hand vor die Stirn schlug und murmelte: »Oh, nein … Diese dämlichen Belgier …«

Thomas war ein stiller Mensch. Das war sein hervorstechendster Wesenszug. Er arbeitete für das Zentrale Informationsbüro in der Baker Street, und einige Kollegen hatten ihm hinter seinem Rücken den Namen »Gandhi« verpasst, weil er an manchen Tagen den Eindruck erweckte, ein Schweigegelübde abgelegt zu haben. Ein paar der Sekretärinnen wiederum nannten ihn – ebenfalls hinter seinem Rücken – »Gary«, weil er sie an Gary Cooper erinnerte, während eine rivalisierende Fraktion eher eine Ähnlichkeit mit Dirk Bogarde ausgemacht haben wollte. In jedem Fall war man sich einig, dass Thomas ein gut aussehender Mann war, aber hätte es ihm jemand auf den Kopf zugesagt, wäre er verwundert gewesen und hätte mit diesem Wissen wenig bis gar nichts anzufangen gewusst. Wer ihn kennenlernte, dem fielen an ihm als Erstes seine Sanftheit und Bescheidenheit auf, und erst später (wenn überhaupt) begann man dahinter eine Selbstgewissheit zu ahnen, die an Arroganz grenzte. Bis dahin aber nannte man ihn einen »anständigen Kerl« und »zurückhaltenden, verlässlichen Zeitgenossen«, wenn man über ihn sprach.

Er arbeitete seit vierzehn Jahren für das ZIB, seit 1944, als es noch Informationsministerium hieß und er gerade mal achtzehn Lenze zählte. Angefangen hatte er als Bürobote und sich stetig – wenngleich sehr, sehr langsam – in seine jetzige Stellung als Juniortexter hochgearbeitet. Er war inzwischen zweiunddreißig und verbrachte den Großteil seiner Arbeitszeit mit dem Verfassen von Merkblättern zur öffentlichen Gesundheit und Sicherheit, in denen er Fußgängern erklärte, wie sie möglichst gefahrlos eine verkehrsreiche Straße überquerten, und Erkältungskranken nahelegte, ihre Erreger möglichst nicht an öffentlichen Plätzen unter die Leute zu bringen. Wenn er an manchen Tagen an seine Kindheit und seinen Start ins Leben zurückdachte (Thomas war der Sohn eines Gastwirts), fand er, dass er sich eigentlich ganz gut gemacht hatte; an anderen Tagen kam seine Arbeit ihm langweilig und verachtenswert vor; dann hatte er das Gefühl, seit Ewigkeiten dasselbe zu tun, und sehnte sich nach einer Gelegenheit, endlich ein Stück voranzukommen.

Brüssel hatte Bewegung in seinen Laden gebracht, so viel war sicher. Kaum war dem ZIB die übergreifende Verantwortung für die Inhalte des britischen Pavillons auf der Expo 58 übertragen worden, hatten allenthalben Kopfzerbrechen und introspektive Selbstbeschau rund um den zum Wahnsinn treibenden, nicht fassbaren Themenkomplex des »typisch Britischen« eingesetzt. Was bedeutete es im Jahre 1958, britisch zu sein? Da war guter Rat teuer. Einigkeit bestand darüber, dass Traditionen eine überragende Rolle in Großbritannien spielten: Um seine Traditionen, seinen zeremoniellen Glanz, seine Rituale wurde es in aller Welt beneidet. Aber gleichzeitig steckten die Briten in der Vergangenheit fest: ängstlich gegenüber allem Neuen, gelähmt durch überkommene Standesunterschiede, einem hermetischen, unberührbaren Establishment hörig. Wohin richtete sich der Blick, wenn man typisch Britisches definierte? Nach vorne oder nach hinten?

Eine knifflige Frage, und der Außenminister war sicher nicht der Einzige, der in den Jahren vor der Expo 58 die Belgier verfluchte, wenn er an langen Nachmittagen an seinem Schreibtisch saß und sich partout keine Antworten finden lassen wollten.

Ein paar konstruktive Maßnahmen wurden getroffen. James Gardner, dessen Ideen vor einigen Jahren das Festival of Britain befruchtet hatten, wurde zum Architekten des Pavillons bestellt und legte schon bald eine geometrisch strukturierte Außenansicht vor, die nach allgemeinem Dafürhalten genau die richtige Mischung aus Modernität und Kontinuität bot. Dem Pavillon war ein äußerst vorteilhafter Standort auf dem Heysel-Plateau am nördlichen Stadtrand Brüssels zugeteilt worden. Aber womit wollte man ihn füllen? Millionen von Besuchern aus aller Welt, auch aus Afrika und den Ostblockstaaten, wurden zur Expo erwartet. Amerikaner und Sowjets würden unter Garantie nationale Errungenschaften in gewaltiger Größenordnung zeigen. Was für ein Bild wollten da die Briten von sich vermitteln, auf dieser gigantischen globalen Bühne, vor einem so neugierigen und bunt gemischten Publikum?

Niemand schien eine Antwort zu wissen. Alle waren sich darüber einig, dass Gardners Pavillon eine architektonische Augenweide zu werden versprach. Und – mochte es auch nur ein schwacher Trost sein – über noch etwas herrschte Einigkeit: das Pub. Besucher der Weltausstellung wollten mit Speis und Trank versorgt sein, und wenn man schon dem Nationalcharakter Ausdruck verleihen wollte, führte kein Weg daran vorbei, in unmittelbare Nähe zum Pavillon ein britisches Pub zu stellen. Und falls es jemand immer noch nicht begriff, würde der Name des Pubs endgültig alle Unklarheiten beseitigen: Es sollte The Britannia heißen.

An einem Nachmittag Mitte Februar 1958 war Thomas gerade damit beschäftigt, die Korrekturfahne einer Broschüre zu redigieren, die vor dem Pavillon verkauft werden sollte und an deren Zusammenstellung er mitgearbeitet hatte: »Ansichten aus Großbritannien«. In einen schmalen Textkörper waren hübsche Holzschnitte von Barbara Jones eingestreut. Thomas ging gerade die französische Fassung durch.

»La Grande-Bretagne vit de son commerce«, las er. »Outre les marchandises, la Grande-Bretagne fait un commerce important de ›services‹: transports maritimes et aériens, tourisme, service bancaire, services d’assurance. La ›City‹ de Londres, avec ses célèbres institutions comme la Banque d’Angleterre, la Bourse et la grand compagnie d’assurance ›Lloyd’s‹, est depuis longtemps la plus grand centre financier du monde.«

Während Thomas noch darüber nachdachte, ob das »la« im letzten Satz nicht doch falsch war und in den maskulinen Artikel geändert werden musste, klingelte sein Telefon, und Susan aus der Telefonzentrale überraschte ihn mit der Mitteilung, dass Mr Cooke, der Chef des Ausstellungsreferats, ihn heute Nachmittag um 16 Uhr in seinem Büro erwartete.

Die Tür war nur angelehnt, und Thomas hörte Stimmen auf der anderen Seite. Leise, sonore, gebildete Stimmen. Die Stimmen hochgestellter Persönlichkeiten. Er hob die Hand, um an die Tür zu klopfen, aber Furcht ließ ihn innehalten. Seit zehn oder mehr Jahren war er bei seiner Arbeit von solchen Stimmen umgeben: Was ließ ihn jetzt zögern, warum zitterte seine vor dem holzgetäfelten Türblatt verharrende Hand beinahe? Was war anders als sonst?

Schon seltsam, wie tief diese Angst saß.

»Herein!«, antwortete eine der Stimmen auf sein allzu ehrfürchtiges Klopfen.

Thomas holte tief Luft, stieß die Tür auf und betrat das Zimmer. Noch nie zuvor war er in Mr Cookes Büro gebeten worden. Es war von erwarteter Pracht: ein gedämpftes, beruhigendes Ambiente aus Eichenholz und rotem Leder, mit zwei großen, fast bis zum Boden reichenden Schiebefenstern, die einen weiten Ausblick über die windgepeitschten Baumwipfel des Regent’s Park boten. Mr Cooke saß hinter seinem Schreibtisch, rechts von ihm, nah beim Fenster, saß sein Stellvertreter, Mr Swaine. Vor dem Kamin, wo ein goldgerahmter Spiegel seinen rosigen, grau gefleckten Kahlkopf gnadenlos reflektierte, stand ein dritter Mann, den Thomas nicht kannte. Sein dunkler Kammgarnanzug und der steife weiße Kragen verrieten wenig über ihn; immerhin war die marineblaue Krawatte, die er dazu trug, mit einem diskreten Emblem geschmückt, das sich einigermaßen zuverlässig als Wappen eines der Oxford- oder Cambridge-Colleges identifizieren ließ.

»Ah, Foley.« Mr Cooke erhob sich und streckte eine Hand zur Begrüßung aus. Thomas schüttelte sie kraftlos, von der demonstrativen Herzlichkeit umso mehr verunsichert. »Vielen Dank für Ihre Zeit. Sehr freundlich von Ihnen. Sie werden selbst genug um die Ohren haben. Sie kennen Mr Swaine, nehme ich an? Und das hier ist Mr Ellis vom Auswärtigen Amt.«

Der unbekannte Mann trat vor und bot Thomas seine Hand. Sein Händedruck war argwöhnisch, ohne Überzeugung.

»Freut mich, Sie kennenzulernen, Foley. Cooke hat mir viel von Ihnen erzählt.«

Thomas hielt das für nahezu ausgeschlossen. Er nickte ratlos, um Worte verlegen. Auf eine auffordernde Geste Mr Cookes hin setzte er sich schließlich.

»Nun denn«, sagte Mr Cooke, der ihm hinter seinem Schreibtisch direkt gegenübersaß. »Wie ich von Mr Swaine höre, haben Sie gute Arbeit für das Brüsselprojekt geleistet. Ganz ausgezeichnete Arbeit.«

»Vielen Dank«, murmelte Thomas und neigte sich Mr Swaine zu, eine Geste, die zu einem Mittelding zwischen Kopfnicken und Verbeugung geriet. Und mit etwas lauterer Stimme, weil er wusste, dass jetzt etwas von ihm erwartet wurde, fügte er hinzu: »Es ist eine Herausforderung. Eine Herausforderung, die mir große Freude macht.«

»O ja, Brüssel macht uns allen große Freude«, sagte Mr Swaine. »Ungeheuer große Freude. Das können Sie mir glauben.«

»Und Brüssel ist auch der Grund«, sagte Mr Cooke, »warum wir Sie heute zu uns gebeten haben. Swaine, seien Sie so gut und setzen Sie ihn ins Bild.«

Mr Swaine erhob sich, verschränkte die Hände hinterm Rücken und begann im Raum auf und ab zu gehen wie ein Lateinlehrer, der Deklinationen abfragt.

»Wie Sie alle wissen«, begann er, »teilt sich der britische Beitrag für Brüssel in zwei Sektionen. Auf der einen Seite haben wir den Regierungspavillon, unser Baby hier beim ZIB. Wir alle haben uns in den letzten Monaten dafür ins Zeug gelegt – nicht zuletzt unser junger Freund Foley, der Unmengen von Über- und Unterschriften und Broschüren und was nicht alles zusammengebastelt und dabei sehr gute Arbeit geleistet hat, wenn ich das einmal sagen darf. Der Regierungspavillon ist im Wesentlichen ein kulturelles und historisches Schaufenster. Die Zeit läuft uns davon, und auch wenn die Geschichte in den Grundzügen mehr oder weniger steht, gibt es – ähm – eine Menge kniffliger Kleinigkeiten, die wir noch nicht so ganz im Griff haben. Der Grundgedanke ist es, ein Bild vom britischen Wesen zu verkaufen, zu projizieren sollte ich vielleicht besser sagen – immer mit dem Blick auf die – wie bereits gesagt – historischen und kulturellen, aber eben auch die wissenschaftlichen Aspekte der Dinge. Natürlich blicken wir dabei zurück auf unsere reichhaltige und vielfältige Geschichte. Aber wir wollen auch nach vorne schauen. Nach vorne schauen in die … die …«

Er verstummte. Das Wort, so schien es, lag ihm auf der Zunge, aber es schaffte den Absprung nicht.

»Die Zukunft?«, schlug Mr Ellis vor.

Mr Swaine strahlte ihn an. »Exakt. Zurück in die Vergangenheit und voraus in die Zukunft. Beides zur gleichen Zeit, wenn Sie verstehen, was ich damit sagen will.« Mr Ellis und Mr Cooke nickten im Gleichtakt mit den Köpfen. Sie verstanden anscheinend auf Anhieb, was er damit sagen wollte. Ob auch Thomas es verstand, war in diesem Moment von untergeordneter Bedeutung. »Und dann«, fuhr Mr Swaine fort, »haben wir noch den Pavillon der britischen Industrie. Der nun wieder ein ganz anderes Paar Stiefel ist. Er wird von British Overseas Fairs aufgestellt, assistiert von einigen der ganz großen Namen aus Industrie und Wirtschaft, die natürlich ihre … na, ja, eben die entsprechenden Zielsetzungen haben. Wir sehen den Industriepavillon im Prinzip als eine Art Schaufenster. Eine Menge Firmen lassen es sich eine Menge Geld kosten, zur Auslage dieses Schaufensters gehören zu dürfen, und Sinn und Zweck der Sache ist es, ähm … kurz und gut, wir erhoffen uns möglichst viele lukrative Geschäfte. Unser Pavillon ist offenbar der einzige mit erheblichen privaten Mitteln geförderte Pavillon auf der ganzen Ausstellung, und es macht uns natürlich besonders stolz, dass Großbritannien in dieser Hinsicht den Vorreiter gibt.«

»Das war ja zu erwarten«, sagte Mr Ellis. »Eine Nation von Krämern.« Ein trocken dahingesagtes Zitat, wenn auch eine gewisse Zufriedenheit seinem Lächeln durchaus anzusehen war.

Mr Swaine war durch die Zwischenbemerkung etwas aus dem Konzept gebracht. Er starrte mehrere Sekunden lang ausdruckslos in den Kamin, der trotz des trüben Februarnachmittags leer und kalt geblieben war. Mr Cooke musste ihm wieder auf die Sprünge helfen:

»Na gut, Swaine, da hätten wir also den offiziellen Regierungspavillon und den Industriepavillon. Fehlt nicht noch etwas?«

»Ach! Aber ja, natürlich!« Er hatte sich gefasst und nahm wieder Fahrt auf. »Und ob noch etwas fehlt. Das, was genau in die Mitte zwischen die beiden gehört. Ich spreche natürlich vom …« Und zu Thomas gewandt: »Na, Mr Foley, Ihnen muss ich wohl nicht sagen, wovon ich spreche, oder? Sie wissen, was zwischen die beiden Pavillons kommt.«

Das wusste Thomas allerdings. »Das Pub«, sagte er. »Zwischen die beiden kommt das Pub.«

»So ist es!«, rief Mr Swaine. »Das Pub. Das Britannia. Ein uriges altes Wirtshaus, so britisch wie … der Bowlerhut und Fisch und Chips, stellvertretend für die beste Gastlichkeit, die unser Land zu bieten hat.«

Mr Ellis erschauderte. »Die armen Belgier. Das wollen wir ihnen also zumuten, ja? Würstchen mit Kartoffelbrei und Schweinspastete von vorletzter Woche, heruntergespült mit einem Pint lauwarmes Bitter. Leute sind schon wegen weniger ausgewandert.«

»1949«, belehrte ihn Mr Cooke, »haben wir auf die internationale Handelsmesse in Toronto ein typisches Yorkshire-Wirtshaus gestellt. Ein Riesenerfolg, fanden alle. Wir hoffen darauf, diesen Erfolg zu wiederholen. Wir bauen sogar darauf.«

»Gut, ein jeder nach seiner Fasson«, räumte Mr Ellis mit einem Schulterzucken ein. »Wenn ich auf der Expo bin, genehmige ich mir lieber eine Schale moules und ein Fläschchen gepflegten Bordeaux. Aber vorerst geht es mir darum – geht es uns darum, sollte ich besser sagen –, dass dieses dubiose Projekt ordentlich organisiert und über die Bühne gebracht wird.«

Thomas war etwas verwundert über das Pluralpronomen. Für wen sprach Mr Ellis? Doch wohl für das Auswärtige Amt …

»Sehr richtig, Ellis, absolut richtig. Wir liegen ganz auf einer Linie.« Mr Cooke förderte nach kursorischer Durchsuchung seines Schreibtischs eine Kirschholzpfeife zutage, die er sich – offenbar ohne jegliche Absicht, sie anzuzünden – zwischen die Zähne schob. »Das Problem mit dem Pub ist, verstehen Sie … ist seine … Provenienz. Whitbread richtet es ein und betreibt es. In dieser Hinsicht sind wir aus dem Schneider. Aber es bleibt die Tatsache, dass es auf unserem Gelände steht und deshalb unweigerlich als Teil des offiziellen britischen Beitrags gesehen wird. Was für mein Gefühl …« (er sog an der Pfeife, als würde sie fröhlich glimmen) »… definitiv ein Problem darstellt.«

»Aber kein unlösbares, Mr Cooke«, sagte Mr Swaine und trat aus dem Schatten des Kamins. »Ganz und gar kein unlösbares Problem. Für uns geht es nur darum, in irgendwelcher Gestalt oder Form gegenwärtig zu sein, der Sache gewissermaßen unseren Stempel aufzudrücken und dafür zu sorgen, dass … nun ja, dass alles wie geschmiert läuft.«

»Eben«, sagte Mr Ellis. »Was bedeutet, dass jemand aus Ihrer Dienststelle vor Ort sein muss, um die Dinge zu managen oder – zumindest – ein Auge auf sie zu haben.«

So dick war das Brett vor Thomas’ Kopf, dass er auch jetzt noch nicht begriff, worauf das alles zusteuerte. Mit wachsender Bestürzung sah er Mr Cooke einen braunen Aktendeckel aufklappen und träge durch seinen Inhalt blättern.

»Also, Foley«, sagte er, »ich habe mal einen Blick in Ihre Akte geworfen, und ein, zwei Dinge … ein, zwei Dinge sind mir direkt ins Auge gesprungen. Hier lese ich zum Beispiel …« (er hob den Blick und sah Thomas mit einem verwunderten Ausdruck an, als sei er gerade auf eine ungeheuerliche Information gestoßen) » …, dass Ihre Frau Mutter Belgierin war. Ist das richtig?«

Thomas nickte. »Und streng genommen ist sie es noch. Sie kam in Leuven zur Welt, musste das Land aber zu Beginn des Krieges – des Ersten Weltkrieges – verlassen. Damals war sie zehn.«

»Mit anderen Worten: Sie sind ein halber Belgier?«

»Ja, ohne je einen Fuß in das Land gesetzt zu haben.«

»Leuven … Reden die dort Flämisch oder Französisch?«

»Flämisch.«

»Aha. Sprechen Sie das Kauderwelsch?«

»So gut wie gar nicht. Ein paar Worte.«

Mr Cooke sah wieder in die Akte. »Ich lese hier auch etwas über den … den Werdegang Ihres Vaters.« Diesmal ließ er sich beim Überfliegen der Seite sogar – wie in betrübter Verwunderung – zu einem Kopfschütteln hinreißen. »Hier steht – hier steht, dass Ihr Vater ein Pub betreibt. Entspricht das etwa auch den Tatsachen?«

»Ich fürchte nein, Sir.«

»Ach?« Mr Cooke schien sich nicht zwischen Erleichterung und Enttäuschung entscheiden zu können.

»Er hat einmal ein Pub betrieben, das ist richtig, fast zwanzig Jahre lang war er Wirt des Rose & Crown in Leatherhead. Aber mein Vater ist leider vor drei Jahren gestorben. In relativ jungen Jahren. Er war Mitte fünfzig.«

Mr Cooke senkte den Blick. »Tut mir leid, das zu hören, Foley.«

»Er ist an Lungenkrebs gestorben. Er war starker Raucher.«

Die drei Männer sahen ihn an, leicht verdutzt über die Bemerkung.

»Jüngste Studien«, erklärte Thomas vorsichtig, »legen einen Zusammenhang zwischen Rauchen und Lungenkrebs nahe.«

»Komisch«, sinnierte Mr Swaine laut. »Ich fühle mich nach ein, zwei Glimmstängeln jedes Mal wie neugeboren.«

Kurzes betretenes Schweigen.

»Nun, Foley«, sagte Mr Cooke, »da haben Sie ja ein schönes Päckchen zu tragen. Darf ich Sie unserer Anteilnahme versichern?«

»Danke, Sir. Er fehlt uns sehr, meiner Mutter und mir.«

»Ähm – ja, gewiss, der Verlust Ihres Vaters«, fügte Mr Cooke hastig hinzu; offenbar war der Auslöser für seine Bemerkung ein anderer gewesen. »Auch wenn wir mehr an Ihre … Ausgangsbedingungen gedacht hatten. Diese Kombination – das Pub und diese belgische Geschichte – müssen doch ein entsetzlicher Klotz am Bein für Sie gewesen sein.«

Weil ihm selber die Worte fehlten, musste Thomas ihn weitersprechen lassen.

»Allerdings haben Sie es auf die öffentliche Oberschule geschafft, wie ich hier lese, und das war doch immerhin etwas. Wenn man sieht, wo Sie heute stehen, haben Sie sich doch mehr als wacker geschlagen. Meinen Sie nicht auch, meine Herren? Dass unser junger Freund Foley großen Mut und eine bewundernswerte Entschlossenheit bewiesen hat?«

»Auf jeden Fall«, sagte Mr Swaine.

»Unbedingt«, sagte Mr Ellis.

Während des sich anschließenden Schweigens meinte Thomas in einen Zustand vollständiger Teilnahmslosigkeit zu versinken. Sein Blick wanderte zu einem der Schiebefenster und weiter, hinüber zum Regent’s Park, und während er darauf wartete, dass Mr Cook wieder das Wort ergriff, packte ihn eine glühende Sehnsucht, dort drüben zu sein, Seite an Seite mit Sylvia den Kinderwagen zu schieben, ihrer beider Blick auf ihr kleines Töchterlein gerichtet, das in einem traumlosen, tierhaften Schlaf lag.

»Also, Foley«, sagte der Direktor des Referats Ausstellungen beim ZIB und klappte mit überraschender Entschlossenheit den Aktendeckel zu, »es kann eigentlich keinerlei Zweifel mehr daran geben, dass Sie unser Mann sind.«

»Ihr Mann?«, sagte Thomas, und langsam stellte sich sein Blick wieder scharf.

»Unser Mann, ja. Unser Mann in Brüssel.«

»Brüssel?«

»Foley, haben Sie nicht zugehört? Wie Mr Ellis bereits ausgeführt hat, muss jemand vom Zentralen Informationsbüro ein Auge auf die Geschäftsführung des Britannia haben. Wir brauchen einen Mann vor Ort, auf dem Gelände, während der gesamten sechs Monate der Ausstellung. Und dieser Mann sind Sie.«

»Ich, Sir? Aber …«

»Aber was? Ihr Vater war zwanzig Jahre lang Wirt eines Pubs? In der langen Zeit müssen Sie doch irgendetwas darüber gelernt haben.«

»Ja, aber …«

»Und Ihre Mutter stammt aus Belgien, Herrgott noch mal! In Ihren Adern fließt belgisches Blut. Sie werden sich fast wie zu Hause fühlen.«

»Aber … aber meine Familie, Sir? Ich kann doch meine Familie nicht so lange allein lassen. Wir haben ein kleines Mädchen.«

Mr Cooke winkte lässig ab. »Nehmen Sie sie mit, wenn’s sein muss. Auch wenn ich ehrlich gesagt eine Menge Männer kenne, die sich liebend gern für ein halbes Jahr von Schlabberlätzchen und Rasseln verabschieden würden. Ich in Ihrem Alter hätte keine Sekunde überlegt.« Er ließ ein seliges Lächeln in die Runde strahlen. »So, ist damit alles so weit geregelt?«

Thomas erbat sich das Wochenende als Bedenkzeit. Mr Cooke schaute etwas pikiert, willigte aber ein.

Thomas konnte sich für den Rest des Nachmittags kaum noch auf seine Arbeit konzentrieren und war auch um halb sechs immer noch aufgewühlt. Statt gleich die U-Bahn zu nehmen, ging er ins Volunteer und bestellte sich einen halben Pint und als Rachenputzer einen Whisky. Das Pub war gut besucht und verqualmt, und bald musste er seinen Tisch mit einer Brünetten und einem wesentlich älteren Herren mit militärischem Schnauzbart teilen: Die beiden hatten ganz offensichtlich eine Affäre, aus der sie kein Geheimnis machten. Als er die Diskussion ihrer Pläne fürs Wochenende und die ständigen Rempler eines Pulks Musikstudenten der Royal Academy leid war, trank er sein Glas leer und verließ das Lokal.

Draußen war es dunkel geworden, eine ungastliche Nacht. Der Wind mühte sich redlich, den Regenschirm zum Überklappen zu bringen. In der Station Baker Street stellte Thomas fest, dass er sehr spät heimkommen und großen Ärger bekommen würde, wenn er nicht anrief. Sylvia hob fast sofort ab.

»Tooting zwo-fünf-eins-eins.«

»Hallo, Liebling, ich bin’s nur.«

»Ach, hallo, Liebling.«

»Wie sieht’s aus?«

»Gut sieht’s aus.«

»Und das Baby? Schläft?«

»Im Moment nicht. Was ist das für ein Lärm im Hintergrund? Wo bist du?«

»Baker Street.«

»Baker Street? Was machst du um die Zeit noch in der Baker Street?«

»Hab auf die Schnelle einen getrunken. War auch nötig, um ehrlich zu sein. Heute Nachmittag haben sie mich nach oben gerufen und eine Bombe platzen lassen. Ich hab was zu erzählen, wenn ich nach Hause komme.«

»Gute oder schlechte Neuigkeiten?«

»Gute, denke ich.«

»Hast du in der Mittagspause in der Apotheke vorbeigeschaut?«

»Verdammt. Hab ich nicht«

»Ach, Thomas.«

»Ich weiß. Tut mir leid. Hab’s total vergessen.«

»Wir haben keinen Tropfen Kolikmittel mehr. Und sie schreit schon den ganzen Nachmittag.«

»Versuch’s doch bei Jackson’s.«

»Jackson’s macht um fünf zu.«

»Aber die werden doch einen Lieferjungen haben, oder?«

»Und wie soll ich telefonisch bestellen, wenn niemand mehr im Laden ist? Bis morgen müssen wir uns irgendwie helfen.«

»Tut mir leid, Liebling. Ich bin so ein Esel.«

»Ja, bist du. Und schrecklich spät zum Essen bist du auch.«

»Was gibt’s denn?«

»Hammeleintopf. Ist seit über einer Stunde fertig, aber er läuft ja nicht weg.«

Thomas hängte ein und verließ die Telefonzelle, aber anstatt zur Rolltreppe zu eilen, zündete er sich eine Zigarette an, lehnte sich gegen eine Mauer und sah den Menschen nach, die an ihm vorüberhasteten. Ihm hing das Gespräch nach, das er gerade mit seiner Frau geführt hatte. Es war herzlich gewesen, wie immer, aber etwas hatte ihn gestört. In den letzten Monaten hatte er immer öfter so ein Gefühl gehabt, als hätte die Achse seiner Beziehung zu Sylvia sich verschoben. Schuld daran war zweifellos die Ankunft von Baby Gill: Zweifellos hatte das Ereignis sie in mancherlei Hinsicht einander nähergebracht, und trotzdem … Sylvia war so sehr mit der Sorge um das Baby beschäftigt, um seine nicht enden wollenden, unberechenbaren Bedürfnisse, dass Thomas sich zunehmend an den Rand gedrückt, ins Abseits gestellt fühlte. Aber was sollte er tun? Das flüchtige Bild vorhin in Mr Cookes Büro – die Vorstellung, wie sie beide den Kinderwagen durch den Regent’s Park schoben – war ja deutlich genug gewesen. Aber welcher Mann ließ sich von solch einer Vision ablenken? Welcher Mann schlendert lieber mit Frau und Kind durch den Park, als sich um sein Fortkommen in der Welt zu kümmern? Carlton-Browne und Windrush hatten ihn eines Morgens am Telefon mit Sylvia Maßnahmen gegen den Schluckauf bei Babys erörtern hören und ihn noch Tage danach gnadenlos damit aufgezogen. Und das aus gutem Grund. So etwas entbehrte jeglicher Würde und Seriosität. Schließlich hatte ein Mann in der heutigen Zeit Verantwortlichkeiten, eine Rolle, die er ausfüllen musste.

Es wäre blanker Wahnsinn, den Posten in Brüssel auszuschlagen. Als er eine Dreiviertelstunde später endlich vor seiner Haustüre stand, hatte er seine Entscheidung in diesem Sinne getroffen. Und noch eine zweite: Er würde Sylvia nichts von Mr Cookes Angebot erzählen. Noch nicht. Nicht bevor er sich darüber im Klaren war, ob er Sylvia und das Baby mitnehmen wollte. So lange würde er die Sache für sich behalten. Beim Abendessen entschärfte er die am Telefon angekündigte »Bombe«: Es handle sich um einen kleinen Zuschuss zu seinem Rentenbeitrag.

VORBEI
IST VORBEI

Als sie 1914 mit ihrer Mutter aus Belgien nach London geflüchtet war, hatte sie Marte Hendrix geheißen. Zwei Namen, die für englische Zungen zu schwierig waren. Ihre Mutter hatte sie nacheinander geändert, und zum Zeitpunkt ihres achtzehnten Geburtstags hieß sie Martha Hendricks. Seit ihrem Hochzeitstag im Jahre 1924 war sie Martha Foley. Über einen Zeitraum von mehr als dreißig Jahren hatte ihr eigener Name eigentümlich für sie geklungen. Und heute, da der Mann, dessen Nachnamen sie angenommen hatte, nicht mehr am Leben war, erschien ihr dieses Gefühl der Fremdheit gegenüber ihrer eigenen Person intensiver und beharrlicher denn je.

Heute saß Martha Foley, so sie es überhaupt war, im Wartehäuschen an der Bushaltestelle und wartete geduldig auf die Ankunft des Linienbusses. Es war 11.32 Uhr. Der Bus würde nicht vor 11.43 Uhr eintreffen. Das Warten machte ihr nichts aus. Sie ging gerne auf Nummer sicher.

Sie war jetzt dreiundfünfzig, vierundfünfzig im September, und hätte sich durchaus noch attraktiv herrichten können, wenn ihr daran gelegen wäre. Stattdessen zog sie die vernünftige Kleidung einer Frau in mittleren Jahren vor, trug Schuhe mit flachen Absätzen, ließ sich das ergrauende Haar matronenhaft streng frisieren (beinahe wie die Königinmutter) und mied außer einem nachlässig aufgetragenen hellroten Lippenstift und hin und wieder einem Tupfer aus der Puderdose tunlichst jede Art von Make-up. Schließlich war sie inzwischen Großmutter. Da galt es eine gewisse Seriosität zu wahren.

Martha Foley blickte gelassen auf das graue Band der vor sie hingestreckten Straße, die grün belaubten Vororte ihrer Heimatgemeinde, die bescheidenen Konturen der Hügellandschaft Surreys, die sich in nicht allzu großer Ferne abzeichneten. Dieser Vormittag war so tödlich ruhig, wie es ein englischer Sonntagvormittag nur sein konnte.

Noch sechs Minuten bis zur Ankunft des Busses. Martha streckte die Beine von sich und stieß einen leisen zufriedenen Seufzer aus. Sie liebte diese englische Ruhe. Sie konnte nicht genug davon bekommen.

Um fünf nach eins schenkte Thomas sich einen Whisky ein und spritzte ihn mit einem kurzen Schuss Soda aus dem Siphon im Getränkefach der Anrichte. Für Sylvia und seine Mutter hatte er haselnussbraunen süßen Sherry in zwei Gläser geschenkt.

»So, Mutter, runter damit.«

Sylvia kam herein, klopfte sich die Frisur zurecht. Sie hatte nach dem Braten gesehen, der fast fertig war. Nur die Soße fehlte noch.

»Und, Mrs Foley, wie geht es Ihnen?«, sagte sie und beugte sich herunter, um ihrer Schwiegermutter die gepuderte Wange zu küssen. »War der Bus wenigstens pünktlich? Sobald wir ein Auto haben, holt Thomas Sie in Leatherhead ab. Dann sparen Sie sich diese schreckliche Busfahrerei.«

»Ach, die macht mir gar nichts aus«, antwortete sie.

»So bewahrt sie sich ein Stück Unabhängigkeit«, sagte Thomas.

Seine Mutter warf ihm einen strengen Blick zu. »Das klingt ja fast, als würdest du über eine Greisin reden. Das kannst du in zwanzig Jahren machen, wenn ich wirklich alt bin.«

»So oder so«, beschwichtigte Thomas, »wird noch viel Zeit ins Land gehen, bis wir mal ein Auto haben. Sehr viel Zeit. Wir zahlen noch jahrelang an dem Haus ab.«

»Na ja, aber das Geld ist gut angelegt«, sagte Mrs Foley und sah sich um. »Ein sehr schönes Heim habt ihr hier.«

Während diese Bemerkung noch eine Weile über ihnen schwebte, schien die Uhr auf dem Kaminsims besonders laut zu ticken. Da Thomas die Gesprächsthemen bereits auszugehen drohten, warf er einen sehnsüchtigen Blick auf den heutigen Observer, den er vorhin halb gelesen auf den Beistelltisch hatte legen müssen. Es war eine ausgesprochen anregende Lektüre gewesen. Einem Artikel von Bertrand Russell, in dem der Philosoph als Befürworter der Kampagne für nukleare Abrüstung wortgewaltig Stellung bezog, hatte man als Gegengewicht einen ausgewogeneren Leitartikel gegenübergesetzt, dessen Autor zu bedenken gab, dass man im Rausch der Empörung gegen den Rüstungswettlauf die fantastischen Vorteile, die in diesen neuen Technologien steckten, nicht ganz unter den Tisch fallen lassen dürfe. Nicht zuletzt hatte er dabei eine potenziell unerschöpfliche Quelle sauberer, preiswerter Energie im Sinn. Thomas war sich noch nicht ganz schlüssig, welchen Standpunkt er in dieser speziellen Debatte beziehen sollte, und hätte sich gerne – die eben erst gewonnenen Argumente noch frisch im Gedächtnis – mit jemandem darüber ausgetauscht. Wäre er in der Arbeit gewesen, hätte er es in der Kantine vielleicht mit Windrush oder Tracepurcel versuchen können, aber Sylvia war sich ihrer selbst noch viel zu unsicher, um sich in solchen Dingen eine Meinung zu leisten. Manchmal hatte er das Gefühl, dass ihre Gedanken auf ganz verschiedenen Umlaufbahnen unterwegs waren. Das konnte nicht gut sein. Natürlich erwartete er von ihr kein fundiertes Wissen über Weltpolitik oder Nuklearwissenschaften – das hätte er nicht einmal für sich selbst in Anspruch nehmen können –, aber er hielt es für wichtig (sogar für eine Pflicht), ein Interesse an solchen Dingen wachzuhalten. Artikel darüber zu lesen, sich zu informieren, war ein wesentlicher Bestandteil von Thomas’ Alltagsleben. Er musste daran glauben können, dass es da draußen, jenseits der stillen Grenzen des spießigen Tooting, eine Welt der Ideen, Bewegungen, Entdeckungen und spontanen Veränderungen gab, eine Welt, die in permanenter Diskussion mit sich selbst stand, und eines Tages – wer konnte das schon wissen? – würde er vielleicht seinen eigenen winzigen Beitrag zu dieser Diskussion leisten.

»Ich sollte mich langsam um die Karotten kümmern«, sagte Sylvia und stellte ihr Glas ab.

Sie wollte aufspringen, aber Thomas kam ihr zuvor.

»Die sind draußen im Garten, richtig?«, fragte er und war schon unterwegs, ehe seine Frau ihn zurückhalten konnte.

So jäh aufeinandergeworfen, beäugten Sylvia und ihre Schwiegermutter sich misstrauisch.

»Was für ein schönes Bild«, sagte Mrs Foley mit vergnügter Stimme, nachdem jede an ihrem Sherryglas genippt hatte.

Sie meinte ein neues Foto von Baby Gill – vor zwei Wochen in einem kleinen Studio in der High Street aufgenommen –, das erst gestern Morgen in einem hübschen Rahmen aus Birkenholz geliefert worden war. Die Kleine saß auf einem Schafwollteppich, putzmunter, ihr noch sehr spärlicher Haarwuchs blieb unter einer Spitzenhaube verborgen. Es war eine Schwarz-Weiß-Aufnahme, aber der Fotograf hatte die Pausbacken kunstvoll rosarot getönt.

»Sie wird mal eine Schönheit«, prophezeite Mrs Foley.

»Ach je. Wer weiß das schon?«, sagte Sylvia und senkte den Blick, als sei ihr das Kompliment gemacht worden.

»Sie hat deine Farbe. Sie bekommt deine Pfirsichhaut. Wir können von Glück sagen, dass sie nicht nach Thomas schlägt. Er hatte eine fürchterliche Haut, als er jünger war. Schauderhaft. Er kriegt ja heute noch manchmal Pickel. Das hat er von seinem Vater.« Das alles stellte sie ganz sachlich fest. Das Leben hatte Mrs Foley eine Menge Dinge gelehrt. Taktgefühl gehörte offenbar nicht dazu. »Sie schläft jetzt, oder?«

»Ja. Ich hätte längst mal nach ihr sehen müssen.«

Es wäre ein fadenscheiniger Vorwand gewesen, den Raum zu verlassen, aber genau im rechten Moment klingelte das Telefon.

»Entschuldigen Sie.«

Ihre Mutter, Gwendoline, rief aus Birmingham an. Thomas, mit Karottenschälen beschäftigt, steckte den Kopf zur Küchentür heraus und zischte: »Sag, du rufst zurück«, aber Sylvia hörte nicht hin. Anscheinend gab es wichtige Familienangelegenheiten zu erörtern, von denen Thomas erst eine Weile später erfuhr, als sie alle zusammen am Esstisch saßen und die Keule zerlegt war.

»Ich muss mich für die Unterbrechung entschuldigen«, sagte Sylvia, während sie Mrs Foley Gemüse auf den Teller löffelte, »aber meine Mutter hatte ziemlich bedauerliche Neuigkeiten zu berichten.«

»Für mich nicht zu viele davon, meine Liebe«, sagte Mrs Foley mit wachsamem Blick auf die Schüssel mit den Kartoffeln. »Der Hüfthalter sitzt straff genug. Noch mehr Fettpolster müssen nicht sein.«

»Und?«, fragte Thomas, »was ist denn passiert?«

»Cousine Beatrix mal wieder.«

»Ach ja?«

Immer, wenn der Name Beatrix fiel, spitzte Thomas die Ohren. Irgendwie war sie die interessanteste (und am wenigsten geachtete) von Sylvias Verwandten, eine triebgesteuerte, romantische Abenteurerin, die sich kaum einmal durch die Tatsache einschränken ließ, dass sie für eine kleine Tochter zu sorgen hatte. Über Beatrix’ neueste Skandale zu lästern war eines der letzten Amüsements, die Thomas und Sylvia noch teilen konnten: Bei ihnen beiden riefen ihre Heldentaten regelmäßig und gleichermaßen heftigste Missfallensbekundungen und heimliche Stiche des Neids aus.

»Lass mich raten«, sagte er. »Sie hat dem armen alten Kanadier den Laufpass gegeben und schon das nächste Opfer am Wickel. Hätte ich dir sagen können, dass es nicht länger als ein oder zwei Jahre dauert.«

Aber es handelte sich um eine viel dramatischere Neuigkeit. »Sie hatte einen schrecklichen Unfall«, teilte Sylvia ihnen mit. »Im Rückstau vor einem Kreisverkehr ist ein riesiger Laster auf sie aufgefahren.«

»Du liebe Güte«, sagte Thomas, »Ist sie schwer verletzt?«

Sylvia nickte. »Sie hat den Hals gebrochen, die Arme. Muss monatelang im Krankenhaus liegen.«

Dieser Mitteilung folgte ein feierlich-respektvolles Schweigen.

»Da kann sie ja wohl von Glück sagen, mit dem Leben davongekommen zu sein«, meinte Mrs Foley.

»Allerdings. Wenigstens dafür sollten wir dankbar sein.«

In das nächste Schweigen hinein sagte Thomas: »Apropos Dankbarkeit …«

»Oh. Ja, natürlich.« Sylvia faltete die Hände und schloss die Augen. Die anderen machten es ebenso. »Für das, was du uns bescheret hast, o Herr, danken wir dir von Herzen.«

»Amen«, intonierten Thomas und seine Mutter.

Sie hatten kaum zu essen begonnen, als sich schon die nächste quälende Gesprächsflaute auf sie herabsenkte.

»Das sind wirklich reizende Tischsets«, sagte Mrs Foley in einer Art Verzweiflung. »Gebirgsszenen, oder?«

»Richtig«, sagte Thomas, ohne den Blick vom Teller zu heben.

»Die hab ich mal in Basel gekauft«, sagte Sylvia. »Sie waren allerdings nicht das einzige Souvenir, das ich von der Reise mitgebracht habe.« Dabei lächelte sie kokett und verschwörerisch zu ihrem Ehemann hinüber, aber der saß über seine Pastete gebeugt und gab durch nichts zu erkennen, dass er ihre Bemerkung gehört hatte. Etwas verschnupft ließ Sylvia den Blick eine Weile auf ihm ruhen, irritiert auch durch seine Bemühungen, so viel Soße wie möglich aufzusaugen, ehe er die Gabel zum Mund führte. Seine Egozentrik gab ihr einen Stich: Ein heftiges, schwindelerregendes Gefühlsgemisch aus Liebe und Beunruhigung wallte in ihr auf. Diesem Mann hatte sie ihr Leben anvertraut. Manchmal fragte sie sich, ob es die richtige Entscheidung gewesen war.

Sylvia hatte nicht viele Erfahrungen mit Männern, und die wenigen waren unglücklicher Natur. Sie hatte spät geheiratet, im Alter von zweiunddreißig. Den größten Teil ihrer Zwanzigerjahre hatte sie zu Hause bei ihren Eltern in Birmingham gelebt, und ihre beste Zeit (so schien es ihr heute) auf die Verlobung mit einem wesentlich älteren Mann verschwendet, einem Handlungsreisenden aus dem Norden. Sie waren sich an einem Freitagnachmittag in der Cafeteria eines Kaufhauses begegnet, wo er es sich partout nicht nehmen lassen wollte, sie zu ihrer Tasse Kaffee und einem Eclair einzuladen. Nach dieser ersten Begegnung hatten sie sich monatelang nicht gesehen, aber es entspann sich ein leidenschaftlicher Briefwechsel, der in einem weiteren Treffen in einem Café und einem Heiratsantrag gipfelte. Heute schauderte es Sylvia vor ihrer eigenen Naivität. Auch danach sahen sie sich höchstens zwei-, dreimal im Jahr. Es waren weiterhin Briefe gekommen, in unregelmäßigen, größer werdenden Abständen. Bis schließlich eines Morgens ein Umschlag im Briefkasten lag, in dem eine anonyme Nachricht sie darüber in Kenntnis setzte, dass ihr Verlobter bereits eine Ehefrau, drei Kinder und übers ganze Land verteilt eine ganze Reihe zukünftiger Bräute hatte.

Sylvia war in ein Loch gefallen, in eine lange und tiefe Depression, und hatte von ihrem Arzt den Rat bekommen, es mal mit viel frischer Luft und ausgiebiger körperlicher Betätigung zu versuchen. Mit Unterstützung ihrer Eltern war sie 1955 zusammen mit zwei anderen Frauen, den unverheirateten Töchtern eines Arbeitskollegen ihres Vaters, zu einem ausgedehnten Wanderurlaub in die Schweiz gereist. Sylvia hatte keine der beiden Frauen vorher gekannt und auch während der Reise keine rechte Zuneigung zu ihnen finden können. Und doch war nicht alles vergeblich gewesen. Am Ende des Urlaubs hatten die drei Frauen noch ein paar Tage in Basel verbracht und den Mut zu einem Besuch in einem Bierkeller gefunden, wo sie Thomas kennenlernten, einen Engländer – obendrein einen Junggesellen –, der allein unterwegs war und es sehr zu schätzen wusste, in so aufgeschlossene weibliche Gesellschaft geraten zu sein. Und was noch besser war – er besaß gute Manieren und eine umwerfende Kinnpartie. Eine von Sylvias Reisekameradinnen glaubte mehr als nur einen Anflug von Gary Cooper in seinen graublauen Augen zu erkennen; die andere sah eine verblüffende Ähnlichkeit mit Dirk Bogarde. Sylvia bemerkte weder das eine noch das andere: Sie sah einen – potenziellen – Ehemann, und am Ende ging sie als Siegerin aus dem erbitterten Wettstreit hervor, der sich über die folgenden Tage hinzog. Diesmal hatte sie es nicht so eilig mit einer Verlobung; zurück in England, spannte sie Thomas wochenlang auf die Folter, obwohl sie nicht einen Moment daran zweifelte, dass sie ihn nach einer angemessenen Wartezeit erhören würde. Mit seiner Stellung beim Zentralen Informationsbüro, einer vorzeigbaren und gar nicht einmal schlecht bezahlten Arbeit, schien er ihr ein erstklassiger Fang zu sein. Anfangs hatte sich sogar der bevorstehende Umzug nach London glanzvoll und aufregend für sie angefühlt.

Sylvia wurde gewahr, dass ihre Schwiegermutter etwas zu ihr gesagt hatte.

»Tut mir leid, Mrs Foley? Ich hab Sie nicht richtig verstanden.«

»Ich habe gefragt«, wiederholte Mrs Foley und tupfte sich mit der Baumwollserviette über die Lippen, »ob ihr noch mal über die Heißmangel nachgedacht habt. Wie gesagt, benutze ich sie kaum noch. Ich weiß wohl, manche Leute finden so etwas altmodisch, aber die alten Methoden sind oft die besten. Und seit das Baby da ist, dürfte es euch an Wäsche ja wohl nicht fehlen.«

»Ach«, sagte Sylvia, »das ist wirklich sehr freundlich … Was meinst du, Liebling?«

Nach dem Mittagessen wachte die Kleine auf, und Sylvia ging hinauf, um sie zu stillen. Thomas machte seiner Mutter eine Tasse Tee, die sie zu einer kleinen Inspektion des Gartens mit nach draußen trug. Der Hauch einer späten Nachmittagssonne lugte durch die Wolkendecke, und es war warm genug, sich für ein, zwei Minuten an den kleinen schmiedeeisernen Tisch zu setzen, den sie sich letzten Sommer gekauft hatten, in Vorfreude auf stille Nachmittage bei Zeitungslektüre, während das Baby glücklich in dem Sandkasten buddelte, der seiner Fertigstellung noch harrte. Der ganze Garten war ein einziges wildes Durcheinander.

»Hier müsstest du mal ein bisschen Arbeit investieren«, sagte seine Mutter.

»Das ist mir klar.«

»Was um alles in der Welt ist das für ein riesiges Loch da hinten?«

»Das soll mal ein Goldfischteich werden«, sagte Thomas.

»Ich dachte, du wolltest Gemüse pflanzen.«

»Will ich auch. Kartoffeln und Bohnen. Aber dafür ist es noch zu früh.«

Dann erzählte er seiner Mutter von der Sitzung mit Mr Cooke und Mr Swaine und Mr Ellis vom Auswärtigen Amt und der Absicht der Herren, ihn für sechs Monate nach Belgien abzukommandieren.

»Und Sylvia, was sagt die dazu?«, fragte sie ihn.

»Sie weiß noch nichts davon. Ich warte auf die rechte Gelegenheit.«

»Könntest du sie mitnehmen?«

»Den Vorschlag haben sie mir gemacht. Aber es klingt nicht gerade ideal. Kein Mensch weiß, wie ich dort untergebracht sein werde. Ziemlich primitiv, vermute ich mal.«

Seine Mutter machte keinen Hehl aus ihrer Skepsis. »Du hättest es mir nicht zuerst erzählen dürfen. Du musst mit deiner Frau darüber reden.«

»Das tu ich schon noch.«

Sie erhob einen warnenden Zeigefinger. »Vernachlässige sie bloß nicht, Thomas. Sei ihr ein guter Ehemann. Das hier …« (ihre Handbewegung meinte die nähere Ferne jenseits des Goldfischteichs, des Luftschutzkellers, in dem Thomas seine wenigen Gartengeräte untergestellt hatte, des Bahndamms und der trostlosen Ebene Tootings) » … ist nicht ihre Heimat, weißt du. Heimat im engeren Sinn. Sie ist nicht daran gewöhnt. Und es ist keine lustige Sache, fern von daheim mit einem Mann zu sitzen, der sich nicht um einen kümmert.«

Thomas wusste, dass sie von ihren eigenen Erfahrungen sprach, von ihrer Ehe mit seinem Vater. Er wollte das nicht hören.

»Dein Vater hatte Liebschaften, weißt du.«

»Ja, das weiß ich.«

»Ich bin damit fertiggeworden. Was nicht heißt, dass es mir nichts ausgemacht hat.« Sie zog sich den Schal fester um die Schultern. »Lass uns wieder reingehen. Es wird kühl.«

Als sie sich erheben wollte, legte Thomas ihr die Hand auf den Arm und sagte mit ernster Stimme: »Ich bin in Brüssel, Mutter, nicht weit von Leuven und der Gegend, wo das Bauernhaus stand. Nur ungefähr eine halbe Autostunde. Ich könnte hinfahren – ich weiß, das Haus steht nicht mehr, aber ich könnte mir anschauen, wo es mal gestanden hat, und … mit Leuten reden … Fotos machen …«

Mrs Foley erhob sich steifbeinig. »Bitte tu das nicht. Nicht wegen mir. Ich denke über das alles schon lange nicht mehr nach. Vorbei ist vorbei.«