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ISBN 978-3-492-97538-4
November 2016
© Piper Verlag GmbH, München/Berlin 2016
Covergestaltung: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich
Covermotiv: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich
Datenkonvertierung: Uhl + Massopust, Aalen



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PROLOG

»Ich will dir was zeigen«, hat Dustin in der Schule gesagt. »Nix für Babys. Und wehe, du hältst nicht den Mund. Dann bist du tot.«

Dann bist du tot. Dustin sagt andauernd solche Sachen, und Philipp zweifelt keine Sekunde daran, dass sein Freund es ernst meint. Gruselig fühlt sich das an und gleichzeitig schrecklich schön, so wie Eis, das an den Zähnen pikst und trotzdem himmlisch schmeckt.

Philipp hat zu Hause gelogen, ohne schlechtes Gewissen, weil ihm nichts so wichtig ist wie die Freundschaft mit Dustin. »Ich will zu Ole«, hat er behauptet. Seine Mutter mag Ole und findet es gut, wenn sie zusammen spielen, also hat sie genickt und nicht mal gefragt, ob Oles Eltern Bescheid wissen.

In Wahrheit ist er mit Dustin verabredet, an der blauen Bude, die früher mal ein Kiosk war und die jetzt schon ewig leer steht. Sie ketten ihre Räder aneinander, mit Philipps Fahrradschloss, Dustin besitzt so etwas nicht. Seine Mutter ist überzeugt, dass niemand Dustins alte Kiste klauen würde.

Sie laufen zu Fuß weiter, die Straße runter, bis keine Häuser mehr kommen, vorbei an dem alten Betonwerk, wo keiner mehr arbeitet und das mit einem hohen Metallzaun und riesigen Vorhängeschlössern gesichert ist. Von dort an dürfen sie nicht mehr die Straße benutzen, sondern müssen sich seitlich in die Büsche schlagen. Niemand darf sie sehen.

Philipp weiß nicht genau, ob das ein Spiel ist oder Ernst, aber er macht mit und versucht, nicht daran zu denken, was seine Mutter zu den schmutzigen Turnschuhen sagen wird, denn hinter den Büschen ist der Boden ganz weich und matschig, und einmal sinkt er bis zu den Knöcheln ein.

Es kommt ihm vor, als wäre er noch nie so glücklich gewesen. Dustin hat ihn zum Freund erwählt, dabei ist er schon neun und Philipp gerade erst acht geworden, ein Baby, wie sein großer Bruder Moritz immer behauptet.

Plötzlich bleibt Dustin stehen, er biegt ein paar Zweige beiseite und zeigt auf die Straße. Philipp sieht zuerst ein Verkehrsschild, dann eine tote Katze, schwarz mit weißen Flecken und ganz platt, als wären schon hundert Autos darübergefahren.

»Ein Euro, wenn du sie anfasst. Ohne Handschuhe.«

»Lieber nicht«, flüstert Philipp. Allein der Gedanke, das Tier zu berühren, macht ihm Angst. Vielleicht hält Dustin ihn jetzt für einen Feigling, aber er bringt das nicht fertig.

»War nur ein Witz. Wir dürfen uns nicht auf der Straße sehen lassen«, erklärt Dustin zu Philipps Erleichterung und stapft mit großen Schritten weiter. »Da vorn ist es.« Seine Hand deutet auf ein Haus, das man vor lauter Bäumen und Büschen kaum erkennen kann. »Pst, die dürfen uns nicht hören.« Er hält den Zeigefinger vor seinen Mund.

Wer sind die?, hätte Philipp gern gefragt, aber er muss ja den Mund halten, also nickt er nur und tut so, als würde er alles kapieren. Das ist sowieso am besten, immer so tun, als wüsste man Bescheid.

Sie kämpfen sich durch das Gestrüpp, bemüht um absolute Lautlosigkeit, und wenn doch ein Ast unter ihren Füßen knackt, zischt Dustin: »Idiot.« Auch dann, wenn er selbst das Geräusch verursacht hat.

Als sie näher kommen, sieht Philipp, dass aus dem Dach des Hauses ein Baum wächst. In seinem Lieblingsbilderbuch gibt es auch so ein Haus mit einem Baum auf dem Dach, aber dort sind die Blätter rosa gefärbt. Man könnte denken, dass sie mitten in einem Märchen gelandet sind, in einer fremden, abenteuerlichen Welt, von deren Existenz niemand etwas ahnt, nur er selbst und Dustin, sein allerbester Freund.

Dustin stößt ihn in die Seite und zeigt auf einen dunklen Wagen, der seitlich neben dem Haus parkt. Anders als das Gebäude sieht er nagelneu aus. Daneben steht ein zweites Auto, gelb und klein. In dem großen Auto bewegt sich etwas. Philipp erkennt zwei Menschen, einen Mann und eine Frau. Was sie da machen, versteht er nicht, aber das ganze Auto wackelt. Dustin grinst, formt mit Daumen und Zeigefinger der linken Hand einen Ring, in den er mit dem rechten Zeigefinger hineinstößt. Dabei nickt er.

Philipp kapiert überhaupt nichts. Was machen die beiden da, was will Dustin ihm mit dieser komischen Geste mitteilen? Er weiß nur, dass er kein Baby sein will, also nickt er ebenfalls mit wichtiger Miene und sagt: »Cool.«

Irgendwann wird die Autotür aufgestoßen. Die Frau klettert heraus, sie hat auf dem Schoß des Mannes gesessen, was Philipp sehr seltsam findet. Seine Mutter setzt sich nie auf den Schoß seines Vaters, so etwas machen doch nur Kinder bei ihren Eltern. Außerdem ist die Frau nackt. Dabei ist es so kalt, dass Philipp eine Windjacke trägt und trotzdem an den Händen friert. Komisch sieht die Frau aus, ihre Arme und Beine sind ganz dünn, ihr Bauch dagegen ist kugelrund, richtig dick. Der Mann steigt jetzt ebenfalls aus, er macht seine Hose zu, beugt sich herunter und streift einen dunklen Pullover über den Kopf, den er vom Rücksitz geholt hat. Die Frau zerrt ihre Anziehsachen aus dem Auto und wirft sie mit Schwung über die Motorhaube, wie jemand, der sehr, sehr wütend ist. Dabei schreit sie: »Ich halt das nicht mehr aus!«

Jetzt zanken die beiden sich und ziehen sich gleichzeitig an. Die Frau kreischt so wie seine Mutter, wenn sie vor Wut beinahe platzt. Sie will nicht länger lügen, der Mann brüllt, dass sie sich zusammenreißen soll und dass es nicht anders geht, und sie schreit: »Aber ich liebe dich nun mal!«, und das gleich dreimal hintereinander, und dann noch: »Er ist mir scheißegal!« Am Ende springt sie in das gelbe Auto und braust davon. Der Mann schaut ihr hinterher, setzt sich in den schwarzen Wagen und fährt ebenfalls fort, aber ganz sachte, als hätte er Angst, sein neues Auto schmutzig zu machen.

»Die treffen sich jeden Dienstag«, sagt Dustin. »Zum Ficken. Hast du das schon mal gesehen?«

Gesehen nicht, aber gehört. Ficken, das ist eins dieser Wörter, die alle benutzen, obwohl es verboten ist. Man muss so tun, als wüsste man, worum es geht, auch wenn man nicht die leiseste Ahnung hat. Erwachsene machen so was, das weiß Philipp, und auch, dass man keinen dabei zugucken lässt. Sicher treffen der Mann und die Frau sich deshalb heimlich an diesem Ort, wo Bäume durch das Dach wachsen und tote Katzen auf der Straße liegen.

»Alle Erwachsenen ficken«, erklärt Dustin, und er grinst wie einer, der das schon tausendmal gesehen hat. »So macht man nämlich Babys. Deine Eltern haben es auch gemacht, sonst wärest du nicht auf der Welt.«

Das muss wohl stimmen. Aber Philipp mag sich so etwas von seinen Eltern nicht vorstellen. Bestimmt haben sie es nur zweimal gemacht, einmal haben sie danach Moritz, seinen großen Bruder, bekommen und beim zweiten Mal ihn. Mehr Kinder gibt es bei ihnen nicht, und er ist irgendwie erleichtert darüber.

Auf dem Rückweg nehmen sie die Straße, weil es jetzt egal ist, ob jemand sie sieht. Um den Katzenkadaver machen sie einen großen Bogen. Philipp kann nicht erklären, warum, aber er ist froh, als sie die Häuser erreichen. An der blauen Bude löst er die Räder voneinander.

»Und?«, fragt Dustin. Er grinst von einem Ohr zum anderen. »War doch klasse, oder?«

Philipp nickt ehrfürchtig, weil ihm kein Wort einfällt, das groß genug scheint für eine Antwort.

»Wenn du irgendwem davon erzählst, bist du tot.«