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Harald Roth (Hg.)

Was hat der Holocaust
mit mir zu tun?

37 Antworten

Pantheon

Der Pantheon Verlag ist ein Unternehmen der
Verlagsgruppe Random House GmbH

Erste Auflage

Januar 2014

Copyright © 2014 by Pantheon Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: Büro Jorge Schmidt, München

Satz: Ditta Ahmadi, Berlin

ISBN 978-3-641-12148-8

www.pantheon-verlag.de

Inhalt

HARALD ROTH

Vorwort

INGE DEUTSCHKRON

Was mich prägte

WOLFGANG SEIBEL

Was hat die »Banalität des Bösen« mit mir zu tun?

GERRIT HOHENDORF

»Euthanasie« im Nationalsozialismus

KARL BRAUN

Volkskörper, Körperangst und der Genozid
am europäischen Judentum

NORBERT KAMPE

Antisemitismus und die »Endlösung der Judenfrage«
Die Wannsee-Konferenz am 20. Januar 1942

HANS-JOCHEN VOGEL

Hätte man den Holocaust verhindern können?

BERNWARD DÖRNER

Was wussten die Deutschen vom Völkermord
an den Juden?

SYBILLE STEINBACHER

Leben und Überleben in Lagern und Ghettos

OTTO DOV KULKA

Landschaften einer privaten Mythologie

ANJA TUCKERMANN

»Weil wir Sinti sind«
Die Geschichte von Josef Muscha Müller, Hugo und Mano Höllenreiner

LUTZ VAN DIJK

Esther und Stefan – Liebe in Zeiten von Hass?

INGE HANSEN-SCHABERG

Auf der Flucht – Kinder im Exil

INGO SCHULZE

»… der gefrorene Schnee knirschte unter den
Sommerschuhen«
Das Unsagbare entsprechend sagen. Zur Autobiografie von Ludwig Greve

HERTA MÜLLER

Herzwort und Kopfwort
Erinnerung ans Exil

ALFRED GROSSER

Ein anderes Deutschland mitgestalten

HERMANN VINKE

Wilm Hosenfeld – Menschenfreund in Uniform

RICHARD VON WEIZSÄCKER

Vorbilder und Wegweiser
Axel Bussche und Fritz-Dietlof Graf von der Schulenburg

MICHAEL VERHOEVEN

Eine »neue« Weiße Rose? Was soll das?
Ein Zwischenruf

EDWARD KOSSOY

Immer blieb es bei 150 Mark
Wiedergutmachung für die Überlebenden

IRMTRUD WOJAK

Fritz Bauer – Anwalt für die Menschlichkeit

KURT SCHRIMM

Ist die Aufdeckung von Verbrechen
aus der NS-Zeit und die Verfolgung der Täter
heute noch sinnvoll und notwendig?

OLIVER DECKER UND JOHANNES KIESS

Nach dem Holocaust fragen

KARL-JOSEF KUSCHEL

Nach Auschwitz an Gott glauben?

JOEL BERGER

Weder vergeben noch vergessen kann ich

DIANA GRING

Holocaust nach dem Abendbrot

GABRIELE HAMMERMANN

Was können Gedenkstätten leisten?
Chancen und Grenzen von Gedenkstättenbesuchen

ELISABETH RAISER

Du kannst dem Frieden Wurzeln geben

ALEIDA ASSMANN

Ein Bild und seine Geschichten

WOLFGANG THIERSE

Warum ist es notwendig, in Berlin einen Erinnerungsort
an die Opfer des Holocaust zu haben?

WOLFGANG BENZ

Wie einzigartig ist der Holocaust?
Darf man Antisemitismus mit Feindschaft gegen andere Minderheiten vergleichen?

CEM ÖZDEMIR

Was geht mich das an?
Erinnerungskultur in der Einwanderungsgesellschaft

HERIBERT PRANTL

Braune Mörder
Ein Blick in den Abgrund des Versagens

MARIANNA SALZMANN

Muttersprache Mameloschn

SARAH DIEHL

Abwesenheit und Entblößung in der Heimat
Über die Arbeit an dem Roman Eskimo Limon 9

LENA GORELIK

Ein Zwiegespräch mit mir selbst, oder: Eine Wiederholung

JOHANNES KUHN

… Bitte fragen Sie, was Sie wollen!
Begegnung mit Mordechai Ciechanower

MAX MANNHEIMER

Nur wer Erinnerung hat, hat auch Zukunft und Hoffnung

Autorinnen und Autoren

Nachweise

HARALD ROTH

Vorwort

Das Höchste, was man erreichen kann, ist zu wissen und auszuhalten, dass es so und nicht anders gewesen ist, und dann zu sehen, was sich daraus – für heute – ergibt.

Hannah Arendt

Nach meiner Auffassung stoße ich, wenn ich mich mit der traumatischen Wirkung von Auschwitz auseinandersetze, auf die Grundfragen der Lebensfähigkeit und kreativen Kraft des heutigen Menschen: das heißt, über Auschwitz nachdenkend, denke ich paradoxerweise vielleicht eher über die Zukunft nach als über die Vergangenheit.

Imre Kertész, Rede zur Verleihung des Nobelpreises für Literatur, 2002

Nicht schon wieder! Ich kann es nicht mehr hören. Ist nicht schon alles gesagt? Ständig werden wir mit der NS-Geschichte konfrontiert. Jahr für Jahr neue Publikationen, Spielfilme, Serien und Dokumentationen – und ein Ende ist nicht in Sicht. Führt die mediale Endlosschleife nicht zu einer Übersättigung, zu einem Überdruss?

»Von den schlimmsten Filmsequenzen aus Konzentrationslagern habe ich bestimmt schon zwanzigmal weggeschaut. Kein ernstzunehmender Mensch leugnet Auschwitz; kein noch zurechnungsfähiger Mensch deutelt an der Grauenhaftigkeit von Auschwitz herum; wenn mir aber jeden Tag in den Medien diese Vergangenheit vorgehalten wird, merke ich, daß sich in mir etwas gegen diese Dauerpräsentation unserer Schande wehrt. Anstatt dankbar zu sein für die unaufhörliche Präsentation unserer Schande, fange ich an wegzuschauen.« (Martin Walser, Rede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, 1998)

Empirisch wäre zu überprüfen, ob man überhaupt von einer »Dauerpräsentation unserer Schande« sprechen kann. Walser kann man zudem entgegenhalten, dass es in einer freien Gesellschaft eine mediale Selbstbestimmung gibt: Keiner muss sich das Buch kaufen, keiner muss sich die Sendung anschauen. Keiner wird gezwungen, eine Gedenkveranstaltung zu besuchen.

Und wie ist es mit der Schule? Die Bildungspläne der Länder schreiben die Behandlung des Nationalsozialismus vor. Doch wollen die 14- bis 16-Jährigen überhaupt – fast 70 Jahre nach dem Ende der NS-Diktatur – sich diesem unbequemen Thema stellen oder müssen sie das »Dritte Reich« wie andere Lerninhalte über sich ergehen lassen? Ist die intensive Beschäftigung mit der NS-Zeit im Unterricht nicht kontraproduktiv?

Die Kritiker, die über ein mediales Überangebot räsonieren, übersehen meist einen simplen Sachverhalt: Für die junge Generation ist es immer eine Erstbegegnung. Zum ersten Mal erfahren sie etwas über Auschwitz, zum ersten Mal sehen sie einen Film über die »Weiße Rose«, zum ersten Mal besuchen sie eine KZ-Gedenkstätte.

Die authentischen Stimmen der Zeitzeugen, die in absehbarer Zeit verstummt sein werden, bilden für die Nachgeborenen eine emotionale Brücke zwischen dem Gestern und dem Heute. Mittlerweile ist die NS-Zeit Gegenstand des kulturellen, kaum noch des kommunikativen Gedächtnisses. Es ist eine Generation herangewachsen, die keinen persönlichen Kontakt mehr zu Menschen hat, die damals Opfer, Zuschauer oder Täter waren. Bei den Jugendlichen, die am Ende des 20. Jahrhunderts geboren wurden, sind die Jahre 1933 bis 1945 kein Gesprächsthema mehr in der Familie, da allenfalls noch die Großeltern Kindheitserinnerungen an diese Zeit haben. Bei den vielen Jugendlichen mit Migrationshintergrund kann meist gar nicht an die Familiengeschichte angeknüpft werden.

Wenn die Generation der Urenkel mit der NS-Zeit konfrontiert wird, spürt sie dennoch, dass dies nicht irgendeine Epoche ist, da das Thema auf eine sehr diffuse Weise weiterhin in unserer Gesellschaft präsent ist. Umfragen zeigen, dass – entgegen der landläufigen Meinung – die Mehrzahl der 14- bis 19-Jährigen wissbegierig und an einer Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus interessiert ist. Empfindlich reagieren Jugendliche allerdings, wenn Erinnerungsrituale verordnet und Betroffenheit erwartet werden. Schüler, die Desinteresse zeigen oder sich über ein Zuviel beklagen, dürfen nicht vorschnell in die rechte Ecke gestellt werden; die Abwehrhaltung sollte vielmehr für Lehrer bzw. Gedenkstättenpädagogen ein Anlass sein, ihre Vermittlungsformen kritisch zu hinterfragen.

Der Holocaust ist kein unbegreifliches Mysterium; seit Jahrzehnten ist er weltweit interdisziplinärer Forschungsgegenstand. Wissenschaftler sind sehr wohl in der Lage zu erklären, wie der arbeitsteilige Massenmord funktionierte, wie die Verbrechen in der Gesellschaft verankert waren. Junge Leute stellen Fragen: Wie hat man festgestellt, dass ein Deutscher jüdischer Abstammung ist? Gab es auch in unserer Gemeinde Juden? Welche gesetzlichen Maßnahmen führten zu einer Entrechtung und Ausgrenzung der Juden? Warum wollten bzw. konnten die deutschen Juden nicht einfach auswandern? Hat Hitler den Auftrag zum Holocaust gegeben? Es gibt aber auch jene Fragen, die über das bloße Faktenwissen hinausgehen. Und um solche Fragen geht es vor allem in diesem Buch. Warum und auf welche Weise werden Menschen ausgegrenzt? Wie werden »normale« Menschen zu Massenmördern? Wie kann man die Würde des Menschen wirkungsvoll schützen? Sind solche Verbrechen wieder möglich? Was hat der Holocaust mit mir zu tun?

Dies sind Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt; es sind Fragen, die neue Fragen hervorrufen. Es sind universelle Fragen, die – losgelöst vom historischen Kontext der deutschen Geschichte – auch andernorts gestellt werden. Es sind Fragen, für die es kein Verfallsdatum gibt. Welcher Beitrag beantwortet die Titelfrage? Die Antwort: alle Beiträge. Und keiner. Denn die Frage ist letztendlich an den Leser gerichtet. Und jeder Einzelne muss diese Frage für sich persönlich beantworten.

Zu Wort kommen in diesem Buch Überlebende, die im hohen Alter Zeugnis ablegen und uns ihr Testament hinterlassen. Dass sich Inge Deutschkron, Max Mannheimer, Otto Dov Kulka, Joel Berger, Alfred Grosser und Edward Kossoy dieser Aufgabe gestellt haben, ist ihnen hoch anzurechnen. Danke! Das Überleben war die Ausnahme, das Sterben die Regel; das zeigen die Berichte dieser Zeitzeugen auf eindringliche Weise. Experten aus Wissenschaft und Gedenkstätten referieren verständlich den Stand der Forschung und stellen Fragen zu Möglichkeiten einer gelungenen Vermittlung der Themenzusammenhänge. Journalisten, Politiker und Juristen zeigen in ihren Beiträgen auf, welche Konsequenzen unser Erziehungswesen und unser Rechtsstaat aus dem Zivilisationsbruch ziehen sollten. Verantwortung kann in einer lebendigen Demokratie nicht einfach delegiert werden; gefordert ist daher genauso jeder Einzelne. Nicht zuletzt suchen junge jüdische und nicht-jüdische Schriftstellerinnen und Filmemacher nach möglichen Zugängen zur Thematik und stellen sich Fragen zur Bedeutung des Holocaust für die eigene Identität. Doch nicht nur die europäischen Juden wurden Opfer des Rassenwahns, auch psychisch kranke und geistig behinderte Menschen sowie Roma und Sinti wurden zu »Volksschädlingen« erklärt und sollten »ausgemerzt« werden.

Oft erzählen die Autorinnen und Autoren Geschichten, berichten von Begegnungen mit Zeitzeugen und erinnern daran, dass Geschichte immer von konkreten Personen handelt; den zu Nummern degradierten Menschen geben sie ihren Namen und ihr Gesicht zurück. Dass die ins Exil Vertriebenen, die vielfach die ersten Opfer der totalitären Herrschaft der Nazis und nach dem Ende der NS-Diktatur keineswegs in der alten Heimat willkommen waren, nicht in Vergessenheit geraten, ist ein besonderes Anliegen dieses Bandes.

Was hat der Holocaust mit mir zu tun? ist ein Buch für junge Menschen, weil die Autorinnen und Autoren durch eine verständliche Darstellung besonders die nachwachsende Generation erreichen wollen. Dies ist aber genauso ein Buch für Erwachsene, weil die Fragen uns – unabhängig vom Alter – existentiell betreffen:

»Der Holocaust war kein Bild an der Wand, sondern ein Fenster, durch das Dinge sichtbar wurden, die normalerweise unentdeckt bleiben. Und was zum Vorschein kam, geht nicht nur die Urheber, die Opfer und die Zeugen des Verbrechens etwas an, sondern ist von größter Bedeutung für alle, die heute leben und auch in Zukunft leben wollen.« (Zygmunt Baumann)

INGE DEUTSCHKRON

Was mich prägte

Der Samstag war gewöhnlich jener Tag, an dem Berliner Hausfrauen den Teig für ihren Sonntagskuchen zum Bäcker brachten. Eigene Backöfen besaßen die meisten damals noch nicht. Auf dem Weg zum Bäcker, auf der Straße, trafen sich die Frauen. Die frühe Morgenstunde bot die Gelegenheit zum Schwatz mit den Nachbarinnen. Doch an jenem 27. Februar 1943 war alles anders. Das Motorengeräusch von Polizeiautos, die durch die Straßen rasten, plötzlich vor einem Haus hart bremsten, schreckte die Frauen auf. Ein Polizist stürzte ins Haus, kam nach wenigen Minuten mit einem Menschen am Arm wieder heraus, schob ihn in seinen Wagen, fuhr weiter zum nächsten Haus. Das gleiche Bild. Die Frauen hielt nun nichts mehr. Nur weg von der Straße. Nur schnell hinter die schützende Wohnungstür. Sie ahnten, dass etwas Ungewöhnliches im Gange war. Schemenhaft sah man nun ihre Gesichter hinter dem Vorhang ihrer Küchenfenster, von wo aus sie das Geschehen in ihrer Straße beobachten konnten.

Man holte Juden ab. Die letzten der einstmals 150000, die sich noch in Berlin befanden. Damit löste die Nazi-Regierung ihr Versprechen ein, das sie dem deutschen Volk gegeben hatte: Berlin sollte judenrein werden! Diese Aktion hatte im Oktober 1941 begonnen. Nun wurden die Letzten geholt, die noch in den Fabriken Zwangsarbeit verrichten mussten. Dieser Tag ist als »Fabrikaktion« in die Annalen der Judenverfolgung eingegangen. Doch man ergriff sie, wo und wie man sie fand: in ihren Wohnungen, auf der Straße, im Arbeitskittel, im Unterrock. Ahnungslos folgten sie den Anweisungen, genau wie die Deportierten vor ihnen, von deren Schicksal sie nichts wussten. Zurück blieb nur die kleine Zahl derer, die ein Versteck gefunden hatten.

Auch ich sah sie vom Fenster aus, sehe sie noch heute, in ihrem Erschrecken wie erstarrt, von Polizisten in die Wagen gestoßen. »Schnell, schnell!«, so trieb man sie an. Diese letzte Deportation aus Berlin dauerte mehrere Tage. Dann waren sie alle weg – meine Familie, meine Freunde, die blinden jüdischen Bürstenzieher aus der Blindenwerkstatt von Otto Weidt, die jüdischen Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg, ihre Orden noch am Revers ihres Mantels. Wir hatten keinen Schrei gehört, sahen kein Aufbegehren; blickten ihnen nach, wie sie gehorsam ihren letzten Weg antraten. Des Nachts sah ich sie wieder vor mir, ich hörte nicht auf, an sie zu denken: Wo waren sie jetzt? Was tat man ihnen an? Ich begann, mich schuldig zu fühlen. Mit welchem Recht, so fragte ich mich, versteckte ich mich, drückte ich mich vor einem Schicksal, das das meine hätte sein müssen? Dieses Gefühl von Schuld verfolgte mich, es ließ mich nie wieder los.

Ein Jahr nach Kriegsende erhielten meine Mutter und ich die Erlaubnis zur Einreise nach England. Begleitet von Emigranten, holte mein Vater uns vom Bahnhof in London ab. Ich sah es sofort: Für die Emigranten waren wir wie Abgesandte ihrer ermordeten Angehörigen. Sie kämpften mit den Tränen, als sie uns sahen. Wir waren wie eine Bestätigung, dass die Ihren den Kampf um ihr Leben in Nazi-Deutschland verloren hatten. Und wieder war es da – das Gefühl meiner Schuld.

Dieses Gefühl wich zeitweise der Sprachlosigkeit, wenn Menschen im Nachkriegsdeutschland zu mir sagten: »So vergessen Sie doch«, wenn sie mich nicht anders zum Schweigen bringen konnten. »Sie müssen doch auch vergeben können«, meinten sie. »Es ist doch schon so lange her.« Die meisten, denen ich in der provisorischen Bundeshauptstadt Bonn begegnete, hatten sie einfach aus ihrem Gedächtnis gestrichen – die Verbrechen, für die der deutsche Staat eine eigene Mordmaschinerie hatte errichten lassen.

Da wusste ich plötzlich, was meine Pflicht war, die mir meine Schuld auferlegte: Ich musste es niederschreiben. Die Wahrheit, die lückenlose Wahrheit, präzise und emotionslos, so wie ich es mit eigenen Augen gesehen hatte. Es ging mir dabei nicht darum, dass die Schuldigen und jene, die dazu geschwiegen hatten, versuchen sollten, einen Weg der Sühne dem jüdischen Volk gegenüber zu finden. Nein, nein, das wäre sinnlos gewesen. Das deutsche Volk jener ersten Nachkriegsjahre wurde beschützt von seinem ersten Kanzler, der im Parlament in einer Regierungserklärung behauptet hatte, die Mehrheit der Deutschen wäre Gegner der Verbrechen an den Juden gewesen. Viele von ihnen hätten sogar den Juden geholfen, ihren Mördern zu entkommen. Ach, wäre das doch die Wahrheit gewesen!

Ich aber war wie besessen von der Idee, dass Vergleichbares nie wieder geschehen dürfe. Dass Menschen anderen Menschen das Recht auf Leben streitig machen könnten – ganz gleich welcher Hautfarbe, welcher Religion, welcher politischen Einstellung, nicht hier und nicht anderswo! Und wegen dieses Ziels gilt es, die Wahrheit zu wissen, die ganze Wahrheit. Denn solange die Frage, wie konnte das Fürchterliche geschehen, Rätsel aufgibt, ist die Gefahr nicht gebannt, dass Verbrechen ähnlicher Art die Menschheit erneut heimsuchen. Ich wollte daran mittun – hier, heute und jetzt mit meinem ganzen Eifer, meiner ganzen Kraft. Denn in wenigen Jahren wird keiner mehr von denen, die man Zeitzeugen nennt, die so Schreckliches erlitten haben, am Leben sein. Schon heute ist die noch verbliebene kleine Zahl ihres Alters wegen häufig nicht mehr bereit oder seelisch nicht fähig, über ihre furchtbaren Leiden während jener Jahre zu sprechen. Hinzu kommt, dass es zu einer äußerst schwierigen Aufgabe geworden ist, Kindern und Jugendlichen, die unter uns in unbegrenzter Freiheit und in einer grenzenlosen Demokratie aufwachsen, die Schrecken und facettenreichen Verbrechen einer Diktatur verständlich zu machen. Wie sollten sie auch die kaltblütigen, grausamen Morde an Juden, Sinti und Roma, an politisch Andersdenkenden und anderen den Nazis nicht genehmen Menschen begreifen, deren Schuld allein darin bestand, Menschen mit einer anderen Religion, einer anderen Herkunft oder mit einem anderen Denken als die Mehrzahl des Volkes ihres Landes zu sein? Fragt man Überlebende nach ihrem Begreifen, stehen auch sie heute noch vor einem Rätsel, wie es möglich war, dass Tausende von oft bürgerlich wohlerzogenen und gebildeten Deutschen sich dem Morden anschlossen, als ob sie nur ein paar Unkräuter ausrissen.

Wie aber wird es morgen sein? Wenn jene Menschen, die heute noch über die Gräuel der Nazi-Diktatur aufklären könnten, nicht mehr unter uns sind? Wird allein das in Büchern, Filmen, Dokumentationen Mitgeteilte ausreichen, um den nachkommenden Generationen das Geschehen als Wirklichkeit zu vermitteln? Oder wird das leidvolle, wohl oft auch als leidig empfundene Thema ad acta gelegt werden? Es ist schwer, dazu eine gültige Voraussage zu machen. Am einfachsten wäre es natürlich, wenn man das Kapitel abschließen und im Archiv einordnen könnte. Doch das kann man eben nur mit Ereignissen tun, die man erklären und damit auch begreifen kann, deren Ursachen wie deren Ausführung. Nun aber handelt es sich bei dem Thema »Holocaust« um eine für die meisten Menschen unbegreifliche Materie. Und Unverstandenes bleibt lebendig, je nach Temperament als störende Frage oder quälendes Problem, das immer wieder auftaucht – irgendwo, irgendwann, irgendwie bei der Beschäftigung mit der Historie oder bei der Betrachtung der Familiengeschichte.

Wird also die Frage, wie konnte das geschehen, unbeantwortet bleiben? Beweisen uns das nicht schon heute unsere Kinder, die dritte Generation nach den Morden? Sie stellen Fragen, sie wollen wissen. Fragen, auf die ihre Eltern keine Antwort haben. Eltern, die ihrerseits Fragen an ihre Eltern stellten und keine Antwort erhielten. Die einen aus Gewissensnot, die anderen aus Unkenntnis. Darum werden die vielen Bücher, Filme und Dokumentationen nicht auf dem Müll der Geschichte landen. Diese Frage wird auch nachfolgende Generationen umtreiben, die Frage: Wie war das möglich?

Ich wiederhole meine Behauptung: Es besteht die Gefahr ähnlicher Verbrechen wie damals, als man Menschen sortierte, diskriminierte, quälte und schließlich ermordete. Die sogenannten ethnischen Säuberungen in Bosnien, unserer Haustür sehr nahe, geschahen vor nur wenigen Jahren. Ähnliches spielt sich auch heute noch in den verschiedensten Staaten ab: all das nur wenige Jahrzehnte nach den schrecklichen Verbrechen des Naziregimes, die die Menschen gelehrt haben sollten, dass kein Mensch auf dieser Erde dem anderen das Leben streitig machen darf. Und so wird die Menschheit von den Gefahren solcher Verbrechen erst frei sein, wenn die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Hintergründe, die den Nazis oder ähnlichen Verbrechern den Weg zur Macht bereiteten, wirklich aufgeklärt sind. Die Aufgabe ist gestellt, uns allen gestellt. Wir können sie nicht weitergeben. Mir wurde sie zur Verpflichtung.

WOLFGANG SEIBEL

Was hat die »Banalität des Bösen« mit mir zu tun?

Ich erinnere mich an die frühe Zeit des westdeutschen Fernsehens. Damals gab es dort, wo ich in der Familie fernsehen konnte – das war nicht zu Hause, sondern bei meinen Großeltern mütterlicherseits in der Nähe von Hannover –, nur zwei Programme. Nicht etwa das Erste und das Zweite Programm, sondern unser westdeutsches Fernsehprogramm und das Programm der »Ostzone«, wie man damals allgemein die DDR nannte.

Den Sommer 1961, ich war noch nicht ganz acht Jahre alt, verbrachte ich zusammen mit meinen Schwestern bei meinen Großeltern, die den großen Haushalt eines Forsthauses mit angeschlossener Landwirtschaft führten. Während dieser Zeit gab es jeden Abend nach der »Tagesschau«, die schon damals um 20 Uhr gesendet wurde, eine Sondersendung unter dem Titel »Eine Epoche vor Gericht«. Ähnlich den heutigen Sendungen unter dem Titel »Brennpunkt«, die im Anschluss an die »Tagesschau« im Ersten Fernsehprogramm nach besonderen Ereignissen oder auch nach Naturkatastrophen ausführlicher berichten, wurde Abend für Abend etwas gezeigt, was ich zum damaligen Zeitpunkt nicht verstand und im Übrigen auch nicht besonders spannend fand: Ein Mann, vielleicht so alt wie mein Großvater, saß in einem Glaskasten mit schwarzen Kopfhörern auf den Ohren. Dann sah man Männer in langen schwarzen Gewändern, die ihm Fragen stellten, und der Mann antwortete. Die Fragen wurden in einer fremden Sprache gestellt und wohl simultan übersetzt, daher die Kopfhörer – aber das begriff ich erst später. Der Mann in dem Glaskasten antwortete auf Deutsch.

Ich hatte keinen Schimmer, was das bedeutete oder wer der Mann in dem Glaskasten war. Die Erwachsenen aber verfolgten diese Sendung, die vielleicht 10 bis 15 Minuten dauerte, meist schweigend, aber konzentriert. Vielleicht fiel auch einmal der Name des Mannes in dem Glaskasten mit den schwarzen Kopfhörern. Aber dass es sich um Adolf Eichmann handelte, habe ich erst Jahre später begriffen. Noch heute halte ich es für bemerkenswert, dass das westdeutsche Fernsehen der regelmäßigen Berichterstattung über den Eichmann-Prozess in Jerusalem einen so prominenten Platz einräumte. Das schüttet etwas Wasser in den Wein derjenigen, die noch heute meinen, eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Vergangenheit des Nationalsozialismus habe erst mit und infolge der 68er-Bewegung begonnen. Das DDR-Fernsehen berichtete nicht im Entfernten so ausführlich über den Eichmann-Prozess. Dort hing man einer ähnlichen Ideologie an, wie sie auch in Westdeutschland lange dominierte: dass die Massenverbrechen des Nazi-Regimes von einer kleinen Clique – in der DDR sagte man: von Faschisten, im Westen: von SS und Gestapo – verübt worden waren und dass der gemeine Mann nicht das Geringste damit zu tun gehabt habe. Keiner fragte, wie die Registrierung, Kennzeichnung, Ausplünderung, Verhaftung, Verschleppung und Ermordung von sechs Millionen Menschen von einer kleinen Clique hätten organisiert und vollstreckt werden können. Die Illusionen hinsichtlich der wirklichen Verankerung des Verbrechens in der Gesellschaft wurden auf beiden Seiten der innerdeutschen Grenze geteilt. Dabei hätte der Eichmann-Prozess gerade in dieser Hinsicht lehrreich sein können, wenn man tatsächlich von ihm hätte lernen wollen.

Von den Diskussionen, welche der Eichmann-Prozess in den USA durch die Berichterstattung von Hannah Arendt in der Zeitschrift »The New Yorker« auslöste, nahm man in Deutschland noch weniger Kenntnis. Die Essenz von Arendts Artikelserie ist berühmt geworden unter der Formel »Die Banalität des Bösen«. Das wurde ihr als exemplarische Verharmlosung der Täter ausgelegt. Es gelang Hannah Arendt damals auch in den USA nicht, ihre eigentliche Botschaft zu übermitteln. Die hatte ihre Wurzeln in ihrer schon 1951 vorgelegten Theorie totaler Herrschaft. Ihr Argument war, dass die Handlanger eines totalitären Systems, gleich ob es sich dabei um ein kommunistisches oder um ein faschistisches bzw. nationalsozialistisches System handelte, die ideologischen und politischen Ziele des Regimes nicht notwendigerweise teilen mussten, um sich an dessen Gewalttaten zu beteiligen. Vielmehr, so Arendt, entfalte sich totale Herrschaft gerade dadurch, dass die Handlanger und Mittäter aus der banalen Routine ihres Alltagshandelns heraus in dem Moment an den Verbrechen des Regimes mitwirkten, wo dieses Regime im Interesse der eigenen Stabilität gesellschaftliche Feindbilder zu Lasten von Minderheiten definierte. Totale Herrschaft habe ihre Ursprünge in der Mitte der Gesellschaft, weil sie ohne die Mitwirkung zahlreicher unpolitischer und ideologisch bestenfalls schwach motivierter Menschen ihr Gewaltpotential gar nicht entfalten könne. In diesem Sinne schrieb Hannah Arendt dann zehn Jahre später in ihrer Artikelserie im »New Yorker«: Eichmann sei so »schockierend normal«. Was sie damit ausdrücken wollte, war das Gegenteil einer Verharmlosung: nämlich dass die Normalität Eichmanns »weitaus schockierender war als all seine Verbrechen zusammengenommen« – weil diese Normalität des Täters Eichmann bedeutete, dass keiner von uns normalen Menschen unter vergleichbaren Umständen gegen die Versuchung oder gar die Realisierung der Mittäterschaft am Massenverbrechen gefeit gewesen wäre. Es brauchte weitere 30 Jahre, bis in der Forschung zum Holocaust (den man zur Zeit des Berichts von Hannah Arendt über den Eichmann-Prozess in Jerusalem noch lange nicht so nannte) ein ähnlicher Gedanke Prominenz gewann, und zwar mit Christopher Brownings Buch über die »normalen Männer« des Reserve-Polizei-Bataillons 101, die in Polen mit immer größerer Routine Massenerschießungen von Juden durchgeführt hatten.

Mit Hannah Arendt und Christopher Browning muss man noch immer einwenden, dass die Schwellen zur Mittäterschaft vermutlich weitaus niedriger und die banalen Alltagsmotive, auf die das Mitwirken am Massenverbrechen sich gründete, allgegenwärtiger waren, als eine wie auch immer geartete mörderische Ideologie es hätte sein oder bewirken können. Was Hannah Arendt am Beispiel Adolf Eichmanns deutlich zu machen versuchte, war dies: Gerade dadurch, dass man kein Monster sein musste, um an der Judenverfolgung mitzuwirken, konnte sich, was als Stigmatisierung und Diskriminierung begann, in ein monströses Massenverbrechen steigern.

Diese nur scheinbar paradoxe Einsicht ist von zentraler Bedeutung nicht nur für das Erklären und Verstehen des Holocaust, sondern auch für das praktische Wirksamwerdenlassen der daraus gezogenen oder zu ziehenden Lehren. Wenn man sich an den Gedanken gewöhnt, dass sich Massenverbrechen nicht als solche ankündigen, sondern erst durch die Mitwirkung normaler Menschen mit banalen Motiven zu Massenverbrechen werden, versteht man besser, wie sie entfesselt werden und was ihre Vernichtungsdynamik tatsächlich ausmacht. Natürlich gehört dazu, dass zuvor eine Zielgruppe in der Gesellschaft als ›schädlich‹ oder ›feindlich‹ definiert wurde und dass politische Autoritäten oder gar der Staat durch Propaganda und Gesetzgebung diese Diskriminierung definieren und legitimieren. Dies trägt wesentlich dazu bei, Umstände und Maßnahmen als normal erscheinen zu lassen, die es in Wirklichkeit nicht sind. Also zum Beispiel die eigenen Nachbarn, mit denen man jahrzehntelang Tür an Tür gelebt hat, mit einem Mal als Angehörige einer solchen Zielgruppe zu betrachten und ihrer Diskriminierung keinen Widerstand – jedenfalls keinen äußeren – entgegenzusetzen. Kommen dann banale Motive des Mitwirkens an Verfolgung und Verbrechen hinzu – der Konformitätsdruck einer Gruppe, berufliche Routine oder beruflicher Ehrgeiz, Bereicherungsmöglichkeiten, Wohnungsnot oder auch nur das Begleichen alter Rechnungen –, können sich Verfolgung und Vernichtung buchstäblich von einem Tag auf den anderen in der Breite einer Gesellschaft Bahn brechen. Dazu sind dann keine ideologischen Indoktrinationen oder Umerziehungen und noch nicht einmal Befehl und Gehorsam erforderlich.

Diese Mechanismen erklären nicht nur die Entfesselung des Holocaust als ein arbeitsteiliges Massenverbrechen, an dem Hunderttausende ›normaler‹ Menschen aus banalen Motiven mitgewirkt haben, sondern auch andere Völkermorde wie den an der ethnischen Minderheit der Tutsi in Ruanda 1994, die Mitwirkung von Millionen junger Menschen an der Verfolgung und Ermordung ihrer eigenen Lehrer und Professoren während der chinesischen Kulturrevolution ab 1967, die Mobilisierung einer Gesellschaft von Mittätern bei der Verfolgung und Ermordung von rund 1,7 Millionen Menschen (einem Fünftel der Bevölkerung) in Kambodscha 1975 bis 1979 oder die Implosion einer multiethnischen Gesellschaft und die Entfesselung der Gewalt zwischen vormals friedlich zusammenlebenden Nachbarn in Jugoslawien ab 1991.

Die zweite Schlussfolgerung, die aus der einfachen, aber fundamentalen These Hannah Arendts von der Banalität des Bösen gezogen werden muss, betrifft unsere eigene Urteilskraft. Wenn es alltägliche Umstände, normale Menschen und banale Motive sein können, aus denen die Mitwirkung an Massenverbrechen entsteht, ist der Moment, in dem man Nein sagen müsste, nicht einfach zu bestimmen. Nicht nur die Tatsache, dass viele Menschen in der engeren sozialen Umgebung keine Skrupel zeigen, macht ein solches Urteil schwierig, sondern auch die selbstverstärkenden Effekte eines Massenverbrechens, die das Neinsagen umso kostenträchtiger erscheinen lassen, je später man einsieht, dass das Nein eigentlich unausweichlich ist. Gegen den Strom zu schwimmen und das auf eigenes Risiko oder das der eigenen Familie, wird umso riskanter, je reißender, um bei der Metapher zu bleiben, der Strom bereits geworden ist und damit das Mitschwimmen zur scheinbaren Selbstverständlichkeit. Eine notwendige, wenn auch nicht hinreichende Bedingung des Neinsagens bleibt dennoch das moralische Urteil, und dieses wiederum setzt ein Gespür dafür voraus, dass das Monströse des Verbrechens hinter dem Schleier des Alltäglichen verborgen sein kann. Dieses Gespür ist nicht einfach zu erlangen, Hannah Arendts Überlegungen helfen uns gleichwohl dabei. Es gibt nämlich einen einfachen Minimalstandard: Ein Tun und Unterlassen ist nicht schon deshalb gerechtfertigt, weil es unter den gegebenen Umständen alltäglich und normal ist.

Dies führt zu einer dritten Schlussfolgerung, die man aus Arendts Überlegungen ziehen sollte. Sie betrifft die Warnung vor Selbstgerechtigkeit und davor, sich selbst zum Maß aller Dinge in Sachen Moral zu machen. Beide Warnungen klingen ähnlich, sie sind jedoch gänzlich unterschiedlicher Natur. Das eine betrifft eine unausweichliche Konsequenz aus der Erkenntnis der Banalität des Bösen, nämlich die Frage: Was hättest du selbst eigentlich getan? Das andere betrifft die Frage, welche Konsequenz man aus der Einsicht zieht, dass man ›es‹ selbst auch hätte tun können. Sie kann jedenfalls nicht darin bestehen, das moralische Urteil zu neutralisieren, weil man selbst vor ihm nicht bestehen könnte.

Die Erkenntnis, dass wir selbst zu Mittätern hätten werden können, macht das Mittun nicht weniger verwerflich. Erklären und Verstehen bedeutet nun einmal nicht Entschuldigen. Würden wir das Mittun an Massenverbrechen nur deshalb als weniger verwerflich betrachten, weil es auch uns hätte unterlaufen können, würden wir uns offensichtlich in moralischer Hinsicht zum Maß aller Dinge machen. Es würde also den Maßstab der Moral selbst außer Kraft setzen. Man muss sich einer unter Umständen schmerzlichen Wahrheit stellen: Mit manchen Komplizen des Massenverbrechens kann man sich identifizieren. Man kann sich vorstellen, wie sie zu Komplizen wurden, und man tut gut daran, sie nicht einfach als warnendes Beispiel zu betrachten, sondern als einen warnenden Hinweis darauf, dass aus dem moralischen Urteil nicht moralische Überheblichkeit werden darf, wenn man aus dem Verhalten der Mittäter und ihrer Komplizenschaft tatsächlich Lehren ziehen will.

Ein Augenöffner war für mich der Fall des früheren Konstanzer Oberbürgermeisters Dr. Bruno Helmle. 1911 geboren, war Helmle ab 1938 als Jurist in der badischen Finanzverwaltung tätig und dort für die Erhebung der sogenannten Reichsfluchtsteuer und ab 1941 für die »Verwaltung jüdischen und reichsfeindlichen Vermögens« zuständig. Die Reichsfluchtsteuer basierte auf einem Gesetz der späten Weimarer Republik, sie wurde unter der Nazi-Diktatur jedoch zu einem wesentlichen Instrument der Ausplünderung der Juden in Zusammenhang mit ihrer erzwungenen Emigration, solange diese noch objektiv und aufgrund der persönlichen Verhältnisse der Betroffenen möglich war. Die Verwaltung jüdischen Vermögens, wie es im Finanzverwaltungsjargon hieß, war nichts anderes als Raub in formaler Rechtsform in Gestalt der Einziehung sämtlicher Vermögenswerte von Juden, die emigriert waren oder, wie es dann in Deutschland ab Herbst 1941 der Fall war, deportiert worden waren.

Helmle wohnte seit Ende 1940 in einer Zweizimmerwohnung in Mannheim, in der zuvor eine verwitwete Jüdin gelebt hatte, die einige Wochen zuvor zwangsweise in das Israelitische Krankenhaus in der Mannheimer Collinistraße verbracht worden war, nachdem man die sie pflegende Tochter in das südfranzösische Internierungslager Gurs deportiert hatte. Als Angehöriger einer Arbeitsgruppe aus Vertretern verschiedener Behörden und der NSDAP war Helmle ab August 1942 am Wiederverkauf von »zurückgeführten jüdischen Umzugsgütern« beteiligt, womit nichts anderes gemeint war als das Verhökern geraubter jüdischer Wohnungseinrichtungen zu niedrigen, aber für die Finanzverwaltung immer noch einträglichen Preisen. An vielen Orten, so auch in Mannheim, wurden hierfür sogar improvisierte Kaufhäuser eingerichtet. Dort konnte die Bevölkerung die den Juden geraubten Möbel und Einrichtungsstücke besichtigen und gegebenenfalls käuflich erwerben. Dabei sollten »Fliegergeschädigte« bevorzugt berücksichtigt werden. Nachdem er im September 1943 durch einen Luftangriff auf Mannheim selbst zum »Fliegergeschädigten« geworden war, nutzte Helmle seine Position und seine Kenntnisse dafür, von der Plünderung des Hausrats jüdischer Familien in seinem eigenen Zuständigkeitsbereich in einem solch hohen Maße zu profitieren, dass es auf persönliche Bereicherung hinauslief. Über all diese Vorgänge hat Helmle nach dem Krieg nicht nur keine Angaben gemacht – in seinem Entnazifizierungsverfahren wurde nach den Einzelheiten seiner Tätigkeit in der Finanzverwaltung nicht gefragt –, er hat sie vielmehr in seinen öffentlichen Äußerungen und in seinen Lebenserinnerungen gezielt vertuscht.

Bruno Helmle war einer jener normalen Mittäter des Holocaust, die aus banalen Motiven handelten. Sein Handeln war offensichtlich verwerflich, zumal es unter anderem auf Bereicherungsstreben beruhte, und doch alles andere als abwegig oder nicht nachvollziehbar. War es nicht normal, dass ein junger und hochqualifizierter Finanzbeamter – Helmle war mit 24 Jahren promoviert und wurde durch seine Vorgesetzten durchweg hervorragend beurteilt – seinen Ehrgeiz darin sah, beim Vollzug der Steuergesetzgebung und bei der Verwertung von Vermögenswerten jedweder Art als besonders findig und pflichtbewusst hervorzutreten, zumal er während des Krieges keinen Wehrdienst leistete und sicher von dem Bestreben geleitet war, die ihm offiziell attestierte Unabkömmlichkeit in der Verwaltung auch im Alltag unter Beweis zu stellen? War es nicht verständlich, dass er, der mit seiner Frau zunächst in der Mannheimer Mietwohnung seiner eigenen Eltern untergekommen war, die Gelegenheit nutzte, nach der Deportation der badischen Juden im Herbst 1940 die Wohnung der jüdischen Vormieterin Anna Darmstädter zu beziehen, der man zuvor die sie pflegende Tochter und die Wohnung genommen hatte? War es nicht verständlich, dass er seine Position und seine umfangreichen Kenntnisse als Finanzbeamter auch für sich und seine Familie nutzte, nachdem er in der eigenen Wohnung »ausgebombt« war und neuen Hausrat benötigte? War es nicht ebenso verständlich, dass er dabei auch mehr »hinlangte«, als es zur Wiederausrüstung einer Zweizimmerwohnung eigentlich erforderlich gewesen wäre, um mutmaßlich auch Verwandten oder Freunden auszuhelfen? Schließlich: Warum hätte Helmle zu seiner persönlichen und beruflichen Vergangenheit vor dem 8. Mai 1945 mehr sagen sollen als ihm durch das hochoffizielle Entnazifizierungsverfahren abgefordert wurde – aus dem er dann als »entlastet« hervorgehen sollte?

Ich habe mir all diese Fragen auch selbst gestellt, eben weil sie unvermeidlich mit einer weiteren Frage verbunden sind: Was hätte man denn selbst an Helmles Stelle wohl getan? Hätte man den Versuchungen widerstanden, denen er ausgesetzt war? Hätte man die moralische Urteilskraft und die nötige Entschlusskraft besessen, dem beruflichen Ehrgeiz und den anderen Versuchungen, für sich und seine Familie etwas zu erreichen, tatsächlich zu widerstehen? Wäre man selbst ehrlicher gewesen als die offiziellen Befragungen und Überprüfungen nach dem Krieg es erforderten? Keine dieser Fragen ist mit einem sicheren »Ja« zu beantworten. Und wenn das so ist, muss man sich vor moralischer Überheblichkeit hüten. Etwas von einem Bruno Helmle steckt in jedem von uns, so wie etwas von den banalen Motiven und der »schockierenden Normalität« eines Adolf Eichmann niemandem von uns fremd ist.

Aber sollen wir bei dieser Erkenntnis stehen bleiben? Dies war durchaus die Haltung nicht weniger, die sich nach dem Bekanntwerden des »Falles Helmle« in Gesprächen und in der lokalen Öffentlichkeit äußerten. Und eben dies war der Punkt, an dem ich selbst, der an der Aufarbeitung des Falles als Gutachter beteiligt war, wieder einiges dazugelernt habe. Mein spontaner Impuls, gegen die Selbstgerechtigkeit und Überheblichkeit zu argumentieren, mit der man den »Fall Helmle« billig kommentieren mochte, verwandelte sich in die Verblüffung darüber, wie wenig offenbar von den Ergebnissen der wissenschaftlichen Forschung und den jahrzehntelangen intellektuellen Interpretationen des Holocaust als arbeitsteiliges Massenverbrechen jenseits der Lippenbekenntnisse des Lernenwollens und des »Nie Wieder!« in den tieferen Schichten des öffentlichen Bewusstseins angekommen war. Und was es wirklich bedeutete, wenn man die Schlussfolgerungen aus Hannah Arendts Erkenntnis von der Banalität des Bösen nicht wirklich ziehen wollte. Wenn man zum Beispiel glaubte, allein die Tatsache, dass jemand kein Nazi und auch kein Antisemit war, müsse bedeuten, dass er auch kein Mittäter des Massenverbrechens hatte sein können. Und dass aus diesem Grund alles, was er dennoch in Ausübung seiner Berufstätigkeit getan hatte, auch moralisch nicht verwerflich sein konnte.

Ich habe aus diesen Vorgängen gelernt, dass wir Wissenschaftler immer noch mehr investieren müssen in das Erklären des Holocaust, vor allem aber in verständliche Erläuterungen von Erkenntnissen über die Natur dieses Massenverbrechens, die für die Forschung Selbstverständlichkeiten sein mögen, für die allgemeine Öffentlichkeit aber gleichwohl unverständlich geblieben sind. Dazu zählen die Erkenntnis der Unabdingbarkeit der moralischen Urteilskraft, wenn es um das Erkennen des Verbrecherischen im Alltäglichen geht, die Einsicht in die Nutzlosigkeit moralischer Überheblichkeit bei der Beurteilung der Komplizen und Mittäter und die entschiedene Absage an die Vorstellung, etwas könne schon deshalb moralisch nicht zu beanstanden sein, weil es ein Produkt alltäglicher Umstande und normaler menschlicher Verhaltensmuster ist.

Zum Weiterlesen

Alexander und Margarete Mitscherlich: Die Unfähigkeit zu trauern. Grundlagen kollektiven Verhaltens, München 1967.

Hannah Arendt: Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen, München 1986 [1965].

Christopher R. Browning: Ganz normale Männer. Das Reserve-Polizeibataillon 101 und die »Endlösung« in Polen, Reinbek 1993.