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Inhaltsverzeichnis

Buch
Autor
Erster Teil
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Zweiter Teil
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Dritter Teil
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Vierter Teil
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Fünfter Teil
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Sechster Teil
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Siebenter Teil
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Copyright

Autor

Hanns-Josef Ortheil, 1951 in Köln geboren, lebt heute in Stuttgart. Für seinen Debütroman »Ferme« erhielt er 1979 den aspekte-Literatur-Preis. Es folgten die Romane »Hecke«, »Schwerenöter«, »Agenten« und »Abschied von den Kriegsteilnehmern«. Neben zahlreichen Essaybänden (u.a. über Mozarts Sprachen) veröffentlichte er das literarische Tagebuch »Blauer Weg«. Zuletzt erschien sein Roman »Lo und Lu« (Luchterhand, 2001).

Zwei Wochen nach der Premiere machten Constanze und Mozart sich auf den Heimweg nach Wien. Mozart verabschiedete sich von Josepha Duschek mit der eigens für sie komponierten Arie »Bella mia fiamma, addio ...« Kaum einen Monat später gebar Constanze in Wien ein Mädchen. Es wurde auf die Namen Theresia Constanzia Adelheid Friederike Maria Anna getauft.

Giacomo Casanova hielt sich zu dieser Zeit längst wieder in Dux auf, wo er mit der Niederschrift seiner vieltausendseitigen Memoiren begann.

Paolo wurde nach der Rückkehr des alten Grafen Pachta nach Dresden geschickt. Er wurde einer der besten Hornvirtuosen seiner Zeit. Während der Französischen Revolution spielte er in Paris im Orchester seines langjährigen Lehrers und Meisters Giovanni Punto die Hymnen der Freiheit.

1

In einer Herbstnacht des Jahres 1787 erwachte die junge Anna Maria Gräfin Pachta von einem furchtbaren Traum. Erregt, mit klopfendem Herzen, starrte sie gegen die dunkle Holzdecke des kleinen Zimmers, das sie erst seit einigen Wochen bewohnte. Es war eines der Zimmer des Damenstifts auf dem Hradschin, das die Kaiserin Maria Theresia für ausgewählte Töchter des böhmischen Adels eingerichtet hatte.

Anna Maria lag still, angespannt, mit steifen Gliedern, als könnte sie sich nicht mehr bewegen. Sie versuchte den Traum loszuwerden und ihn aus ihren Gedanken zu verdrängen, doch sie spürte am leichten Zittern der Hände, daß sie die Bilder noch immer verfolgten. Langsam stand sie auf, um das Fenster einen Spalt zu öffnen, dann schmiegte sie sich wieder unter die Decke. Oft schon hatte sie so gelegen, tags über, mit geschlossenen Augen, den Klängen lauschend, die von der tiefer liegenden Stadt herauf drangen.

Die Geräusche und Töne vermißte sie hier oben am meisten. Das elterliche Palais lag mitten im Gewimmel der Häuser, schon am frühen Morgen hatte man dort die Rufe der Händler gehört, das Knirschen der Kutschenräder auf dem Pflaster, die gedämpften Unterhaltungen und die am späten Vormittag in den Straßen und Wirtshäusern einsetzende Musik. Von Stunde zu Stunde hatte die Stadt mehr zu klingen begonnen, ein über den Mittag, wenn die Gaststuben längst gefüllt waren, anschwellendes Orchestrieren, als bliesen und geigten sie alle gegeneinander, bis von den Türmen nahe der Karlsbrücke die Posaunenchoräle erschallten und die Klangwelt der Stadt zudeckten mit den Echolauten ihres Geschmetters.

Im Stift aber war es oft so still, daß sie unwillkürlich bei den leisesten Geräuschen erschrak. Im ummauerten Garten des verzweigten Gebäudes fuhr sie zusammen, wenn plötzlich der Strahl eines Springbrunnens hochschoß, in den weiten Korridoren verfolgte sie das rasch verebbende Huschen von Schritten, und in der kleinen Kapelle hörte sie das leise Ticken einer Uhr so deutlich, als befinde sich die Uhr ganz nahe, während alle doch wußten, daß sie in der entfernt liegenden Sakristei stand.

Auch die anderen Stiftsdamen hatten ihre Empfindlichkeit bald bemerkt. Sie hatten ihr gut zugeredet und Rücksicht auf sie genommen, doch Anna Maria hatte sich weiter während des Tages bei geöffnetem Fenster auf ihr Bett gelegt, um mit geschlossenen Augen den von der Stadt aufsteigenden Klängen zu lauschen. Manchmal hatte sie sogar geglaubt, das feine Rauschen der Moldau am Wehr nahe der Karlsbrücke zu hören, es war ein summendes hintergründiges Rauschen gewesen, wie aus den Tiefen des Flusses.

Jetzt aber gelang dieses Spiel nicht so leicht wie am Tag. Sie hörte nur das weit entfernte Bellen eines einzelnen Hundes, und so stand sie schließlich doch wieder auf, noch immer mit stark klopfendem Herzen. Dort unten lag die Stadt, ja, wie gern wäre sie jetzt die breite Stiege hinuntergelaufen, um durch die Gassen zu gehen, sie wäre zu sich gekommen und sie hätte die schändlichen Bilder nicht so nahe gespürt. Der breite, silbern glänzende Fluß, auf dem sich der Mondschein wiegte, war gut zu erkennen, kleine Fackeln schwirrten über die Karlsbrücke.

Ihr Atem ging noch immer rasch, als wäre sie eine große Strecke gelaufen, sie wischte sich mit der rechten Hand über die Stirn. Sofort spürte sie den kalten, sich an den Haarenden ablagernden Schweiß, die feuchten Fingerkuppen waren so klebrig, als wäre die Feuchtigkeit Blut. Sie preßte die Finger gegen die Schläfen, doch während sie noch auf das nächtliche Stadtbild starrte, tanzten die Traumszenen wieder verstärkt vor ihren Augen.

In Gedanken hing sie noch an der Vergangenheit im elterlichen Palais, sie konnte sich von den Klängen und Bildern dort so schnell nicht befreien, obwohl ihr die meisten der dreißig Stiftsdamen zur Seite standen und ihr die Eingliederung in das neue Leben, das jeden Morgen gegen sieben Uhr mit der Frühmesse begann, so leicht wie möglich machten. Ihre Mutter war vor drei Jahren gestorben, die größere Schwester längst verheiratet, und die drei älteren Brüder lebten nicht mehr in Prag, sondern in Wien, wo sie ihren Pflichten am kaiserlichen Hof nachgingen.

Lange hatte der Vater nach einem geeigneten Aufenthaltsort für sie gesucht, doch erst nach mehreren Anträgen war ihr einer der begehrten Plätze des Damenstifts zuerteilt worden. Sie hatte nicht widersprochen. Auf Dauer konnte sie nicht mit dem Vater zusammenleben, es gehörte sich nicht, außerdem verschlang ein solches Leben viel Geld. Bis zu ihrer möglichen Heirat würde sie im Damenstift untergebracht sein, zumindest die Hälfte des Jahres, nur im Sommer würde sie den Vater auf seine Landgüter begleiten, wo sie auch ihren noch unverheirateten Brüdern wieder begegnen würde.

Sie versuchte, das elterliche Palais im Dunkel zu erkennen, doch als sie es aus dem Schwarzgrau der gedrängt stehenden Häuser nicht herausfand, begann sie zu beten. Sie murmelte »Heilige Jungfrau Maria«, doch die Worte erschienen ihr fremd, sie hörte sich ängstlich flüstern und spürte die nächtliche Kälte, so daß sie das Fenster schloß und begann, sich anzukleiden. Sie fühlte sich schwach, das Kleid schien sich wie ein schweres Gewicht auf ihren Körper zu legen. Sie dachte daran, sofort zu beichten, doch sie ließ den Gedanken rasch wieder fallen, so ein Ansinnen hätte zuviel Aufmerksamkeit erregt.

So stand sie am Fenster, wagte sich nicht zur Tür und scheute vor dem Bett weiter zurück. Es war, als hielte man sie gefangen und als könnte sie sich nicht mehr frei bewegen. Sie kniete sich hin und nahm das Brevier aus der Tischlade. Das laute Lesen war besser als das Murmeln zuvor. Sie fand viel Lateinisches und suchte die Seiten nach kaum verständlichen Stellen ab. Sie las unbeweglich, ohne abzusetzen, und sie nahm sich vor, es bis zum Morgengrauen zu tun.

Doch immer wieder tauchten die furchterregenden Bilder auf, sie schienen sich unter dem Türspalt, dem sie den Rükken zukehrte, hindurchzuzwängen. Dann sah sie die Gesichtszüge eines großen, kräftigen Mannes, vor dem die sonst verschlossene Tür ganz leicht aufsprang. Sie sah seinen Hut, den ein weißer Federbusch krönte, er warf ihn beim Hineinkommen in die Richtung der Tür, und sie erkannte den Degen mit einem kunstvollen Knauf, den zwei sich aufbäumende Schlangen verzierten. Er ließ ihn zur Seite, gegen die Wand fallen, während er mit der Rechten spöttisch grüßend durch die Luft fuhr, so daß sie den Löwenkopf seines Rings im Dunkel aufblitzen sah.

Er hatte sich über ihr Bett gebeugt, von seinem festen, zupackenden Griff war sie erwacht. Noch im Erwachen hatte sie sein Lachen gehört, das Lachen eines durch nichts aufzuhaltenden, zügellosen Menschen, und während sie sich gegen seine Zudringlichkeiten gewehrt hatte, war es ihr so vorgekommen, als lauerten vor der geöffneten Tür die neugierigen Augen der Prager Gesellschaft darauf, daß dem Eindringling sein grausames Vorhaben gelinge.

2

Casanova erwachte. Einen Augenblick lang versuchte er sich zu erinnern, richtig, gestern abend war er in Prag eingetroffen, er war jetzt in Prag, solch einen frühmorgendlichen Lärm gab es nur in dieser Stadt, die zu viele Musiker beherbergte, Blechbläser vor allem, die sich anscheinend schon sofort nach dem Erwachen an ihre Instrumente machten. Er reckte sich auf und lauschte ins Dunkel. Wahrhaftig, da blies jemand auf der Trompete, spitze, an der Decke entlanglaufende Töne, die sich zu knatternden Schauern verdichteten, unglaublich.

Er preßte die Zeigefinger in die Ohrmuscheln, doch das half nichts, jetzt hörte er sogar noch ein zweites Instrument, eine Klarinette, ja, eine sich verausgabende, Ton für Ton eine nicht enden wollende Treppe herunterpolternde Klarinette. Auf dem Tisch stand das Nachtglöckchen; es war aus Kristall, ein winziges Spielzeug, er läutete, so heftig er konnte, aber der zarte Glasklang wirkte gegen die Klänge von draußen nur wie ein schwaches, sich im weiten Raum verflüchtigendes Mäuserascheln.

Doch immerhin, die Tür öffnete sich. Casanova erkannte einen jungen, schlecht gekleideten Mann, der sich dem Bett näherte. Er machte eine umständliche Verbeugung, wahrscheinlich stammte er vom Land, die meisten jungen Diener kamen von dort, man konnte ihnen die Steifheit nicht austreiben.

»Guten Morgen, gnädiger Herr«, sagte der Bursche. »Graf Pachta hat mir aufgetragen, Ihnen als seinem willkommenen Gast behilflich zu sein. Er sagte, ich solle mir Mühe geben, Sie zufriedenzustellen. Der Herr Graf ist in der Früh nach Wien abgereist, wo er seine Söhne besucht.«

»Was redet Er da?« Casanova setzte sich auf. »Warum erklärt Er mir, was ich längst weiß? Ich habe gestern abend noch mit dem Herrn Grafen gespeist.«

»Verzeihen Sie, gnädiger Herr, das wußte ich nicht«, antwortete der Bursche. »Der Herr Graf hatte wenig Zeit in der Früh. Mit mir wechselte er nur einige Worte.«

»In der Früh? Wann in der Früh? Wie spät ist es denn?«

»Gegen Zehn, beinahe Zehn, wenige Minuten vor Zehn.«

Casanova drehte sich zur Seite und schwenkte die Füße auf den Boden. »Schon Zehn? Rasch, ich stehe sonst niemals so spät auf. Die Vorhänge und die Läden geöffnet!«

Der Junge ging schnell zu den Fenstern, zog die schweren Vorhänge auf und öffnete mit geübten Handgriffen einen Laden nach dem andern. Die Musik war noch lauter geworden, zwei Trompeten, eine Klarinette, eine Oboe.

»Was ist das denn für ein Lärm? Es ist unerträglich, verdaut man in Prag Noten zum Frühstück?«

»Entschuldigen Sie, es sind Mitglieder der Hauskapelle des Grafen, gegen Zehn beginnen sie mit den Proben.«

»Gegen Zehn! Wenn sie morgens so loslegen, werden sie am Abend erschöpft sein.«

»Ich werde es ihnen ausrichten.« Der Bursche verneigte sich, er war in der Nähe der Fenster stehengeblieben. Casanova beugte sich vor. Nein, er sah nicht übel aus, groß, schwarzhaarig, ein schmaler, feiner Kopf, Graf Pachta hatte ihm einen hübschen Jungen an die Seite gegeben.

»Wie heißt Er? Wie ruft man Ihn hier?«

»Ich heiße Paul, gnädiger Herr.«

»Und ich heiße Giacomo, Signor Giacomo!«

»Jawohl, gnädiger Herr!«

»Nicht gnädiger Herr, nichts davon! Signor Giacomo, nur das, hast Du verstanden? Ich werde Dich Paolo nennen, das kommt mir leichter über die Lippen.«

»Ich habe verstanden, Signor Giacomo.«

»Du kommst vom Land, Paolo?«

»Ja, Signor. Meine Eltern sind früh gestorben, ich bin in eine Waisenschule gegangen.«

»Und was lernt man dort?«

»Das Horn blasen, Signor.«

»Das Horn? Du willst sagen, daß Du das Horn blasen kannst?«

»Ja, Signor, ich kann es sehr gut blasen, auch ich spiele in der Kapelle des Grafen, seit mehr als vier Jahren.«

»Wie alt bist Du?«

»Neunzehn Jahre, Signor. Der Herr Graf hat meine Ausbildung bezahlt, viele Hohe Herren machen das so, denn viele der Hohen Herren halten sich eine eigene Kapelle oder sogar ein großes Orchester.«

»Das Horn ist ein edles Instrument, Paolo, ich liebe das Horn. All dieses Bläsergeschmetter da draußen ist nichts gegen den Wohllaut des Horns, habe ich recht?«

»Signor Giacomo ist zu freundlich, ich danke Ihnen.«

»Nun gut, Paolo, wir werden uns schon verstehen. Beginnen wir diesen Tag mit einem exzellenten Frühstück!«

»Gern, Signor Giacomo, ich eile sofort in die Küche!«

Casanova lächelte, der Bursche war schon an der Tür. »Warte, so warte doch! Was willst Du mir bringen, aus Deiner Küche?«

»Das Frühstück, Signor.«

»Das Frühstück! Woraus besteht denn Dein Frühstück?«

»Kaffee, Signor Giacomo, Brot, Butter, vielleicht etwas Käse und ein paar Eier?«

»Aber Paolo, Du wirst lernen müssen, viel lernen. Ich wünsche Kaffee, ja, aber den kräftigen, schwarzen, und Brot, ja, aber das duftende, weiche, leicht süße, Rahmbutter dazu, drei sehr weiche Eier. Dann Orangengelee und etwas Schale von der Zitrone, denn das Gelee machen die Prager zu süß, weil sie nichts davon verstehen. Das Ganze stell bitte hier auf den kleineren Tisch, es soll mir den Mund lediglich wässern. Denn wenn mir das alles gemundet hat, wechsele ich hinüber zum größeren Tisch, wo das Frühstück eingenommen wird: einen kleinen Teller mit Sardellen, etwas vom gestrigen Braten, dunkle Oliven, einen reifen, am besten schon leicht zerlaufenen Käse, dazu das dunkle Nußbrot. Ein Glas Wein könnte nicht schaden. Und nun lauf!«

Paolo zögerte einen Moment, dann verbeugte er sich und verschwand. Casanova stand auf und begann, sich anzukleiden, während er das Zimmer durchschritt. Die Räume in diesem stillen Seitenflügel, den niemand außer ihm bewohnte, waren herrschaftlich groß, wie für ihn geschaffen. In seinen besseren Tagen hatte er in solchen Räumen gelebt, in Venedig, in Paris, in London, in den Hauptstädten der Welt. Gewiß, diese hier wirkten gedämpfter, ein wenig gedrückt, aber in Prag gehörten sie zum Besten, was es gab. Mit Paris oder Venedig konnte Prag sich natürlich nicht messen, im Grunde war Prag eine Provinzstadt und die geschmackvollsten Häuser erinnerten einen höchstens an Wien.

Ein Glück, daß er mit dem Grafen Pachta seit langem befreundet war, so brauchte er sich keine Zimmer zu mieten oder gar ein Quartier in einem der Gasthöfe zu suchen. Hier, in diesem verlassen wirkenden Seitenflügel des Pachtaschen Palais, war er ungestört und wurde zudem noch fürstlich versorgt. In Ruhe konnte er seine Gedanken aufs Papier bringen, Besuch empfangen, sich den Lektüren widmen. Der Graf würde einige Zeit verreist sein, das war nur von Vorteil, denn sonst hätte ihn dieser alte Schwätzer ununterbrochen belästigt und ihn nach längst vergangenen Geschichten gefragt.

Etwa dreißig Bediente hatte der Graf, die Mitglieder der Kapelle nicht gerechnet. Hätte man ihm, Giacomo Casanova, freie Hand gegeben, so hätte er mit Hilfe dieser Bedienten herrliche Feste gefeiert, für eine kleine Schar sorgfältig ausgesuchter Menschen von Stand und mit Geschmack! Denn der Graf, nein, der verstand nichts davon, er überließ solche Dinge den Köchinnen, die ihn seit Kindesbeinen mit immer denselben Speisen versorgten, schweren, zerkochten Gerichten, wie man sie auf dem Land aß, woher die Köchinnen stammten, die nie in einen italienischen oder französischen Kochtopf geschaut hatten, nein, nie. In den kommenden Wochen würde er ihnen etwas von diesen fremden Kochkünsten beibringen, bis sie es nicht mehr wagten, den Braten in dunklen Saucen zu verkochen. Austern, gefüllte Perlhühner, Kutteln auf venezianische Art! Ja, langsam und unauffällig würde er in diesem Palais die Regie übernehmen, und wer weiß, vielleicht wäre es am Ende doch möglich, aus diesem Palais, das viel von seinem alten Reiz verloren hatte, ein wahrhaft herrschaftliches und sogar gastfreundliches Haus zu machen!

Doch um das zu erreichen, mußte er sich das Wohlwollen der Dienerschaft sichern, zunächst mußte er Paolo für sich gewinnen, dann die Frauen der Küche, langsam, wie eine Krake, würde er seinen geheimen Einfluß ausdehnen, bis er sogar der Kapelle, die wahrscheinlich nichts anderes als böhmische Tänze kannte, die richtigen Töne beigebracht hatte. Eine solche Aufgabe, ja, die war seiner würdig! In Prag einen Glanzpunkt zu setzen, für einige Wochen, so hell, so erregend, daß man noch lange davon sprechen würde!

Aber zunächst hatte er noch einiges zu erledigen, dies und das, Besuche, ein paar Gespräche. Wo hatte er den Brief bloß hingesteckt? Er öffnete die Schublade des Nachtschränkchens und zog ihn heraus. Richtig, damit würde er den Anfang machen, mit diesem Halunken! Sie würden sich um den Hals fallen und so tun, als wären sie die besten Freunde, seit langem. Aber er wußte, wen er vor sich hatte, so wie er jede Regung dieses Halunken seit ihrer ersten Begegnung vor vielen Jahren kannte. Sie waren beide Venezianer, doch er, Giacomo Casanova, war der ältere, klügere, weitgereiste, der wahre Sohn Venedigs, während der Halunke bloß eine mißratene Fehlgeburt war, die durch viele Zufälle zu leidlichem Ruhm gekommen war. Er würde sich einen Spaß daraus machen, ihn an der Nase herumzuführen, diesen Prag-Aufenthalt sollte er in schlechter Erinnerung behalten, dafür würde er sorgen!

Paolo klopfte, öffnete die Tür und kam mit einem großen Tablett herein. Er stellte alles auf den kleinen Tisch und seufzte laut: »Mehr konnte ich so schnell nicht beschaffen, Signor Giacomo! Die Köchin sagt, der Herr Graf habe nur sehr bescheiden gefrühstückt.«

»Was erlaubt sie sich, diese Köchin?« rief Casanova und lief sofort an den Tisch, um das Beschaffte zu mustern. »Ein matter Kaffee, kein schwarzes, trockenes Brot, am Rand schon hart, ein Stück Käse, das seine Träume ausschwitzt, bleiche Butter... und was ist das, was soll das sein?« Er nahm eine in Scheiben geschnittene, klebrige Substanz von einem Teller und hielt sie in die Höhe.

»Quittenspeck, Signor Giacomo.«

»Quittenspeck? Damit füttert man in Venedig die Affen, wenn sie an Verstopfung leiden.«

»Ich werde es der Köchin sagen, sofort«, antwortete Paolo und wollte sich auf den Weg machen, als Casanova ihm beschied, das Zimmer nicht zu verlassen. Er setzte sich an den kleinen Tisch, beugte sich über die Tafel und begann mit beiden Händen zu essen. Paolo wich einige Schritte ans Fenster zurück, er hatte noch nie einen Menschen so essen sehen. Mit der Rechten tunkte er das Brot kurz in den Kaffee, bestrich es mit der Linken mit Butter, schleifte es mit der Rechten durch etwas Eigelb und setzte dem kleinen Bau einen Käsespan auf. Noch während er kaute und schluckte, ließ er das Eigelb auf einem Teller zerlaufen, bröselte das Brot hinein, wälzte die Sardellen, goß etwas Wein dazu und löffelte alles in den Mund, jeden Happen mit einem Schluck Kaffee versetzend.

»Noch etwas Kaffee und mehr Wein!« hörte Paolo ihn rufen, und er näherte sich dem Tisch vorsichtig, als geriete er in die Nähe eines fremden und vielleicht doch gefährlichen Tiers, das ihn jederzeit anfallen konnte. »Rascher!« befahl Casanova jetzt, und dieser energische Ruf tat sofort seine Wirkung, denn Paolo goß nach und blieb nun in der Nähe des Tisches, während Casanova den Wein in den kleinen Schüsseln und auf den Tellern verteilte und jeweils mit einer anderen Zutat füllte. Unablässig mischte, knetete und verstreute er die verschiedenen Speisen, Paolo konnte diesem schnellen Treiben kaum noch folgen, es war, als habe der gnädige Herr vor, all diese Substanzen mit der Zeit zu einer einzigen zusammenzurühren, der einzig richtigen, einer Art Creme oder Sauce, die das kleinste Tellerchen füllte.

Jetzt nahm er den Kaffeelöffel und kostete, wahrhaftig, es schien ihm sogar zu schmecken, denn für einen Moment schloß er die Augen, während er die Paste weiter abschmeckte. »Paolo, Du wirst der Köchin ausrichten, aber nein, ich werde selbst mit ihr sprechen, das morgige Frühstück soll mir behagen. Und dieses Zimmer... – wir werden es illuminieren. Den Schreibtisch rückst Du ans Fenster, ich brauche Kerzen, so viele Du auftreiben kannst! Schalen mit Obst und kandierten Früchten hier auf den kleinen Tisch, auf den großen gehören Karaffen mit Wein und Wasser und mit Likör, dazu Gebäck, kleine Kuchen, ich werde noch genauere Anweisungen geben! Doch zunächst brechen wir auf, Du wirst mich begleiten. Ein lieber Freund will mich sehen, in einem Gasthaus am Kohlmarkt, er hat mir in einem leidlich gelungenen Brief jedenfalls mitgeteilt, daß er sich dort aufhalte. Lassen wir Signor Lorenzo da Ponte nicht warten, er meldet, daß er sehr viel zu tun habe, er schreibe den Text für eine Oper, nur den Text, das Libretto, ein paar Verse, mehr nicht, das hält er für Arbeit, nun gut, lästern wir nicht, es soll uns eine Freude sein, Signor Lorenzo zu begrüßen.«

Er deutete auf einige herumliegende Kleidungsstücke, und Paolo bemühte sich, ihm alles möglichst schnell zu reichen. Noch während er den Mantel umlegte, nahm er den letzten Schluck Kaffee, und noch als er in der Tür den Hut mit dem weißen Federbusch aufsetzte, trank er den letzten Tropfen Wein aus einem silbernen Becher, den er auf die Reise mitgenommen hatte, wie ein Spielzeug, das er zu seinem Amusement brauchte.

3

Lorenzo da Ponte saß noch im Theater. Er wartete auf einen der Sänger, den jungen Luigi, der in der Oper die Hauptrolle singen würde. Gestern hatte sich Luigi während der Proben über diese Rolle beklagt, beinahe ausfallend war er geworden, weil er die großen Auftritte vermißte. Kaum eine Arie, höchstens dann und wann ein Duett, das würde er sich nicht gefallen lassen!

Mit Luigi durfte man es sich nicht verderben. Er war der Liebling der hohen Damen, die jeden seiner Bühnenschritte mit ihren winzigen Operngläsern aus den Logen verfolgten, und er war ein kluger, gewitzter Bursche, der sich manchmal einen Spaß daraus machte, eine Rolle zu parodieren. So einer hatte großen Einfluß auf das ganze Ensemble, denn er gab den Ton an, hielt die anderen bei Laune und flüsterte ihnen so lange seine Meinung über das Stück zu, bis sie diese Meinung für ihre eigene hielten.

Jetzt aber verspätete er sich, natürlich, er ließ ihn, Lorenzo da Ponte, warten, um ihm seine Verachtung zu zeigen! Im Grunde wäre es auch Sache des Komponisten gewesen, mit Luigi zu sprechen, doch der Maestro kümmerte sich nicht um solche Dinge. Seit Tagen erklärte der Maestro, daß er zu arbeiten habe und sich nicht mit den Details beschäftigen könne, schließlich müsse die Oper fertiggestellt werden, und vor allem darauf komme es an.

Aber warum war sie nicht fertig? Warum hatte sich Mozart in den letzten Monaten nicht hingesetzt, um die Oper flüssig, in einem Zug, Stück für Stück zu beenden? Sogar am Text hatte er noch immer etwas auszusetzen, so daß der Schluß des Stückes noch fehlte! Wie sollte man mit den Sängern die ersten Szenen proben, wenn nicht einmal klar war, wie die letzten aussehen würden? Doch damit konnte man den Herren Komponisten nicht kommen, sie hielten sich für einzigartig, weil ihre Tonsetzerei eine Gabe des Schöpfers sei, die höchste und anspruchsvollste Gabe der Künste, den himmlischen Gaben des Schöpfers selbst vergleichbar, der Himmel und Erde einmal selbst zum Klingen gebracht hatte!

Und der Text?! Niemand begriff, daß es doch vor allem auf den Text ankam, auf die Leichtigkeit der Worte, ihr Säuseln und Zischen, auf ihren Klang, auf die Führung der Handlung, auf die Figuren, strahlende, feurige Erscheinungen, die das Publikum für sich einnahmen! Erst der richtige Text entlockte den Herren Komponisten die Musik, ein gut gesetztes Wort zog die Töne an wie Magie!

Jetzt wartete er schon eine halbe Stunde. Er stand auf und ging durchs Parkett, seine Finger glitten an den Stuhllehnen entlang. Diese Oper war sein Meisterstück, ohne Zweifel! Noch nie hatte ihn sein eigener Text so mitgerissen! Meistens hatte er das Schreiben wie eine Handwerksarbeit hinter sich gebracht, doch diesmal war es anders gewesen. Er hatte den Stoff ausgesucht, niemand anders! Wie er darauf gekommen war, daran konnte er sich selbst nicht mehr erinnern; von einer Sekunde auf die andere hatte das Bild des Verführers vor ihm gestanden wie ein fremdes und teuflisches Spiegelbild seiner selbst. Es war wie ein Wink aus dem Jenseits gewesen, und so hatte er sich sofort daran gemacht, die ersten Szenen zu schreiben.

Mozart, ja, Gott, den hatte er erst überzeugen müssen, der hatte sich anfangs nicht anfreunden wollen mit diesem Stoff, doch wann hatte der sich überhaupt schon einmal auf den ersten Blick für einen Stoff begeistern können? Heute so, morgen so, die Herren Komponisten hatten etwas Flatterhaftes, Unstetes, denn von jeder neuen Oper hing deren Zukunft ab, und es kam darauf an, ganz unbedingt zu gefallen, wie im Sturm sollte das Publikum gewonnen werden! Jede Oper war eine Sache des Herzens, eine Entfesselung der Gefühle, da durfte es nicht die geringste Nachlässigkeit geben!

Jetzt hörte man aus den höher gelegenen Räumen die Stimmen der Sängerinnen, die ihre Arien probten. Teresa, ja, sie war die Schönste, mein Gott, was war sie doch für eine Schönheit! Und Caterina, ja, auch sie war nicht zu verachten, wenn ihre Mutter sie nicht unablässig begleitet hätte! Caterina schied also aus, die kam nicht in Betracht, mit einer solchen Mutter legte man sich besser nicht an. Und Teresa? Ach, er hatte sich Mühe gegeben, doch sie war eitel und hochnäsig! Schon beim ersten Zusammentreffen hatte sie ihm zu erkennen gegeben, daß sie seine Schmeicheleien nicht beachtete, er hatte sich noch so sehr anstrengen können!

Und genau das, das machte ihm hier in Prag schlechte Laune! Er war es nicht gewohnt, die Nächte allein zu verbringen! Sich nachts, nach einem guten Souper, allein in ein Bett zu legen, das gehörte sich nicht! Ja, es war empörend, daß man ihn hier herumlaufen ließ wie einen, der sich bereits süchtig nach den erstbesten Mädchen umschaute! Heute morgen war ihm auf dem Weg zum Theater eine Mandelmilchverkäuferin begegnet, er hatte zwei Gläser dieses ekelhaften Gesöffs getrunken, nur um das Kind unter die Arkaden drängen zu können, wo er versucht hatte, ihm einen Kuß, einen scheuen, zurückhaltenden Kuß, zu entlocken! Sie hatte das Glas fallen gelassen, die dumme Gans, das hatte für Aufsehen gesorgt und er hatte, um dieses Aufsehen gleich zu beheben, für fünf Gläser bezahlt!

In Wien, ja, in Wien, dort hatte ihm ein wunderbares Geschöpf zur Seite gestanden, gerade sechzehn Jahre alt war sie gewesen, im Zimmer nebenan hatte sie auf ihn gewartet, und er hatte nur zu klingeln brauchen, schon war sie erschienen! Sie hatte ihm eine Flasche Tokajer gebracht und Tabak aus Sevilla, auch etwas Bisquit oder eine vorzügliche Schokolade, und sie hatte sich zum Dank alle Freundlichkeiten gefallen lassen. In den Nächten hatte er am Textbuch geschrieben, und sie hatte für ihn gewacht, nebenan, um ihm in schwachen Momenten zur Seite zu stehen und dafür zu sorgen, daß seine Kräfte sich wieder erneuerten!

So ein geschmeidiges, stilles und duldsames Wesen, das ihn hatte gewähren lassen und ihm all seine Wünsche erfüllt hatte, suchte er hier wohl vergebens! Meist war es ihm sonst ja gelungen, eine Sängerin für sich zu gewinnen, doch er würde sich nicht zum Narren machen und Teresa umschwärmen, tagelang, um am Ende doch nur davonzuziehen wie ein Hund, den man vor die Tür gejagt hatte!

Wie sehnte er sich nach einer Berührung, danach, mit den Fingern am Saum eines Kleides entlangzustreifen, die Kuppen gleiten zu lassen über ein schmales Stück Haut, diese weiche Glätte zu spüren und später den feinen Duft einzuatmen, den die Fingerspitzen absonderten! Hier aber hatte es nur dazu gelangt, einen Handschuh Caterinas an sich zu bringen, einen weißen, seidenen Handschuh mit kaum sichtbaren Puderspuren, an denen er schnüffelte, wenn er sich an seine Wiener Eroberung zu erinnern versuchte!

Diese schändlichen Morgen, wenn er erwachte und seine Hand ins Leere griff und wenig später der Herr Komponist, der im Gasthof gleich gegenüber wohnte, vor der Tür stand und klopfte! Mozart war mit seiner hochschwangeren Frau angereist, man sprach davon, daß sie ihn begleite, damit er nachts nicht allein sei, doch wie er ihn kannte, den Kompositeur, würde der sich etwas einfallen lassen, die Nächte nicht neben einer Schwangeren zu verbringen, wie sollten einem da schon Ideen kommen, denn Ideen brauchten Raum, Spiel und Verrücktheit!

Jetzt reichte es aber, jetzt hatte Luigi ihn lange genug warten lassen. Wie schön Teresa doch sang, wie schön! Er schüttelte den Kopf, eilte in die Garderobe und zog sich den weiten Mantel an. Da lag der Handschuh, er fächelte sich damit zu, bevor er ihn in die Manteltasche steckte. Einen Augenblick streifte er mit den Fingern über die Lippen, dann schaute er kurz auf den schweren Ring, den er an der Rechten trug. Immer, wenn er diesen Löwenkopf sah, glaubte er, in einem Spiegel das geliebte Venedig zu sehen. Er behauchte den Ring, rieb ihn kurz am Mantel und machte sich auf den Weg, seinen alten Freund Giacomo Casanova im Gasthaus am Kohlmarkt in die Arme zu schließen.

4

»Giacomo!«

»Lorenzo!«

»Wie habe ich Dich vermißt, mein Alter!«

»Und ich Dich, mein Sohn!«

Sie umarmten sich, Signor Giacomo empfand einen starken Widerwillen gegen diese herzliche Geste, denn da Ponte liebte noch immer die großen Gebärden, er verwechselte eben das Leben mit schlechtem Theater. »Setz Dich zu mir«, tat Casanova jedoch freundlich, »ich warte schon eine Weile auf Dich. Trinken wir ein Glas Wein, ich möchte hören, wie es Dir hier ergeht!«

Sie nahmen beinahe zugleich Platz, Casanova bestellte, während da Ponte sich mit den Fingern an den Schläfen entlang fuhr. »Lieber, es ist entsetzlich! Nichts will sich fügen, die halbe Welt arbeitet gegen mich – und warum? Weil sie mein Werk nicht verstehen! Sie begreifen nicht, was ich ihnen vorgesetzt habe, die Oper der Opern, ein Meisterwerk an Sprache und Klang! Der Herr Komponist sammelt Einwand auf Einwand und ist mit dem Komponieren noch lang nicht am Ende! Die Sängerinnen und Sänger melden ihre Ansprüche an und streiten sich untereinander um jedes Duett, jeden Morgen soll ich den Stift neu ansetzen, um etwas zu korrigieren, neu zu schreiben, zu erweitern! Und dabei sollte die Komposition längst abgeschlossen sein und das Textbuch längst fertig, so daß ich es zum Druck bringen könnte! Ich bitte Dich, geht man mit dem Librettisten des kaiserlichen Hofes zu Wien so um?«

Casanova beugte sich vor und legte ihm die Hand auf die Schulter. Es war das altbekannte Reden und Klagen, so hörte sich das meist an, wenn ein mittelmäßiges Talent Aufhebens von seinen Aufträgen machte. »Ich verstehe Dich, Lorenzo, ich leide mit Dir! Aber warum schreibst Du nicht für die Komponisten, die Dich verstehen, blind verstehen, ohne ein Wort? Mozart – das ist etwas anderes, jeder sagt es, das ist einer, dem es niemand recht machen kann, weil er seinen Platz nicht gefunden hat in der Welt, trotz und wegen seines frühen, rasch verflogenen Ruhms. Ein Unzufriedener, ein Zu-spät-Gekommener, der nichts, rein gar nichts geworden ist an Deinem kaiserlichen Hof und der sich, um nicht ganz unterzugehen, mit Klavierunterricht für einige verstimmte Adelstöchter am Leben hält!«

Der Wein wurde gebracht, sie hoben beinahe gleichzeitig ihre Gläser, lächelten einander zu und tranken. Widerwillig bemerkte Casanova, daß sein Gegenüber das Glas auf einen Zug leerte. Er setzte seine Theaterpossen also wahrhaftig fort, er glaubte, ihn, Giacomo Casanova, mit diesen Schauspielerattitüden beeindrucken zu können! Wie ungepflegt er doch aussah, mit seinen langen, ungekämmten Haaren, die in fettigen Locken auf den vergilbten Kragen fielen! Die Finger der rechten Hand hatten einen bräunlichen, schmutzigen Ton, wahrscheinlich vom Stopfen der Pfeifen, von denen er jetzt wieder eine hervorzog, um sie in Brand zu setzen. Rauchen war das typische Laster solcher Naturen, die von nichts etwas verstanden und den ganzen Tag mit Unterhaltungen zubrachten! »Aber was klagen und reden wir, lieber Lorenzo« , fuhr er fort, »von nun an wird sich alles zum Besseren wenden. Wir haben uns immer vorzüglich verstanden, kein Wunder, wir kommen aus derselben herrlichen Gegend Europas, der schönsten von allen, mit der verglichen diese Pflaster hier nichts anderes sind als Stall- und Provinzböden! Sprechen wir also von Deiner Oper, ich werde mich bemühen, ein guter Zuhörer zu sein!«

Darauf hatte er gewartet, natürlich, darauf, daß man ihm schmeichelte und ihn auf seine Arbeit ansprach. Jetzt richtete er sich auf, winkte nach einer Karaffe, jetzt legte er sich seine Munition zurecht, jetzt würde er sie abschießen, es war beinahe nicht zu ertragen, wie dieser Casanova einen hinhielt. Was war es denn? Welcher Stoff? Welche Figuren? Was hatte er zusammengezimmert, zur Oper aller Opern? Etwas ganz Neues, womit niemand rechnete, oder hatte er sich, was viel wahrscheinlicher war, an alte, vielleicht sogar antike Stoffe gehalten? Wenn er in Zeitnot war, hatte er sich bisher immer zu den antiken Stoffen geflüchtet, die polierte er auf oder dehnte sie so in die Länge, daß es für zwei Stunden reichte!

Endlich, die Karaffe! Wie er sich einschenkte, als erster, dann, kopfschüttelnd, als habe er seinen Fehler bemerkt, auch dem Älteren! Jedesmal, wenn er das Glas an den Mund führte, liefen ihm einige Tropfen am Kinn herunter, auch damit wollte er Eindruck machen, sicher hatte er es vor dem Spiegel geprobt, das Tragödiensaufen, das ihm in Wien die Tenöre vorgemacht hatten! Tenöre tranken zu schnell oder gar nicht, während die Bässe meist langsam und gründlich tranken, aber auf welche Gedanken brachte einen dieser Wortdrechsler am kaiserlichen Hof zu Wien?

»Der Stoff, das Sujet – es ist delikat«, begann da Ponte. »Ich habe es lange bedacht, seit vielen Monaten, seit feststand, daß die Oper zuerst in Prag zur Aufführung kommen soll, in einer Stadt, in der man von der Musik, ich sagte von der Musik, mehr versteht als irgendwo sonst in Europa. Mit Venedig, nun gut, natürlich, nein, ist es nicht zu vergleichen, aber was die Musik betrifft, und ich spreche nur von der Musik, ist Prag so etwas wie die Hauptstadt Europas, da wirst Du mir zustimmen!«

»In der Tat«, Casanova nickte beflissen, »in der Tat, sie spielen hier ganz unvergleichlich. Ich hatte das Vergnügen, von Ihnen geweckt zu werden, in meinem Palais, heut in der Früh. Sie hatten sich ein Ständchen für mich ausgedacht, fabelhaft, und ich hörte den Schmelz ihrer Bläser aus dem Entreesaal meines Schlafgemachs wehen, zu mir herüber, an mein Ohr!«

»In Deinem Palais? Du wohnst in einem Palais?«

Jetzt hatte er den ersten Gegentreffer gelandet! Damit hatte er nicht gerechnet, dieser armselige Arienschmied! Er, Signor Giacomo, hatte seine Einleitung glänzend pariert! »Mehr davon später, mein Lieber, viel später! Erst erzählst Du uns von Deinem Geniestreich! Es gibt nichts, was ich jetzt sehnlicher zu hören wünschte!«

Da Ponte lehnte sich noch einmal zurück, zog an der Pfeife, lächelte geheimnistuerisch und flüsterte: »Don Juan, mein lieber Giacomo, Don Juan ist der Held meiner Oper! Es ist Nacht, niemand bewegt sich mehr in den Straßen der Stadt! Da hört man einen furchtbaren Schrei, den Schrei einer Frau, ja, ihre gepeinigte Stimme! Sie ist auf der Flucht, sie flieht aus dem elterlichen Palast, in den der Wüstling eingedrungen ist! Sie will ihm entkommen, ihm, Don Juan, der sie am Abend gesehen hat, irgendwo. Er ist ihr verfallen, er muß sie sehen, er will sie besitzen, so wie es ihm meist mit den Frauen ergeht, Hunderte, Tausende hat er erobert, längst kann er sich nicht mehr erinnern, wie viele es eigentlich waren...«

Casanova erstarrte. Er hatte wohl nicht richtig gehört! Don Juan?! Diese alte Posse? Ein Stoff, mit dem man sich jetzt in den Puppentheatern die Zeit vertrieb? Don Juan, der Wüstling, der die Frauen wie ein Jagdhund verfolgte und dafür später in der Hölle büßen mußte, nach seinem Höllensturz, über den sich heutzutage schon die Kinder amüsierten? Es war eine jahrhundertealte Klamotte, er, Signor Giacomo, hatte selbst schon viele Opern gesehen, die sich dieses Stoffs angenommen hatten, doch alle waren kläglich gescheitert! Denn, ja, im Grunde war es eine Hanswurstgeschichte, eine Sache, die keiner mehr ernst nahm, etwas für den Pöbel, der solche Märchen höchstens noch schätzte!

Er nahm einen Schluck und tat erstaunt. »Lorenzo, welch ein Wagnis und was für ein Stoff! Viele könnten Dir vorwerfen, Du machtest es Dir leicht, weil Du eine alte Geschichte zum Leben erweckst! Aber ich, ich kann mir denken, daß Du ihr eine Feinheit verleihst, einen Schliff, einen Reichtum von Nuancen, der sie trotz ihres Alters unverwechselbar machen wird.«

»Das ist es, Giacomo, genau das! Wer hat von dieser Geschichte nicht schon gehört? Sie nachzuerzählen ist leicht, und so viele Librettisten haben sich nicht die geringste Mühe mit ihr gegeben! Doch ich, Lorenzo da Ponte, ich habe sie erstmals ganz erfaßt, als erster werde ich ihr die große Form geben, und niemand, ich sagte niemand, wird es noch einmal wagen, sie neu zu gestalten!«

Casanova schaute ihn lange an. Er redete ja wirklich so, als bedeutete ihm diese Geschichte etwas! Sein Gesicht war leicht fleckig vor Aufregung, und seine Finger zitterten, wenn er die Pfeife zum Mund führte! Die Karaffe war leer, da Ponte trank und rauchte so schnell, als lebte er von diesen Narkotika! Ein kleiner Schluck, wieder ein Schluck, dann an der Pfeife gezogen – er suchte den Rausch, als hätte ihn sein eigenes Reden in Fahrt gebracht!

»Darf ich Dich zum Essen einladen, Lorenzo? Du solltest mir die Geheimnisse Deiner Arbeit bei einer köstlichen Mahlzeit verraten!«

»Ich esse selten zu Mittag, Giacomo, dieses böhmische Essen ermüdet einen doch nur! Noch eine Karaffe, das würde mir mehr gefallen! Am Abend stehe ich Dir zur Verfügung, vielleicht in Deinem Palais?«

»In meinem Palais, abgemacht! Ich werde meinen Diener schicken, gegen acht, ist Dir das recht?«

Da Ponte beugte sich vor und umarmte ihn. Für einige Sekunden roch Casanova seinen süßlichen Schweiß, bitter und stickig, als röche man alte, getrocknete Tabakblätter, mit Rosenwasser besprengt! Warum tat er so geheimnisvoll und so bedeutsam? Und warum erzählte er ihm so passioniert von seiner Oper? Noch spielte dieser Halunke hier bloß eine Rolle, er versteckte sich, nicht einmal schlecht! Doch dahinter verbarg sich etwas anderes, eine zweite, andere, tiefer liegende Geschichte, die er, Giacomo Casanova, schon noch herausbekommen würde!

Er bestellte eine weitere Karaffe, und Lorenzo wechselte sofort das Thema, indem er den Freund aufforderte, von seinen letzten Wochen und Monaten zu erzählen. Casanova tat freundlich, er wollte ihn hinhalten, so erzählte er ein wenig, doch er fand kein Gefallen an seinen Geschichten. Lustlos und mit den Gedanken woanders berichtete er von seiner Arbeit als Bibliothekar in einem entlegenen böhmischen Schloß, in Diensten des Grafen Waldstein, nicht weit von hier. Er schilderte sich als einen wißbegierigen Alten, der statt der Menschen die Bücher zu schätzen gelernt habe, und er versuchte, ein wenig mit seinem Wissen zu glänzen.

Wissen, der Staub der Bibliotheken – Lorenzo nickte, trank und stopfte seine Pfeife immer wieder von neuem, anscheinend hörte er ihm sogar zu, als wären diese Geschichten von irgendeinem Interesse! Er aber, Giacomo Casanova, schämte sich dieser Geschichten, sie gehörten nicht zu seinem Leben, sondern waren höchstens der ferne Nachhall, das Ende nach glanzvollen Epochen ganz anderer Art! Doch davon mochte er diesem Halunken und Spieler nichts erzählen, niemandem mochte er jetzt davon erzählen!

Und so lehnte er sich nach einer Weile verstimmt zurück, griff nach seinem seitwärts auf einem Stuhl liegenden Hut, fuhr mit den Fingern sacht über den weißen Federbusch und leerte sein Glas.

»Lorenzo, ich habe zu tun – die Geschäfte! Ich erwarte Dich am Abend, dann sprechen wir weiter!«

Er stand auf, und da Ponte sprang mit der Pfeife in der Hand ebenfalls hoch. Sie verbeugten sich lachend voreinander, dann gab Casanova seinem Diener Paolo, der gewartet hatte, ein Zeichen, ihn auf dem Rückweg ins Pachtasche Palais zu begleiten.