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ANJA FÖRSTER
PETER KREUZ

Hört auf zu
arbeiten!

Eine Anstiftung,

das zu tun,

was wirklich zählt

Pantheon

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Der Pantheon Verlag ist ein Unternehmen der Verlagsgruppe
Random House GmbH

Erste Auflage
März 2013

Copyright © 2013 by Pantheon Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Umschlaggestaltung: Jorge Schmidt, München
Satz: Ditta Ahmadi, Berlin
ISBN 978-3-641-08742-5
V002

www.pantheon-verlag.de

Inhalt

Als Frank Gehry aufhörte zu arbeiten

TEIL I
ENDE

Kapitel 1

Das leere Versprechen der Fabrik

Ausnahmeerscheinungsweise

Räder rollen routiniert

Manches Leid folgt der Sparsamkeit

Haben Sie etwas anderes erwartet?

Das Versprechen

Der geplatzte Deal

Das alles und noch viel mehr

Kapitel 2

Leerpläne

Hochgradig kreativ

Zurück in die Zukunft

Höre auf deine Ohren!

Probleme über Probleme

Die wahren Schulfächer

Auf der Verliererstraße

Kapitel 3

Betriebswirtschaftsleere

Manageable

Sieben Grundsätze für den Erfolg von gestern

Das Ende der Kreidezeit

Bruchstelle

Neustart

Kapitel 4

Leere Fragen

Eine Frage der Sichtweise

Frage Nummer eins: Kannst du es messen?

Frage Nummer zwei: Was kostet es?

Frage Nummer drei: Wie lange dauert es?

Frage Nummer vier: Wie lautet die Best Practice?

Frage Nummer fünf: Was erwarten sie von mir?

Kein Happy End

TEIL II
SUCHE

Kapitel 5

Kapitulieren?

An der Grenze der Wohlfühlzone

Kapitel 6

Gute Arbeit ist schlechte Arbeit

Steine wälzen

Wer es geschafft hat ...

Drei Pfade

Leben als Ersatzteil

Wie baut man die Zukunft?

Dann doch lieber Alpakas

Kapitel 7

Mach dein Ding!

Die kalte Dusche

Was fehlt?

Was jetzt?

Kapitel 8

Hört auf zu arbeiten!

Unterm Strich

Ich bin raus!

Game over

TEIL III
ANFANG

Kapitel 9

In Resonanz

Radically thrilling

Doppelt gebraucht

Flowing

Wer macht den Stau?

Opferlämmerblick

Umständehalber Einstellungssache

Kapitel 10

Innenleben

Extremisten

Wann ist es genug?

Eine Frage von Leben und Tod

Reset

Kapitel 11

Neue Fragen

»Ja oder Nein?« – ODER: »Was wird von mir erwartet?«

»Wichtig genug?« – ODER: »Wie lange dauert es?«

»Voranschreiten ins Unbekannte?« – ODER: »Wie lautet die Best Practice?«

»Was zu tun ist« – ODER: »Wie können wir es messen?«

»Die Kalkulation des Unmessbaren« – ODER: »Was kostet es?«

Freigefragt

Kapitel 12

Die Freiheit, Großartiges zu tun

Vom Zynismus zum Idealismus

Vom Tauschhandel zum echten Engagement

Vom Konsumenten zum Bürger

Endlich frei

Is that you?

Anhang

Als Frank Gehry aufhörte zu arbeiten

Manche wissen einfach nicht, was sie gut finden, und nennen das Offenheit. Frank Gehry hatte schon immer ein untrügliches Gespür dafür, was er gut findet. Sein ausgeprägter Sinn für Ästhetik und Stimmigkeit, seine Entschiedenheit und seine klare Meinung machten ihn in den 1960er Jahren als Architekt erfolgreich. Außerdem ist er in seiner etwas kauzigen, aber immer freundlichen Art sehr sympathisch. Jedem, der mit diesem Kanadier in seiner kalifornischen Wahlheimat zusammenarbeitete, war schnell klar: Gehry Partners in Los Angeles, das ist einer der besten Architekten in der Gegend, einer, der wirklich gute Arbeit abliefert.

Er baute, was man eben so baute: Bürohäuser, Einkaufszentren und so weiter. Die Auftragslage war gut. Über knapp zwanzig Jahre hinweg baute Gehry seine Firma immer weiter aus, Ende der 1970er Jahre hatte er bereits einige Dutzend Angestellte und war gut im Geschäft.

Seine zweite Frau Berta Isabel schenkte ihm einen Sohn, und da entstand der Wunsch nach einem größeren Haus für die Familie. Gehry fand ein Haus in Santa Monica aus den 1920er Jahren, das ihm und seiner Frau sehr gefiel. Sofort hatte er einige ziemlich eigenwillige Ideen, was er aus diesem Haus machen könnte. Das war nur so eine kreative Spinnerei, nicht wirklich ernst gemeint, aber seine Frau ermutigte ihn dazu, seine Ideen in die Tat umzusetzen. Ihr war klar: In ihrem Mann steckte so viel mehr als nur ein guter Architekt und Geschäftsmann. Sie sah in ihm einen Künstler, und sie wusste, dass auch diese Seite in ihm ein Ventil brauchte, damit er glücklich sein konnte.

Sein Haus wurde zu seiner Spielwiese. Er gestaltete es um und erweiterte es, allerdings auf eine Weise, die alles außer gewöhnlich ist. Aus dem schlichten Haus machte er ein ästhetisches Feuerwerk, er weckte die verborgene Vitalität der Wände und Fenster, der Ecken und Kanten, der Winkel und Flächen. Er spielte mit dem Licht, setzte schiefe Kuben an die Wände, durchbrach Mauern, zog neue. Nach und nach entwickelte er eine Art neuer Außenhaut für das Haus. Wenn man heute daran vorbeigeht, ist man überrascht und denkt: Oh, was ist das? Eine Skulptur? Auf den zweiten Blick erkennt man dann: Oh, da ist ja noch ein Haus drinnen!

Das Haus wurde zu einem verrückten Kunstwerk – aber innen ein überraschend wohnlicher, gemütlicher, sympathischer Ort, der intensiv bewohnt wird – beileibe kein Ausstellungsstück. Bei aller Avantgarde ist das Haus immer funktionell geblieben, ja, immer funktioneller geworden, mit wunderschönen, behaglichen Räumen und großen Fenstern, die die Sonnenstrahlen hereinlassen.

Es ist keine klassische Schönheit, kein Haus, das um Aufmerksamkeit buhlt. Kein Haus, das zeigen will: Schaut her, hier wohnt ein guter Architekt! Es will entdeckt, verstanden, erobert werden. Die eigentliche Schönheit ist innen. Gehry ist davon überzeugt, dass sich niemals die Menschen einer Form anpassen müssen, sondern immer umgekehrt. Ihm ging es beim Umbau seines Hauses nicht darum, etwas »schön zu machen« oder zu optimieren. Er sagt: »In diesem Haus leben Geister. Geister des Kubismus.« – Er wollte das Haus so umgestalten, dass diese Geister dort auch weiterhin wohnen können. Er wollte, dass die Fenster aussahen, als würden die Geister daran emporkriechen.

»Weil die Fenster schräg sind«, erzählt Gehry begeistert, »wird das Licht nach innen reflektiert. Wenn man am Tisch sitzt, sieht man die vorbeifahrenden Autos. Der Mond ist an der falschen Stelle. Er steht da, spiegelt sich aber da. Man sieht ihn da oben, denkt aber, er sei dort.«

Eines Morgens ging er ins Bad, um sich zu rasieren. Aber ihm gefiel das Licht nicht. Es kam aus der falschen Richtung und war zu dunkel. Er sah sich im Bad um, holte einen Hammer und eine Leiter und ... schlug ein Loch in die Decke. Bis die Sonne durchschien. Dann rasierte er sich fertig.

Ganz schön durchgeknallt.

*

Da hatte der erfolgreiche Architekt nun also mit seinem Wohnhaus sein ganz privates Spielzeug, an dem er herumbasteln konnte. Währenddessen florierte das Business. Gerade waren alleine 45 seiner Angestellten in Projekten eines einzelnen Bauherren, der Rouse Company, involviert. Eines dieser Großprojekte war der Bau des Santa Monica Place, eines Shopping Centers in Los Angeles, das fix und fertig geplant auf seine Errichtung wartete.

Den Chef von Rouse lud er anlässlich des Baustarts zu sich nach Hause zum Essen ein. Der Mann war verblüfft, als er eintrat. Er schaute sich um und staunte: »Frank, was zum Teufel ist das denn?«

Gehry war es ein wenig peinlich: »Na ja, ich habe halt ein wenig rumprobiert ...«

Er sagte: »Hmm. Sie haben rumprobiert. Und? Gefällt es Ihnen? Es muss Ihnen ja gefallen, oder?«

Gehry war ja durchaus stolz auf sein Werk. Er sagte: »Ja.«

Der Chef von Rouse schaute ihm in die Augen: »Aber Frank! Dann kann Ihnen das hier unmöglich gefallen!«

Er deutete mit der Hand in Richtung Santa Monica Place, wo das Einkaufszentrum unweit des Gehry-Hauses errichtet werden sollte.

Gehry nickte: »Stimmt. Es gefällt mir nicht.«

»Warum haben Sie es dann entworfen?«

»Weil ich Geld verdienen muss.«

Der erfahrene Geschäftsmann schwieg. Dann schüttelte er den Kopf. »Frank ...« Er schaute sich noch einmal in dem verrückten Haus um. »Frank, hören Sie auf damit. Sie sollten wirklich damit aufhören.«

Gehry schaute zu Boden. Er verstand den Mann. Der meinte nicht etwa, dass er mit dem Rumbasteln an seinem Haus aufhören sollte, sondern dass er aufhören sollte, solche Zweckbauten wie das Einkaufszentrum zu entwerfen.

»Sie haben recht«, sagte er leise.

An diesem Abend gaben sich die beiden Geschäftspartner die Hand – und sagten alles ab. Den Architekten Gehry Partners gab es nicht mehr. Er hörte auf zu arbeiten. Seine Angestellten entließ er größtenteils. Es war vorbei.

*

Entschiedenheit ist die wichtigste Voraussetzung, um Großes zu schaffen. Ohne diese radikale Entscheidung in diesem magischen Moment an diesem Abend in seinem Wohnhaus in Santa Monica würde einer der genialsten Architekten der Welt noch immer Einkaufszentren entwerfen. Dann hätte es einige der schönsten, spannendsten und verblüffendsten Gebäude, die wir kennen, niemals gegeben. Denn nachdem Frank Gehry aufgehört hatte zu arbeiten, begann er, bedeutende Werke zu schaffen.

Es gibt manche Sachen, die einem den Atem stocken lassen, wenn man sie nur sieht. So war es bei uns, als wir in Bilbao zum ersten Mal das Guggenheim-Museum gesehen haben. Wir erstarrten. Es ist einfach nur ... wow ... ganz unbeschreiblich. Ein echter Gänsehautmoment. Der Anblick dieses Gebäudes traf uns mitten ins Herz. Dass man so etwas überhaupt von einem Gebäude sagen kann, ist erstaunlich, denn es ist ja eigentlich tote Materie, die da zusammengeschraubt, zusammengemauert, zusammengeschweißt wurde. Aber wir können es nicht anders sagen: Es ging uns zu Herzen. Diese Formen, dieses Lichtspiel, diese Spannung, diese Emotionalität ... Aus jeder Perspektive entdeckt man Neues. Das Gebäude bewegte uns tief. Wir waren sprachlos.

Ab diesem Moment war Frank Gehry für uns ein ganz besonderer Mensch, auch wenn wir ihn noch nicht persönlich kennengelernt haben. Der Mann begeistert uns. Wir verfolgen voller Bewunderung sein Schaffen und freuen uns über jedes Gebäude, das er gestaltet hat oder neu gestaltet.

Unsere Begeisterung für ihn entspringt aber nicht nur der Ästhetik, sondern wir erkennen in seinem Lebensweg auch Aspekte von uns selbst. Es liegt uns fern, uns mit ihm vergleichen zu wollen, aber so wie er haben auch wir beide zunächst Dinge in unserem Leben getan, die in erster Linie viel Geld gebracht haben. Er baute Einkaufszentren und dergleichen, wir machten Beratung. Das war okay, wir waren sogar gut, so wie Gehry in seinem Metier auch gut war. Aber es war nicht genial. Es machte uns nicht stolz. Es war Arbeit, aber es war kein Werk.

Uns inspirierte auch sehr, was nach seinem Magical Moment an diesem denkwürdigen Abend kam. Gehry war mit seinen verrückten Entwürfen ja keineswegs sofort erfolgreich. Zuerst hatte er eine Durststrecke. Eigentlich war das Vitra Design Museum in Weil am Rhein Ende der 1980er Jahre sein erster großer Auftrag, davor lagen zehn harte Jahre, in denen sich kaum ein Bauherr so recht traute, Gehrys Entwürfe auch nur mit der Kneifzange anzufassen. Aber er ließ sich nicht beirren und hielt durch. Auch diesen Aspekt kennen wir gut ...

Und dann vereint er in sich auf faszinierende Weise zwei Komponenten, die auch uns bewegen: Zum einen ist er ein Künstler, der bedeutende Werke schafft, die die Menschen berühren. Zum anderen ist er aber Chef eines Unternehmens, ein Kaufmann, der rechnet, kalkuliert und knallhart in der Sache ist: Was kostet es, wie lange dauert es, was bringt es uns. Er kann Projekte managen, er kann Termine einhalten, er kann Gewinne erzielen – er ist ein Vollprofi. Diese Kombination hat es uns angetan. Ganz offensichtlich ist er kein verkanntes Genie wie Vincent van Gogh, sondern ein erfolgreicher Künstler-Unternehmer, wie etwa Goethe oder Picasso.

Beides auf einmal zu können, die Welt der Wirtschaft mit der Welt der großen Werke zu integrieren, das fasziniert uns. Und das macht uns Mut, über unseren kleinen Tellerrand hinauszudenken und mehr zu wollen, als nur einen guten Job zu machen.

Und genau das ist es, was wir mit diesem Buch bei Ihnen bewirken wollen. Wir wollen nichts weniger, als dass Sie aufhören. Hören Sie auf zu arbeiten! Und fangen Sie endlich an, das zu tun, was Ihnen viel mehr entspricht, nämlich das, was Sie tun würden, wenn Sie die Haltung eines Künstlers einnehmen würden!

Was wir aber nicht wollen: Wir geben Ihnen mit diesem Buch keine Ratschläge, wie Sie sich selbst oder Ihr Leben verändern sollten. Wir sind nicht Ihre Ratgeber. Was wir mit diesem Buch wollen, hat ein anderer sehr treffend ausgedrückt: Der erstaunliche Psychoanalytiker Milton Wexler, der Frank Gehry über Jahrzehnte begleitete, wurde einmal von dem Filmregisseur Sydney Pollack interviewt. Der Anlass dieses Gesprächs war die großartige Dokumentation »Sketches of Frank Gehry«, die Pollack über den Stararchitekten drehte. Wexler war zum Zeitpunkt dieses Interviews 98 Jahre alt.

Eine verblüffende Ausstrahlung hatte dieser weise Mann: faszinierend klar, frisch und immer mit einem Lächeln im Gesicht, aber gleichzeitig verbal messerscharf auf den Punkt.

Ganz am Ende der Dokumentation sagt er:

»Viele Leute kommen zu mir als Therapeut, in der Hoffnung, sich selbst verändern zu können, ihre Ängste zu bewältigen, ihre Eheprobleme oder was auch immer. Sie möchten von mir wissen, wie sie ihr Leben besser in den Griff bekommen können.

Wenn aber ein Künstler zu mir kommt, will er wissen, wie er die Welt verändern kann.«

TEIL I
ENDE