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Winfried Hille

Slow

Die Entscheidung für
ein entschleunigtes Leben

Gütersloher Verlagshaus

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Umsetzung eBook: Greiner & Reichel, Köln

Covergestaltung: Gute Botschafter GmbH, Haltern am See

ISBN 978-3-641-18145-1
V002

www.gtvh.de

Inhalt

Einleitung – Stopp mal!

1. Wie die Zeit entsteht

Die Lüge vom Zeitsparen

Das Geheimnis der Zeit

Die Zeit bin ich

Die Verlangsamung der Zeit

2. Die Slow-Revolution

Das erschöpfte Ich

Slow als Akt der Verweigerung

Zurück in die Gegenwart

Die Wiederentdeckung des sinnlichen Erlebens

Das Glück des langsamen Lebens

Verschwende deine Zeit!

Sich selbst in der Zeit wiederfinden

Komm zu dir

3. Die Kunst der langen Weile

Die Kunst, nichts zu tun

Ich warte mich

Bummeln und trödeln

Schwänzen und unterlassen

Aktive Ziellosigkeit

Nichtstun für Anfänger

4. Slow Walking – Einfach nur gehen

Die Geschwindigkeit der Seele

Geht doch!

Einfach nur gehen

Das stille Glück des Wanderns

Gehen für Anfänger

5. Slow Loving – Die Wiederentdeckung der Liebe

Liebe in schnellen Zeiten

Hör auf dich!

Liebe braucht Zeit

Wecke den Forschergeist

Slow Loving für Anfänger

6. Zeit für Beziehungen

Mehr Sein und mehr sein lassen

Die schöne Langeweile

Irgendwann ist jetzt

Schreib mal wieder

Slow Family & Friends für Anfänger

7. Slow Food – Die Kunst des bewussten Essens

Achtsames Essen

Essen als Ritual

Ein Fest der Sinne

Slow Food für Anfänger

8. Slow Working – Das Richtige tun

Ohne Netz arbeiten

Das Tempo herausnehmen

Mehr Zeit für das Wesentliche

Verweigere dich!

Slow Working für Anfänger

9. Slow Travel – Die Kunst des langsamen Reisens

Ferien im Funkloch

Die Entdeckung des Kairos

Die Kunst, allein zu reisen

Slow Travel für Anfänger

10. Meine Entscheidung für ein entschleunigtes Leben

Zeit ist jetzt

Woran wir unser Herz hängen können

Slow-Rituale für Ihren Alltag

Nachwort

Literaturnachweise

Einleitung – Stopp mal!

Haben Sie es eilig? Sind Sie nur ganz zufällig über den Titel des Buches gestolpert? Aber eigentlich haben Sie gar keine Zeit, sich auf dieses Buch einzulassen? Ihnen gehen tausend andere Dinge durch den Kopf – auch jetzt, obwohl Sie schon begonnen haben zu lesen. Sie möchten zwar gerne wissen, wie das geht, die Zeit verlangsamen, Ihr Leben entschleunigen und wie Sie wieder mehr Zeit für sich selbst finden können – aber wie gesagt: Eigentlich haben Sie gar keine Zeit dazu. Eigentlich sind Sie mit anderen Dingen beschäftigt.

Glauben Sie mir, ich verstehe es sehr gut. Mir geht es genauso. Also: Willkommen im Club der Gehetzten! Offen gestanden: Auch mir fehlte die Zeit, um mich mit der Zeit zu beschäftigen. Und natürlich auch die, um darüber ein ganzes Buch zu schreiben. Die Liste dessen, was ich zuvor noch alles erledigen musste, war so unendlich lang. Und laufend kamen neue Dinge hinzu. Ich muss dazu sagen, dass ich allein lebe und infolgedessen niemanden habe, der mir auch nur die kleinste Hausarbeit abnimmt. Ich meine: Wäsche waschen, Hemden bügeln, die Wohnung sauber halten, ans Essen oder an die Geburtstagsgeschenke für meine Kinder und Enkelkinder denken. Laufend mache ich mir also Gedanken darüber, was es wohl heute bei mir zu essen gibt, wann ich die Wäsche zwischenschieben und ob ich alle Hemden auch wirklich noch bügeln soll. Und einkaufen sollte ich auch noch unbedingt. Ach ja, die Mails warten schon über 30 Minuten darauf, abgerufen zu werden. Vielleicht ist eine wichtige dabei – ich könnte ja was verpassen.

Dann bin ich außerdem noch berufstätig, niemand hat mich für die Arbeit an diesem Buch freigestellt. Also musste ich es irgendwie schaffen, Zeiten zwischenzuschieben, Zeiten, die ich eigentlich gar nicht hatte. Da kommt man schnell auf komische Gedanken: Vielleicht sollte ich auch noch die Nacht als brach liegende Zeitressource nutzen? Aber ich brauche doch auch den Schlaf, um am nächsten Tag konzentriert ans Werk zu gehen. Irgendwann schien mir meine Lage ziemlich aussichtslos, und meine innere Unruhe und Ziellosigkeit nahmen immer größere Ausmaße an.

Auch ich bin ein Bewohner des Hamsterrads, aus dem ich jeden Tag aufs Neue versuche auszusteigen. Ich ertappe mich immer wieder dabei, dass ich mich innerlich gehetzt fühle und dass ich selber es bin, der mich hetzt: schnell noch etwas nachsehen, eine Mail beantworten, schnell noch spazieren gehen, mit hängender Zunge immer leicht zu spät zum verabredeten Termin kommen oder gerade noch »auf den letzten Drücker«, ohne die Möglichkeit aufzuatmen, durchzuatmen, wahrzunehmen, wie an diesem Tag eigentlich die Luft riecht. »Jetzt mache ich noch schnell …«, das ist eine Redewendung, die ich viel zu oft gedankenlos gebrauche, und manchmal bin ich sogar stolz darauf, dass ich alles so schnell machen kann, dass ich ein so Schneller bin. Doch wozu, wenn ich nach allem, was getan werden musste, mich trotzdem unzufrieden und ausgelaugt fühle?

Es scheint so zu sein: Im Gehetztsein hetzen wir irgendwohin, auf alle Fälle von uns weg, und entfremden uns so immer mehr von uns selbst. Die Beschleunigung des Lebenstempos, das Sich-gehetzt-Fühlen und das Lebensgefühl, dass man trotzdem das Wesentliche verpasst, bringt es mit sich, dass wir alle subjektiv empfinden, zu wenig Zeit zu haben, und dass wir selbst und die Bedürfnisse unserer Seele dabei auf der Strecke bleiben.

Aber warum nehmen wir uns dann nicht ganz einfach die Zeit für die Dinge, die uns wirklich guttun? Dazu passend schnappte ich den Stoßseufzer einer Bekannten auf: »Wenn ich mir vorstelle, so wie für den Sport Zeit für die Seele einzuplanen, dann erfasst mich eine Höllenangst, dass ich etwas im äußeren Leben verpassen, dass ich abgehängt werde. Ich komme doch jetzt schon kaum nach mit allem, was von mir erwartet wird.« Doch wenn wir so gehetzt schließlich unter einem Burn-out leiden, dann verpassen wir auch viel.

Als ich das erkannte, war es nicht mehr weit bis zu dem Entschluss: Verdammt noch mal – ich nehme mir jetzt einfach die Zeit, um mich auf eine Sache zu konzentrieren! Ich nehme mir Zeit für die Zeit. Aus purem Trotz! Und wenn ich ihr nur dabei zuschauen werde, wie sie langsam vergeht. Oder mich beobachte, wie ich faul auf meinem Sofa liege, obwohl ich eigentlich so viel anderes, »Sinnvolleres« zu tun hätte.

Ich möchte endlich wissen, wer daran schuld ist, dass wir alle keine Zeit mehr für die Dinge haben, die uns wirklich wichtig sind. Und wie es dazu kommt, dass wir uns selbst, die Menschen, mit denen wir zusammen sind, die Natur, in der wir uns bewegen, darüber verlieren.

Wenn Sie bis hierhin gelesen haben, dann vermute ich, dass es Ihnen ähnlich geht. Dass Sie wissen möchten, wie Sie aus dem Hamsterrad eines immer schnelleren Lebens aussteigen und Ihr Leben verlangsamen können. Und so viel sei schon einmal verraten: Es geht tatsächlich! Es liegt ganz allein an Ihnen und dass Sie sich dafür entscheiden.

Sie wollen es wirklich? Dann schalten Sie als Erstes jetzt mal Ihr Smartphone ab, stellen Sie Ihr Telefon auf lautlos und sorgen Sie dafür, dass Sie sich ganz ungestört auf eine Sache konzentrieren: auf dieses Buch. Ich verspreche Ihnen, es lohnt sich.

Hier erfahren Sie nämlich, wie Sie es schaffen, Ihr Leben tatsächlich zu verlangsamen, wie Sie die Kunst des reinen Nichtstuns lernen und warum es sinnvoll ist, sich mehr Stunden für das Wesentliche zu gönnen. Sie erfahren, wie Sie selbst wieder zum Herrscher über Ihre eigene Zeit werden und dass Sie die Zeit dehnen können, sodass sie Ihnen viel länger vorkommt, als es die Uhr anzeigt.

Wenn Sie das wirklich möchten, dann werden Sie nicht darum herumkommen, sich dem Zeitgeist des Fast-Life ganz bewusst zu widersetzen. Wenn Sie sich nicht mehr mit der Ausflucht begnügen, dass Sie eigentlich ganz anders sind. Um wirklich anders mit sich und Ihrer Zeit umzugehen, bedarf es vor allem eines festen Entschlusses, ohne den nichts geht, zu dem ich Sie in diesem Buch ermuntern möchte. Wie ein solcher Entschluss reifen kann und wie Sie ihn jeden Tag aufs Neue festigen, dazu habe ich mich selbst und andere Leidensgenossen um mich herum beobachtet und daraus eine Menge kleiner Tipps für Sie entwickelt.

In diesem Buch geht es darum, wie wir unsere Zeit erleben und empfinden, und nicht darum, wie wir möglichst viele Aufgaben in möglichst wenig Zeit erledigen können. Es geht hier nicht um Zeitmanagement. Zeitmanager fragen sich nämlich nur, wie die uns zur Verfügung stehenden Stunden optimal genutzt werden können, sie honorieren möglichst viel Tätigkeiten, singen Loblieder auf Multitasking, ahnden Untätigkeit und reduzieren damit die Frage nach der Qualität der Zeit auf die Frage nach ihrer nützlichen Verwendung. Multitasking hat sich längst als Lüge und Verflachung des Lebens herausgestellt. Es geht mir nicht darum, wie wir die Zeit, die uns zur Verfügung steht, effektiver nutzen können. Was Sie in diesem Buch deshalb nicht erfahren, ist, wie Sie möglichst viel Zeit sparen können, wie Sie die Zeit im ökonomischen Sinne noch besser nutzen und wie Sie in geringerer Zeit noch mehr Dinge erledigen können.

Im Gegenteil: Das Buch plädiert dafür, seine Zeit auch einmal ganz bewusst zu verschwenden. Bewusst aus den Zwängen der Ökonomisierung von Zeit herauszutreten. Auch einmal faul zu sein, einen Termin sausen zu lassen, zu trödeln, bummeln, flanieren oder einfach mal nichts zu tun, was auch nur im Entferntesten einen ökonomischen Sinn haben könnte. Es plädiert dafür, sich an die Gegenwart auszuliefern, was nichts anderes heißt, als dass wir die Zeit vollständig vergessen und damit Gegenwart als ein Stückchen Ewigkeit erfahren.

Sie erfahren, dass es Sinn macht, unvernünftig mit Ihrer Zeit umzugehen, dass es eben nicht darauf ankommt, Zeit zu sparen, sondern dass wir sie hin und wieder ganz bewusst verschwenden sollten. Und dazu braucht es einen bewussten Akt des Widerstandes gegen das herrschende Zeitregime. Genau dazu ruft dieses Buch auf. Es ist ein flammendes Plädoyer für mehr Langsamkeit im Alltag, die Rückbesinnung auf das Wesentliche und die Wiedererlangung der menschlichen Würde.

Indem Sie sich aus den ökonomischen Zwecken der Zeitverwertung ausklinken, werden Sie sich auf den Weg eines Revolutionärs machen. Und als solcher widersetzen Sie sich ganz bewusst all dem, was heute gemeinhin als nützlich und ökonomisch sinnvoll gilt. Und ich verspreche Ihnen: Wenn Sie das tun, werden Sie einen neuen Luxus erleben: den Luxus, wieder mehr Zeit für die wesentlichen Dinge zu haben. Und genau darum geht es doch im Leben.

Das Zauberwort dazu heißt »Slow«. Kommen Sie mit auf eine abenteuerliche Zeitreise! Ich verspreche Ihnen, Sie werden es nicht bereuen.

Also noch mal die Frage:

Haben Sie es eilig?

Vielleicht antworten Sie:

Jetzt erst einmal nicht.

Viel Spaß bei der Lektüre dieses Buches!

1.

Wie die Zeit entsteht

»John war schon zehn Jahre alt

und noch immer so langsam,

dass er keinen Ball fangen konnte.«

STEN NADOLNY