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Walter Kempowski
Aus großer Zeit
Roman














Albrecht Knaus Verlag

Inhaltsverzeichnis

Copyright
Widmung
BILDER
I. Teil
Kapitel 1
Kapitel 2 - DIE NACHBARIN
Kapitel 3
Kapitel 4 - DIE WIRTSCHAFTERIN
Kapitel 5
Kapitel 6 - EIN SCHULFREUND
Kapitel 7
Kapitel 8 - JUNGES BLUT
Kapitel 9
Kapitel 10 - EIN ANDERER SCHULFREUND
Kapitel 11
Kapitel 12 - NOCH EIN SCHULFREUND
Kapitel 13
Kapitel 14 - DIE SCHNEIDERIN
Kapitel 15
Kapitel 16 - DER HAUSFREUND
Kapitel 17
II. Teil
Kapitel 18
Kapitel 19 - DIE TANTE
Kapitel 20
Kapitel 21 - RICHARD
Kapitel 22
Kapitel 23 - SCHWESTER LOTTI
Kapitel 24
Kapitel 25 - DIE FREUNDIN
Kapitel 26
Kapitel 27 - SCHWESTER HERTHA
Kapitel 28
III. Teil
Kapitel 29
Kapitel 30 - EIN FREUND
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33 - EIN KAMERAD
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36 - DIE FREUNDIN
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39 - DER KAMERAD
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42 - DIE FREUNDIN
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45 - DIE WIRTSCHAFTERIN
Kapitel 46
Kapitel 47
EPILOG
Werkverzeichnis
EPILOG

Anfang November 1918 kommen Abgeordnete aus Berlin an die Front, sie sollen die Soldaten beruhigen. Einer heißt Friedrich Naumann, der hat eine piepsige Stimme. Was will der denn? denken die Soldaten. Die Hand in der Tasche und mit der Zigarette im Mund hören sie sich an, was der sagt. Aber je länger er spricht, desto vernünftiger kommt ihnen das vor: Von Waffenstillstand spricht der Herr, und das klingt gar nicht schlecht.

»Wir werden sehr schwere Bedingungen erhalten«, sagt er, »aber wir müssen es schlucken.«

 

Also nicht halb Belgien behalten, diese gegen England gerichtete Pistole? Brauchen wir Belgien denn nicht? Ist man es den Flamen denn nicht schuldig, diesem lebenskräftigen, fleißigen und so eigenwilligen Menschenschlag, daß man dieses Volk vor der unrettbaren Verwelschung bewahrt?

»Flandern« sollte diese germanische Provinz doch heißen, so hatte man es doch gesagt?

Und nicht für jeden toten deutschen Soldaten einen Quadratmeter Land erhalten, wie man sich das so ausgedacht hatte in der letzten Zeit?

Statt dessen womöglich noch was hingeben?

 

Nein, kein Belgien und auch kein Kurland behalten. Ganz im Gegenteil, tatsächlich noch was hingeben, allerdings nur Randgebiete, vermutlich ganz unwesentliche Randgebiete.

Damit muß man rechnen.

 

Am 11. November, um zwölf Uhr, sagt Hauptmann Brüsehaber zu den Seinen mit lauter Stimme: »Es ist Schluß, Leute!« Am 11. November 1918, um zwölf Uhr, genauer gesagt, um fünf Minuten vor zwölf. Und zu den Maschinengewehrmännern, die die Hand am Abzug haben und die Patronengurte wie Schals um den Hals, die ihn angucken und nicht wissen, was das zu bedeuten hat, zu denen sagt er: »Entladen, lagern.«

Und da ist wirklich Schluß. Durch alle Gräben geht ein großes Aufatmen, man lehnt sich zurück und entspannt die Muskeln: »Schluß!« Wirklich und wahrhaftig Schluß. Und dann wird in die Luft geschossen, hüben wie drüben, sämtliche Leuchtmunition wird verschossen, ein Spektakel sondersgleichen.

 

In vierzehn Tagen müssen die Deutschen das besetzte Land geräumt haben, andernfalls werden die Kampfhandlungen wieder aufgenommen, so heißt es in den Vereinbarungen.

»Unmöglich ist das«, wird gesagt, aber dann geht es doch. Der Rückmarsch vollzieht sich in guter Ordnung. Ein kalter, starker, alles durchdringender Wind weht, der den Soldaten einen nadelspitzen, feinen Eisregen ins Gesicht sprüht.

Licht aus! Messer raus!
Drei Mann zum Blutrühren!

Ein paar Revolutionsleute wollen den Offizieren ans Leder, aber das lassen die anderen nicht zu – so ist das ja nun nicht, daß die neue Zeit mit Chaos beginnt –, und angesichts der guten Organisation des Rückzugs und der Aussicht, bald nach Hause zu kommen, verstummt bald jede Opposition.

Hoch, runter, Schnaps.

 

Daß Todesmut geweint hat, wird erzählt. Daß er angeblich geweint hat. Aber zu sehen ist er jetzt nicht; er ist wohl gerade woanders.

Seht, er kommt mit Preis gekrönt …

Schwer fällt es, durch die Landschaften zu stiefeln, die man mit Schweiß und Blut dem Feind entrissen hatte, ein bitteres Gefühl kommt auf: Alles umsonst, alles umsonst ... so klingt es den Soldaten in den Ohren, während sie stumm dahinmarschieren, blödsinnig und traurig zugleich.

Germanski kaputt!

An weggeworfenen Ausrüstungsgegenständen geht der Marsch vorüber, an umgestürzten Kanonen und geplünderten Magazinen. Durch zerstörte Dörfer geht es, einsame Schornsteine im Schutt, und einmal werden sie beinahe durch die Explosion eines Dynamithaufens zerschmettert.

 

Sie kommen auch durch Lüttich, das sie schon auf dem Vormarsch kennengelernt haben, und die Belgier sind außer Rand und Band. Alle Straßen sind mit den belgischen Nationalfarben geschmückt, Schwarz-Gelb-Rot. Und die Kinder laufen neben den Marschkolonnen her mit belgischen Fahnen an Stöcken, und vaterländische Lieder singen sie, einstimmig und zweistimmig, die die Soldaten nicht kennen und nicht kennen wollen: Und da müssen sie durch.

 

In Köln marschieren sie dann über die Rheinbrücke mit Bagagewagen und dampfenden Feldküchen, in guter Ordnung, aber stumm. Vor dem schwarzen, stillen Dom steht General von Larisch und nimmt den Vorbeimarsch ab, neben sich hat er ein paar Revolutionsleute stehen, die zuerst die Hände in den Taschen haben und rauchen, es dann aber lassen. Neben sich hat er auch den Musikzug, doch die Instrumente bleiben eingepackt. Drasch-drasch-drasch, das ist die einzige Musik.

 

Bevölkerung säumt die Straßen und sieht sich die Soldaten stumm an, Frauen, na ja, die ihre Söhne verloren haben, und schwarzgekleidete Väter, Tränen in dem noch immer aufgewichsten Schnurrbart.

 

Da sind denn auch die jungen Mädchen, denen es immer wieder aus den Augen hervorbricht, und: drasch-drasch-drasch-drasch, die Soldaten mit wildem Gesicht: Nicht, daß sie tot sind, all die Kameraden, ist der Schmerz, sondern, daß man sie vergessen wird. Trotz aller Monumente.

1

Robert William Kempowski: morgens fährt er mit einer Droschke ins Kontor, langsam und nach allen Seiten grüßend, mal nach links und mal nach rechts. Die Stephanstraße fährt er entlang – die schöne warme Luft –, am Haus von Konsul Viehbrock vorbei. Geheimrat Öhlschläger hat sich Ecke Graf-Schack-Straße einen richtigen Palast gebaut, mit Turm und mit verzinktem Ritter auf dem Dach.

An der Reichsbank fährt Robert William Kempowski vorbei, wo man ihm wohlgesonnen ist, und am nagelneuen Stadttheater, in dem er eine Proszeniumsloge gemietet hat für Anna, seine Frau,

Ein Baro und ein Thermo
die fahren nach Palermo.

Durch das Steintor fährt er, wo der Kutscher absteigen muß und an das Barometer klopfen – »föllt!« –, und über den Neuen Markt, wo das Rathaus steht mit der zugebauten gotischen Fassade. Nichts weiß der Herr Kempowski von zugebauten gotischen Fassaden, und ob da oben nun sieben oder acht Türme drauf sind, das ist ihm egal. Dort unten, am Hafen, das Mönchentor und daneben seine Firma: da weiß er Bescheid, und das geht ihn was an.

 

Das Geschäftshaus ist ein behäbiger Bau mit einem eisernen Brunnen vor der Tür: Die oberste Schale ist für die Tauben zum Trinken gedacht, die mittlere für Pferde und die unterste für Hunde. Kein römischer Brunnen also, sondern ein Etagenbrunnen, wo jeder seins hat. Straßenjungen halten die Löcher zu, aus denen das Wasser läuft, und spritzen die Passanten. Das tun sie natürlich nicht, wenn der Herr Kempowski aus seiner Droschke steigt, der guckt sich einmal streng um, dann laufen die Straßenjungen weg. Robert William hat einen schönen Platz in seinem Privatkontor. Es ist mit einer halbhohen Holztäfelung versehen, auf der Schiffsmodelle stehen und Photographien in verschnörkeltem Drahtrahmen.

Durch das Fenster sieht er, am Brunnen vorbei, auf die Straße, wo ein schwerer Rollwagen mit Getreide vorübergezogen wird, von dicken Pferden, es sind Kaltblüter mit ungeheurem Hinterteil und winzigem, gestutztem Schwanz; und auf das Wasser, wo skandinavische Segler ankern. So mancher hat am Bug noch eine Galionsfigur, halbnackt und bunt bemalt, und jeder hat einen Köter an Bord, der bellt, wenn einer an Land gehen will.

 

Der Herr Kempowski sitzt am aufgeräumten Schreibtisch, die Hände hat er auf dem Bauch gefaltet, und eine Zigarre raucht er, »Principe de la Paz«, zu Deutsch »Friedefürst«. Hinter sich hat er den gotisch verzierten Geldschrank seines Kontors mit einem großen Schlüsselloch und einem kleinen, und auf der Nase trägt er einen Zwicker aus Eisen mit »Ankertrosse«, damit er nicht herunterfällt. Schiffsmakler ist er von Beruf und Besitzer von zwei Dampfern: Die Zeiten, in denen er selber in einem Ruderboot finnischen und schwedischen Seglern entgegenpullen mußte, um Konkurrenten zuvorzukommen, sind vorbei. Für so etwas hat er jetzt zwei junge Leute. Außerdem sitzt in Warnemünde auf der Westmole ein alter ausgemusterter Kapitän mit einem Fernrohr. Wenn der ein Schiff sichtet, das Kurs auf die Warnowmündung nimmt, schreit er das ins Kurbel-Telephon. In Rostock bereitet man dann die »Kannosemangs« vor, die Frachtpapiere also, und schlägt in einem Heft den Namen und den Vornamen des Kapitäns nach, damit man ihn persönlich begrüßen kann. Das Heft ist ein Wachstuchheft, und darin steht verzeichnet, was der Kapitän gern trinkt, und ob er verheiratet ist und »gegen wen«.

 

Robert William Kempowski guckt einerseits durch das Fenster nach draußen und andererseits durch die Glastür nach drinnen, wo die Angestellten an ihren Stehpulten, einer hinter dem andern, auf Reitschemeln, mit gebeugtem Rücken schreiben, seine Angestellten. Gladow, der alte Buchhalter, Sodemann, der dicke Prokurist, und die jungen Leute in ihren Sonntagsanzügen.

 

Die Lehrlinge treiben ihren Jokus mit Gladow, dem siebzigjährigen Buchhalter, der mit seinem Vollbart aussieht, als wäre er der Chef. Sie heben sein Jackett hoch und tun so, als ob sie ihm was hintenvor geben wollten.

Wenn der alte Herr Kempowski, der noch gar nicht so alt ist, das sieht, oder wenn er sieht, daß Gladow wieder einmal einnickt, dann wirft er seinen Federhalter gegen die Glasscheibe der Tür und macht Geldzählbewegungen mit Daumen und Zeigefinger: daß das sein Geld ist, was da vertrödelt wird, und daß er sich auch nach der Decke hat strecken müssen, damals in Königsberg, als sein Vater alle fünf Segelschiffe einbüßte, in einem Jahr … Nichts ist ihm geschenkt worden, barfuß ist er gelaufen als Kind.

Gladow ist fast fünfzig Jahre in der Firma, er hat noch die Anfänge miterlebt, als das Kontor noch eine Kneipe war und der Makler nebenher Bier ausschenkte. Padderatz hatte der geheißen, und »Lütt betting gewen« war sein Rezept gewesen, und damit war er gut zurechtgekommen. Daß das sein Geld ist, sagt Robert William Kempowski zu Gladow, und seine Firma, daß die ihm gehört, und er sagt es sehr laut, und Gladow blickt dann mit seinen schönen blauen Warnow-Augen stoisch in die Ferne. Er streicht sich mit den Händen durch den Altmännervollbart, und die unbewegten Lippen murmeln irgend etwas vor sich hin, nichts Freundliches, soviel ist sicher.

Abends holt ihn seine Frau ab: »Na, Olling? Wo oft büst du hüt weder in de Schiet follen?«

 

Der dicke Sodemann wiegt zwei Zentner fünfzig, der Hintern quillt an den Seiten des Schemels über. Er spricht hochdeutsch so, wie ein Plattdeutscher sich das Hochdeutsche vorstellt. »Helsinski«, sagt er, und die Bauchbinde macht er nicht ab von der Zigarre. »Wei’ck nich« und: »Kann’ck nich ännern«, das sind die Worte, die man am häufigsten von ihm hört. Manchmal auch: »Ich stelle lediglich fest …«

Zum Frühstück geht er mit Gladow natürlich zu Alphons Köpcke, er, der Dicke, mit Gladow, dem Alten, zum »Stammtisch zur fröhlichen Teekanne«, der in einem exotisch ausgeschmückten Hinterzimmer einer Kneipe tagt: Mal sehen, wer alles da ist. Kapitän Saatmann vielleicht, aus Ribnitz, der dem Lokal eine indonesische Tanzmaske verehrt hat, oder Rübesahm aus Emden, der einen ganz gewöhnlichen Wackerstein zum versteinerten Arsch einer Südseeinsulanerin erklärt hat.

Prost!
Wer nix hätt,
de host!

Mal sehen, wer alles da ist, und dann den Magen etwas anwärmen, was ja auch nicht schaden kann.

 

Der Herr Kempowski hat inzwischen seine Uhr aufgezogen und in den verschnörkelten Drahtständer gestellt, da vor sich, auf dem Schreibtisch. Daß die Frühstückspause jeden Tag länger wird, denkt er, und das wundert ihn. Da war das in Königsberg aber ein anderer Schnack.

Rechts unten, in seinem Schreibtisch, steht eine kleine Flasche Genever, von dem gießt er sich einen ein, und als er hochguckt, sind die beiden da drüben gerade zurückgekommen.

Sie gucken natürlich nicht herüber, denn ihr Chef schüttelt deutlich sichtbar den Kopf, und die Uhr nimmt er aus dem verschnörkelten Ständer und zieht sie nochmals auf.

 

 

Zwei Schiffe hat der Herr Kempowski. Die Namen der beiden Dampfer, die in England gebaut wurden und gute englische Maschinen haben, sind »Consul« und »Clara«, nicht etwa »Robert« oder »Anna«. Nein. Nach sich und den Seinen will er sie nicht nennen, denn: »Ick weet ja, wie ick heit, un mine Fru, wie de heit, dat weet ick ook.« Nach Konsul Besendiek hat er den »Consul« genannt und nach Clara, dessen Frau, weil man für den immer so schöne Befrachtungen macht, Holz nach Lübeck zum Beispiel, und das fast jede Woche. Den kann man dadurch an sich binden.

 

Ein drittes Schiff, die »Henriette Schüßler«, war nur kurz im Besitz der Firma, ein Seelenverkäufer, der quasi nur noch durch den Ölfarbanstrich zusammengehalten wurde. Es konnte noch kurz vor der Klassifikation nach Griechenland verkauft werden, und zwar mit knapper Not.

Für das Geld hat man sich das schöne Haus von Gütschow gekauft, in der Stephanstraße. Von Gütschow, dem Weinhändler, der gerade Bankrott gemacht hat.

»Kempowski! Gahn’s mi ut’n Wech!«

Zwei Jahre nach dem Verkauf sinkt die »Henriette Schüßler« mit Mann und Maus, so wie die fünf Segler sanken, die den Königsberger Kempowskis gehörten, 1875, alle in einem Jahr.

 

»Wie sie so sanft ruhn, alle die Toten«, sagt der alte Herr Kempowski, der noch gar nicht so alt ist, wenn man auf die Segler seines Vaters zu sprechen kommt, deren Bilder jetzt in seinem Kontor hängen, neben dem Bild der »Henriette Schüßler« und neben dem des »Consuls« und der »Clara«. Damals, als sie sanken, ist er von Königsberg nach Rostock gegangen, weil er es nicht mehr aushalten konnte, daß sein Vater immer nur Zeitung las, den ganzen Tag. Mit dem Ruderboot ist er den Schiffen entgegengefahren, bis er Anna kennenlernte, Anna Martens, die dreißigtausend Goldmark besaß, und davon hat er sich die Firma dann gekauft, seine Firma, wie er immer wieder sagt. Seine »ewig junge Braut, die täglich umworben sein will«. Und nun können seine jungen Leute den Schiffen entgegenrudern, zum Donnerwetter noch mal.

Als Makler macht Robert William Kempowski gute Geschäfte, alle Rostocker Kohlenhändler beziehen ihre Kohlen durch ihn – ausgenommen die Firma »Glückauf« – Natureis aus Norwegen importiert er und Papierholz aus Finnland.

»Wenn einer ein Pferd kaufen will, und Sie haben kein Pferd, dann müssen Sie ihm eben einen Esel verkaufen«, sagt er, und danach handelt er.

Daß Otto Bellmann Vermittlungsgebühren bekommen hat, steht hin und wieder in den großen Kontobüchern, in Gladows gestochener, schwungvoller Schrift. Einen Otto Bellmann kann man aber beim besten Willen in keinem Adreßbuch finden, da sucht man sehr vergebens, und Gladow wird so lange im Geschäft bleiben müssen, bis er eines Tages »umföllt« und nie wieder aufsteht.

 

Anna Kempowski, geborene Martens, fährt mit einem eleganten Coupé zur Stadt. Sie gibt das Geld aus, das Robert William verdient, und sie hat ein Recht dazu. Aus der Gosse hat sie ihn aufgesammelt, das sagt sie in hitzigen Stunden, ohne sie wär’ er ja verkommen! Ein schwarzes Kostüm trägt sie, mit Hermelinbesatz, sehr elegant.

Wo hängt der größte Bilderbogen?
Beim Kaufmann, Kinder, ungelogen …

Sie fährt zu Krüger, dem Delikatessenhändler, in der Blutstraße. Ein ausgestopfter Wildschweinkopf hängt über der Tür. Ein langer, schmaler Laden ist es, in dem es nach Ananas riecht und auch nach Gänseschmalz.

Wenn Anna den Laden betritt, dann schiebt sich der alte Krüger mit seiner blutigen Schürze aus dem Hintergrund nach vorn. Man sieht ihm an, daß es ihm selbst gut schmeckt: den herrlichsten Käse hat er und die wunderbarsten Landmettwürste.

»Die ist aus Groß-Viegeln«, sagt er, »und die aus Hohen-Sprenz.«

Anna probiert Würste und auch die Buttersorten. Auch vom Obst werden Proben genommen, obwohl man das Obst nicht von Krüger bezieht, sondern von »landein«.

Was sie sich aussucht, wird gebracht, und wenn es nur ein Viertelpfund Salami ist. (Meistens ist es mehr.) Vom Bezahlen kann keine Rede sein, alles wird angeschrieben, und zu Neujahr kommt die Rechnung dann ins Haus, und auf der Rechnung steht: »S.H.« oder »I.H.«, je nachdem: »Seiner Hochwohlgeboren« oder »Ihrer Hochwohlgeboren«.

 

 

Zwei Kinder haben die Kempowskis, ein Photo zeigt den kleinen Karl mit seiner Schwester Silbi.

GLOBUS-ATELIER 1904
Specialität: Vergrößerungen
aller Art.

Eigentlich heißt sie Sylvia. Für fünf Pfennig Studentenfutter hat sie in der Tasche: sie muß immer was zum Knabbern haben. Dunkle Augen und ein verschmollter Mund. Im Haar eine Schleife aus kariertem Taft.

Korl, min Soehn,
haal Appels von’n Boen!

Bei gutem Wetter sitzen die beiden auf der Schaukel, eng umschlungen, oder Karl sitzt, und Silbi steht über ihm und holt Schwung und hüllt ihn ganz ein in ihr weißes Kleid. Ob der Haken da oben wohl hält?

Stribold, der kleine schwarze Hund, auf dem Jahrmarkt für dreißig Pfennig gekauft, rennt immer drei Schritte vor und zurück, je nachdem. Das mag er nicht, daß die beiden da hin und her schaukeln. Sie sollen anhalten und ihn mit draufnehmen.

 

Im Herbst, wenn die Blätter vom Birnbaum herabwehen und vor der Kellertür einen Strudel machen, sitzen sie in der Veranda, wo sie Bilderbögen ausschneiden, ein Dorf mit Kühen, Hühnern und Schweinen und aus dem Wald kommenden Rehen.

Regen trommelt auf das Teerdach und klatscht an die Fensterscheiben, und Karl und Silbi essen Leberwurstbrote, immer eins nach dem andern, und trinken kalte Milch. Die Kühe und die Schweine werden mit ihrem umgeknickten Sockel auf Pappe geklebt, und wenn man den Kopf auf die Tischplatte legt, dann sieht das aus wie ein richtiges Dorf: Große Bauernhäuser und kleine Tagelöhnerkaten, Ställe, aus denen Pferde herausgucken, und Wäschepfähle mit flatternden Hemden und Hosen an der Leine.

Im Winter wird das Dorf vor das Haus getragen und angezündet. Da gucken alle zu.

Abends, wenn der Wind ums Haus heult und am Dach rüttelt, kriechen sie zusammen ins Bett. Wie das damals war, als das Holzlager brannte, nachts vor dem Petritor, das erzählen sie sich wieder und wieder, der ganze Himmel rot und das Blasen und Schreien der Menschen. Aus dem Bett hatte der Vater sie geholt, und fröstelnd hatten sie am Fenster gestanden und sich das angeguckt.

Aus Oberbetten und Plumeaus wird eine Höhle gebaut, und dann werden Ziehbilderbücher besehen, mit Enten, die den Kopf ins Wasser stecken können. Oder Klappbücher: ein Mann sitzt auf einem Pulverfaß und raucht Pfeife. Klappt man den Mann zur Seite, dann liegt darunter ein Bild vom Pulverfaß, wie’s gerade explodiert.

Unzerreißbare Bilderbücher sind das:

Giri-giri
schnabulieri
buh!

und unheimliche: der Pelzmärtel, der den Sack voll unartiger Kinder hat.

So ergeht’s dem Bösewicht,
der statt Wahrheit Lüge spricht.

An den Pelzmärtel muß Karl die ganze Nacht denken, und auch später noch, als er schon groß ist, muß er an ihn denken. Und daran, wie er so sanft und mollig mit Silbi in der Betthöhle gelegen hat, und daß der Wind draußen heulte.

2 DIE NACHBARIN

Mein Name ist Maria Jesse, mein Mann war Tierarzt, der ist schon 1920 an einer Sepsis gestorben. Wie Sie sehen, bin ich fast blind, bitte treten Sie näher und setzen Sie sich hier hin.

 

Über Rostock wollen Sie also was wissen und, wie ich vermute, über die Kempowskis.

Ich will mal so sagen: Rostock war gar nicht verkehrt, Rostock war vor Neununddreißig eine klein-nette Stadt. Bevor die ganzen Heinkel-Leute aus Sachsen und Thüringen da anreisten, all die Ingenieure und Techniker, als man noch unter sich war, da war das eine urgemütliche Stadt. Sechzig Jahre hab ich dort gewohnt. Sie hatte nichts Besonderes zu bieten, diese Stadt, aber sie war geliebt von allen, die sie kannten. Eine Mischung von Hafen, Universität und Land.

Neulich hab ich erst wieder einen Herrn gesprochen, im Zug, als ich zu meinem Sohn nach Mannheim fuhr, einen Herrn, der in Rostock studiert hat.

»Aus Rostock sind Sie?« sagte dieser Herr. »Ach, in Rostock hab ich die schönsten Jahre meines Lebens verlebt«, und dann erzählte er, wie er da studiert hat, und daß sie als Studenten immer nach Warnemünde gefahren sind und dort am Strand gelegen haben und so weiter.

Rostock war eine urgemütliche Stadt. Einerseits war die Stadt so klein, daß man sich kannte, andererseits so groß, daß man inkognito leben konnte, wenn man das unbedingt wollte. In Rostock kam nicht gleich alles an die große Glocke.

 

 

Die Familie Kempowski, ich will mal so sagen, die gehörte nicht gerade zur allerersten Garnitur. Ich wohnte gegenüber und hab die ganze Tragik von Gütschow miterlebt, von Gütschow dem Weinhändler. Wie er sich zuerst dies wundervolle Haus gebaut hat und dann alles verlor.

»Sehen Sie mal, Frau Jesse, dieser schöne Erker«, das hat er zu mir gesagt: »Da sitz ich denn und guck zu Ihnen rüber …«

Ich hab miterlebt, wie sein Geschäft kaputtging und seine Frau ihm weglief. Alles brach zusammen, der arme Mann. Ich hab ihn so bedauert! Nachts kam er hinten ans Haus und hat geklopft und hat mir sein MEYER-Lexikon gebracht und sechs Meter Chinaseide, damit das nicht auch noch gepfändet wird.

Kempowski hat ihm das Haus abgekauft, aus dem Konkurs heraus, für einen Pappenstiel. »Abgeluchst«, wie ich wohl besser sagen sollte. Weggeschnackt. Geld hatt’ Kempowski ja, und zwar im richtigen Moment, und reden konnt’ er für drei, und da klappte das dann. Gütschow mußt’ ja froh sein, daß sich überhaupt einer fand, und so schnell.

 

Ich seh sie noch einziehen, die Kempowskis, das muß um 1900 gewesen sein, die Linden waren noch klein, eben angepflanzt, jetzt sind einige davon schon wieder gefällt. Gütschow hinten raus, und die Kempowskis vorne rein, so ungefähr. Mit drei Möbelwagen kamen sie, voll Sessels und Sofas und was weiß ich nicht noch alles. Dreizehn Uhren hatten sie, Standuhren, Wanduhren, und diese kleinen Pingeldinger unterm Glassturz. Da fragte man sich denn doch: Ist eine nicht genug? Müssen das nun wirklich dreizehn Uhren sein? Und zwei Flügels? Und drei Hunde?

Die Hunde waren ja derartig wild, wenn die mal draußen herumliefen, konnt’ keiner vorbei. Mein Berti kam mal rein und sagt: »Kempowskis Hünde sind draußen!« Der traute sich nicht zur Schule, so hat er sich gefürchtet.

Und überall haben sie hingemacht, und Frau Kempowski lachte denn noch.

Nee …

Und als Stribold mal krank war, einer der drei Hunde, sind sie mit dem nicht etwa bei meinem Mann gewesen, wo wir doch gegenüber wohnten (das war noch das schönste), sondern bei Dr. Wagenmast in der Langen Straße.

 

Gütschow hat mich später noch so manches Mal besucht, wir haben am Fenster gestanden, hinter der Gardine und haben geguckt, was da so aus und ein geht. Oh, ich kann Ihnen sagen, das war ein Betrieb! Von links und von rechts kamen sie, alle möglichen Lieferanten und Boten mit Paketen und Schachteln, mit Kuchenbrettern und mit Blumensträußen, riesigen Dingern. Manchmal sogar ein Messenger Boy in Pagenuniform, mit Käppi auf dem Kopf. Was der da wohl zu melden hatte!

Und dann Besuch, jeden Tag, morgens, mittags und abends. Besuch, Besuch, Besuch. Man wußte schon: Da will einer zu Kempowskis, der sieht ganz danach aus.

 

Herr Kempowski hatte eine Kutsche mit zwei schönen Pferden, und seine Frau hatte extra noch einen Dogcart oder wie man diese Dinger nennt. Gütschow hat oft gesagt: »Hochmut kommt vor dem Fall.« Und: »Ich bin ja verrückt gewesen, das schöne Haus.« Und: »Nun gucken Sie sich das mal an.«

Anna Kempowski kam an sich aus guten Verhältnissen, sie war eine geborene Martens, eine Tochter von Dr. Martens aus der Koßfelderstraße. Das war ein netter alter Herr mit’m grauen Paletot und einem runden Hut. Der stocherte immer mit’m Handstock im Pflaster rum, ob da vielleicht ein Stein locker ist, und wenn da einer locker war, dann schrieb er sich das auf und meldete das, damit da keiner hinfällt. In heutiger Zeit hätt’ der nicht leben dürfen, da hätt’ er viel aufzuschreiben gehabt.

Dr. Martens starb 1903, und seine Frau kam ins Heilig-Geist-Hospital, die war nicht ganz richtig, die zog sich immer aus, am hellichten Tag, unter allen Leuten. Von der hat Anna Kempowski wohl den Sparren her: dieser Umstand allein, wenn sie ausfuhr! Gott, war das ein Theater! Die Mädchen liefen rein und raus. Dies und das noch, und der Kutscher fragte dann auch, ob’s so recht ist, ich weiß gar nicht, wie ich das beschreiben soll. Die Passanten auf der Straße blieben direkt stehen, und das sollten sie wohl auch.

Ich hab ja immer alles gesehen, von meinem Fenster aus: Die Kempowskis waren richtig ein Fremdkörper in unserer Straße; links und rechts, alles feine Leute, die Kempowskis waren direkt gewöhnlich, möcht ich sagen, und: so oben hinaus.

Abends, wenn da Feste gefeiert wurden? Dies Türengeklappe und Gejuche? Und immer bei offenem Fenster Klavier gespielt? Das war, ich will mal so sagen, für Rostock eigentlich ziemlich ungewöhnlich. Zum Geburtstag oder beim Jubiläum, da kann man feiern, meinetwegen, aber doch nicht mitten in der Woche! Gütschow hat manches Mal zu mir gesagt: »Was war denn gestern wieder los?« Was soll schon los gewesen sein? Gefeiert haben sie, immer einen Hopphei nach dem andern.

Ich hab immer gesagt: »Das geht nicht gut, das kann nicht gutgehen«, und ich hab recht behalten.

Herr Kempowski selber, der alte Herr, ich will mal so sagen, der war an sich nicht verkehrt. Hat immer freundlich Guten Tag! gesagt, wenn er mich sah – er hatt’s ja mit den Damen –, hat mit Grandezza den Hut gezogen, ganz kavaliersmäßig und immer so’n bißchen spaßig. Und als Berti studieren sollte, 1921, hat er mir Geld geliehen. Er war an sich, ich will mal so sagen, ein einfacher Mann, auch’n bißchen gewöhnlich, aber das Herz auf’m rechten Fleck. Als ziemlicher Habenichts war er nach Rostock gekommen, irgendwie ganz undurchsichtig, weiß nicht, was das für Verhältnisse waren.

Einfach war er und sehr direkt. Einen Priem hat er mir mal angeboten, schnitt sich selbst einen ab und fragte mich, ob ich auch einen will!

 

Ich hab lange Jahre einen Papagei gehabt, mein gutes Lorchen (ich besitze noch ein Photo von ihm), einen Papagei, nicht drei. Der saß im Sommer immer draußen, auf dem Zaun, bei gutem Wetter natürlich, und ich saß in der Fliederlaube, wir haben miteinander geschnackt und haben rübergeguckt, also da war aber auch was zu gucken, das war ’ne richtige Tagesbeschäftigung.

Ein bißchen peinlich war schon, daß mein Lorchen, wenn Frau Kempowski drüben erschien, immer »Ogottogottogottl« rief. Das hatte er sich wohl abgehört.

 

Nein, die Kempowskis gehörten nicht zur guten, alten Rostocker Gesellschaft. Gute Gesellschaft ist still und bescheiden und einfach und nicht so aufgeladen und nach draußen. Und man sieht ja auch, was daraus geworden ist. Ich hab noch bis 1972 in Rostock gewohnt, in meinem Haus, in der Stephanstraße, und bin dann ordnungsgemäß und mit allen Sachen ausgereist, was weiß Gott nicht einfach war. Aber die Kempowskis? Weggepustet ohne Spur.

 

Einmal kam die hohe Frau ganz plötzlich bei mir an und schenkte mir einen Strauß weißer Rosen, so übern Zaun rüber und aus heiterem Himmel. Ich wußte gar nicht, wie mir geschah! Rauscht über die Straße und drückt mir den Strauß weißer Rosen in die Hand! Was das nun wieder sollte?

Völlig unberechenbar.

Vielleicht hatt’ sie’n schlechtes Gewissen, denn ich sah das ja immer, was da »nach Feierabend«, wenn ich so sagen darf, aus und ein ging. Das schlich sich denn so ran und wutsch hinein. Und denn ging bald das Licht aus; nur in ihrem Zimmer, da brannte es dann noch.

3

Die Zeiten sind vorbei, in denen Karl auf dem Schoß seines Vaters sitzt und den »Zuckerfisch« aus dessen Kaffeetasse essen darf.

Korl, Korl, Piep Tobak,
gah na de School un lihr di wat.

Den Zuckerrest auf dem Grund der Tasse, genau ein Löffel voll, der angenehm nach Kaffee schmeckt.

Karl geht jetzt in die Privatschule von Fräulein Seegen, er geht, und zwar zu Fuß, das hat was mit körperlicher Ertüchtigung zu tun. Fahren braucht man nicht zu lernen, das kann man eines Tages ganz von selbst.

Die Stephanstraße bummelt er entlang, da kommt die Pferdebahn angezuckelt, zwölf Sitzplätze und neun Stehplätze hat sie, keinen mehr und keinen weniger. – Vor dem Friseurladen RISSE steht Herr Risse und guckt in die Sonne. Eine spezielle Schnurrbartbinde hat er erfunden, die schnackt er jedem an. Über ihm der Friseurteller aus Messing ist blank geputzt, der pendelt im Wind.

 

Über die Reiferbahn muß Karl gehen, wo früher mal der Galgen stand. Jetzt drehen hier unter dem Schatten von Kastanien Männer mit tätowierten Armen Seile. Vor dem Bauch tragen sie einen Hanfballen, aus dem sie die Fäden herauszupfen. Sie gehen rückwärts und drehen sie zusammen.

Nach frischem Tauwerk riecht das und nach Teer.

 

Fräulein Seegen hat ihre Schule in der Friedrich-Franz-Straße, in einem kleinen weißen Haus mit grüngestrichenen Fensterrahmen. Der Türklopfer hat die Form eines Seepferdchens, den darf man aber nicht benutzen, weil das zu laut ist.

Auf der dunklen Diele – elektrisch Licht gibt es hier noch nicht (»krieg bloß keinen Schlag!«) – hinter einem alten geschwungenen Schrank, steht manchmal einer, der »vorlaut« war. Der muß hier neben dem Schrank stehen und warten, bis er wieder hineindarf und an dem Unterricht über Windmühlen, Kaffee-, Pfeffer-, Papier- und Pulvermühlen teilnehmen. Eine alte Hauskatze, die die Beine unter sich genommen hat, schaut ihn unverwandt an. Links neben der weißen Treppe, die mit einem Schwung in das obere Geschoß führt, befindet sich das Klassenzimmer, das einzige Klassenzimmer dieser Schule, in das Karl damals, am ersten Tag, mit seinem nagelneuen Seehundsfell »Tornüster« nicht hineingehen wollte. Alles Schieben und Ziehen half nichts, und auch nicht, daß eines der etwas größeren Mädchen ihn bei der Hand nahm.

Saftspeise gäb’s da drinnen, hat man ihm schließlich erzählt, und das hat funktioniert.

 

Ein dunkles Klassenzimmer ist es, die große Linde im Vorgarten hält das Licht ab. Wer zu leise spricht, muß sich unter diese Linde stellen und von dort aus vorlesen oder sein Gedicht aufsagen, das ist die Methode von Fräulein Seegen.

Vorne steht die rostige Schiebetafel, mit einem Gewicht hinten dran, das hinuntergleitet, wenn man die Tafel hochschiebt.

Rauf, runter, rauf!
i-Tüttel drauf!

Ein mit Holzfarbe gestrichener Schrank steht in der Ecke, mit einem Glas obendrauf, in dem eine tote Schlange schwimmt. Er wird von einem krummgeschlagenen rostigen Nagel zugehalten; darin liegen die großen Rechentafeln nach »Kühnel«, ein Brocken Kreide von der Insel Rügen, zwei Schlüssel, von denen man nicht weiß, wo sie hingehören, alte Hefte und eine Apothekerwaage, deren Gewichte schon lange fehlen.

An der Wand hängt eine Schautafel: »Auf dem Hühnerhof«, mit Hahn, Henne und Küken, die gemeinsam einen Wurm zerpicken. Oben in den Wolken hält der Habicht Ausschau, ob er die Kleinen da unten nicht vielleicht erwischen kann, die Hühner haben ihn noch nicht bemerkt.

 

Bei Fräulein Seegen lernt Karl Schreiben und Lesen und vor allem natürlich Rechnen: »Eins und eins ist zwei« zunächst und später dann, daß 17 Schock Eier soundsoviel Mark kosten: »Wieviel kosten dann zwei Mandeln?« Auf der Schiefertafel wird das gerechnet, mit einem Schiefergriffel, nicht mit einem Milchgriffel; die weichen Milchgriffel gibt es zu dieser Zeit noch nicht.

 

Zur Schiefertafel, die in einem Holzrahmen gefaßt ist und auf der einen Seite Karos und auf der andern Seite Linien hat – sie knackt leicht kaputt –, gehört eine lackierte Schwammdose aus gepreßter schwarzer Pappe mit einem Blumenbild obendrauf. Und die Griffel, die mit silbern gemusterten Papierumhüllungen versehen sind, liegen im doppelstöckigen, ebenfalls mit Blumenbild versehenem Griffelkasten. In diesem Griffelkasten liegt auch der Federhalter mit der »Federpose« für Ersatzfedern und der wie ein kleiner Fächer zusammenklappbare Federwischer aus gelbem Waschleder.

 

Schreiben, Rechnen, Lesen. Und natürlich Religion.

»Was tat Jesus, als er zwölf Jahre alt war?«

In Religion darf man nicht lachen, das wissen sogar die Abc-Schützen, auch wenn das Lachen der Katze gilt, die draußen aufs Fensterbrett gesprungen ist und mit dem Pfötchen an die Scheibe rührt, in Religion muß man ernst sein: Der Einzug in Jerusalem, wie sie da auf die Palmen geklettert sind, um Jesus zu sehen, und »Hosianna!« geschrien haben, und ein paar Tage später wollen sie schon nichts mehr von ihm wissen.

Die Austreibung aus dem Tempel: Kleine Bildchen werden ausgegeben, auf denen man Jesus mit einer Geißel zwischen den Wechslern herumfuhrwerken sieht. Die Taubenkörbe sind aufgesprungen, und Lämmer laufen frei herum: Das viele Geld, das von den Tischen rollt, tut einem direkt leid, und: daß sie sich nicht wehren, diese sehr kräftig geratenen Wechslertypen mit den dunklen Bärten, und daß der milde Jesus derart in Rage gerät, das wundert einen.

 

Wenn mal »Singen« ist, müssen die Kinder auf den Tischen sitzen, die Beine auf der Bank. Fräulein Seegen sitzt dann am Klavier, und weil sie den Kindern den Rücken zudrehen muß beim Spielen, holt sie zuvor ihre Schwester, die auch Fräulein Seegen heißt, aus der Küche. Ein größeres Mädchen muß inzwischen die Erbsensuppe umrühren, und das andere Fräulein Seegen setzt sich mit dem Strickstrumpf an die Tür und guckt die Kinder ernst an, wenn sie da singen.

»Koarl, ick seih di!«

»Ick di ok.«

 

Ehe das richtige Fräulein Seegen mit dem Spielen der Lieder beginnt, schlägt sie erst einmal einen Arpeggio-Tusch an, ob das noch geht mit den Fingern, und das Klavier, ob das noch funktioniert. Mit Spucke wird ein Fleck weggewischt: so, nun kann’s losgehn.

Oh, du lieber Augustin, Augustin, Augustin,
Oh, du lieber Augustin, alles ist hin!

Das ist ein leichtes Lied. Es ist aber auch ein ärgerliches Lied. Daß der nicht besser aufgepaßt hat auf das Seine. Das ärgert einen. Hat er’s denn vertrunken? Oder gar verspielt? – Unverständlich. Und dann noch im Dreck zu liegen?

Da ist das Lied von der Mühle schon angenehmer zu singen.

Es klappert die Mühle am rauschenden Bach …

Der gute, wohlhabende Müller, wie er da so freundlich in der Tür steht, die Hände überm Bauch gefaltet. Auch darf man dabei in die Hände klatschen, was der ganzen Sache mehr Abwechslung verleiht.

 

Das richtige Fräulein Seegen hat einen riesigen Hut auf dem Kopf, aus Stroh, mit falschen Veilchen darauf. Die Jungen stoßen manchmal dagegen, dann steht er schief.

 

Gute Leistungen und Fleiß im Schreiben oder Rechnen belohnt sie mit Briefmarken: »Deutsch-Neu-Guinea 3 Mk Schwarzviolett«.

Wenn die ›i‹ alle in einer Reihe stehen, ganz exakt, und auch kein einziger Tüttel auch nur einen halben Millimeter größer ist als der andere – die Mädchen können das besser – und wenn die Rechenkästen genau ausgezählt sind und unten und oben ein Rand freigelassen ist (ob die Aufgaben stimmen, ist weniger wichtig), dann gibt es solche Briefmarken. Nach vorn muß man kommen, aufs Podium steigen, und Fräulein Seegen öffnet das Katheder und holt die Blechschachtel, in der die Briefmarken liegen, heraus, schließt die gen Himmel gerichteten Augen und ergrabbelt eine von den kleinen bunten sehr begehrten Dingern:


Seid einig, einig, einig!

Manchmal grabbelt sie auch eine Haarspange statt einer Briefmarke, das soll dann ein Scherzchen sein, und darüber muß man lachen, das will Fräulein Seegen so, aber nicht zu doll lachen, sonst wird die Blechschachtel zugeklappt, und es gibt »nie wieder« Briefmarken, weil man zu ausverschämt und frech war. Nicht?

 

Das Album bringt zu Hause der Geburtstagsmann. Landkarten sind ihm beigegeben, damit man weiß, wo die deutschen Kolonien liegen, die gerade erst erworbenen: Deutsch-Südwest, Togo und Kamerun links, Deutsch-Ostafrika rechts. Merkwürdige, wie mit dem Lineal gezogene Grenzen ...

Die deutschen Kolonien, in denen den dummen Negern vom Heiland erzählt wird, daß der sie erlöst hat von ihren Sünden und daß sie an ihn glauben sollen, dann wird alles gut.

Auch im Stillen Ozean gibt es deutsche Kolonien. Neu-Pommern und Neu-Mecklenburg. Vergebens wird die Karte abgesucht, ob’s nicht vielleicht auch ein »Neu-Rostock« gibt.

Wenn »Körling« eine Briefmarke geschenkt bekommen hat – »Körling« ist der Spitzname für Karl –, dann läuft er im Trapp nach Haus, und im Tornister klötert der Griffelkasten, und die Männer, die auf der Reiferbahn die Stricke drehen, sehen sich um.

 

Was das Lesen betrifft: Obwohl die Briefmarken locken, zeigt Karl nicht den leisesten Ehrgeiz. Schließlich schickt man ihn jeden Nachmittag mit dem Kinderfräulein, nach dem Essen, wenn die Eltern ihre Ruhe haben wollen und sich mit der Lesemappe auf ihr Zimmer zurückgezogen haben, zur Fischerbastion, wo die alten Kanonen stehen, auf denen man reiten darf – in ihren Mündungen nisten wohl auch Spatzen –, auf die Fischerbastion, wo sogenannte Fahrensleute sitzen, die auf den Hafen hinuntergucken, auf die Schoner, Ewer und Dampfer, und sich Geschichten erzählen, die allesamt erstunken und erlogen sind: an den Mastspitzen zählen sie ab, wieviel Schiffe im Hafen liegen.

Auf der Fischerbastion muß Körling dem Kinderfräulein was vorbuchstabieren, und zwar, das hat man sich so ausgedacht: aus Coopers Lederstrumpf. Diese Methode hat Erfolg, die Namen Chingachgook und Nattibumpo hat er bald heraus, und den Rest des Lederstrumpfs, den liest er dann allein.

 

Sonntags geht das Kinderfräulein nicht zur Fischerbastion, obwohl sie es eigentlich sollte, sonntags wird in den »Schuster« gegangen, in ein »Bums«-Lokal, in dem Arbeiter sitzen, mit tätowierten Armen, die schlechte Zigaretten rauchen. Im »Schuster« wird nicht buchstabiert, im »Schuster« wird getanzt.

Lott’ is dot, Lott’ is dot,
Jule liegt im Sterben,
loat ehr man, loat ehr man,
dor gifft dat nix to erben.

Körling darf natürlich nicht verraten, daß das Kinderfräulein hier tanzt, der sitzt in einer Ecke und kriegt Schokoladentaler reingestopft und Katzenzungen, und zwar so viel, daß er abends nichts mehr essen kann.

 

Eines Tages kommt das raus: Da muß das Kinderfräulein dann gehn. »Sie haben uns aber sehr enttäuscht!« wird gesagt, und an der Tür wird stehengeblieben und nachgucken tut man ihr, wie sie sich da entfernt. Fehlte nicht viel, und man wiese ihr gebieterisch die Richtung.

 

Das Personal wird oft gewechselt. Das ist bei Anna Kempowski nun mal so. Man gibt sich die Türklinke in die Hand. Abends zu lange wegbleiben, das ist ein Grund, oder freche Antworten geben. Eine hat auch mal gestohlen, vom kalten Braten hat sie was mitgehen heißen, und ihrem Freund hat sie’s gegeben, in der Kaserne.

 

Die meisten Mädchen stammen vom Lande, breithüftig und mit roten Fingern. Sie sind gerade vierzehn, wenn sie eingestellt werden. Giesing Köhler weint den ganzen Tag vor Heimweh, sie denkt an die Gänse, die sie gehütet hat, und an ihren Opa. Jeden Tag nach dem Essen muß sie ein Glas Rotwein trinken, weil man sie für »blutarm« hält, und ob sie nicht vielleicht Würmer hat, wird sie gefragt.

 

Rostock, im Sommer 1904?

Das ist die Zeit, in der Körling vor dem Kröpeliner Thor – damals wird es noch mit »h« geschrieben – auf die große gelbe Postkutsche wartet. Er hat lange Strümpfe an und eine Matrosenmütze auf dem kahlgeschorenen Kopf. Die langen Strümpfe sind mit Gummibändern an ein Leibchen geknöpft; wenn das mal reißt, dann rutschen die Strümpfe runter, und das ist peinlich.

Der Postillon heißt Kassebohm, er trägt Uniform und hat einen Federbüschel am schwarzen Lackzylinder: Eine gebogene Peitsche steht neben ihm im Ständer.

Karl darf mit auf den Kutschbock. Er hält sich fest, denn die Kutsche schwankt unter den vielen Koffern und Paketen. Durch das Kröpeliner Thor geht’s hindurch, in dem die Hufe hallen, dann die Kröpeliner Straße entlang, an der Universität vorbei und am säulenbestandenen Palais, in dem der Großherzog mal ein paar Wochen gewohnt hat. Ein ländlicher Soldat macht da jetzt seine sechs Schritt, ticktack, immer auf und ab.

Kurz vor der Post, am Schwaanschen Tor, da, wo das Kloster der »Brüder vom Gemeinsamen Leben« steht, muß Karl abspringen, sonst kriegt Kassebohm Schwierigkeiten.

Die Pferde werden ausgespannt und kommen in den Stall. Kutscher Kassebohm geht in die Kneipe – »Höltern Klink« heißt sie, und an der Tür steht: »Kumm rin, kannst rutkieken!« – wo andere Kutscher sitzen, die miteinander reden »woans« und »wotau«.

 

In der Nähe der Post, direkt am Rosengarten, auf dem die Kindermädchen ihre hohen, auch dreirädrigen Wagen schieben und über ihre Herrschaft reden, ist der Tabakladen von Welp.

Seid verwöhnt!
Raucht Welp-Zigarren!

Zu dem geht Karl hinein und guckt zu, wie die Herren sich Zigarren auswählen. Behaglich ist das, und gut riechen tut es auch. Draußen, vor der offenen Ladentür, streiten sich die Spatzen.

 

Die beliebteste Sorte heißt »Compasión«, das bedeutet »Mitleid«. Auf dem Kistendeckel, unter den üblichen Goldmedaillen – mal von hinten abgebildet und mal von vorn –, ist eine Frau zu sehen, die für hungrige Kinder Brot schneidet: »Compasión«, das bedeutet »Mitleid«.

»Hiervon eine und davon zwei«, sagen die Herren, und die Zigarrenspitzen gibt’s zu. Und wenn ein Arbeiter kommt und Zigarettenpapier haben will oder Krüllschnitt für die Pfeife, dann unterbrechen sie ihr Gespräch und schweigen, bis er wieder draußen ist.

 

Wenn Karl lange genug bei den Herren gestanden hat, die Hände auf dem Rücken, wie so’n Alter, kommt Herr Welp hinter dem Ladentisch hervor und stößt ihn mit kleinen Schubsern sanft, aber nachdrücklich aus dem Laden hinaus, mit dem Zentnerbauch wird das gemacht. Manchmal bekommt Karl aber auch leere Zigarrenkisten geschenkt, in denen noch Tabakkrümel zu finden sind. Man kann Briefmarken hineintun, »doppelte« oder solche, die man Sonntag ablösen will, in einem Suppenteller.

 

Zwei Straßen weiter ist die Margarinefabrik MEYER. Da kann man durchs Fenster sehen, wie Margarine fabriziert wird. In einem hellen Raum, dessen Wände mit weißen Fliesen ausgelegt sind, steht ein großer Holzbottich, in dem mehrere Arbeiter mit Holländer-Holzschuhen den Margarineteig kneten. Das sieht appetitlich aus, und Karl guckt gerne zu, bis er eines Tages sieht, daß ein Arbeiter in den Teig hineinspuckt.

 

Zu Hause, in der Stephanstraße, in der weißen Villa also, die man vom »Henriette-Schüßler«-Geld gekauft hat – mit Stuck an den Decken, aber ohne Kamin –, voll schwerer brokatener Portieren mit Kordeln und Troddeln dran, mit dem ungerahmten Bismarck auf einer geschnitzten Staffelei, diesem gewaltigsten Diplomaten aller Zeiten, mit Stechpalmen und unendlich viel Kleinkram, Alben, Kassetten, Dosen, der herumliegt, als ob er gerade benutzt worden wäre oder benutzt werden sollte, in dieser von

Ist der Vorhang gefallen, dann fahren sie mit Droschken in die Stephanstraße, die Königin-Mutter in ihrem Coupé vorweg. Müller, der Tenor aus Hamburg, wird mit in das Coupé genommen; die Gardine zieht man zu: »Die kleine Linz war ja mal wieder verheerend …«


Noch amal, noch amal, noch amal,
sing, ach sing, Nachtigall …

Und das macht er derartig gut, daß es die Herren und Damen sofort aus den Fauteuils reißt. Und die Dienstmädchen, unten in der Kellerküche, am geöffneten Speiseaufzug, lauschen und tanzen auch und nicht weniger gut als die da oben.


Nero, der Kettenhund!

das singt mit kleiner Stimme die kleine Linz, ein quitschnasses Taschentuch hat sie in der Hand. Und als sie damit fertig ist, rennt sie hinaus und weint. Und draußen hört sie, wie man drinnen lacht.

 

Alljährlich naht vom Himmel eine Taube!

Nichts lassen sie sich entgehen von dem da oben; die Mamsell richtet kalte Platten an, als Nachschub, und singt leise mit:

 ... um neu zu stärken seine Wunderkraft …

Wenn es dreimal klingelt, stellt sie die Platten in den Speiseaufzug hinein und zieht sie mit einem Strick nach oben. Halt! Eben noch mal zurückholen, eben noch mal’n bißchen Krauspetersilie dazwischenstecken und »Kraft«.

 

 

Schaut her … Ich bin’s
Doch nah’ ich ganz ernsthaft
Und grüße euch, werte Herren und Frauen,
Heut’ als – Prologus!

wird jetzt gesungen.