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Walter Kempowski


Uns geht’s ja
noch gold

Roman












Inhaltsverzeichnis

Copyright
Widmung
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Werkverzeichnis

I

Wenn ich mich etwas vorbeugte, konnte ich vom Schlafzimmerfenster aus alles gut überblicken. Drogerie Kotelmann, Schlachter Timm. Seifenheimchen schloß das Fenster.


Gegenüber die Paulstraße, die machte hinten einen Knick: bis dahin war das Feuer gedrungen, bei der »Katastrophe«, wie die Leute die Angriffe von 1942 nannten. Vor der Katastrophe und nach der Katastrophe. Jetzt würde es vor und nach dem Zusammenbruch heißen.

Bis zu Bäcker Kofahl hatte es sich gefressen. »O watt Löckers«, hatte der alte Kofahl gesagt, in seiner kleinkarierten Bäckerbüx. »All dat Mähl …«


Ich kniete auf der Couch und hatte die Innenfenster geöffnet. Aus allen Häusern hingen weiße Fahnen. Als ob das alles Bunker wären, die kapitulierten. Gegenüber, bei Arbeiter Krampke sogar eine rote. Ein »Fahnenwald«, wie man früher gesagt hätte. Aber dies erinnerte doch eher an alte Postkarten von Neapel, mit Unterwäsche von Haus zu Haus.


An der Ecke hielt ein Motorrad mit Russen. Im Beiwagen lagen Schuhe, die herunterbaumelten. Die Schuhe hatten sie vom Schuster geholt. Rrrrt! mit der Maschinenpistole die Scheibe kaputtgeschossen: einen ganzen Arm voll, noch mit Paketanhängern, wem sie gehörten. Hoffentlich viel einzelne.

Die Russen flachsten mit einer Ostarbeiterin. Die zeigte auf unser Haus.


»Komm lieber vom Fenster weg«, sagte meine Mutter.

»Sonst werden die noch aufmerksam.«

Sie räumte den Kleiderschrank auf.

Geblüht im Sommerwinde
gebleicht auf grüner Au
ruhst still du jetzt im Spinde
als Stolz der deutschen Frau.

Alles schön auf Kante. Waschlappen, Taschentücher (früher ritsch-ritsch-ritsch mit Kölnisch Wasser). Badelaken noch aus Wandsbek. Indanthren: links Sonne, rechts Regen, in der Mitte ein stilisiertes I.


Die Fächer müßte man mal wieder mit Papier auslegen, weiß mit kleinen blauen Sternen, und zählen, was man so hat. Bettücher, Bettbezüge und die dazugehörigen Knopfstreifen. Auch mal wieder alles durchsehen und flicken. Was Tante »Basta« wohl machte? Aus erstklassiger Familie, aber verarmt irgendwie, die hatte immer so schön geholfen. Die gute Alte. Die ganze Aussteuer hatte sie damals genäht.


Hier waren ja auch noch die Handtücher von MAGGI, die es früher auf Rabattmarken gegeben hatte (als Kinderhandtücher gar nicht so schlecht), damals, als es auch glasartige Bonbons zu kaufen gab, bei Mudding Schulz, mit schwarzem Hakenkreuz, aus Lakritze.


»Sind sie weg?«

Nein, sie waren noch da.


Vatis Hemden erstmal nach hinten legen, bis er wiederkommt. Und die Strümpfe auch, die dicken grünen Knickerbockerstrümpfe. Und die Wickelgamaschen. O, wie war das schrecklich gewesen, wenn er alles durchgrabbelte, zum Verzweifeln, fuchsteufelswild. »Warum nimmst du nicht vorne weg?« Nein, alles grabbelte er durch.


Nach Markgrafenheide war man gewandert. So oft, so oft.

»Ist denn der olle Wald nicht bald zu Ende?« hatte ich gesagt, ihr kleiner Peter Pump, und ob’s hier auch Wildschweine gäb, und die Bäume mir so angekuckt, ob man da hochklettern kann.

Zu süß. Und Vati hatte gesagt: »Nein, mein Junge, da kannst du ganz ruhig sein«; und geschmunzelt und sie so angepufft. »Hier gibt’s keine Wildschweine.« Und wenn wirklich eins käm, dann hätte das mehr Angst vor uns, als wir vor ihm.


Und in Gelbensande die schönen Erdbeeren? Erdbeeren mit Milch? Nun wär der Krieg ja zu Ende, da gäb’s bestimmt auch bald wieder Erdbeeren, vielleicht.


Was wohl als nächstes passiere, fragte sie sich.

Soweit war man ja gut durchgekommen. Den Naziquatsch. Diese Muschpoke! Nicht ausgebombt und am Leben.


Ulla sicher in Dänemark, das gute Kind. Die dachte gewiß jetzt her, wie’s uns so geht.

Aber Roberding. Und Vati? Na mal sehn. Das würde auch noch werden. Abwarten und Tee trinken. Treckt sick all na’n Liev.


Aber: Russen! Wer hätte das gedacht. Hätten die Engländer nun nicht eher da sein können? Die paar Kilometer?

Warum, o warum.


Wie gut, daß man im zweiten Stock wohnte. Wenn wirklich Russen ins Haus kämen, dann müßten sie ja erstmal an der verlassenen Wohnung von Beckers vorbei, konnten da alles ungestört durchstöbern: Schubladen aufziehen, was da so drin ist. Briefpapier, Fotoalben; meinetwegen auch Pfeifenreiniger. Dann wär der Tatendrang gewiß gestillt.


Zweiter Stock: das waren immerhin sechs Treppen, das überlegten sie sich, mit ihren schweren Stiefeln, und eine verlassene Wohnung durchzustöbern, das wär ihnen gewiß viel interessanter und angenehmer, als immer erst jemand zur Seite zu schüchern. Da fühlten sie sich denn nicht so beobachtet.


Etwas bedrohlich, daß da hinten bei Krause auch Wein lagerte; der Wein von Gebr. Cornelli, gegründet 1873. Das hatte wohl die Ostarbeiterin gemeint, als sie auf unser Haus zeigte.

Cornelli war damals abgebrannt, in der »Katastrophe«, und hatte seine Vorräte in der Brausefabrik von Dr. Krause gestapelt, hinter unserem Haus.

Cornelli, ein so durch und durch feiner Mann.

Anthroposoph. Als ein seiner selbst Durchchrister schaffe man Neugottesgrund, hatte er mal gesagt. Die Aktentasche so unterm Arm, als ob ein Judenstern darunter wär.

Seine Frau war ganz bewußt gestorben: »Krepps«.

Sie sollten nicht traurig sein, hatte sie geflüstert. Sie gehe nur hin-über, Stufe für Stufe. Eine Stufe weiche der anderen: neue Räume, licht und sonderbar.

Und der Mann und die Kinder – nun ja auch schon älter – die hatten am Bett gestanden und den ganzen Tod er-lebt. Nicht traurig, eher kühl. Fabelhaft.

O Nacht, die mich umfleußt
mit Offenbarungswonnen,
ergib mir, was du weißt!

Aber zu Ullas Hochzeit hatte er schlechten Wein geliefert. Essigsaure Tonerde, Surius. Warum man bloß? Drauf sitzen, was? Mehr als bezahlen konnte man ja schließlich nicht.

Und nun würden ihn die Russen trinken.


Ich besah mich in den Spiegeln der Frisiertoilette. Wie in einem Irrgarten, allmählich grün werdend. Die Maske des verwundeten Kriegers, oder Paul Wegener als russischer General.


Nun konnte ich mir in Ruhe die Haare wachsen lassen. Erstes, zweites und drittes Umkippen der Wellen. Mal zeigen, was man kann. Der Kochpottschnitt war endgültig passé.


Das Motorrad fuhr weg. Das Knattern war ja auch schon nicht mehr auszuhalten gewesen.

Ich knotete mir ein Taschentuch um den Ärmel und ging schon mal auf die Straße.

»Sieh dich vor, mein Jung! Geh nicht zu weit weg! Hörst du?«

Wie sie so sanft ruhn
alle die Toten.

Was konnten sie mir schon tun? Immer war ich gegen die Nazis gewesen, Pflichtgefolgschaft und nicht beim Militär. Und die Eltern in der Bekennenden Kirche. Vater sogar Loge.


In der Friedrich-Franzstraße lag ein totes Pferd mit abgestreckten Beinen. Das war eins von der Wehrmacht, ein Kriegskamerad. Zwei alte Männer vom katholischen Krankenhaus tranchierten es. Sie legten die Fleischstücke säuberlich in Schüsseln und Kummen: hier die Leber und dort das Schiere vom Schenkel. Ursulinen liefen raus und rein: in schwarzen Gewändern, das Gesicht weiß eingefaßt: Gulasch davon machen, aber kräftig würzen, sonst schmeckt es süßlich.


Auch Frau von Lossow kam nun zögernd aus ihrer Veranda, sie hatte schon lange auf der Lauer gelegen. Vier Mädchen und einen Jungen: Lotti, Eva, Margret und Sieglinde. Der Sohn hieß Erich, den hatten sie dummerweise aufs Gymnasium gegeben, Griechisch und Latein. Das war doch’n bißchen happig gewesen. Vorsichtig sah Frau von Lossow sich um, ob der Weg frei wär, links-rechts, links-rechts, rasch hinüber.


Die katholischen Männer rückten ein Stück, obwohl das Pferd auf ihrer Seite lag und sie als erste dagewesen waren. »Bis da ist unser, das da können Sie sich nehmen.« Das Messer wetzten sie ihr am granitenen Bordstein: bitteschön.

Was fängt man mit den Kaldaunen an, das war die Frage. Wegschmeißen? Oder durch den Fleischwolf drehen als Ragout?


Durch die Hermannstraße rollte die russische Armee. Ein Sowjetsoldat, den Regenmantel umgehängt, die »Balalaika« vorm Bauch, winkte sie ein. Eine lange Kette von Fahrzeugen. Lastautos wie aus den 20er Jahren, eckig und mit Sonnenschirm über der Windschutzscheibe, Panzer mit umgedrehten Geschütztürmen. Zuerst dachte man: fahren die rückwärts? Oben in der Luke ein Panzersoldat, mit einer Raupenkappe auf dem Kopf.


Als Lastautos und Panzer durch waren, kamen Soldaten in wannenartigen Panjewagen, struppige Pferdchen davor.

Von fern ein Schein, wie ein brennendes Dorf
mattdüsterer Glanz auf den Lachen im Torf.

Stroh hatten sie in den Wagen, damit es nicht so rüttelt. Sie kuckten nicht links, nicht rechts, immer weiter, keine Zeit, keine Zeit.


Am Zaun hing eine KZler-Jacke, blau und weiß gestreift.


Auf dem Alten Schlachthof war emsiger Betrieb. Da lagerte Käse in Türmen, Konserven, Tabak. Männer rissen unten Kisten heraus, die Säulen stürzten um. Fußhoch Zucker, gemischt mit getrockneten Erbsen, ausgelaufenes Speiseöl.

»Sie müssen etwas after mi gehn«, sagte ein junger, bleicher Mensch mit Brille, einen schlaffen Beutel hatte er unter dem Arm, man müsse eine andere Hinstellung organisieren. »Gehn Sie doch ’n bitten after mi …« dann kriege jeder was.

»Stör uns hier nicht, du Sack.«

Vor dem gußeisernen Tor, das mit Schweineköpfen verziert war, an einem grüngestrichenen Stadtbrunnen – unten für Hunde, in der Mitte für Pferde, oben für Vögel – stand Manfred mit seinem Ziehwagen. Er wollte auch was »organisieren«, aber, wenn er sich eben ein paar Schritt vom Wagen entfernte, dann näherten sich sogleich Schwerbepackte. Die hätten ihm den Wagen gestohlen.


Eine Frau fragte, er stehe hier so nutzlos herum, ob er ihr dies mal eben nach Hause fahren könne? Nein? Er solle bloß aufpassen, jetzt wär’ne andere Zeit: »Du bist wohl ’n Hitlerjunge, was?«


Russen waren keine zu sehen. Dafür fünf Messerschmitt-Jäger. Schnell ducken. Hatten die Russen denn keine Flak?

Me 109, das waren doch damals die schnellsten gewesen, 700 km/h, Weltrekord. Aber schon sehr lange her.


Mit Manfreds Ziehwagen hatten wir früher immer Auto gespielt, er hatte die Deichsel zwischen den Beinen gehabt, und ich hatte hinten sitzen und abstoßen müssen. – »Junge, du mußt mal andersrum«, hatte meine Mutter gesagt, »die Hacken nützen sich so ab.« Steuern durfte ich nie, immer nur treten.


Wir sammelten ein, was auf der Straße lag. Drei große Räder Käse, fünf, sechs Kisten Konserven (keine Ahnung, was da drin war), vier Kanister Speiseöl und eine Kiste mit Rationen für den Großeinsatz. Eins der Päckchen riß ich auf, da war Dextro Energen drin, das schmeckte kühl.

Alles aufgeladen und dann ab. Da hinten, den Eimer Marmelade noch und hier den Karton. Ach was, liegen lassen.

Oder nein, lieber doch mitnehmen. (Hundekuchen, wie sich dann herausstellte.)


Ob man es schaffte, unbehelligt nach Hause zu kommen?

Da hinten war ja schon die Bismarckstraße, dann war es nicht mehr weit.

Zu Hause wurde geteilt. Schweinefleisch im eigenen Saft, Heringe in Tomatensauce. Tabak. Aber auch Sellerie.

Meine Mutter war sogar noch einkaufen gegangen. »Mir passiert schon nix«. Gegenüber bei Schlachter Timm hatte es Fleisch gegeben. Mit einemmal habe sich die Tür geöffnet, erzählte sie, und ein besoffener Russe sei hereingekommen. Frau Timm habe gesagt: »Alle stehen bleiben, ganz ruhig, gar nicht beachten.« In der einen Tasche habe ein Unterrock gehangen, in der andern Tasche eine Flasche Schnaps gesteckt. Er sei da herumkarjolt und habe vom Ladentisch alles mögliche heruntergefegt. Die Frauen hätten rauslaufen wollen, aber Frau Timm habe gesagt: »Komm her, krist’n Stück Fleisch«, und hätte ihm ein riesen Stück Rindfleisch gegeben. Damit wäre er hinter einer Frau hergerannt und hätte ihr den Klumpen in die Hand gedrückt. »Da!« Und die Frau wär glückstrahlend abgezogen damit.


Dann war meine Mutter mit Großvater (»alles verbrannt, verbrannt, verbrannt«) in der Fabrik gewesen, an den Besoffnen waren sie vorbeigeschlichen, die da Flaschen kaputtschmissen und hatten oben vom Boden einen Sack Zucker heruntergezerrt.

Dr. Krause, der Fabrikbesitzer (»Bleiben Sie man hier, Frau Kempowski, wir bleiben alle hier«) war ja auf sein Gut geflüchtet; warum sollte man sich da nicht etwas nehmen? »Wenn wir’s nicht tun, tun’s andere.«


Mit vereinten Kräften wurde der Sack in unsern Keller bugsiert und in Kartons, Eimer und Vasen abgefüllt. Dann fiele das nicht so auf.


Die Fleischkonserven trugen wir auf den Boden, der Sellerie konnte im Keller bleiben. In die Schale der ausufernden Eßzimmerlampe kamen 25 Päckchen Tabak und auf das Bufett nochmal 25. Da lag der Gelbe Onkel, mit dem meine Geschwister früher Schacht gekriegt hatten. (»Bitte nicht!«).

Jija-jija.

Ich nie, ich war ja immer der Lütte gewesen.




Die Russen hatten in den Stadtwerken sämtliche Hähne aufgedreht: Was nützt das schlechte Leben. Alle Maschinen volle Kraft voraus! Strom, Wasser, Gas – herrlich.

Wir stellten den Heizungsofen an und kochten drei Tage im voraus.


Der Abend kam, wir hörten Nachrichten. Trommelwirbel: Um den Führer geschart verteidige sich die tapfere Besatzung von Berlin.

Die Engländer wären bei Boizenburg über die Elbe gegangen. Zu spät!

»Ich glaube, wir lassen es lieber«, sagte meine Mutter.

Denke dran, daß das Abhören ausländischer
Sender unter Strafe steht!

Das Schild hing ja noch dran.

Womöglich wegen so einem Quatsch totgeschossen oder ich weiß nicht wie getriezt zu werden.


Wir knipsten in der Tischlampe das obere Licht aus, da kam es nur noch matt aus dem vasenartigen Keramikfuß. Meine Mutter nahm ihre Ocki-Arbeit zur Hand, das zierliche Elfenbeinschiffchen. So hatten wir früher auch immer gesessen, Vater mit seinen dicken Fingern und die guten Zigarren, von Loeser & Wolff.


Später würde man vielleicht doch mal moderne Möbel anschaffen, wenn’s wieder alles gibt.

»In den Möbeln haben wir geheiratet, in den Möbeln werden wir auch alt«, hatte mein Vater gesagt. Stockkonservativ. Nicht mal’n Stuhl verrücken.

(Horchen: Was war das? War da nicht was? –)

Stockkonservativ.

Das kam wohl von seiner Mutter. Die war wohl 20mal umgezogen. Und immerlos hatte sie die Möbel umgeräumt. Da hatte sich Großvater Kempowski doch mal auf den Fußboden gesetzt, nachts, als er wieder mal duhn nach Hause kam! – Er hatte gedacht: Nun setz ich mich noch’n Moment in meinen schönen bequemen Lehnstuhl und bums! wie ein Maikäfer auf dem Rücken gelegen.


Auf der Straße wurde geschossen.

»Wie in Hamburg 1920«, flüsterte meine Mutter, stand auf und machte den Bücherschrank zu.

Wo Licht war: päng! da hatten damals die Kommunisten reingeknallt. Die Häuser im Zentrum waren wie gesprenkelt gewesen von Schüssen.

Der kranken Großmutter hatte man erzählt, die Schüsse, das sei Kaisers Geburtstag.


Jetzt fuhr ein Lastwagen in den Torweg. Er bumste gegen die Mauer, daß wir dachten: nun fällt das Haus um.

Soldaten kamen die Treppe rauf.

Bist du’s lachendes Glück?

Zwei oder drei Mann, mit Mädchen. Sie schlossen Beckers Wohnung auf. Die Stimme kannte man doch? Das war doch Vera? – Jetzt schmissen sie Glas kaputt. Schossen in die Decke und gröhlten.

»Die kommen bestimmt auch zu uns, oder glaubst du nicht?«


Wir legten uns auf die Ehebetten, – nun doch besser zusammenbleiben, – lauschten. Meine Mutter im Trainingsanzug, den Pelzmantel darüber und ich in meinem guten dänischen Anzug, einreihig mit breiten Revers.

Der Film »Anschlag auf Baku«: Die adligen Damen schieben einen Schrank vor die Kellertür und halten die Luft an – eine kriegt noch ’n hysterischen Anfall – halt! sagen die Rotgardisten draußen vorm Schrank, war da nicht was? Nein, alles ruhig.

Nun wieder Schüsse.

»Ob das durch den Fußboden hindurch geht? was meinst du?« Mein Großvater, in seinem Zimmer, der schnarchte in regelmäßigen Abständen. De Bonsac, uralter Hugenottensproß.

»Das ist der Schlaf des Gerechten«, sagte meine Mutter. »Der hätte man Landwirt werden sollen, statt Kaufmann«, nie was gewagt, immer nur Hypotheken, das wär die ganze Weisheit gewesen und dann: Schutt, Asche, Dreck, Staub. Alles in dutt.

Die Schuldner hatten lächelnd die Achseln gezuckt. »Zinsen zahlen für ein Haus, das es nicht mehr gibt? Aber mein lieber Herr Bonsac …«


Ob man vielleicht lieber die Uhr anhielte? Der Schlag? Vielleicht lockte der die Russen an?

»Was meinst du, mein Junge?«

Ein Glück noch, daß sie Vera kannte. Der hatte sie mal Zeug gegeben, als die Nazis noch da waren und einen Knust Brot und immer so freundlich gelächelt.

Am Nachmittag hatte sie sich die sogar noch vorgeknöpft. »Vera«, hatte sie gesagt, »du erinnerst dich doch, du doch noch wissen, ich dir Jacke gegeben, ja?« (Die karierte von Ulla, mit dem einen Knopf unterm Kinn. Ein bißchen aus der Mode, aber tadelloser Stoff.)

»Ja«, hatte Vera da gesagt, »keine Angst, Frau Kempowski, wir schützen Sie.«


Oh, ein schönes, stattliches Mädchen.

Die hatten ja nie was gehabt, die russichen Mädchen. »Russin? – Die braucht nichts!« Und das waren doch junge Mädchen gewesen. Die wollten sich doch auch mal schön anziehen.


Draußen auf der Straße knallte es; schrille Schreie. Und dann so ein Gepolter und Gewrögel, als ob gerungen wird. Auch Krachen und Splittern von Türen.

»Die armen Menschen«, sagte meine Mutter, und mir standen die Haare zu Berge.

Nun wurde an unsere Tür geballert: »Aufmachen, schnell!« Als ob die’s eilig hätten.

Meine Mutter jagte hin und rief: »Sie irren sich wohl? Offizier da unten!«

Brummend gingen sie weg, und meine Mutter legte sich wieder hin. Wie war das nun bloß möglich. Wie die Botokuden.


Vielleicht sollte man eben noch die Wanne voll Wasser lassen? Wer weiß, wie lange es noch Wasser gibt? »Bleib du man liegen, mein Jung.« Vorsichtig hinschleichen. Die Brause anstellen, das poltert nicht so. Und morgen auch den Sellerie nach oben tragen. Sonst fänden sie den womöglich und würden dadurch verleitet, noch nach mehr zu suchen.


Pssst! Da kam wieder einer nach oben geschlichen und knispelte an der Tür. Jetzt an der Klingel (abgestellt!) und jetzt an der Milchklappe, klick-klack.

Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind:
In dürren Blättern säuselt der Wind.

»Wir tun so, als ob wir das nicht hören. Der geht auch wieder weg.«

2

Am nächsten Morgen klopfte Vera an die Tür. Wir möchten mal runterkommen, meine Mutter und ich.

»Nun isses soweit, mein Jung’, zieh dir was Warmes an.« Schnell die Fenster schließen und hier, die Schlüssel paratlegen.

Sorg, aber sorge nicht zuviel,
Es geht ja doch wie Gott es will.

Taschentuch einstecken, Schlips festziehen. Und schnell nochmal aufs Klo. Wer weiß, wann man da mal wieder hinkommt.



Das hatte ja nicht gutgehen können. Das hätte man vorher wissen müssen: Russen im Haus. Vielleicht wär man doch besser in den Westen gegangen. Einfach mit dem »Friedrich« gefahren, wie Denzer das gemacht hatte. Der hatte ja noch gesagt: »Frau Kempowski, noch ist Zeit, kommen Sie mit!« Einfacher wär’s ja nicht gegangen. Aber nein. Wie man’s macht, isses verkehrt.

Wo der Dampfer jetzt wohl steckte? Vielleicht war er längst untergegangen? – Wer weiß, wozu’s gut ist.



Der eine Offizier – Schulterstücke so groß wie Frühstücksbrettchen – saß auf dem Sofa, eine Ukrainerin bei sich. Der andere hielt das Grammophon in Gang.

Valencia!
Meine Augen, deine Augen
Hühneraugen Kukirol!

Halbvolle und ausgeschwappte Weingläser auf dem Tisch, Kaffeekannen, Tassen, Brot.

Auf dem Teppich Kirschkerne und plattgetretene Heringsköpfe.

Wir blieben in der Tür stehen, und meine Mutter sagte: »Bitte sehr, hier sind wir?« (»Augen wie Schusterkugeln«!) Der Offizier auf dem Sofa kuckte uns an und lachte: Schöne Bescherung, nicht?

Ja, das konnte man wohl sagen, schöne Bescherung. Das reinste »Towabo«.

Und Vera sagte: »Nun müßt ihr saubermachen …« Die Offiziere gingen gleich weg, und dann sollten wir hier saubermachen. »Ja«, sagte meine Mutter, sofort, gern, sie wolle nur noch ihrem alten Vater Kaffee kochen, ob sie noch eben ihrem alten Vater Kaffee kochen dürfe, der wäre achtzig.

»Ja, aber dann saubermachen.«

Ja. Gut. Eben noch Kaffee kochen und dann saubermachen. Und ich ging auch mit nach oben, auch mit helfen Kaffee kochen.



Dem Großvater (»was, mein Grethelein?«), wurde eingeschärft, daß wir da unten wären, unten, (»wie?«) damit er wisse, wo wir geblieben sind. (»was?«) Und wenn das wär, wir wären unten. Und wenn wir nicht wiederkämen, dann solle er irgendwie in der Nachbarschaft bescheidsagen und sich um uns kümmern.

»Já-já-já-já-já!«



Wir nahmen den PROTOS, das alte große Ding mit der grünen Schnur und gingen an die Arbeit.

Die Offiziere waren fort, und Vera saß auf dem Fensterbrett, einen Karton voll erstklassiger Kekse neben sich, und kuckte zu, wie wir den Dreck wegmachten. Auf dem Grammophon die Weihnachtsplatte von Willi Becker, dem Sohn der Nachbarn, Glockengeläut und Weihnachtslieder. »Liebe Eltern. Von der Ostfront meine herzlichen Segenswünsche zum Weihnachtsfeste. Ihr sitzt jetzt gewiß um den runden Tisch und alles ist wie früher ...«

Meine Mutter saugte den Schmutz auf – die Kirschkerne klickerten in der Metallröhre – und ich polkte die Heringsköpfe mit den Fingern vom Teppich und tat sie in einen Karton.

Der Jungvolkjungen Höchstes ist die Ehre.


In der Küche stand dreckiges Geschirr. Auf dem Herd riesige Pfannen mit Nudeln, die dampften. Die Ukrainerin warf Fleischbrocken hinein. Sie kümmerte sich nicht um uns, kuckte so zu, wie das da verbruzzelte.


Im Schlafzimmer hatten sie Körperpuder ausgestreut, Fettpuder. Die Glasplatten dick voll, das war gar nicht wieder abzukriegen. Wie nach einer Verfolgungsjagd von Dick und Doof: Wie du mir, so ich dir. Alles um und dumm, und überall hingequalstert. »I gitt!«


Nach 3 Stunden waren wir fertig, und Vera ließ uns gehen. Ob wir unsern Kanarienvogel runterbringen könnten, fragte sie.

»Auch das!« sagte meine Mutter. (»Das arme Tier.«) Eine Tüte Futter dazulegen, sonst gaben sie ihm womöglich Wurst.




In der Nachbarschaft ging es wüst zu. Drei Tage sei Plündern frei, hieß es, das müsse man irgendwie verkraften. Kopf einziehen. Sich vergraben, unsichtbar machen, in Luft auflösen.


Ich sah vom Fenster aus, wie immer mehr Russen durch die Straße strömten und sich auf die Häuser verteilten. Hier raus, da rein. Und da raus und hier rein. Und auf dem Fahrdamm begegneten sie sich und zeigten sich, was sie ergattert hatten.


Gegenüber Graffunder, der Steuerberater, der hatte seine Haustür mit Brettern vernagelt. Er meinte wohl, sie dächten, er sei Graf und würden ihm besonders hart zusetzen.


Arbeiter Krampke, ein Haus weiter, »der Mann mit der Kommunistenmütze«, wie wir ihn immer nannten, der wurde geohrfeigt, weil er die Russen nicht an sein Vertiko heranließ. (»Das hat er nun davon.«) Und seine Lederjacke, die wollte er auch nicht ausziehen.


Die Frauen versteckten sich in Rumpelkammern. Wurden sie aufgestöbert, dann kletterten sie aufs Dach, rannten zum Nachbardach, stiegen in eine Luke, liefen Treppen runter und krochen, wenn die Luft rein war, durch Kellerdurchbrüche wieder zurück, manchmal auch umgekehrt. Dick angezogen, wie Tonnen. Das Gesicht schwarz gemacht, das Haar strähnig.


Wer einen alten Vater hatte, der schickte den vor, da zogen die Muschkoten dann manchmal ab. »Alte Leute gelten in Rußland noch was.« Aber die Jugend, die könne sich alles erlauben.


Wir waren durch den Lastwagen, der wie ein Pfropfen im Torweg saß, einigermaßen geschützt.

Aber es ballerte immer wieder auch an unsere Tür. Doch Vera, das muß man sagen, kam immer angesprungen und schrie die Muschkoten mit gellender Stimme an. Schließlich schlossen die Offiziere das große eiserne Tor mit einer Kette. Sie wollten auch ihre Ruhe haben, verdammt noch mal.


Ab und zu kamen die Fahrer herauf, die wollten bloß ein bißchen schnacken. Lästig war das, man verstand sich nicht.

»Karascho-Kamerad«, mußte man sagen. »Karascho«, das hieß »gut«. – »Krieg schlecht, nix karascho, Krieg nix gutt, du verstehn?«

»O, ja, Krieg schlecht. Aber du karascho, Kamerad.«

»Ich karascho?«

»Ja, du karascho.«

Na, denn karascho.

Alles wollten sie befummeln (»Wie die Kinder.«) Die Eieruhr, den Feueranzünder, die Schnur, mit der ich einen Lautsprecher nach hinten gelegt hatte, nie funktioniert. »Wott-wott-wott.«

Das Telefon. Einer drehte unentwegt am Telefon. Und natürlich das Klo. Reinspucken, ziehen – weg. »Jib twoi match«, das war interessant.

»Am besten gar nicht beachten«, sagte meine Mutter, »dann wird ihnen das langweilig, und sie gehen von selber wieder weg.«


Einer kam und sagte dauernd: »Mollokka«: Milch. Er wollte Milch haben.

»Tja, mein guter Mann, wo sollen wir jetzt Milch herhaben!« Mein Großvater kam mit Wein angetapert, den konnten wir grade noch zurückschüchern. »Aber Vater, du kannst die Leute doch nicht noch animieren!«

Der Russe trug einen riesen Verband. Seine Hand war zerquetscht, der war in die Raupen vom Panzer geraten. Das blutete wie toll.


Er kuckte sich die Ehebetten an und sagte: »Schön, schön …«

Da kam ein anderer und schrie nach ihm, wo er bleibt! Er solle fahren.

Meine Mutter sagte: »Der kann ja gar nicht.« Treppe runtergerissen. »Der arme Mann.«


Ein andermal kam ein Este. Ein hübscher, blonder, stattlicher Mensch. Der konnte Deutsch. Er liebe Deutschland, sagte er, er wär lange im Rheinland gewesen.


Er setzte sich an den Flügel und klimperte.

Isch weiß nisch, was soll es bedeiten ...

Stiefel mit Leinenschäften, und auf der Brust in Celloloid gepackte Orden, unter anderm die Warschau-Medaille, wie er uns erklärte.

Ob es hier irgendwo Wein gäb, er habe davon gehört. »Ja, da hinten, aber da ist nicht mehr viel zu holen, mein Guter.« Na, auch egal.


»Wenn sie alle so wären«, sagte meine Mutter.

»Tjá!« sagte mein Großvater, »fa-bel-haft.«




Dann kam Herr Cornelli. Der war von Keller zu Keller gekrochen, durch die Durchbrüche. Er hatte sich weiß gemacht. Ich holte die Kleiderbürste. »Sehr herzlichen Dank, mein lieber Junge. Ich darf doch ›du‹ zu dir sagen? Ja? – Ist deine Mutter nicht da?«

Den Hut auf den Garderobenhaken

Einer siegelt den Stein

Haare quer über die Glatze kämmen. Da, neben der Nase, ein Eiterpickel?


Mein Großvater kam von hinten angeschlurft, umarmte ihn und sagte: »Mein lieber Herr Cornelßen ... endlich Friede.«

Sie sahen sich lange in die Augen: Erschütterung, Freude.

Dieser Wahnsinn ein Ende? Gottes Hand sichtbar geworden? Rein ab, rein ab bis auf den Grund?

Und hinten auf dem Korridor, da schlug die Kuckucksuhr.


In den besten Sessel setzen, den Heizofen vor die Füße. Strom ging immer noch, das Wasser hatte aufgehört zu laufen.

Während mein Großvater sich zurechtrückte, um mitzukriegen, was es Neues gibt, trat meine Mutter ein. Still ging sie auf Herrn Cornelli zu, der sich erhob, und stellte ihm ein Glas mit Rotwein hin: Ob er auch ein Stückchen Brot wolle?

»Wein und Brot«, sagte Cornelli, »wie ist das schön, liebe Frau Kempowski«, dahin müsse man wieder kommen. Dahin zurück: Schale oder Krug, oder ein Stück Eichenholz. Was habe man alles durchgemacht.


Ja, was hatte man alles erlebt. Kinder nee. Es war ja ein ganzes Zeitalter vergangen, daß die Nazis weg waren und doch erst wenige Tage. Ach was, Tage – Stunden! Ob es eine neue Epoche werde? Mendelssohn wieder hören und Tschaikowski? Und, wie hieß der noch, den andern? Würde endlich Vernunft und Liebe diese Welt regieren?


Cornelli erzählte Schlimmes aus der Nachbarschaft. Mein Großvater nahm die Brille ab, um besser hören zu können.

Frau Dr. von Eschersleben, von nebenan, vergewaltigt! Die alte Frau von Eschersleben? die mit dem faltigen Hals? Ja, die sehr nette, rührend nette Frau von Eschersleben.

Und Gunthermann, Professor Gunthermann erschossen. Der hatte die Tür nicht schnell genug aufgekriegt, hatte sich wohl noch anziehen wollen. Durch die Tür geschossen, tot. – Gunthermann, der immer unter der Kanzel gesessen hatte, eine Hand hinterm Ohr, in der kleinen gemütlichen Klosterkirche, bei Prof. Knesel.


Und die kleine Helga Witte, dieses blitzgescheite Mädel: hingestreckt! »Ich seh’ sie noch, so blanke klare Augen …« Mit einem Hammer erschlagen. »Und so krisseliges Haar, so krissel-krauses Haar.«

Er habe gehört, es seien Polen gewesen. Er glaube nicht, daß Russen so etwas fertigbrächten. Tolstoi, Dostojewski ... Die Schädeldecke zertrümmert, mit einem einzigen Hieb. Wer tue denn sowas!


Und in die Marienkirche hineingeschossen, ins Westwerk, und das Weiße Kreuz angezündet, mutwillig, wie man sich denken könne.

Das Weiße Kreuz? – wo man immer so schön Kaffee getrunken hatte unter der riesigen Linde? Und drinnen die Dielen, noch mit Seesand bestreut?

Rührei mit Schinken, so richtig schön fett, mit Pilzen und Schnittlauch, so viel, daß man es gar nicht schaffte. Oder ein Mettwurstbrot »mit Schleppe«! Für 30 Pfennig 9 Scheiben Wurst drauf, herrlich.

Das nun abgebrannt! Das Weiße Kreuz! Was hatte das mit Krieg zu tun.


Wir verdienten es ja nicht anders, sagte Herr Cornelli, das sei eine Reinpeitschung von apokalyptischen Dimensionen. Wenn man bedenke, was Hitler und damit wir – wir! – den Völkern Europas angetan hätten! Und plündern? Das müßten wir aus der russischen Seele verstehen, das sei asiatische Tradition, das meinten die nicht bös. Plündern, brandschatzen, vergewaltigen. Wer könne denn wissen, ob wir so schnell von dem Nazikram erlöst worden wären, wenn die Kommandeurs nicht freies Plündern versprochen hätten.

»Da, die Stadt! Holt sie euch, sie ist euer!« Plündern, das habe eine bis in die Antike reichende Tradition. Praedatio, die Beute; und praedatus, üs wenn ihn nicht alles täusche, Beute machen. – Caesar, Tacitus, Sallust. Das seien doch alles aufgeklärte Leute gewesen … und trotzdem geplündert. An diesen Urtrieb hätten wir gerührt, und das wolle ausgestanden sein. Plündern – das habe ja auch etwas Kräftigendes an sich, wenn man es recht betrachte, wie der Boden, den man aufreißt, damit etwas Frisches, Grünes hervorzubrechen vermöge.


Übrigens wir, die Deutschen, wir hätten doch auch geplündert. Das müsse man doch zugeben. Nicht so offen, mehr heimlich. Göring und diese Leute. Die hätten freundlich gelächelt, als ob sie einen Besuch machen wollten, hätten auf der Terrasse gesessen und übers Meer gekuckt – der Hausherr hätte sich schon in Sicherheit gewiegt – und hinterher seien sie mit einem Lastwagen vorgefahren; und hätten alles katalogisiert und vorsichtig eingepackt. Kostbare florentinische Gläser und Ölgemälde. Die Rahmen alleine ein Vermögen wert.

Nein, wir wären auch keine Heiligen gewesen. Und Napoleon? Ein aufgeklärter Geist wie Bonaparte? Die Quadriga vom Brandenburger Tor herabzunehmen und das Jüngste Gericht aus Danzig hinwegzuführen?


Allerdings: Göring, solange der dabeigewesen sei, aus guter Familie und Träger des Pour le mérite, eines Ordens, den man nicht so mir nichts dir nichts gekriegt habe – solange Göring dabeigewesen sei, immer so gelächelt, da sei es noch nicht so schlimm gewesen. Da sei es noch im Rahmen geblieben. »Hermann« – wie der Volksmund gesagt habe, mit all seinen Uniformen. Einmal sei er wohl sogar geschminkt gewesen und habe in Toga und mit römischen Sandalen Besuch empfangen!

Das Volk habe einen feinen Instinkt. »Laßt dicke Männer um mich sein …« Das kennten wir doch.


Nein, die wirklichen Verbrecher, das wären Himmler und seine SS gewesen. Außer Rand und Band. Wenn er SD-Beamte auf der Straße gesehen habe, so graue Gesichtsfarbe, dann sei es ihm jedesmal eiskalt über den Rücken gelaufen. Er habe am liebsten mögen auf sie zugehen wollen und sie fragen: Leidest du? Du armer Mensch? Was ist bloß mit dir?


Im Lyzeum habe man Leichen gefunden, im letzten Augenblick erschossen, fünf Minuten vor zwölf. Krasemann dabei, der von der SPD und Lewandowski von der Werft.

»Krasemann?« sagte meine Mutter. »Der immer beim Gehen so hintennach schlenkerte?«

»Ja, der gute, gute Krasemann.«

Aus den Häusern geholt, zusammengetrieben und erschossen. Der Hausmeister habe ihm das selbst erzählt.


Wo wohl der Kreisleiter geblieben sei, sagte meine Mutter, und Gauleiter Hildebrandt, »Fide Vögenteich«, das war ja noch so rasend komisch gewesen, warum hatten die Nazis auch den Vögenteichplatz nach ihm genannt, nun zu Lebzeiten. »Sowas gehört sich doch nicht.« Alle hatten sich aus dem Staub gemacht, still, klammheimlich. Diese Ratten. Denen hatte man das Ganze zu verdanken.

Hätten die sich nun nicht stellen können: das und das haben wir gemacht, nehmt uns hin dafür und richtet uns? Das wär noch ’ne Haltung gewesen, das hätte ihr noch imponiert, und sie möchte wetten, daß denen dann gar nichts passiert wär. – Aber doch nicht so.

Richtiges Pack.


Ja, sagte Cornelli, er wisse noch genau, wie sein guter Hinz, 1938, als den Juden die Fensterscheiben eingeschlagen wurden, zu ihm gesagt habe: »Das rächt sich.« Seinen Freund Josephi, im Nachthemd aus dem Bett zu prügeln. Einen Menschen, der keiner Fliege was zuleide habe tun können. Sowas räche sich.

Er habe sich fest vorgenommen, alles, was jetzt auf uns zukomme, als verdiente Strafe aufzufassen. Sollten sie nur plündern, das geschehe uns recht. Und wenn sie uns alle an die Wand stellten, nur zu. Stellvertretende Sühne für all das Leid, das unser deutsches Volk über die Menschheit gebracht. Hoch erhobenen Hauptes. Selbst die Schränke öffnen: hier nehmt, damit all das Schlimme wieder aufgewogen wird.


Er habe sich gerade in diesen Tagen zur dritten Gesamt-Bibel-Lesung entschlossen. Die erste als blutjunger Student, die zweite in den schweren 30er Jahren.

Jona, Micha, Nahum; Habakuk, Zephaja, Haggari ... Seine Tochter habe schon als kleines Kind die Namen der Bücher herrappeln können, das habe wie ein Satz aus einer fremden Sprache geklungen. Die Fremdheit, diese Unzugänglichkeit der Bibel, die sei dadurch gut zum Ausdruck gekommen, und die fasziniere ihn. So bilderreich und bis in alle Winkel hin akustisch. Wie das Leben der Menschen. Rätselhaft, widersprüchlich. Zum Beispiel das, was wir jetzt erlebten: eine Szene den Makkabäern entnommen oder dem Untergange Sodoms. Schlußstrich und gewaltsamer Anhub zugleich.


Nachdem er das gesagt hatte, trank er sein Glas aus und kuckte sich die Flasche an. »Hm? von uns? Der ist ja noch von uns! Gut«, und dann verabschiedete er sich.


Draußen auf dem Flur sagte er: »Und saubermachen bei den Russen haben Sie müssen? liebe gnädige Frau? Hat man Sie verhöhnt?« Er hoffe, daß sich ihr guter Gatte, der Vater dieses prachtvollen Jungen (damit meinte er mich), »Ihr Schwiegersohn, Herr de Bonsac«, bald wiedermelde. Da oben in Kurland, oder wo auch immer, solle der Rest der Truppen ja kampflos und in voller Ausrüstung zum Feinde übergetreten sein.

Und Robert, der Älteste, nur bei den Landesschützen, es sei sicher eine bloße Formalität, daß sie den freiließen.


Er wolle noch zu Matthes hinüber, wie’s dem wohl gehe, mit der jüdischen Frau sei es ja auch nicht einfach gewesen.


Ob er eben noch rasch die Toilette benützen dürfe?

Ja, da stehe ein Eimer. »Mit’m Schwung nachgießen, bitte.« (Gott sei Dank die Badewanne vollgefüllt, wie eine Eingebung, im letzten Moment.)

Als er das erledigt hatte, tauchte er in den Keller hinab. Sobald es etwas Neues zu berichten gäb, komme er wieder, und übrigens: Saubermachen; wir sollten mal darüber nachdenken, ob das nicht geradezu symbolisch sei?


»Ein wun-der-ba-rer Mann«, sagte mein Großvater und straffte sich, »dieser Cornelßen. Wun-der-bar.«

»Ja«, sagte meine Mutter, »und die Frau so bewußt gestorben. Fabelhaft.«

Mich kriegten sie zu fassen, als ich Feuerholz aus dem Garten holen wollte. Stechpalme, ilex aquifolium. Ein Spähwagen kam von hinten auf den Hof gerollt: Halt, was ich da mache.

»Ich Feuerholz holen, für alten Großvater.«

»Nix Holz holen, Schnaps!«

Internationale Gesten, als ob man einen heben will. Ich schüttelte den Kopf: Hier nix Schnaps. Kam’rad Schnaps holen, alles weg. Futschikato perdutto! Nix mier dor, allens alle. Ex.«


Aus dem Spähwagen kamen drei Soldaten gekrochen und ein Mädchen. Füße vertreten. Endlich raus aus dem engen Ding.


Einer knöpfte seine Pistole aus dem Holzfutteral und hielt sie mir vor die Nase. »Nun los, Schnaps holen!«

Das war vermutlich ein Weißrusse. »Das ist ein Weißrusse«, dachte ich.

Hier seien ja so viel Flaschen, wenn ich keinen Schnaps fände, dann würde ich erschossen.

Ob im Wald, ob in der Klause,
Dr. Krauses Sonnenbrause!

Im Pferdestall hoben wir das Stroh hoch (da lag womöglich eine Leiche drunter!). Was das Eiserne Kreuz da soll, an der Pferdebuchte. »Faschiest?«

»Nein, für Pferd.« (Mit der Zunge schnalzen, hoppe-Reiter machen, hü! – prr!) »Für Pferd aus Krieg. Du verstehn?« Nein, das verstand er nicht.


In den Lagerhallen Tausende von Flaschen, Gespensterbahn, hu-hu. Grüne Halbliterflaschen, Dreiviertelliterflaschen, Brauseflaschen für Kronkorken-Verschluß und welche mit einer Kugel im Hals.


Treppen hoch, das Heilquellenlager. Fachinger und St. Helenenquell. Apollinaris. Jede Flasche saß in einer Strohhülse, für Fernkuren. Wozu nach Bad Wildungen fahren, das konnte man so billiger haben.

Treppen rauf, Treppen runter, Selterwasser und Brause. Dran riechen, batsch! an die Wand.


Auf dem Hof stieß mich der Weißrusse in einen Ein-Mann-Bunker. Er schloß die Tür und zielte in den Sehschlitz. Das Mädchen erklärte mir, sie würden so lange reinschießen, bis ich »kapuht«. Der Weißrusse lachte, und die andern kratzten sich am Sack.


Im Nachbargarten ein Schacht. Der gehörte wohl zu einem Luftschutzkeller. Sie schubsten mich hinein und kuckten von oben in die Röhre. Jib twoi match, ob da unten Schnaps wär?

Oder ob sie den Deckel drauflegen sollten, ja? Mich umlegen und den Deckel drauf? Ich stänke dann?

Ach, war das komisch. Da mußte man ja furchtbar lachen.


Von hinten ins Nachbarhaus.

»Du bumm!« sagte der Weißrusse, als ob das schon feststeht.

Keller durchschnüffeln. Hier, eine Flasche SUROL, Weinessig. Einstecken. Und eine Kiste mit wohl 50 Paar Handschuhen. Rausschaffen, in den Spähwagen.


Dann suchte jeder auf eigne Faust, ich stand an einer erdig riechenden Kartoffelschütte und sah zu.

Hier ’n paar Anzüge, da ein Koffer. Unterwäsche. »Karascho«.

Ein Fliegenschrank mit eingeweckten Kirschen. »Wott-wott-wott«. Hier, ob ich davon will.


Dann fanden sie einen Luftschutzhelm. »Faschiest!« Sie nahmen mir das Glas mit den Kirschen wieder weg. Nun stand’s fest. Alles Faschisten. Das ganze Haus voll Faschisten.

(Ich dachte immer: wieso? Wieso sollen wir denn alle Italiener sein?)


Ich flitzte die Treppe hinauf und lief in den Garten, hastete zwischen Johannesbeeren und Stachelbeeren entlang, kletterte über einen Drahtzaun und hockte mich in ein Trümmergrundstück. Optiker Baudis: Geht’s besser so oder so?

Der Weißrusse schoß Seidenschnüre in die Gegend. Wo steckt der Kerl? Den finden wir schon.


Ein Junge aus der Schröderstraße war nicht so glimpflich davon gekommen. Der hatte seine Armbanduhr nicht hergeben wollen, war aus dem Fenster gesprungen und hatte sich an einem eisernen Wäschepfahl aufgespießt. Jochen Suhrbier, Vater Heizer.

»Wenn das das Ausland wüßte«, sagte meine Mutter.