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Walter Kempowski
Schöne Aussicht
Roman














Albrecht Knaus Verlag

Inhaltsverzeichnis

Copyright
Widmung
I. Teil
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
II. Teil
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
III. Teil
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
EPILOG
Werkverzeichnis

EPILOG

In der Tonhalle treffen sich die alten Kameraden vom Regiment 210. Man atmet auf, wenn man mal wieder Leute des alten Schlages sieht!

»Isser das, oder isser das nich?«

Gloria, Viktoria!
Widdewidde-witt juchheirassa!

Es ist ein Höllenlärm! Jeder hat bereits diverse Biere getrillert oder verlötet, je nachdem; die Kellner eilen hin und her, und immer wieder, wenn ein alter Kamerad den Saal betritt, braust es auf. Männer fallen sich in die Arme und lachen; Menschenskind, der hat sich aber verändert, alt ist er geworden, aber man selbst, man weiß ja auch Bescheid.

 

Nur wenige Herren sind in der alten kaiserlichen Uniform gekommen, den Krieg gegen die Motten hat man verloren. Aber straff ist ein jeder, auch im zivilen Rock.

Zwei Herren sind anwesend, die bereits die neue Uniform tragen: sehr kleidsam und praktisch. Es hat sich einrichten lassen, daß sie in die neue Armee haben aufgenommen werden können, mit ihren alten Erfahrungen.

 

In einer Ecke sitzt Feldwebel Franz aus der Borwinstraße, blaß, schmal, ohne Haar und ohne Schnurrbart. Sein Leutnant sitzt bei ihm, dem er das Leben gerettet hat, und der hört ihm sprachlos zu.

Ja, es geht ihm wieder gut, sagt Franz, er hat ja eine nette Frau, aber das ist es nicht! Er beugt sich vor und flüstert seinem Gönner das Schreckliche ins Ohr, was keiner wissen darf: acht Monate Lager! Mit Hunden und Stacheldraht!

Gar nicht zu stoppen ist Herr Franz, und auch der wiederholte Hinweis auf den Herrgott läßt ihn nicht verstummen.

Der Leutnant denkt an den März 1918, als Franz ihn sich auf den Buckel lud, so auflud, daß er als Sandsack gedient hätte, wenn die Franzosen geschossen hätten. Das hatte er damals wohl gemerkt!

Er tastet die Erinnerung ab nach Bildern von diesem Mann, und immer sind sie bieder! Steht am Grabeneingang, freundlich lächelnd, grüßt in zackiger Verbindlichkeit, beugt sich in die feuchte Düsternis zu ihm in den Unterstand hinunter und flüstert ihm ins Ohr: daß wir das schon hinkriegen, da hat er keine Bange … Und immer wieder das Bild im Trichter, das ton- und schmerzlose Erinnern an die Stunden der Einsamkeit, in denen er geschrien und geweint hatte …

Dieser Mann ein Staatsfeind? Das ist nicht zu glauben.

 

Nun fährt draußen ein Auto vor, und aus steigt ein alter Herr mit Schnauzbart. Die Autotüren werden zugeschlagen, und die Saaltüren werden aufgerissen. Im Saal springen die Männer auf. Erwachsene Männer in Schlips und Kragen sieht man strammstehen, die Hacken zusammenschlagen, und salutieren: Es ist Oberstleutnant Kümmel, genannt »Todesmut« – »Helden wollt ihr sein?« –, der sich adlerartig umsieht und majestätisch unter die Männer tritt, an einen Tisch wird er geleitet, der an besonderer Stelle steht. Den Stuhl reißt man ihm zur Seite und schiebt ihn ihm unter.

»Befehlen der Herr Oberstleutnant ein Bier? – Ein Bier!« Todesmut ist es, daran besteht kein Zweifel. Dieser Mann, der seine Leute im Parademarsch marschieren ließ, damals, wenn sie dreckverkrustet aus den Schützengräben kamen. Das danken sie ihm heute, das hat ihnen nicht geschadet! Obwohl’s eigentlich nicht recht war, damals …

 

Nun wird »Ruhe!« geschrien, und nach verschiedenartigen Ankündigungen, die ohne Ausnahme in scharfem Fistelton vorgebracht werden, tritt Hauptmann Brüsehaber auf die mit Heldenfahnen und Hakenkreuzen geschmückte Bühne. Mit scharf akzentuierten Worten heißt er die Kam’raden willkommen, und dann erteilt er seinem verehrten Regimentskommandeur das Wort: Und »Todesmut« tastet sich auf die Bühne, zwischen all die Blumen da, »Todesmut«, der, wie alle Welt weiß, jetzt mit einem Tippmäuschen verheiratet ist, das ihn ziemlich am Bandel hat, und dieser Mann, der sich früher immer so sehr dafür interessierte, wie Schnürstiefel in den Tornister zu packen sind – »Der linke rechts und der rechte links!« –, der sagt: »Männer!« Und dann spricht er von der großen Armee und davon, daß eine neue Zeit angebrochen ist, endlich. Er findet griffige Vergleiche, vom Kapitän auf der Kommandobrücke und von Matrosen, die Taue kappen oder Maschinen anwerfen, Vergleiche, die jedermann einleuchten.

»Man kann doch nicht hierhin steuern, wenn man dahin will!«

Daß das Schiff »Freiheit« heißt, das hat er schon vorher gesagt, und daß die Felsen »Reaktion« bedeuten.

 

Zum Schluß des offiziellen Teils ergeht die Aufforderung des stillen Gedenkens an all die Kameraden, die bereits zur großen Armee abberufen wurden, sie werden namentlich aufgerufen, und der Trommler der Kapelle wirbelt seinen schönsten Trommelwirbel. Die Männer stehen die ganze Zeit still und stumm da: ziemlich lange dauert das. Gerne wüßte man, an was sie wirklich denken. An viel Ernstes, das möchte man glauben, aber auch an dummes Zeug.

Dann wird das Deutschlandlied gesungen und jenes andere Lied, das mancher sogar auf lateinisch kennt.

 

Danach wird es wieder lauter, man huldigt dem § 11 – »Es wird weiter gesoffen« –, die Kellner eilen hin und her, Lärm brodelt auf, und Leute schlagen sich wieder und wieder auf die Schultern, wie das eben so ist.

Bier her, Bier her,
oder ich fall’ um!

Hoch gehen die Wellen, als dem Publikum ein richtiger Tommy präsentiert wird, ein Mann von der andern Seite, der auch eine Rede hält, sogar auf deutsch, in der viel Lobenswertes vorkommt über die 210er. Die Sache mit dem Konfitürentausch erwähnt er, 1918, von Graben zu Graben im Niemandsland, was Kümmel akustisch nicht recht versteht. Und daß er sich freut, daß Deutschland jetzt so einen tüchtigen, tatkräftigen Führer hat, sagt er, der all den lasziven Elementen Beine macht, Kommunisten und Juden und dem ganzen Gesocks.

 

Während auf der Bühne die verschiedensten Darbietungen einander abwechseln – »Bitte Ruhe!« –, auch die Höhe der Geldspenden bekanntgegeben wird, die stattlich ist und einem jeden ein warmes Gefühl der Genugtuung eingibt im Hinblick auf die Freude, die mit diesem Geld bei den Witwen und Waisen aufflammen wird – »Bitte, einen Augenblick noch mal herhören« –, während man verschiedentlich schon voll ist wie eine Haubitze, weil man allzu viel auf den Diensteid genommen hat, flüstert Feldwebel Franz seinem Gönner noch immer die unglaublichsten Sachen ins Ohr

Der Piefke lief,
der Piefke lief,
der Piefke lief die Schiefel schief …,

Sachen, die sein Leutnant eigentlich weit von sich weisen müßte, sich aber anhört. Ganz genau.

Niemandem wird er ein Sterbenswörtchen davon erzählen, das verspricht er diesem guten Manne in die Hand. Und in der Nacht wird er seine Frau wecken und wird es ihr ins Ohr flüstern, und die beiden werden lange wachliegen, mit klopfendem Herzen.

Karl hat einen ruhigen Platz. Er sitzt mit einem Herrn zusammen, der Krause heißt. Der besitzt eine Brausefabrik.

Ob im Wald, ob in der Klause
Lebenskraft aus Krauses Brause.

Von der Loge kennt Karl den Brausefabrikanten, dort haben sie so manches Mal schön einen gehoben. Jetzt gibt es diese Einrichtung nicht mehr, Freimaurerei ist abgemeldet, obwohl so manche deutsche Heldengröße Logenmitglied war. Friedrich der Große, Blücher, Lessing.

Logen sind jüdisch-bolschewistische Einrichtungen. Am besten, man spricht nicht mehr davon.

Herr Krause hat keine Nachteile davon gehabt, daß sie da immerzu gefressen und gesoffen haben, das sagt er eben. Karl auch nicht. Eher Vorteile hat Karl davon gehabt: Aus der SA hat man ihn hinausgesetzt, per Postmitteilung, und das ist höchst erfreulich.

»Wie wir erst jetzt festzustellen Gelegenheit hatten, waren Sie Mitglied der Rostocker Loge ZU DEN DREI STERNEN und ist eine Zugehörigkeit zur SA damit unvereinbar …«

 

Krause, der Brausefabrikant hat berichtet, daß sein Betrieb ganz unglaublich gut arbeitet, sogar das Problem der automatischen Flaschenspülung hat sich lösen lassen, wodurch man sechs Spülerinnen einsparen konnte, und er erzählt, daß er auch eine Heilquellen-Niederlassung gegründet hat. Schlau, nicht? Nach Bad Wildungen fahren? Nicht mehr nötig, den Helenenquell kann ein jeder jetzt zu Hause trinken. Bei ihm ist der zu beziehen. Jederzeit und in jeder Menge.

Was das volkswirtschaftlich bedeutet! Das muß man sich mal vorstellen! Die ganze Reiserei fällt flach!

 

Während die Gesellschaft bereits vaterländische Lieder singt und sich intensiv an den § 11 hält, stellt Herr Krause die Frage, ob Karl nicht jemand weiß, der eine Wohnung mieten will? In seinem neuerbauten Haus ist eine Wohnung frei? Augustenstraße 90, sechs Zimmer, Bad, Küche, Zentralheizung. Mit einem herrlichen Balkon, von dem aus man eine prachtvolle Aussicht hat?

Was? Wohnung? Nun, Karl weiß allerdings jemanden, und in der Nacht, als er schwer geladen ins Bett sinkt und sich die Schulberichte seiner Frau anhören soll, wie verheerend schlecht der Sohn Robert neuerdings im Lateinischen steht – malus, a, um –, kriegt die Familie eine neue, schöne Perspektive. Umziehen wird man, das ist schnell beschlossen, und zwar in die Augustenstraße, die ihren Namen von der Großherzogin Auguste hat.

 

Umziehen? Wenn man das vorher gewußt hätte, dann hätte Malermeister Krull die Türen ja nicht mehr neu zu streichen brauchen.