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Walter Kempowski, geboren am 29. April 1929 in Rostock, starb am 5. Oktober 2007 in Rotenburg an der Wümme. Er gehört zu den bedeutendsten deutschsprachigen Autoren der Nachkriegszeit. Einem breiten Publikum bekannt wurde er durch seinen Roman »Tadellöser & Wolff«, der Kultstatus erreichte und auch verfilmt wurde. Seine monumentale Collage »Das Echolot« war 1993 eine literarische Sensation und fand zwölf Jahre später mit der Veröffentlichung des zehnten Bandes, der die Bestsellerliste stürmte, ihren krönenden Abschluss. Der letzte zu Lebzeiten des Autors veröffentlichte Roman »Alles umsonst« brachte Walter Kempowski auch internationale Anerkennung.

Das Werk von Walter Kempowski umfasst zahlreiche Romane, Erzählungen, mehrere Tagebücher und Befragungsbücher. Eine Übersicht befindet sich am Ende des vorliegenden Romans.

Weitere Informationen zu Leben und Werk von Walter Kempowski sind zu finden unter www.kempowski.de

»Herzlich willkommen« ist Teil der sogenannten »Deutschen Chronik«, in der Walter Kempowski die Geschichte seiner Familie vom Kaiserreich bis in die 1960er-Jahre der Bundesrepublik erzählt. Neben sechs Romanen, die die Familiengeschichte schildern, wird die »Deutsche Chronik« durch drei Befragungsbände ergänzt.


»Mit wenigen Sätzen entwirft Kempowski die neue Kulisse und entlarvt sie zugleich als Fassade, hinter der noch die Erinnerung der vergangenen Zeit kauert.«

Die Zeit

»Unverwechselbar bleibt Kempowskis Ironie –
sein Humor, der ihn nie verlässt.«

Berliner Morgenpost

Walter Kempowski

Herzlich willkommen

Roman

FÜR ERICH PAEPCKE

Süße Milchschokolade. Osterhasen aus süßer Milchschokolade und Osterhasen aus Pappmaschee, den Kopf zum Abdrehen, mit grüner Papierwolle gefüllt und mit kleinen bunten Eiern aus Zucker.

Gefüllte Schokoladeneier, Katzenzungen, Schokoladenthaler und »Hansi«-Schokolade mit einem Jungen drauf, der Pluderhosen trägt.

FRÖHLICHE OSTERN!

Wandsbek, Bärenstraße 7a: Eine Baracke mit Pappwänden, drei Zimmer, Küche, Klo.

Das Wohnzimmer liegt nach Norden: Linker Hand die Schlafcouch, Marke OSLO, davor ein Tisch zum Hoch- und Runterkurbeln und zwei Cocktail-Sessel.

»Die Herren haben es gern, wenn man bar zahlt.«

Über der Couch das Schiffsbild von Konsul Discher, die »Alte Liebe«. Wir lassen dich nicht, du segnest uns denn. Die Sessel sind mit Noppenstoff bezogen. Das Gütesiegel hängt noch dran.

Auf der Tapete jubelnder Urlaub! Italienische Eisverkäufer, einer neben dem andern, immer wieder dieselben, Gondeln, Eselskarren, dünne Mädchen und fliegende Fische: Am Fenster ein Außenthermometer, dessen Glas an der Schraube gesprungen ist.

In den Schreibschrank sind Fotos gepinnt, ein wenig verkantet, die Schreibplatte ist heruntergeklappt, damit man die Fotos sieht: Der Familienvater eher peripher, »Klare Sache und damit hopp!«, gefallen auf dem Felde der Ehre, das Blumenpflückbild der Tochter so halb da drauf, und in der Mitte die beiden Söhne, bei Wertheim aufgenommen, in Rostock noch vor dem Krieg. Man hatte gealbert an jenem Tag, und hinterher hatte es Kuchen gegeben im Erfrischungsraum, an einem runden Marmortisch.

Die Bilder der beiden Söhne: Einer ist heimgekehrt, auf den anderen muß noch gewartet werden.

Neben der Schlafcouch das Radio IMPERIAL. Auf einem Rauchtisch steht es, dessen Beine abgespreizt sind.

You load sixteen tons, what do you get?

Another day older and deeper in debt.

Die Sache mit den Sixteen Tons, jeden Tag auf allen Stationen, von Paris bis Motala.

Oder Louis Armstrong mit dem Lied von denen, die im Dunkeln stehen, daß man die nicht sieht. Das magische Auge: wie’s größer wird und wieder klein.

Süße Milchschokolade. Osterhasen aus süßer Milchschokolade. Apfelsinen, Mandarinen, Pampelmusen; Birnen und Bananen. Äpfel, rote, gelbe, grüne: Eßt mehr Früchte und ihr bleibt gesund.

Von einer Würstchenbude zur andern gehn, Gummiteddies und Zuckerwatte: Jemandem auf der Tasche liegen und einen Parallelo tragen, der sehr neu ist: Hamburg 1956.

I. Teil

1

Hamburg, das Tor zur Welt – das Leben der Vorväter studieren und Kontakt aufnehmen zu den Lebenden. Sich einreihen in den lebendigen Strom: Vor sie hintreten und sagen: Ich bin wieder da. – Und angenommen werden von ihnen wie der verlorene Sohn.

Onkel Karl und Tante Hanni. Onkel Gustav in Bargfeld und im Staatsarchiv diverse Unterlagen: Daß man im Prinzip ja Hamburger ist, das geht daraus hervor, und daß man sich nicht zu verstecken braucht. In der Katharinenkirche sogar ein Epitaph, gestiftet vom Ahnherrn: Den würde man sich gelegentlich mal ansehen und man würde innewerden, daß das eine Logik hat, dies Zurückkehren in die Stadt der Väter.

Ein grünes Notizbuch kaufte ich mir, und in dieses Notizbuch schrieb ich die Liste der zu Besuchenden: Tante Thea, Tante Hille und Tante Hanni: Die Sache mit den sechs Schwestern: Drei bereits tot, und drei noch sehr lebendig. In Garstedt begoß Tante Thea noch immer die Fensterblumen, und Tante Hille tat in Volksdorf dasselbe, die eine dürr, die andere mollig, jede auf ihre Art. Schwarzbrot und dicke Milch. Es ja auch nicht leicht gehabt haben in all den Jahren: Und doch immer noch so voll Gottvertrauen.

Zuerst besuchte ich die kleine gemütliche Tante Hille in Volksdorf. Bei der hatte ich mal geschaukelt im Garten, und dann hatte ich eine Birne zu essen bekommen, eine Butterbirne, wie nie wieder in meinem Leben, zwischen Phlox und Chrysanthemen.

Erst Tante Hille besuchen, so wie man es früher getan hatte in den großen Ferien, und dann die anderen alle und der Reihe nach. Mit blauem Parallelo unter nagelneuer Jacke, mit Herren-Knirps und Osterglocken: »Der weiß wenigstens, was sich gehört.«

Die Linie 51 nehmen, zweite Querstraße rechts, drittes Haus. Das Weiblein mit der Kunkel: Das Haus, das kannte ich noch, oben aus dem Bodenfenster hatte ich Papierflugzeuge fliegen lassen und: »Hille-Pille« hatte ich gerufen, wofür mir mit dem Finger gedroht worden war. Zweite Querstraße rechts, drittes Haus, da lag es, oben ausgebrannt, aber schon wieder Rosen über der Tür.

»Und bedank’ dich auch, mein Junge.«

Ich übergab der Tante meine sieben Osterglocken, und sie sagte: »Na, wie geht’s denn so? Weißt du auch, daß du deine Mutter nun schrecklich liebhaben mußt? Denkst du immer daran, daß sie hat darben müssen?« das sagte sie, und sie stellte die Kaffeetassen auf die selbst bestickte Decke. Das Wort »darben« gebrauchte sie.

Wir saßen unter dem Wappen der de Bonsacs, »Bonum Bono«, und sie schenkte mir Kaffee ein aus einer Blümchenkanne, deren Deckel mit Drahtfeder und Porzellanschmetterling gehalten wurde. Eine Scheibe »Kalten Hund« legte sie mir auf den Blümchenteller, und dann nahm sie sich einen Strumpf zum Stopfen und fragte: Was ich mir eigentlich dabei gedacht hätte, damals, in die Zone zu gehen und da irgendwelche Sachen zu machen. Ich hätte doch wissen müssen, daß mit den Russen nicht zu spaßen ist, das weiß doch jedes Kind! Die herangewachsene Tochter ging durchs Zimmer in pendelndem Glockenrock,

Schau heimwärts, Engel!

Helga mit Pferdeschwanz und blond, sie wollte mal eben was holen aus der Veranda, dort hatte sie bloß mal eben was liegen lassen; das brauchte sie jetzt unbedingt sehr nötig. Sie winkte mir zu, mir, ihrem Vetter, der aus der Fremde gekommen war und eine so sonderbar graue Gesichtsfarbe hatte, acht Jahre Zuchthaus, irgendwie politisch; ging wieder hinaus mit pendelndem Rock, kam dann aber doch noch einmal zurück, mit ihren blonden Waden, und gab mir die blasse Hand. Das wollte sie denn nun doch tun, ihrem gestrauchelten Vetter die Hand geben.

»Hat einen netten Freund«, wurde gesagt, »Vater Bankdirektor und kommt gut voran, viertes Semester Jura!«

Ein sogenannter »Wildfang« war sie gewesen, zu zweit hatten wir im Garten geschaukelt, »die Kleine« war sie gewesen, und »Kriegen« hatten wir gespielt, was darauf hinausgelaufen war, daß ich sie in eine Ecke drängte, an den Bretterzaun zwischen Hof und Garten und irgendwie küßte.

Drei Tassen Kaffee und zwei Scheiben Kalten Hund: Was ich mir gedacht hätte bei dieser Sache, so wurde fortgefahren, der Kaffee stand auf dem Stövchen.

»Und die Mutter noch mit hineingerissen, Junge, schämst du dich nicht? Tapfer, so tapfer deine Mutter, nicht ein einziges Wort der Klage, Zähne zusammengebissen und durch!« Und krank gewesen dort, im Lager, – »Lager«, dieses Wort gebrauchte sie – die liebe Grethe! Wüßt’ ich das überhaupt?

Der ganze Unterleib, ausgenommen wie eine Pute, im Lagerlazarett, unter weiß was für Verhältnissen? – Was ein Mensch alles durchstehen kann, das ist eigentlich erstaunlich.

Was ich da erlebt hätte im Lager, das sei gewiß auch fürchterbar. Aber das wollten wir man jetzt auf sich beruhen lassen, all’ diese schrecklichen Geschichten! Der Mensch muß auch vergessen können. Und: Irgendwie ja selber schuld, nicht? würde sie sagen, oder?

Die Tür öffnete sich, und herein wieselte ein Hund. »Da bist du ja!« rief Tante Hille und warf den Stopfstrumpf von sich, »mein von Gott geliebtes Wutzelchen!« Und sie herzte ihr Wutzelchen, und dann schlug die Uhr Fünf, und ihr fiel ein, daß sie jetzt unbedingt sehr nötig was zu erledigen hat. Die Unrast, die Unrast dieser Zeiten!

Beim Hinausgehen aus dem Haus noch eben mitkriegen, daß die Fenster aufgerissen werden: eben mal tüchtig Durchzug machen nach dieser Geschichte hier …

Das Notizbuch herausholen und abhaken die Sache. Und wieder geht ein schöner Tag zu Ende. Tapfer vorwärtsschreiten in die Zukunft und an der Ampel – »gehe!« – aufpassen, daß man nicht überfahren wird.

Am nächsten Tag fuhr ich zu Tante Thea, der dürren, die hatte immer nach Eukalyptusbonbons gerochen, dürr und zäh, und ihren Kindern hatte sie erzählt, daß der Eukalyptusbaum in Australien wächst und tausend Jahre alt wird, dagegen ist unsere Eiche nichts. Zu Tante Thea fuhr ich, die sich bei ihrer Hochzeit einen sehr deutschen Namen eingehandelt hatte gegen ihren sehr französischen.

Bei dieser Frau auf jeden Fall pünktlich sein. Lieber eine Stunde früher hinfahren und um Häuserblocks herumlaufen, den Vögeln zuhören, wie sie zwitschern, und Gärten angucken, in denen die ersten Blumen bereits abgeblüht sind. Lieber eine Stunde früher losfahren, als hier zu spät zu kommen: »Das fängt ja gut an, die arme Mutter.« Lieber pünktlich sein, damit sie sagt: »Der Junge hat sich gefangen, aus dem wird vielleicht doch noch was.«

Als ich in die von einem Blumenfenster verdüsterte Wohnstube trat, verließ auf der andern Seite der gute Onkel Oskar augenblicklich das Zimmer, die Tür schloß sich hinter ihm, und das Mobile von kleinen stilisierten Schiffen, das da hing, bewegte sich noch eine ganze Weile.

Am Eßtisch sitzen, Kaffee trinken, Topfkuchen essen und die fünf Osterglocken bewundern, die man mitgebracht hat: wie der liebe Gott die Natur doch so sonderlich geschaffen, und dann von der dürren Tante mit tiefer Stimme gefragt werden, was man sich eigentlich gedacht hat dabei, all so schlimme Sache zu machen …

»Du weißt doch, daß deine Mutter sehr, sehr tapfer war? Ja? Weißt du das? – Gott, ich seh’ sie noch, wie sie hier ankam, ich sag’: ›Grethel‹? Und sie so: ›Ja …‹ gesagt, tonlos. Und ich: ›O Gott, Grethel‹. – Kein Wort der Klage.«

Was diese Frau durchgemacht habe, das sei ja nicht zu sagen! Und es wurde an den Fingern hergezählt: Inflation, Wirtschaftskrise, Nazis, und dann noch das Gefängnis! – Die Wohnung verloren, alle Möbel … und der Mann gefallen! Das ja auch noch! Das müsse man sich mal vorstellen!

Fünf Jahre im Gefängnis, weil ihre Herren Söhne es für richtig gehalten hatten, sich als Weltverbesserer zu betätigen, sich irgendwie einzusetzen für irgendwas und dann in der Tinte gelandet! – Aber jetzt Schwamm drüber nicht? Man selbst hatte es ja auch nicht leicht gehabt. Abgebrannt, der liebe Christoph gefallen, und dann die Nazis … Immer eine Haussuchung nach der andern und gesagt: »Wir kommen wieder!«

Nach dem Kaffeetrinken wurde der Bücherschrank geöffnet und es wurde ein Buch herausgeholt, Albert Schweitzer: »Der Urwaldarzt von Lambarene«. Das Buch wurde erst noch eine Weile in der Hand gehalten und dann wurde gesagt, daß man sich das Buch nur schwer vom Herzen reißt, weil es nämlich noch vom Vater stammt, daß man es aber wegschenken will, und hiermit gibt sie es mir, und ich soll es in Ehren halten.

Und dann wurde mir der Hut gereicht und gesagt: »Tschüß«, und daß das Wort »Tschüß« von »adieu« kommt, und beim Vorübergehen am Haus kriegte ich noch eben mit, daß der liebe Onkel Oskar sich wieder in seinen Lehnstuhl setzte und nach der Zeitung griff.

Zu Hause, unter der »Alten Liebe«, am heruntergekurbelten Mehrzwecktisch saß meine Mutter. Daß der gute Oskar, gelinde gesagt, schrullig sei, sagte sie. »Nimm’s mir nicht übel!« Der denke immer, ihm fällt was auf den Kopf! Mitten auf der Straße zu den Dächern hinaufgeguckt, ob da nicht vielleicht was runterfällt! – Und die Kinder immer so unmäßig gezüchtigt. Aber herzensgut, irgendwie. Nach Caux fahre er jedes Jahr zur Moralischen Aufrüstung …

Daß Helmut, Eva, Peter und Elisabeth nun schon alle im Beruf sind, sagte sie, Theologie und Wirtschaftswissenschaften, und daß sich für mich auch schon noch was finden wird. Buchhändler? Vielleicht könnte ich ja Buchhändler werden, das denke sie eben, sagte meine Mutter, und sie entzündete eine Tischkerze, auf der stand: »Echt Stearin«.

Vielleicht Buchhändler werden? Immer mit den herrlichsten Büchern zu tun haben – »Götter, Gräber und Gelehrte« – und mit angenehm klugen Menschen, die man individuell berät? Herrn Röwekamp mal fragen, den kannte man doch noch aus der Stiftskirchenzeit, Herrn Röwekamp von der St.-Lukas-Bücherstube, der würde bestimmt was wissen.

Wenn man Buchhändler ist, dann nimmt man sich abends die schönsten Bücher mit nach Haus und liest sie seiner Frau vor, sagte meine Mutter. So wie in der Zelle, wo ihr liebes Füchschen abends beim Schein der Feuerzone Gedichte aufgesagt habe, eines nach dem andern. Wie heiße es man noch, dies eine, dieses wun-der-ba-re …

Sie freue sich, sagte sie dann noch, und sie stand dazu auf, daß ich so zielstrebig bei den Verwandten die Runde machte. Im Grunde alles ganz nette Leute. Und wenn ich damit durch wär’, dann würde sie an meiner Stelle all das andere in Angriff nehmen, was man nicht auf die lange Bank schieben soll, bei dem es irgendwelche Termine gibt, die man nicht verpassen darf. Die Leute auf den Ämtern seien oft recht merkwürdig. Sie damals, oh, wenn sie noch daran denke, als sie damals nach Hamburg gekommen sei, sie wüßt’ es noch wie heute, ich glaubte ja gar nicht, was sie alles erlebt hätte! Und sie schickte sich an, lang und breit all das aufzuzählen, was ihr auf der Seele lag. Da mußte gegengehalten werden, das war irgendwie nicht zu ertragen.

Am nächsten Tag war Onkel Karl an der Reihe.

»Was bist du blassing, mein Jung’ …«

Die Möbel in seinem Wohnzimmer waren alle etwas angesengt, aber einen Fernsehapparat besaß er bereits, namens TIZIAN.

Der Fernsehapparat lief, und vor dem Apparat, auf dem Fußboden, saßen Kinder, das waren Enkelkinder, von denen im Umfeld dieser Familie eine ganze Menge existierten.

Auf der mit Goldleisten eingerahmten Mattscheibe sah ich zunächst Hunde nach Luftballons springen, sodann Gracia Patricia mit dem Fürsten von Monaco in die Kirche schreiten, links und rechts gekrönte Häupter.

Daß er sich in der Nazizeit verweigert habe, sagte Onkel Karl, und ob ich eigentlich wisse, daß in Hamburg 2,6 Kubikmeter weggeräumter Schutt auf den Kopf der Bevölkerung kämen? Während wir da drüben gesessen hätten, ruhig und trocken, hätten sie die Ärmel aufgekrempelt, und wie!

Dann erkundigte er sich nach meinen Plänen. Ob ich Lagerist werden wollte, bei ihm in der Firma, fragte er rundheraus und blickte über die halbe Brille, ich könnte morgen früh schon anfangen? Ein junger Mann dürfe nicht herumlungern. Lagerist! Das sei doch absolut nichts Schlechtes, ich kriegte ’n Kittel an und könnt’ die Farben ausgeben, »fertig ist die Laube«, verdiente mein gutes Geld und läg’ der armen Grethe nicht mehr auf der Tasche! Er, als junger Mann, wenn er noch daran denke …

Warum ich nicht schon eher gekommen wär’, dächte er eben, er habe immer gesagt: Der Junge, der Junge, warum läßt der denn so gar nichts von sich hören? Er sähe mich noch, damals, 1948, ich hätt’ ja gar nicht schnell genug ins Unglück rennen können. Ob ich mich noch erinnerte, daß er gesagt habe: Junge, Junge, Junge! Hast du dir das auch richtig überlegt? – Es gäbe eben Menschen, die ließen sich nicht helfen.

Und: Grethe … die arme Grethe. Ob die sich nicht hätte heraushalten lassen aus der Sache?

»Die arme, kleine Frau hat man ja direkt gefoltert …«

Tante Hanni bedankte sich für meine drei Osterglocken und erklärte sodann, daß der Vater von Gracia Patricia einfacher Maurer gewesen sei, und daß der sich auch hochgerappelt hat, und zwar bis zum Millionär, und daß wir den Apparat nun wohl besser ausmachten, die Röhren nutzten sich sonst so ab.

Die Kinder, die da saßen, waren durch die Bank Jahrgang 1950. Merkwürdig, daß das Kinderzeugen weitergegangen war in all den Jahren.

Kam’raden die Rotfront und Reaktion erschossen … Die Fernsehantenne dieses Hauses war auf dem alten Fahnenmast montiert.

Nach Hause fahren mit der S-Bahn, Wandsbeker Chaussee, nach Hause, wo sich die Mutter vermutlich bereits zurechtsetzte, um auf die Ämter hinzuweisen, die man alle noch ablaufen muß. Sie damals, oh, wenn sie noch daran denke … Die sich anschicken würde, auf schlimme Situationen hinzuweisen, die sie hinter sich gebracht hatte, und auf Zelle, Strohsack und so weiter. Lieber noch einmal um den Block herumgehen und Gärten ansehen, eh’ man sich in den Noppensessel fallen läßt und Bericht erstattet: Was Onkel Karl gesagt hat, und wie’s der guten Tante Hanni geht.

Um den Block herumbummeln, die herrlichen Autos angucken, die an der Ampel halten, bunt, blank und blitzend. Jetzt donnern sie los: Erst die von rechts und links, dann die von gegenüber. Wie die Gezeiten des Meeres. Was hatte man alles entbehrt!

Lieber noch etwas bummeln, nach Hause kommt man noch früh genug. In den Fußgängerstrom sich einreihen und mit den Zwei Mark fünfzig in der Tasche klimpernd ins Kino gehen. Niemand weiß, daß man ein Fachmann ist für diesen Film, ALIBI, in dem nämlich Zellen gezeigt werden und Türen, die zugeriegelt werden können von außen.

Dann ging ich zu Rita, der empfindsamen Geigerin. Die stand auch in meinem Notizbuch, und hinter ihrem Namen war ein Ausrufezeichen. Wenn die Stehlampen in den Wohnzimmern der ganzen Welt ihr schummriges Licht über die Tische ergießen, dann frisch gewaschen und rasiert zu der Kusine gehen, an die man schon häufiger mal gedacht hat, im Zuchthaus und auch anderswo. Am runden Tisch sitzen und sich von der Perlon umflossenen, herb parfümierten Kusine Tee einschenken lassen, und: »Wie geht’s der Geige?« fragen, damit sie sieht, daß man sich in der Literatur auskennt, und dann erzählen, daß man im Männerchor des Zuchthauses Beethoven gesungen hat, im zweiten Tenor: »Heil’ge Nacht, o gieße du …« Beethoven! – So etwas verbindet doch.

Sich Tee einschenken lassen von der Perlon umflossenen Kusine, deren Armreifen leis klirren, und, die Tasse in der Hand, ausführlich erörtern, wer denn nun eigentlich größer ist, Bach oder Händel? Ist Händel größer, dessen Werk sich wie ein Riesendom ausspannt, oder ist es Bach, der fünfte Evangelist?

An Rita hatte schon so mancher vorbeigeheiratet, Rita mit ihrem krausen Haar, hübsch, aber etwas sonderbar, »überspannt«, so könnte man auch sagen, und nun ja auch schon älter. Das Haar in Ordnung noch und das Gesicht »ebenmäßig«, aber ein Chiffon-Tuch verwegen um den Hals geschlungen, und so etwas ist immer verdächtig.

»Aber Händel doch nicht«, sagte sie entrüstet und stellte die Teekanne hin, »der mit seinen Scheinfugen, ein Vielschreiber wie er im Buche steht!«

Sie ging im Zimmer auf und ab und richtete das Tuch. Händel! Sie hob die Hände: Um Gottes willen! 39 Opern! Wenn Bach eine Oper geschrieben hätte, nur eine einzige. Ein Stoff, der vielleicht biographisch auszudeuten gewesen wäre, das Leiden eines einsamen Künstlers, inmitten einer vielköpfigen Familie … Nein, sagte sie, die Hände knetend, nicht Händel, dann schon eher die alten Italiener, Gabrieli etwa oder Palestrina, doppelchörige Werke, in romanischen Kirchen gesungen, erdhaft und klar, von Gamben und Krummhörnern begleitet; Päukchen und Zinken nicht zu vergessen.

Ob ich noch wisse, wie ich damals die Tasse zerschmissen hätte? fragte sie und brachte Kindheit ins Spiel.

»Mandelmilch«, dieses Wort fiel mir ein, »mit Mandelmilch wäscht sie ihr Gesicht.«

Meine Mutter, zu Hause, die sagte: »Rita? Ist das nicht ein nettes Mädchen? Und so talentiert, spielt so wundervoll Geige!

Aber nicht so ganz die Spitze« … Die Herren sagten immer, es fehle noch etwas zur Spitze, der Schmelz oder der Strich oder wie das nun heiße. Sie habe einen harten Ansatz oder was, übe jeden Tag sechs bis acht Stunden, immer rauf und runter, aber habe einen harten Strich! Hätt’ es nun ja aber trotzdem zu was gebracht … Könnt’ davon leben, immerhin …

Und dann die Kerze entzündend: Ich sollt’ es ihr nicht übelnehmen, daß sie schon wieder davon anfange. Ich hätt’ an sich ja noch Zeit, sei ja man grade erst vierzehn Tage da, aber allmählich müßt’ ich doch schon mal überlegen, was ich denn nun eigentlich machen will, hier draußen? Buchhändler wär’ doch gar nicht schlecht? Neue Bücher, wenn man die aufklappt, wie die allein schon riechen! – Sie hätt’ schon mal mit Herrn Röwekamp telefoniert. Oh, der würd’ sich freuen, wenn ich mal zu ihm käm’. Ein wunderbarer Mann. Und hier, eh’ sie’s vergäße, hier habe sie eine Liste zusammengestellt mit all’ den Ämtern, die ich noch ablaufen müßte, und wo sie jeweils zu finden sind. Manches könnt’ ich zu Fuß machen, da spart man dann Geld. Sie damals, oh! wenn sie noch daran denke.

Und dann setzte sie sich zurecht: Im Gefängnis, da hatte man zusammengehalten, obschon es dort auch richtige Furien gegeben habe. Zum Beispiel in Sachsenhausen … und sie schickte sich an, all das auf mich loszulassen, was sie erlebt hatte an Schlimmem: Fünf Jahre Gefängnis!

Noch eh’ sie richtig in Gang kam mit ihren Geschichten, ging ich aufs Klo, und zwar augenblicklich. Es war schon genug, daß man sich all’ das vorgestellt hatte, oft.

Dann kam per Post eine Karte für die Matthäus-Passion von Tante Thea; sie selbst könne nicht hingehen, wie sie das sonst jedes Jahr tue, sie habe an dem Tag gerade was anderes vor. Ausgerechnet! Leider! Und sie habe gedacht, vielleicht mache das ihrem Neffen ja Freude, wo der doch so viel Schweres durchgemacht hat und noch so vieles nachholen muß. – Die Matthäus-Passion, das schrieb sie noch an den Rand, die wär’ allerdings nicht ganz so schön wie die Johannis-Passion, mehr so volkstümlich, aber eindrucksvoll, die würd’ mir schon gefallen: Es sei lustig, wie die alle auf einmal »Barabbam!« schreien, da erschrecke man sich direkt. Und am Schluß die Stelle, wo die Erde bebt und der Vorhang zerreißt: Lautmalerei!

Die Matthäus-Passion in der Michaeliskirche?

Wenn ich einmal soll scheiden,

so scheide nicht von mir …

Das sich anhören in strahlendem Licht von strahlenden Stimmen, unter Bürgern, die ein Abonnement auf so etwas haben? Da guckt man sich am besten nur die Stuckschnörkel an und die geschwungenen Balustraden, alles handgeschnitzt.

Die linke Flötistin da oben – »Buß’ und Reu’« – das sah man dann, daß die nicht übel war.

»Das ist die Tochter von Professor Hartlieb«, war zu erfahren und ins Notizbuch einzutragen: Elbchaussee, uralte hamburgische Familie.

Auch dort einen Besuch machen? Sich melden lassen nach alter Art: Man ist der und der? Und einen schönen Gruß von Rita, Sie wissen schon, die Geigerin vom Telemann-Quartett. Und dann freut die sich, ohne es sich freilich anmerken zu lassen, freut sich, weil man sagt, daß man von der Matthäus-Passion erschüttert gewesen sei.

Über Händel wäre Einigung zu erzielen: die Sache mit den Scheinfugen, Gott behüte, und daß 39 Opern einfach zu viel sind, und auch über Stamitz und Pachelbel: Zinken, Krummhörner und Gamben. – Hinsichtlich des Wissens über Händel würde man bestehen können bei dieser jungen Dame, mit der man dann vermutlich irgendwann einmal an der Elbe sitzt und bekanntgibt, daß der eigne Vater immerhin Reeder war, und die eigene Mutter hugenottischen Ursprungs.

BONUM BONO

Da würde sie dann denken: »So ganz ohne ist der wohl doch nicht …«

Zuhause lag an diesem Tag doppelter Qualm in der Stube, die Kerze war noch warm, und halb leere Tassen standen auf dem Tisch.

Aus der Küche wurde gerufen: »Walter!« Und die Mutter kam heraus: »Weißt du, wer eben hier war?«

Jungvolkjungen sind hart, tapfer und treu … Nein, das hatte ich nicht ahnen können, daß jemand aus Lübeck kommen würde, ein sogenannter Kumpel, mit dem ich die Pritsche geteilt hatte, viele Jahre.

»Du mußt ihm noch begegnet sein, grade eben ist er weggegangen …«

Ein Gott vermag’s. Wie aber, sag’ mir, soll

ein Mann ihm folgen durch die schmale Leier?

Ein Kamerad war gekommen, um nach mir zu sehen, einer von der freundlicheren Sorte, der gesagt hatte, damals, daß es schon nicht so schlimm werden wird, draußen, wenn man rauskommt, daß sich schon alles fügt.

Sein Name hatte nicht in dem Notizbuch gestanden, aber jetzt schrieb ich ihn hinein, auf eine extra Seite, und ich versah die Seite mit einem Plus-Zeichen. Und während im Radio »Hammond-Zaubereien« zu hören waren, richtete ich in meinem Notizbuch eine neue Ordnung ein, mit Plus- und Minus-Seiten, mit Achtung! was noch zu erledigen ist, die Hürden also, die man nehmen muß, wenn man ein Glied der menschlichen Gesellschaft werden will. Weiter hinten dann, die Mädchen-Seite, die blonde Helga mit dem Pferdeschwanz und Rita, die kraushaarige Geigerin.

Und die Hartlieb natürlich, Buß’ und Reu’. Der würde man sich nähern müssen irgendwann, da nicht lockerlassen.

2

Morgens früh beim Frühstück – Arzberg, Marke »ADRIA« – bei echtem Bohnenkaffee und Toast, guter Butter und frischem Ei: da wurde die Gardine mit der Schleuderstange zurückgeratscht und dann gesagt: »Warst du schon bei Herrn Röwekamp?« Vier Wochen rum und noch immer nichts unternommen? Gar nichts unternommen? Weder beruflich noch bei den Ämtern?

Dies Herumhängen sei ja im höchsten Grade lähmend … Irgendwie müßt’ ich doch ingangkommen, endlich! Das sei ja zum Verzweifeln! Wenigstens schon mal zum Heimkehrerverband gehen, die fragten schon immer: »Wo bleibt denn bloß Ihr Sohn?« Die freuten sich doch auf mich! Rührende Leute … Die paßten auf, daß man nichts verpaßt. – Und zum Zahnarzt. Mal alles nachsehen lassen. Aber nicht zu Dr. Hilferding, oh, sie bereue es so … Der schreibe die Rechnungen mit der Gabel, so teuer wär’ der, und: Sie habe noch gesagt zu ihm: »Aber schauen Sie sich die Zähne genau an …« Nein, alle rausgerissen, und nun sitze sie da. Schrecklich!

Beim Heimkehrerverband: Hier wurde ich im Hinterzimmer eines Hinterhauses mit Handschlag willkommen geheißen, zuerst von einem Mann mit Tränen in den Augen, dann von einer molligen Kriegerwitwe, die mich anlachte und mir sogar beide Hände gab.

Sie freuten sich, daß ich gekommen war, und sie sagten der Stenotypistin, daß ich ein wirklicher kleiner Held sei, weil ich mich für die Freiheit eingesetzt hätte … Und dann standen sie vor ihren Soennecken-Rollschränken – einer hoch, einer runter – und fragten, ob ich schon was unternommen hätte? Flüchtlingsausweis beantragt und Haftentschädigung, nichts auf die lange Bank geschoben?

»Das sind Sie Ihrer Mutter schuldig.«

Man erinnerte sich noch an diese Frau, und wie sie zum ersten Mal hier eingetreten war, schüchtern, oh, man erinnerte sich noch genau! Ganz leise gesagt: »Meine beiden Söhne …« Nicht an sich selbst gedacht, nur an die beiden Söhne. »Wie mag es ihnen gehen?« gesagt und Bilder gezeigt: »Dies sind meine beiden Söhne.« – Eine entzückende Frau und so tapfer! Wo war man stehengeblieben? Ach ja, bei der Haftentschädigung. Pro gesessenen Tag fünf Mark, abzüglich dem und zuzüglich dem. Man muß sie jedoch beantragen: Zeit wird’s, das steht fest. Morgen zum Bezirksbüro gehen, dies in die Hand versprechen, und dann zum Wohnungsamt. Und das Rote Kreuz nicht vergessen und die Arbeiterwohlfahrt, da gibt es was zum Anziehen (aber bei der Arbeiterwohlfahrt nicht sagen, daß der Vater Reeder war!).

Gleich morgen zu all diesen Ämtern gehen, in denen tüchtige Beamte nur darauf warteten, den Fremdling zu begrüßen. In das Tor der Ämter einschreiten und die Treppen hinauf: gemessenen Schritts.

Bevor die Sache richtig losging, wurde mir auf einem Amt, dem ersten, das ich betrat, gesagt: Halt! Ich sei ja noch gar nicht richtig da! Ich müßte erstmal ankommen, ganz wie es sich gehört. Wo kommen wir denn da hin!

Ich fuhr also ins Notaufnahmelager. Baracken mit Etagenbetten, Suchanzeigen am Zaun, und:

HERZLICH WILLKOMMEN!

Ein Spruchband überm Eingangstor.

Ich watete die aufgeweichten Wege von einer Baracke zur andern, an der Freiheitsglocke vorbei und an einem mit stilisiertem Stacheldraht versehenen Denkmal.

WIR WARTEN AUF EUCH!

Grade eben war ein Transport aus Polen gekommen, zwei Frauen sah ich, die sich umarmten, eine Westfrau und eine Ostfrau, ein alter Mann stand daneben und weinte.

»Ach so, Sie kommen aus Bautzen!« hieß es in den Bürostuben, und ich wurde vorgezogen. Die Umsiedler da, diese Halbpolacken, können warten. »Ach so, Sie kommen aus Bautzen«, so wurde gesprochen, und: ob ich eine Tasse Kaffee will.

Dann wurde mir ein Schein ausgehändigt, daß ich also nun regulär angekommen bin und aufgenommen in der Bundesrepublik Deutschland, und man gratulierte mir dazu.

Ein Mann zog mich in eine Ecke, konspirativ, ob ich ihm Leute nennen könnte in Bautzen, die sich besonders kameradschaftlich verhalten hätten? Die zusammengehalten hätten wie Pech und Schwefel, so wie im KZ, wo es ja auch Untergrundorganisationen gegeben hat? Ob ich ihm diese Leute möglichst namentlich nennen könnte? – Zettel und Bleistift hatte er schon in der Hand.

Ich sagte: »Ja! Der eine hieß Rosenkranz, der andere Güldenstern.« Der Mann schrieb sich das auf und sagte: Man wolle diese Leute nämlich richtig empfangen, wenn sie hier in der Bundesrepublik ankommen, in der Heimat, würdig also.

Ich ging dann noch zum evangelischen Hilfswerk. Dort versperrte mir eine Diakonisse die Tür: Was ich beim Herrn Pfarrer will, »der hat jetzt keine Zeit …«.

Als ich dann aber was sagte von »Bautzen« und vom »Kirchenchor« und als ich ihr eröffnete, ich hätte gesungen vor Kranken und Schwachen, und zwar im zweiten Tenor, da ließ sie mich denn doch herein. Mit der linken Hand setzte sie ein Grammophon in Bewegung, auf dem ziemlich sofort der Choral »Nun danket alle Gott« ertönte, und mit der rechten öffnete sie die Tür zum Büro des Lagerpfarrers, der da sein Pfeifchen rauchte. Er hatte gerade das Bundesverdienstkreuz bekommen für seine aufopferungsvolle Tätigkeit, auf dem Schreibtisch lag es in einem aufgeschlagenen Samt-Kästchen. Er rückte mir einen Sessel hin, setzte sich unter das Bild vom verlorenen Sohn, schlug die Beine wie Palmström übereinander und fragte mich nach den Namen der inhaftierten Pastoren, ob die sich vorbildlich benommen hätten? Ja? (stopfte seine Pfeife) Der Sowieso? Habe der sich auch vorbildlich benommen? (zündete sie an). Dann dampfte er sich ein mit seinem Pfeifentabak und hielt mir ein Kolleg über seine Besoldung: daß er Trennungszuschlag kriegt, aber seine Frau kann das nicht aushalten, die Kinder, die Schule und so weiter und so fort.

Zum Schluß, als die Schallplatte draußen auf dem Gang sich dem Ende näherte, ging er an den Schreibtisch und kramte ein Neues Testament hervor, und zwar ein plattdeutsches:

Ick bün dat A und dat O …

Ob ich das gebrauchen könnte? Er habe grade darin gelesen – sehr komisch.

Ich steckte es ein und ging hinaus, und der Gottesmann setzte sich wieder an den Schreibtisch, um sich still und dankbar in die Betrachtung seines Kreuzes zu versenken.

Draußen hatte sich die Szenerie verändert. Ein prominenter Mann war in einer der hinteren Baracken entdeckt worden, irgendein Mensch, der mal vier Wochen lang Chauffeur bei Hitler gewesen war und dafür zehn Jahre in Rußland hatte zubringen müssen. Still und heimlich wollte er sich ins Zivilleben verdrücken, aber das konnte nicht geduldet werden!

Zwanzig Journalisten bedrängten ihn, wild wie scheuende Pferde: Ob er Eva Braun mal gefahren habe, und ob in Moskau ein Unterkiefer von Hitler läg’, ob ihm das bekannt wär’? »Die Times ist am Apparat!« wurde geschrien, »hören Sie, die Times!« Doch der Mann, der da zwischen ihnen saß, der reagierte nicht. Still und bieder ließ er sich vom Blitzlicht blenden. Dem war die Times egal.

Ich fuhr zurück nach Hamburg und zeigte meiner Mutter den abgestempelten Notaufnahme-Schein, worüber sie sich herzlich freute. Dann ging ich zum Afrika-Haus, vor dessen geschwungener Eingangstür ein schwarzer Mohr stand, der eine goldene Pfeife rauchte. Hier gab es das Begrüßungsgeld, sechshundert Mark, immerhin. Ich erhielt es aus der Hand eines freundlichen Herrn.

Draußen auf der Alster die ersten Segelboote dieses Jahres und das pulsierende Leben neuester Zeiten, und drinnen, in der behaglichen Atmosphäre eines hanseatischen Büros, unter einem tadellosen Abreißkalender, da schob mir der Beamte mit seinen behaarten Händen das Begrüßungsgeld der Freien und Hansestadt Hamburg über den Tisch, wundervolles Westgeld in festen neuen Scheinen. Gegen Quittung, das versteht sich.

WIR VERGESSEN EUCH NICHT!

Dazu diverse Bons für die verschiedensten Belustigungen: eine Stadtrundfahrt und eine Fahrt durch den aufblühenden Hafen, Karten für die Museen, für die Staatsoper und für Hagenbecks Tierpark, der gerade Wasserschweine hatte erwerben können.

»Wir freuen uns, daß Sie wieder da sind«, sagte der freundliche Herr in diesem Büro; er würde dafür sorgen, daß die Dinge wieder zurechtgerückt werden in dieser Welt. Er gab mir die Bons, und dann verwies er auf den Tatbestand, daß sechshundert Mark nicht ewig reichen.

Dann ging ich zum Hauptbahnhof, denn von der Bundesbahn gab es ebenfalls was gratis: Ein halbes Jahr freie Fahrt. Dieser Mann hat sich verdient gemacht um demokratisches Selbstverständnis, der hat den Horden aus dem Osten ein bis hierher und nicht weiter! mannhaft zugerufen, der darf dafür ein halbes Jahr durch unser deutsches Vaterland fahren, und zwar kreuz und quer.

Dann von einem Amt zum andern, im Parallelo, den Herren-Knirps fest in der Hand, den Hut mit der Sperlingsfeder auf dem Kopf, die dreieckige Heimkehrernadel am Revers und das Notizbuch in der Tasche.

DEUTSCHLAND DREIGETEILT? NIEMALS!

Mit Paternoster hoch und runter, das Westgeld in der neuen Brieftasche und die sich mehrenden Dokumente: Die Weiterfahrt durch den Keller ist ungefährlich.

HEUTE KEINE SPRECHSTUNDE.

Auf Bänken sitzen und den Beamten zusehen, wie sie die Gänge hinauf- und hinuntereilen, hier hinein und dort wieder heraus, wie Meerschweinchen im Kinderzoo.

»Bin ich hier richtig?«

Ja, aber erstmal warten: »Sie werden dann aufgerufen.«

Warten – das schmeckt. Auf Bänken, Stühlen oder Schemeln warten, zurückgelehnt oder auch vornübergebeugt: Alle Städte mit A aufzählen oder das 1 × 18 lernen. Altdorfer, die Alexanderschlacht, das Gewoge der Gewalthaufen vor untergehender Sonne: Siehe, ich bin bei euch alle Tage. Winkelried, dieser Mann, der alle Spieße auf sich zog, obwohl er doch Weib und Kind hatte, und die Halbtoten auf dem Schlachtfeld, um Wasser flehend, bis an der Welt Ende.

DEIN PÄCKCHEN NACH DRÜBEN!

Warten, das schmeckt. Eh’ du dichs versiehst, bist du »dran«, fällst heraus aus deinen Gedankenbildern und trittst ein in die Amtsstube, und die kennen dich dann schon, die wissen, daß du nicht mit der Faust auf den Tisch schlagen wirst, wie jener Mann vor vierzehn Tagen, der dazu noch mit hoher Stimme kreischte!

Sohn eines Reeders gewesen, im zweiten Tenor des Anstaltschores Beethoven gesungen und ein Epitaph in der Katharinenkirche – sowas gibt Halt.

Die verschiedenartigsten Ämter lernte ich kennen, provisorisch untergebrachte mit ramponierten Aktenschränken und komfortable – je nachdem. Und, so lange ich auch warten mußte, irgendwann war ich immer dran.

Wieso ich nach Wiesbaden gegangen bin im Jahre ’47, das interessierte diese Leute, und wieso dann nochmal zurück nach Rostock? Die Mutter besuchen? Warum das?

Wenn einer gesessen hat, dann muß er auch was gemacht haben. Die Geschichte mit den Frachtpapieren, was mich das eigentlich angeht, daß die Russen ihre Zone ausplündern. Die Amis und die Engländer wären auch ganz schön happig gewesen; hätten alles in die Luft gesprengt …

Was mich das angeht und was ich mir dabei gedacht hätte, ich hätte doch wissen müssen, daß sowas sehr gefährlich ist?

GESAMTDEUTSCH DENKEN, HANDELN UND FÜHLEN!

Büroklammern in Magnetboxen sah ich, wunderbare Locher, Löscher in Form von Rollwagen, herrliche Papierscheren und kleine Schwämme zum Anfeuchten des Zeigefingers: Ich hätte doch wissen müssen, daß das sehr gefährlich ist, wurde gesagt. In die Ostzone zu fahren und sich da für irgend etwas einzusetzen. Und für diesen Leichtsinn noch eine Entschädigung kassieren wollen? Geld? Vom Staat?

Ob ich überhaupt beweisen kann, daß ich gesessen habe? wurde gelegentlich sogar gefragt, und: »Sie sind also vorbestraft?« hieß es sodann. Oder auch mal: »Ach, aus Rostock sind Sie – da sprechen sie aber gut deutsch.«

Manchmal hieß es: »Aus Rostock? Da hab’ ich im Lazarett gelegen …« Deshalb mußte ich aber trotzdem nächste Woche wiederkommen, Donnerstag um 9.30 Uhr und: dies und das ist nachzureichen, das Netz der Dokumente ist noch keineswegs vollständig, wesentliche Bereiche liegen noch im dunkeln. Ohne Geburtsurkunde geht es nun mal nicht, der Taufschein kann hingegen gern zuhaus gelassen werden.

Abends bei Kerzenlicht am hochgekurbelten Mehrzwecktisch, bei »Lullaby of Birdland« aus dem erleuchteten IMPERIAL, tauschten wir die täglichen Erfahrungen aus, meine Mutter und ich. Im Notizbuch war allerlei abzuhaken, und die Papiere wurden ausgelegt wie ein Kartenspiel, hier war noch eine Lücke und dort war allerhand Überflüssiges, was man sich hätte sparen können. Fein, daß das nun alles so schön in Gang kam! Das flutschte ja richtig!

Die Mutter hatte das ja auch alles miterlebt, sattsam! Die Trudje vom Roten Kreuz: »Stimmt das auch?« und der Kerl vom Wohnungsamt, dick und brösig: »Das kann ja jeder sagen.«

Zum Rundfunk hatte man sie zerren wollen. Über das ungewöhnliche Schicksal hatte sie sprechen sollen, das hier mal wieder eine ganze deutsche Familie getroffen hat: Mann gefallen und die Frau und beide Söhne im Gefängnis … Ins Mikrophon hätte sie sagen sollen, wie ihr ums Herze ist! Nein, das hatte sie nicht gekonnt. Und: Um Himmels willen! Man wollte doch den eigenen Söhnen nicht schaden; die wären dann da drüben womöglich auf horrende Weise gefiekatzt worden?

»Wie’s Robert wohl geht?« wurde gesagt, und sie setzte sich zurecht, und es war zu merken, daß nun die Leidensode gesungen werden sollte, bei Kerzenlicht und Tick-Tack-Boogie, lang und breit. Zelle, Strohsack und Transport … Nur durch augenblickliches Gähnen war es zu verhindern, daß diese Frau all das von sich gab, was sie in ihren fünf Gefängnis-Jahren erlebt hatte. Man sei müde, mußte rasch gesagt werden, Tweedlee dee! und man müsse auf dem schnellsten Weg ins Bett. Und man zog sich zurück und ließ die Mutter sitzen mit all ihren Geschichten von Zelle, Strohsack und Transport, und das war bestimmt nicht recht.

Das Fragebogen-Ausfüllen ging mir flott von der Hand, das erledigte ich mit links; Name, Vorname, Geburtsdatum, Beruf des Vaters, letzte Tätigkeit vor der Inhaftierung.

NICHTZUTREFFENDES BITTE STREICHEN!

Wahre Kunstwerke von Fragebögen, in dreifacher Ausfertigung. Wieviel Frachtbriefe das gewesen waren, und was da genau dringestanden hat. Und ob die Russen wirklich so viel geplündert hätten und was mich das eigentlich anginge? Ob ich mir bewußt gewesen sei, daß das verboten war?

»Überlegen Sie bitte alles ganz genau!«

Das kriegen wir schon. Den nagelneuen Kugelschreiber einrasten lassen, als ob man einen Porsche startet, und dann die heranrauschenden Fragebogen-Fugen in Arbeit nehmen, diese Dome aus zielgerichtetem Wissensdrang, mit sachgerechten Verzierungen und unterirdischen Gewölben, in denen die Stimme hallt. »Vordruck römisch acht, Strich 703«, das steht unten drunter, und das ist auch ganz in Ordnung so.

Sonderbar nur, daß all diese fabelhaften Ämter nichts voneinander wußten. »Ich hab’ doch schon …«, das galt nichts vor den gestrengen Herren. Am sonderbarsten waren noch die Damen, die tippten weiter, wenn man zu ihnen sprach.

Zum Wohnungsamt, zum Arbeitsamt und zwischendurch auch schnell einmal zu Herrn Röwekamp, bei dem es schwarze Bücher zu kaufen gab mit heraushängenden Lesezeichen, rot, grün und violett und kleine Kruzifixe, mit Preisschild auf dem Bauch: romanisch, gotisch oder sonderbar.

Einer ruft’s dem andern zu:

Elsner Schuh! Elsner Schuh!

Hinter einer verschließbaren Glastür silberne Abendmahlskelche wie Tennispreise; daneben Krippen zum Ergänzen: Zwanzig Marias hintereinander, zwanzig Josephs und zwanzig Christuskinder; dazu jede Menge Engel in den verschiedensten Positionen.

In Herrn Röwekamps Laden stand grade ein Mann mit Baskenmütze. Ich mußte mitanhören, wie dieser Mann bekanntgab, daß er eine echte Bibel besessen habe aus dem frühen achtzehnten Jahrhundert, worüber der Herr Röwekamp allerdings nur lachen konnte, denn er, er hatte eine Bibel sein eigen genannt, die aus dem frühen siebzehnten Jahrhundert stammte. Beide Stücke waren am selbigen Tage verbrannt, und zwar im zwanzigsten Jahrhundert.

Auch zum Arzt war zu gehen, nicht zu Dr. Hilferding, dem Zahnarzt, das hat Zeit, sondern zu Dr. Pott, genannt »Pötting«, von dem gesagt wurde, er sei in Ordnung.

Dieser Mann beklopfte mich und drückte hier und drückte da. Als er sich schließlich sprudelndes Wasser über die Hände laufen ließ, fragte er: »Haben Sie sehr leiden müssen? Hat man Sie sehr geschlagen?«

Über seinem Schreibtisch hing ein abstraktes Bild in angenehmen Farben und in der Veranda saugte die Sprechstundenhilfe mein Blut in die Pipette.

Auch er habe leiden müssen, sagte Dr. Pott und trocknete die Hände ab. Auf einer nassen Wiese habe er lagern müssen, vier lange Wochen, pro Tag einen Löffel Rosinen. Die Amis, die hätten sich ja einen Spaß draus gemacht … Die Engländer wären ganz anders, hätten damals ja selbst nicht viel gehabt. Und hier, in Hamburg? Jeder Autofahrer halte an, wenn eine Frau über die Straße will.

Dann sagte Dr. Pott zu seiner Sprechstundenhilfe: »Dieser Mann hat einen abklingenden Mangelschaden«, und das Mädchen schrieb’s auf und setzte sich wieder über mein Blut und beäugte es durchs Mikroskop.

Per Post kam ein Spendenpaket. Der Mehrzwecktisch wurde heraufgekurbelt: Sesam öffne dich! Bei den Nazis das Winterhilfswerk, das wußte man ja noch, wie man damals dem Mann aus der Altstadt das kunstgewerblich so wertvolle Schaukelpferd für seinen Jungen geschenkt hatte? Tränen in den Augen? – Damals hatten wir mitgemacht, Not zu lindern, und nun bekamen wir selbst ein Paket und waren gespannt, was da wohl drin ist.

Ja, was enthielt der kostbar verschnürte Karton? Eine Damenstrandhose mit aufgesticktem Krokodil, dazu zwei tadellose Schuhe, wenn auch zwei linke! Leider! – Dann ein alter Mantel, auf Taille geschnitten, mit Kavalierstasche, Baujahr 1936; Olympiade in Berlin, Jesse Owens läuft zehn zwo.

Lieber Empfänger! Würden Sie sich bitte

bedanken bei Frau Lindström in Uppsala?

Wohin mit dem Ding? Den ganzen Tag durch Hamburg gelaufen, einen Bettler zu finden, dem man den Mantel hätte aufhängen können.

Der hätte sich schön bedankt.

Von meinem Bruder Robert kam ein Brief aus dem Gefängnis, ein sogenannter Terminbrief. Daß er sich nach Haus sehnt, stand darin, und daß es ihm den Umständen entsprechend durchaus annehmbar geht, also schlecht.

Oft schicken, viel schreiben,

beisammen bleiben!

Auch Schwester Ulla aus Dänemark ließ von sich hören, daß sie die Sommerkleider in Ordnung bringt, und daß der Garten viel Arbeit macht.

IV

»Eine Cola für das arme Schwein!«

Dem armen Schwein wurde auch ein Rum spendiert, den schüttete man ihm in die Cola, und da vorn, den Damenringkampf im Schlamm, dies Gewälze zweier dicker Frauen auf einer mit Matsch bespritzten Bühne, das durfte es sich ebenfalls begucken.

Zwei hanseatische Herren am Nebentisch wurden gefragt: Ob sie begreifen könnten, daß dieser arme Hund hier, der hier neben ihnen am Tisch sitzt, volle acht Jahre im Knast gesessen hat, für nichts und wieder nichts? Und man selbst sieben und sechs, das macht zusammen einundzwanzig?

»Herr Ober: Noch ’ne Runde!«

Nein, das konnten die hanseatischen Herren am Nebentisch nicht begreifen. Sie klemmten ihre Aktentasche nun lieber doch zwischen die Knie und sahen nach vorn, dahin, wo geächzt ward und gestöhnt.

Dann gingen wir nach Hause, links und rechts ein Kumpel.

Und wir tragen uns’re

Leiden mit Geduld.

An der ganzen Scheiße

ha’m wa keine Schuld!

Das sangen wir, und als wir damit fertig waren, schrien wir im Chor und immer wieder: »Mit der Zeit wird alles heil, nur die Pfeife hat ihr Teil!«

Der kleine Fehler auf dem dreiundzwanzigsten Fragebogen, einem an sich ganz unwesentlichen Fragebogen, unten links, daß ich da irgendwo ein einziges Mal »ja« statt »nein« geschrieben hatte, aus Jux und Tollerei: daß ich mir über die Tragweite meiner Handlungsweise im klaren gewesen sei, irgendwie so, was natürlich absolut verkehrt gewesen war, dieser Fehler würde keine weiteren Folgen zeitigen, das hatten die beiden Kumpel gesagt, und das stand nun wohl so ziemlich unverrückbar fest. Das würde zu korrigieren sein, obgleich, wenn man ehrlich war: Es hatte schon einmal Folgen gehabt, daß man sich ein »Ja« abgehaucht hatte, in einer düsteren Stunde, wo ein klares »Nein« besser gewesen wäre.

»Nirgendwo ist die Ostsee so blau wie in Warnemünde«, das wurde am Rostocker Stammtisch festgestellt, ein Rostocker neben dem andern, mit Gebiß und mit Uhrkette über der Weste, mit Manschettenknöpfen aus geflochtenem Gold und blauem Wappenring mit und ohne Wappen.

Und auf der Reeperbahn, die Spätheimkehrer, die sagten: »Das waren noch Zeiten, als wir auf West III lagen, das war noch ’ne Wucht!« Riesige Armbanduhren trugen sie und Ledermäntel, und einer hatte wohl sogar schon ein Auto.

Und zuhaus die Mutter: Die hatte einen Bastteppich gekauft für das hintere Zimmer. Bastteppiche waren so herrlich billig, und nächsten Monat kommt ein richtiges Bett. Das kriegen wir schon, dat treckt sick all’ na’n Lief!

Von der evangelischen Kirche kam schließlich auch noch etwas – das versöhnt – eine Vier-Pfund-Konserve mit sehr gelbem Käse, den man allerdings nicht essen konnte.

Was den kleinen Fehler anging, im dreiundzwanzigsten Fragebogen, unten links, der die Augenbrauen der Beamten hatte hochschnellen lassen: Dieser Fehler hatte inzwischen leider Aktivitäten ausgelöst, die nicht zu vermuten gewesen waren. Das eine »ja« zuviel, das fraß sich von der ABC-Straße zum Afrika-Haus und wieder zurück. Leute, die bereits ins Freundliche eingeschwenkt waren – »Sie sind ja nun schon ein alter Bekannter!« die mir schon vorgerechnet hatten, was es »bringt«, wenn man acht Jahre beim Russen sitzt, pro Tag fünf Mark abzüglich dem und zuzüglich dem, die machten sich nun Notizen in ihrer schrägen Beamtenschrift, die sagten: »Sie brauchen erstmal nicht wiederzukommen, Sie kriegen dann Bescheid.«

Im Augenblick war leider nichts zu machen.