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Nataša Dragnić

Immer wieder

das Meer

Roman

Deutsche Verlags-Anstalt

Für meine Mama und meinen Papa,
meine Erika und meinen Nikola

»Offen scheint mir der Himmel zu sein,
seh’ ich in deine Äugelein.«

FRANCE PREŠEREN

Die unverehelichte Mutter

»Der Himmel wird hell. Die Sonne geboren.
Ein Schiff gleitet aus den Hafentoren;
Eins, das lag am Dock schon lange,
Ganz zerschlagen, mit wunder Flanke.
Das Meer, das es wie die Mutter an sich zieht.
Schaukelt es, flüstert: Es ist nichts passiert.«

DOBRIŠA CESARIĆ

Auf neue Fahrt

1.

Heute heirate ich Alessandro Lang, den berühmten italienischen Dichter.

Toskana, August bis Weihnachten 1984

»Die erste schwangere Madonna«, flüsterte plötzlich eine tiefe Stimme in Robertas Nacken. Sie erschrak leicht, drehte sich aber nicht um.

»Fast ein Skandal.«

Roberta betrachtete ununterbrochen das berühmte Fresko.

»Bluoltremare. Aus afghanischem Lapislazuli gewonnen oder venezianischem. Das konnte nicht eindeutig geklärt werden.«

Die Stimme näherte sich ihrem linken Ohr.

»Schön und gleichgültig. Die Welt nach mathematischer Ordnung und Maß. Das Prinzip der Symmetrie.«

Sie neigte den Kopf leicht nach rechts.

»Die beiden Engel, zum Beispiel.«

Sein Atem streifte sie fast unverschämt.

»In sieben Arbeitstagen geschaffen.«

Sie beugte sich nach vorne, als wollte sie das am Bauch offene Kleid und das Unterhemd darunter betrachten. Oder vor seiner Stimme fliehen.

»Als wüsste sie etwas, was wir nicht wissen. Eine Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit.«

Und dann trat er endlich vor Roberta, verdeckte mit seinem schlaksigen Körper das Meisterwerk und lächelte sie an, der schmale Kopf voller brauner Locken.

»Alessandro Lang.«

»Nein. Piero della Francesca«, sagte Roberta, drehte sich schnell um und verließ die Kapelle. Sie hörte ihn laut lachen.

Vor der Kapelle brannte die Mittagssonne das Gras nieder. Eine ungewöhnlich einsame Zypresse, wie ein Glockenturm, spendete kaum Schatten. Roberta setzte ihren Hut auf und ging entschlossen Richtung Wagen. Ein olivgrüner gebrauchter Fiat 127, den ihr Freund Marcello von seinen Eltern bekommen hatte, als er vor zwei Jahren zum Studieren nach Siena ging. Kunstgeschichte. Seine Leidenschaft war die Renaissance. Deswegen stand Roberta jetzt hier in Monterchi, in dieser trockenen Hitze, statt am Strand von Elba zu liegen, dem Meer zuzuhören und über den Herbst und ihre Zukunft nachzudenken. Über das neue Leben. Sie spürte, wie ihr der Schweiß den Hals herunterlief. Den Rücken. Und die Beine. »Verdammt«, schimpfte sie leise und suchte nach einem Taschentuch in ihrem Rucksack. »Verdammt«, sagte sie noch einmal, als sie nicht fündig wurde. Ihre feuchten Finger fanden aber den Autoschlüssel.

»Hier«, sagte die tiefe Stimme und reichte ihr ein Taschentuch. Seide, war Robertas erster Gedanke, was ihr sofort lächerlich vorkam. Falsches Jahrhundert. Aber es war tatsächlich glatt und weich und schimmerte sogar silbrig im weißen Augustlicht.

»Danke.« Roberta nahm es entgegen und sah ihn zum ersten Mal richtig an, in die Augen, ihre Finger berührten sich leicht.

»Alessandro Lang.« Er erwiderte ihren ernsten Blick.

Roberta schwieg kurz, aber eigentlich lang, überlegte, ob es sich lohnte, sich diesen Namen zu merken. Marcello und sie waren fast am Ende ihrer Rundreise angelangt, hatten unzählige toskanische Kunstschätze besucht, und sie hatten nur noch eine Woche, die sie in Florenz verbringen wollten. »Wie zwei echte Touristen«, hatte Marcello gescherzt. Gestern war er aber krank geworden, lag jetzt in der Pension mit hohem Fieber, und Roberta musste die Kunstwerke, die sie größtenteils gar nicht interessierten, alleine bewundern. Sie war schon von der langen Reise müde, von der Hitze ermattet, sehnte sich nach ihrem Zuhause und dem Meer, und sie fuhr auch nicht gern Auto, ihren Führerschein hatte sie erst seit zwei Monaten …

»Geht es dir gut?« Eine feine, sich länglich ziehende Sorgenfalte teilte Alessandros Stirn in zwei Hälften. »Nicht dass du am Stendhal-Syndrom erkrankt bist und jetzt in Ohnmacht fällst. Alessandro sehen und verrückt werden, sagt man.«

»Roberta Alessi.«

»Roberta«, wiederholte er leise, als wäre sie nicht da. Dann lächelte er und sah sie offen an, betrachtete ihr Gesicht, als wäre sie ein Gemälde, das er später nachmalen wollte.

»Und man sagt eigentlich Caravaggio, soviel ich weiß.«

»Ach, Caravaggio, Alessandro … Was macht das schon für einen Unterschied?«, meinte Alessandro lakonisch.

Roberta wischte sich gründlich ab, das Gesicht, den Nacken, die Hände, die klebrig geworden waren, und reichte Alessandro wortlos das Tuch. Widerwillig.

»Danke«, sagte er und steckte es behutsam in die Hosentasche.

Roberta wunderte sich. Sie wunderte sich so sehr darüber, dass sie vergaß, den Autoschlüssel in das Schloss zu stecken. Sie vergaß, dass sie eigentlich so schnell wie möglich wegfahren wollte, nach Arezzo, zum kranken Marcello, der ihr Verlobter war. Es sah in jenem Augenblick aber so aus, als hätte sie sogar das vergessen. Denn sie starrte den jungen Mann an, der seine Hosentasche glatt strich, bis keine Falten zu sehen waren. Und während all dieser Zeit schaute er Roberta nicht ein einziges Mal an. Als hätte er bekommen, was er wollte. Ein Porträt für später, ein kostbares Souvenir.

»Warum hast du es genommen?«

»Es ist meins, schon vergessen? Ich habe es dir nur geliehen.«

Alessandro Lang sah über sie hinweg, suchend, plötzlich abwesend.

»Ich weiß, aber …«

»Es tut mir leid, ich muss gehen. Wir sehen uns«, sagte er unvermittelt und ging eilig Richtung Straße, die zur Altstadt führte.

Der Autoschlüssel in Robertas Hand wurde feucht, fühlte sich schwer an.

»Warte«, rief sie, aber nicht laut. Seine Schritte entfernten sich zielstrebig von ihr. Und seinen folgten ihre, zuerst zögerlich. Als er aber hinter einer Mauer verschwand, fing Roberta an zu rennen. »Warte!«

Und plötzlich stand er vor ihr.

»Wo gehst du hin?«, fragte sie außer Atem.

»Wohin gehe ich? Wenn ich das wüsste …«

Sie blinzelte, der Hut hatte zu viele Löcher, ließ die Sonnenstrahlen durch. Als sie die Hand anhob, um sie schützend vor die Augen zu halten, nahm er ihre Hand in seine und legte seine Wange darauf.

»Wenn ich das wüsste«, wiederholte er.

»Wir könnten zusammen hingehen«, hörte Roberta sich sagen. Alessandro hörte sie auch und schaute sie nachdenklich an. Ob er aber ihr kurzes blondes Haar, ihre blauen Augen, ihre ein wenig zu groß geratene Nase und den vollen Mund sah, niemand hätte es sagen können. »Und ich hätte gerne das Taschentuch wieder«, stotterte sie.

Und dann lachte er, holte es heraus, betrachtete es kurz, als würde er sich verabschieden wollen, und reichte es ihr schließlich. Roberta nahm es entgegen mit gesenktem Kopf, stand da wie ein kleines Mädchen. Nicht wie eine angehende Medizinstudentin.

»Wir sehen uns in Florenz.«

Roberta hörte es nicht richtig, oder sie verstand es nicht. Was hatte er gesagt, »Auf Wiedersehen«? Als sie wieder hochblickte, war Alessandro Lang weg. Und sie war sich immer noch nicht sicher – denn das, was sie gehört hatte, konnte er nicht gesagt haben.

Also kehrte Roberta nach Arezzo zurück. Die Stadt des Goldes. Parkte vor der Pension und blieb im Wagen sitzen. Bis jemand an die Fensterscheibe klopfte und sie erschrak.

»Alles in Ordnung, Signorina?«

Roberta sah die plappernde Pensionsbesitzerin lange an – die Nase fast platt gedrückt, die Augen groß vor Unsicherheit –, bevor es ihr einfiel, sie beschwichtigend anzulächeln. Sie nickte eifrig, stieg aus. Wobei sie gegen den massigen Körper der Frau ankämpfen, ihn mit der Tür fast wegschieben musste. Zusammen mit ihrem Wortschwall.

»Alles bestens, Signora, es geht mir gut. Und Marcello, wie geht es ihm? Hat er noch Fieber?«

Den Hut und den Rucksack in der rechten Hand, schloss sie das Auto ab und wurde im selben Moment am Arm gepackt und ins Haus gezerrt. Die Gelegenheit zu protestieren wurde ihr nicht gewährt.

»Den ganzen Tag renne ich hoch und runter, hoch und runter, hole kalte Umschläge, messe Fieber, koche Hühnersuppe, füttere den armen Jungen, bringe Wasser, wechsle Bettlaken, und was machen Sie? Treiben sich herum und genießen das Leben, als wäre der arme Junge mein Verlobter, als hätten Sie keine einzige Sorge auf der Welt, Sie schleichen sich raus wie ein Fuchs aus dem Hühnerstall, Gott sieht so was nicht gerne …«

Die ganze Zeit schnappte Roberta immer wieder nach Luft, setzte an, sich zu verteidigen, dass die Signora diejenige gewesen war, die sie, Roberta, überredet hatte, wegzufahren, sie hatte ihr versichert, dass sie sich um Marcello kümmern würde, dass es ihr nichts, aber auch gar nichts ausmachen würde, dass sie, Roberta, jung und ihr Platz nicht an einem Krankenbett, sondern im Herzen des Lebens sei, genau so hatte sie es gesagt, im Herzen des Lebens, sie hatte ihr belegte Brote und eine Flasche Wasser gegeben und die Tür hinter ihr zugemacht, und Roberta war sich sicher, das Drehen des Schlüssels im Schloss gehört zu haben.

»Das ist unverantwortlich, die Jugend von heute, kein Pflichtgefühl, als ich jung war, da wusste ich, was ich zu tun hatte und wo mein Platz war, ich habe meine Eltern verehrt und ihnen gehorcht, aber heutzutage überall nur Respektlosigkeit, wo immer man hinschaut …« Sie sprach immer schneller, und der Druck auf Robertas Arm wurde fester, und so zerrte sie sie die Treppe hoch, in die oberste Etage, machte schwungvoll die Zimmertür auf und blieb wie vom Blitz getroffen stehen, sodass Roberta nach vorne stolperte und aufs Bett fiel. Der Kranke stöhnte. Roberta setzte sich schnell auf. Der Kranke stöhnte.

»Da haben Sie ihn jetzt, Ihren Verlobten«, sagte die Signora missbilligend, drehte sich um und verließ den Raum, während sie ihre Haare ordnete und vor sich hin murmelte: »Wahrscheinlich sind die gar nicht verlobt, die Jugend von heute … Das hat man davon, wenn sich der Staat von der Kirche trennt …«

Roberta machte den Mund auf, wollte widersprechen, dann ließ sie sich einfach, von der Sinnlosigkeit der Situation überwältigt, wieder auf das Bett fallen, blieb so liegen und kümmerte sich nicht um das Wimmern des Kranken. Was ist wohl in die Frau gefahren? Was ist passiert in den wenigen Stunden, in denen sie weg war? Roberta hörte irgendwo im Haus das Telefon klingeln. Die Stimme der Signora. Die lauter wurde. Ein Streit. Dann Stille. Dann weinte jemand. Die Signora vermutlich. Eindeutig Liebeskummer. Vielleicht ein misslungenes heimliches Treffen. Woran natürlich Roberta schuld war.

Als Marcello anfing, sich umzudrehen, ihr mit Beinen und Füßen Stöße zu versetzen, stand sie auf, streckte sich und sah ihn an. Roter Kopf, feuchte Stirn, am Schädel klebendes hellbraunes Haar, unruhige Lippen und angeschwollene, zittrige Augenlider. Kein schöner Anblick. Aber Roberta wollte Ärztin werden, bald würde ihr Leben, ihr wahres Leben, in Siena, in ihrem ersten eigenen Zimmer, beginnen, und sie würde ihren Traum, Chirurgin zu werden, verwirklichen. Also ein wenig Professionalität musste sie jetzt schon zeigen. Sie beugte sich langsam über den roten Kopf, der zu dampfen schien, legte ihre Hand darauf und erschrak über die Hitze von Marcellos Stirn. Krankenhaus! Das war ihr einziger Gedanke.

Als der Notarztwagen Marcello nach Hause fuhr, nach Piombino, ins dortige Krankenhaus, und Roberta hinter ihm hersah, ohne zu winken, wusste sie nicht, was sie tun sollte. Eigentlich wollte sie ihm nachfahren. Sollte sogar. Das hatte sie ihren Eltern am Telefon gesagt. Und Marcellos Eltern auch. Aber das Zimmer in Florenz war schon längst gebucht. Ohne Marcello die Stadt zu erleben würde vermutlich keinen Spaß machen, und ihre Eltern hätten sicher etwas dagegen. Ihre Sachen waren schon im Auto verstaut. Roberta war keine Rebellin. Aber er hatte »Wir sehen uns in Florenz« gesagt. Mittlerweile war sie sich dessen absolut sicher. Auch wenn sie nichts geantwortet hatte, hatte er ihr Schweigen als Einverständnis deuten können. Und dann noch das gebuchte Zimmer. Und bald würde sie anfangen zu studieren, war schon erwachsen. Konnte ihre Entscheidungen selbst treffen.

Langsam ging sie zum Wagen und stieg ein. Steckte den Schlüssel ins Schloss und drehte ihn um, fuhr los, ohne Eile. Am Kreisverkehr angekommen, bog sie nach rechts, in die zweite Ausfahrt. Da war noch alles in Ordnung. Sie fuhr auf der A 1 Richtung Florenz. Und Piombino. Sie fuhr immer sicherer, immer schneller. Als die Ausfahrt Florenz-Süd nach etwa einer Stunde vor ihr auftauchte, dachte sie daran, dass sie schon achtzehn Jahre alt war und niemanden um Erlaubnis fragen musste. »Wir sehen uns in Florenz.« Und wählte damit Auseinandersetzungen mit vielen Menschen. Vor Aufregung über so viel unerlaubte Freiheit zitterten ihre Hände am Steuer.

Mühelos erreichte sie Florenz. Die Jugendherberge zu finden war dagegen nicht so leicht: zahlreiche Missverständnisse und falsche Hinweise. Der junge Mann an der Rezeption meinte dann noch uninteressiert, sie sei zu spät angekommen, er habe ihr Zimmer jemand anderem gegeben. »Es ist Hochsaison«, sagte er, ohne sie anzusehen. Roberta tobte, dann tobte sie noch ein wenig lauter und bekam ein Einzelzimmer im Erdgeschoss, mit einem kunstvoll vergitterten Fenster zur Straße hin. In Florenz schien alles ein Meisterwerk sein zu müssen.

Sie war hungrig. Und sie musste dringend telefonieren, aber auf keinen Fall mit leerem Magen. In einer winzigen Osteria aß sie begeistert einen übervollen Teller Pasta. Sie blieb sitzen, auch nachdem der Kellner alles weggeräumt und sie nichts mehr bestellt hatte. Es wurde dunkel. Und laut. Überall Touristen. Widerwillig verließ sie das Restaurant, der Kellner sagte nicht »Auf Wiedersehen«. Das Gefühl des Unwillkommenseins. Sie trottete müde und ziellos herum, überquerte den Ponte Vecchio, hörte Leute lachen. Bemerkte bald, dass sie sich auf der falschen Arno-Seite befand, und kehrte um. Auf der Piazza della Signoria schluckte ein stark geschminkter Mann Feuer. In der Via dei Calzaiuoli fragte jemand sie nach dem Weg. Das freute sie, auch wenn sie nicht helfen konnte. Und plötzlich sah sie den Duomo vor sich und blieb stehen, mit offenem Mund, überrascht von so viel Pracht. Sie suchte einen Platz, aber alles war so voll, dass sie sich einfach umdrehte und zurückging. In der Loggia dei Lanzi setzte sie sich schließlich und betrachtete die antike Skulptur rechter Hand vor sich. Sie hätte weinen können, so einsam fühlte sie sich und so schön fand sie sie, die Skulptur. Zum Sterben schön.

»Zum Sterben schön, sagt man.«

Jemand setzte sich neben sie, ganz nahe, sodass ihre Hüften sich berührten. Schon wollte sie aufstehen, in Gedanken versunken …

»Aber weinen sollst du lieber nicht, ich habe mein Taschentuch schon jemand anderem geschenkt.«

Roberta blieb sitzen. Sie sah Alessandro an und lächelte. Er tat es auch.

»Hallo, Fremder«, sagte sie leise, erleichtert, blinzelte ein paar Mal, um freie Sicht auf ihn zu bekommen. »Wieso hat das so lange gedauert?«

»Die Geschichte ist weder einfach noch eindeutig«, fing Alessandro an, als hätte sie nichts gesagt, betrachtete sie aber ununterbrochen. »Der Kern der römischen Skulptur aus dem späten ersten Jahrhundert nach Christus ist der kopflose Torso eines Kriegers, der seinen sterbenden Kameraden heldenhaft in den Armen hält. Es ist eine Nachahmung. Das griechische Original stammt aus dem dritten Jahrhundert vor Christus. Und alles zusammen hat natürlich etwas mit der Ilias zu tun.« Roberta wollte ihn unterbrechen, er ließ es aber nicht zu. »Menelaos ist der jüngere Sohn von Aërope und Atreus von Mykene, sein älterer Bruder ist Agamemnon. Mit ihm flieht er, nach der Ermordung des Vaters, nach Sparta, heiratet die Tochter des Königs. Sie hieß? Helena, natürlich. Eines Tages kam Paris aus Troja zu Besuch … Der Rest ist Geschichte. Oder das, was wir davon wissen. Eine Liebe, die mit einem Holzpferd endete!«

»Wie hast du mich gefunden?«, konnte Roberta dazwischenfragen, bevor er weitererzählte.

»Patroklos dagegen … Weißt du, was sein Name bedeutet? Ruhm des Vaters. Wie wahr, wie wahr. Er war Freund und Waffengefährte von Achilleus, einige vermuten sogar eine homosexuelle Beziehung. Uns soll es aber egal sein. Nach den zahlreichen Heldentaten, die Homer im Buch 16 beschreibt, wird er von Apollo betäubt und teilweise entwaffnet und danach von Euphorbos von hinten mit der Lanze durchbohrt. Hektor, wer sonst, tötet ihn schließlich. Mit Unterstützung von Ajax dem Großen entreißt Menelaos den Feinden die Leiche des Patroklos und tötet dabei Euphorbos. Achilleus, überwältigt vom Schmerz über den Tod seines ach so geliebten Freundes, rächt sich ausgesprochen grausam, indem er, unter anderem, Hektor tötet …«

»Wer bist du?!«

»Ich dachte, das hätten wir schon geklärt. Alessandro Lang«, sagte er ein wenig enttäuscht. »Wir waren doch verabredet.«

»Du bist sicher von Sternzeichen Jungfrau«, sagte Roberta wohlwollend. »Man sagt denen nach, sie seien wandelnde Lexika.«

»Ich bin nur Schütze. Habe aber mit der Ermordung Patroklos’ nichts zu tun.«

»Ich weiß nicht, wie das zu meinem Widder passt«, dachte sie laut. Dann sagte sie, an Alessandro gerichtet: »Meine jüngste Schwester ist eine Expertin darin, obwohl sie erst acht Jahre alt ist.«

»Wie viele Geschwister hast du denn?«

»Zwei: Lucia ist anderthalb Jahre jünger als ich, Nannina ist die Jüngste.«

»Das hört sich an wie ein mathematisches Rätsel«, stöhnte Alessandro. »Kannst du mir nicht einfach sagen, wie alt du bist?«

»Warum fragst du nicht?«

»Habe ich doch eben.«

»Nein, du hast nach meinen Geschwistern gefragt.«

Schweigen.

»Diese Skulptur hier, denn es gibt verschiedene Versionen, brachte Cosimo der Erste aus Rom nach Florenz, kurz vor 1570. Fast dreihundert Jahre hat man sie restauriert, bevor sie dann 1838 ihren wohlverdienten Platz hier in der Loggia fand.«

»Bist du Kunsthistoriker?«

»Nein, warum fragst du?«

»Hast du Geschichte studiert?«

»Nicht an der Uni.«

»Bist du Reiseführer?«

»Um Gottes willen, das habe ich nicht verdient!«

»Wieso bist du dann so ein Besserwisser?«

»Es interessiert mich, alles interessiert mich. Irgendwann werde ich das alles brauchen, gebrauchen können«, sagte er wie nebenbei.

»Wann zum Beispiel?«

»Was weiß ich? Bei einem Gedicht«, sagte er und schaute sich um, als wäre er unruhig geworden.

»Mache ich dich nervös?«

»Unsinn. Ich beobachte nur gerne. Bewege mich, sei es lediglich mit den Augen. Sammle Eindrücke, Bilder.« Dann drehte er sich wieder zu ihr, und sein Blick hatte etwas Durchdringendes. »Dich habe ich auch gesammelt.«

»Wann?«

»In Monterchi. Neulich.«

»Das war doch erst gestern.«

»Tatsächlich? Kann sein.« Wieder wanderten seine Augen weiter.

»Bist du Schriftsteller?« Roberta wollte ihn aufhalten, bei sich behalten.

»Nicht so richtig.«

»Was heißt das? Bist du Dichter?«

»Ja, das eher.« Er sah sie nicht an.

»Hast du schon was veröffentlicht?«

»Ja, einen Gedichtband. Ganz schmal.«

»Wow. Ein Besserwisser und ein Dichter, ist ja toll.«

Schweigen.

»Komm, lass uns eine Buchhandlung finden, ich will dein Buch gleich kaufen«, sagte sie versöhnlich, stand auf und reichte Alessandro die Hand.

»Es ist schon zu spät.« Er nahm aber ihre Hand, ließ sich von Roberta hochziehen. Und behielt ihre Hand in seiner.

»Ich bin achtzehn Jahre alt.«

»Als ich achtzehn war, wurde mein erstes Gedicht veröffentlicht«, sagte Alessandro und drückte ihre Hand fester.

»Ein Genie also?«, schmunzelte Roberta und schaute auf ihre Schritte.

»Kaum«, lachte er.

»Schreibst du auch Liebesgedichte?«

»Natürlich. Das erste Gedicht, das von mir veröffentlicht wurde, war ein Liebessonett.«

Sie schwiegen. Eigentlich dachte Roberta, er würde ihr ein Gedicht oder wenigstens ein paar Verse vortragen, wollte aber nicht darum bitten, das käme ihr so gewöhnlich vor. Und so gingen sie durch die nächtliche Stadt. Eine Stadt wie eine Schatztruhe. Wie ein überdimensionales Museum.

»Lang. Was ist das für ein Name?«

»Mein Vater ist Deutscher …«

»Nein, meine Mutter auch!«

»Albert Lang …«

»Erika Strasser, aus München!«

»Hat 1955 meine Mutter hier kennengelernt …«

»Meine Mutter auch, ich meine, sie hat meinen Vater hier, ich meine auf Elba, kennengelernt! Er kommt von der Insel, aus Rio nell’Elba.«

»Ein Physikprofessor aus Heidelberg …«

»Meine Mutter hat ihr Betriebswirtschaftsstudium nie abgeschlossen …«

»Aber eigentlich ein Tourist …«

»Meine Mutter war immer einfach Hausfrau und Mutter.«

»In Florenz. Hat sich verliebt, geheiratet und ist geblieben.«

»Hier in Florenz?« Roberta versuchte sich ganz auf Alessandros Geschichte zu konzentrieren, aber all diese Übereinstimmungen – wenn auch nur auf den ersten Blick – machten sie kribbelig im Kopf.

»Nein, meine Mutter kommt aus Lucca. Wir leben dort.«

»Da waren wir letzte Woche, eine wunderschöne Stadt …«

»Wir?« Alessandro blieb stehen und sah sie fragend an.

»Marcello und ich.«

»Marcello?«

»Mein Verlobter«, sagte sie ganz leise, dann sah sie ihn erschrocken an. »Meine Eltern! Ich habe vergessen, sie anzurufen! Sie werden außer sich vor Sorge sein, ich hätte schon längst zu Hause sein sollen …«

»Zu Hause?«

»In Piombino! Ich komme aus Piombino. Der Krankenwagen ist sicher schon da … Ich hätte mitfahren sollen, aber es war so ein kleiner Wagen, wo es nur Platz für zwei gab, und dann war da noch Marcellos Auto, ich konnte es doch nicht einfach stehen lassen …« Robertas Stimme wurde immer lauter.

Sie ließ Alessandros Hand los.

Dann suchten sie nach einer Telefonzelle.

Das Telefonat war schwierig; ihr Vater hatte einfach aufgelegt – nichts anderes war zu erwarten gewesen –, als sie sagte, sie wolle noch in Florenz bleiben, alleine. Über hundert Kilometer trennten sie von ihrem Vater, und dennoch fühlte Roberta seinen Blick, der einen, vor allem aber seine drei Töchter, erstarren lassen konnte: ein Blick wie ein Befehl, dem man augenblicklich Folge leisten musste.

Roberta und Alessandro standen auf der ältesten Arno-Brücke, starrten in den Fluss und schwiegen. Es war fast Mitternacht, und es waren noch immer viele Leute um sie herum.

»Lass uns irgendwo anders hingehen«, meinte Alessandro und nahm wieder ihre Hand. Sie war kalt geworden.

Roberta sagte nichts, ließ sich von ihm führen. Sie gingen über die Piazza Pitti zur Piazza San Felice.

»Felice. Das will ich sein. Hier möchte ich bleiben«, sagte Roberta leise und lächelte wie ein verletztes Kind.

»Wie du willst.«

Sie setzten sich auf den Steinboden vor dem Kircheneingang. Alessandro legte einen Arm um sie, sie lehnte sich an seine Schulter.

»Das habe ich lange nicht gemacht.«

»Was?«

»Mich einfach so auf die Straße zu setzen … nicht mal als Kind fühlte ich mich wohl dabei.« Roberta betrachtete ihre weiße Hose und lächelte verschmitzt. »Ich wollte nie schmutzig werden. Oder ich durfte es nicht, ich kann mich nicht mehr richtig erinnern.« Nachdenklich sah sie Alessandro an. »Einmal hat Lucia eine dicke Ohrfeige bekommen, weil sie in den neuen Stiefeln durch Pfützen gerannt ist.« Alessandro wollte etwas sagen, sie war aber schneller. »Es waren keine Gummistiefel.« Sie lachte kein glückliches Lachen.

Ein langes Schweigen, das schließlich von Alessandro unterbrochen wurde: »Die Kirche San Felice wurde schon 1066 urkundlich erwähnt. Außerordentlich bemerkenswert. Vor allem das Kreuz über dem Altar vor den farblosen Fensterscheiben. Und eine große Abendmahlszene von Matteo Rosselli aus dem Jahr 1614. Das Gemälde hängt im Refektorium des Klosters. Die Kirche spielte auch eine wichtige Rolle im Zweiten Weltkrieg, während der deutschen Okkupation: Hier war ein Zentrum des italienischen Widerstandes. Als die Deutschen sich vor den Alliierten zurückzogen, haben sie alle Brücken gesprengt, außer dem Ponte Vecchio. Dank Hitler selbst oder Feldmarschall Kesselring, das weiß man nicht genau. Am ersten August ließ er auf jeden Fall die Sprengsätze wieder entschärfen.«

Alessandros Blick war nach vorne gerichtet. Erst als sie von ihm wegrückte, schaute er sie an.

»Was ist?«

»Du bist unglaublich! Ich weiß nicht, ob mir das gefällt oder ob mich das nervt.«

»Wir sind viel gereist, meine Eltern und ich. Und mich interessiert Geschichte einfach. Jede Geschichte«, sagte er, als wäre damit alles geklärt.

Und wieder schwiegen sie, mit dem Rücken an die große Holztür der Kirche gelehnt.

»Was wirst du tun?«

»Medizin in Siena studieren.«

Und das tat sie auch.

Man verstaute ihre Sachen in den weißen Fiat 125 ihres Vaters. Ihr Vater, Niccolò Alessi, fuhr, und Roberta saß auf dem Beifahrersitz. Ihre Mutter, Erika Alessi, geborene Strasser, musste mit dem Zug nachkommen, so voll war das Auto.

Großmutter Gabriele Strasser, Lucia und Nannina standen auf der Straße und sahen dem Wagen nach. Kein Marcello.

Als Roberta damals aus Florenz zurückkam, hatte sie ihm einen Brief geschrieben. »Ich habe mich verliebt«, und so weiter. Marcello antwortete nicht, er war plötzlich wie verschwunden. Roberta rief seine Eltern an, sie wollten nicht mit ihr reden, legten auf. Roberta litt ein wenig darunter und lehnte sich oft an Erikas Schulter. Nicht zum Weinen, nein, zum Nachdenken. Richtig glücklich war sie nur nach den Telefonaten mit Alessandro, die seltener waren als ihr lieb. Ob es ein Fehler war, fragte sie sich und sah ihre Mutter an. Die lächelte und streichelte ihre angespannte Wange: »Du musst deinen Kiefer entspannen, sonst machst du dir die Zähne kaputt.« Dann summte sie weiter I treni di Tozeur, ihr Lieblingslied des Jahres.

Lucia dagegen ließ Roberta nicht in Ruhe. Sie wollte alles wissen. Über Marcello, über Alessandro, über die Reise. Alles. Vor allem aber über ihren kurzen Aufenthalt in Florenz. Ihren »Rock-’n’-Roll-Moment«, wie Lucia die Zeit nannte. Wo sie denn übernachtet und ob sie gar keine Angst gehabt habe und, natürlich, die wichtigste Frage überhaupt: Ob sie mit Alessandro geschlafen habe? Nie war Lucia eine Nacht in ihrem gemeinsamen Schlafzimmer lang genug. Sie lagen sich gegenüber, mit den Gesichtern zueinander, eingekuschelt in ihren Betten wie zwei kleine Mädchen, die eine Weltreise planen. Eine Reise in eine Welt, die sie von ihrer Mutter erzählt bekommen, durch Filme und Bücher kennengelernt hatten, die Erika liebte: Ben Hur, Kleopatra, Doktor Schiwago, Anna Karenina, Vom Winde verweht, Rebecca, Fieber im Blut, Die Forsyte-Saga, Krieg und Frieden. Eine unendliche, tragische und geheimnisvolle Welt war das, von der die zwei Mädchen sonntags im Bett ihrer Eltern hörten und wegen der sie bangten und um die sie weinten. Und immer wollten sie mehr hören, zum hundertsten Mal die gleiche Geschichte. Hände haltend, sich auf die Lippe beißend, mit übergroßen Augen. Als sie dann allein waren in ihrem Zimmer, nachts, reisten sie durch diese Welt. Manchmal verwandelte sich das Kissen in die Weltkarte, und Reiserouten und Lebenswege wurden geplant und nachgezeichnet. An diesem Abend stellte Lucia endlose Fragen, flüsternd, und Roberta erzählte, geschmeichelt. Obwohl sie lediglich anderthalb Jahre älter war, hatte sie oft das Gefühl, Welten würden sie trennen. Das, was Erika für ihre älteste Tochter war, war Roberta für Lucia. Eine Schulter, eine Allwissende, die auch noch Ärztin werden würde. Denn Lucia hatte keine großen Ambitionen: eine Stelle, ein Mann, ein paar Kinder. So glaubte sie, sähe ihre Zukunft aus.

»Also, erzähl schon«, drängte Lucia, der Kopf fast über die Bettkante hinausgestreckt.

Roberta lächelte in der Dunkelheit, ihr Körper erinnerte sich.

»Wann, wie, wo … alles will ich wissen! Wie sieht er aus?«

»Alles an ihm ist dunkel. Die Augen fast ganz schwarz. Er sieht so gut aus. An diesem ersten Abend, da war er wirklich wunderbar, zärtlich, erzählte immer weiter seine Geschichten. Wir liefen die ganze Nacht, und als die Sonne aufging, küsste er mich, meinte, das muss man in Florenz so machen …«

»Seid ihr dann gleich zu deinem Hotel gegangen?« Lucia hob den Kopf.

»Nein, wir haben gefrühstückt.«

»Küsst er gut?« Jetzt saß sie aufrecht im Bett. »Besser als Marcello?«

»Besser … anders … Marcello war auch ein guter Küsser …«

Schweigen.

»Vermisst du ihn?«

»Alessandro?«

»Nein, Marcello.«

Roberta drehte sich auf den Rücken und legte die Arme unter den Kopf, sagte nichts.

»Also liebst du ihn noch!«

Lucia hatte noch nie einen Freund gehabt. Ein paar Jungs hatte sie schon geküsst, natürlich, es war interessant, ihr Körper hatte reagiert, aber ihr Kopf blieb wachsam, als wäre alles nur ein Schulexperiment gewesen. Sie hätte nicht einmal sagen können, ob die Jungs gut oder schlecht küssten. Darüber wollte sie auch noch einmal mit Roberta sprechen …

»Nein«, sagte Roberta gedehnt, »nein, ich liebe Alessandro … Aber Marcello war zwei Jahre mein Freund, wir waren doch verlobt, ich habe geglaubt, wir würden für immer zusammenbleiben, das vergisst man nicht einfach so, nur weil man sich in einen anderen verliebt hat.«

»Das verstehe ich alles nicht …«, schüttelte Lucia den Kopf, ohne dass sich auch ein einziges ihrer kurzen Haare bewegte. Lucia liebte Haargel. Und Erika schimpfte, denn sie musste das Kopfkissen täglich frisch beziehen. Sie bedauerte, dass nur ihre Jüngste gerne lange Haare trug.

»Das ist gleichzeitig einfach und kompliziert und lässt sich eigentlich nicht so richtig erklären.«

Das verstand Lucia nicht, denn sie glaubte, dass man alles erläutern und sogar beweisen können müsste. Sie hatte volles Vertrauen in die Wissenschaften und den menschlichen Verstand. Sie dachte, mit Zahlen könne man die Welt begreiflich machen. In Mathematikwettbewerben, an denen sie nur um ihres Vaters willen teilnahm, hatte sie schon etliche erste Plätze gewonnen. »Das ist mein Mädchen«, sagte dann der Vater, der Ingenieur, und klopfte ihr unbeholfen zärtlich auf den Kopf.

»Wird er auch in Siena sein?«, wechselte Lucia das Thema. »Wollt ihr zusammenwohnen?«

»Ich weiß nicht. Er wohnt die meiste Zeit in Lucca, aber er reist viel.«

Schweigen.

»Wir haben darüber nicht gesprochen.«

Schweigen.

»Ich kann es kaum erwarten, dich in Siena zu besuchen.«

Währenddessen überlegte Nannina in ihrem Zimmer, das eher eine Besenkammer war, aber dafür nur ihr gehörte, wie das wohl zusammenpassen sollte, Widder und Schütze, Feuer und Feuer: Wer wird dem Feuer die Nahrung geben, seine Luft sein? Oder es löschen, wenn nötig? Acht Jahre alt, machte sie die Taschenlampe aus, bedeckte ihr Gesicht mit ihren langen dunklen Haaren und schlief ein. Davor aber legte sie ihre kleine Hand in den Schoß, drückte die weiche Stelle zwischen ihren Beinen, bis in ihr etwas auseinanderfiel und sie einmal ganz leise und besorgt stöhnte, wenn auch irgendwie erleichtert. Die Hand ließ sie liegen, wo sie war.

Am Abend kamen dann alle in Siena an, einige früher, einige später. Das gemietete Zimmer war groß, ganz in der Nähe der Fakultät. Als Niccolò die letzte Kiste aus dem Auto holen ging, fragte Erika ihre Tochter, die ihr auf einmal wieder klein und unbeholfen vorkam, zu jung noch, um auf sich selbst gestellt zu sein:

»Werden wir Alessandro kennenlernen?«

Roberta, die am Fenster stand und die Lichter der Stadt beobachtete, sah sie abwesend an. Ernst war ihr plötzlich wieder mädchenhaftes Gesicht. Sie zuckte mit den Achseln. Dann widmete sie sich den Koffern, die, zum Auspacken bereit, auf dem Bett lagen.

»Wird er kommen?«

»Ich weiß es nicht«, sagte Roberta und sortierte Schuhe in den Schrank.

Erika schwieg eine Weile, dann nahm sie Roberta in die Arme. Roberta ließ sie gewähren.

»Habt ihr euch gestritten?«

»Nein. Er ist in Lucca, bei den Eltern. Er arbeitet an neuen Gedichten. Sagt, er habe momentan keine Zeit.« Roberta flüsterte. »Aber er werde mich bestimmt bald besuchen.«

Schritte im Flur.

»Ich vermisse ihn … ich weiß nicht … manchmal denke ich, er ist es, Mama, aber dann …«

Niccolò betrat das Zimmer, und es wurde nicht mehr geredet, jedenfalls nicht darüber. Roberta war ein wenig bedrückt. Es störte sie, dass ihr Neuanfang wegen Alessandros Abwesenheit nicht so großartig war, wie sie es sich immer vorgestellt hatte. Sie umfing ihr neues Zuhause mit ihren Blicken und einer Handbewegung, als würde sie es markieren wollen.

»Jetzt geht’s los«, sagte Niccolò und lächelte müde.

Und alle lächelten mit und hatten feuchte Augen.

»Lasst uns essen gehen, Mädchen«, sagte er dann lauter als nötig und gab Erika einen Klaps auf den Hintern.

Roberta war fleißig. Sie besuchte alle Vorlesungen und lernte. Zweimal die Woche telefonierte sie mit Alessandro und war unglücklich, denn so hatte sie es sich nicht vorgestellt. Im Oktober besuchte Alessandro sie nur ein Mal. Sie verbrachten den Tag im Bett. Das Bett wie eine ganze Welt. Da wurde gelacht, geliebt, gegessen, getrunken, erzählt, viel erzählt, umarmt. Alessandro brachte ihr eine Kassette mit Jazzmusik, seiner Lieblingsmusik, wie er sagte. Sie hörten zusammen zu. »Ist auch meine Lieblingsmusik«, flüsterte sie in seine nackte Haut, und Alessandro lachte ein wenig über so viel Zufall. Und dann kam die Nacht und danach der nächste Tag, und da musste Alessandro schon wieder los. Aber bevor er sie verließ, hatte er sie in den Botanischen Garten entführt, um ihr das Gespenst zu zeigen.

»Sein Name ist Giomo del Sodoma, eigentlich Girolamo Magagni, er war ein Künstler aus dem sechzehnten Jahrhundert und Schüler vom großen Giovanni Antonio Bazzi. Er wurde gehängt wegen schlechten Benehmens, und seitdem wandert er hier herum.«

»Ich sehe nichts«, meinte Roberta desinteressiert und dachte daran, dass er gleich weg sein würde. Sie hielt ihn fest und wischte sich die Nase an seinem Hemd ab. »Das hast du jetzt davon«, sagte sie und lächelte nicht.

Alessandro küsste sie mit Nachdruck und ging zum Auto. Roberta bewegte sich nicht, sah ihm einfach nach. Auch als sein Wagen schon längst verschwunden war.

Währenddessen feierte Lucia mit ihren Freunden in Piombino ihren siebzehnten Geburtstag und schlief zum ersten Mal mit einem Jungen, in seinem Zimmer voller Rolling-Stones-Poster; und das Einzige, woran sie sich später erinnern konnte, war die grollende Rockmusik und Jaggers riesengroßer Mund, der sie die ganze Zeit anstarrte und ihr das Gefühl gab, in Gefahr zu sein.

Sie kam erst spätabends nach Hause, ihr Vater wartete in der Küche auf sie, polterte und verhängte eine Woche Hausarrest.

»Aber, Papa …« Da war er schon weg, und sie blieb voller Wut zurück.

Nachts kam dann Nannina zu ihr, ging in die Hocke neben ihrem Bett und flüsterte:

»Wie war es? Hast du Spaß gehabt?« Nanninas verschlafene Augen hielt nur noch die Neugierde offen.

»Nicht besonders, nein.« Dann schwieg sie.

Nannina stand auf und war schon an der Tür, als Lucia hinzufügte:

»Es ist der Strafe nicht wert …«

Enttäuscht und verwirrt ging Nannina in ihr kleines Zimmer zurück und beschloss, ihren siebzehnten Geburtstag nicht in einer Disco zu feiern.

Im Elternzimmer legte Niccolò einen Arm um Erika. Sie rührte sich nicht, sagte aber:

»Das war nicht nötig, du warst zu streng.«

Er murmelte etwas, was sie nicht verstand, und suchte mit der Hand nach ihren Brüsten. Sie entzog sich ihm nicht, sagte aber:

»Es war doch ihr Geburtstag!«

Als er sich auf sie legen wollte, drehte sie sich auf die Seite, mit dem Rücken zu ihm, und zog die Decke bis zum Kinn hoch. Niccolò machte die Augen auf, betrachtete sie eine Weile und ließ sich dann, laut aufstöhnend, auf seine Bettseite fallen. Bald hörte Erika ihn schnarchen.

Am Heiligabend waren sie dann wieder alle zusammen, im Wohnzimmer, und spielten Rommé und lachten viel. Die Augen der Mädchen – es würden immer ihre Mädchen bleiben, dachte Niccolò – strahlten.

»Als ich das Meer gesehen habe, habe ich geweint, so sehr vermisse ich es«, sagte Roberta und lächelte glücklich.

Erika brachte Tee und Plätzchen. Nannina nahm sich eine Handvoll Schokokekse, und Lucia beschwerte sich. Erika dachte, was für ein Glück sie hatte, dass ihre Kinder so gerne Zeit mit ihnen, den Eltern, und miteinander verbrachten und nicht nur in Discos oder Bars gingen. Sie saugte dieses Bild der vereinten glücklichen Familie in sich ein und dachte, so würde es immer weitergehen. Auch wenn ihre Hand öfter mal leicht zitterte und sie die Stricknadeln nicht mehr so schnell bewegen konnte. Aber es genügte, um Nannina zum Geburtstag einen Pullover zu stricken, sie hatte noch einen ganzen Monat Zeit. Plötzlich durchzuckte ein stechender Schmerz ihr Bein, und sie spürte Niccolòs Blick auf sich. Sie beachtete ihn nicht, spielte weiter und genoss den Moment.

»Genau die Karte habe ich auch gebraucht!«, schrie Nannina. »Immer bekommst du die besten Karten, das ist nicht fair«, beklagte sie sich und sah Lucia böse an. Aber man sah, dass es ihr eigentlich egal war, denn Roberta war da. Wenn sie alle zusammen waren, stritten sich Papa und Lucia nicht so oft. Dass sich jetzt Roberta und Lucia um die Musik zankten, störte Nannina nicht, sie fand es lustig. Lucia meinte, Jazz sei etwas für alte Leute, Roberta bezichtigte sie der Ahnungslosigkeit. Nannina und Erika sahen sich verschwörerisch an, denn sie wussten, dass die beste Musik die klassische war, vor allem Opern, die sie beide vergötterten: Nannina hörte ihr zu, dieser Musik, die einen todunglücklich machen, aber gleichzeitig auch beruhigen konnte; Erika sang mit, beide hatten dabei oft Tränen in den Augen.

»Werden wir noch Besuch bekommen?«, fragte Niccolò wie nebenbei. Alle schauten Roberta an und schmunzelten.

»Wer soll noch kommen?«, fragte sie genervt.

»Wer soll noch kommen?«, äffte Lucia sie nach. »Dein Alessandro, natürlich!«

»Wie kommt ihr auf die Idee?«

»Nun ja, wir, deine Mutter und ich, wir dachten, es wäre an der Zeit, ihn kennenzulernen, ihr seid …«

»… nicht mal fünf Monate zusammen!«, empörte sich Roberta und betrachtete ihre Karten mit unnötig großem Interesse.

»Dennoch. Du hast seinetwegen deine Verlobung gelöst, die Leute …«, fing Niccolò an, wurde aber von Lucia unterbrochen:

»Ihr habt Schluss gemacht!«

»Nein, haben wir nicht!«

Erika sah, dass alle sich zu schnell hineinsteigerten, also schlichtete sie wie üblich und sagte laut:

»So! Gewonnen!«

Und sie legte ihre Karten auf den Tisch, alle jammerten, bis Lucia plötzlich rief: »Nein! Stimmt nicht! Das geht nicht!«, und auf eine lückenhafte Kombination zeigte. Dann schrien alle durcheinander, drohten Erika mit dem Finger, Niccolò schubste sie leicht an der Schulter, Nannina meinte, sie würde es bereuen. Und Roberta sah sie nur dankbar an.

Erika stand auf, um aus der Küche mehr Plätzchen zu holen, und summte zufrieden eine Aida-Arie vor sich hin.

Der Spaziergang

Der Himmel aus Blei. Aber es regnete nicht. Wir entschieden uns für einen Spaziergang. Er schlüpfte in seine dicke grüne Winterjacke. Ich in meinen zweiteiligen Anorak.

Langsam, sehr langsam kamen wir voran. Wir gingen seinen üblichen Weg: am Fußballstadion vorbei, hinunter zum kleinen Hafen und zu dem verlassenen Freibad, in dem ich schwimmen gelernt hatte. Es regnete immer noch nicht, es war lediglich sehr grau und windig und kühl. Er hatte den Regenschirm vergessen. Ich zog ihn deswegen auf. Es war Mitte Februar. Die Tage waren kurz, man musste der Dämmerung davonlaufen.

Ich hakte mich bei ihm ein und half ihm bei seinen schweren Schritten. Es tat weh, ihn so zu sehen. Er war der unermüdlichste Fußgänger der Welt gewesen. Er ging und redete gleichzeitig auf mich ein. Das machte es ihm nicht leichter.

»Du bist mein Held, ich kenne dich.« Seine Stimme klang unverbindlich.

»Ich bin kein Held, was soll das bedeuten?« Schon war ich wütend.

»Ich weiß, du bist tapfer.«

»Was soll das heißen, Papa?!«

»Ich habe Krebs, und ich weiß, dass Krebs nicht heilbar ist.«

»Und ob er das ist! Es gibt so viele, die ich kenne, die du auch kennst, die gesund geworden sind.«

»Ich weiß, ich will nur sagen, dass es nicht leicht ist.«

»Wenn du gesund werden willst, darfst du nie daran zweifeln, und du musst es wollen, und du musst einiges in deinem Leben ändern. Darum geht es. Um Veränderungen. Bewusste, freiwillige Änderungen.«

Ein paar Schritte lang sagten wir nichts. Ich hielt mich nah an ihm, so nah wie möglich, so nah, dass ich kaum noch laufen konnte. Meine Augen wurden schwer. Mein Herz schwamm langsam von mir weg. Ich bemühte mich zu atmen. Ich streichelte den Ärmel seiner Jacke. Ich konnte seine Haut fühlen, ohne sie angefasst zu haben.

»Mach dir keine Sorgen, ich bin mir sicher, diese Therapie wird helfen.«

Er tätschelte meine Hand. Seine Finger blieben auf den meinen ruhen.

»Aber es ist so, wie es ist, ich kann es nicht ändern, ich habe es nicht gewollt.«

»Papa, du kannst alles, was du willst.«

Er sagte nichts. Er drückte zweimal meine Hand.

»Es ist nicht leicht.«

»Ich weiß.«

»Ich bin müde.«

Ich ließ den Kopf nach hinten hängen, schloss die Augen und schaukelte meine Haare hin und her. Der Himmel wie ein Traum. Die Wörter wie ein Albtraum. Alles in Ordnung. Ich musste nur abwarten, bis ich aufwachte.

»Ich wollte über etwas mit dir sprechen.«

Ich sah ihn an. Es war ihm unangenehm.

»Also, ich überlasse euch alles …«

»Papa, ich will nicht darüber sprechen. Es ist mir alles egal!« Wahrscheinlich hörte ich mich hysterisch an.

»Bitte. Es ist mir sehr wichtig.«

»Ich bin mit allem einverstanden. Was immer du willst.«

»Ich habe gedacht, ich überlasse deiner Schwester die Wohnung. Und wenn sie eine Familie gründet, dann ist es … und was sie, du weißt schon, angeht …«

»Papa, es ist in Ordnung. Ich bin einverstanden.«

»Gut. Danke. Du weißt, ich liebe dich …«

Die Angst packte mich am Hals. Schüttelte kräftig. Ich wollte sie nicht noch zusätzlich herausfordern. Ich beschäftigte mich eingehend mit unseren Schritten. Den Bewegungen unserer Körper im Gleichtakt. Ich betrachtete seine Schuhe. Er hob sie kaum noch vom Boden.

»Wollen wir uns setzen?«

»Nein, es geht.«

Wir gelangten zum verwahrlosten Schwimmbad. Ich war lange nicht mehr da gewesen. Alles hatte sich verändert. Nichts erinnerte mehr an meine Kindheit und Jugend, die ich hier verbracht hatte. Und trotzdem: Ich musste lächeln. Mir war es, als würde ich Stimmen hören, wilde Schreie, Lachen, Planschen. Als würde ich heiße Sonne auf meinen Haaren spüren, Salz auf den Lippen, Hitze im Körper.

»Wenn ich daran denke, wie viel Zeit ich hier verbracht habe …«

»Ja, alles ändert sich.« Er räusperte sich. »Schatz, du musst tapfer sein.«

»Ich muss gar nichts. Vor allem will ich nicht ohne dich sein. Was mache ich ohne dich!«

Jetzt war es raus. Jetzt hatte es die ganze Welt gehört. Ich ließ mich gehen. Wie ein Kind. Als meine Stimme zusammenbrach und er nichts sagte, drehte ich mein feuchtes Gesicht zu ihm, und alles blieb stehen.

Tränen in seinen kleinen Augen. Wie ein winziger Sternenhimmel leuchtete sein Antlitz.

Meine Arme flogen zu ihm. Ich stellte mich vor ihn. Ich umarmte ihn. Legte meine Wange auf die seine. Vermischte unzertrennbar unsere Tränen.

»Papa, verzeih mir. Verzeih mir. Es tut mir so leid.«

Er küsste meine Augen. Meine Nase. Meine Augenbrauen. Meine Stirn. Meine Haare.

»Ich liebe dich, mein Schatz. Du bist mein großes Mädchen. Mein kleiner Held.«

Habe ich das tatsächlich gehört? Oder habe ich es von seinen Lippen nur gelesen? Am besten ist es, abzuwarten. Das ist alles, was ich tun muss, abwarten, bis ich aufwache.

Wir standen am Rand des Schwimmbeckens. Wir umarmten einander und hielten uns ganz fest. Ich wusste in dem Augenblick, niemand konnte ihn mir wegnehmen. Nichts. Es gibt keine Endgültigkeit.

»Ich liebe dich, Papa. Wirst du bitte dein Bestes tun? Bitte.«

Er schwieg.

»Ich weiß, ich habe kein Recht, dich darum zu bitten. Aber bitte, versuch es wenigstens.«

Er schwieg.

»Ich brauche dich. Ich kann mir das Leben ohne dich nicht vorstellen.«

Er schwieg.

Ich atmete tief ein. Während das Kind in mir tobte und protestierte.

Er legte seine Finger auf meinen Kopf. Streichelte mich ungeschickt.

»Wir sollten lieber zurückgehen. Es wird gleich regnen.«

Ich hielt ihn fest. Ich war in Sicherheit. Er war da.

Es fing an zu regnen. Ich zog meine Jacke aus und hielt sie über unsere Köpfe. Wir lachten. Ich zog ihn auf. Er und kein Regenschirm!

Langsam gingen wir nach Hause. Mein Papa und ich.

2.