Cover

Kerstin Holzer

Claudia Jacobs

Der kleine Eheberater

Vom Glück zu zweit

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© 2013 Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH

Umschlaggestaltung: Katja Muggli

Satz: Barbara Rabus

CH ∙ Herstellung IH

ISBN 978-3-641-09248-1
V002

www.mosaik-verlag.de

Buffalo, 8. September 1869

Livy, mein kostbarer kleiner Schatz,

… Dieser 4. Februar wird der prachtvollste Tag unseres Lebens, der heiligste & der für uns beide großzügigste – denn er wird zwei unvollständige Leben vereinen. Er gibt zwei ziellosen Existenzen Arbeit & verdoppelt die Kraft eines jeden, sie zu meistern. Er gibt zwei suchenden Seelen einen Grund, um zu leben, & etwas, wofür sich das Leben lohnt. Er wird dem Sonnenlicht neue Freude schenken, den Blumen einen neuen Duft, der Erde neue Schönheit, dem Leben ein neues Geheimnis; & Livy, er wird der Liebe eine neue Offenbarung schenken, dem Kummer eine neue Tiefe, der Anbetung einen neuen Ansporn. An jenem Tag werden uns die Schuppen von den Augen fallen, & wir werden eine neue Welt erblicken. Wenn es doch schon so weit wäre!

(Mark Twain vor der Hochzeit an seine Braut Olivia Langdon)

2. Februar 1904

Es ist lange her, meine Liebste, doch die 33 Jahre haben uns reichlich mit Liebe belohnt – eine Liebe, die stärker wurde, nicht schwächer, und die mit jedem Jahr kostbarer wird. Und so wird es immer sein, liebster alter Schatz meiner Jugend.

Gute Nacht und schlaf schön.

(Mark Twain zum Hochzeitstag an seine Frau)

Inhalt

Vorwort

Ein Ehepaar werden

Heiraten ist Avantgarde

Der Ehevertrag

Wie heiratet man eigentlich auf Papua-Neuguinea?

Junggesellenabschied

Der schönste Tag im Leben?!

Teurer Spaß

Das Kleid der Kleider

Die liebe Familie

Flucht nach Las Vegas

Was soll der Unfug? Schlechte Gründe, gute Gründe

Dechiffriert: Sprüche zur Trauung

Videoabend: Zehn Filme für Hochzeiter

Ein Ehepaar sein

Zurück aus den Flitterwochen

Nestbau I: Eames oder Ikea?

Nestbau II: Stadt oder Land?

Finanzplan für zwei

Nie mehr allein?

Wie sieht’s denn hier aus?

Einfach Leben: Zehn gute Vorsätze

Das Ehepaar als Eltern

Machen Kinder glücklich?

Der Schwangerschafts(härte)test

Baby-Paranoia

Väter im Büro

Latte-Macchiato-Mütter

Work-Life-Balance und andere Lügen

Das überforderte Kind

Familienglück: 15 Spielregeln für Vater, Mutter und Kind

Das Ehepaar im Bett

Ekstatisch: Sex in der Ehe, Teil I

08/15: Sex in der Ehe, Teil II

Tote Hose: Kein Sex in der Ehe

Gefährlich: Sex außerhalb der Ehe

In guten wie in schlechten Nächten: Sechs Tipps für Langzeitpaare

Das komische Ehepaar

Humor in der Ehe: Kurt Tucholsky erzählt einen Witz

Die Dialektik des Einparkens

Ungleiche Paare: Some like it hot

Wunderlich werden im Unruhestand

Das kann ja heiter werden: Fünf kleine Ehekomödien

Das verkrachte Ehepaar

Lob der Krise

Wie viel Streit verträgt die Liebe?

Prominente Ehehöllen

Die Kunst des Streitens: Falsch

Die Kunst des Streitens: Richtig

The Dining Dead: Wir haben uns auseinandergelebt

In der Paartherapie

Selbstgespräch: Fragebogen à la Max Frisch

Schmelzen statt streiten: 13 Liebeslieder

Ehepaar reloaded

Die zweite Chance und ihre Risiken

Expartner: Mord ist auch keine Lösung

Beutekinder und andere Patchwork-Freuden

Krass verknallt mit 50 plus?

Aus Schaden klug werden: Sieben Insider-Tipps für den zweiten Anlauf

(Endlich) glücklich verheiratet

Für die Ehe lernen mit »Anna Karenina«

Einfach so: Den Groll begraben

Lass uns Freunde sein!

The Look of Love

Bitte freimachen: Schluss mit Beziehungsmythen

Ein letzter Rat

Literatur

Dank

Vorwort

Die beiden Autorinnen dieses Buches verfügen über die Erfahrung von insgesamt drei Ehen mit einer Gesamtlaufzeit von bisher 23 Jahren. Wir haben im Alter von 28, 29 und 43 Jahren geheiratet und insgesamt drei Kinder – zwei Mädchen und einen Jungen. Euphorische und kühle Eheperioden, schmerzhafte Scheidung, bittersüße Liebschaften und überraschende Patchwork-Modelle sind uns vertraut. Es hat in unseren Leben Phasen gegeben, da hätten wir ein Buch über die Ehe glatt mit der Warnung »Tu’s nicht!« versehen. Mittlerweile sind wir ausgesprochen gerne verheiratet und halten diese Institution für, sagen wir mal, alternativlos.

Wir geben zu: Die Ehe ist eine rätselhafte Einrichtung. Nicht selten verbindet sie zwei Menschen, die im Laufe der Zeit nach anfänglicher Seligkeit von Enttäuschung, Zorn, Langeweile, Entfremdung bis zu Mordlust sämtliche negative Gefühle durchlaufen, die man einem Mitmenschen gegenüber nur empfinden kann. Wenn solche Paare sich trennen, behaupten sie oft, nie wieder heiraten zu wollen. Als wüssten sie endlich, wer ihre Liebe zerstört habe: die Ehe selbst.

Wir wissen heute, dass das nicht stimmt. Ob wir uns wohlfühlen in einer Dauergemeinschaft, haben wir schon auch selbst in der Hand.

Eine glückliche Beziehung gehört in Umfragen zu den meist genannten Lebensträumen, doch leider hat nicht jeder Mann und jede Frau Talent für die Ehe. Singles meinen häufig, es genüge der richtige Partner, und alles werde gut. In Wirklichkeit aber ist es so: Wenn sich zwei gefunden haben, ist das erst die halbe Miete.

Von den anderen 50 Prozent handelt dieses Buch.

Kerstin Holzer & Claudia Jacobs

Ein Ehepaar werden

Heiraten ist Avantgarde

Kennen Sie eigentlich Li Edelkoort? Das ist die berühmteste Trendforscherin der Welt: eine Holländerin, die seit 35 Jahren den Zeitgeist analysiert und internationalen Großkonzernen prophezeit, was die Kunden von morgen wollen. Wenn Edelkoort sagt, der nostalgische Do-it-yourself-Trend sei schick, wissen die Firmen: Alles, was nach selbstgestrickt, selbstgekocht und handbemalt aussieht, läuft wie geschnitten Brot.

Li Edelkoort jedenfalls hat uns gerade erzählt, dass die Ehe stark im Kommen sei. Sollten Sie also in Erwägung ziehen, zu heiraten, dies soeben getan haben oder längst verheiratet und sich Ihrer Avantgarde-Rolle nicht recht bewusst sein: Sie liegen voll im Trend.

Woher dieser Trend komme, meint Edelkoort, sei doch wohl klar. Wo man sich in der Welt auch umsehe: überall Umweltkatastrophen, Schuldenkrisen, Kriege. Die Politik biete keinen moralischen Spirit, der Individualismus habe ohnehin total versagt. Es mache die Menschen müde und traurig, permanent alleine Entscheidungen treffen zu müssen. Nicht mal Madonna habe inzwischen noch Lust, sich täglich neu zu erfinden! Bei all dieser Unsicherheit, so Edelkoort, böten nur Ehe und Familie Hoffnung auf Schutz und Geborgenheit. Ihre Büroleiterin in Tokio berichte, in Japan habe es seit der Atomkatastrophe von Fukushima einen regelrechten Hochzeitsboom gegeben. Die Menschen dort sagten: Wir wollen nicht alleine sterben. Frau Edelkoort, nicht gerade ein überschwänglicher Typ, fand diese Begründung hinreißend romantisch: »Ist das nicht wunderschön?«

Ganz pragmatisch

Ja, ist es nicht wirklich romantisch, sich im Kokon einer liebevollen Zweisamkeit gegen die Entfremdung der kalten Welt da draußen zu wappnen? Sozusagen dem Elend zu trotzen?

Das ist, zugegeben, nicht der erste Gedanke, den man mit der Idee der romantischen Liebe verbindet. Er klingt eher nach Steinzeit, in der sich Mann und Frau als Überlebensstrategie zusammentaten: Er brachte das Fleisch nach Hause und hielt wilde Tiere fern, sie Feuer und Kinder am Laufen.

Die längste Zeit ihrer Geschichte – und wir sprechen hier von Jahrhunderten – war die Ehe weitgehend frei von Gefühlsduselei, eine vollkommen pragmatische Angelegenheit und für Frauen eine tendenziell rechtsfreie Zone.

Bei den alten Griechen galt Ehe zwar als fundamentale soziale Einrichtung, und im Athen unter Perikles waren ledige Männer sogar von wichtigen Ämtern ausgeschlossen. Hochzeiten waren aber arrangiert, Frauen auf die Aufzucht der Kinder beschränkt und scheidungstechnisch nicht schwer zu entsorgen. »Zu unserem Vergnügen haben wir Hetären, Konkubinen für die Gesundheit und Ehefrauen, damit sie uns rechtmäßige Nachkommen gebären«, verkündete der Redner Demosthenes vergnügt. Hübsche Knaben spielten auch eine Rolle, allerdings nicht für frustrierte Griechen-Gattinnen.

Im Mittelalter schlossen europäische Herrscherhäuser Ehen bereits zwischen Kindern, wenn dies den politischen Absichten diente. Maria Stuart ehelichte mit gerade zehn Jahren den 14-jährigen Wilhelm II. von Oranien.

Über die Jahrhunderte heiratete man aus Vernunft, also weil Vermögen, Hierarchien und Erbe zueinanderpassten, was die Familien zu entscheiden hatten, selten die künftigen Eheleute. Von Liebe: keine Rede. Noch weniger von Lust.

Als »Verbindung zweier Personen verschiedenen Geschlechts zum lebenslangen wechselseitigen Besitz ihrer Geschlechtseigenschaften« erklärte der Königsberger Philosoph Immanuel Kant die Ehe. Sinn und Zweck dieses Bündnisses sei, »Kinder zu erzeugen und zu erziehen«. Ein gewisser Schutzgedanke spielte ebenfalls eine Rolle. Die bedrohliche Macht der Sexualität sollte in Sittlichkeit kanalisiert werden, wobei Leidenschaft um Himmels willen nicht erwünscht war.

Die Idee der romantischen Liebe

Dann kam das Zeitalter der Romantik, und das Bürgertum des 18. Jahrhunderts entdeckte die Liebe – zumindest theoretisch. Glück als Motiv! Es gibt die Eine, den einzig Richtigen! Das war neu. Goethe ließ seinen »Werther« sogar an unglücklicher Liebe sterben. Die Leser waren wie vom Donner gerührt und machten das Werk zum Bestseller.

Die romantische Liebesheirat ist die Erfindung jener Zeit. Nicht praktische und materielle Beweggründe, sondern große Gefühle galten nun als Ideal der Partnerwahl, und zwar für beide Geschlechter. Die Freiheit, einen Ehepartner zu wählen, das Sehnen und Irren und Wirren, das sich um diesen Prozess entspinnt, erschienen als herrliche Qual mit dem Versprechen auf ewige Glückseligkeit.

Der Haken daran: Wenn man sich irrte in seiner Wahl, war man plötzlich selber schuld, und nicht etwa strenge Familienväter, eine standesbewusste Gesellschaft oder die Kirche. Und natürlich erwies sich das Eheziel »ewiger Frühling« als unsichere Perspektive.

»Die Nebenwirkung der Liebesheirat: Ehekrisen!«, fasst Felicitas von Lovenberg in ihrem Buch »Verliebe dich oft, verlobe dich selten, heirate nie?« so treffend zusammen. Daran leiden moderne Beziehungen noch heute.

Einbruch der Wirklichkeit

Die schönsten Werke aus Literatur und Film sind inspiriert vom Einbruch der Wirklichkeit in emotionale Wunschwelten. Fontanes Frauendrama »Effi Briest« und Tolstois Ehe- und Betrugsroman »Anna Karenina«: genial zeitlose Stoffe. Warum? Ihr Thema ist der Wandel von Gefühlen – in Ehen wie Affären.

Der moderne Klassiker »Zeiten des Aufruhrs« von Richard Yates: eine Studie über Ehefrust in Zeiten des Wohlstands. Der Hollywood-Schmalzer »So wie wir waren« lässt Robert Redford und Barbara Streisand als ungleiche Liebende aneinander verzweifeln. Und erst »Wer hat Angst vor Virginia Woolf« mit dem berüchtigten Paar Taylor/Burton! Die Ehe hier: die blanke Vorhölle.

Die romantische Liebesheirat mit ihrer erpresserischen Forderung nach vollkommenem Glück hat mindestens ebenso viel Schaden angerichtet wie die arrangierten Ehen von einst. Die endeten oft – in einem Arrangement. Aber das wusste man wenigstens. Wenn hingegen Liebesehen scheitern, geht es gleich ums Ganze: um Enttäuschung, Bitterkeit und verlorene Freiheit. Erst suchen wir viel zu lange nach dem einzig richtigen Partner (das Heiratsalter der Deutschen steigt von Jahr zu Jahr: inzwischen sind Männer durchschnittlich 33 Jahre alt, Frauen 30 Jahre), und wenn es dann doch nicht klappt, zürnen wir ihm auch noch. Am Schluss bleiben Streit über profanen Alltag, über erotische und sonstige Ödnis oder gleich über Unterhaltszahlung und Umgangsrecht für die Kinder.

Alternative Konzepte

Dann also freie Liebe? Damit hatte die Studentenbewegung, die die bürgerliche Ehe mitsamt anderen uncoolen Traditionen abschaffen wollte, auch keine überragenden Erfolge. Nicht zweimal mit derselben zu pennen, um bloß nicht zum Establishment zu gehören, schuf fürchterlichen Zwist (fragen Sie Alt-Hippie Rainer Langhans) und hat generell ab einem gewissen Alter etwas Trauriges.

Immerhin ging es mit der Emanzipation der Frau in dieser Zeit voran. Kaum vorstellbar, dass Ehemänner ihren Frauen bis in die Siebzigerjahre den Job verbieten konnten.

Heute wursteln sich die Menschen in Liebesdingen so durch. Die einen frönen den Freuden des anonymen Flirts im Internet, die anderen gestehen ehrlich Asexualität: Dass niemand weniger Sex hat als sehnsüchtige und gleichzeitig bindungsscheue Singles, ist belegt.

Wer sich doch in eine Beziehung wagt, hält den anderen gern mit getrennten Wohnungen auf sicherem Abstand: »Living Apart Together« heißt diese Variante. Eheschließungen gelten als spießig. Da sich das Modell der »seriellen Monogamie« durchgesetzt hat, sind mehrere Scheidungen im Laufe der Jahrzehnte auch einfach zu teuer.

Wer Mumm hat, heiratet

Nein, kein Mensch muss heute noch heiraten, weder aus Karriere- noch Prestige- noch aus Sicherheitsgründen. Jeder kann sich alleine durchschlagen, autonom und freiheitsliebend, wie wir alle sind: Gesellschaftlich spielt die Institution der Ehe absolut keine Rolle mehr. Homosexuelle können als Bundesaußenminister Karriere machen, Frauen sich alleine um ihren Lebensunterhalt kümmern. Die Steuervorteile sind meist lächerlich. Die Kirche hat ohnehin nichts mehr zu melden. Und erst die hohen Scheidungsraten! Wir wären ja schön doof.

Aber romantisch. Das bringt uns zurück zu Li Edelkoort, unserer Trendpäpstin. Natürlich wird die Ehe im 21. Jahrhundert allein deshalb zum hochromantischen Akt, weil sie so überflüssig ist. Weil sie auf keiner Notwendigkeit basiert als dem bedingungslosen Drängen der Liebe. Weil Liebe solch ein Risiko ist, dass der Entschluss zur festen Bindung Mut erfordert – eine Tugend, die uns nur noch selten abverlangt wird.

In unserer Welt der Libertinage sind die Verheirateten die eigentlichen Revolutionäre – das fand kürzlich auch die »Frankfurter Allgemeine Zeitung«, die ausgerechnet die konservative, monogame Liebe als letzte Möglichkeit subversiven Handelns feierte: »Treue als der neue Nervenkitzel also. Und wer wirklich Mumm hat, der wählt den Weg des größten Risikos: die Ehe. Das ist pures Adrenalin, mehr Abenteuer, als es jede Affäre sein kann.«

Das junge Paar, das wir an einem dampfigen Augustmorgen vor einem Münchener Standesamt am Englischen Garten beobachteten, hat dies nicht erst lesen müssen, um voneinander völlig berauscht zu sein. Sie trug ein weißes Hippie-Kleidchen, er kurze Trachtenhose; beide waren knapp über 20, viel zu jung. Küsse im Regen. Man konnte es schier hören, ihr pochendes »doch alle Lust will Ewigkeit«, und gleich würden sie da reingehen und ein immerwährendes Versprechen abgeben, während draußen in der Welt die Vergänglichkeit wütet. Wenn das nicht pure Romantik ist, wissen wir es auch nicht.

Hoffentlich sind sie noch zusammen.