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Buch

Hilde Jahn, Enthüllungsjournalistin des Wiener Boten, sitzt in einem Café im zehnten Bezirk und beobachtet ein leerstehendes Firmengebäude. Sie fiebert dem Treffen mit einem Informanten entgegen. Sie ist einer hochbrisanten Geschichte auf der Spur, und der ihr unbekannte Mann soll ihr wichtige Unterlagen übergeben. Als Hilde Jahn einen Mann das Gebäude betreten sieht, folgt sie ihm. Doch das Treffen entpuppt sich als eine tödliche Falle.

Hilde Jahns Assistentin, die junge Journalistin Sarah Pauli, wird auf die Geschichte angesetzt, und schon bald stößt sie auf eine Reihe von mysteriösen Todesfällen unter Wiens Arbeitslosen. Doch je weiter ihre Recherchen fortschreiten, umso näher kommt ihr der Mörder

Autorin

Die Österreicherin Beate Maxian wurde in München geboren und verbrachte ihre Jugend u.a. in Bayern und im arabischen Raum. Heute lebt sie mit ihrer Familie abwechselnd in Oberösterreich und Wien und arbeitet neben dem Schreiben als Moderatorin und Journalistin sowie als Dozentin an der Talenteakademie. Ihre in Wien angesiedelten Krimis um die Journalistin Sarah Pauli haben eine treue Leserschaft erobert und sind Bestseller in Österreich. Des Weiteren ist Beate Maxian die Initiatorin und Organisatorin des ersten österreichischen Krimifestivals. Weitere Informationen zu Beate Maxian unter: www.maxian.at und www.moerderischer-attersee.at

Beate Maxian im Goldmann Verlag:

Tödliches Rendezvous. Ein Wien-Krimi
Die Tote vom Naschmarkt. Ein Wien-Krimi
Tod hinter dem Stephansdom. Ein Wien-Krimi
Der Tote vom Zentralfriedhof. Ein Wien-Krimi
Tod in der Hofburg. Ein Wien-Krimi
Mord in Schönbrunn. Ein Wien-Krimi
Die Prater-Morde. Ein Wien-Krimi
Tod in der Kaisergruft. Ein Wien-Krimi
Mord im Hotel Sacher. Ein Wien-Krimi

(ebook-symbol-small alle auch als E-Book erhältlich)



Beate Maxian


Tödliches
Rendezvous


Der erste Fall
für Sarah Pauli


Ein Wien-Krimi






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Copyright © 2011 by Beate Maxian

Copyright © dieser Ausgabe 2011

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München

An · Herstellung: Str.

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN 978-3-641-05537-0
V007

www.goldmann-verlag.de

Der Weg zur Hölle
ist mit guten Vorsätzen gepflastert.

Italienisches Sprichwort

Montag, 12. April

1

Fünf.

Die Zahl passte irgendwie zu ihr.

Natürlich war der erste Mord der schwierigste gewesen, aber dieser heute würde mit Sicherheit der aufregendste werden. Die Frau, die er in den nächsten drei Stunden töten würde, war etwas Besonderes. Sie war intelligent, attraktiv, ehrgeizig, unabhängig und arbeitete hart. Attribute, die er an einer Frau schätzte, die er an jedem Menschen schätzte.

Eigentlich hatte er nichts gegen sie persönlich. Ganz im Gegenteil. Aber das änderte nichts an dem Todesurteil. Sie war einfach zum Risiko geworden. Vor sich hin pfeifend füllte er den Wasserkocher, um sich einen Instantkaffee zu machen. Sein Pfeifen war dissonant und ohne Takt, aber dennoch ein Ausdruck der Selbstzufriedenheit.

Um sich bis zu seinem Aufbruch zu beschäftigen, holte er einen Block hervor und begann, seine Unkosten aufzuschreiben. Ein Mantel, 15 Euro. Eine Brille, zehn Euro. Der Hut aus dem Secondhandladen hatte vier Euro gekostet. Gesamtkosten 29 Euro. Er leckte sich zufrieden über die Lippen und streckte sich. Mehr Geld wollte er in keines seiner Projekte investieren.

Buchhaltung, Statistiken, Analysen, Rechenergebnisse – das waren seine Leidenschaften. Sein Blick streifte die Uhr. Es war bald Zeit zu gehen.

Er erhob sich und zog die Vorhänge zur Seite. An den Fensterscheiben klebten Regentropfen.

Mit größter Sorgfalt kleidete er sich für die vor ihm liegende Aufgabe an. Ein dunkler Anzug, das war er ihr schuldig, ein letzter Akt der Ehrerbietung. Dann zog Albo den neuen Mantel über, Brille und Hut verstaute er in einem Einkaufssackerl, das er bei sich trug, nahm die vorbereitete Aktentasche und einen Schirm und verließ die Wohnung.

Das Spiel hatte begonnen.

*

Für gewöhnlich leben Häuser.

Dieses hier war schon lange tot.

Die Fassade bröckelte, hinter zerbrochenen Fenstern lag trostlose Dunkelheit. Eine grausame Leere nahm das Gebäude in Besitz.

Der Ort des Treffens war somit perfekt gewählt. Niemand war hineingegangen oder herausgekommen. Keine Menschen, keine Zeugen. Publikum konnte sie nicht brauchen.

Ein zufriedenes Lächeln umspielte Hilde Jahns Lippen. Im Geiste notierte sie »12. April«. Die nächste Stufe der Karriereleiter war erreicht. Die Journalistin saß seit einer halben Stunde an einem Tisch beim Fenster in einem drittklassigen Café der Per-Albin-Hansson-Siedlung im zehnten Wiener Gemeindebezirk. Sie hielt eine Kaffeetasse in der Hand, beobachtete die wenigen Gäste, schaute zwischendurch immer wieder durchs Fenster nach draußen in das trübe Aprilwetter.

Schneeregen. Schon seit den frühen Morgenstunden. Dazu kamen launische Windböen, die unentwegt die Richtung wechselten, Regenschirme umdrehten und sie fluchenden Menschen fast aus den Händen zerrten.

Es war eine hirnrissige Idee gewesen, ausgerechnet heute mit den Öffentlichen zu fahren. Nasse Mäntel, die sich aneinanderquetschten, triefende Schirme, die Handtaschen und Kleidung nass machten, nasse Füße, wenn man wie sie nicht das richtige Schuhwerk trug, waren das Ergebnis eines solchen Morgens. Dazu kamen noch die übellaunigen Benutzer der öffentlichen Verkehrsmittel.

Sie hätte doch das Auto nehmen sollen.

Aber sie wusste genau, warum sie es nicht getan hatte. Sie war vorsichtiger geworden, hatte mit den Jahren dazugelernt.

Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste.

Dieses Haus zu beobachten, war Teil ihrer Porzellankiste, genau wie öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen, weil sie sich nur auf ihre Umgebung konzentrieren musste und nicht auf den Straßenverkehr. Sollte sie jemand verfolgen, hätte sie das spätestens nach dem zweiten Mal umsteigen bemerkt. Hilde Jahn, die Queen des Enthüllungsjournalismus, würde heute bei der Redaktionssitzung allen die Show stehlen. Die morgige Ausgabe gehörte mit Sicherheit ihr.

»Möchten Sie noch etwas?«, unterbrach die Kellnerin ihre Gedanken.

Hilde Jahn winkte ab. Die Kellnerin verschwand, und Hilde konnte wieder durchs Fenster starren. Sie durfte das Gebäude keine Sekunde aus den Augen lassen, womöglich Passanten übersehen, die das Haus betraten. Jeder Fehler konnte fatale Folgen haben. In diesem Zusammenhang fiel ihr Sarah Pauli ein. Die junge Journalistin, die ihr zuarbeiten sollte, ihre Assistentin. Es war die Idee des Herausgebers David Gruber gewesen. Aber sie brauchte keine Assistentin, der sie ständig Arbeit zuteilen musste. Hilde Jahn arbeitete immer allein. Obwohl die Kleine zugegebenermaßen sehr amüsant war mit ihrem Aberglauben-Gehabe. Unwillkürlich musste Hilde Jahn grinsen. »Keine wichtigen Treffen am Freitag dem Dreizehnten.« Das hatte sie sich gemerkt, der Rest von Paulis Ratschlägen war im Desinteresse untergegangen. Zum Glück war heute Montag der Zwölfte.

Ein Glückstag? Sie würde die Pauli heute nach der Redaktionssitzung fragen.

Sie lächelte über sich selbst. Dass sie sich jemals mit so einem Schwachsinn auseinandersetzen würde, hätte sie nicht gedacht.

Unglückstage.

Glückstage.

Unglaublich, womit sich vernünftige Menschen beschäftigten.

In ihrem Beruf ging es nicht um Glück, sondern um Wissen und Macht. Eigentlich drehte sich alles um Macht.

Sie hatte bis jetzt ihren Ruf verteidigt, weil sie einfach schneller reagierte, eine heiße Story roch, bevor sie noch von anderen Journalisten wahrgenommen wurde. Das hatte mit Glücks- oder Unglückstagen oder dem Stand der Sterne, des Mondes oder der Sonne rein gar nichts zu tun. In dem verdammten Job war man, wenn man nicht aufpasste, schneller tot als in jedem anderen.

Schneller, erfolgreicher, besser.

Drei Komparative, die sie antrieben. Dafür hatte sie auf ein Privatleben, Familie und eigene Kinder verzichtet. Das allein war das Geheimnis ihres Erfolges. Hilde Jahn war eine Journalistin ersten Grades, und diese Geschichte würde sie in den Medienolymp heben. In Gedanken sah sie sich ganz oben. Heute war es so weit. Heute würde sie eine Bombe platzen lassen. Der Wiener Bote bekam die Erstveröffentlichung. Aus Solidarität. Zugleich wollte sie die Sache aber groß und überregional aufziehen. Vielleicht sogar ganz zum Fernsehen wechseln. Diesbezügliche Gespräche hatte sie bereits geführt. Hilde Jahn, die Anchorwoman der Zeit im Bild, Österreichs meistgesehene Nachrichtensendung. Keine regionalen Geschichten mehr. Ihr Chef würde verärgert und persönlich enttäuscht sein, ihre Entscheidung aber verstehen.

Hilde Jahn zupfte an ihrer Jacke herum. Natürlich fiel sie hier in ihrem Dolce & Gabbana-Outfit auf. Die anderen Gäste trugen schlichte Alltagskleidung. Kaufhausware von der Stange. Daran, sich dezenter zu kleiden, hatte sie nicht gedacht. Diese Stadtrandsiedlung war eine typische Arbeitergegend, benannt nach dem schwedischen Ministerpräsidenten Per Albin Hansson. Die Schweden hatten eine Anlage zur Ziegelerzeugung nach Wien gebracht und damit wesentlich zum Aufbau der Wohnhausanlagen nach dem Zweiten Weltkrieg beigetragen. Seither waren immer mehr Gemeindebauten und Wohnkomplexe dazugekommen. Eine kleine Stadt innerhalb der Stadt. Ähnlich wie Alt-Erlaa. Gegenden, in die sie selten kam und mit denen sie nicht vertraut war. Vor Jahren hatte sie einmal an einer Serie über die Entwicklung von Randbezirken geschrieben. Aber das war’s dann auch schon. Wirklich interessiert hatte sie sich nie dafür.

Sie verschwendete keinen Gedanken mehr an ihre Kleidung. Mein Gott, würden sich die Leute halt daran erinnern, dass eine teuer gekleidete Dame das altertümliche Café besucht hatte. Die Leute hier brauchten Tratsch, das machte ihr eintöniges Leben erträglicher, da war sich Hilde sicher.

Der Schneeregen ließ allmählich nach. Jetzt kam die Sonne heraus und ließ den nassen Asphalt leuchten. Sie blickte zum wiederholten Mal auf die Armbanduhr. Dreiviertel acht. Um zehn musste sie bei der Redaktionssitzung antanzen. Sie dachte an die Unterlagen, die bereits in ihrem Safe lagen. Noch viel zu wenig Stoff und weit entfernt von dem Sprengstoff, den sie brauchte. Aber das würde sich in wenigen Minuten ändern. Wenn sie das hier hinter sich hatte, musste sie sofort Brenneis informieren. Noch bevor alles an die Öffentlichkeit kommen würde. Das war sie ihm schuldig. Immerhin hatte er ihr geholfen, in diesem Fall so weit zu kommen. Auch wenn er nicht wissen konnte, dass seine Informationen mehr waren als nur eine unbedeutende Auskunft. Martin würde sie ebenfalls eine Nachricht zukommen lassen. Zeitverzögert. Dafür legte sie ihm hieb- und stichfeste Beweise auf den Tisch. Der Kriminalinspektor konnte dann gleich nach Erscheinen ihres Artikels zuschlagen. Das würde ihren Bericht puschen und seiner Karriere sicher guttun.

Sie winkte der Kellnerin und zahlte. Aus dem Augenwinkel nahm sie eine Bewegung auf der anderen Straßenseite wahr. Sie drehte den Kopf und sah einen Mann im Trenchcoat, mit einem Aktenkoffer in der Hand und einem Hut auf dem Kopf, in dem Gebäude verschwinden.

Na endlich.

Hilde Jahn verließ eilig das Café und schritt zielstrebig auf das Haus zu.

Sie öffnete die Tür. Vor ihr lag ein Hof, links führte ein Stiegenaufgang in die Etagen hinauf. Auf einem Messingschild waren die verschiedenen Bereiche aufgelistet:

EG, Produktion

1. Stock, Buchhaltung

2. Stock, Sekretariat und Geschäftsleitung

Lager über den Hof.

Der Aktenkoffer stand neben der untersten Stufe. Von dem Mann war weit und breit nichts zu sehen. Wo war sie hier? Im Bermudadreieck?

»Frau Jahn?« Der Mann von vorhin stand plötzlich hinter ihr. Er trug eine Brille mit dicken Gläsern und einem schwarzen Rand im Stil der Krankenkassenbrillen der 1950er Jahre. Er lüftete leicht den Hut. So wie Hilde das noch von ihrem Großvater her kannte, wenn er jemanden auf der Gasse gegrüßt hatte.

Sie glaubte, seine Stimme schon einmal gehört zu haben, konnte sich jedoch nicht erinnern und dachte nicht weiter darüber nach.

»Entschuldigung. Ich wollte Sie nicht erschrecken«, sagte er nun.

»Schon gut«, sagte Hilde. »Ich habe Sie nicht gehört. Sind Sie Herr Albo?« Ihre Stimme klang fremd. Nicht wie die Stimme der selbstbewussten Hilde Jahn, der Frau, die sogar den Mächtigen in diesem Land gefährlich werden konnte, wenn sie wollte.

Er lächelte breit. »Der bin ich. Sehr erfreut, Frau Jahn.« Sie schüttelten sich die Hand. Er zog seine Handschuhe nicht aus, was sie von einem Herrn mit Stil jedoch erwartet hätte.

Unhöflich, registrierte Hilde Jahn in Gedanken.

Eine eigentümliche Energie ging von ihm aus. Das Charisma eines Strategen.

»Gehen wir doch nach oben.« Er deutete ihr mit der Hand voranzugehen. Jetzt ganz Gentleman. Sie entspannte sich, wandte ihm den Rücken zu und ging die Stufen hoch. Er blieb hinter ihr.

»Ich denke, Sie wissen, worauf ich mich da einlasse.«

»Natürlich weiß ich das.«

»Es ist nämlich so, dass ich mit einem Schlag alles verlieren kann.«

»Das werden Sie nicht. Glauben Sie mir. Niemand wird erfahren, dass ich diese Informationen von Ihnen habe. Mein Wort.« Dass sie ahnte, dass Albo lediglich ein Deckname war, erwähnte sie nicht. Sollte er sich doch in Sicherheit wiegen.

»Ein Wort ist schnell gebrochen«, widersprach er.

Ihre Euphorie war mit einem Atemzug verflogen. Was erwartete dieser Typ? Eine eidesstattliche Erklärung, dass sie seinen Namen nie wieder erwähnen würde? Albo. Natürlich hatte sie recherchiert. Es gab in ganz Wien niemanden mit diesem Familiennamen. Wonach sollte die Polizei also suchen, wenn sie ihren Informanten tatsächlich preisgeben würde? Selbstverständlich würde sie den richtigen Namen schon noch herausfinden, sollte das notwendig sein. Aber im Moment vertraute sie darauf, dass die Information und der Name, den sie gleich erhalten würde, echt waren. Somit würden sie einander heute vermutlich zum ersten und letzten Mal begegnen. »Wenn ich nicht Wort halte, ist mein Ruf als Journalistin bald ruiniert. Was glauben Sie, wie schnell sich das herumspricht, wenn jemand seine Quelle preisgibt?«

Der Gedanke an das Pfefferspray in ihrer Handtasche beruhigte sie.

Sie traten durch die Eingangstür des ersten Stockes und standen in einem kleinen Foyer, von wo aus ein langgezogener Flur zu mehreren Räumen führte. Ein einsamer Tisch stand als vergessenes Relikt mitten im Vorraum. Albo ging darauf zu, stellte die Aktentasche ab. Mit einem Handgriff ließ er den Verschluss aufschnappen.

»Sind Sie auch sicher, dass Sie niemand verfolgt hat?«, hakte er nach.

»Ich bin mir absolut sicher.« Mein Gott, war dieser Typ misstrauisch! »Glauben Sie mir. Es ist alles in Ordnung.«

Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste.

Aber man konnte auch übertreiben. Wer zum Teufel sollte sie stören? Die Polizei glaubte nicht an ihre Theorie und war daher auch nicht interessiert an den Unterlagen.

»Gut.« Er schien zufrieden, griff in die Aktentasche. »Wo ist es denn? Ah, da haben wir’s ja.«

Mach schon, dachte sie. Jetzt gleich hast du den Beweis in der Hand. Nur noch wenige Augenblicke trennten sie von ihrem großen Ruhm.

»Wissen Sie, was mich immer wieder fasziniert?«

Wollte er jetzt etwa noch eine Plauderstunde einlegen? Gib den Wisch her und schleich dich, dachte Hilde.

»Keine Ahnung«, antwortete sie ruppiger als sie wollte.

»Was Menschen für ihre Karriere alles tun.«

»Wie meinen Sie das?«

»Sie verraten. Verstehen Sie? Sie tun das Gleiche wie ich für meine Überzeugung.«

Ihr Körper signalisierte Alarmbereitschaft. Unwillkürlich spannten sich ihre Muskeln an. »Verraten? Ist es nicht vielmehr so, dass Sie mit dem, was Sie hier tun, der Wahrheit dienen?«

Er grinste, zog etwas aus dem Aktenkoffer. »Sagen wir so … es ist eine Lüge.«

Hilde Jahn zog die Augenbrauen hoch. Sie verstand kein Wort von dem, was dieser Kerl von sich gab, hoffte aber, dass er es sich nicht in letzter Minute noch überlegte und mit den Unterlagen wieder verschwand. Oder war die ganze Geschichte, an der sie seit Monaten arbeitete, eine Lüge? Das wäre eine Katastrophe! Nein, es konnte keine Lüge sein.

Seine Nervosität war deutlich zu spüren, deshalb trat sie dicht neben ihn, legte ihre Hand beruhigend auf seine. »Sie tun das Richtige. Glauben Sie mir.«

Er seufzte. »Das denke ich auch. Es ist nur so … es ist … wie soll ich sagen?«

»Es ist das erste Mal, dass Sie heikle Informationen aus der Hand geben. Unser Verbindungsmann hat mich informiert. Er hat mir auch gesagt, dass er auf gar keinen Fall will, dass Sie jemals wieder mit dieser Sache behelligt werden. Ich verspreche Ihnen jetzt hoch und heilig, Sie werden nie wieder von mir hören. Aber Sie dürfen sich trotzdem gratulieren, den Schritt gewagt zu haben«, sagte die Journalistin. Jetzt schieb endlich die Papiere rüber, fügte sie in Gedanken hinzu.

»Na gut. Dann bringen wir das jetzt zu Ende.«

Na endlich. Hilde Jahn entspannte sich und passte einen winzig kleinen Moment lang nicht auf.

Plötzlich fasste er mit einer Hand nach ihr, packte sie an den Haaren, zwang sie in die Knie. Er hielt ein Messer in der anderen Hand. Wo zum Teufel kam das auf einmal her? Die Aktentasche. Er musste es mitgenommen haben. Es war zu spät zu reagieren. Zusammen mit der Erkenntnis kroch Verzweiflung ihr den Rücken hoch.

Eigenartig.

Auch daran, heute sterben zu müssen, hatte sie gedacht.

Pfefferspray.

Ein nutzloses Ding, wenn man es nicht ständig in der Hand hielt.

2

Um halb zehn riss Sarah Pauli die Tür zur Redaktion auf und warf ein »Guten Morgen« in den Flur. Die beiden Telefonistinnen hinter der Rezeption im Eingangsbereich grüßten zurück. Herbert Kunz, der Chef vom aktuellen Dienst, der gerade den Gang entlangkam, zeigte wortlos auf seine Armbanduhr. Er war ein hagerer Mittvierziger mit dunkelblonden, kurz geschnittenen Haaren. Durch seine scharnier- und schraublose Silhouette schaute er sie aus graugrünen Augen scharf an. Er war der Einzige, der täglich tipptopp gestylt in Anzug und Krawatte in der Redaktion erschien. Sein Sternbild Jungfrau passte zu ihm, fand Sarah, es stand bekanntlich für Gewissenhaftigkeit, Genauigkeit und Methodik. Sarah analysierte gern über Sternzeichen und freute sich, wenn sie Verbindungen zwischen dem Tierkreiszeichen und der Persönlichkeit fand. Trotzdem war sie im Bereich der Astrologie Laie, sie forschte nur für sich. Dieses Hobby war ein Teil von ihr, genau wie ihr Hang zum Aberglauben. Es bereitete ihr einfach Vergnügen, sich mit Dingen zu beschäftigen, die möglicherweise eine Bedeutung hatten. Zum Beispiel Silvester rote Unterwäsche tragen, die am nächsten Tag entsorgt werden muss, um Glück für das neue Jahr zu bringen. Sarah kaufte vor jedem Jahresende Billigware für diesen Zweck.

»Ich weiß. Bin spät dran, aber immer noch rechtzeitig zur Sitzung«, verteidigte sie sich, bevor Kunz etwas sagen konnte. »Ich musste noch schnell meinen Schmuck abholen, und der Juwelier sperrt erst um neun auf.« Sie zeigte ihm ihre Ohrringe und den Anhänger aus roter Koralle, den sie an einer Kette um den Hals trug.

»Sieht aus, als hättest du dir Chilischoten umgehängt«, erwiderte Kunz gelangweilt.

»Das nennt man Corno«, erwiderte Sarah ernst.

»Corno. Aha. Sehr spannend.«

»Banause«, erwiderte Sarah fröhlich. »Corno heißt Horn, im Neapolitanischen sagt man Curniciello, das Hörnchen. Ist doch nett, nicht wahr? Es hält den bösen Blick ab. Verstehst du?«

»Böser Blick«, erwiderte Kunz sichtlich amüsiert. »Pass nur auf, dass du den bösen Blick von Gruber nicht abkriegst fürs Zuspätkommen.« Er lachte über seinen eigenen Witz. »Glaubst du wirklich an diesen Mist?«

Er wusste Bescheid, die ganze Redaktion wusste Bescheid, dass sie daran glaubte. Sarah zuckte mit den Schultern und lächelte. »Ein bisschen.«

»Böser Blick.« Er schüttelte amüsiert seinen Kopf. »Schwachsinn.«

»Der Aberglaube ist die Poesie des Lebens, deshalb schadet’s dem Dichter nicht, abergläubisch zu sein. Goethe«, zitierte Sarah.

»Du bist Journalistin und keine Dichterin.«

»Jeder Mensch hat Schwächen.«

»Komm jetzt«, befahl Kunz und drückte Sarah die Redaktionspost aus dem Nachrichtenfach in die Hand. Sarah war freie Journalistin und musste sich ihre Lorbeeren erst noch verdienen, um einer fixen Redaktion zugeteilt zu werden. Im Moment arbeitete sie abwechselnd für die Ressorts Kultur, Gesellschaft, Allgemeines und Nachrichten. Meistens verfasste sie Berichte über kleinere Veranstaltungen – solche, die für andere Kollegen uninteressant waren – und tippte Berichte über unspektakuläre Ereignisse, forstete APA-Meldungen nach Interessantem durch, tat, was man ihr auftrug. In den letzten Wochen hätte sie vermehrt Hilde Jahn zuarbeiten sollen. Aber die Enthüllungsjournalistin arbeitete lieber allein und teilte Sarah nur in Ausnahmefällen Arbeit zu: Kaffee holen, Telefonnummern raussuchen, Friseurtermine ausmachen. Aufgaben, die normalerweise in Minuten erledigt waren und nichts mit Journalismus zu tun hatten.

In Ermangelung von Arbeit war es schon einmal vorgekommen, dass Sarah die beiden Vorzimmerdamen vertreten hatte.

Sarah Pauli, das Mädchen für fast alle im Haus.

Jeden Montag um zehn Uhr berief David Gruber, der Herausgeber und Boss des Wiener Boten, eine große Redaktionssitzung ein. Den Rest der Woche besprachen sich die Journalisten intern mit ihren Ressortleitern.

Zu spät zu kommen brachte Minuspunkte, es hatte sie schon einmal den Job gekostet. Damals hatte sie Tag und Nacht mit Chris für seine Matura gelernt. Sarahs Eltern waren ein Jahr zuvor bei einem Autounfall ums Leben gekommen, und ihr acht Jahre jüngerer Bruder war zu ihr gezogen. Natürlich hatte er nach dem Tod ihrer Eltern Schwierigkeiten in der Schule gehabt. Dort wurde jedoch auf diese Umstände keine Rücksicht genommen. Bevor das Schulsystem auf die Schüler achtet, schneit es im August, hatte schon ihre Mutter gesagt. Chris hatte es dennoch geschafft und die Matura bestanden – und Sarah verlor ihren damaligen Job bei einem Wochenmagazin. Inzwischen studierte Chris Medizin und wohnte noch immer bei ihr.

Sarah schüttelte ihr dunkelbraunes schulterlanges Haar, schob eine widerspenstige Strähne aus dem Gesicht, gähnte und warf einen kurzen Blick auf die Briefe in ihren Händen. Auf den ersten Blick nichts Ungewöhnliches. Während sie dem Chef vom aktuellen Dienst in den großen Besprechungsraum folgte, sortierte sie grob die Post nach Namen. Eine ihrer Aufgaben war es, Einladungen, Pressemitteilungen und Briefe den zuständigen Journalisten zu übergeben. Eine allgemeine Meldung der APA segelte auf den Boden. Sarah bückte sich, hob den Zettel auf.

»Wow«, entfuhr es ihr. »Hast du gewusst, dass die Zahl der Arbeitslosen um 20 Prozent gestiegen ist?«

»Wenn du dich nicht beeilst, können die noch ein halbes Prozent dazurechnen«, brummte Herbert Kunz.

»Heute bist du aber wieder voll positiver Energie, mein Lieber.«

»Ja, ich hab den bösen Blick, Sarah.«

»Jugendliche und ältere Arbeitnehmer sind besonders betroffen. Vor allem weibliche Arbeitnehmer.«

»Was?« Herbert Kunz blieb stehen, wandte sich ihr zu. Er hatte schon nicht mehr zugehört.

»Da.« Sie hielt ihm die Pressemeldung unter die Nase. Aber er schenkte dem Blatt Papier keine Beachtung.

»Sag ich doch, und die Nächste bist du. Jetzt komm! David wartet nicht gern.«

Im Vorbeigehen holte sich Sarah einen Becher Kaffee aus dem Automaten. Kunz ging voraus. Sarah betrat zeitgleich mit David Gruber das bereits volle Sitzungszimmer. Der Wiener Bote beschäftigte rund 250 Mitarbeiter, Onlineredakteure, freie Journalisten und Verwaltungspersonal mitgerechnet.

Gruber war Anfang 40, groß gewachsen und hatte eine sportliche Figur.

»Er joggt regelmäßig«, hatte ihr Gabi, seine Sekretärin, verraten.

Silberne Fäden durchzogen sein dunkles Haar. Sein Wesen passte ebenfalls zu dem, was man seinem Sternzeichen Widder nachsagte. Er war ungeduldig, stur, selbstbewusst. Geduld und Einfühlungsvermögen gehörten nicht zu seinen Stärken. Ein Carneol würde ihm mehr Wohlgefühl und Naturverständnis geben. Aber Gruber war nicht der Typ Mann, dem man einfach so einen Heilstein schenken konnte.

Sarah mochte ihn. Er hatte sie eingestellt. Ihr keine leeren Versprechungen gemacht, sie immer fair behandelt.

Die Ressortleiter und mehrere Journalisten der Abteilungen Sport, Kultur, Freizeit, Gesundheit und Wirtschaftsteil waren anwesend. Das Gesellschaftsressort fehlte. Wahrscheinlich entschuldigt, denn die Anwesenheit bei der Montagssitzung war Pflicht. Auf dem Konferenztisch lag die aktuelle Ausgabe des Wiener Boten, umgeben von Konkurrenzblättern. Die Zeitschriften wurden abwechselnd von den Redakteuren quergelesen, die Artikel mit denen des eigenen Mediums verglichen. Dabei stellten sie sich immer wieder dieselben Fragen: Hatte die Konkurrenz bessere Informationen, waren die Beiträge womöglich genauer recherchiert?

Die Fenster im Raum waren weit geöffnet. Drei Journalisten standen davor, zogen ein letztes Mal gierig an ihren Zigaretten, bliesen den Rauch ins Freie und dämpften dann hastig die angefangenen Glimmstängel in den Aschenbechern auf dem Fensterbrett aus. David war Nichtraucher und hatte, als die Debatte um rauchfreie Büros begann, sofort die gesamte Redaktion zur Nichtraucherzone erklärt. Zum Leidwesen jener Kollegen, die gern ihre Geschichten umgeben von blauem Dunst in den PC hämmerten. Sarah war froh über Davids Entscheidung, denn auch sie konnte den stinkenden Glimmstängeln nichts abgewinnen.

»Was haben wir?«, fragte David und sah beiläufig in die Runde. Alle nahmen Platz und holten ihre Unterlagen hervor.

Damit hatte die Redaktionssitzung begonnen.

Sarah hörte nur mit einem Ohr zu. Von ihr erwartete man weder Ideen noch dass sie sich sonst irgendwie einbrachte, nur, dass sie der Sitzung schweigend beiwohnte, um danach einer Abteilung zugeteilt zu werden.

Doch dieser Sitzungstag sollte anders verlaufen als sonst.

»Wir brauchen noch etwas für die Wochenendbeilage«, sagte Gruber. »Nicht die übliche Promischeiße oder Modekram. Ich hätte gern wieder einmal eine echte Reportage, etwas zu lesen.« Er schaute sich im Raum um.

»Wo ist Hilde?«

Abrupt wandten sich die Blicke der Anwesenden dem leeren Stuhl zu.

»Ihr Auto steht auf dem Parkplatz hinterm Haus«, sagte ein Kollege von der Sportredaktion.

Gruber musterte Sarah streng, so als wäre sie allein dafür verantwortlich, dass Hilde Jahn nicht auf ihrem Platz saß. »Sarah, du arbeitest doch im Moment hauptsächlich für Hilde, oder?«

»Ähm.« Sarah räusperte sich. »Zum Teil.«

»Was heißt zum Teil?« Sein Kopf fuhr herum. »Herbert!«

»Hilde meinte …«

»Verdammt«, unterbrach Gruber den Chef vom Dienst und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. Dann sprang er aus seinem Sessel auf, durchquerte den Raum und griff nach dem Hörer des Telefons, das auf einem Beistelltisch neben der Tür des Konferenzraumes stand. Er drückte auf zwei Nummern. Ein internes Gespräch, registrierte Sarah. Von ihrem Platz aus hatte sie nicht sehen können, welche beiden Zahlen er gedrückt hatte, Hildes Durchwahl oder die Klappe des Portiers.

»Ist Hilde Jahn schon im Haus?« Gruber lauschte mit gerunzelter Stirn. Sarah musterte ihren Chef. Sein hellblaues Hemd hing lässig über dem Bund seiner Jeans. Dazu trug er dunkelblaue Docker Sneakers. Legere Kleidung bedeutete: kein wichtiger Termin außer Haus. Anzug und Krawatte trug er nur bei offiziellen Anlässen.

»Danke.« Er knallte den Hörer auf die Gabel, klopfte seine Hosentaschen ab. »Wer hat ein Handy dabei und Hildes Nummer eingespeichert?«

Sarah hob ihre Hand.

»Ruf sie an!«

Sarah drückte sich durch das Adressenregister, bis sie zu Hildes Nummer kam. Sie wählte. Sofort sprang die Mailbox an. »Ausgeschaltet.«

Im Konferenzsaal war es still geworden. Jeder konnte Grubers Nervosität spüren. Irgendetwas stimmte hier nicht. Der Herausgeber öffnete die Tür des Raumes. »Die Sitzung ist beendet.« Mit hochgezogenen Brauen blickte er auf die Journalisten, die sich zögernd erhoben. »Ich verlass mich auf euch! Ich will morgen keine langweiligen Dreizeiler mit großen Fotos von irgendwelchen Pseudopromis in meiner Zeitung haben. Ich will Storys, gut recherchierte Storys!«

Es kam Bewegung in die Runde.

»Herbert, Sarah. In mein Büro. Sofort.«

Mit klopfendem Herzen folgte Sarah den beiden Männern. Sie spürte, wie Adrenalin durch ihren Körper schoss. Was war hier los? Warum war Hilde Jahn nicht zur Konferenz erschienen, und warum wurde deshalb gleich die Sitzung abgebrochen? Wurde sie entlassen? Blödsinn. Es gab keinen Grund dafür. Sie war nicht Hilde Jahns Kindermädchen.

»Gabi, ich will in den nächsten Minuten keine Störung. Hilde Jahn ist die Einzige, die Sie reinschicken oder durchstellen dürfen.«

Grubers Sekretärin warf Sarah einen fragenden Blick zu. Aber die zuckte nur mit den Achseln.

Im Büro setzte sich Gruber hinter seinen Schreibtisch. An der Wand dahinter hingen Bilder, auf denen er, Seite an Seite mit prominenten Schauspielern, Schriftstellern, Malern und Politikern, in die Kamera lachte.

Die gegenüberliegende Wand bestand aus einer südseitigen, bis zur Zimmerdecke reichenden Glasscheibe. So schön der Ausblick auf die Mariahilfer Straße von hier aus auch war – im Sommer, wenn es in Wien an die 40 Grad hatte, musste der Raum unerträglich heiß sein. Die cremefarbenen Vertikaljalousien konnten dagegen sicherlich nicht viel ausrichten.

Sarah und Herbert Kunz nahmen auf den Besucherstühlen Platz.

»Kannst du mir bitte sagen, was hier los ist?«, kam Kunz ohne Umschweife zur Sache. »Seit wann machst du so ein Theater, wenn Hilde bei einer Sitzung fehlt? Ist ja nicht das erste Mal.«

Gruber trommelte mit den Fingern auf den Tisch. »Hilde war gestern Abend bei mir im Büro«, begann er. »Sie hat mir von einer ganz heißen Story erzählt, wollte aber noch keine Details verraten. Kennst sie ja. Heute Morgen wollte sie einen Informanten treffen, der ihr brisantes Material versprochen hat, den notwendigen Beweis, um an die Öffentlichkeit zu gehen.«

»Was für ein Beweis? Was für eine Story?«, fragte Kunz.

Gruber antwortete nicht. »Meinst du, dass sie mit der Konkurrenz plaudert, während wir hier auf sie warten?« Er wandte sich an Sarah. »Hat sie dir irgendwelche Unterlagen anvertraut? Hat sie etwas gesagt? Denk nach!«

»Ich weiß nichts. Tut mir leid«, antwortete Sarah ehrlich.

Bei ihrem letzten Zusammentreffen hatte Hilde Jahn sie aus dem Büro geworfen. »Such dir eine andere, der du auf die Nerven gehen kannst. Ich hab jetzt keine Zeit, Nachwuchs auszubilden, ich muss arbeiten«, hatte sie die junge Redakteurin abgewimmelt. Aber das würde Gruber nicht interessieren. Er erwartete kurze Infos, im Schlagzeilenstil, das wusste sie von Gabi. Lange Erklärungen waren ihm ein Gräuel.

Hilde Jahn war eine jener Journalistinnen, die ihre Position allein ihrem Verstand zu verdanken hatte und ihrer schroffen, hartnäckigen Art. Sie hatte sich an die Spitze des Wiener Boten geschrieben. Hilde Jahn war tough, arbeitete hart, und viele hatten Angst vor ihr. Sie war auch die Einzige, die unentschuldigt bei den Montagssitzungen fehlen durfte.

»Was für eine Story?«, wiederholte Kunz seine Frage. »Ich weiß nichts davon, und immerhin bin ich ihr Chefredakteur. Und was soll die Frage nach der Konkurrenz, David? Hilde würde dir niemals in den Rücken fallen.«

Gruber lehnte sich in seinem Sessel zurück und seufzte laut. »Ich weiß es einfach nicht. Du kennst sie doch, Herbert. Hilde ist eine verdammte Einzelkämpferin. Sie traut niemandem, nicht einmal sich selbst. Siehst ja. Nicht einmal dir hat sie von der Story erzählt.« Er stützte seinen Kopf in die Hände. »Scheiße. Dieses verdammte Misstrauen kostet sie noch mal den Kopf.«

Sarah war verwundert. So aufgeregt kannte sie Gruber nicht. Was sie noch mehr verwunderte war, dass man sie noch immer nicht hinausgeschickt hatte. Sarah Pauli gehörte nicht zum fixen Team, hatte nicht den Status einer vertrauenswürdigen Angestellten. Warum besprachen die beiden das nicht unter sich?

Gruber hob den Kopf. »Sarah sollte ihr den Kleinkram abnehmen. Hat sie das nicht begriffen?«

»Bei den Themen, die Hilde behandelt, ist Geheimhaltung nun mal wichtig und Grundvoraussetzung für den Erfolg. Das weißt du genauso gut wie ich, David. Wenn die Konkurrenz etwas spitzkriegt, kannst du die ganze Sache vergessen. Das war sicher auch der Grund, warum sie Sarah als fixe Assistentin abgelehnt hat. Und was noch dazukommt: Hilde teilt nicht, schon gar nicht den Erfolg.«

»Ich plaudere doch nichts aus«, brauste Sarah auf.

Kunz wedelte beschwichtigend mit den Händen. »So war das nicht gemeint. Das hat nichts mit dir persönlich zu tun. Eher allgemein.«

»Was, wenn jemand von der Konkurrenz Hilde ein Angebot gemacht hat? Was, wenn sie …«, sagte Gruber.

»Ganz ruhig, David. Wir wissen beide nicht, woran sie gearbeitet hat. Wahrscheinlich sitzt sie noch bei ihrem Informanten. Das kennen wir doch alle, dass Termine oder Interviews länger dauern als geplant.« Sein Blick erinnerte Sarah an ihre Beinahe-Verspätung heute Morgen. »Mach dir also mal keine Gedanken. Wahrscheinlich spaziert sie …«

»Ich mach mir aber Gedanken«, schnitt Gruber Kunz das Wort ab. »Sie hat von einer Bombe gesprochen, die sie unbedingt heute bei der Sitzung hochgehen lassen wollte. Und du weißt verdammt gut, dass Hilde niemals eine Sitzung sausen lässt, auf der sie der bejubelte Star gewesen wäre.«

»Hat sie erwähnt, worum es geht? Irgendwas? Eine kleine Andeutung gemacht?«, fragte Kunz.

»Es geht um mehrere tote Frauen, die nicht eines natürlichen Todes gestorben sind. So ähnlich hat sie es ausgedrückt. Jedenfalls will ich über diese angebliche Sprengladung nicht in einem anderen Blatt lesen müssen.«