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Inhaltsverzeichnis

Erster Teil
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Zweiter Teil
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Dritter Teil
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Urfassung der Kapitel 19 bis 21
Kapitel 19
21*
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1

Groß war es und fürchterlich, das eintausendneunhundertundachtzehnte Jahr nach Christi Geburt, das zweite aber nach Beginn der Revolution. Reich war es im Sommer an Sonnenschein und im Winter an Schnee, und besonders hoch standen am Himmel zwei Sterne: der abendliche Hirtenstern Venus und der rote, flimmernde Mars.

Aber die Tage fliegen in friedlichen wie in blutigen Jahren pfeilgeschwind dahin, und die jungen Turbins bemerkten gar nicht, wie in klirrendem Frost der weißzottige Dezember angebrochen war. Oh, du unser Väterchen Frost, strahlend in Schnee und Glück! Oh, Mutter, lichte Königin, wo weilst du?

Ein Jahr nachdem die Tochter Jelena dem Hauptmann Sergej Iwanowitsch Talberg angetraut worden war und in der Woche, als der älteste Sohn, Alexej Wassiljewitsch Turbin, aus zermürbenden Feldzügen, aus Kriegsdienst und Elend zurückkehrte in die Ukraine, in die STADT, ins häusliche Nest, wurde der weiße Sarg mit dem Leichnam der Mutter den steilen Alexejewski-Hang hinuntergetragen nach Podol, ins Kirchlein des Guten Nikolai, das im Wswos stand.

Als für die Mutter die Totenmesse gelesen wurde, war es Mai, Kirschbäume und Akazien klebten die Spitzbogenfenster zu. Vater Alexander, vor Trauer und Verlegenheit stolpernd, blinkte und funkelte unter den goldhellen Lichtern, und der lilagesichtige Diakon, bis zu den Spitzen der knarrenden Stiefel in Gold gefaßt, rollte finster die kirchlichen Abschiedsworte für die Mutter, die ihre Kinder verließ.

Alexej, Jelena, Talberg, die im Hause der Frau Turbin aufgewachsene Anjuta und auch der vom Tod betäubte Nikolka mit seinem auf die rechte Braue herabhängenden Wirbelhaar standen zu Füßen des altersbraunen Sankt Nikolai. Nikolkas dicht an der langen Schnabelnase sitzende blaue Augen blickten verwirrt und todtraurig. Von Zeit zu Zeit hob er sie zum Ikonostas oder zu dem im Halbdunkel vergehenden Altarbogen, wo der traurige, geheimnisvolle alte Gott sich aufschwang und zwinkerte. Wofür dieses Leid? Ist das nicht ungerecht? Warum wird uns die Mutter genommen, als gerade alle zusammengekommen sind und Erleichterung eingetreten ist?

Der zum geborstenen schwarzen Himmel aufstrebende Gott gab keine Antwort, und Nikolka selbst wußte noch nicht, daß alles, was geschieht, richtig ist und sich stets zum Guten wendet.

Die Totenmesse war beendet, alle traten hinaus auf die hallenden Platten des Vorplatzes und geleiteten die Mutter durch die ganze riesige STADT zum Friedhof, wo unter einem schwarzen Marmorkreuz schon lange der Vater lag. Auch die Mutter wurde begraben. Ach … Ach … Viele Jahre vor diesem Tod wärmte und hegte der Kachelofen im Eßzimmer des Hauses Nummer dreizehn auf dem Alexejewski-Hang die kleine Jelena, den Ältesten Alexej und den winzigen Nikolka. Wie oft wurde an der glutatmenden Kachelwand »Zar und Zimmermann« gelesen, die Uhr spielte eine Gavotte, und Ende Dezember roch es stets nach Tannengrün, auf dessen Zweigen verschiedenfarbiges Paraffin brannte. Gleich nach der bronzenen Spieluhr, die in Mutters – jetzt Jelenas – Schlafzimmer stand, ließ im Eßzimmer die schwarze Wanduhr ihren Turmuhrschlag ertönen. Der Vater hatte sie vor langer Zeit gekauft, als die Frauen noch die komischen Puffärmel trugen. Solche Ärmel trug man jetzt nicht mehr, die Zeit war wie ein Funke verstoben, der Vater, ein Professor, gestorben, die Kinder waren herangewachsen, aber die Uhr war die gleiche geblieben und schlug ihren Turmuhrschlag. Alle hatten sich so an sie gewöhnt, daß, verschwände sie durch ein Wunder von der Wand, es traurig wäre, als sei eine vertraute Stimme gestorben, und den leeren Platz hätte nichts ausfüllen können. Die Uhr war aber zum Glück unsterblich wie Zar und Zimmermann und die holländischen Kacheln, heiß und lebenspendend auch in schwerster Zeit wie ein weiser Fels.

Diese Kacheln, die alten roten Plüschmöbel, die Betten mit den glänzenden Kugeln, die verwetzten rosabunten Wandteppiche, darauf Alexej Michailowitsch, der einen Falken auf dem Arm trägt, und Ludwig XIV., der sich am Ufer eines seidenen Sees im Paradiesgarten aalt, türkische Teppiche mit dem wundersamen Geranke auf orientalischem Feld, das dem kleinen Nikolka im Scharlachfieber vor den Augen flimmerte, die bronzene Lampe mit dem Schirm, die besten Schränke der Welt mit den Büchern, die nach alter, geheimnisvoller Schokolade rochen, mit Natascha Rostowa und der Hauptmannstochter, die vergoldeten Tassen, das Silber, die Porträts und Portieren – die sieben verstaubten und vollgepfropften Zimmer, in denen die jungen Turbins aufgewachsen waren, das alles überließ die Mutter in schwerster Zeit den Kindern; schon schwächer werdend und nach Atem ringend, klammerte sie sich an die Hand der weinenden Jelena und sagte:

»Lebt in Eintracht …«

 

Aber wie? Wie sollte man leben?

Alexej Wassiljewitsch, der Älteste, ein junger Arzt, war achtundzwanzig Jahre alt, Jelena vierundzwanzig, ihr Mann, Hauptmann Talberg, einunddreißig und Nikolka siebzehneinhalb. Ihr Leben wurde just zu Beginn seiner Blüte entwurzelt. Der Sturm hatte schon lange von Norden her geweht, und er wütete je länger, desto schlimmer. Der älteste Turbin war nach dem ersten Schlag, der die Berge am Dnepr erschüttert hatte, in die Heimatstadt zurückgekehrt. Nun würde, so hoffte man, alles sich beruhigen und das in den Schokoladebüchern geschilderte Leben anfangen, doch im Gegenteil, es wurde immer schrecklicher. Im Norden tobte der Sturm, und hier unter den Füßen grollte und brodelte der aufgewühlte Schoß der Erde.

Das achtzehnte Jahr eilte seinem Ende zu und wurde von Tag zu Tag schrecklicher und widerhaariger.

 

Die Wände werden einstürzen, der Falke wird erschrocken vom weißen Handschuh auffliegen, das Licht in der Bronzelampe wird erlöschen und die Hauptmannstochter im Ofen verbrennen.

»Lebt in Eintracht«, hatte die Mutter den Kindern gesagt.

Sie aber würden sich quälen und sterben.

Einmal gegen Abend, kurz nach der Beerdigung der Mutter, kam Alexej Turbin zu Vater Alexander und sagte:

»Ja, Trauer haben wir, Vater Alexander. Es ist schwer, die Mutter zu vergessen, noch dazu in so schrecklicher Zeit. Zumal ich gerade erst zurückgekehrt bin. Ich dachte, wir würden unser Leben in Ordnung bringen, und nun …«

Er verstummte, und so, in der Dämmerung am Tisch sitzend, blickte er nachdenklich in die Ferne. Die Zweige des Kirchgartens hatten das Häuschen des Geistlichen ganz verdeckt. Es war, als begänne gleich hinter der Wand dieser engen, mit Büchern vollgestopften Studierstube ein geheimnisvoll wirrer Frühlingswald. Das dumpfe Brausen der abendlichen Stadt drang herbei, es duftete nach Flieder.

»Was soll man tun, was soll man tun?« murmelte der Geistliche verlegen. (Er war immer verlegen, wenn er mit Menschen sprechen mußte.) »Alles liegt in Gottes Hand.«

»Vielleicht geht all das eines Tages doch zu Ende, und es kommen bessere Zeiten?« fragte Turbin vor sich hin.

Der Geistliche regte sich im Sessel.

»Die Zeiten sind zweifellos schwer, sehr schwer«, murmelte er. »Aber man darf nicht den Mut verlieren.«

Dann schob er plötzlich die weiße Hand aus dem schwarzen Ärmel seines Priesterrocks, legte sie auf einen Stoß Bücher und öffnete das oberste, da, wo das buntbestickte Lesezeichen lag.

»Man darf nicht verzagen«, sagte er verlegen, aber irgendwie sehr überzeugend. »Verzagtheit ist eine große Sünde. Obwohl mir scheint, uns stehen große Prüfungen bevor. Ja, ja, große Prüfungen.« Er sprach immer sicherer. »In letzter Zeit, wissen Sie, sitze ich viel über den Büchern, natürlich aus meinem Fachgebiet, meist über Gottes Wort.«

Er hob das Buch so, daß das letzte Licht vom Fenster auf die Seite fiel, und las:

»Und der dritte Engel goß aus seine Schale in die Wasserströme und in die Wasserbrunnen; und es ward Blut.«