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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Copyright

1

Die Toten waren ihr Geschäft. Sie lebte mit ihnen, arbeitete mit ihnen, befasste sich mit ihnen. Träumte von ihnen. Und weil das immer noch nicht auszureichen schien, empfand sie in einer verborgenen, geheimen Kammer ihres Herzens obendrein ehrliche Trauer.

Zehn Jahre bei der Polizei hatten nicht ausgereicht, um sie vollkommen abzuhärten, um sie den Tod und seine zahllosen Ursachen mit demselben kalten, klinischen und häufig zynischen Blick wie viele ihrer Kollegen betrachten zu lassen. Ihre Arbeit machte Szenarien wie das momentane – ein regnerischer Abend in einer dunklen, von Unrat übersäten Straße – beinahe normal. Doch noch immer waren ihre Gefühle nicht erstorben.

Auch wenn Mord sie längst nicht mehr schockierte, stieß er sie nach wie vor ab.

Die Frau war wunderschön gewesen. Lange Strähnen goldenen Haares ergossen sich wie Sonnenstrahlen auf dem schmutzigen Gehweg. Ihre Augen, groß und voller Trauer, wie sie der Tod häufig in ihnen hinterließ, hoben sich beinahe purpurfarben von ihren blutlosen, regennassen, hohen Wangen ab.

Sie trug ein teures Kostüm, in derselben leuchtenden Farbe wie ihre Augen. Die Jacke war ordentlich bis oben zugeknöpft, der hochgeschobene Rock jedoch stellte ihre schlanken Schenkel aufreizend zur Schau. Juwelen glitzerten an ihren Fingern, ihren Ohren, am Aufschlag ihrer Jacke. Eine Ledertasche mit goldener Schnalle lag unweit ihrer ausgestreckten Finger.

Lieutenant Eve Dallas ging neben der Toten in die Hocke und sah sie sich genauer an. Die Anblicke und die Gerüche waren meist dieselben, doch jedes Mal, ja, jedes Mal, gab es irgendetwas Neues. Sowohl Opfer als auch Täter hinterließen ihre individuellen Spuren, hatten ihren individuellen Stil, machten den Mord zu etwas Persönlichem.

Sie hatten die Szene bereits gefilmt. Polizeisensoren und eine Schutzwand hielten die Schaulustigen ab und sicherten den Tatort. Der Straßenverkehr war umgeleitet, und in der Luft war derart wenig los, dass man davon nicht weiter abgelenkt wurde. Aus dem Sexclub auf der gegenüberliegenden Straßenseite drangen Musik und das gelegentliche Grölen der feiernden Gäste an Eves Ohr. Die bunten Lampen des sich drehenden Türschilds trafen pulsierend auf die Schutzwand und tauchten den Körper des Opfers in kreischend grelles Licht.

Eve hätte Anweisung erteilen können, den Club bis zum nächsten Tag zu schließen, aber das erschien ihr als ein unnötiger Aufwand.

Ein uniformierter Beamter machte weiter Video- und Audioaufnahmen der Umgebung. Ein paar Typen von der Gerichtsmedizin hatten sich zum Schutz vor dem Regen dicht neben die Abschirmung gehockt und unterhielten sich über die Arbeit und ihr Lieblingsthema, Sport. Bisher hatten sie sich noch nicht die Mühe gemacht, sich die Leiche anzuschauen, und sie demnach auch noch nicht erkannt.

War es schlimmer, fragte sich Eve, während sie mit starren Augen auf die im Regen liegende, blutüberströmte Leiche blickte, wenn man das Opfer kannte?

Auch wenn sie nur beruflich mit Staatsanwältin Cicely Towers in Berührung gekommen war, hatte sie sie gut genug gekannt, um sich eine Meinung über sie zu bilden. Sie war eine starke Frau, erfolgreich, eine unerbittliche Kämpferin für das Recht.

Hatte diese Rolle sie auch hierher, in diese erbärmliche Umgebung, kommen lassen?

Seufzend beugte sich Eve über die elegante, teure Tasche und zog den Pass der Frau heraus. »Cicely Towers«, sprach sie in ihren Recorder. »Weiblich, Alter fünfundvierzig, geschieden. Wohnhaft 2132, 83. East, Nummer 61-B. Kein Raub. Das Opfer trägt immer noch seinen Schmuck und außerdem wurden ungefähr …« – sie öffnete die Brieftasche – »zwanzig Dollar in Scheinen, fünfzig Kreditchips und sechs Kreditkarten am Tatort zurückgelassen. Keine unmittelbaren Spuren eines Kampfes oder eines sexuellen Übergriffs.«

Sie blickte nochmals auf die ausgestreckte Frau. Was zum Teufel hattest du hier nur verloren, Towers? fragte sie die Tote ehrlich überrascht. Hier, weit weg von den Zentren der Macht, weit weg von deinem eleganten Zuhause?

Sie trug Arbeitskleidung. Eve kannte die Garderobe, die Cicely Towers bei Gericht und im Rathaus getragen hatte – leuchtende Farben, für den Fall, dass sie im Rampenlicht stand, passende Accessoires, immer mit einem femininen Touch.

Eve erhob sich und rieb sich geistesabwesend die nassen Knie ihrer Jeans.

»Sie wurde ermordet«, kam die knappe Feststellung in Richtung der Mediziner. »Also, seht sie euch mal an.«

 

Es war keine Überraschung, dass die Medien die Witterung des Todes längst aufgenommen und sich bei Eves Ankunft bereits vor dem eleganten Gebäude eingefunden hatten, in dem Cicely Towers gelebt hatte. Mehrere Übertragungswagen und Journalisten kampierten bereits auf dem blitzsauberen Gehweg. Die Tatsache, dass es drei Uhr morgens war und in Strömen goss, schreckte sie nicht ab. In ihren Augen erkannte Eve das typische raubtierhafte Glitzern. Die Story war die Beute und die Einschaltquoten die Trophäe, die es zu erringen galt.

Sie ignorierte die Kameras, die in ihre Richtung schwenkten, und die Fragen, die wie spitze Pfeile auf sie niederprasselten. Inzwischen war sie den Verlust ihrer Anonymität beinahe gewohnt. Der Fall, den sie im letzten Winter untersucht und erfolgreich abgeschlossen hatte, hatte sie abrupt ins Rampenlicht katapultiert. Der Fall, dachte sie jetzt, während sie einen Reporter, der die Dreistigkeit besaß, sich ihr mitten in den Weg zu stellen, mit einem stählernen Blick durchbohrte, und ihre Beziehung zu Roarke.

Auch damals war es um Mord gegangen. Doch die allgemeine Aufregung über einen gewaltsamen Tod verflüchtigte sich bald.

Im Gegensatz zum Interesse der Menschen an Roarke.

»Was haben Sie, Lieutenant? Haben Sie schon einen Verdächtigen? Gibt es ein Motiv? Können Sie bestätigen, dass Staatsanwältin Towers enthauptet worden ist?«

Eve verlangsamte ihr Tempo und lenkte ihren Blick auf den Haufen durchnässter, wolfsäugiger Journalisten. Sie war ebenfalls klitschnass, obendrein todmüde und angewidert von dem, was sie hatte sehen müssen, trotzdem blieb sie besser auf der Hut. Sie hatte gelernt, dass die Medien alles, was man von sich preisgab, so lange drehten und wendeten, bis es so weit wie möglich ihren eigenen, nicht unbedingt zutreffenden Vorstellungen entsprach.

»Die Polizei hat zu diesem Zeitpunkt nichts weiter zu sagen, als dass die Untersuchung des Todes von Staatsanwältin Towers eingeleitet worden ist.«

»Und die Leitung der Ermittlungen hat man Ihnen übertragen?«

»Ich bin die Ermittlungsleiterin«, erklärte sie mit barscher Stimme und trat entschieden zwischen den beiden Uniformierten, die den Eingang des Hauses bewachten, hindurch in das Foyer.

Zu allen Seiten sah man wundervolle Blumen: längliche und runde Beete mit duftenden, farbenfroh blühenden Gewächsen, die sie an einen Frühlingstag auf der exotischen Insel denken ließen, auf der sie nach Abschluss ihres letzten spektakulären Falles drei wunderbare Tage mit Roarke verbracht hatte, um sich von einer Schusswunde zu erholen und wieder zu Kräften zu kommen.

Unter den gegebenen Umständen nahm sie sich nicht die Zeit, um bei der Erinnerung zu lächeln, sondern marschierte, nachdem sie sich ausgewiesen hatte, über die Terracotta-Fliesen in Richtung des ersten Lifts.

Überall wimmelte es von Beamten. Zwei saßen hinter dem Tresen in der Eingangshalle und überprüften die Sicherheitsdisketten, andere bewachten die Tür und wieder andere lungerten in der Umgebung der Fahrstühle herum. So viele Polizisten hätten sie eindeutig nicht benötigt, aber als Staatsanwältin war Towers eine von ihnen gewesen, sodass das Interesse der Kollegen größer als in anderen Fällen war.

»Ihre Wohnung ist gesichert?«, fragte Eve den ihr am nächsten stehenden Beamten.

»Ja, Ma’am. Seit Ihrem Anruf um null zwei, zehn kam niemand mehr hinein oder heraus.«

»Ich brauche Kopien von den Überwachungsdisketten.« Sie betrat den Fahrstuhl. »Für den Anfang sollten die letzten vierundzwanzig Stunden reichen.« Sie blickte auf das Namensschild des Uniformierten. »Und, Biggs, ich möchte, dass Punkt sieben Uhr ein Trupp von sechs Leuten anfängt, die Nachbarn einzeln zu befragen. Einundsechzigste Etage«, befahl sie dem Fahrstuhl, und die durchsichtigen Türen glitten lautlos zu.

Einen Augenblick später betrat sie den totenstillen, mit üppigen Teppichen ausgelegten Korridor des einundsechzigsten Stockwerks. Wie in den meisten Gebäuden, die im Verlauf der letzten fünfzig Jahre errichtet worden waren, war auch hier der Flur auffallend schmal. Die Wände waren cremefarben gestrichen, und eine Reihe in dichter Folge aufgehängter Spiegel schuf die Illusion von mehr Weite als tatsächlich vorhanden.

Im Gegensatz zum Korridor herrschte in den Wohneinheiten selbst offenbar kein Platzmangel, dachte Eve, als sie bemerkte, dass es in jeder Etage nur drei Wohnungen gab. Mit ihrer Polizei-Masterkarte decodierte sie das Schloss des Apartments 61-B und trat durch die Tür.

Cicely Towers hatte es eindeutig zu etwas gebracht, beschloss sie angesichts der ruhigen Eleganz, die sie umfing. Und sie hatte gerne gut gelebt. Sie zog die kleine Videokamera aus ihrem Untersuchungsset, klemmte sie an den Aufschlag ihrer Jacke und betrat das Wohnzimmer. An der zart rosafarben gestrichenen Wand oberhalb einer gedämpft grün und pinkfarben gestreiften, ausladenden Sitzgruppe in U-Form entdeckte sie zwei Gemälde eines bekannten Künstlers aus dem einundzwanzigsten Jahrhundert. Dank ihrer Beziehung zu Roarke konnte sie die Bilder identifizieren und erkennen, dass die dezente Einrichtung und die wenigen ausgewählten Stücke ein kleines Vermögen gekostet haben mussten.

Wie viel kassiert ein Staatsanwalt pro Jahr?, fragte sie sich, während die Kamera das Zimmer aufnahm.

Überall herrschte tadellose Ordnung. Aber schließlich war Towers, soweit Eve sie gekannt hatte, eine auf Ordnung und Makellosigkeit bedachte Frau gewesen. Bei der Wahl ihrer Garderobe, bei der Arbeit und was den Schutz ihrer Privatsphäre betraf.

Was also hatte eine elegante, clevere und ordentliche Frau mitten in der Nacht, und dazu noch bei strömendem Regen, in einer derart schmuddeligen Gegend zu suchen gehabt?

Eve ging weiter durch das Zimmer. Der Boden war aus weißem Holz und schimmerte wie ein Spiegel unter den hübschen, ebenfalls grünen und pinkfarbenen Teppichen. Auf einem Tisch standen gerahmte Hologramme zweier Kinder in verschiedenen Entwicklungsstufen von der Babyzeit bis hin zum Collegealter. Ein Junge und ein Mädchen, beide hübsch, beide freundlich lächelnd.

Seltsam, dachte Eve. Im Verlauf der Jahre hatte sie in zahllosen Fällen mit Towers zusammengearbeitet. Hatte sie gewusst, dass die Frau Kinder gehabt hatte? Kopfschüttelnd ging sie hinüber zu dem kleinen Computer, der in die elegante Workstation in der Ecke des Zimmers eingelassen war und nahm erneut ihre Masterkarte zu Hilfe, um Zugang zu bekommen.

»Auflistung von Cicely Towers’ Terminen vom zweiten Mai.« Mit gespitzten Lippen überflog Eve die angezeigten Daten. Eine Stunde in einem eleganten Fitnessclub, ein voller Tag am Gericht, gefolgt von einem Sechs-Uhr-Termin mit einem prominenten Verteidiger und einer Verabredung zum Abendessen. Eve zog erstaunt die Brauen in die Höhe. Ein Abendessen mit George Hammett.

Roarke hatte geschäftlich mit Hammett zu tun, erinnerte sie sich. Sie war ihm bisher zweimal begegnet und wusste, dass er ein charmanter und gewitzter Bursche war, der von seinem Transportunternehmen ausnehmend gut lebte.

Die Verabredung mit Hammett war die letzte, die Cicely Towers für den Tag ihres Todes in ihrem Computer vermerkt hatte.

»Ausdruck«, murmelte sie und stopfte das Papier in ihre Tasche.

Als Nächstes versuchte sie ihr Glück, indem sie den Tele-Link nach sämtlichen ankommenden und ausgehenden Anrufen der letzten achtundvierzig Stunden befragte. Wahrscheinlich müsste sie viel tiefer graben, aber für den Anfang ließ sie sich die Anrufe aufzeichnen, schob die Diskette zu dem Computerausdruck in die Tasche und begann mit einer sorgfältigen Durchsuchung des Apartments.

Um fünf Uhr morgens brannten ihre Augen, und ihr Schädel drohte zu zerbersten. Die Stunde Schlaf, die sie zwischen Sex und Mord hatte einschieben können, hatte eindeutig nicht gereicht.

»Nach bisherigen Informationen«, sprach sie müde in ihren Recorder, »lebte das Opfer allein. Die bisherigen Ermittlungen haben keine gegenteiligen Hinweise ergeben. Es gibt kein Anzeichen dafür, dass das Opfer seine Wohnung unfreiwillig verlassen hat, und es gibt keinen Vermerk über eine Verabredung, die erklären würde, weshalb das Opfer an den Ort seiner Ermordung fuhr. Die Ermittlungsleiterin hat die entsprechenden Daten von ihrem Computer und ihrem Tele-Link für weitere Überprüfungen gesichert. Die Befragung der Nachbarn beginnt um null sieben Uhr, und die Überwachungsdisketten des Gebäudes werden konfisziert. Die Ermittlungsleiterin verlässt die Wohnung des Opfers und fährt weiter zum Büro des Opfers im Rathaus. Lieutenant Eve Dallas. Null fünf, null acht.«

Eve schaltete Recorder und Videokamera aus, steckte beides in die Tasche und machte sich auf den Weg.

 

Es war bereits nach zehn, als sie endlich ihr Büro erreichte. Als Zugeständnis an ihren knurrenden Magen ging sie zuerst in die Kantine, wo sie sich, nicht überrascht, aber enttäuscht, weil der Großteil der genießbaren Gerichte längst nicht mehr zu bekommen war, mit einem Sojamuffin und einer Tasse dessen, was man in der Kantine als Kaffee ausschenkte, zufrieden geben musste. So schlimm beides auch war, aß sie den Muffin dennoch bis auf den letzten Krümel auf und leerte ihren Becher bis auf den letzten Tropfen, ehe sie sich in ihr Büro begab.

Kaum dort angekommen, blinkte auch schon ihr Link.

»Lieutenant.«

Sie unterdrückte einen Seufzer, als sie in Whitneys breites, grimmiges Gesicht sah. »Commander.«

»Kommen Sie sofort in mein Büro.«

Sie hatte noch nicht mal Zeit, den Mund zu schließen, als der Bildschirm bereits wieder schwarz war.

Verdammt, dachte sie und fuhr sich mit den Händen erst durch das Gesicht und dann durch die kurzen, wirren braunen Haare. So viel also zu der Gelegenheit, ihre Nachrichten abzuhören, Roarke anzurufen, um ihn wissen zu lassen, was sie trieb, oder das zehnminütige Nickerchen zu machen, von dem sie schon geträumt hatte.

Mühsam stand sie wieder auf, ließ ihre verkrampften Schultern kreisen und zog sich ihre Jacke aus. Das Leder hatte ihr Hemd vor dem Regen geschützt, doch ihre Jeans waren ungemütlich feucht. Nun, es war nicht zu ändern, sagte sie sich, als sie die wenigen bisher gesammelten Daten zusammenraffte und das Zimmer verließ. Mit ein wenig Glück bekäme sie im Büro des Commanders ja zumindest eine weitere Tasse Kaffee.

Nach ungefähr zehn Sekunden jedoch war Eve bewusst, dass der Kaffee noch würde warten müssen.

Statt wie gewöhnlich hinter seinem Schreibtisch zu sitzen, stand Whitney am Fenster und blickte auf die Stadt hinunter, der er seit über dreißig Jahren treu zu Diensten stand. Seine Hände waren hinter dem Rücken verschränkt, doch die auf den ersten Blick bequeme Haltung wurde durch die weißen Knöchel als Zeichen größter Anspannung entlarvt.

Eve studierte die breiten Schultern, die graumelierten dunklen Haare und den muskulösen Rücken des Mannes, der erst wenige Monate zuvor den angebotenen Posten des Polizeipräsidenten ausgeschlagen hatte, um weiter in direktem Kontakt mit seinen Untergebenen zu stehen.

»Commander.«

»Es hört allmählich auf zu regnen.«

Sie kniff verwirrt die Augen zusammen, bemühte sich jedoch sofort um einen ausdruckslosen Blick. »Ja, Sir.«

»Alles in allem ist es eine gute Stadt, Dallas. Es ist leicht, das hier oben zu vergessen, aber alles in allem ist es eine gute Stadt. Ich arbeite gerade daran, es mir in Erinnerung zu rufen.«

Sie gab keine Antwort, sie hatte nichts zu sagen. Also wartete sie lieber ab.

»Ich habe Sie mit der Leitung der Ermittlungen in diesem Fall betraut. Eigentlich wäre Deblinsky an der Reihe gewesen, also wüsste ich gern, ob sie Ihnen deshalb irgendwelche Scherereien macht.«

»Deblinsky ist eine gute Polizistin.«

»Das ist richtig. Aber Sie sind besser.«

Da ihre Brauen in die Höhe schossen, war sie froh, dass er sie immer noch nicht ansah. »Ich weiß Ihr Vertrauen zu würdigen, Commander.«

»Sie haben es verdient. Ich habe die normale Verfahrensweise umgangen, weil ich aus persönlichen Gründen die Leitung der Ermittlungen in Ihren Händen wissen will. Ich brauche die Beste, die ich habe, jemanden, der keine Grenzen kennt.«

»Die meisten von uns haben Staatsanwältin Towers gekannt, Commander. Sicher gibt es in ganz New York nicht einen Cop, der nicht alles tun würde, um denjenigen zu finden, der sie getötet hat.«

Er seufzte, und sein massiger Körper schien bis in die Zehenspitzen zu erschaudern. Dann jedoch drehte er sich endlich um und bedachte die Frau, die er mit der Untersuchung des Mordfalles betraut hatte, mit einem durchdringenden Blick. Sie war schmal gebaut, doch ihre Zartheit täuschte, denn er wusste, sie war wesentlich zäher, als sie aussah.

Im Augenblick wirkte sie jedoch erschöpft. Sie hatte dunkle Ringe unter den whiskeybraunen Augen, und ihr knochiges Gesicht war beinahe erschreckend bleich. Doch das durfte ihn nicht berühren, nicht in diesem Moment.

»Cicely Towers war eine persönliche Freundin von mir – eine enge, persönliche Freundin.«

»Verstehe.« Eve war sich nicht sicher, ob sie wirklich verstand. »Tut mir Leid, Commander.«

»Ich kannte sie schon ewig. Wir haben über Jahre hinweg hervorragend zusammengearbeitet, ich als ausgefuchster Cop und sie als übereifrige Strafrechtlerin. Meine Frau und ich sind die Paten ihres Sohnes.« Er machte eine kurze Pause, in der er offensichtlich um Beherrschung rang. »Ich habe ihre Kinder benachrichtigt, und meine Frau wird sich mit ihnen treffen. Bis nach der Beerdigung werden die beiden bei uns bleiben.«

Er räusperte sich und presste die Lippen zusammen. »Cicely war eine meiner ältesten Freundinnen, und abgesehen von dem Respekt und der Bewunderung, die ich ihr als Staatsanwältin zollte, habe ich sie sehr geliebt. Meine Frau ist vollkommen außer sich, und Cicelys Kinder sind am Boden zerstört. Alles, was ich ihnen sagen konnte, war, dass ich alles, einfach alles in meiner Macht Stehende tun werde, um die Person zu finden, die ihr das angetan hat, um ihr zuteil werden zu lassen, wofür sie einen Großteil ihres Lebens gearbeitet hat: Gerechtigkeit.«

Er sank auf seinen Stuhl, jedoch nicht mit der ihm eigenen Autorität, sondern wie ein alter, erschöpfter Mann. »Ich erzähle Ihnen diese Dinge, Dallas, damit Sie von Beginn an wissen, dass ich in diesem Fall nicht im Geringsten objektiv bin. Und deshalb bin ich von Ihnen abhängig.«

»Ich weiß Ihre Offenheit zu schätzen, Commander.« Sie zögerte nur kurz. »Aufgrund Ihrer persönlichen Freundschaft mit dem Opfer müssen Sie natürlich sobald wie möglich eine Aussage machen.« Sie bemerkte, dass seine Augen flackerten, ehe sein Blick hart wurde. »Und auch Ihre Frau, Commander. Falls es Ihnen lieber ist, kann ich die Gespräche natürlich auch bei Ihnen zu Hause führen.«

»Ich verstehe.« Er atmete tief ein. »Genau deshalb habe ich Sie mit der Leitung der Ermittlungen beauftragt, Dallas. Es gibt nicht viele Cops, die den Mumm besitzen würden, eine solch delikate Sache so direkt anzugehen. Allerdings würde ich es zu schätzen wissen, wenn Sie bis morgen oder sogar vielleicht noch ein, zwei Tage länger warten könnten mit dem Gespräch mit meiner Frau, und wenn Sie sie tatsächlich zu Hause befragen würden. Ich werde sie dann auf Ihr Kommen vorbereiten.«

»Sehr wohl, Sir.«

»Was haben Sie bis jetzt herausgefunden?«

»Ich habe mir die Wohnung und das Büro des Opfers angesehen. Ich habe die Aktenzeichen der Fälle, die sie gerade bearbeitete, und der Fälle, die sie in den letzten fünf Jahren abgeschlossen hat. Ich muss die Namen überprüfen, um zu sehen, ob jemand, den sie hat einsperren lassen, vor kurzem entlassen worden ist, und wie es mit den Familien und Freunden der von ihr Verurteilten aussieht. Vor allem die Gewaltverbrecher. Sie hatte eine ungewöhnlich hohe Erfolgsquote.«

»Cicely war im Gericht die reinste Tigerin, und sie hat niemals irgendetwas übersehen. Bis jetzt.«

»Weshalb war sie dort, Commander? Mitten in der Nacht? Nach der vorläufigen Autopsie wurde die Todeszeit auf ein Uhr sechzehn festgelegt. Es ist eine raue Gegend – Schlägereien, Raubüberfälle, billige Kneipen und schmuddelige Sexclubs. Ein paar Blocks von der Stelle entfernt, an der sie gefunden wurde, ist ein polizeilich bekannter Drogenumschlagsplatz.«

»Ich habe keine Ahnung. Sie war eine vorsichtige Frau, aber zugleich war sie … arrogant.« Ein schmales Lächeln umspielte Whitneys Mund. »Auf eine geradezu bewundernswerte Art. Sie schreckte selbst vor Konfrontationen mit dem übelsten Gesindel, das diese Stadt zu bieten hat, niemals zurück. Aber dass sie sich bewusst in Gefahr gebracht hätte … das kann ich mir nicht vorstellen.«

»Sie war gerade an einem Mordfall dran, Fluentes, Totschlag. Hat eine Freundin erwürgt. Sein Verteidiger hat es mit dem Argument des Verbrechens aus Leidenschaft versucht, aber es heißt, Towers hätte trotzdem die Absicht gehabt, ihn in die Kolonie zu schicken. Ich überprüfe diese Spur.«

»Ist er draußen, oder sitzt er?«

»Draußen. Erstes Gewaltverbrechen, die Kaution war lächerlich gering. Da es sich um Totschlag handelt, muss er eine elektronische Fessel tragen, aber das hat, wenn er auch nur einen Hauch von Ahnung auf dem Gebiet der Elektronik hat, nichts weiter zu sagen. Hätte sie sich mit einem Kerl wie ihm getroffen?«

»Ganz bestimmt nicht. Wenn sie einen Angeklagten außerhalb des Gerichtssaales getroffen hätte, hätte das ihren ganzen Fall in Gefahr gebracht.« Bei dem Gedanken, der Erinnerung an Cicely schüttelte Whitney vehement den Kopf. »Das hätte sie niemals riskiert. Aber vielleicht hat er sie ja mit einem Köder in die Gegend gelockt?«

»Wie gesagt, ich werde die Sache überprüfen. Sie hatte gestern Abend eine Essensverabredung mit George Hammett. Kennen Sie den Mann?«

»Flüchtig. Die beiden haben sich ab und zu getroffen. Aber meine Frau meint, dass es nichts Ernstes war. Sie hat ständig versucht, den perfekten Mann für Cicely zu finden.«

»Commander, ich frage lieber jetzt, inoffiziell. Hatten Sie eine sexuelle Beziehung zu dem Opfer?«

Ein Muskel in Whitneys Wange zuckte, doch sein Blick blieb völlig reglos, als er erklärte: »Nein, hatte ich nicht. Wir waren Freunde, und diese Freundschaft war mir und meiner Frau sehr wertvoll. Im Grunde war sie sogar so etwas wie ein Mitglied der Familie. Aber natürlich hat jemand wie Sie, Dallas, keine Ahnung, was das heißt.«

»Nein«, erwiderte sie tonlos. »Da haben Sie wahrscheinlich Recht.«

»Tut mir Leid.« Whitney kniff die Augen zusammen und fuhr sich mit den Händen über das müde Gesicht. »Das war unnötig und unfair. Und Ihre Frage war durchaus relevant.« Er ließ seine Hände wieder sinken. »Sie haben noch nie einen Menschen verloren, der Ihnen wirklich wichtig war, nicht wahr, Dallas?«

»Nicht, soweit ich mich erinnern kann.«

»Es reißt einen in Stücke«, murmelte er leise.

Sie nahm an, dass es so war. In den zehn Jahren, in denen sie Whitney kannte, hatte sie ihn wütend, ungeduldig, ja sogar kalt und hartherzig, nie zuvor jedoch so völlig deprimiert und fassungslos erlebt.

Falls das der Preis war, den ein starker Mann wie Whitney für Nähe und dann für deren Verlust zahlte, nahm Eve an, dass sie besser dran war, wenn sie diese Nähe gar nicht erst besaß. Sie hatte keine Familie, die sie verlieren könnte, und nur vage, bruchstückhafte, doch durchgehend hässliche Erinnerungen an die ersten Jahre ihrer Kindheit. Ihr wahres Leben hatte erst begonnen, als sie im Alter von acht Jahren zerschunden und verlassen in Texas aufgegriffen worden war. Was vor dem Tag passiert war, war vollkommen egal. Sie sagte sich immer wieder, es wäre vollkommen egal. Sie hatte sich zu der gemacht, die sie heute war. Sie hatte nur wenige Freunde, die sie wirklich mochte und denen sie vertraute. Und für mehr als Freundschaft hatte sie inzwischen Roarke. Er hatte sie weit genug geschwächt, als dass sie ihm tatsächlich mehr gab. So viel mehr, dass sie hin und wieder Angst davor bekam – weil sie genau wusste, dass er erst zufrieden war, wenn er alles bekam.

Doch wenn sie ihm alles gäbe und ihn dann verlöre, risse es sie dann ebenfalls in Stücke?

 

Statt weiter darüber nachzudenken holte sich Eve noch einen Kaffee und verschlang die Reste eines Schokoriegels, der offenbar vor Urzeiten in der Schublade ihres Schreibtischs vergessen worden war. Die Hoffnung auf ein anständiges Mittagessen war ebenso absurd wie der Traum von einer Woche in den Tropen, deshalb nippte sie traurig an dem Kaffee und kaute auf der zähen Schokolade herum, während sie den endgültigen Autopsiebericht auf ihrem Bildschirm überflog.

Die genaue Todeszeit kannte sie schon aus dem vorläufigen Bericht. Todesursache waren eine durchtrennte Halsschlagader und der daraus resultierende Blut- und Sauerstoffverlust. Ungefähr fünf Stunden vor seinem Tod hatte das Opfer noch Kamm-Muscheln mit jungem Blattgemüse, Wein, echten Kaffee und frisches Obst mit Schlagsahne genossen.

Die Nachricht hatte sie überraschend schnell erreicht. Cicely Towers hatte erst zehn Minuten auf dem Bürgersteig gelegen, als ein Taxifahrer, der mutig oder verzweifelt genug gewesen war, um in der Gegend zu arbeiten, ihre Leiche entdeckt und der Polizei gemeldet hatte. Der erste Einsatzwagen war drei Minuten nach dem Rundruf der Zentrale am Fundort eingetroffen.

Ihr Mörder hatte schnell gehandelt. Allerdings war es auch nicht weiter schwierig, in einer solchen Umgebung unterzutauchen, indem man in einem Wagen, einer Haustür oder einem der unzähligen Clubs verschwand. Bestimmt war das Blut aus der klaffenden Wunde ziemlich weit gespritzt, aber der Regen hatte dem Mörder sicherlich genützt, indem er es von seinen Händen wusch.

Sie müsste die Gegend abklappern, müsste Fragen stellen, auf die sie sicher sowieso keine befriedigenden Antworten bekäme. Nun, dort, wo die gängigen Verfahren oder auch Drohungen nicht reichten, funktionierte immerhin gelegentlich Bestechung.

Während sie das Polizeifoto von Cicely Towers mit der blutigen Halskette studierte, blinkte ihr Tele-Link.

»Dallas, Mordkommission.«

Auf ihrem Bildschirm erschien ein junges, strahlendes, doch zugleich verschlagenes Gesicht. »Lieutenant, was haben Sie mir zu erzählen?«

Eve unterdrückte einen Fluch. Generell hatte sie keine allzu hohe Meinung von Reportern, und gegenüber C. J. Morse empfand sie nicht einmal ein Mindestmaß an Sympathie. »Was ich Ihnen zu sagen hätte, würden Sie nicht hören wollen.«

Sein Mondgesicht teilte sich zu einem Lächeln. »Nun kommen Sie schon, Dallas, die Öffentlichkeit hat ein Recht auf Informationen. Das ist Ihnen doch klar.«

»Ich habe Ihnen nichts zu sagen.«

»Nichts? Wollen Sie wirklich, dass ich auf Sendung gehe und erkläre, Lieutenant Eve Dallas, eine der besten Polizistinnen von ganz New York, stünde bezüglich des Mordes an einer der angesehensten, prominentesten und herausragendsten Figuren der Stadt mit leeren Händen da? Ich könnte es tun, Dallas«, sagte er und schnalzte mit der Zunge. »Ich könnte es natürlich tun, aber das sähe nicht sehr gut aus.«

»Sie glauben also, es würde mich interessieren, was man von mir denkt.« Ihr Lächeln war dünn und laserscharf, und ihr Finger schwebte bereits über dem Aus-Knopf. »Dann lassen Sie mich Ihnen sagen, dass dies ein grober Irrtum ist.«

»Vielleicht ist es Ihnen persönlich ja egal, aber die Sache würde auf Ihre gesamte Abteilung zurückfallen.« Er flatterte mit seinen langen, mädchenhaften Wimpern. »Und auf Commander Whitney, der sich dafür eingesetzt hat, Ihnen die Leitung der Ermittlungen in diesem Fall zu übertragen. Außerdem sollten wir auch Roarke nicht vergessen.«

Ihr Finger zuckte, doch dann zog sie ihn zurück. »Commander Whitney und auch ich räumen der Aufklärung des Mordes an Cicely Towers höchste Priorität ein.«

»Das werde ich zitieren.«

Dieser verfluchte kleine Bastard. »Und zwischen meiner Arbeit als Polizistin und meiner Verbindung zu Roarke gibt es keinerlei Zusammenhang.«

»He, Braunauge, alles, was Sie betrifft, betrifft auch Ihren Macker und vice versa. Und wissen Sie, die Tatsache, dass Ihr Typ geschäftlich mit der Verstorbenen, deren Ex-Mann und deren neuem Partner zu tun hatte, macht diesen Zusammenhang sehr deutlich.«

Sie ballte frustriert die Fäuste. »Roarke hat geschäftlich mit jeder Menge Leute zu tun. Davon abgesehen wusste ich gar nicht, dass Sie wieder für die Klatschspalte arbeiten, C. J.«

Diese Bemerkung wischte das selbstgefällige Grinsen aus seinem Gesicht. C. J. Morse hasste nichts mehr, als wenn er an seine Vergangenheit als Klatschreporter erinnert wurde. Vor allem nun, da er sich endlich ins Politikressort hinaufgedienert hatte. »Ich habe jede Menge Beziehungen, Dallas.«

»Ja, und außerdem haben Sie einen Pickel mitten auf der Stirn, den ich an Ihrer Stelle sofort behandeln lassen würde.« Mit diesem billigen, doch befriedigenden Satz warf Eve den Schleimer aus der Leitung, sprang von ihrem Stuhl, stapfte in ihrem kleinen Zimmer auf und ab. Sie stopfte die Hände in die Hosentaschen, zog sie dann aber wieder heraus. Verdammt, warum musste Roarkes Name in Verbindung mit dem Fall auftauchen? Wie eng waren seine geschäftlichen Beziehungen zu Towers und den beiden Männern gewesen?

Eve setzte sich wieder an den Schreibtisch und runzelte beim Anblick der dort verstreuten Berichte nachdenklich die Stirn. Sie musste es herausfinden, und zwar möglichst schnell.

Wenigstens wusste sie, dass er dieses Mal für den Zeitpunkt des Mordes ein lupenreines Alibi besaß. In dem Augenblick, in dem jemand Cicely Towers die Gurgel durchgeschnitten hatte, hatte Roarke die jetzige Ermittlungsleiterin durch Sonne und Mond gefickt.