Déjà-vu mit Pocahontas. Raritan River

Michael Stavarič

Déjà-vu mit Pocahontas
Raritan River

federschwert

Michael Stavarič

Déjà-vu mit Pocahontas
Raritan River

Czernin Verlag, Wien

Stavarič, Michael: Déjà-vu mit Pocahontas. Raritan River /
Michael Stavarič
Wien: Czernin Verlag 2010
ISBN: 978-3-7076-0340-8

© 2010 Czernin Verlags GmbH, Wien
Umschlaggestaltung, Satz: Inge Mayer
Autorenfoto: Lukas Beck
Lektorat: Eva Steffen
Produktion: NAKADAKE ()
ISBN E-Book: 978-3-7076-0340-8
ISBN PDF: 978-3-7076-0364-4
ISBN Print: 978-3-7076-0326-2

Alle Rechte vorbehalten, auch das der auszugsweisen Wiedergabe
in Print- oder elektronischen Medien

Vows are spoken
To be broken
Feelings are intense
Words are trivial
Pleasures remain
So does the pain
Words are meaningless
And forgettable

(Depeche Mode – Enjoy The Silence)

Fahrplan Nürnberg

Déjà-vu
mit
Pocahontas

Nürnberg, Bahnsteig (Wartezeit auf den IC 2066)

Nürnberg (Teilamnesie!), Klopse, Adventmarkt, Zimtstollen, wie soll man sich an ein Tribunal erinnern vor so vielen Jahren?
Ein paar Minuten zuvor bin ich aus dem ICE 28 geglitten, wahrlich ein prall gefülltes Ziesel, bin den Bahnsteig vorgerittert, Visier nach unten, bloß keinen Kontakt mit all den Reiseraspeln, stetig plapperndes Mundzeug überall, nur vom Nürnberger Zungenschlag ist nichts zu hören.
Sinus, Cosinus, dreidimensionaler Slalom bis zum Anschlusszug nach Karlsruhe (IC 2066), die Anzeigetafel weist eine geringfügige Verspätung aus, aber da bin ich gefeit, mein Missbehagen hält sich in Grenzen (Alternativen?).
Als der IC endlich einfährt, drängen sich die Menschenmassen, bis zum Bahnsteigrand, kann’s jetzt schon absehen: Freie Sitzplätze sind Mangelware.
Ich säbel noch an meinem Hot Dog, viel zu heiß die Fleischkanüle, schluck und schling wie ein Kormoran, damit die Hand frei wird, Trolley packen und ab durch die Mitte.
Flippernd durch den Zug (von Bande zu Bande), aneinander vorbeischiebend mit autistischer Eleganz, da und dort sogar ein böses Wort zu hören: Kennen’s net aufpasse? Is’se des d’Meeglichkeit?
Ich lass mich auf keinerlei Geschwätz ein, will nur einen Stecker (Notebook!) und etwas Sitztaugliches.
Ach, ihr liebfrivolen Lesereisen!

Nürnberg, IC 2066, Gleis 14 (vor der Abfahrt)

Im einzig freien Abteil des gesamten Zuges tauche ich unter, schließe die Tür, plumps in den Sitz, ein Granatapfel zurückkehrend in den Schoß (griechischer) Muttererde.
Reserviert für Behinderte, das ganze Abteil geht für eine (sinnvolle) Quote drauf, nur: Mit einem Rollstuhl passt (im Normalfall) kein Mensch durch diese Tür.
Keine Behinderten weit und breit, während der Zug längst anfährt, die Diskussion mit dem Schaffner ist dennoch vorprogrammiert.
Wir einigen uns schließlich darauf, dass ich gehe, sobald er mich nötigt.
Meinen Paradesatz »Das Leben behindert mich …« will er keinesfalls gelten lassen.
Trotzig zucke ich meinen Nabokov und beginne zu lesen, während er noch am Fahrschein fummelt.
Kaum ist er weg, öffnet sich die Tür und SIE setzt sich.
Behindert wirkt sie nicht gerade.

IC 2066, Kilometer 44, Nürnberg Hauptbahnhof

Das Christkind (es scheint wie Weihnachten) lugt kurz herein, trollt sich wieder, schamlos wie wir sind (einander fixierend), unterdessen bekommt sie Appetit.
Auf Blattsalat, wie ich schon bald erfahren werde.
Bestellt unverschämt im Speisewagen, mit Kirschtomaten und abfälligen Zwiebelringen, na toll!
Ich bestaune noch die Landschaft, die heutigen Züge sind auch nicht mehr, was sie einst waren, schaukelnde Plastikburgen, Fenster ohne Fensterkitt, ist das schade …
Draußen schamlippige Baumriesen, auf manchen obenauf verklumpte Raupen, fressen sich satt (oh Kohldampf!), erinnern an weißflaumige Kokoskuppeln.
Schnee eben!
(Das mit den Schamlippen behalt ich natürlich für mich.)
Sie kaut an ihren grünen Röschen, ob ich kosten wolle, der Zug nimmt ein Schlagloch (voll mit), so sehr zucke ich innerlich.
Danach säuselnd: »Nein!«
Im kolonial wohlwollenden Unterton.
(Warum kein Steak?)
Vegetarisch ernährt sie sich, sagte eingangs noch mehr, aber da war ich noch nicht ganz bei der Sache (im Buch blätternd).

IC 2066, Kilometer 46, Ansbach

Sie saß mir demnach im Abteil gegenüber, rosarote Wängelchen, oh spicy chicken, dachte ich, »mit dem Lesen hab ich’s nicht so«, wusste sie, was war gegen Nabokov noch zu sagen?
Schluckte den Frosch (ich!), nahm mir ernsthaft vor, gar nichts von mir zu geben, totschweigen das Ganze, bis sie Nabokov einen weiteren Tritt gab.
»Kennen Sie Coelho?«
Wollte das von mir bestätigt wissen, die Flucht nach vorne antretend, erwähnte ich (eben da) spontan den Speisewagen (ich verdrück mich!).
Dass sie sich anschließen (abwimmeln, abwimmeln!) würde, wer hätte das schon auf seiner Rechnung gehabt, die goldigen Zierknöpfe ihres Jackentieres (Yak = Steak!) einhändig durch die Schlitze schiebend.
Push it!
Ich nahm das Portmonee zur Brust und wir schlingerten dahin.
Wagen 38, Wagen 37, Wagen 36, Speisewagen. (Als ich wir sagte, meinte ich mich.)

IC 2066, Kilometer 21, Crailsheim

Jeanny Comes Lately (zweimal den Song im Ohr), Überleben sichern (im Sudan?), Marlboro County (Werbetafel), Aalen (die Bahntafel davon) und ein paar Häuser dahinter, zog alles an mir vorüber, keine Panik, es kommt vor, dass sich Zufälle häufen.
Wir saßen erneut in unserem Abteil (unser = nicht ihres!), drängten anstürmende Neuankömmlinge mit giftigen Blicken zurück, ich spielte ganz kurz mit dem Gedanken das Abteil zu wechseln, Wechselbäder nach Kilometer 21.
Sie schaute zum Fenster hinaus, dachte: Schnee, endlich Schnee!
(Wie die Zeit vergeht.)
Ich wesentlich nüchterner: Weiß, verdammt!
Und den Pullunder hatte ich auch vergessen.
Eine Schwangere wollte sich zugesellen, holte also meine (vor Reiseantritt erstandene) Iron-Maiden-Schallplatte aus der Aktentasche, allein die Kombination ließ sie stutzen.
Ungeborene sollten Mozart hören, eine Tatsache, der ich hier und heute nichts abgewinnen wollte, gedachte Gitarrenriffs durch Mark und Bein (und Muttermund), etwas widerwillig ließ die Schwangere ab, rümpfte die Nase, danach Scheuklappen, bis der Zug endlich anfuhr.
Kurz und heftig, sie quiekte und der Salat in ihr: Samba, Samba!

IC 2066, Kilometer 16, Ellwangen

Etwas befangen haucht sie gegen die Fensterscheiben, mein Schienbein (gedanklich), den Zug hält es nicht auf, dampft wie eine angebratene Frikadelle vom levantinischen Hausschwein.
In meinem Saft sammelt sich ihr Mund.
In meinem Mund sammelt’s sich.
Salatbouquets machen mich seit jeher deprimiert, grün, grün, dabei ist die Farbgebung gar nicht entscheidend.
Sie malt ein Strichmännchen ins Glas, betont unauffällig, will ihr Grünzeug verdauen, aber das Ziel nicht aus den Augen verlieren.
Ich labe mich an etwas Schinkenduft, irgendwo ganz unten in der Tasche liegt mein Pausenbrot, dort, wo die Sonne nie hinkommt.
Spesenritter fällt mir ein.
Schnabulieren auf fremde Kosten.
Oute dich (Connaisseur), du stehst eben auf Fleisch, ausschließlich (so wie die Ameisenlöwen).
»Mögen Sie Artischocken?«
Sticht wie eine Degenspitze und versetzt meinem Großhirn einen RRRums.
Sie spreizt die Beine wie anderswo ein ganzer Eiffelturm.
Bodenhaftung, Hodentaktung, alles Testosteron jetzt in die Zungenspitze.
»Ich hasse Artischocken«, (ehrlich, konnte ich schon als Kind nicht ab).
Sie verzieht daraufhin den nächsten Satz, geht links vorbei, hab’s nicht gehört, echt jetzt aber.
Déjà-vu mit Pocahontas!!

IC 2066, Kilometer 25, Aalen

Phallozentrische Technokratie.
Brainfreeze.
Ich denke oft an Piroschka (und Nabokov).
Assoziationsketten in Zügen sind schier unendlich.
Sie gibt sich unabkömmlich, erzählt von ihrer Kindheit in einem Indianerreservat, da spielten sich grausame Szenen ab.
Wildfleisch über dem offenen Feuer brutzelnd, Kaufertiges noch unter den Fingernägeln, Wiederkäuer im sich karamellisierenden Horizont (Sonnenuntergang, eh klar).
»Wir hielten kein Vieh«, sagt sie, Flecken überall in ihrer Erinnerung und meine Wenigkeit dehydriert allein bei dem Gedanken: Kein sauberes Trinkwasser. Nirgends.
Hauptsache ein Reservatskasino, (Rougerankings), Film noirs. Ich sehe einen schwarz-weißen Schaffner nach unseren Tickets greifen.
»Bahncard?«
Repetiert er, mehrmals, bis wir beide seinem Wunsch nachkommen.
Ein versehentlicher Blick auf ihren Ausweis, ich kann’s nicht fassen, sie war auch schon deutlich jünger, mit Zöpfen.
»Selbst der Heiland musste nicht jeden Tag seinen Mann stehen«, kichere ich in ihre Pfirsich-Fresse. (Das Despektierliche musste einfach sein.)