Cover

 

Dimitri Verhulst

Die letzte Liebe
meiner Mutter

Roman

Aus dem Niederländischen von
Rainer Kersten

Luchterhand

 

Die Originalausgabe erschien 2010 unter dem Titel
De laatste liefde van mijn moeder
bei Uitgeverij Contact, Amsterdam.

 

 

 

 

 

 

Copyright © der Originalausgabe 2010 Dimitri Verhulst

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2011 Luchterhand Literaturverlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Satz und eBook: Greiner & Reichel, Köln

ISBN 978-3-641-06313-9

 

 

Besuchen Sie unseren LiteraturBlog

 

II

Kapitel 34

Als es um halb zehn am Abend noch klingelt, kommt das recht überraschend. Und doch wieder nicht. Jimmy Vos aber ist jetzt nicht bereit für Besuch, wie sich schon aus seinem Aufzug erklärt: Er trägt seinen verschlissenen, aber bequemen Pyjama, Pantoffeln mit einem Loch auf Höhe des großen Zehs im Linken, und er ist unrasiert. Bis auf Besuche beim Arzt steht schon seit Jahren nichts mehr in seinem Terminkalender, die Strafe dessen, der all seine Freunde und Lebenspartner überlebt. Nein, er kann jetzt keinen Besuch empfangen, was nicht heißen soll, dass er nicht darauf vorbereitet wäre. Intuitiv weiß er, dass dieses Treffen schon sein Leben lang auf ihn wartet. Die einzige noch ausstehende Begegnung. Danach kann und darf er ruhig gehen.

Dass er bisher nie nennenswert krank war, nicht vom Blitz getroffen oder von einem Trunkenbold angefahren wurde, hat alles mit dem Ziel zu tun, das er sich als junger Mann gesetzt hat: den Menschen kennenzulernen, der jetzt vor der Tür steht, seinen zwölf Jahre jüngeren, inzwischen wohl auch schon greisen Halbbruder, wahrscheinlich Kenneth Impens mit Namen.

Es muss sein Halbbruder sein, Jimmy wüsste nicht, wer sonst am Ende des Tages, am Ende seines Lebens bei ihm vor der Tür stehen sollte.

Er sieht, wie die Angst seiner im Haus lebenden Pflegerin Marthe eine neue Falte ins Gesicht treibt, Marthe, der jede dermatologische Unebenheit Horror bereitet und die sich morgen noch mehr feuchtigkeitsspendenden Glibber ins Gesicht schmieren wird. Seit Jimmy sie eingestellt hat (den letzten Luxus, den er sich gönnt, um nicht in einem Pflegeheim seine Identität aufgeben zu müssen), hat sie um diese unheimliche Uhrzeit noch nie jemandem die Tür aufgemacht. Nun bedauert sie es, dass der Hund, den sie wegen seines Gestanks oft verfluchte, unter der Linde begraben liegt, zwischen den zahllosen Katzen und Hühnern, die jahrelang dieses Haus bevölkerten. Mit dem knurrenden Vierbeiner als Bodyguard würde sie sich ein ganzes Stück sicherer fühlen. Obwohl seine Zähne zuletzt völlig stumpf waren und alles andere dahinter von der Osteoporose derart zermürbt, dass nicht mehr die geringste Drohung von ihm ausging. Das ihnen vor Jahren zugelaufene Kaninchen, dem Jimmy freien Auslauf in allen Räumen gewährt, womöglich das letzte Haustier auf diesem Hof, nutzt ihr jedenfalls gar nichts. Denn eines weiß Marthe: Wer um diese Uhrzeit an der Tür eines 91-Jährigen klingelt, hat Übles im Sinn.

Echte Sorgen um ihren Arbeitgeber macht sie sich nicht. Die Welt vermisst keinen Greis, dem für den Inhalt einer mageren Haushaltskasse der Hals umgedreht wird. Ebenso wenig glaubt Marthe, dass sie ihn besonders verteidigen würde, schließlich hat sie eine gute Ausrede: Sie sei ja nur ein wehrloses Weib. Die eigene Haut ist ihr näher, und sie fürchtet, am Ende sein Los teilen zu müssen. Geknebelt zu werden, missbraucht und zuletzt einfachheitshalber auch noch ermordet, um vor Gericht den Platz im Zeugenstand leer zu lassen.

Fragend sieht sie Jimmy an, mit dramatischer Geste auf die Uhr zeigend.

»Ich soll doch bestimmt nicht mehr aufmachen, oder?«

Seit ein paar Monaten bestiehlt sie ihn, und er tut, als ob er nichts merkt. Die Beobachtung dieser durch und durch menschlichen Unart unterhält ihn enorm, und er lässt sie gewähren. Es ist die einzige Freude, die sein Besitz ihm noch bringt: bestohlen zu werden und das Verhalten der Diebin studieren zu können. Mit fast wissenschaftlichem Eifer erforscht er ihre Reaktionen und führt verschiedene Experimente an ihrem schlechten Charakter durch. So sagt er zum Beispiel: »Jetzt hätt ich doch schwören können, dass die silberne Zuckerzange hier in der Schublade lag!«, wohl wissend, dass das bewusste Utensil das Haus längst in ihrer Handtasche verlassen hat, um dem hinzuzufügen: »Tja, wenn die Demenz mich noch erwischen will – irgendwo muss sie ja anfangen!« Ein Hochgenuss, zu beobachten, wie ihre Miene sich während dieses einen Satzes mehrmals verändert!

»Aber natürlich machst du auf!«

»Es ist halb zehn am Abend!«

»Na und? Hat irgendwer eine Sperrstunde verhängt?«

»Aber Sie erwarten doch niemanden?«

»Was weißt denn du? Bloß weil ich so ein Tattergreis bin, muss ich dir doch nicht all meine Verabredungen beichten. Du bist meine Haushälterin, nicht meine Mutter!«

Seine Widersetzlichkeit macht ihm Freude. Als hätte er schon lange nur noch dem Tod entgegengesiecht und plötzlich einen aufrüttelnden Tritt in den Hintern bekommen.

Nicht dass er sich für seine abgetragenen Pantoffeln und seinen Pyjama schämt, o nein, er ist Dandy genug, es zu genießen, einen Gast in verschlissener Nachtkleidung zu empfangen. Doch weil er ansonsten nicht recht ausdrücken kann, wie viel ihm dieses Treffen bedeutet, ist eine Rasur und ein sauberes Hemd zumindest eine kleine Geste.

Ein zweites Mal geht die Klingel, und er hat den Eindruck, dass der Finger diesmal zwei Takte länger den Knopf gedrückt hält.

»Marthe, jetzt mach die Tür auf, und führ unseren späten Gast in die Bibliothek. Nimm ihm den Mantel ab, gib ihm was Gutes zu trinken, und sag ihm, dass ich mich kurz frisch mache, aber gleich komme.«

»Aber Sie wissen doch nicht einmal, wer …«

»Tu, was ich dir sage – und beeil dich! Es gehört sich nicht, jemanden so lange in der Kälte stehen zu lassen.«

Während Jimmy im Badezimmer, mit einem dicken Bart aus Rasierschaum, ein verhinderter Weihnachtsmann, eindringlich sein Spiegelbild mustert, schwankt sein Gemüt zwischen Triumph und Trauer.

Trauer, weil er nun spürt, dass sein Leben vorbei ist. Nach diesem Abend hat er kein Ziel mehr, und sein Körper, Stoffwechsel und Immunsystem werden das merken. Den Triumph spürt er, weil er ein uraltes Versprechen eingelöst hat.

Als er damals von seiner schwangeren Mutter und ihrem Kerl auf die Straße gesetzt wurde (»Geh zu deinem versoffenen Vater, du kennst ja die Kneipen, wo er residiert. Oder frag im Waisenhaus, ob sie da ein Bett für dich frei haben, uns ist das ganz egal, und wenn du in der Gosse landest, hier bleibt die Tür für dich zu …«), damals hatte er sich geschworen, keine Träne zu vergießen. Eine Frage der Selbstachtung. Und des Überlebens. Kein Mensch wollte seiner Geschichte glauben, niemand schien sich vorstellen zu können, dass ein Junge von kaum vierzig Kilo von seiner Mutter einfach so auf die Straße gesetzt worden war. Vor allem, weil sie in der Umgebung überall als liebende Mutter bekannt war, die ihren Sohn durch eine gewalttätige Ehe gelotst und sich manchmal das Essen vom Mund abgespart hatte, um ihm ein Paar Schuhe zu kaufen. Es musste schon mehr vorgefallen sein, darüber waren die Spießer sich einig. (»Du verschweigst uns irgendwas, Bürschchen. Du musst was ganz Fürchterliches ausgefressen haben – um eine Mutter so weit zu kriegen, dass sie ihr Kind einem solchen Los überlässt, muss man schon ein Naturgesetz brechen oder was noch Schlimmeres!«) Als Auswurf betrachtet, als verkommenes Aas, das das fünfte der Zehn Gebote gebrochen hatte, abgeschrieben von der bornierten Meute aufgrund von Klatsch und Tratsch. Allein gelassen mit der Wahrheit.

Der Kampf, den Jimmy damals aufnahm, das Ziel, das er sich setzte, war klar: so sehr von sich reden zu machen, dass seine Mutter seine Existenz nicht mehr ignorieren konnte. Sie, die – von ihrem Geliebten gezwungen oder auch nicht – ihn aus ihrem Leben verbannt hatte, sollte bis zuletzt auf ihn angesprochen werden, ihren Erstgeborenen und Totgeschwiegenen. Man konnte das als Rache an der Vergangenheit sehen, es interpretieren, wie man wollte, oder auch nicht, doch eines Tages würde sein Name ihr ins Gesicht springen. Und es würde wehtun.

Er hätte es sich leicht machen und eine Art Elvis werden können. Oder ein Pablo Picasso. Jemand, bei dem die Nennung des Vornamens genügte. Nie zuvor in der Geschichte war es so einfach gewesen, berühmt zu werden, und nie zuvor brauchte man dafür so wenig zu können. Doch Jimmy, gelenkt von einem Mangel an anderen Talenten und Interessen, hatte den Pfad der Philosophie eingeschlagen und dort mit einigen Theorien über Sub- und Superstrata in der Gesellschaft Furore gemacht. Theorien, die beeindruckender klangen, als sie in Wirklichkeit waren. Philosophiestudenten bekamen mit ihm in den letzten Stunden ihrer Einführungsseminare zu tun, zumindest, wenn der Professor in dem Jahr nicht zu lang bei populären Denkern wie Wittgenstein, Schopenhauer, Vermeersch, Sloterdijk oder Sartre hängengeblieben war. In Quizsendungen, die seine Mutter wahrscheinlich guckte, wenn sie zwischen zwei romantischen Komödien angesetzt waren, wagte man manchmal die Intelligenz der Kandidaten zu prüfen, indem man nach dem Philosophen Jimmy Vos fragte, wenn auch vielleicht erst in der Bonusrunde am Schluss, bei der man es keinem Teilnehmer mehr übel nahm, wenn er die Antwort nicht wusste. Wie dem auch sei: All das waren Schritte in die richtige Richtung. So wie die gelegentlichen Einladungen zu Hintergrundsendungen zu bestimmten Themen, wo er um seine Meinung zu einem neuen gesellschaftlichen Phänomen oder ethischen Stolperstein in der viel zu schnell sich wandelnden Welt gebeten wurde.

All das müsste genügen, damit seine Mutter, Martine Withofs bzw. Impens, ab und zu auf der Straße oder beim Metzger gefragt wurde: »Der Mann, der da gestern Abend nach den Nachrichten im Fernsehen war, und jetzt schlagen Sie mich nicht, wenn ich mich irre, aber war das nicht …?«

Mit dem Eifer von Sowjetfunktionären mussten Wannes und Martine alles getan haben, ihn aus ihrem Leben zu löschen. So wie zuvor sein Vater aus Martines Leben gelöscht worden war. Fotoalben und Kästchen mit Souvenirs wurden von Jimmys Existenz gesäubert. Ein fast perfekter Mord, ohne Leiche. Doch wie Katzen an einer Hausecke die Existenz von Vorgängern riechen, musste auch Jimmys Halbbruder irgendwann einen mysteriösen Schatten aus der Vergangenheit wahrgenommen haben. Jemand war ihm in Mutters Armen zuvorgekommen, das ließ sich immer schwerer leugnen. Tropfenweise hatte der Junge Informationen bekommen, durch Bekannte oder Großeltern, die sich verplapperten, durch vergessene Spuren, die der Aufmerksamkeit dieses familiären Geschichtsrevisionismus entgangen waren. Je deutlicher das Tabu in der Vergangenheit seiner Mutter sich zeigte, desto mehr fachte es das Interesse an seinem verschollenen Halbruder an.

Ihr ganzes streng voneinander getrenntes Leben gab es eine unsichtbare Verbindung zwischen den beiden. Sie hörten Dinge übereinander, auf Umwegen, Gerede, Tratsch, Frisörsalonlyrik, und wurden ständig aneinander erinnert. In seinen pathetischsten Momenten fühlte sich Jimmy mit dem unbekannten Blutsverwandten verbunden wie mit einem Zwillingsbruder, einem Alter Ego, obwohl, wie er wusste, er sich damit auf ein Terrain begab, in dem Hellseher und Wünschelrutengänger ihr Unwesen trieben. Das Sentimentale an dieser Vorstellung stieß ihn ab. Doch er zweifelte keine Sekunde daran, dass auch sein Bruder so dachte.

Die Geschichte hat ihren Abschluss gefunden. Unten in der Bibliothek sitzt jetzt sein Halbbruder, und Jimmy weiß, dass dessen Aussehen ihn nicht überraschen wird. Als sei er bereits vertraut mit seinem Gesicht, seiner Stimme, all seinen Verhaltensweisen und Ticks.

Retten lässt sich natürlich nichts mehr. Was kaputt ist, bleibt kaputt. Jimmys Mutter ist schon lange gestorben. Er erfuhr davon aus der Zeitung (»diese Todesanzeige dient als einzige Bekanntmachung«), mehr als neun Kilometer über der Erde, im Flugzeug nach Delhi. Und obwohl er das Verhalten von Parvenüs, die meinen, stets etwas Exklusives trinken zu müssen, sobald sie sich über den Wolken befinden, immer albern gefunden hatte, hat er damals die Zeitung zusammengelegt und bei der Stewardess einen Gin bestellt. Den teuersten auf der Karte … Ja, alles kommt also zu spät, jedes Wort des Trostes, jede versöhnliche Geste. Jahre sind verdampft und können nie mehr zurückgebracht werden, keine Beziehung, die sich wiederherstellen ließe, kein Fehler, der in Ordnung gebracht werden könnte. Auch wenn die zwei betagten Herren die ganze Nacht aufblieben, aus Reserven an Willenskraft schöpfend, und reden würden, reden, reden und reden … retten lässt sich, wie gesagt, nichts mehr.

Doch das ist auch nicht nötig. Jimmy sieht sein Dasein gern als etwas zu Formendes: schöner, wenn man es abrunden kann. Und dazu bedarf es nur noch dieser einen Begegnung, wie in der Dichtkunst das Distichon der Epode.

Danach können die Bücher geschlossen werden.

Marthe sieht Jimmy aus dem oberen Stockwerk kommen und kann es nicht lassen, eine Bemerkung über seine soignierte Erscheinung zu machen. »Ja, was seh ich da? Sie schauen ja glatt siebzig Jahre jünger aus! Jetzt hoff ich aber für Sie, Sie denken nicht, dass in der Bibliothek eine Frau auf Sie wartet!«

Er ignoriert ihr fröhliches Geplapper und trägt ihr auf, eine gute Flasche Wein aus dem Keller zu holen. Danach brauche sie sich um nichts mehr zu kümmern, könne sie zu Bett gehen, in Urlaub von ihm aus oder ihre Kündigung einreichen. Der Briefumschlag liege schon bereit, sie brauche ihn nur noch aus der Schreibtischschublade zu nehmen. Doch diese eine Flasche, die wolle er noch.

Es ist Jahre her, seit er zum letzten Mal im Keller war. Irgendwann wurden die Treppen zu anstrengend für ihn, vor allem für seine Streichhölzer von Beinen. Doch er weiß noch genau, welche Flasche wo liegt. Zumindest hofft er das. Denn er hat die dunkle Vermutung, dass Marthe ab und zu auch dort etwas für sich mitgehen lässt. Mit ein bisschen Glück jedoch versteht sie genauso wenig von Wein wie vom Kochen und säuft egal was, würde selbst ein Glas Kirschen in Pferdepisse austrinken, solange ein Etikett mit dem Wort »Château« darauf klebt. Mit noch ein bisschen mehr Glück hält sie die Jahreszahlen auf den Flaschen für Verfallsdaten. Obwohl das vielleicht etwas zu viel verlangt ist, was Dummheit angeht.

Tatsache ist, dass Marthe jetzt noch nervöser wird, bei dem Gedanken, in den Weinkeller hinabsteigen zu müssen. Oder bildet er sich das ein?

»Wollen Sie wirklich jetzt noch was trinken, so spät? Sie wissen, mit den Pillen vom Doktor …«

»Marthe, bitte, erspar mir deine Gardinenpredigt und hol mir eine Flasche Rol de Fombrauge. Es ist nur noch eine im Keller, du brauchst dein Gedächtnis also nicht mit einer Jahreszahl zu belasten.«

Es ist eine erleichterte Marthe, die kurz darauf mit der bewussten Flasche wieder heraufkommt, keuchend und glücklich, sich nie aus Versehen gerade an diesem offenbar wertvollen Tropfen vergangen zu haben. Oder weil sie im Keller ihre Angst vor Spinnen im Zaum halten konnte, das wäre auch möglich.

Jimmy setzt sich in seinen Sessel, der alte Patriarch, und ist bereit für seinen nächtlichen Besucher. Das Gespräch zwischen den beiden kann endlich beginnen. Sie haben lange genug darauf gewartet.