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Bernd Köstering

Falkenspur

Ein Literatur-Krimi

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Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2016

Lektorat: Katja Ernst

Herstellung: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © iskren87 – Fotolia.com

ISBN 978-3-8392-4944-4

Haftungsausschluss

Für Mia-Sophie

Die Hauptfiguren der Falke-Serie

Herbert Falke, ehemaliger Journalist, auf der Suche nach Handtaschenräubern, Stalkern und Bilderdieben.

Andreas Falke, sein Sohn, auf der Suche nach seiner verschwundenen Frau.

Franziska Falke, seine Enkelin, auf der Suche nach ihrer eigenen Identität.

Gianni Mussner, Herberts bester Freund, mit der täglichen Sucht, sein Südtiroler »Bon di!« in Offenbach bekannt zu machen.

Jaqueline »Jacky« Jansen, Franziskas beste Freundin, mit dem Versuch, Recht, Freundschaft und Familie in Einklang zu bringen.

Skander »Alex« Halima, Franziskas Mitschüler, auf der Suche nach dem perfekten Leben.

Nina Heckmanns, Kriminalhauptkommissarin, auf der Suche nach einem fähigen Mitarbeiter.

Matthias Bennert, Kriminaloberkommissar, Nina Heckmanns’ immer gut gekleideter Mitarbeiter, an dessen Fähigkeiten sie zu glauben versucht.

Prolog: Sonntag, 14. Mai

Franziska hatte nur einen Wunsch: zu vergessen. Ihre Erlebnisse in den Dietesheimer Steinbrüchen, den Streit zwischen Vater und Großvater, die Anfeindungen von Bennert und Melissa, die vagen Erinnerungen an ihre Mutter – all das wollte sie am liebsten in die Gedankenmülltonne werfen. Nur an Alex mochte sie noch denken. Ob es ihm gut ging in Tunesien? Und zwar nicht nur irgendwie gut, sondern so, wie er es liebte: perfekt. Sie bezweifelte das.

Montag 13. Juli

Franziska Falke schloss die Wohnungstür hinter sich, ging in die Küche, öffnete den Kühlschrank und goss sich ein Glas Orangensaft ein. Damit marschierte sie in ihr Zimmer und warf die Schultasche aufs Bett. Sie war müde. Sechs Stunden Unterricht, Stufe 11 der Leibnizschule, das schlauchte. Sie hob das Glas an den Mund. Dabei fiel ihr Blick auf das oberste Fach des Bücherregals. Irgendetwas irritierte sie. Sie setzte das Glas wieder ab. Ein Buch. Das Physikbuch. Es stand nicht dort, wo es hingehörte, bei den Naturwissenschaften, sondern zwischen den Geschichtsbüchern. Instinktiv griff sie nach dem Ruhestörer. Die Seiten klappten auseinander, ein großes Eselsohr sprang ihr entgegen. Oben rechts. Unwillkürlich schüttelte sie den Kopf. Das sah ihr gar nicht ähnlich, sie respektierte Bücher, konnte umgeknickte Seiten nicht leiden. Nun ja, so etwas mochte schon mal passieren, dachte sie, schließlich war sie nicht Mrs. Perfect. Ihr Hals war trocken, sie nahm einen Schluck Orangensaft. Dann stellte sie das Physikbuch an seinen angestammten Platz zurück. Plötzlich hörte sie seltsame Geräusche von der Wohnungstür, so als würde jemand dagegentreten. Sie ging langsam in Richtung Tür. Wieder dieses Poltern.

Ihre Hand lag auf der Türklinke. Sie zögerte.

Dann die Stimme ihres Vaters: »Hallo, Franzi, mach bitte auf, ich hab keine Hand frei!« Sie öffnete. Draußen im Flur stand Andreas Falke, er hatte seine Aktentasche unter den Arm geklemmt und hielt zwei Pizzakartons in den Händen.

»Mahlzeit!«, sagte er grinsend.

*

Herbert Falke hatte seine Schwiegertochter nie gemocht. Vor allem weil sie seinen Sohn ständig kleinmachte. An­dreas liebte und bewunderte sie. Insbesondere das Bewundern war ein Problem. Sie lebten nicht auf Augenhöhe, führten kein partnerschaftliches Verhältnis. Wenn es um eine Entscheidung ging, war Karin immer die Maßgebende. Ob Wohnort, Kind, Urlaub oder Geld – jedes Mal gab Andreas nach. Sogar intellektuell wollte sie ihn ausstechen. Kein Fernsehquiz, kein Kartenspiel, kein Kreuzworträtsel bei dem sie nicht ihre geistige Überlegenheit zeigte. Das war keine echte Partnerschaft – fand Herbert. Andreas sah das naturgemäß anders. Herbert hatte lange mit sich gerungen, ob er seinen Sohn darauf ansprechen sollte. Als er endlich den Mut dazu gefunden hatte, war es bereits im Ansatz zu einem riesigen Streit gekommen. Wahrscheinlich gab Andreas ihm Mitschuld an Karins Verschwinden. Er hatte es nie ausgesprochen, aber Herbert spürte es.

Seit dem Tod seiner Frau Christel wohnte Herbert Falke in einer kleinen Dreizimmerwohnung in der Offenbacher Brinkstraße. Er fühlte sich wohl hier, vermisste weder das Haus auf der Rosenhöhe noch den Garten. Aber Christel, die vermisste er. Aus dem Wohnzimmer klang die blaue Beatles-CD: »I Want to Hold Your Hand.« Ja, wenn er noch einmal ihre Hand halten könnte, ihre schmale, dünne Hand. Am Ende war sie durch die Krankheit fast zu einer Kinderhand verkümmert. Gedankenverloren stand er in der Küche und überlegte, was er eigentlich hier wollte. Ach ja: Abendessen. Er öffnete den Kühlschrank. Genug Käse und Schinken, dazu Tomate und Gurke sowie eine halbe Flasche Apfelwein, das konnte ein passables Abendessen werden. Sein Blick fiel auf den Brotkorb: leer. Ein Abendessen ohne sein geliebtes dunkelkrustiges Bauernbrot war unmöglich. Herbert zog ein kariertes Sakko über, verließ die Wohnung und schwang sich auf seine rosafarbene Vespa. Früher hatte er oft bei der Bäckerei Kress eingekauft, aber seit den Ereignissen im Mai in den Dietesheimer Steinbrüchen mied er die Gegend um den unteren Buchrainweg, dort wo Andreas und Franziska wohnten, fuhr lieber zum Supermarkt in der Sprendlinger Landstraße.

Herbert erinnerte sich noch genau an die Szene: An­dreas hatte ihm unmissverständlich den Umgang mit seiner Enkeltochter Franziska untersagt. Ja, er verstand das, schließlich hatte er – wenn auch unabsichtlich – Franziska in Lebensgefahr gebracht. Doch irgendwann musste Schluss sein mit dieser Strafaktion. Er hatte versucht, mit seinem Sohn zu reden, aber der hatte sofort abgeblockt. Franziska war er seitdem nur einmal begegnet, auf einer Familienfeier in Gießen. Sie hatte Herbert angesehen wie ein verletztes Tier. Zu mehr als einem dünnen »Hallo, Opa!« hatte es nicht gereicht, dann hatte Andreas sie von ihm weggezogen. Vor dem Vorfall im Mai hatte er mit Franziska oft Kleinkriminelle gejagt, Fahrraddiebe und Handtaschenräuber. Die Polizei schaffte es offensichtlich nicht, sich um solche Typen zu kümmern. Herbert hatte nur eine vage Ahnung, was die Gründe betraf, und musste zugeben, dass sie ihn nicht wirklich interessierten. Aber die Probleme der Opfer, die interessierten ihn. Und da er es als Journalist gewohnt war, sauber zu recherchieren, hatte es sich zu Beginn seines Rentnerdaseins angeboten, solche Fälle selbst in die Hand zu nehmen. Das brachte ihm einige Probleme mit den Polizeibehörden ein. Der Name Falke war nicht gerade beliebt im Polizeipräsidium Südosthessen. Dennoch waren Franziska und er ein erfolgreiches Duo gewesen. Mit Betonung auf »waren«. Jetzt bearbeitete er seine Fälle allein. Nur sein ehemaliger Kollege und Freund Gianni Mussner war manchmal mit von der Partie, soweit dessen journalistische Tätigkeit beim Offenbach-Kurier ihm das erlaubte.

Die Warteschlange vor der Bäckereifiliale im Supermarkt war so lang, dass sie fast bis zum gegenüberliegenden Dönerstand reichte. Als er endlich an der Reihe war und das Brot bezahlte, merkte er, dass jemand dicht hinter ihm stand. Nicht irgendeine Person, sondern eine, die er kannte. Das spürte er. Ganz langsam steckte er das Wechselgeld ein, dann drehte er sich um.

»Hallo, Opa!«

Sie sah gut aus, wie immer, groß und schlank, ihre dunklen Haare waren zu einem Pferdeschwanz gebunden. Ihre braunen Augen strahlten.

Er sagte nichts, nahm sie einfach in den Arm. Die Leute in der Warteschlange hinter Franziska nahmen geduldig an dem Wiedersehen teil.

»Was willst du denn kaufen?«, fragte er.

»Zwei Kreppel für Jacky und mich.«

Er beugte sich zu ihr hinüber. »Schmecken die nicht beim Kress besser?«, flüsterte er.

»Ja schon, aber …«

Er drehte sich zu der Verkäuferin um. »Zwei Kreppel bitte, einen mit Marmelade und einen mit Pflaumenmus!«

Franziska lächelte. Sie verließen den Supermarkt. Franziskas Fahrrad stand direkt neben seinem Motorroller.

»Franziska, ich habe versucht …«

Sie schüttelte den Kopf. »Ich hab’s auch versucht, null Chance. Ich denke, Papa braucht noch Zeit.«

»Aber du bist erwachsen. Fast, zumindest.«

»Ja, trotzdem. Wir müssen abwarten. Außerdem redet er immer noch von … dieser Frau.«

Der Satz traf Herbert bis ins Mark. Auch wenn er Karin nicht sonderlich leiden konnte, war es doch jedes Mal schockierend, wenn Franziska ihre eigene Mutter als »diese Frau« bezeichnete. Vor acht Jahren hatte Karin Falke ihre Familie verlassen. Als Franziska klar geworden war, dass ihre Mama aus freien Stücken gegangen war, hatte sie sich eine sogenannte »Muttersperre« verordnet. Nur wenige Menschen wussten davon, er selbst, Andreas natürlich, Franziskas beste Freundin Jacky, Gianni und dessen Partnerin Eva Lorenz. Andere ging das nichts an.

»Hast du einen neuen Fall?«, fragte sie.

»Nichts Besonderes, nur Kleinigkeiten.«

»Okay, dann kommst du ja ohne mich klar …«

Herbert nickte. »Ich vermisse dich, Franzi!«

»Ich dich auch, Opa!« Sie lächelte vorsichtig. »Du hast eine neue Brille, oder?«

»Ja, endlich. Eine Gleitsichtbrille.«

»Sieht gut aus!«

»Danke.«

»Wir waren lange nicht mehr auf dem Bieberer Berg …«

»Ja. Das müssen wir nachholen. Die Kickers-Spieler haben schon nach dir gefragt!«

Sie lachte, und er freute sich über ihr Lachen.

»Bist du absichtlich hierher gegangen, um mich eventuell zu treffen?«, fragte Herbert.

Franziska nickte und versuchte, ihr gerötetes Gesicht vor ihm zu verbergen. Sie umarmten sich zum Abschied. Dann fuhr Herbert Falke mit seiner Vespa davon.

Dienstag 14. Juli

Kamilla Beskow parkte ihren Wagen im Innenhof der Heyne-Fabrik. Die Sonne stand bereits hoch über Offenbach, doch die Frische der Nacht war noch zu spüren. Kamilla Beskows Wohlempfinden war extrem vom Wetter abhängig. Ein klarer Sommermorgen, der einen heißen Tag ankündigte, war genau das, was sie heute brauchte. Mit schwingendem Schritt ging sie auf die Eingangstür ihrer Galerie zu. Sie wollte gerade den Zahlencode eingeben, als sie erstarrte. Die Tür stand eine Handbreit offen. An Türblatt und Rahmen befanden sich zahlreiche Kratzer und Dellen, offensichtlich Spuren von Einbruchwerkzeug. Sie streckte die Hand aus, zögerte. Der Dieb konnte noch in den Räumen der Galerie sein. Sie nahm ihr Mobiltelefon aus der Handtasche und wählte die 110. »… Galerie Beskow, ehemalige Heyne-Fabrik … Genau, Ludwigstraße 180, ist ausgeschildert.« Dann versteckte sie sich einige Meter entfernt hinter einem Trafohäuschen und behielt die Tür im Blick. Mit zitternden Fingern zündete sie sich eine Zigarette an. Nichts rührte sich. Als der Streifenwagen um die Ecke bog, hatte sie die Zigarette noch nicht einmal zu Ende geraucht, sie warf den Rest zu Boden und trat die Glut aus.

Zwei Uniformierte stiegen aus. »Frau Beskow?«

»Ja.«

»Polizeioberkommissar Neumann vom 2. Revier. Das ist Polizeikommissarin Schmied.«

Kamilla Beskow nickte. Sie zeigte auf die Tür. Ihr blonder Pagenkopf bewegte sich aufgeregt hin und her. »Ich habe nichts angefasst.«

»Gut so«, sagte Neumann.

»Ich hatte … Also, ich dachte, es könnte ja noch jemand drin sein.«

Neumann nickte und gab seiner Kollegin ein Zeichen. Beide zogen ihre Dienstwaffe und liefen auf die Tür zu. Die Polizistin schob die Tür langsam mit dem Fuß auf, während ihr Kollege bereitstand, die Waffe im Anschlag. Keine Reaktion aus dem Inneren. Schritt für Schritt, sich gegenseitig sichernd, drangen sie in das Gebäude ein. Nach endlos erscheinenden Minuten kamen sie zurück. »Keiner drin!«

»Ich muss nachsehen, was gestohlen wurde«, sagte Kamilla Beskow.

»Gut, aber fassen Sie bitte nichts an, die Spurensicherung ist unterwegs.«

Kamilla Beskow ging durch den schmalen Gang, wollte schon die Bürotür öffnen, zog dann aber ihre Hand zurück und folgte dem Gang weiter bis in die große Ausstellungshalle. Die rohen Wände waren weiß getüncht, auf dem Boden lag helles Parkett, die hohen Fenster der ehemaligen Fabrik ließen die Morgensonne hereinfluten. Kamilla Beskows Blick tastete die Wände ab. Sie kannte jedes Objekt. »Hier fehlt nichts!«, sagte sie.

Eine Treppe führte ins Obergeschoss, zum Dachatelier. Der Raum maß ungefähr 200 Quadratmeter, eine Wand war in Dunkelblau gehalten, die anderen in Weiß. Das gesamte Dach bestand aus alten Industriefenstern, mit bulligen Stegen. Teilweise war der Fensterkitt abgebröckelt. Trotz der frühen Tageszeit war der Raum bereits gut aufgeheizt. Und mitten auf der blauen Wand fehlte ein Bild.

Kamilla Beskow fühlte ihre Knie weich werden. Zum Glück bemerkte die Polizistin ihr Schwanken und schob ihr schnell einen Stuhl hin. Sie ließ sich fallen. »Wieder ein Jansen!«

»Ein Bild von Claudia Jansen? Das fehlt?«, fragte Neumann.

Sie nickte.

»Warum sagen Sie ›wieder‹?«

»Bereits das dritte.«

Der Polizeioberkommissar sah sie fragend an.

»Letztes Jahr wurde schon ein anderes Bild von ihr gestohlen, hier, aus dem gleichen Raum. Daraufhin habe ich eine Stahltür mit Alarmsystem einbauen lassen. Zuvor war ich mit der Galerie in Seligenstadt, in einem Altbau, schlecht gesichert, kein Kunststück, da einzubrechen. Dort wurde das erste Jansen-Bild gestohlen.«

»Haben Sie einen Strafantrag gestellt?«

»Sie meinen Anzeige erstattet, ja natürlich, können Sie alles nachlesen, die Bilder sind bis jetzt nicht wieder aufgetaucht.«

Die Polizistin inspizierte die blaue Wand. »Hier hängt ein kleines Schild: ›Verkauft‹. Galt das für das gestohlene Bild?«

»Ja.«

»Wenn ich mal fragen darf, was kostet denn so ein Gemälde?«

»Ein Jansen liegt zwischen 5.000 und 10.000 Euro, je nach Größe und Technik.«

Kamilla Beskow hörte Oberkommissar Neumann leise durch die Zähne pfeifen. »Dieses hier«, ergänzte sie, »also das gestohlene, ›Blumen im Nordwind‹, das habe ich für 8.000 Euro verkauft.«

»An wen?«, fragte Neumann.

»Muss ich das beantworten?«

»Ich sag’s mal so: Sie müssen als Zeugin auf jeden Fall die Wahrheit sagen.«

»Also gut, es sollte an die Familie Schneider gehen.«

»Adresse, Telefonnummer? Wir müssen mit den Leuten sprechen.«

»Horst und Konstanze Schneider.«

»Der Oberbürgermeister und seine Frau?«

»Ja.«

»Gut, wir werden das … diskret behandeln«, sagte Neumann.

»Danke!« Kamilla Beskow nickte ihm freundlich zu.

»Sagen Sie, gibt es eine Erklärung dafür, dass ausgerechnet drei Bilder von Frau Jansen gestohlen wurden?«

»Claudia Jansen ist derzeit die aufstrebende Künstlerin im Rhein-Main-Gebiet, sie ist sehr gefragt und ich mache gute Geschäfte mit ihren Exponaten. Die anderen Bilder, die unten hängen, sind … na ja, eher Durchschnitt. Und die drei gestohlenen Werke gehören sicher zu Claudias Prunkstücken.«

»Gut, danke für die Auskünfte. Bitte kommen Sie morgen früh um 9 Uhr auf das 2. Revier in der Berliner Straße, wir müssen Ihre Aussage aufnehmen.«

Die Beamten vom Kriminaldauerdienst betraten die Galerie. Polizeioberkommissar Neumann hatte sich schon zum Gehen gewandt, da drehte er sich noch einmal um: »Frau Beskow, eine letzte Frage: Die beiden anderen Bilder, waren die vor dem Diebstahl auch schon verkauft?«

»Das erste nicht, aber das zweite.«

»An wen?«

»Äh …«

»Bitte!«

»Ich sag’s mal so: an einen Wiesbadener Minister, der in Offenbach wohnt.«

*

Auch wenn die Sitzplätze im Kurssystem nicht so fest verteilt waren wie früher im Klassenverband, hatten sich doch Gewohnheiten eingeschlichen. Franziska saß im Mathekurs üblicherweise neben Mia-Sophie, damit diese von ihren Mathematikfähigkeiten profitierten konnte, während sie im Deutschkurs wiederum neben Jacky saß, wegen deren guter Deutschkenntnisse. Um den Kreis zu schließen, so dachte Franziska, hätte Jacky eigentlich noch von Mia-Sophies Schwerpunkt etwas abbekommen müssen, aber der war Sport, und Jacky war selbst eine gute Sportlerin. Sie betrieb asiatischen Kampfsport. Für Franziska selbst war Sport eher zweitrangig, sie begeisterte sich schon immer für Zahlen. Bereits im Kindergartenalter hatte ihre Erzeugerin – sie vergaß die selbst auferlegte Muttersperre nur selten – ihr Kopfrechnen beigebracht.

Die heutige Mathematikstunde bei Frau Fischer-Dübel war durchaus interessant, jedenfalls für Franziska. Mia-Sophie hingegen konnte mit Differenzialrechnung und Kurvendiskussionen wenig anfangen. Ein paar Nachhilfestunden mussten da wohl Abhilfe schaffen.

In der großen Pause trafen sie Jacky in der Cafeteria der Leibnizschule. Sie saß am Stammtisch der Freundinnen direkt am Fenster zum Sportplatz und aß ein Salamibrötchen. Mia-Sophie holte sich ein Schokocroissant, Franziska konnte so früh noch nichts essen, sie nahm einen Milchkaffee. Das Essen und Trinken wurde umrahmt vom profanen Geplauder über das Alltägliche, Schulhefte drängten sich zwischen Teller und Tassen, an den Hausaufgaben wurden letzte Korrekturen vorgenommen.

Jacky griff in ihre Tasche und holte eine CD heraus. »Hier Franzi, die neue von Laith Al-Deen!«

»Wow, danke!« Sie betrachtete die Titelliste. »Geil, ich freu mich tierisch auf das Konzert nächste Woche!«

»Na ich erst!«, grinste Jacky.

Aus einer anderen Ecke der Cafeteria klangen französische Laute herüber.

»Ah, die Franzosen sind da«, sagte Mia-Sophie, »wieder vom Lycée George-Sand in Puteaux. Wie immer die Stufe 10.«

»Zum Glück haben wir mit denen dieses Jahr nichts zu tun«, sagte Franziska.

»Hat deine Schwester nicht eine Austauschschülerin?«, fragte Jacky in Richtung Mia-Sophie.

»Ja, stimmt, eine Madeleine Richard, ist ganz okay.«

»Gut, dass dieser blöde Duc Isère diesmal nicht dabei ist«, sagte Franziska.

»Na ja«, meinte Mia-Sophie, »so blöd fand ich den gar nicht.«

»Also hör mal«, fiel Jacky ein, »der hat Franzi doch so hirnrissig angebaggert …«

»Ist ja gut Mädels!«, unterbrach Franziska. Sie erinnerte sich noch genau an Ducs Satz: »Hey, bist du ’ne geile Alte!« Ein Satz, der es nicht wert war, noch einmal ausgesprochen zu werden. »Das sagen doch alle!«, hatte Duc noch entschuldigend hinterhergeworfen.

Die Schulklingel unterbrach das Gespräch der drei Freundinnen. Während sie das Geschirr wegbrachten, sagte Jacky: »Es gibt übrigens eine Neuigkeit. Ich weiß, wen wir als Deutschlehrer bekommen!«

»Na endlich«, sagte Franziska, »ständig diese wechselnden Aushilfslehrer, das war echt ätzend.«

»Er kommt von einer anderen Schule und heißt Ernst Hoffmann. Nächsten Montag fängt er schon an.«

»Ernst Hoffmann«, meinte Mia-Sophie, »was für ein Uralt-Name!«

»Egal«, sagte Franziska, »immer noch besser als unser letzter Deutschlehrer.«

Jacky und Mia-Sophie nickten, nahmen Franziska in ihre Mitte und verließen die Cafeteria.

In der nächsten Pause schaltete Franziska kurz ihr Handy ein und entdeckte eine Nachricht von Jacky. »Muss dringend mit dir reden. Stichwort: Bilder. 12.30 Uhr, wie immer!« Der Ausdruck »wie immer« bedeutete, dass sie sich bei Jackys Oma trafen. Sie bewohnte das Dachgeschoss der Jansen-Villa, mit separatem Eingang. Für ihre Enkeltochter hatte sie dort vor Jahren in einer ehemaligen Abstellkammer ein zweites Kinderzimmer eingerichtet. Der Raum hatte einen dreieckigen Grundriss, überall lagen Matratzen und Kissen herum, als Kinder hatten die Freundinnen sich dort prächtig ausgetobt. Ein Fenster gab es nicht, aber durch ein kleines Guckloch konnten sie über das südliche Offenbach schauen. Inzwischen war der Dreiecksraum zu einer Art Refugium für die beiden Teenager geworden. Hier wurden Dinge besprochen, die keiner hören sollte, hier wurden geheime Pläne geschmiedet, Träume geteilt und von Laith Al-Deen und seiner Musik geschwärmt. Franziska war sich nicht sicher, ob Jackys Eltern überhaupt von diesem Raum wussten. Sie hatte wenig Kontakt zu ihnen, der Vater war ein bekannter Strafverteidiger und die Mutter eine recht erfolgreiche Malerin. Jacky nutzte den Dreiecksraum auch, um in Ruhe zu lesen. Sie las viel, darunter Bücher, die Franziska nie anrühren würde. Goethe zum Beispiel. Und Franziska wusste, dass sie den geheimen Wunsch hegte, Schriftstellerin zu werden. Ein bisschen beneidete sie Jacky um diesen Traum, denn sie selbst hatte noch keinerlei Vorstellungen von ihrer Zukunft. Eins stand jedenfalls fest: Jaqueline Jansen wusste mit Worten umzugehen, und wenn sie schrieb, es sei dringend, dann war es auch dringend.

Außerdem spekulierte Franziska auf ein Mittagessen bei Jackys Oma, die hervorragend kochen konnte. Und da sie generell nicht frühstückte, bekam sie spätestens um 12 Uhr mächtig Hunger.

Franziska hatte jedoch keine Ahnung, über welche Bilder Jacky mit ihr reden wollte.

*

Herbert Falke war technisch begabt, galt in seiner aktiven Zeit als erfahrener Journalist und hatte eine gute Allgemeinbildung. Was er jedoch nicht konnte, war kochen. Mit Ausnahme von Spaghetti. Da er aber nicht jeden Tag Nudeln essen wollte, landete er mehrmals in der Woche in einem Restaurant. Pizzeria Tevere, HesseWirtschaft in der Senefelderstraße oder Dönergrill am Starkenburgring. Heute saß er in der HesseWirtschaft und gönnte sich ein fünf Zentimeter dickes Rippchen mit Sauerkraut und Bauernbrot. Der Gastraum war nicht sonderlich gemütlich, hatte etwas vom rauen Charme einer Bahnhofshalle, aber er liebte die Atmosphäre. Die Speisekarte war förmlich auf ihn zugeschnitten, meistens traf er jemanden, den er kannte, und Anita, die Kellnerin, wusste genau, in welcher Mischung sie ihm den Sauer Gespritzten servieren musste. Er hatte soeben das Besteck beiseitegelegt, als sein Mobiltelefon klingelte.

»Hallo, hier ist Jacky!«

Er meinte sich verhört zu haben. »Wer?«

»Jacky … also Jaqueline Jansen, die Freundin von Franziska.«

»Ja, ja, Jacky, ich weiß, wer du bist. Ich bin nur etwas überrascht, dass du mich anrufst, nach allem was passiert ist.«

»Ich muss dringend mit Ihnen sprechen, können wir uns treffen? Am besten heute noch.«

»Ja, können wir. Um 16 Uhr im Café Stääbche am Wilhelmsplatz, ist das okay?«

»Cool, ich komme.«

Die Vespa mit der »Mädchenfarbe«, wie Gianni es einmal ausgedrückt hatte, war Herberts ständiger Begleiter. Viele Mitmenschen in Offenbach erkannten ihn nur an seinem rosafarbenen Motorroller und winkten ihm schon von Weitem zu. So auch die beiden Besitzer des Café Stääbche.

»Wie immer?«, fragte Corinna.

»Ja, wie immer!«, antwortete Herbert Falke und winkte Monika durch die Küchentür zu.

Kaum hatte er einen Espresso und eine Lemon Soda vor sich stehen, öffnete Jacky die Tür. Er hatte sie lange nicht gesehen, doch die hennaroten Haare und das Nasenpiercing waren eindeutige Wiedererkennungsmerkmale. Sie streckte ihm sofort die Hand entgegen. »Hallo!«

»Hallo, Jacky, was möchtest du trinken?«

»Cappuccino, aber wenn Sie nichts dagegen haben, bezahle ich den lieber selbst.«

Herbert war überrascht. »Natürlich.« Im nächsten Moment wich seine Überraschung der Erkenntnis, dass Jacky sich nicht verändert hatte.

»Herr Falke, Sie haben mich damals zwar ziemlich angegriffen, aber …«

»Tut mir leid!«

»Schon okay, ich meine, irgendwie war das ja auch uncool von mir, dass ich Franzi nicht helfen wollte. Hab viel drüber nachgedacht.«

Er schwieg.

»Hauptsache, ihr ist nichts passiert«, sagte Jacky.

Herbert nickte. Der Cappuccino wurde serviert.

»Ich brauche Ihre Hilfe!«

Herbert Falke sah sie erstaunt an.

»Sie haben sicher von den gestohlenen Bildern meiner Mutter gehört …«

»Von einem Bild habe ich gehört, letztes Jahr.«

»Ja, aber inzwischen sind es drei.«

»Ach!«, sagte Herbert Falke. Sofort war sein Spürsinn erwacht. »Weißt du mehr darüber?«

»Ja. Das erste heißt ›Clownerien‹. Es wurde letztes Jahr im März gestohlen. Damals hatte Frau Beskow ihre Galerie noch in Seligenstadt, sie verkauft alle Bilder meiner Mutter. Dann, im letzten Sommer, ist sie nach Offenbach in die Heyne-Fabrik umgezogen. Kurz danach wurde das zweite Bild geklaut, ›Nachthelle‹, so heißt es. Ein echt krasses Bild, mit einem Blick über den Main bei Nacht, und auf der anderen Flussseite steht ein Mann, der eine Art … hellen Schatten wirft. Keinen Heiligenschein, aber schon so etwas wie eine Erleuchtung. Die Aussage, die ist wirklich gut. Hat wohl auch etwas mit meinen Eltern zu tun, also … wie sie sich kennengelernt haben. Mein Vater stammt von der anderen Mainseite, aus Fechenheim.«

»Du magst die Bilder deiner Mutter?«

»Ja … Nicht alle, am besten finde ich die mit dem plastischen Effekt.«

Herbert Falke sah sie fragend an.

»Der Untergrund besteht aus einem kräftigen Papier. Bevor sie anfängt zu malen, faltet sie es mit einer speziellen Technik auf, sodass man später einen plastischen Eindruck bekommt. Bei ›Nachthelle‹ hat sie die Wellen des Mains damit so cool hinbekommen, dass man wirklich meint, etwas sei in Bewegung.«

»Du kannst das sehr gut beschreiben«, sagte Herbert.

Sie lächelte.

»Was geschah nach dem zweiten Diebstahl?«, fragte er.

»Na ja, wieder wurde alles von der Polizei aufgenommen. Mein Vater hat sich noch mit eingeschaltet, hat über einen Staatsanwalt, den er gut kennt, nachfragen lassen, was die Ermittlungen der Polizei machen. Ohne Erfolg. Frau Beskow hat zumindest ein neues Sicherheitssystem für ihre Räume einbauen lassen, hat aber nichts genutzt, denn letzte Nacht ist das dritte Bild geklaut worden.«

Herbert zog die Augenbrauen hoch.

»›Blumen im Nordwind‹, so lautet der Titel. Inzwischen ist meine Mutter ziemlich verzweifelt und aufgeregt und … unruhig. So kenne ich sie gar nicht. Die Polizisten sagen immer, sie tun ihr Bestes, aber es kommt nichts dabei heraus. Ich möchte meiner Mutter so gerne helfen, ich … ich habe Geld, das können Sie haben!«

»Heißt das, ich soll die Bilder suchen?«

»Ja, Herr Falke, bitte!«

»Wissen deine Eltern davon?«

»Meine Mutter nicht, sie möchte das alles am liebsten verheimlichen, fürchtet um ihren Ruf als Künstlerin. Meinem Vater habe ich es erzählt. Er ist zwar nicht begeistert davon, zumal Sie damals, na ja, Sie wissen schon …«

»Ja, ich habe mich persönlich bei ihm entschuldigt.«

»Das fand er auch gut. Das Geld kommt von ihm.«

»Aha, also nicht von deinem Sparkonto?«

»Nein. Und noch etwas …«

»Ja?«

»Ich habe heute mit Franzi darüber gesprochen, hab sie gefragt, ob sie damit einverstanden ist, Ihnen den Auftrag zu geben, gerade jetzt, wo sie nicht dabei sein kann.« Sie zögerte kurz. »Na ja, jedenfalls hat sie nichts dagegen, und sie meint, einen Besseren als Sie könne ich nicht finden!«

Herbert Falke war gerührt.

»Und, machen Sie’s?«, fragte Jacky.

»Ja, ich nehme den Auftrag an«, antwortete Herbert Falke.

Sie strahlte. »Danke! Ich darf Sie jedoch bitten, auf keinen Fall meiner Mutter zu sagen, dass mein Vater und ich Sie beauftragt habe, sie könnte sonst meinen, wir wollten ihr persönlich nachspionieren oder so was Ähnliches, verstehen Sie?«

»Ja, ich verstehe«, sagte Herbert.

»Darf ich Sie einladen?«, fragte Jacky. »Von meinem Sparkonto?«

Er lachte. »Gerne!«

*

Als Gianni Mussner an diesem Mittwoch nach Hause kam, war es bereits kurz vor Mitternacht. Nachdem er die offizielle Pressemitteilung des Polizeipräsidiums zum Diebstahl in der Heyne-Fabrik ausgewertet hatte, sprach er mit der Galeriebesitzerin. Das brachte zwar keine Neuigkeiten, aber immerhin konnte er guten Gewissens schreiben, mit Kamilla Beskow gesprochen zu haben. Anschließend musste er nach Heusenstamm fahren, um von der Jahrestagung des Kleintierzüchtervereins zu berichten, danach ins Hafen 2. Das dortige Konzert einer bislang völlig unbekannten Sängerin aus Polen stellte sich als echtes Kleinod der Musikszene heraus, doch er war so müde gewesen, dass er nach drei Liedern die Segel hatte streichen müssen. Für den Bericht würde das reichen. Durch seine jahrelange Erfahrung konnte er den Kern einer Veranstaltung nach etwa einem Drittel ihres Ablaufs erkennen und beschreiben. Am nächsten Vormittag würde er zwei Stunden Zeit haben, um die drei Artikel zu Papier zu bringen. In den letzten Jahren waren der Zeitdruck und der unregelmäßige Arbeitsrhythmus zur Belastung für ihn geworden. Gegen einen frühzeitigen Ruhestand hätte er nichts einzuwenden, zumal er beabsichtigte, mit Herbert ein Detektivbüro zu gründen. Doch die Chancen auf ein vorzeitiges Ende seiner Arbeit als Journalist standen schlecht.

Seine Partnerin Eva Lorenz war vor dem Fernseher eingeschlafen, als er das Wohnzimmer betrat. Er holte sich eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank und setzte sich neben sie.

»Da bist du ja endlich«, murmelte sie schlaftrunken.

»Du hättest schon ins Bett gehen können!«, sagte er.

»Nein, ich muss dir noch eine Neuigkeit erzählen.«

Er hob die Augenbrauen.

»Deine Schwester hat aus Brixen angerufen, sie wollte mit dir über den 80. Geburtstag eures Vaters sprechen. Ich habe sie aufs Wochenende vertröstet.«

»Und das war alles?«

»Na, warte ab. Du schreibst doch über das geklaute Jansen-Bild, oder?«

»Ja, stimmt.«

»Das 2. Revier hat festgestellt, dass der Einbruch nur vorgetäuscht war.«

»Was? Woher weißt du das? Ich meine, so etwas hört man doch nicht nebenbei während seiner Arbeit in der Telefonzentrale des Polizeipräsidiums …«

»Stimmt, aber es ist besser, du kennst den Namen meiner Informantin nicht. Dafür solltest du ein Detail wissen: An der Tür gab es Einbruchspuren, von einem Stemmeisen oder so was. Aber die Spuren am Türrahmen befanden sich in einer anderen Höhe als die am Türblatt, verstehst du?«

Gianni nahm einen Schluck Bier. »Ja, verstehe. Hätte man die Tür tatsächlich aufgehebelt, müssten die Spuren an beiden Seiten in der gleichen Höhe sein.«

»Genau!«

»Versicherungsbetrug?«

»Möglich.«

»Gibt es eine Pressekonferenz?«, fragte er.

»Ja, morgen Nachmittag um 15 Uhr.«

»Super, danke! Jetzt schnell unter die Decke!«

Evas Augen leuchteten. »Sehr gerne!«