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Titelseite
Widmung

1.

DREIHUNDERT KNÜLLKUGELN UND DREI ANFÄNGE

Ich weiß nicht, wie ich anfangen soll. Oma sagt, das geht auch den großen Schriftstellern so, und Opa sagt, aller Anfang ist bekanntlich immer schwer. Enzo sagt, ich soll es filmisch angehen, Flo sagt, ich soll mir nicht so viele Gedanken machen, und Tante Lisbeth sagt: „Du brauchst eine Inspiration.“

Eine Inspiration ist eine Eingebung oder eine Erleuchtung oder ein Geistesblitz und meine Tante hat gut reden. Bis sie drei Jahre alt war, konnte sie nur witzig und geil sagen und hat mit Weintrauben um sich geworfen. Jetzt ist sie vier und wirft mit Fremdwörtern um sich. Meine Tante ist nämlich hochintelligent und ich bin behindert. Nicht geistig behindert, sondern körperlich und zum Glück auch nur vorübergehend, aber das kann einem mit der Zeit trotzdem ganz schön auf den Geist gehen, das könnt ihr mir glauben!

Dreihundert Knüllkugeln Anfangspapier habe ich jedenfalls schon in meinem Zimmer verballert und schließlich drei Anfänge gefunden, die ich gut finde. Und jetzt kann ich mich nicht entscheiden, welcher von den dreien der beste ist.

Oje!

Aber als Schriftstellerin kann man ja eigentlich alles schreiben, was man will, oder? Und wer sagt, dass eine Geschichte nicht auch drei Anfänge haben kann? Dann sollen sich eben die Leser entscheiden!

Hier kommen also drei gute Anfänge – und ihr sucht euch einfach den besten aus, okay?

ANFANG NUMMER 1

Ich kenne eine Geschichte von einem Mädchen, das auf der Windel seines kleinen Bruders ausgerutscht ist und danach im Rollstuhl sitzen musste. So könnte eine von Mamas verrückten Geschichten anfangen. Sie kennt jede Menge davon und bei den meisten bin ich mir nicht sicher, ob sie wirklich passiert sind.

Bei dieser Geschichte leider schon.

Denn das Mädchen, dem sie passiert ist, das bin ich.

Es war der Abend meines letzten Schultages. Mama hatte Leandro ausgezogen und planschte mit ihm in der Badewanne. Flo und ich freuten uns wie die wilden Affen auf Alex und Sol, die bald nach Hamburg kommen würden. Schon vor Wochen hatten wir eine Hitliste mit Ferienplänen ausgearbeitet, die wir an diesem Abend noch mal durchgehen wollten, um uns für die besten zu entscheiden. Doch dann bekam Tante Lisbeth einen ihrer berühmten Kreischkrämpfe, weil sie mit uns Nicht den Boden berühren spielen wollte.

„Also gut, also gut“, gab ich erschöpft nach. „Aber nur eine Viertelstunde, versprochen?“

Meine Tante hob die Schwurfinger. Sie hopste von meinem Bücherregal auf Leandros Schaukelpferd und Flo hangelte sich an der Sprossenwand meines Hochbettes entlang zur Fensterbank. Ich war gerade vom Kleiderschrank auf den Stuhl geklettert, der noch auf meinem Schreibtisch stand, weil Papai vorhin in meinem Zimmer gesaugt hatte. Es war eine ziemlich kippelige Angelegenheit und Mama hätte wahrscheinlich auch einen Kreischkrampf bekommen, wenn sie mich gesehen hätte. Aber im Klettern war ich fast so gut wie Flo und deshalb wäre mein Sprung vom Schreibtischstuhl auf Leandros Wickelkommode jetzt eigentlich nur noch ein pupsiger Katzensprung gewesen. Das Problem war die Windel, die Mama am Rand der Wickelkommode vergessen hatte. Die volle Windel, wenn ihr es genau wissen wollt.

Darin landete ich. Mit dem rechten Fuß.

Sabsch.

Flutsch.

PONG!

Game over.

Ich war mit dem linken Schienbein auf den kleinen Holzhocker vor der Wickelkommode gekracht und mit dem Kopf gegen den Bettpfosten geprallt.

Das Ergebnis: eine tennisballgroße Beule an der Stirn und ein gebrochenes Schienbein.

Die weiteren Aussichten: Nicht den Boden berühren. Zumindest nicht mit meinem linken Fuß, denn der steckte samt Bein für unbestimmte Zeit in Gips.

Die Wettervorhersage: Höchsttemperaturen von 27 Grad, dazu strahlender Sonnenschein bei wolkenlosem Himmel. Die Hamburger Morgenpost kündigte einen Jahrhundertsommer an. Und auf unserer Hitliste hatten wir folgende Ferienspaß-Aktionen für die Sommerferien aufgelistet:

 

  1. Tretbootfahren auf der Alster

  2. Ruderkurs auf der Pionierinsel

  3. Inlineskaten und Skateboarden im Skatepark

  4. Klettern bei Nacht im Hamburger Sachsenwald

  5. Reiten im Niendorfer Gehege

  6. Fußballcamp im Stadtpark

  7. Hip-Hop-Workshop bei den Stage-Kids

  8. Mitmach-Zirkus an der Elbe

  9. Hockey-Camp in Hamburg Volksdorf

10. Surfkurs in Hamburg Oortkatensee

Na, fällt euch was auf?

Nachdem ich Punkt für Punkt mit einem Totenkopf abgehakt hatte, blieb unter dem Strich die Frage:

Was macht ein (fast) zwölfjähriges Mädchen in den Hamburger Sommerferien, wenn es im Rollstuhl sitzt und sich nicht bewegen kann?

* * *

ANFANG NUMMER 2

In dem Sommer, in dem ich im Rollstuhl saß, wurde ich Schriftstellerin. Ich war vor allem für meine magischen Krimis berühmt. Die Heldin meiner Bücher war eine querschnittsgelähmte Meisterdetektivin, die einen Rollstuhl mit Superkräften hatte. Ich nannte sie Das rollende Auge und ihre Fälle waren so nervenzerreißend, dass jedes Buch mit einer Packung Beruhigungstabletten verkauft wurde, damit die Leser die Spannung aushielten. Der erste Band hieß Das rollende Auge und das Böse unter der Sonne. Der zweite Band hieß Das rollende Auge und das Grauen bei Vollmond und der dritte Band hatte den Titel Das rollende Auge und der Schauder im Nebel.

Auf meinen Lesungen gab ich mehr Autogramme als ein Popstar. Meine Fanpost war so zahlreich, dass sie in einem Lastwagen geliefert wurde, und als jüngste Schriftstellerin der Welt wurde mir der Literaturnobelpreis verliehen. J.K. Rowling hielt die Laudatio. „Die berühmtesten Schriftsteller“, sagte sie, „haben oft ein schweres Leben. Sonst könnten sie nämlich nicht so gute Bücher schreiben. Ich habe größten Respekt für Das rollende Auge, das dem schweren Leben und der überwältigenden Fantasie von Serafina Scriptum entsprungen ist.“

Serafina Scriptum war mein Pseudonym. Das ist ein Künstlername, den sich berühmte Menschen manchmal ausdenken, damit sie nicht von den Paparazzi verfolgt werden.

Mein richtiger Name ist Lola Veloso, denn berühmt war ich natürlich nur nachts, wenn ich nicht schlafen konnte.

Tagsüber musste ich aber auch eine Geschichte schreiben. Diese Aufgabe hatten wir am letzten Schultag von unserem Deutschlehrer Herrn Demmon bekommen. Es sollte eine Feriengeschichte werden. Eigentlich denke ich mir sehr, sehr gerne Geschichten aus und in meiner Fantasie wurde ich als berühmte Schriftstellerin sogar ständig von der Muse geküsst. Musen sind griechische Göttinnen der Künste und ihre Küsse haben eine magische Wirkung, weil sie dem Künstler Inspiration einhauchen und er dadurch auf geniale Ideen kommt.

Manchmal können auch echte Menschen Musen sein – zum Beispiel, wenn der Künstler eine Geliebte hat. Dann schreibt er vielleicht ein Gedicht über ihre weichen Lippen oder ihre süßen Küsse und vielleicht sogar über ihren betörenden Busen. Ich habe in der Wirklichkeit auch einen Geliebten – ohne Busen natürlich. Sein Name ist Alex, und wenn er mich küsst, dann kribbelt mir meist die Kopfhaut. Aber geniale Ideen kamen nicht dabei heraus. Und wenn ich versuchte, meine Fantasiegeschichten vom rollenden Auge in der Wirklichkeit aufzuschreiben, klangen sie entweder komplett bescheuert oder ich blieb nach den ersten drei Sätzen stecken. Sich eine Geschichte auszudenken, ist nämlich eine völlig andere Sache, als eine Geschichte aufzuschreiben, so viel steht mal fest!

Herr Demmon hatte gesagt, wir könnten über etwas schreiben, das wir in den Ferien erlebt hatten. Enzo schlug vor, ich sollte über meinen Sturz schreiben und meine Geschichte Die Windel des Grauens nennen, was ich natürlich ziemlich bekackt fand. Aber was sollte ich sonst schon groß erleben? Das fragte ich mich die ganze erste Ferienwoche lang, während ich im Rollstuhl durch mein Zimmer kurvte und aus lauter schlechter Laune am liebsten in mein Gipsbein gebissen hätte.

* * *

ANFANG NUMMER 3

Mein Zimmer liegt im ersten Stock und hat ein Fenster zum Hof. Von dort kann ich in die Zimmer der anderen Häuser sehen.

Im Erdgeschoss des Hauses auf der linken Hofseite wohnt seit den Sommerferien meine beste Freundin Flo zusammen mit ihrer Mutter Penelope und ihrem Pflegebruder Enzo. Das Haus hat fünf Stockwerke, aber die anderen Mieter waren alle in den Ferien, deshalb war hinter deren Fenstern nichts los.

Das Haus auf der gegenüberliegenden Hofseite hat vier Stockwerke. Ganz oben wohnt eine alte Dame, die mit ihren Pflanzen spricht. Die stehen aufgereiht in Blumenkästen auf ihrem Balkon. Mit dem Fernglas kann ich sie genau erkennen und ihre Namen habe ich in Omas Pflanzenlexikon nachgeschaut. Ganz links sind orangefarbene Ringelblumen gepflanzt, daneben steht der rote Mini-Chili, dann kommen die australischen Gänseblümchen und ganz rechts das mexikanische Traumkraut. Damit spricht die alte Frau immer am längsten, wobei sie sich tief über die grünen Blätter beugt, mit ihren Fingerspitzen über die blassgelben Blüten streichelt und sich anschließend mit geschlossenen Augen bekreuzigt. Was die Frau sagt, kann ich leider nicht verstehen, aber ich glaube, sie bekreuzigt sich vor dem mexikanischen Traumkraut, weil es von den Chontal-Indianern auch Blatt von Gott genannt wird. Ein Tee aus den Blättern soll leidenden Menschen heilende Träume schenken.

Im dritten Stock wohnt eine traurige Frau mit ihrem Mann. Ich vermute, die Frau ist traurig, weil ihr Mann beim Essen nie mit ihr spricht. Er liest immer die Zeitung und die Frau starrt entweder unglücklich aus dem Fenster oder auf die Zeitung, die ihr Mann vor der Nase hat. Einmal hat die Frau eine Kartoffel auf die Zeitung geworfen, da hat der Mann angefangen zu brüllen und ist samt seiner Zeitung abgezischt und die Frau ist allein am Tisch sitzen geblieben und hat geheult.

Im zweiten Stock wohnt ein Mann ohne Frau. Zeitung liest er auch nicht, aber dafür hebt er jeden Abend ungefähr drei Stunden lang bei offenem Fenster Gewichte – immer mit nacktem Oberkörper, der voller Tattoos ist. Auf seinem linken Arm ist ein Spinnennetz abgebildet, auf seinem rechten ein feuerspeiender Drache und auf seiner Brust steht Dum spiro spero. Das ist lateinisch und heißt auf Deutsch: So lange ich atme, hoffe ich. Das hab ich im Internet herausgefunden, aber worauf der Mann hofft, stand da natürlich nicht. Ich glaube allerdings, er muss ziemlich viel Hoffnung haben, denn er atmet beim Gewichteheben sehr heftig und manchmal hechelt er sogar. Wenn er fertig ist, trinkt er eine Flasche Milch und dann knipst er entweder das Licht aus oder schaltet die Glotze an und manchmal auch beides gleichzeitig.

Im ersten Stock lebt eine Familie mit drei Kindern. Die sind vorgestern in die Ferien gefahren. Ich habe ihnen beim Kofferpacken zugeschaut und vermute, dass sie Urlaub am Meer machen, weil sie Strandtücher und Schwimmflossen und Schnorchel eingepackt haben. Der ältere Sohn wollte außerdem seine Playstation einpacken, aber das hat die Mutter verboten, und als sie aus dem Zimmer ging, hat er alle Klamotten aus dem Koffer wieder rausgeschmissen und die Playstation heimlich wieder eingepackt.

Wer im Erdgeschoss wohnt, kann ich nicht erkennen, weil die unteren Fenster von einem kleinen Anbau verdeckt werden. Der ragt aus der rechten Häuserwand in den Hinterhof und ist nur ein paar Meter von unserem Haus entfernt. Würde ich ein langes Brett aus meinem Fenster schieben, könnte ich von meinem Zimmer auf das Dach balancieren (vorausgesetzt, ich säße nicht im Rollstuhl). In dem Anbau ist nur eine einzige Wohnung und dort wohnt ein Mann, der mir früher nie aufgefallen war. Was er hauptberuflich machte, sollte ich bald erfahren, und später fand ich heraus, dass er noch einen Nebenberuf hatte.

Und damit begann eine Geschichte, die so nervenzerreißend war, dass ich am liebsten selbst eine Packung Beruhigungstabletten gefuttert hätte, um die Spannung auszuhalten.

* * *

Tja. Das waren also meine drei Anfänge.

Aber ganz egal, welcher euch am besten gefällt, sie laufen alle auf dieselbe Geschichte hinaus und die erzähle ich natürlich nur ein Mal. Wie ich meine erste Ferienwoche verbracht habe, wisst ihr ja jetzt – und so richtig los ging das Ganze dann auch erst in der Mitte der zweiten Ferienwoche. Dazu spule ich noch mal zurück zu dem Mittwochvormittag, als ich im Rollstuhl an meinem Fenster zum Hof saß und mit dem Fernglas auf den Einzug meiner besten Freundin Flo wartete.

2.

EIN SOLOKONZERT UND EIN EINZUG MIT ÜBERRASCHUNGEN

Es war Viertel vor elf. Die Sonne strahlte aus einem blitzblauen Himmel, im Garten jagte Schneewittchen nach Schmetterlingen und wahrscheinlich jubilierten die Vögel über so viel Sommerglück aus voller Kehle. Hören konnte ich sie leider nicht, weil mein Babybruder mal wieder ein Konzert in meinem Zimmer gab.

Leandro war im Juli sieben Monate alt geworden, aber für Papai war schon jetzt sonnenklar: Sein Sohn würde mal ein großer Musiker werden. Leandro liebt die Lieder von Olodum, der brasilianischen Samba-Reggae-Gruppe aus Papais Heimatstadt Salvador da Bahia. Immer wenn Papai ihre CD auflegt, dreht Leandro komplett durch – oder besser gesagt auf. So wie heute.

U-LO-DU, DU-BO-DA, BO-DU-LO krakeelte er in Höchstlautstärke mit Olodums Trommelgesängen um die Wette. Dazu kloppte er mit einem Kochlöffel auf das Mobile aus Blechbüchsen, Coladosen und Topfdeckeln ein. Das hatte Enzo für ihn gebastelt und ich nahm mir vor, es zukünftig in Enzos Zimmer aufzustellen, damit er mal hören konnte, was er mit seinen Geschenken so anrichtete.

Bis auf die Windel war Leandro nackt. Die Haut meines kleinen Bruders ist kaffeedunkel und seine pechschwarzen Locken kringeln sich noch doller als meine. Er sieht Papai unglaublich ähnlich und darauf bin ich ehrlich gesagt ein bisschen eifersüchtig. Wegen meiner hellen Haut und meinen blonden Haaren glaubt nämlich erst mal kein Mensch, dass ich zur Hälfte Brasilianerin bin, aber Papai sagt, dafür habe ich die Schönheit von Mama geerbt.

Die war heute im Krankenhaus. Seit einem Monat arbeitete sie wieder ein paar Vormittage in der Woche als Krankenschwester. Papai übernahm dafür die Abendschichten im Restaurant, während Penelope und Opa dort tagsüber die Stellung hielten. Heute würde allerdings nur Opa im Restaurant sein, weil Penelope mit Flo und Enzo den Umzug machte.

Wo blieben sie überhaupt? Ich griff wieder nach dem Fernglas und starrte auf die Wohnung gegenüber. Als Leandro nach einer kurzen Atempause zu seiner hundertsten Zugabe ansetzte, rollte ich in den Flur und brüllte: „ERLÖÖÖÖÖÖSUNG! Ich krieg die KRISE!“

„Moment!“, kam es aus dem Wohnzimmer. Dort hockte Papai schon den ganzen Vormittag an seinem Laptop und suchte nach passenden Fotos für die neue Restaurant-Website.

Als er in mein Zimmer kam, griff er Leandro unter die Achseln und hielt ihn hoch. Mein kleiner Bruder ging in die Knie, federte mit kräftigen Bewegungen auf und ab und Papai strahlte ihn an: „Muito bem, meu príncipe! Sehr gut, mein Prinz!“, sagte er stolz. „Weiter so, das trainiert die Beinmuskeln!“

„Kann dein kleiner Prinz sein musikalisches Fitnesstraining vielleicht ins Wohnzimmer verschieben?“, brummte ich und warf einen vorwurfsvollen Blick auf mein Gipsbein, das mal wieder grässlich juckte.

Papai machte ein zerknirschtes Gesicht. „Tut mir leid, Cocada! Ich muss heute diese Fotos abgeben, damit unsere Website fertig wird. Kann ich was für dich tun?“

„Verschaff mir ein eigenes Zimmer und ein gesundes Bein“, schnappte ich zurück.

Papai seufzte und ich hatte jetzt doch ein schlechtes Gewissen, weil ich so unausstehlich war. Ich liebte Leandro, aber manchmal wünschte ich mir wirklich mein eigenes Zimmer zurück. Und mein gesundes Bein noch viel mehr!

„Sind sie schon da?“, fragte Papai und deutete zum Innenhof. Ich schüttelte den Kopf, bat Papai, das Fenster zu öffnen, und war froh, als er mitsamt dem großen Musiker und dessen Kochlöffel aus meinem Zimmer verschwand.

Die friedliche Ruhe im Hinterhof kam mir plötzlich paradiesisch vor. Im vierten Stock goss die alte Dame ihre orangefarbenen Ringelblumen und die lila Lockenwickler in ihren Haaren erinnerten mich an Madame Balibar. Ihr gehörte die Wohnung, in die heute meine beste Freundin einziehen würde. Madame Balibar lebte seit Kurzem bei ihrer besten Freundin auf dem Land, aber als Erinnerung hatte sie uns ihren Wörterbaum zurückgelassen. Die beschrifteten Porzellanscherben, die an langen Bindfäden in der alten Eiche hingen, klingelten leise im Wind, als ob auch sie darauf warteten, dass Flo&Co endlich mit dem Umzugswagen anrückten.

Im dritten Stock räumte die traurige Frau den Küchentisch ab. Ich beobachtete, wie sie die Zeitung nahm und in viele kleine Teile zerriss. Der tätowierte Gewichtheber im zweiten Stock war nicht zu Hause, aber dafür hörte ich die Stimme eines anderen Mannes. Erst wusste ich nicht, woher sie kam, doch dann fiel mein Blick auf den Bewohner des kleinen Anbaus. Er lag schräg unter mir. Nicht der Bewohner natürlich, sondern der Anbau. Von hier aus konnte ich direkt in das offene Fenster sehen. Ich erkannte das halbe Wohnzimmer und ein Stück Flur. Der Mann saß gerade am Tisch und telefonierte. Er trug ein schwarzes Muskelshirt und kritzelte irgendetwas auf einen Zettel.

„Und wie streckt man das Zeug am besten?“, hörte ich ihn fragen und wunderte mich, wie hellhörig es im Hinterhof war. Früher war mir das nie aufgefallen, aber da hatte ich meine Freizeit auch noch nicht im Rollstuhl am offenen Fenster verbringen müssen. Mein Nachbar nickte, grinste zufrieden, dann kritzelte er wieder etwas auf seinen Zettel und dann lenkte mich ein Pfeifen ab. Es kam von links.

Im Garten stand ein Junge mit einem schmalen Gesicht, funkeldunklen Augen und einer himmelblauen Pluderhose, auf die riesige knallrote Blüten gestickt waren. In der linken Hand hielt er eine Videokamera. Sie war auf mein Fenster gerichtet. Hinter ihm sah ich die schwarzen Zauselhaare meiner besten Freundin.

„ENZO! FLO!“, kreischte ich. „Na endlich! Ihr seid da!“

Der Nachbar aus dem kleinen Anbau machte sein Fenster zu. Er hatte einen Ziegenbart und eine lange spitze Nase und blickte mit gerunzelter Stirn zu mir hoch. Aber das interessierte mich jetzt nicht die Pupsbohne. Ich wollte zu Flo&Co. Inzwischen war auch Mama zu Hause. Sie übernahm Leandro und Papai holte Jeff, um mich mit seiner Hilfe im Rollstuhl nach unten zu tragen. Jeff ist der Freund von Flos Mutter und der Vater von Alex. Seine schulterlangen Haare waren zu einem Zopf zusammengebunden, und als er mich aus seinen grünen Augen anblitzte, vermisste ich Alex ganz schrecklich.

„Ich soll dich grüßen“, sagte Jeff. „Alex hat heute aus Paris angerufen und freut sich wie verrückt auf dich.“

Unten hielt Enzo die Wohnungstür auf und filmte mich mit seiner Kamera. „Achtung, Achtung!“, rief er. „Hier kommt kostbare Fracht aus Halbbrasilien. Bitte liefern Sie das Paket unbeschädigt im Hausflur ab!“

„Knallkopf“, brummte ich, aber die Möbelpacker, die gerade mit Flos Apothekerschrank im Anmarsch waren, machten uns grinsend Platz. Als ich mich im Rollstuhl durch den Flur ins Wohnzimmer bewegte, musste ich wieder an Madame Balibar denken. Letzten Sommer hatten wir sie kennengelernt und plötzlich sehnte ich mich nach dem Duft von französischem Apfelkuchen, den sie in ihrer winzigen Küche für uns gebacken hatte. Damals hatte Flo im Rollstuhl gesessen und mir fiel ein, dass sie in Madame Balibars vollgestopftem Wohnzimmer ihre ersten Gehversuche ohne Krücken gemacht hatte.

Jetzt konnte man die Wohnung kaum wiedererkennen, denn vor den Sommerferien war sie mit der angrenzenden Nachbarwohnung verbunden worden. Innen roch es nach frischer Farbe und im Wohnzimmer stapelten sich die Kartons, die meine beste Freundin auf zwei gesunden Beinen hereinbrachte.

Vom Wohnzimmerfenster aus erkannte man auf der rechten Seite mein Zimmerfenster und gegenüber lag der kleine Anbau. Von hier aus blickte man in ein anderes Zimmer, aber bis auf die Ecke eines Kleiderschranks und eine vergammelte Topfpflanze auf dem Fensterbrett war nicht viel zu sehen.

Um mich herum war ein riesiges Gewusel im Gang. Penelope trug Körbe und Kleidersäcke herein. Sie hatte ein rotes Tuch um ihre schwarzen Haare gebunden und ihr kurzer Flatterrock war genauso dunkelblau wie ihre Augen.

„Hallo, Frau Nachbarin“, begrüßte sie mich mit ihrer samtigen Stimme. „Schön, dass du da bist!“

Papai und Jeff luden mit den Möbelpackern die schweren Sachen aus dem Umzugswagen und schleppten sie keuchend durch den Flur. Einige Möbel kannte ich noch gar nicht: ein blaues Bettsofa, einen Schreibtisch und mehrere Riesenkartons von IKEA.

„Das kommt ins Gästezimmer“, rief Penelope ihnen zu.

„Ins Enzozimmer!“, korrigierte Enzo, der jetzt seinen schrankgroßen Koffer durch den Flur zog. „Hier entlang, meine Herren!“

„Er ist seit heute Morgen um fünf wach“, flüsterte Penelope mir ins Ohr. „Ich glaube, er ist noch aufgeregter als wir. Warte, Jeff, das ist zerbrechlich!“ Sie rauschte zur Tür und half Jeff, ihren großen, mit Muscheln gefüllten Glaswürfel ins Wohnzimmer zu tragen, während ich mir im Rollstuhl plötzlich selbst vorkam wie ein sperriges Möbelstück.

„Hey“, schimpfte ich, als Flo eine Plastikwanne mit Penelopes CDs vor mir abstellte. „Wollt ihr mich zubauen?“

„Oh, tut mir leid!“ Flo wischte sich die feuchte Stirn mit dem Ärmel ihres T-Shirts ab. „Komm, ich zeig dir alles.“

Sie lenkte meinen Rollstuhl durch den vollgestellten Flur in die Küche. Nach dem Durchbruch war sie doppelt so groß wie früher. Der Esstisch stand schon an der Wand, die sommerwiesengrün gestrichen war. Durch die Gartentür fiel das Sonnenlicht und malte glitzernde Flecken auf die hellen Holzböden.

„Wow“, sagte ich.

„Warte erst, bis du den Rest siehst“, sagte Flo. „Wir haben alle Zimmer in einer anderen Farbe streichen lassen.“ Ihre Stimme hüpfte vor Freude auf und ab. „Ich kann’s noch gar nicht glauben, dass wir hier einziehen. Das ist Penelopes Reich.“ Flo schob mich in das Zimmer am Ende des Flurs. Hier waren die Wände dunkelrot und in der Mitte stand das riesige Bett, das Penelope letzte Woche mit Jeff auf dem Trödelmarkt in der Hafencity gekauft hatte.

„Da werden bald kleine Babys gezeugt“, kicherte ich.

„Hör bloß auf!“ Flo zwickte mir in den Nacken. „Ein verrückter Pflegebruder reicht mir. Jeff behält seine Wohnung in der Speicherstadt. Wenn er mit Alex und Pascal bei uns übernachten will, wird es eng.“

„Dann schläft Alex eben bei mir“, sagte ich. „Und sein kleiner Bruder kommt in dein Zimmer.“

„Oder ins Enzozimmer“, sagte Flo. Sie schob mich zum anderen Ende des Flurs. Die Tür war geschlossen, und als wir sie öffneten, sahen wir Enzo in der Mitte des Zimmers liegen, Arme und Beine so weit von sich gestreckt wie ein Hampelmann. Aber er hampelte nicht. Er lag ganz still auf dem glänzenden Holzboden und schaute zur Zimmerdecke, als läge er unter einem Sternenhimmel. So sah die Zimmerdecke auch aus. Sie war dunkelblau und übersät von winzigen goldenen Punkten. Auch die Wände waren in einem goldfarbenen Ton gestrichen und vor dem Fenster stand ein Umzugskarton mit der Aufschrift: Kochbücher. Davon hatte Enzo eine ganze Sammlung und er war der reinste Sternekoch. Rappen und Steppen konnte er auch. An seinem ersten Schultag hatte er ein Solokonzert auf dem Lehrerpult gegeben. Jetzt trommelte er mit den Fingerspitzen auf den Holzfußboden. Aber diesmal merkte er nicht, dass er Publikum hatte.

„Ich mal ein Schild für meine Tür.

Kein Eintritt, denn ich bin heut hier.

Zu Hause“,

sang er sein leises Lied ganz für sich allein.

In meinem Herzen wurde es löwenzahngelb. Flo legte ihre Hände auf meine Schultern. Wir hielten den Atem an und waren froh, dass Enzo uns nicht sah.

„Ich fasse es einfach nicht, dass seine Mutter ihn einfach so abgeschoben hat“, flüsterte ich, als Flo die Zimmertür lautlos geschlossen hatte. „Atmet die eigentlich immer noch bei diesem indischen Shrim Shrim für den Weltfrieden?“

„Keine Ahnung“, sagte Flo. „Aber wenn ja, dann scheint sie einen ziemlich langen Atem zu haben.“

Allerdings. Mittlerweile waren es fast vier Monate her, seit die durchgeknallte Gudrun mit einer Lebenskrise und ihrem Sohn Enzo in Penelopes und Flos Leben aufgekreuzt war. Für genau einen Abend. Am nächsten Morgen hatte sich Gudrun wieder aus dem Staub gemacht. Auf einem Zettel hatte sie Penelope mitgeteilt, dass sie im indischen Kloster ihres heiligen Meisters Shrim Shrim Akhtar zu innerem Reichtum finden wollte.

Reich wurde allerdings erst mal der heilige Meister, denn seine Atemkurse kosteten eine fette Stange Geld. Das hatte Jeff später herausgefunden. Enzo dagegen war von Gudrun ohne einen einzigen Cent bei Penelope zurückgelassen worden. Hallo? Was für eine Mutter tut so was? Flos und meine zum Glück nicht – und während ich beim Gedanken an Enzos Mutter mal wieder Schnappatmung bekam, bimmelte in Flos Hosentasche ein Handy.

„Warte“, sagte sie und fischte es heraus. „Das ist das von Penelope. Hallo?“ Flo presste das Handy ans Ohr. „Nein, hier ist Flo, Penelopes Tochter. Wer? … Ich verstehe Sie ganz schlecht. Wer ist denn da? … Oh …“ Flo zuckte zusammen. „Äh. Wir ziehen gerade um. Soll ich sie holen? … Ach so … Ja.“ Flo zuppelte an ihren Haaren herum. Dann fing sie an, auf ihrer Zunge herumzukauen, was sie nur macht, wenn sie sehr nervös ist.

„Wer ist das?“, flüsterte ich.

Flo schüttelte den Kopf und drehte sich weg. „Was?“, sagte sie plötzlich scharf. „Aber wann … Hallo?“ Flo rief noch einige Male ins Telefon, doch offenbar war die Verbindung abgebrochen. Endlich legte sie das Handy weg und starrte mich an.

„Das glaubst du nicht“, murmelte sie. „Wenn man vom Teufel spricht.“

Meinte sie etwa …? OJEEE!

„Bitte“, flüsterte ich. „Sag jetzt nicht, das war Gudrun.“

Flo seufzte. Dann nickte sie.

„Ja, und?“ Ich rutschte in meinem Rollstuhl hin und her. „Jetzt mach es doch nicht so SPANNEND! Was wollte sie?“

„Penelope mitteilen, dass sie zurückkommt. Und große Neuigkeiten hat. Und …“, Flos Stimme kiekste weg, „… und dass sie Enzo abholen will.“ Sie ballte die Hände zu Fäusten. „Oh Mann! Vor ein paar Monaten hätte ich jedem Geld gegeben, der mir Enzo vom Hals geschafft hätte. Aber jetzt …“

Mir wurde ganz schlecht. „Wann?“, fragte ich.

„Bald“, sagte Flo.

„WANN ist bald?“

„Das hat sie nicht gesagt.“ Flo steckte das Handy zurück in ihre Hosentasche. „Die Verbindung war miserabel. Sie hat gesagt, Penelope soll sie zurückrufen, und dann war sie weg.“

„Ich hoffe, sie bleibt auch weg!“, fauchte ich und sah zum anderen Ende des Flurs, wo Penelope gerade ein Bild gegen die Wand lehnte. „Du erzählst ihr doch nichts von dem Anruf, oder?“

„Ich weiß nicht.“ Flo knabberte auf ihrer Unterlippe.

„Aber ich“, flüsterte ich bestimmt. „Bald ist jedenfalls nicht heute. Und auch nicht morgen und mit Glück auch nicht nächste Woche. Komm schon, Flo! Enzo ist so glücklich. Und was er nicht weiß, macht ihn nicht heiß. Bitte, sag Penelope nichts.“

„Okay.“ Flo schob mich eine Tür weiter. „Ich zeig dir mein Zimmer“, sagte sie. Aber ihre Stimme hüpfte nicht mehr.

Flos Zimmer war das größte in der ganzen Wohnung. Die Wände waren türkisblau wie die Südsee im Sommer. An der einen Wand stand schon Flos Apothekerschrank mit den 99 Schubladen und auf die andere Wand war ein riesiger Walfisch gemalt.

„Wo hast du Harms?“, fragte ich.

„Hier.“ Flo zeigte auf einen Schuhkarton, der vor dem Apothekerschrank stand. In den Kartondeckel waren Löcher gebohrt und drinnen hörte ich ein leises Fiepen.

Flo öffnete den Karton und ihr Hamster kletterte mit sichtlicher Anstrengung auf ihre ausgestreckte Hand. Sein braunes Fell war struppig und sein Köpfchen hatte lauter kahle Stellen, als hätte ihn jemand mit einem Minirasierer geschoren. Harms war zweieinhalb, was für einen Hamster ein hohes Alter ist. In Menschenjahren wäre er damit so etwa hundertfünf.

„Jetzt kommst du in dein Zimmer.“ Flo zog Schublade Nummer 7 auf, und als sie ihren Hamster vorsichtig darin absetzte, streckte Enzo seinen Kopf durch die Tür.

„Ist unsere neue Wohnung nicht absolut der HAMMER?“, fragte er.

„Ja“, sagte ich und in meiner Brust wurde es so dunkel wie in einer indischen Nacht ohne Sterne. Gudruns Anruf hatte mir die gute Laune vermasselt und Flo war auch ziemlich schweigsam.

Nachdem ich ihr vom Rollstuhl aus geholfen hatte, die 99 Schubladen einzurichten, musste ich aufs Klo. Flo schob mich ins Bad und holte meine Krücken, die Papai mit nach unten gebracht hatte. Richtig benutzen durfte ich sie erst ab Ende der Woche, aber bei der Krankengymnastik hatte ich gelernt, wie ich mich aufstützen musste, damit ich vom Rollstuhl aus aufs Klo kam. Obwohl ich diese Akrobatenübung mittlerweile beherrschte, kam ich diesmal trotzdem nicht zum Pinkeln. Denn als ich den Deckel hochklappte, sah ich, dass das Klo schon besetzt war.

Aus dem Abfluss lugte ein Köpfchen. Es hatte graubraunes Fell und kohlschwarze Kugelaugen. Für eine Sekunde fragte ich mich, welches magische Transportmittel Hamster Harms aus seiner Schublade in Flos Klo befördert hatte. Aber es war nicht Harms. Zu diesem Köpfchen gehörte nämlich ein sehr viel größerer Körper. Und ein sehr, sehr langer rosa Schwanz. Den sah ich, als der behaarte Klobewohner mit einem riesigen Satz auf den Klodeckel hüpfte, von dort auf den gekachelten Boden sprang und dann in einem Affen- oder besser gesagt Rattentempo durch das Bad in den Flur flitzte.

3.

DER RATTENFÄNGER VON HAMBURG

Die Kloratte hatte sich pitschnass ins Enzozimmer geflüchtet. Dort hockte sie hinter dem Umzugskarton mit Kochbüchern und stierte mit ängstlichen Augen auf Enzo, der sofort seine Videokamera gezückt hatte. Ihr linkes Ohr sah aus, als hätte eine andere Ratte ein Stück davon abgebissen, und ihren Rattenschwanz hätte ein Zwerg glatt als Lasso benutzen können. Vor lauter Aufregung köttelte sie den Boden voll, offensichtlich war der Schrecken jetzt auf ihrer Seite. Damit unser Überraschungsgast nicht wieder rauslaufen konnte, hatte Flo blitzschnell die Tür geschlossen. Sie war voll des Mitleids – ganz im Gegensatz zu Penelope, die jetzt mit einem Karton hereinkam. Die Ratte flitzte quer durchs Zimmer, Penelope ließ kreischend den Karton fallen und Flo warf die Tür ein zweites Mal zu. In letzter Sekunde, sonst wäre die Ratte futsch gewesen.

„Wo kommt die denn her?“, keuchte Penelope.

„Aus dem Klo“, erklärte Flo.

„WAS?“ Penelope lehnte sich an die Wand. Sie sah aus, als würde sie jeden Moment in Ohnmacht fallen.

„Hast du eine Rattenphobie?“, erkundigte ich mich und war plötzlich sehr erleichtert, dass aus der Kloschüssel kein Frosch gehüpft war. Vor Fröschen habe ich nämlich eine Phobie, aber die Vorstellung, dass ich um ein Haar einer Ratte auf den Kopf gepinkelt hätte, war natürlich auch nicht witzig.

„Ich teile mein stilles Örtchen gerne mit den menschlichen Mitbewohnern“, sagte Penelope mit schwacher Stimme. „Aber Ratten kommen mir nicht ins Haus, erst recht nicht auf diesem Weg.“ Damit rauschte sie ins Wohnzimmer, um Jeff über den Ernst der Lage zu informieren.

Ich rollte hinter ihr her. Papai war mittlerweile ins Restaurant gefahren und die Möbelpacker hatten Feierabend.

„Nur die Ruhe.“ Jeff nahm Penelope tröstend in den Arm, dann zückte er sein Handy und suchte im Internet nach Hilfe. „Ich hab hier was: „Sanitärdienst Klammwasser. Rattenschutz für Toilette, Rohr und Kanal.“ Jetzt grinste er. „Ein Klempner namens Klammwasser. Für mich klingt das vertrauenerweckend.“ Er tippte die Nummer in sein Handy, wartete und runzelte die Stirn. „Besetzt.“

„Ruf noch mal an“, drängte Penelope und schob einen Karton mit der Aufschrift „zerbrechlich“ zur Seite. „Ich habe keine Lust, heute Nacht in den Garten zu pinkeln.“

„Ich versuch es woanders“, entschied Jeff, als nach dem zweiten Anruf noch immer besetzt war.

„Aller guten Dinge sind drei“, sagte Penelope. Hätte sie das nicht gesagt, dann hätte Jeff vielleicht eine andere Nummer gewählt. Und dann hätte ich diese Geschichte vielleicht nie erzählen können. Aber beim dritten Versuch hob Jeff den Daumen. „Freizeichen.“

In dem kleinen Anbau gegenüber schloss der langnasige Nachbar gerade das Gartenfenster mit der Topfpflanze. Dann drehte er sich um, ging in Richtung Kleiderschrank und hielt ruckartig inne. Er kratzte sich am Kopf. Und kam zurück zur Fensterbank.

„Hallo?“ Das war Jeffs Stimme. „Spreche ich mit Herrn Klammwasser?“

Ich verschluckte mich, weil ich losprusten wollte und gleichzeitig den Atem anhielt. Keine gute Kombination. Aber was ich sah, war wirklich sehr, sehr schräg. Der langnasige Nachbar steckte sich den Finger in die Nase und popelte. Das war erst mal eklig. Das Schräge kam gleich danach. Der Nachbar hatte jetzt wieder das Telefon am Ohr und im nächsten Moment hörte ich Jeff sagen: „Jeff Brücke, guten Tag. Meine Freundin ist heute in ihre neue Wohnung gezogen und gerade kam eine Ratte aus der Toilette. Hätten Sie kurzfristig noch einen Termin?“

Jeff wartete und der Mann gegenüber legte den Hörer auf das Fensterbrett. Mit der linken Hand blätterte er in irgendwas herum und mit dem Finger der rechten Hand bohrte er so tief in der Nase, dass ich dachte, gleich landet er im Gehirn. Dann sah er auf seine Armbanduhr und griff wieder zum Hörer.