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Titelseite
Widmung

1.

EINE LATEINISCH-GRIECHISCHE KRANKHEIT UND EINE DROHENDE KATASTROPHE

Ich heiße Lola Veloso. Ich bin elfdreiviertel, wohne in der Hamburger Bismarckstraße 44, gehe in die fünfte Klasse einer Stadtteilschule und bitte euch um euer Mitleid. Ich hätte wirklich gerne einen spannenderen Einstieg für meine Geschichte gefunden, aber als das Ganze anfing, war ich leider krank. Ich wünschte, ich könnte sagen, dass ich Grippe hatte oder Magen-Darm oder von mir aus auch Epiphysiolysis capitis femoris. Das war die Krankheit meiner besten Freundin, der vor einem Jahr die Wachstumsfuge aus der Hüfte geknallt ist und die danach im Rollstuhl sitzen musste. Aber jetzt kann sie wieder so gut laufen, dass sie vor den Ferien beim Leichtathletikwettbewerb die Goldmedaille gewonnen hat, während ich Nacht für Nacht im Bett lag, ohne zu wissen, ob ich jemals wieder gesund werden würde.

Bis zu den Märzferien wusste ich nicht mal, wie meine Krankheit überhaupt hieß. Aber als ich in der ersten Ferienwoche die zweite Hochzeit meiner Tante plante, klärte sie mich auf, und seitdem war klar: Ich hatte eine Identitätskrise.

Tja. Wenn ihr euch jetzt fragt, was das bedeuten soll, dann geht es euch wie mir in den Märzferien. Als ich meine Tante bat, mir das Wort zu erklären, das sie weiß-der-Himmel-wo aufgeschnappt hatte, war sie mit ihren Gedanken schon wieder bei ihrer Hochzeit, für die sie erst noch geschieden werden musste. Aber das mit meiner Tante ist eine andere und etwas komplizierte Geschichte und die erzähle ich lieber später.

Jedenfalls musste ich die Bedeutung meiner Krankheit selbst herausfinden. Das hat mich ganze zwei Stunden gekostet, weil im Fremdwörterlexikon jedes Fremdwort mit mindestens dreizehn weiteren Fremdwörtern erklärt wird. Und davon können wahrscheinlich auch gesunde Wortsucher an plötzlichem Gehirntod durch Überforderung erkranken. Um euch das zu ersparen, fasse ich meine Herausfindungen am besten kurz zusammen.

Also: Eine Identitätskrise besteht aus zwei verschiedenen Worthälften. Die Identität kommt aus dem Lateinischen und ist das einzigartige und unverwechselbare Wesen eines Menschen. Das ist gut. Die Krise kommt aus Griechenland und ist der Gipfel einer gefährlichen Entscheidungssituation. Das ist schlecht. Und wenn sich die lateinische Identität mit der griechischen Krise verbindet, wird es leider sehr schlecht, dann weiß man nicht mehr, wer man ist. Im schlimmsten Fall kann die Krankheit sogar dazu führen, dass man einen an der Klatsche kriegt. Mama hat mir neulich eine Geschichte von einem Mann erzählt, der in Unterhose und mit einem Skalpmesser durch die Fußgängerzone lief, weil er sich für den Urenkel von Winnetou hielt und eine Mission der Göttin Massakah erfüllen wollte. In Wirklichkeit war der Mann ein Erdkundelehrer aus Bielefeld, aber das wusste er eben nicht mehr. Vielleicht hatte er im Erdkundeunterricht ja gerade Indianer im Wilden Westen durchgenommen und seine Schüler hatten ihn wegen schlechter Noten mit rauchenden Colts überfallen. Darüber konnte mir Mama aber leider nichts weiter sagen und über die Mission auch nicht. Bevor der Mann sie erfüllen konnte, hatte ihn die Polizei geschnappt und in eine Irrenanstalt gesperrt. Das Skalpmesser hatten sie ihm abgenommen, und ich kann dem Mann nur wünschen, dass ihm die Polizei wenigstens ein Unterhemd gegeben hat, denn das Ganze passierte im Winter.

Jetzt ist Frühling und mir passiert so was Gruseliges hoffentlich gar nicht. Ich leide zum Glück ja auch nur zur Hälfte an dieser Identitätskrise, denn tagsüber weiß ich sehr genau, wer ich bin. (Siehe oben.)

Aber als ich noch ganz gesund war, besaß ich eine zweite Identität, und zwar immer dann, wenn ich nachts im Bett lag und nicht einschlafen konnte. Ich stellte mir vor, wer ich wohl wäre, wenn ich nicht ich wäre, und mir fiel auch immer etwas ein. Als berühmter Popstar hatte ich Fans, die sich kreischend vor mir auf den Boden warfen. Als Reporterin zwang ich Mörder in Gefängnissen zu einem Interview. Und als Spionin schrumpfte ich bedrohliche Restauranttester in pupsige Eiswürfelmännchen. Die Liste meiner nächtlichen Identitäten ist lang. Berühmt war ich in allen Fällen und bekam auch keinen an der Klatsche, denn wenn ich tagsüber aufwachte, war ich einfach wieder Lola. Die war ich natürlich auch, als diese Geschichte anfing. Aber nachts lag ich schlaflos im Bett und wusste nicht, was aus mir werden sollte.

Dabei hatte ich alles darangesetzt, für meine schlaflosen Nächte eine neue Identität zu finden. Oma sagt, je höher man kommt, desto tiefer ist der Fall nach unten. Deshalb kriegen auch berühmte Menschen manchmal einen an der Klatsche und so versuchte ich es vor den Märzferien erst einmal mit einer bescheidenen Identität.

Ich wurde Nonne. Mit reinem Herzen und nach Gottes Willen betete ich in einem einsamen Kloster für den Weltfrieden, bis mich ein himmlischer Engel aufrief, der Menschheit Gutes zu tun. Also versorgte ich die Armen mit Essen, wusch Cowboys, Mathelehrer und Rassistenschweine von ihren Sünden rein und nähte den Verrückten Pyjamas, damit sie nicht in Unterhose in der Irrenanstalt wohnen mussten. Doch eines Nachts tauchte ein französischer Mönch in meiner Klosterkammer auf, entführte mich auf seinem Skateboard nach Paris und damit war mein Leben als Nonne vorbei.

In Paris wurde ich als verruchte Tänzerin in einem Nachtklub berühmt, aber das hielt leider auch nur für zwei Nächte. In der dritten Nacht wurde der Klub von einem brasilianischen Sambatänzer überfallen. Nach der Show gab er mir einen Kuss auf den Mund und wurde daraufhin von meinem französischen Geliebten erstochen. In der vierten Nacht wurde ich Totengräberin und in der fünften Nacht bekam ich Kopfschmerzen, weil mich diese ständigen Berufswechsel ganz durcheinanderbrachten.

Als ich meiner Freundin vor den Ferien von meinen Problemen berichtete, krauste sie die Nase und fragte: „Lola, könnte es sein, dass du die Trennung von Alex nicht verträgst? Oder dass du heimlich vielleicht doch in Fabio verknallt bist?“

„Nein und nein“, sagte ich verstimmt. „Erstens sind Alex und ich nicht richtig getrennt. Zweitens ist die Sache mit Fabio längst geklärt. Und drittens lass mich gefälligst mit meinem Liebesleben zufrieden, capito?“ Das hatte mich im letzten Jahr nämlich wirklich fast verrückt gemacht.

Flo zuckte die Achseln und ich freundete mich mit dem Gedanken an, dass meine nächtliche Identitätskrise unheilbar war.

Irgendwie schien diese Krise ohnehin die reinste Seuche zu sein, denn außer meiner Identität hatte sie auch andere Menschen und sogar andere Länder angesteckt. Opa jammerte sonntagmorgens beim Zeitungslesen über die Wirtschaftskrise. Die kam angeblich auch aus Griechenland. Sie hatte irgendwas mit Schulden zu tun und führte dazu, dass die Leute weniger aßen und lasen. Jedenfalls machten sich Opa und Papai Sorgen, dass die Perle des Südens nicht mehr brummte. Und Oma hatte Angst, dass sie ihre Arbeit im Buchladen verlieren könnte. In Mamas Krankenhaus war es dafür voller denn je (wahrscheinlich wegen der vielen Krisenfälle), aber Mama war vor dem Arbeiten geschützt. Mütter mit kleinen Babys bekommen nämlich Mutterschutz und ihr Geld auch ohne Arbeit. Trotzdem klagte sogar Mama die ganze Zeit, dass sie langsam die Krise kriegte, weil mein kleiner Bruder Tag und Nacht an ihren Busen wollte. Deshalb verbrachten wir die Märzferien auch zu Hause und Mama war schon so leer getrunken, dass sie aussah wie ein schlaffer Luftballon. Außer am Busen. Ihre Brüste waren richtige Milchbomben, weil sie nach jeder Mahlzeit eine neue Ladung produzierten. Mein verfressener kleiner Bruder glich mittlerweile einem Sumo-Ringer. Er hatte drei fette Rollen Speck an jedem Bein, echt wahr! Und dass Mamas Brustmilch auch stark machte, musste Schneewittchen erfahren. Als Leandro im März drei Monate wurde, lernte er greifen und riss meiner Katze fast den Schwanz aus. Davon bekam Schneewittchen eine Babykrise und zog vorübergehend wieder in den Garten unserer Nachbarin Vivian Balibar.

Hab ich noch eine Krise vergessen? Ach ja. Flos Mutter Penelope bekam Ende März Krisantemen. Das sind Blumen, die aber glaube ich anders geschrieben werden. Und gelitten hat Penelope auch eigentlich mehr unter dem Zettel, der in den Krisenblumen steckte. Der war von ihrer Freundin Gudrun, die eine Lebenskrise hatte und einen Sohn namens Enzo. Der spielt eine wichtige Rolle in dem Krisenherd, auf den meine Geschichte hinausläuft. Ein Krisenherd ist so was Ähnliches wie eine Katastrophe, die bei uns auch was mit Kochen zu tun hat und mit Mobbing und anonymen Liebesbriefen und ähm  stopp.

Meine Freundin sagt, wenn ich so weitermache, kriegt ihr vielleicht die Krise, weil ich schon wieder am Ende bin, bevor die Geschichte überhaupt losgeht.

Also spule ich noch einmal zurück und lasse meine Geschichte ordentlich beginnen – an dem Abend Ende März, als der Krisenherd noch in weiter Ferne war.

2.

TOTE TIERE AUS CHINA, EIN ANRUF AUS PARIS UND BESUCH IM INDISCHEN GEWAND

Der ordentliche Anfang der ganzen Geschichte war ein Sonntag. Es war der letzte Tag der Märzferien und Penelope und ich hatten Flo gerade vom Bahnhof abgeholt. Sie kam zurück aus Düsseldorf von ihrem Vater Eric.

Jetzt fuhren wir zu Jeff. Das ist der Vater von Alex und seit letztem November der Freund von Penelope. Er hatte uns zum Abendessen eingeladen. Ich saß mit Flo hinten im Auto und quetschte vor Freude ihre Hand. Am Gleis waren wir uns um den Hals gefallen und hatten einen wilden Wiedersehenstanz aufgeführt. So gehört sich das für beste Freundinnen! Aber jetzt wirkte Flo irgendwie bedrückt. Ihre Hand war schlaff und sie sah die ganze Zeit aus dem Fenster.

„Wann kommt denn Sol?“, fragte ich. Sol ist Flos Freund. Er verbringt die Ferien meist bei seiner Familie in Quito und das ist fast so weit weg wie Brasilien.

Flo stieß einen tiefen Seufzer aus und informierte mich über eine weitere Krise.

„Sol hat mich gestern angerufen“, murmelte sie. „In Quito gab es eine Unwetterkatastrophe. Die ganze Maisernte ist hin und Sol sitzt mit seiner Familie in der überschwemmten Farm seines Onkels fest. Wenn ich Pech habe, wird er dort noch eine ganze Weile bleiben müssen. Ich hatte mich so auf ihn gefreut.“

„Ach Flo“, sagte ich. „Das tut mir leid.“

„Mir auch.“ Flo zog die Nase hoch. „Jetzt vermisse ich gleich zwei Menschen.“

Ich legte meinen Arm um sie und Penelope warf ihr im Spiegel einen mitfühlenden Blick zu. Dass Flo mit dem zweiten Menschen ihren Vater meinte, mussten wir nicht fragen.

Der Abschied von Eric fiel Flo jedes Mal schwerer und diesen Trennungsschmerz kannte ich von Alex. Der besuchte seinen Vater (und mich!) ja auch nur in den Ferien. Aber seit Anfang Januar war Alex wieder in Paris bei seiner Mamong und das war auch der Grund, warum mich ein unordentliches Gefühl beschlich, als ich neben Flo an Jeffs großem Esstisch aus schwerem Glas saß. Bis jetzt war ich immer nur wegen Alex hier gewesen und ohne ihn kam ich mir ganz verloren vor.

Ich war froh, dass mich die vielen Schälchen ablenkten, in die Jeff kleine Fähnchen mit fremdartigen Namen gesteckt hatte. Er testete gerade chinesische Restaurants in Hamburg, und weil eines von ihnen auch Essen lieferte, hatte sich Jeff den halben Menüplan nach Hause bestellt. Damit standen auf seiner Kritikliste schon zwei Minuspunkte, denn die Lieferung hatte anderthalb Stunden gedauert und ein Menü fehlte. Dafür gab es kleine Partyschirmchen mit chinesischen Blüten und zu essen war auch genug da.

„Gong Bao Ji Ding“, las ich und schnupperte an dem Schälchen mit einer cremigen Soße. Sie duftete köstlich nach Nüssen.

„Das ist Hühnerbrust mit Erdnüssen“, sagte Jeff.

„Klingt lecker“, sagte ich.

Flo verzog das Gesicht. „Und was soll das sein?“ Sie zeigte auf ein Schälchen mit der Aufschrift Shui Zhu Nio Rui.

„Rindfleisch in scharfer Soße“, sagte Jeff. „Du magst doch scharf, Flo.“

Aber meine Freundin presste nur die Lippen aufeinander und warf Penelope einen eisigen Blick zu.

„Hast du es ihm nicht gesagt?“

Penelope seufzte.

„Was gesagt?“, fragte ich.

„Dass ich kein Fleisch mehr esse“, informierte mich meine Freundin streng.

„Kein Fleisch?“ Ich runzelte die Stirn. „Seit wann denn das?“

„Seit mir mein Vater“, Flo betonte dieses Wort, „die Augen geöffnet hat. Wisst ihr eigentlich, wie schrecklich diese Tiere leiden müssen, nur damit wir uns mit ihren Leichen die Wampen vollschlagen?“

Oje. Dass Flos Vater Bücher über Tiere schrieb, wusste ich. Sein erstes handelte von singenden Walen und sein neues von reisenden Pinguinen. Aber offensichtlich beschäftigte Eric sich jetzt auch mit scharfen Rindern und cremigen Erdnuss-Hühnern, deren Leichen in weißen Schälchen landeten. Plötzlich war ich mir nicht mehr sicher, ob ich sie essen wollte.

„Das hier ist Biofleisch“, versuchte Jeff meine Freundin zu beruhigen. „Diese Tiere sterben einen sanften Tod.“

„Hallo?“ Flo stemmte die Arme in die Hüften. „Willst du behaupten, ein sanfter Tod sei tierlieb? Für dieses dämliche Hui pfui, Schuh zu ist ein Rind jämmerlich abgeschlachtet worden. Ich kann euch gerne mal erzählen, wie das läuft. Mein Vater “ Wieder betonte sie dieses Wort und Penelope legte Flo die Hand auf den Arm.

„Vielleicht verschieben wir diese Geschichten, bis wir gegessen haben, mein Schatz. Jetzt gibt es bestimmt auch etwas, das dich fleischlos glücklich macht, stimmt’s, Jeff?“

Jeff nickte und lächelte Flo an. „Extra für dich habe ich Tángcùyú bestellt. Das ist

„Süß“, sagte ich zum einen, weil Jeff mir leidtat, und zum anderen, weil das Gericht wirklich süß roch. Ich häufte mir einen Löffel auf den Teller. „Das probier ich mal.“

Jetzt runzelte Jeff die Stirn, aber ehe er etwas sagen konnte, hatte ich meine Gabel in das Schälchen gepikst und mir ein Stück Fleisch in den Mund geschoben. Ich kaute. Es war ein bisschen süß und ein bisschen sauer und beides zusammen schmeckte ziemlich gut.

„Ist das Huhn oder Rind?“, fragte ich.

„Weder noch“, sagte Jeff und musterte mich ängstlich. „Tángcùyú ist süßsaurer Fisch.“

Penelope kicherte. Flo strich sich ihre schwarzen Zauselhaare aus der Stirn und machte einen spitzen Mund. Ich hielt die Luft an. Süßsaurer Fisch? Ungläubig kaute ich weiter.

„Sag jetzt nicht, dass es dir schmeckt“, zischelte meine Freundin. „Du hasst Fisch, schon vergessen?“

Was sollte ich sagen? Meine Freundin hatte recht. Ich konnte Fisch nicht riechen und hatte mich bis jetzt immer davor geekelt, dieses Stinktier zu essen. Aber dieser Fisch stank nicht und eklig schmeckte er auch nicht. Und Jeff sah mittlerweile so bedröppelt aus, dass ich es nicht übers Herz brachte, noch etwas Schlechtes zu sagen.

„Es schmeckt lecker“, verkündete ich, schluckte und pikste ein zweites Stück auf. „Hier, probier selbst.“ Ich hielt Flo die Gabel unter die Nase. „Du liebst doch Fisch.“

Flo, die heute ein langärmliges Totenkopf-Shirt trug, verschränkte die Arme vor der Brust.

„Vergangenheit“, sagte sie. „Nie wieder werde ich etwas anrühren, das Augen hat. Oder eine Seele.“

„Tja, dann“, sagte Jeff zu Flo, „werde ich dich als meine fachkundige Begleiterin mitnehmen, wenn ich vegetarische Restaurants teste. Und heute bin ich froh, dass auch seelenloses Essen auf dem Menüplan steht.“

Er zeigte auf ein Schälchen, dessen Inhalt aussah, als hätte ein Rind wiedergekäutes Gras hineingespuckt.

Cai Song Zi“, sagte Jeff. „Das ist Spinat mit Pinienkernen. Außerdem gibt es Frühlingsrollen mit Gemüse und Reis.“

Damit war Flo einverstanden und das Abendessen wurde dann auch sehr gemütlich. Jeder von uns durfte Punkte für die Speisen verteilen. Und Jeff versprach, Flos Bitte nach mehr vegetarischen Gerichten auf dem chinesischen Menüplan in seine Bewertung aufzunehmen, was Flo in eine deutlich bessere Stimmung versetzte.

Im Hintergrund lief die CD, auf der Penelope brasilianische Lieder sang. Jeff machte ihr ein Kompliment nach dem anderen und war der vollendete Gastgeber. Für Flo und mich hatte er Pflaumencocktails gemixt. Penelope und er tranken Sao Xing. Das ist chinesischer Reiswein, der Penelope einen kleinen Schwips bescherte. Sie kicherte die ganze Zeit, während Jeff lustige Geschichten von Restaurants erzählte.

Schließlich berichtete Flo von ihren Ferien. Ihr Vater Eric hatte Flo alles über seine Reise zu den Pinguinen erzählt und ihr unzählige Fotos gezeigt, aus denen er eine Diashow zusammenstellen wollte. „Mein Vater plant jetzt eine Lesereise“, sagte sie. „Ich habe ihm vorgeschlagen, dass er auch im Buchladen von deiner Oma liest. Was meinst du, Lola?“

Ich nickte, aber irgendwie war ich nicht ganz bei der Sache. Zum einen, weil ich ein normales Tischgespräch gar nicht mehr gewohnt war. Zu Hause wurde jede Mahlzeit vom Gebrüll meines kleinen Bruders unterbrochen, der nach Mamas Brüsten schrie. Nie konnten wir einen Satz zu Ende bringen. Zum anderen rumorte immer noch dieses unordentliche Gefühl in mir. Oder besser gesagt, schon wieder. Und das hatte mit Alex zu tun.

Ich dachte daran, wie traurig Flo im Auto ausgesehen hatte, als sie mir von Sol erzählte. Aber die beiden waren wenigstens noch ein ordentliches Paar. Das waren Alex und ich nicht – und alles in Jeffs Wohnung erinnerte mich an früher. Der Billardtisch, an dem Alex sich hinter mich gestellt und seine Arme um mich gelegt hatte. Die dicken schwarzen Lederkissen, auf denen Alex und ich Der Spion, der mich liebte angeschaut hatten. Und die Tür zu Alex Zimmer, in dem er mir im letzten Winter seinen letzten Kuss auf den Mund gegeben hatte. Seit diesem Kuss war Alex nicht mehr mein fester Freund, sondern mein plutonischer äh platonischer Freund. Pluto ist ja ein Planet, während Platon ein berühmter Philosoph war. Opa hatte mir erklärt, dass nach Platon eine Freundschaft benannt wurde, in der man sich nicht auf den Mund küsst. Leider habe ich vergessen, warum. Wahrscheinlich, weil Philosophen so viel nachdenken müssen, dass sie zum Küssen keine Zeit haben, und so war das bei Alex und mir natürlich nicht. Aber Alex Eifersucht auf Fabio hatte letztes Jahr für eine Liebeskrise gesorgt und zu allem Unglück hatte er dann Fabio bei einem Kuss auf meinen Mund erwischt. Das hatte schrecklichen Streit gegeben und im letzten Winter hatte ich beschlossen, dass kusslose Freundschaften in meinem Alter vielleicht erst mal einfacher sind.

Deshalb nennt mich Alex in seinen Briefen auch nicht mehr ma chérie, was auf Deutsch mein Liebling heißt, sondern mon amie. Das heißt auf Deutsch meine Freundin. Bis vor Kurzem hatte sich das auch ganz richtig angefühlt. Aber als Jeff Penelope jetzt eine schwarze Haarsträhne aus dem Gesicht strich, erinnerten mich seine funkelgrünen Augen plötzlich an Alex. Er setzte sogar das Leuchtesternlächeln auf, das ich an Alex so liebte.

Oje. Scheinbar hatte Flo mit ihrer Vermutung doch ein bisschen recht. Vielleicht vertrug ich die Trennung von Alex wirklich nicht und vielleicht sollte ich ihm das auch sagen. Seufzend heftete ich meinen Blick auf das Telefon und erschrak fast zu Tode, als es in derselben Sekunde anfing zu klingeln. Ohne nachzudenken, sprang ich auf und nahm den Hörer ab. Die anderen sahen verdutzt hoch.

„Hallo? Alex?“

allo?“, sagte eine Stimme am anderen Ende. „Wer sprischt da bitte?“

„Lucille“, sagte ich und stieß enttäuscht die Luft aus. Es wäre so magisch gewesen, wenn Alex meine Gedanken gespürt und angerufen hätte. Stattdessen war seine Mamong am Apparat, die mich offensichtlich nicht erkannte. Am Esstisch runzelte Jeff die Stirn und am Telefon fragte Lucille mich misstrauisch: „Sie ’eißen auch Lucille? Wer bitte sind Sie, wenn isch ’öflisch fragen darf?“ Dabei klang sie allerdings nicht ’öflisch, sondern eher säuerlisch wie abgelaufene Milch.

„Pardon“, verbesserte ich mich. „Ich meinte natürlich: Guten Abend, Lucille. Hier spricht Lola. Die Chérie äh die Amie von Alex.“

„Was machst du denn bei Jeff?“, fragte Lucille argwöhnisch. „Ist alles in Ordnung?“

Ich schielte zum Esstisch. Jeff sah inzwischen verunsichert aus und mir fiel ein, dass Lucilles Mutter Doppelskorpion war. Skorpione sind ein sehr eifersüchtiges Sternzeichen, das kenne ich von Alex, der ja auch einer ist. Aber Lucille hat den Skorpion im Aszendenten. Das bedeutet, die Eifersucht verdoppelt sich und läuft auch nach einer geschiedenen Ehe nicht ab.

„Wenn meine Mutter wüsste, dass mein Vater in Flos Mutter verliebt ist, würde sie Penelope den Hals umdrehen“, hatte Alex mal gesagt. Das wollte ich natürlich auf keinen Fall – womöglich landete Penelope dann auch in einem weißen Schälchen und Lucille verfütterte sie mit französischen Gewürzen an ihre Feinde. Deshalb sagte ich: „Alles ist in Ordnung, Lucille. Ich besuche Jeff, weil er ohne Alex so einsam ist. Geht es Alex gut?“

„Sehr gut“, sagte Lucille. „Er ist seit ’eute auf Klassenreise und isch wollte Jeff nur sagen, dass sein Sohn gut in London gelandet ist.“

In London? Davon hatte Alex mir gar nichts erzählt. „Nice“, sagte ich. Das ist englisch und heißt auf Deutsch nett. Aber mein unordentliches Gefühl stieg mir jetzt bis in die Kehle, während Penelope Jeff ein chinesisches Partyschirmchen ins Haar steckte und sich darüber halb totlachte. Jeff grinste nervös und Lucille fragte: „Wer kischert da?“

„Eine Spionin“, schwindelte ich, weil ich nicht wusste, ob ich die Wahrheit sagen durfte. „Im Fernsehen. Jeff und ich schauen uns gerade einen Film an.“

Jetzt fing auch Flo an zu kichern und dann klingelte es an der Tür.

„Das ist mir zu läscherlisch“, sagte Lucille. „Rischte Jeff aus, er soll misch anrufen, wenn er Zeit hat.“ Mit diesen Worten legte sie auf, während an der Tür der reinste Klingelorkan losbrach.

„Du scheinst ja sehr gefragt zu sein“, sagte Penelope und knuffte Jeff in den Arm. „Erwartest du Besuch?“

Kopfschüttelnd zog sich Jeff das Schirmchen aus dem Haar. Dann ging er in den Flur, um die Tür zu öffnen.

„Kann ich Ihnen helfen?“, hörte ich ihn kurz darauf fragen.

„Das hoffe ich doch“, antwortete eine weibliche Stimme. „Ich bin Gudrun. Das ist mein Sohn Enzo. Wir möchten zu Penny. Felix, der Glückliche, hat uns verraten, dass wir sie hier finden.“

„Also äh.“ Jeff trat einen Schritt zurück. Flo und ich standen jetzt auch im Flur. Als Jeff uns einen fragenden Blick zuwarf, zuckte meine Freundin irritiert mit den Schultern.

„Felix, der Glückliche?“, flüsterte sie mir ins Ohr. „Wer soll denn das sein? Und wer ist Penny?“

Dazu fiel mir eigentlich nur ein, dass Felix der Name meines Opas ist und Penny ein Supermarkt. Aber ehe ich das sagen konnte, schob sich eine Frau in einem lilafarbenen Gewand an Jeff vorbei. In der Hand hielt sie einen Strauß gelber Blumen, die man Krisantemen ausspricht und Chrysanthemen schreibt. An ihren Handgelenken bimmelten ungefähr dreihundert Armbänder mit goldenen Glöckchen und in ihrem Gesicht waren drei Augen. Zwei blaue – links und rechts – und in der Mitte zwischen den Augenbrauen ein dunkelbraunes. Das war aufgeklebt. Aber als die Bimmelfrau von Flo zu mir sah, wusste ich nicht, in welches Auge ich kucken sollte.

Hinter ihr standen zwei schrankgroße Koffer und neben ihr ein Junge in Frack und Cowboystiefeln. Er hatte nur zwei Augen, die braun waren, genau wie seine Haare. Sein Gesicht war schmal und er hatte eine hohe Stirn. Im ersten Moment dachte ich, dass ich ihn irgendwo schon einmal gesehen hatte. Ich wusste nur nicht, wo. In der Hand hielt der Junge eine Videokamera. Er richtete sie erst auf Jeff, dann auf Flo und mich und schließlich auf den Rücken seiner Mutter. Die schwebte jetzt bimmelnd durch den Flur.

„Durchgeknallte Mutter trifft alte Freundin aus wilden Zeiten“, kommentierte ihr Sohn, während er hinter ihr hermarschierte.

„Pennylein! Komm heraus, mein Engel, ich hab dich gefunden.“ Mit diesen Worten stürmte die Frau ins Wohnzimmer und im nächsten Moment hörten wir Penelope erschrocken quieken.

3.

EIN ÜBERRASCHENDER ABEND UND DER MORGEN DANACH

Der Rest des Abends wurde sehr unordentlich, aber das richtige Chaos brach erst am nächsten Morgen los. Meine Freundin sagt, es ist eine schlechte Angewohnheit, dass ich nie der Reihe nach erzähle, sondern immer schon etwas vorher verrate. Na gut. Dann mache ich am besten da weiter, wo ich aufgehört habe: bei Penelopes Quieken.

Nachdem sie sich davon erholt hatte, brachte sie ein gestammeltes „Gudrun? Was machst du denn hier?“ zustande.

Die dreiäugige Gudrun ließ sich auf Jeffs Stuhl plumpsen und strahlte uns an. „Der Tee hat mich hierher geführt.“

„Der bitte was?“ Penelope schnappte nach Luft.

„Der Tee, Schätzchen.“ Gudrun ließ ihre Armbandglöckchen bimmeln. „Weißt du nicht mehr? Die gute alte Wahrsager-Mischung aus indischen und chinesischen Teeblättern? Darin haben wir früher doch ständig unsere Zukunft gelesen. Erinnerst du dich an unsere wilde Zeit in Brasilien? Damals war auch ein kleines Schiffchen im Spiel.“ Kichernd warf Gudrun einen Seitenblick auf Penelope, die ängstlich mit dem Kopf schüttelte. Jeff stand hinter ihr und Flo lehnte mit verschränkten Armen am Fenster.

„Vielleicht hätte ich dort bleiben sollen, dann hätte ich jetzt keine Lebenskrise“, fuhr Gudrun fort. Sie griff nach Penelopes Glas und gönnte sich einen kräftigen Schluck Reiswein. „Wenn du wüsstest, was ich alles hinter mir habe! Aber ich wollte nicht jammern, sondern mein Leben wieder in den Griff bekommen. Und was haben mir die Teeblätter im Boden der Tasse gezeigt? Na?“

Keiner antwortete und ich fragte mich, ob diese Bimmelfrau im indischen Gewand noch alle Tassen im Schrank hatte oder vielleicht auch ein Fall für die Irrenanstalt war. Für diesen Fall trug sie hoffentlich saubere Unterwäsche, denn heute wehte eine steife Brise – wie man in Hamburg sagt.

„Die Teeblätter zeigten mir ein Schiff!“, erklärte Gudrun, weil es Penelope offensichtlich die Sprache verschlagen hatte. „Und was das bedeutet, weißt du doch wohl, Pennylein.“

Gudrun schielte beglückt zu ihrem Sohn, der es sich auf Flos Stuhl bequem gemacht hatte. Genüsslich angelte er sich ein Stück Fisch aus einem Schälchen, während er mit der anderen Hand die Kamera auf Penelopes Gesicht hielt. Die zuckte stumm mit den Schultern, während es bei Jeff auch zuckte, allerdings um die Mundwinkel, als müsste er sich das Grinsen verkneifen.

„Es bedeutet, dass mein Schiff bald in einen Hafen einlaufen wird“, informierte uns Gudrun. „Und was bringt es mit sich?“

„Tee?“, riet Jeff.

Flo kicherte und Penelope verbarg das Gesicht hinter den Händen.

„Falsch!“, jauchzte Gudrun. „Ein Schiff bringt inneren Frieden und damit auch wahren Reichtum und Liebe mit sich. Aber nur, wenn es in den richtigen Hafen einläuft. Also habe ich überlegt, welchen Ort die Götter für mich im Sinn hatten.“ Gudrun zwinkerte Penelope zu. „Dass du mittlerweile in Hamburg lebst, wusste ich ja, und dass du eine CD mit brasilianischen Liedern komponiert hast, auch. Als ich deinen Namen im Internet googelte, erfuhr ich, dass du als Kellnerin in der Perle des Südens am Hamburger Hafen arbeitest. Dort sind wir dann als Erstes hin, Enzo und ich. Der schnuckelige Brasilianer hinter der Bar ist ja wirklich zum Küssen. Ich konnte seine Aura lesen. Sie war gelb!“

Gudrun wedelte mit ihren Krisenblumen und ich versuchte, all die Informationen zu verarbeiten, die aus ihr herausgesprudelt waren.

Ein Schiff in der Teetasse?

Ein schnuckeliger Brasilianer mit gelber Aura?

Ich hatte keine Ahnung, was eine Aura war, aber dass mit dem schnuckeligen Brasilianer mein Papai gemeint war, begriff ich. Die Perle des Südens ist unser Restaurant und küssen würde Papai diese bimmelnde Witzfigur ganz bestimmt nicht.

„Der schnuckelige Brasilianer ist mein Vater“, stellte ich klar und fügte sicherheitshalber hinzu: „Mein glücklich verheirateter Vater. Hör gefälligst auf, mich zu filmen!“ Die letzten Worte galten diesem Enzo, der seine Kamera inzwischen auf mein Gesicht gerichtet hatte.

„Ich bin nicht mehr an irdischen Männern interessiert, Herzchen“, beruhigte mich Gudrun. „Davon hatte ich in Brasilien mehr als genug. Nicht wahr, Pennylein?“ Verschwörerisch knuffte sie Penelope in den Arm, die mittlerweile so aussah, als wolle sie per Weltraumschiff in eine ferne Galaxie verschwinden.

„Jedenfalls wollte uns dein brasilianischer Chef nicht verraten, wo du dich aufhältst“, fuhr Gudrun fort. „Das mussten wir dann aus seinem Kollegen Felix herauskitzeln. Er war so freundlich, uns mitzuteilen, dass du bei deinem neuen Liebhaber bist. Und hier sind wir also, Enzo und ich. Erinnerst du dich noch an meinen Sohn? Er ist ganz schön groß geworden, nicht wahr? Sag Guten Abend, mein Goldstück.“

„Guten Abend mein Goldstück“, sagte der Junge. Er zoomte mit der Kamera auf Flo. Ehe meine Freundin darauf reagieren konnte, war Gudrun auf sie zugestürzt und schlang ihre bimmelnden Arme um sie.

„Und du musst Pennyleins Tochter sein. Flora Geraldine! Du siehst deiner Mutter noch ähnlicher als früher. Aber die Aura hast du von Eric. Wie geht es deinem Vater? Segelt er immer noch wie Ephraim Langstrumpf mit seinem Piratenschiff um die sieben Weltmeere?“

Gudrun betrachtete Flo und sah verzückt zwischen ihr und Enzo hin und her.

Flo ächzte und jetzt stand mir der Mund offen. Über Flos Vater wusste ich mittlerweile so manche Geschichte. Aber diese war mir neu und ich war nicht sicher, ob ich sie glauben sollte.

„Stimmt das?“, fragte ich Penelope.

„Natürlich stimmt das“, sagte Gudrun, als wäre es die reinste Selbstverständlichkeit. „Als Penny und ich zurück aus Brasilien kamen, lernten wir Eric in Düsseldorf kennen, und ein knappes Jahr später gingen wir alle zusammen auf große Schiffsreise.“

Penelope blieb stumm und ich kriegte den Mund gar nicht mehr zu vor lauter Verblüffung. Ich wusste, dass Penelope früher in einer Fischbude am Hafen gearbeitet hatte. Und ihre Brasilienreise hatte sie auch erwähnt. Aber von wilden Zeiten hatte ich keine Ahnung – und von einer Reise auf einem Piratenschiff ebenfalls nicht. Ich schielte zu Flo. Die hatte ihre Hände vor der Brust verschränkt und torpedierte Gudrun mit Mörderblicken, was die indische Bimmelfrau nicht im Geringsten zu stören schien.

„Auf Erics Schiff sind wir ein ganzes Jahr durch die Welt gesegelt“, fuhr sie schwärmerisch fort. „Flora wurde sogar auf dem Meer geboren. In einer stürmischen Nacht auf dem ägäischen Ozean. Zum Glück hatten wir eine Hebamme an Bord. Enzo war damals ein knappes Jahr alt und wir stellten uns vor, dass unsere Kinder mal auf einer einsamen Insel leben würden. Weißt du noch, Pennylein?“

Penelope nickte schwach. Flo zupfte jetzt an ihrem Totenkopf-Shirt und schielte zu Enzo, der ihr grinsend zuzwinkerte.

„Aber für euch hatten die Götter offensichtlich andere Pläne“, zwitscherte Gudrun. „Gut siehst du aus, Pennyschätzchen. Und dein neuer Liebhaber “, Gudrun musterte Jeff von oben bis unten, „ ist ein bisschen grau um die Aura, aber das liegt sicher auch am Klima. Ach, Liebe, du glaubst ja gar nicht, wie ich mich freue, hier zu sein.“

Gudrun häufte sich eine Portion Gong Bao Ji Ding auf Penelopes Teller, schenkte sich Reiswein nach und erzählte uns schmatzend und schlürfend ihre Zukunftspläne.

Kurz zusammengefasst lauteten sie wie folgt: Gudrun hatte ihre Wohnung in München und ihre Arbeit in einem indischen Schnellimbiss gekündigt und wollte nun ein neues Leben beginnen. Ihren Sohn hatte sie kurzerhand von der Schule abgemeldet und jetzt wollte sie sich auf Wohnungssuche begeben.

„Und bis wir etwas gefunden haben“, sagte Gudrun zu Penelope, „hoffen wir, bei dir einen Unterschlupf zu finden. Schließlich schuldest du mir ja noch einen kleinen Gefallen wegen der Sache von damals. Du weißt, was ich meine, nicht wahr?“

Flo, Jeff und ich starrten Penelope an. Gudruns Sohn runzelte die Stirn und mir kribbelte vor Neugier die Kopfhaut. Ich war offensichtlich nicht die Einzige, der auffiel, dass Penelope bei Gudruns Worten noch eine Spur blasser geworden war als ohnehin schon. Enzo richtete seine Kamera auf ihr Gesicht und schwenkte dann zu seiner Mutter, die ihre feierliche Rede mit folgenden Worten beendete: „Es gäbe noch eine winzige Kleinigkeit zu meinen Plänen zu sagen, aber die erfahrt ihr morgen. Jetzt könnte ich eine Runde Schlaf vertragen und ihr Kinder sicher auch, wenn doch morgen die Schule wieder anfängt?“