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Heiko A. Oberman

Luther

Mensch zwischen Gott und Teufel

Pantheon

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Random House GmbH.

Erste Auflage

Pantheon-Ausgabe Mai 2016

Copyright © 1981 by Quadriga GmbH

Verlagsbuchhandlung KG, Berlin

Severin und Siedler

Umschlaggestaltung: Jorge Schmidt, München

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-18417-9
V001

www.pantheon-verlag.de

Für Toetie, meine Käthe,

»meiner gnedigen frawenn

zu handen und fussen«

Inhalt

Vorwort

Erster Teil

Prolog: Streit über den Tod hinaus

1. »Der Wagenlenker Israels ist gefallen«

2. Geschichte im Schatten der Endzeit

I. Ein deutsches Ereignis

1. Kurfürst Friedrich, der Rätselhafte

2. Die Lage im Reich

3. Der Wahlsieg König Karls

4. Die spanische Wende

5. Weltmonarchie und Reformation

6. Die Luthersache in Worms

7. »Wach auf, wach auf, du deutsches Land«

II. Ein mittelalterliches Ereignis

1. Reformation und kein Ende

2. Kampf um die Ordensreform

3. Das Ende der Priesterkirche

4. Das Tausendjährige Reich

5. Der fremde Luther

6. Gottesstaat als Utopie

7. Der Antichrist und sein Geschäft

8. »Buße ist besser als Ablaß«

III. Ein Urereignis

1. Was haften blieb: Vater Hans

2. Mutter Hanna: Badehaus und Bürgerheim

3. Pauken und Schläge

4. Schule fürs Leben

5. »Man braucht den Teufel nicht über seine Tür zu malen«25

6. Das göttliche Wort in dreckiger Sprache

Zweiter Teil

IV. Auf dem Weg nach Wittenberg: Entscheidungen vor der Reformation

1. Aufbruch zur Neuzeit

2. Luther wird Nominalist

3. Die Öffnung zum Humanismus

4. Der Magister wird Mönch

5. Kapuze und Kabale

6. Reform oder Einheit: die Grundfrage einer Epoche

7. Bestimmt zum Ratgeber Gottes

8. Der Narr in Rom

V. Der reformatorische Durchbruch

1. Entdeckungen unterwegs

2. Der Teufel und die Kloake

3. Der geborene Reformator

4. Mit Augustin gegen Aristoteles

5. Die erste Wittenberger Vorlesung

6. »Heute habt ihr die Bibel«

VI. Der angefochtene Reformator

1. Christenverfolgung ›heute‹

2. Mystik fürs Leben: Tauler und Staupitz

3. Dreimal exkommuniziert

4. Laß ab vom Ablaß!

5. Schrift oder Papst

6. Gegen Papst und Kaiser

Dritter Teil

VII. Leben zwischen Gott und Teufel

1. Gestoßen und gerissen

2. Luther und der aufgeklärte Humanismus

3. Der Mensch als Reittier

4. Luther und der Fundamentalismus

VIII. Reformatorische Entzweiungen

1. Das Sakrament der ›Blöden‹

2. Streit um das Sakrament der Einheit

IX. Die Christenheit zwischen Gott und Teufel

1. Falsche Alternativen

2. Buch der Psalmen – Buch der Kirche

3. Kirche der Bekenner – Kirche der Märtyrer

4. Verraten und Verkauft

5. Die Zukunft der Kirche: Reformation zwischen Scheitern und Erfolg

X. Ehefreude und Weltfriede: Dem Teufel zum Trotz

1. Lust und Last der Zweisamkeit

2. Kinder, Kirche, Küche

3. Hochzeit: Befriedigung und Freude

4. Scheidung und Doppelehe

5. Chaos und Friede

XI. Person und Tat

1. Der Mensch im Widerspruch

2. Der Sprachkünstler

3. Wein, Weib und Gesang

4. Luther heute: Ein Test

5. Krankheit zum Tode

6. Psychologie am Sterbebett

Epilog: So wie er war

Anhang

Verzeichnis der abgekürzt zitierten Quellen und Literatur

Anmerkungen

Zeittafel

Vorwort

Den Menschen Luther zu entdecken, verlangt mehr, als Wissenschaft je zu bieten hat. Gefordert ist die Bereitschaft, über die Jahrhunderte des konfessionellen Streits hinweg sein Zeitgenosse zu werden und das eigene Welt- und Lebensbild zurückzulassen. Als die Kirche dem Himmel noch gleich war und der Kaiser die Macht der Welt repräsentierte, da hatte sich dieser Mönch gegen die Mächte von Himmel und Erde erhoben. Ihm blieben Gott und der Teufel, sein allgegenwärtiger Widersacher.

Was er in diesem Kampf, den er nach innen ebenso zu führen hatte wie nach außen, erlebt, erfahren und entdeckt hat, das macht ihn überraschend oft zum Zeitgenossen einer Epoche, die den Teufel übersieht und Gott nur erahnt.

Nicht der ›katholische‹, der ›evangelische‹ und auch nicht der ›neuzeitliche‹ Luther ist gesucht. Diesen werden wir auch begegnen. Vor allem aber geht es um Martin Luther zwischen Gott und Teufel. Aus dieser Perspektive kommt allerdings das Ganze in den Blick: die Reformation, wie sie in seiner Zeit und in seinem Leben angelegt war; wie unerwartet sie dann tatsächlich hereinbrach; und wie gefährdet sie über Luthers Tod hinaus blieb. Seiner Person in ihrer Vielschichtigkeit und der Vielfalt ihrer Bezüge gilt das Augenmerk. Woher er kam, ist aufzuspüren, und wohin er ging, wo er schließlich sich selbst im Wege stand und sich um Teile seiner Wirkung brachte.

Martin Luther zu begegnen, bedeutet nicht nur, ihm auf reformatorische Schauplätze zu folgen – das auch; nicht nur, theologische Höhepunkte zu sammeln – auch das. Entscheidend ist, die Person in ihrer Fülle zu fassen – und sei es nur von Augenblick zu Augenblick.

Das Ziel ist somit zwar wissenschaftlicher, aber ganz und gar nicht akademischer Art. Denn es ist ein Mensch aufzusuchen, dem seine Sache viel zu wichtig war, als daß er sie auf den geschützten Bereich der Universität beschränkt hätte. Er vermochte nicht nur Grenzen zu ziehen, sondern diese auch zu durchstoßen und sich den Zeitgenossen aller Stände nachhaltig einzuprägen.

Am Ende dieses Buches findet sich ein Anmerkungsapparat, nicht um Fachwissen zu belegen, sondern um die Möglichkeit zu bieten, dem Autor ›auf die Finger zu schauen‹. Die Quellenangaben werden ihren Dienst geleistet haben, wenn der Leser von diesem Buch auf Luthers Werke selbst gestoßen ist.

Ein besonderes Wort des Dankes darf hier nicht fehlen. Das Institute for Advanced Studies of the Hebrew University in Jerusalem hat aufs Großzügigste Raum und Zeit gewährt, dieses Buch zu schreiben. Viel mehr als Gastfreundschaft wurde mir geboten: Israel stößt den Erben Luthers auf den fremden, befremdlichen und bisweilen entsetzlichen Reformator. Eben dort kann Lutherliebe sich nicht zu jener Lutherverehrung versteigen, die er selbst als Schwärmerei bezeichnet hätte.

Jerusalem, im Sommer 1982
Heiko A. Oberman

Erster Teil

Die ersehnte Reformation

Das christen volck ist so verpeint.

Nyemant sein sundt mit reu beweint,

Ein land das ander ser thüt puken [bedrücken],

Gerechtigkait gett ann zweyen krucken,

Das lacht der teufel heur als fert [jetzt und künftig],

Denn welches reich sich selber stert [zerstört],

Das schafft ym selbs ein großa klag,

Als yetz beschit, dar von ich sag,

Das keyser, konig, fursten, herren

Ein ander günnend nit der ern,

Das sie ein rechte ordnung machten,

Darmit sie die christen welt versachten.

Maria, edle königin,

Nun pit fur uns dein liebes kindt

Und mach uns seinen zorn lind,

Das er nit richt nach strengem rechtem

Fursten, herrn, ritter, knechten,

Geistlich, weltlich alle geschlecht

Denn wurd zu schwer das gotlich recht

Das wendt uns got yn seinem tron.

Dar mit las wir die red beston.

Die großen Krieg und Streit,

so yn aller welt kurtz verschinen

Nürnberg 1515

Prolog: Streit über den Tod hinaus

1. »Der Wagenlenker Israels ist gefallen«

»Verehrter Vater, wollet ihr auf Christum und die Lehre, wie ihr sie gepredigt, beständig sterben?« Ja, heißt es zum letzten Male mit klarer Stimme. Als Martin Luther in der Nacht zum 18. Februar 1546 in Eisleben, fern von zu Haus, im Sterben lag, mußte er sogar im individuellsten und privatesten Akt des Menschen noch einmal öffentlich auftreten. In Anwesenheit eilig herbeigerufener Zeugen rüttelt ihn sein langjähriger Vertrauter, Justus Jonas, jetzt Pfarrer in Halle, am Arm, um den Geist zur letzten Anstrengung zu reizen. Ein ›schönes Stündlein‹ hatte Luther sich schon immer von Gott erbeten: Dem letzten und bittersten Feind, dem Satan, im Vertrauen auf den Herrn über Leben und Tod zu widerstehen, ist gottgeschenkte Befreiung von der Tyrannei der Sünde und verwandelt Agonie in einen kurzen Schlag.

Doch jetzt geht es um weit mehr als um das eigene Schicksal, gottgetrost im Frieden von der Welt zu lassen. Denn gelassene Beständigkeit im Sterben ist seit dem ersten Überlebenskampf während der Verfolgungen durch das antike Rom auch noch im späten Mittelalter das offenbare Merkmal der wahren Gotteskinder, der Bekenner und Märtyrer. Das Sterbebett in der Eislebener Herberge wird zur Bühne – um Luthers Bett stehen nicht nur Freunde, die Gegner lauschen mit.

Bereits im Jahr 1529 hatte sein erster ›Biograph‹, Johannes Cochläus, den verhaßten Luther in aller Öffentlichkeit auf Latein und Deutsch als den siebenköpfigen Drachen, des Teufels Ausgeburt, dargestellt. Schmähschriften hatten wiederholt über sein elend-verzweifeltes Sterben und seinen gottverlassenen Tod berichtet. Jetzt aber wurde das Ende Wirklichkeit, das die Freunde befürchtet und die Gegner ersehnt hatten. Wer wird es sein, der sein Eigentum beansprucht und heimholt, Gott oder der Teufel?

Während die einfachen Gläubigen sich den Teufelszugriff wörtlich ausmalten, war die aufgeklärte akademische Welt überzeugt, daß der Anfang der Höllenfahrt medizinisch diagnostiziert werden kann, und zwar als Herzschlag: Abrupt und ohne Vorwarnung, ohne daß die Kirche noch ihre letzte Hilfe leisten kann, zerschneidet der Teufel den Faden des ihm verfallenen Lebens. In den ersten Berichten betonen deshalb die Freunde Luthers, Melanchthon voran, daß die Todesursache eben keine plötzliche, überraschende Apoplexie gewesen ist, sondern ein allmähliches Nachlassen der Lebenskräfte: Luther verabschiedete sich vom Leben und gab seinen Geist auf in die Hände Gottes.

Beim Streit um den Tod ging es nicht nur um Luther, um Teufelsbrut oder Gottesgut, sondern zugleich um die Legitimität der Reformation. Luther ist nicht nur ihr Auslöser, der in späteren Jahren angeblich hinter den großen Wellen der Bewegung zurückblieb. Er ist auch ihr geehrter oder verfluchter, immer aber gehörter Dirigent, sei es als Prophet, sei es als Drahtzieher, bis in seine letzten Tage und weit über seinen Tod hinaus. Für Freund und Feind war sein Tod mehr als ein Lebensende. Deshalb greift Justus Jonas, kurz nachdem Doctor Martinus am 18. Februar gegen drei Uhr morgens gestorben war, eigenhändig zur Feder, um von den letzten vierundzwanzig Stunden zu berichten, und zwar nicht zuerst der Witwe, sondern dem Landesherrn, Kurfürst Johann Friedrich, und dann den Kollegen in Wittenberg. Wäre Luther, am 10. November 1483 als Sohn des einfachen Bergmanns Hans Luder geboren, in jungen Jahren verstorben, die Geschichte wäre unbewegt über die Trauer der Eltern hinweggegangen. Jetzt aber ist sein Sterben Staatssache. War er am Tag nach seiner Geburt, dem Martinstag, mit aller Selbstverständlichkeit zur Taufe getragen worden und damit ins Leben der Kirche getreten, so scheiden sich jetzt die Geister, ob er angesichts des päpstlichen Bannspruchs noch als Sohn der Kirche entschlafen sei.

Die letzten Tage hatten Luther noch sehr fröhlich gesehen, so wie seine Freunde ihn kannten und schätzten. Er hatte eine schwierige Mission mit Erfolg abgeschlossen; Anlaß seiner Fahrt von Wittenberg nach Eisleben war die Schlichtung eines langwierigen Streits zwischen den beiden Grafen von Mansfeld gewesen, den Brüdern Gebhard und Albrecht. Stundenlang hatte Luther zwischen den Parteien sitzen und sich die schlauen Gründe jener Leute anhören müssen, die er seit seinen Erfurter Tagen als Jurastudent am wenigsten ›riechen‹ konnte: die Verwaltungsjuristen. Schließlich, nach zähen, vierzehn Tage währenden Schlichtungsverhandlungen, war man sich näher gekommen und hatte eine Aussöhnung – auf Zeit – erzielt. Es gab also Grund, fröhlich zu sein. Luther hatte zwar vermutet, daß er in Eisleben sterben werde, wo er auch geboren war. Doch sorgte er sich darum nicht, obwohl ihm ganz sicher war, daß er nicht mehr lange zu leben hätte: »Wenn ich wieder heim gen Wittenberg komme, lege ich mich in meinen Sarg und gebe den Maden einen feisten Doktor zu fressen.« Die spätmittelalterliche Kunst hatte mit ihrer Durchleuchtung des Menschen bis auf sein Skelett jedermann eindringlich daran erinnert, daß Lebenskraft, Schönheit und Reichtum nur einige Atemzüge vom Knochenspiel des Totentanzes entfernt sind. Darum weiß der ›feiste Doktor‹: nicht als moralische Schauergeschichte, sondern als Lebensrealismus auf der Grenze zur Ewigkeit.

Noch am Vorabend des Todes hatte man, wie so oft zuvor am Wittenberger Tisch, gescherzt und damit zugleich Theologie getrieben: Sehen wir unsere Geliebten im Himmel wieder, Herr Doktor?, wurde gefragt. Es ist wohl möglich, lautete die Antwort, daß wir vom Geist so erneuert werden, daß wir wie Adam, der nach seinem Schlaf die neugeschaffene Eva als seine Frau erkannte, einander wiedererkennen. Auch auf der dunklen Gegenseite, in der Hölle, werden Körper und Geist nicht getrennt. Luther erzählt die Geschichte eines Mannes, der von solchem Hunger geplagt wurde, daß er sich dem Teufel verschrieb, um sich endlich einmal satt essen zu können. Als er nun rundum gepraßt hatte, kam der Teufel, um die Schuld einzufordern. Doch der Schuldner erinnerte entrüstet daran, daß der Teufel zu warten habe bis zum Tode, er hätte schließlich nur seine Seele verkauft. Dieser aber hatte seine Antwort parat: Wenn man ein Pferd kauft, erhält man doch die Zügel dazu? Ja, mußte der Mann gestehen. Nun, sagte der Teufel, die Seele ist das Pferd und der Körper die Zügel. Und er packte sich den Mann – mit Leib und Seele.

Luthers Todesahnungen sollten bereits einen Tag später Wirklichkeit werden. Aus seinem Geburtsort ist er nicht mehr lebend in die Stätte seines Wirkens, nach Wittenberg, zurückgekehrt. Noch am Vormittag des 18. Februar fertigte ein Maler jenes Totenbild an, das die entspannten Züge der letzten Stunde bezeugen sollte, um nicht nur dem Familien- und Freundeskreis sondern vor allem der Nachwelt das Angesicht des seligen Todes auch aus der Ferne beweisen zu können.

Der Leichnam wurde von Stadt zu Stadt von einer Ehrengarde zur anderen geleitet und traf so im Trauerzug nach zwei Tagesreisen in Wittenberg ein, der geistigen Hauptstadt Kursachsens. Überall, wo er aufgebahrt wurde, strömten die Menschen herbei. Erste Gedächtnisreden wurden gehalten, voller Erschütterung, noch ohne die spätere Mischung von wissenschaftlicher Pedanterie und protestantischer Heiligenverehrung.

Dem Trauerzug drei Tage voraus erreichte der von Justus Jonas entsandte Eilbote in der Frühe des 19. Februar Wittenberg. Stadt und Universität waren gänzlich unvorbereitet auf eine solche Nachricht. Philipp Melanchthon, Luthers langjähriger Mitstreiter und Kollege, stand frühmorgens wie üblich während des Semesters im Hörsaal und legte seinen Studenten den Römerbrief des Apostels Paulus aus. Mitten während der Vorlesung wird vom Eilboten die Todesmeldung hereingetragen. Melanchthon kämpft um seine Kontrolle, ist nicht imstande zu reden, berichtet schließlich seinen Studenten stockend vom Geschehen und bricht am Ende fassungslos in die Worte aus: »Der Wagenlenker Israels ist gefallen« – »Ach, obiit auriga et currus Israel« (2. Könige 2, 12). Das ist der entsetzte Schrei des Elisa, als er den Propheten Elia im Feuerwagen gen Himmel fahren sah.

2. Geschichte im Schatten der Endzeit

Während Elisa mit dem Prophetenmantel zugleich Elias Amt und Auftrag übernahm, wird die Tiefe der Lücke, die Luthers Tod geschlagen hat, darin offenkundig, daß kein Nachfolger bereitsteht. Die charismatische Größe des Reformers hatte der Reformation Schwung und Stoßkraft verliehen, jetzt aber fällt sie wie ein dunkler Schatten auf die Zukunft der evangelischen Bewegung. Luther selber hatte nicht vorgesorgt, nicht aus Unachtsamkeit, auch nicht aus Selbstgefälligkeit, sondern weil er überzeugt war von der Macht des wiederentdeckten Evangeliums, das stark genug sei, sich seinen Weg selbst zu bahnen, auch in den Wirren, die seinem Tode, wie er oft voraussagte, folgen würden – jene Wirren vor dem Sieg Gottes, von denen Luther fürchtete, daß sie das aufsässige Deutschland durch Entzweiung und Bürgerkrieg tief erschüttern würden. So ist es gekommen.

Nach Luthers Tod wies tatsächlich nichts darauf hin, daß die Reformation eine Überlebenschance hätte. Das Papsttum, aus seinem italienischen Renaissancerausch gerissen, stellte sich endlich der kirchlichen Krise durch Mobilisierung aller Kräfte. Als folgenreich erwies sich die Entscheidung Papst Pauls III., dem Ordensgründer Ignatius von Loyola den Jesuitenorden zu bestätigen, der den Bildungsvorsprung des Protestantismus wettmachen sollte. Dann gelang es seit Jahrhunderten zum ersten Mal – seit Innozenz III. und dem IV. Laterankonzil (1215) –, ein päpstliches Konzil zusammenzurufen (Trient 1545), das im Laufe der Zeit Bischöfe aus weiten Teilen Europas versammeln konnte und sich mit seinen Reformmaßnahmen innerhalb der altgläubigen Christenheit Geltung verschaffte. Drei Wochen nach Luthers Tod wurde in Trient – noch eben auf deutschem Boden – ein erster, bis in die Moderne tragender Grundstein der römisch-katholischen Lehre gelegt mit der Entscheidung, sowohl die Schrift als auch die kirchliche Tradition »mit gleicher Ehrfurcht« zu akzeptieren und »die heilige Mutter Kirche« als einzige Autorität über den Sinn der Schrift bestimmen zu lassen – jene römische Mutterkirche also, die Luthers reformatorische Entdeckung verurteilt hatte.

Nicht nur der Papst, auch der andere mächtige Gegner der Reformation, Kaiser Karl V., stand am Vorabend eines einschneidenden Sieges. Wenige Monate nach Luthers Tod, im Juli 1546, kam es zum Bürgerkrieg im Deutschen Reich, zum Krieg zwischen dem politisch-militärischen Bündnis protestantischer Reichsstände und dem Kaiser mit seinen Verbündeten. Karls vernichtender Schlag gegen den ›Hauptmann‹ des protestantischen Schmalkaldischen Bundes, gegen Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen, wurde durch den ›Judas von Meißen‹, den evangelischen Herzog Moritz von Sachsen, ermöglicht. Der ›Verräter‹ schlug sich auf des Kaisers Seite und fiel seinem Vetter, dem Kurfürsten, in den Rücken. Im Dom zu Meißen besang das katholische Stiftskapitel den kaiserlichen Sieg bei Mühlberg mit einem Tedeum. Das Volk verstand es als Gottesurteil, daß am gleichen Tage die Türme des Doms vom Blitz getroffen niederbrannten.

Der Kaiser befand sich auf der Höhe seiner Macht. Auf dem Reichstag zu Augsburg (1548) konnte er den niedergerungenen Protestanten das ›Interim‹ aufzwingen, jenes Religionsdiktat, das für die ›Zwischenzeit‹ (darum Interim) bis zum bindenden Konzilsentscheid Gültigkeit haben sollte und die Reformation abwürgen wollte. Gerade der blühenden Reformation in den Städten wurde der Nacken gebrochen. Widerstand, vor allem in den süddeutschen Reichsstädten, wurde in kürzester Zeit beseitigt und hartnäckige Protestanten vertrieben. Die evangelische Reichsstadt Konstanz wagte, das Interim abzulehnen; sie wurde vom Kaiser zur Kleinstadt rekatholisiert. Fünfzehn Monate nach Luthers Tod, am 19. Mai 1547, mußte Wittenberg kapitulieren. Sein Schutzherr Johann Friedrich verlor die Kurwürde samt eines großen Teils seiner Länder. Ihm verblieben nur die Thüringer Gebiete um Weimar, Eisenach und Gotha.

Zuvor schon war der andere, der kirchenpolitische Weg zur Durchsetzung der Reformation abgeschnitten. Es ging um den Versuch, die Bischöfe für die Sache der Reformation zu gewinnen und so eine deutsche Nationalkirche zu bilden. In diesem Ringen spielte Köln die zentrale Rolle. Alle Augen waren auf Hermann von Wied gerichtet, der als Kurfürst und Erzbischof von Köln evangelisch geworden war. Ein Jahr und eine Woche nach Luthers Tod mußte auch er der Macht des Kaisers weichen und auf sein Bistum und Kurfürstentum verzichten. Sein Nachfolger stellte den alten Glauben in Köln wieder her. Fürstlicher Verrat, kaiserliches Diktat und päpstliches Dekret, wer hätte noch auf eine Zukunft der Reformation in Deutschland gebaut?

Am 22. Februar hielt Melanchthon im Namen der Universität dem Toten auf Latein die Leichenrede. Es war ein Abschied mit offenen Worte: Luther ist ein »scharfer Arzt« gewesen, »das Werkzeug Gottes zur Erneuerung der Kirche«. Keine Spur von jener Verlogenheit, der auch die Ehrlichsten zum Opfer fallen, wenn sie am offenen Grabe unter Vorwegnahme des Endgerichts den Ertrag eines Lebens herbeireden. Melanchthon ließ Luthers aufbrausende Schärfe, die Vehemenz seines Streitens, nicht unerwähnt zu einer Stunde, da tiefe Betroffenheit nur Gutes hören will.

Dennoch hat Melanchthon, menschlich wie wissenschaftlich aus einem Guß und eine der eindrucksvollsten Gestalten der Reformationszeit, ein Bild Luthers in die Welt gesetzt, das bis heute – ob nun bejubelt oder verteufelt – den Zugang zu dem verdeckt, wie Luther sich selbst erfahren und verstanden hat. ›Scharf‹ – ja, das hat Melanchthon am eigenen Leibe erfahren, doch ›Arzt‹ – nein; ›Werkzeug Gottes‹ – so sah Luther sich, aber ›Erneuerung der Kirche‹, die sah er nicht. Bereits ein Jahr nach Melanchthons Nachruf war dem Rückblick als Voraussage schon widersprochen. Allen sichtbar hatte die Durchschlagskraft des Werkzeuges nachgelassen; dem Arzt war zwar die erste Operation gelungen, doch der Patient Kirche quälte sich und stand dem Tode näher als zuvor.

Endlich, im Jahre 1555, scheint ein Ende des Elends in Sicht. Auf dem Augsburger Reichstag war es zu einem Religionsfrieden gekommen, Ergebnis eines abermaligen Verrats des Herzogs Moritz. Hatte er sich im Bund mit dem Kaiser nach dem Schmalkaldischen Krieg Sachsens Kurwürde übertragen lassen, so richtete er sich 1552 gegen den Kaiser, entriß ihm den Sieg und zwang ihn zur Flucht aus seinem Regierungssitz Innsbruck. Weitsichtig oder verschlagen, klug oder ruchlos – unabhängig vom moralischen Urteil bleibt das Ergebnis der doppelten Wende des Moritz bestehen: Er hat den reformatorischen Kirchen im Reich des 16. Jahrhunderts das Überleben gesichert, nachdem er zuvor den protestantischen Ständen die – verführerische – Möglichkeit zerschlagen hatte, sich als irdische Vollstrecker von Gottes Reformation zu etablieren. Auch der in Augsburg zustandegebrachte Friede war kein Sieg für die Protestanten, er war nicht einmal ein Religionsfriede, sondern eher ein Fürstenausgleich.

Für den Bereich des deutschen Reichs wurden die längst im späten Mittelalter angestrebten Schutzrechte der Territorialherren über die Kirche vertraglich festgeschrieben. Der Ausgleich zwischen den streitenden Parteien bestand darin, daß weder Kaiser noch Papst sondern der jeweilige Landesfürst über das Bekenntnis seiner Untertanen entschied: »Cuius regio, eius religio.« Außerhalb des Reiches aber, nicht allein in den habsburgischen Landen, blieben die Evangelischen jenen Verfolgungen ausgeliefert, die allzuoft auf den Galeeren oder auf den Scheiterhaufen endeten. Als zwei Wochen nach diesem ›Religionsfrieden‹ Luthers lebenslanger Freund und Todeszeuge, Justus Jonas, starb – am 9. Oktober 1555 –, war die ›Erneuerung der Kirche‹ in regionale und territoriale Kirchenwesen eingegangen … und eingefangen. Jonas hat noch erleben müssen, wie aus der Reformation Luthers das Luthertum entstanden war.

Erst im Jahre 1648, nach dem Ende des dreißigjährigen Bürgerkrieges, des ersten Weltkriegs der europäischen Geschichte, konnte Papst und Kaiser eine weitergehende Religionslösung abgerungen werden, wenigstens für das Europa nördlich der Alpen und Pyrenäen. Neben Lutheranern und Altgläubigen wurden auch die Calvinisten in den Fürstenausgleich einbezogen. Dieser zu Münster und Osnabrück ausgehandelte Friede war aber im Norden der Politisierung des skandinavischen Luthertums zu verdanken und im Süden und Südwesten einem militanten Calvinismus – zwei von Luther niemals geplante Kinder der Reformation. Die Nachwelt hat sehr verschieden geurteilt. Einerseits wurde die Reformation auf den Nenner ›Kirchenspaltung‹ gebracht und der damit gegebenen Schwächung der Christenheit nachgetrauert, unter anhaltender Verdrängung der Tatsache, daß die Kirche längst (1054) in die griechische des Ostens und lateinische des Westens gespalten war. Andererseits behauptet sich die Deutung, daß 1555 und 1648 Meilensteine auf dem Weg zur religiösen Emanzipation gelegt wurden. Sie ermöglichten es tatsächlich, daß die Stimme Luthers bis heute lebendig geblieben ist und er sich in seinen Werken – den kaiserlichen und päpstlichen Wünschen zum Trotz nicht vernichtet und unverstümmelt – immer wieder neu entdecken läßt. Freund und Feind können sich nur darin einig sein, daß der dreißigjährige Religions- und Mächtekrieg wie eine Geißel über Deutschland gezogen ist und weit gehegte Hoffnungen auf die Belebung von Glaube und Kultur, von Frommheit und Bildung gelähmt wenn nicht zerschlagen hat. Der Anschluß Deutschlands an die europäische Aufklärung hat sich durch diesen Krieg dramatisch verzögert – mit Folgen, die bis heute spürbar sind.

Verfolgung und Verteidigung der Reformation haben in der Neuzeit ihre tiefen, untilgbaren Spuren und Wunden hinterlassen. Doch beides, Jubel um die Erneuerung und Trauer um die Spaltung, verstellt den Zugang zu dem Luther, wie er sich selbst gesehen und seine Aufgabe verstanden hat. Nie hat er sich als Kirchenarzt aufgeworfen und nie die Erneuerung der Kirche als seine Aufgabe begriffen. Der nachhaltige Widerstand gegen die Reformation würde ihn weder überrascht noch beirrt haben. Enttäuscht wäre er jedoch gewesen, wenn er geahnt hätte, daß die letzte Ankunft Gottes, die Wiederkehr Christi am Jüngsten Tag, noch so lange auf sich warten lassen würde, daß es zur Feier seines fünfhundertsten Geburtstags auf Erden kommen muß.

Luthers Zeitdeutung entspringt ganz anderen Maßstäben als denen von Neuzeit und Aufklärung, von Fortschritt und Toleranz. Die Eindämmung der evangelischen Bewegung zu erdulden, hätte ihm keine Mühe gemacht, denn er wußte, daß die Erneuerung der Kirche nur noch von Gott zu erwarten sei, und zwar am Ende der Zeiten. Nach Luthers Voraussage wird der Teufel die Wiederentdeckung des Evangeliums nicht ›tolerant‹ ertragen, sondern sich noch einmal mit Wucht aufbäumen und alle seine Macht gegen das Evangelium sammeln. Der Reformation Gottes wird die Gegenreformation vorausgehen, des Teufels ›Fortschritte‹ kennzeichnen die Endzeit; denn wo Gott am Werke ist, im Menschen und in der Menschengeschichte, da ist der Teufel, der Verneiner, nicht fern.

Luther verstehen zu wollen, macht es nötig, seine Geschichte anders zu lesen, als wir es gewohnt sind: Sie ist Geschichte ›sub specie aeternitatis‹, zwar im Lichte der Ewigkeit, doch nicht im milden Schein eines stetigen Fortschritts gen Himmel, sondern im Schatten der chaotischen Endzeit einer nahe herbeigekommenen Ewigkeit.