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PETER TEMPLE

Tage des Bösen

Roman

Deutsch von Sigrun Zühlke

C. Bertelsmann

Die Originalausgabe erschien 2002 bei Bantam, Sidney,
und 2006 bei Text Publishing Company, Melbourne,
unter dem Titel »In the Evil Day«

1. Auflage
Copyright © 2002 by Peter Temple
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2012
beim C. Bertelsmann Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
Umschlaggestaltung: R·M·E Roland Eschlbeck/Rosemarie Kreuzer
ISBN 978-3-641-07265-0

www.cbertelsmann.de

Für Horst und für Dorle
in Dankbarkeit für Freundschaft,
Gastlichkeit und Unterstützung,
für vergnügliche Zeiten und
anregende Gespräche

1
JOHANNESBURG

Niemand kam um 14.00 Uhr, zog sich aus, schlüpfte in Shorts, ging in das leere Zimmer, absolvierte routiniert die Übungen mit den Gewichten und lief eine Stunde auf dem Laufband. Er hasste das Laufband, musste sich jedes Mal überwinden und das Denken ausschalten, um durchzuhalten. Laufen war etwas, das man draußen tat. Doch draußen war schwierig geworden, man konnte angegriffen werden, zum Beispiel von drei Männern, einer von ihnen mit einem nagelbesetzten Holzknüppel. Die Schwierigkeiten galten allerdings für beide Seiten: Mehrere seiner Angreifer hatten ziemlich schnell das Weite gesucht.

Man konnte aber auch nicht in diesen tranceartigen Zustand versinken, wenn man das Laufen unterbrechen musste, um zu kämpfen und Menschen zu töten. Also hatte er es aufgegeben, draußen zu laufen, wenn auch widerwillig.

Niemand zog keinerlei Befriedigung aus dem Töten. Manche Leute taten das. Früher im Sambesital und später in Mosambik und Angola und Sierra Leone und anderswo hatte er Männer im Tötungsrausch gesehen, die auf alles schossen – Junge, Alte, Frauen, Männer, ja sogar Hühner und Hunde und Kühe und Schweine und Ziegen.

Als Befehlshaber hatte er sich in solchen Fällen mit den Soldaten befassen müssen. Der erste war Barends, der weiße Korporal, den die Männer Pielstyf nannten, weil er gern seine Erektion zur Schau stellte, wenn er betrunken war. Niemand hatte ihn mit zwei Schüssen exekutiert, von hinten schräg aufwärts in die Schädelbasis, als Barends gerade dabei war, mit seinem LMG in einen voll besetzten Bus zu feuern. Das Militärgericht befand, sein Handeln sei gerechtfertigt, da Barends zweimal einen ordnungsgemäßen Befehl verweigert und damit eine Bedrohung für die Disziplin der Truppe in einer Gefechtssituation dargestellt habe.

Der zweite Mann war ein schwarzer Soldat, ein Zulu, ausgebildet von Weißen, ein altgedienter Killer der ANC-Anhänger in Natal, der das Blut und das Hämmern automatischen Gewehrfeuers liebte. In Sierra Leone, auf einer Patrouille am späten Nachmittag, hatte der Zulu ein Kind erschossen, ein Mädchen, und dann hatte er die alte Frau erschossen, die bei dem Kind war, die Großmutter vielleicht, aber es hätte auch die Mutter sein können, die Frauen dort alterten so schnell. Niemand hatte ihn an einen Baum gebunden, ein armseliges Gewächs dieser Gattung, und die Dorfbewohner zusammengerufen. Er sagte dem Dolmetscher, er solle für das Geschehene um Entschuldigung bitten, dann erledigte er den Zulu mit einer Handfeuerwaffe, ein Schuss aus nächster Nähe, es gab keine andere sinnvolle Lösung. Der Mann blickte ihm in die Augen, ohne zu blinzeln, ohne zu betteln, nicht einmal, als der Lauf beinahe sein linkes Auge berührte. Dieses Mal gab es kein Militärgericht, dem er sich hätte stellen müssen. Niemand war inzwischen Söldner geworden, und seinen Auftraggebern war ein getöteter Mann vollkommen gleichgültig, solange man ihn nicht ersetzt haben wollte: eine Lohntüte weniger.

Das dritte Mal war an einer Straßensperre. Ein Mitsöldner namens Powell, ein rothaariger Engländer, ein Mann aus Yorkshire, Deserteur aus zwei Armeen, hatte ohne jeden Grund das Feuer auf drei Männer in einem Auto eröffnet, zwei weiße Journalisten und ihr schwarzer Fahrer. Er tötete den Fahrer mit dem ersten Schuss und verwundete einen der Weißen. Als Niemand hinzukam, sagte Powell, er wolle die Überlebenden exekutieren und die Schuld den Rebellen in die Schuhe schieben. Niemand diskutierte eine Weile mit ihm, während der unverletzte Journalist versuchte, die Blutung seines Freundes zu stoppen. Powell wollte nicht hören, war so high, wie man nur sein konnte, Pupillen wie Untertassen, und hielt seine Waffe an den Kopf des Mannes. Niemand trat einen Schritt zurück, packte sein Gewehr am Lauf, holte aus und brach Powells Genick mit einem einzigen Schlag. Dann fuhr er die Journalisten ins Krankenhaus.

Niemand duschte unter dem Wasserschlauch, den er an den Regenwassertank auf dem Dach anschloss, wenn das Wasser abgestellt wurde. Dann legte er sich auf das harte Bett und schlief ein über den Gedanken an all die anderen Tötungen, die Mittel zum Zweck waren. Anderer Leute Zweck.

Der Wecker war auf 17.30 Uhr gestellt, aber er wachte vor dem Klingeln auf, duschte noch einmal, zog seine Jeans-Uniform an, T-Shirt, Holster, locker fallende Baumwolljacke, und verließ das Haus über die Treppe. Der Aufzug funktionierte nicht, aber selbst wenn, benutzte ihn niemand, es sei denn als Abort oder um sich einen Schuss zu setzen. Beim Gehen hatte er die rechte Hand in der Jacke, hielt den .38er Colt mit innen liegendem Schlagbolzen über der linken Hüfte. Er ging dicht an der Innenwand. So stieß man direkt mit gefährlichen Leuten zusammen. Die kamen immer an der Innenwand hoch. Und wenn man auf einen von ihnen traf, gewann der schnellere Mann.

Niemand zweifelte nicht einen Augenblick daran, dass er der Schnellere sein würde.

Der Wagen wartete schon am Bordstein, mit laufendem Motor, ein alter Mercedes voller Beulen, Rost unten an den Türen, keine Radkappen. Der Fahrer rauchte eine Zigarette, den Blick auf die Straße gerichtet. Es war voll, eine Dritte-Welt-Straße mit laut rufenden Straßenhändlern, Faulenzern, Straßenkindern, grell aufgetakelten Prostituierten, illegalen schwarzen Einwanderern aus ganz Afrika, von den Einheimischen abfällig maKwerekwere genannt, Schwarzhändler, die ihre Umgebung misstrauisch beäugten. Dies war der Rand des ehemaligen Geschäftsviertels von Johannesburg, Hillbrow, ein Stadtteil, der bereits vor langer Zeit von allen Weißen verlassen worden war, die es sich leisten konnten, in sicherere Gegenden umzuziehen. Nicht in sichere Gegenden, nur in weniger gefährliche. Sicher war es nirgendwo, nicht einmal in Gebäuden mit Hunden und Stacheldraht und vier verschiedenen Alarmanlagen und Rund-um-die-Uhr-Überwachung.

Niemand war nie auf die Idee gekommen umzuziehen. Er hatte keine Besitztümer, die ihm etwas bedeuteten, für seine Sicherheit sorgte er selbst, seit er fünfzehn Jahre alt war, und es war ihm egal, wo er wohnte. Er konnte ohnehin nicht länger als ein paar Stunden am Stück schlafen, wenn er nicht körperlich vollkommen erschöpft war, was spielte es also für eine Rolle, wo er schlief?

Zeke sah ihn kommen, beugte sich herüber und entriegelte die Tür. Niemand stieg ein.

»Rosebank«, sagte er.

»Du siehst immer so verdammt sauber aus«, sagte Zeke. Er lenkte den Wagen auf die Straße. Keiner, der den Wagen fuhr, würde ihn für einen alten Mercedes halten. Was er auch nicht war, abgesehen von der Karosserie. Der volle Name des Fahrers lautete Ezekiel Mkane. Sein Vater war Polizist gewesen, ein Diener des Apartheidstaates, und Zeke war in einer Polizeisiedlung aufgewachsen, als Angehöriger einer Vasallenklasse – kein Respekt von den Weißen, blanker Hass und Verachtung von den Schwarzen. Klug, sprachbegabt, ein Leser, konnte Zeke nirgendwohin. Er ging zur Army, sechzehn Jahre lang, kriegte drei Kugeln ab, zwei Durchschüsse, eine wurde herausoperiert, und Schrapnelle, die teilweise noch in seinem Körper steckten.

»Das kommt, weil ich weiß bin«, sagte Niemand. Er kannte Zeke schon sehr lange.

»So weiß nun auch wieder nicht«, sagte Mkane. »Bisschen Farbe von den Altvordern.«

»Das ist der griechische Teil von mir. Der afrikanische Teil ist rein weiß. Ihr Kaffern werdet doch mit jedem Tag frecher.«

»Ja, Baas. Aber jetzt haben wir das Sagen.«

»Wir? Vergiss es. Das Geld hat das Sagen. Hab lang gebraucht, bis ich das kapiert hab. Das Geld hat immer das Sagen.«

Niemands Handy klingelte. Es war Christa, die das Büro organisierte. »Nach Mrs. Shawn«, sagte sie, »Jan Smuts, Flug 701, Ankunft 20 Uhr 45, ein Mr. Delamotte und seine persönliche Assistentin, was immer das heißen soll.«

»Sein Reisefick, das soll es heißen«, sagte Niemand.

»Ja, gut, also am Schalter von British Airways. Zum Plaza, Sandton. Er hat schlechte Erfahrungen mit Taxis gemacht, als er das letzte Mal hier war.«

Niemand wiederholte die Angaben.

»Richtig«, sagte Christa. »Dann sind da noch zwei Leute, die vom Restaurant abgeholt werden müssen, beide spät. Die haben deine Nummer. Zeke hat eigentlich um elf Feierabend, kann er länger bleiben? Ein paar Stunden.«

Sie hatten die Innenstadt verlassen, im dichten Verkehr fuhren sie in Richtung der Außenbezirke. »Hast du’s heute Abend eilig?«, fragte Niemand. »Ein paar Stunden wahrscheinlich.«

»Manche Leute haben ein Privatleben, weißt du.«

»Wie steht’s mit dir?«

»Doppelter Lohn?«

»Doppelter Lohn.«

Zeke hob den Daumen. Er sah eine Lücke und trat aufs Gaspedal. Der Mercedes reagierte wie ein Porsche.

Mrs. Shawn wartete mit einem Wachmann des Einkaufszentrums auf sie. Sie war um die vierzig, hübsch, aber die Haut hatte zu viel Sonne abbekommen, wirkte leicht angetrunken, einen rötlichen Hauch auf den markanten Wangenknochen. Sie hatte sich ein ausgiebiges Mittagessen gegönnt und war shoppen gegangen. Wahrscheinlich war sie vor dem Essen noch schwimmen, dachte Niemand, schwimmen und ein kleines Sonnenbad. Der Wachmann lud ihre Einkäufe in den Kofferraum, vier Taschen, und sie gab ihm ein paar Geldscheine.

»Das riecht hier wie in einem Neuwagen«, sagte sie, als sie darauf warteten, sich in den frühabendlichen Verkehr auf dem Corlett Drive einzufädeln. Sie war Engländerin, Yorkshire. Niemand erkannte den Akzent aus alten Zeiten, den rhodesischen Zeiten. Damals in Rhodesien waren viele aus Yorkshire gewesen.

»Es ist ein Neuwagen«, sagte Niemand. »In einem alten Körper.«

»Mein Gott«, sagte sie, »genauso fühle ich mich auch.«

Niemand lächelte, sagte aber nichts. Er spürte, dass sie flirten wollte. Das taten sie oft, diese reichen Frauen, aber es war schlecht fürs Geschäft. Am Anfang hatte er ein paar gevögelt, aber dabei war nichts Gutes herausgekommen. Eine hatte sechsmal am Tag bei ihm angerufen und dann, als Niemand nicht mehr abnahm, aus irgendeinem Grund alles ihrem Mann gestanden. Sie hatten den Kunden verloren, mindestens zwanzigtausend Rand im Jahr, und er war nur haarscharf einer Kündigung entgangen. Ein viel zu hoher Preis für einen Fick, an den man sich später kaum noch erinnerte.

»In unserer Straße hat es vor zwei Wochen wieder welche erwischt«, sagte sie. »Das Auto ist hinter ihnen reingefahren, bevor das Sicherheitstor sich geschlossen hatte. Drei Männer. Zum Glück haben sie sich mit Geld zufriedengegeben. Der Mann hatte ein paar tausend im Safe.«

»Glück gehabt«, sagte Niemand. »Meistens ist es das Geld und das Leben.« Er schaltete den schmalen faseroptischen Bildschirm im Dach ein und schaute nach oben. Das Gerät gewährte einen 120-Grad-Blick auf die Straße hinter ihnen, konnte aber auch 160 Grad abdecken.

»Wow«, sagte Mrs. Shawn. »Das ist mal Technologie. Mein Mann würde sich die Finger danach lecken.«

»Wenn wir ankommen«, sagte Niemand, »sollten wir zusehen, dass wir so schnell wie möglich reinkommen. Wie geht es auf?«

»Fernbedienung«, sagte sie. »Man muss einen Code eingeben.«

»Wie weit entfernt?«

»Man muss direkt vorm Tor sein.«

»Geben Sie den Code jetzt schon mal ein.«

Mrs. Shawn suchte in ihrer Handtasche, fand das Gerät. »Ich kann hier nichts sehen«, sagte sie. Sie war zu eitel, um ihre Lesebrille aufzusetzen, hielt die Fernbedienung dicht vors Gesicht und drückte vorsichtig Knöpfe.

»Ich glaube, ich habe es richtig eingegeben«, sagte sie.

Zeke sah Niemand an, der seinen Blick auf den Rückspiegelmonitor gerichtet hielt.

Das Haus lag in einer belaubten Straße in Saxonwold, einem reichen Viertel der Stadt. Es war eines von vier großen Häusern in nachempfundenem georgianischem Stil, errichtet auf Grundstücken, die von einem herrschaftlichen Anwesen abgetrennt worden waren. Die umgebenden Mauern waren drei Meter hoch und mit Nato-Draht bestückt. Als Zeke vor den Stahltoren anhielt, öffnete Niemand seine Tür.

»Machen Sie auf«, sagte Niemand. »Schließen Sie, sobald Sie drin sind, Mrs. Shawn.«

»Das geht sehr schnell«, sagte sie.

»Ich bin auch schnell.«

Niemand war draußen, am Rand des Bordsteins, und schaute sich um. Frühabendliche Dämmerung auf dem Highveld, ein frischer Duft mit einem Hauch von Jacarandablüten, eine breite Straße, kein Verkehr, eine ruhige Straße, eine Börsenmaklerstraße, ein Ort, an den man nach Hause kommen konnte, eine Runde schwimmen, sich einen großen Scotch einschenken, die Sorgen des Tages vergessen. Ein scharfer Ton, die Tore taten sich auf, und Zeke fuhr in einen Korridor zwischen hohen Mauern, der zu einer dreitürigen Garage führte.

Niemand lief rückwärts und schaffte es gerade noch hinein, bevor die Torflügel wieder aufeinandertrafen.

Auf der Fahrerseite war ein 14-Zoll-Monitor unter einem kleinen Schutzdach in die Wand eingelassen. Mrs. Shawn händigte Zeke eine weitere Fernbedienung aus. Während Niemand am Auto lehnte, gingen sie auf Videotour durch das Haus, Zimmer um Zimmer aus jeweils zwei Kameraperspektiven. Es war schlicht eingerichtet, Rollläden mit Stahllamellen statt Vorhängen, kaum Versteckmöglichkeiten. Neben dem Monitor leuchtete ein grünes Licht. Es bedeutete, dass keine Fenster oder Türen, weder innen noch außen, geöffnet oder geschlossen worden waren, seit die Alarmanlage eingeschaltet worden war.

»Sieht okay aus«, sagte Niemand. »Gucken wir uns noch die Garage an.«

Es stand ein Fahrzeug darin, ein schwarzer Jeep mit Vierradantrieb. Eine bodennahe Kamera zeigte, dass sich darunter keiner versteckt hielt.

Niemand gab ein Zeichen.

Mrs. Shawn drückte die Fernbedienung.

Das linke Tor hob sich. Die gezogene Waffe auf Hüfthöhe haltend, ging Niemand hinein, sah in den Jeep, winkte Zeke. Der parkte hinter dem Jeep, das Garagentor senkte sich. Zeke nahm das kurzläufige Repetiergewehr mit Pistolengriff aus seiner Halterung unter dem Fahrersitz.

Mrs. Shawn entriegelte die Stahltür zum Haus mit einer Karte und einem Schlüssel.

Niemand ging zuerst hinein, Zeke folgte ihm.

Sie standen in einem in hellen Grautönen gestrichenen Vorraum mit maulbeerfarbenem Teppichboden, ein einzelnes Gemälde unter einer Bilderleuchte, ein Druck, Cézanne. Niemand mochte Gemälde, sogar Gemälde, die er nicht verstand. Manchmal kaufte er sich Kunstbücher und warf sie nach einer Weile wieder weg.

Mrs. Shawn deaktivierte die Alarmanlage.

»Warten Sie hier«, sagte Niemand.

Sie schüttelte heftig den Kopf. »Nein, ich will nicht allein sein.«

Niemand voran, betraten sie einen Flur und gingen dann in jeden Raum. Er öffnete jeden einzelnen Schrank, während Zeke ihm Deckung gab. Alle Betten hatten einen Kastenunterbau, damit sich niemand darunter verstecken konnte.

Als sie im Wohnzimmer standen, zum zweiten Mal, sagte Niemand: »Sie können sich entspannen, Mrs. Shawn.«

Er steckte die Pistole ins Holster, fühlte sich aber nicht entspannt.

Sie ging in die Küche und kam mit einer Flasche Champagner in der Hand zurück, Veuve Cliquot, und einem Glas, einer Sektflöte aus Kristall. »Ich gönne mir ein Gläschen Sprudel«, sagte sie. »Das Ganze stresst mich ungemein. Alles andere gibt es auch. Bier, Scotch, was Sie wollen.«

Die Männer schüttelten die Köpfe. »Sie erwarten Mr. Shawn wann?«, fragte Niemand.

Sie hielt sich die Uhr dicht vors Gesicht. »Jeden Augenblick, jetzt jeden Augenblick. Könnten Sie das mal für mich aufmachen?« Sie hielt Niemand die Flasche hin. Er nahm sie und gab sie an Zeke weiter, der das Gewehr auf einem Stuhl ablegte.

»Er ist für den Champagner zuständig«, sagte Niemand. »Ich mache nur Bierflaschen auf. Mit den Zähnen.«

Mrs. Shawn lächelte, ein unsicheres Lächeln, sie wusste nicht, worauf Niemand hinauswollte, ob sie vielleicht einen Fehler gemacht hatte, indem sie sich automatisch an den Weißen gewandt hatte. Zeke zog die Aluminiumkappe ab, löste den Draht, lockerte langsam den Korken, kein Knall, nur das leise Fiepen der entweichenden Kohlensäure, schenkte ein.

»Danke«, sagte Mrs. Shawn. »Sie sind Experte.«

Zeke lächelte und trug die Flasche in die Küche zurück.

Mrs. Shawn trank das Glas halb leer. »Mein Gott, tut das gut«, sagte sie. »Setzen wir uns.«

Sie setzten sich in die Ledersessel. Zeke kam aus der Küche. »Hab noch ein paar Anrufe zu erledigen«, sagte er, verließ den Raum und schloss die Tür hinter sich. Mrs. Shawn kippte den Rest aus ihrem Glas hinunter und ging in die Küche. Niemand hörte, wie der Kühlschrank geöffnet und wieder geschlossen wurde. Stille. Sie kam mit einem vollen Glas und der Flasche zurück.

»Gut«, sagte Mrs. Shawn, saß da, lächelte das Lächeln, schlug die Beine übereinander. Niemand kannte das Koks-Lächeln. Er sah auf ihre Beine. Es waren braune Beine, prall, die Füße in weich aussehenden Schuhen. »Immerhin zu Hause«, sagte sie. »Sie sind sehr professionell … wie soll ich Sie nennen?«

»Mike«, sagte Niemand. Er erwiderte ihren Blick, lächelte, sah auf die Uhr. Er hatte ein schlechtes Gefühl bei diesem Haus, die Art von Gefühl, wie es ihn manchmal auf Patrouille überkommen hatte, ohne konkreten Anhaltspunkt. »Die Häuser nebenan, kennen Sie die Leute, die dort wohnen?«

Sie trank. »Na ja, wir sind diejenigen hier in der Reihe, die am längsten durchgehalten haben. Zwei Monate, knapp. Ist das zu fassen?« Sie schloss die Augen, kurze Wimpern. »Ich war so naiv, als ich herkam. Ich meine, ich dachte, es würde wie in Malaysia sein. Da habe ich mit meinem ersten Mann gelebt, wir hatten dieses hübsche Haus in KL – die Armen belästigen einen da überhaupt nicht. Mein Gott, war das ein Schock hier! Ich hasse dieses verdammte Land. Ich wäre schon morgen zurück in England …«

Niemand war es leid, ihr zuzuhören. Leuten wie ihr musste er jeden Tag zuhören. Manchen Leuten gegenüber nannte er seinen Beruf »Parasitenschutz«.

»… der verdammte Brett hat mir gesagt, es wäre nur für zwei oder drei Wochen. Dann bescheißen ihn die Leute irgendwie, der Deal platzt und als Nächstes …«

»Sie kennen die Nachbarn nicht?«, fragte Niemand.

Sie blinzelte, hatte Schwierigkeiten, klar zu sehen. »Nun, ich sehe manchmal die Leute auf dieser Seite da.« Sie zeigte mit dem Daumen nach links. »Nur so beim Grüßen. Amerikaner. Mit Security-Mann im Haus. Ein Israeli. War einer der Leibwächter des Premierministers. Weiß der Himmel, was das kostet.«

»Und auf der anderen Seite?«

»Leer. Die sind vor ein paar Wochen ausgezogen. Waren nur ein paar Monate hier. Glück gehabt.« Ein Telefon klingelte, an zwei Orten gleichzeitig. Sie leerte ihr Glas, ging in die Küche.

Irgendetwas stimmte hier nicht.

Niemand ging in den Flur, schaute nach oben und nach unten, ging ins Esszimmer, ein formelles Esszimmer mit einem großen hellen Tisch und zehn Stühlen. Zeke telefonierte mit dem Handy, saß mit halber Gesäßbacke auf dem Tisch. Er blickte Niemand an, zog eine Augenbraue hoch. Niemand zuckte die Achseln und kehrte ins Wohnzimmer zurück.

Mrs. Shawn kam gerade aus der Küche, das Glas wieder aufgefüllt.

»Mein Mann«, sagte sie. »Er wird in einer Minute hier sein. Er fliegt morgen nach London. Will mich nicht mitnehmen. Manchmal denke ich, es wäre ihm ganz recht, wenn ich ermordet würde.«

Niemand spürte, wie das ungute Gefühl etwas abflaute, und ging nach draußen, um den Ehemann ins Haus zu begleiten. Die Zufahrt und die Straße davor lagen im Flutlicht, taghell. Als der Mann den Audi an ihm vorbeisteuerte, sah er ein pausbäckiges Gesicht.

In der Garage stieg der Mann aus, Aktentasche in der linken Hand, und sah auf die Uhr. Er war klein und dickbäuchig, und nicht einmal ein teurer Anzug konnte sein Erscheinungsbild verbessern.

»Nur Sie?«, fragte er.

Niemand schüttelte den Kopf. »Mein Partner ist drin.«

Der Mann sah ihn an. Er hatte getrunken, sein Gesicht war gerötet. »Welche Hautfarbe hat er?«

»Schwarz.«

»Keine Schwarzen im Haus. Ich traue keinem Schwarzen.« Er zeigte auf den Boden. »Nächstes Mal wartet er hier.«

Diesen Menschen sollte man eines gewaltsamen Todes sterben lassen, dachte Niemand. Wortlos ging er zu der Tür, die ins Haus führte, und wartete.

Der Mann kam herüber und öffnete die Tür. Niemand ging als Erster hinein, durch den Flur ins Wohnzimmer. Die Frau stand am Durchgang zur Küche, Champagnerflöte in der Hand. Zeke saß in einem Ledersessel, das Gewehr auf den Oberschenkeln.

Brett Shawn ließ die Aktentasche auf einen Sessel fallen und zog sein Jackett aus, würdigte seine Frau keines Blickes. Den Blick auf Zeke gerichtet, warf er das teure Kleidungsstück achtlos zur Seite, trat in die Mitte des Raumes und bedeutete Zeke mit Handzeichen, dass er aufstehen sollte, Handfläche nach oben, die kurzen Finger dicht beieinander, drängend.

»Hoch«, sagte er. »Zeit zu gehen. Ich bezahl kein verdammtes Vermögen, damit sich die Leute auf meinen verdammten Möbeln den Hintern platt sitzen.«

Zekes Gesichtsausdruck veränderte sich nicht. Er stand auf, die Waffe am Ende eines lockeren Arms, und sah Niemand an. Niemand nickte Mrs. Shawn zu.

»Danke Ihnen«, sagte sie. »Danke Ihnen beiden.«

Brett Shawn betrat den Flur als Erster, Zeke hinter ihm. Shawn war an der Tür zum Vorraum, hatte die Hand am Türgriff, als sich die Haare an Niemands Hinterkopf sträubten. Er blickte nach oben, sah etwas an der Decke hinter ihm, etwas am Rand seines Gesichtsfeldes, eine dunkle Linie, die vorher nicht da gewesen war, brüllte Zekes Namen, wirbelte herum, fand die Waffe an seiner Hüfte, warf sich selbst aus der Schusslinie auf den Boden und rollte in Stellung.

Der Mann in der Decke stieß die Wartungsluke auf und eröffnete aus einer Pumpgun das Feuer, traf Shawn, der sich umdrehte, seitlich in den Bauch, in das Nadelstreifenhemd, das sich über seinen hängenden Bauch spannte, teilte ihn beinahe in zwei Hälften, feuerte wieder. Zeke hob sein Gewehr und feuerte zur Decke, ohne sich umzudrehen, warf nur den Kopf in den Nacken, ohrenbetäubender Lärm erfüllte den Vorraum. Dann explodierte Zekes Kopf wie ein Ballon aus Blut und Knochen und rosa und grauem Material.

Niemand hatte die .38er im Anschlag, wollte sie abfeuern, in die Decke hinter der Wartungsluke, ließ es bleiben.

Wartete.

Stille.

Ein Geräusch von oben, als fiele etwas um.

Wartete.

Eine abgesägte Flinte fiel in den Vorraum. Dann fiel ein nackter Arm samt Schulter in einem T-Shirt durch die Luke. Eine dunkle Hand baumelte hin und her.

Niemand bemerkte Mrs. Shawns Schreien. Er achtete nicht darauf, streckte die Hand aus, um nach Zekes Gewehr zu greifen, strich mit der Hand über den Kopf seines Freundes, schmierte seinen Hals und seine Brust mit Zekes Blut ein, legte sich wieder hin und beobachtete die Luke.

Mrs. Shawn hörte auf zu schreien.

Hinter ihm öffnete sich die Tür zum Wohnzimmer. Niemand schloss die Augen.

Mrs. Shawn fing wieder an zu schreien und knallte die Tür zu.

Niemand lag auf dem maulbeerfarbenen Teppich, das Gewehr an seiner Seite, die Augen fast geschlossen, und blickte durch die Wimpern auf die Luke.

Nichts. Nur Blut, das den nackten Arm entlang über die Finger rann und heruntertröpfelte.

Mrs. Shawn schrie. Sie war am Telefon. Sie hatte jemanden erreicht. Niemand konnte die Worte nicht verstehen.

Sie waren die ganze Zeit in der Decke gewesen. Sie mussten über das leere Haus nebenan eingedrungen sein, wahrscheinlich hatten sie die Lücke zwischen den Dächern mit einer Leiter überbrückt.

Niemand wartete. Er konnte allmählich nur noch undeutlich sehen. Kein Laut von oben.

Tot oder weg, dachte er.

Er spannte seine Schultermuskulatur, machte sich bereit, um aufzuspringen.

Ein schleifendes Geräusch.

Der Körper des Schützen fiel durch die Luke, landete vor seinen Füßen, Blut spritzte überallhin.

Er war gestoßen worden.

Niemand bewegte sich nicht, hielt den Atem an.

Der andere oben in der Decke hatte keine Feuerwaffe, das verriet ihm sein Instinkt. Und dem Mann lief die Zeit davon: Der Rest des Teams würde bereits in der Nähe sein, darauf warten, dass sich das Tor öffnete. Falls das nicht bald passierte, würden sie ihn wahrscheinlich im Stich lassen.

Durch die Wimpern hindurch betrachtet, war die Luke nur ein schwarzes Quadrat.

Nichts geschah.

Niemand hörte, wie die Tür des Wohnzimmers aufging.

Dieses Mal schrie Mrs. Shawn nicht, sie sagte etwas, mit leiser, hoher Stimme, einer Kinderstimme: »Oh, mein Gott, sind sie alle tot?«

Niemand beobachtete durch die Wimpern hindurch die Luke.

Nichts.

Füße voran.

Der schwarze Mann kam mit den Füßen voran aus der Luke gesprungen, trat einfach in die Luft, sprang von der Decke herunter wie ein Akrobat, ein langes Schlachtermesser an die Brust gedrückt.

Mrs. Shawn schrie, schrill und hoch, wie das Kreischen von Stahl, der mit hoher Geschwindigkeit anderen Stahl streift.

Der Mann landete mit den Füßen zu beiden Seiten des Leichnams seines Partners, ein zierlicher Mann, perfekt ausbalanciert, als wäre er nur von einem Stuhl gesprungen, die Messerhand gesenkt, die Klinge auf Mrs. Shawn gerichtet.

»Halt’s Maul, Schlampe«, sagte er.

Er blickte auf den am Boden liegenden Niemand, machte einen Schritt auf ihn zu, beugte sich vor, holte mit dem Messer aus, ohne umzugreifen, wollte die Klinge in Niemands Leistenbeuge rammen, die Arteria femoralis durchtrennen.

»Nein!«, schrie Mrs. Shawn, wieder das stählerne Kreischen.

Niemand schlug die Augen auf, riss das Gewehr hoch, drückte ab, hörte den Hahn klicken.

Nichts. Fehlfunktion, Wahrscheinlichkeit eins zu fünftausend.

Der Mann holte aus.

Niemand riss das rechte Bein hoch, trat so hart zu, wie er konnte, sein Schienbein unmittelbar unterhalb des Knies traf auf die Genitalien des Mannes, ein Schmerzensschrei, er sah, wie die Messerhand sich entfernte, setzte sich auf, stützte sich auf die linke Hand, hakte sein linkes Knie um den rechten Knöchel des Mannes, rollte sich mit heftigem Schwung nach links, wobei er das rechte Knie in den Oberschenkel des Mannes presste.

Er spürte, wie das Gelenk nachgab, Sehnen, Knorpel sich dehnten, sah wie der Mann mit der Schulter gegen die Wand krachte, sein Kopf zur Seite gerissen wurde, der Mund offen und verzerrt vor Schmerz und Überraschung, sah die Zähne und die belegte Zunge, sah die Messerhand herumkommen, das Messer riesig und glänzend. Schmerz in seiner Schulter. Er packte das Handgelenk des Mannes, schlug ihm das Gewehr über den Kopf, zog den kurzen Lauf über seinen Kiefer, sein Ohr, zog die Waffe zurück …

Die Waffe ging los, eine gewaltige Erschütterung. Niemand hatte nicht bemerkt, dass er abgedrückt hatte.

Eine Sekunde lang verharrten sie wie eingefroren, zwei Männer, einer schwarz, einer weiß, die Beine gekrümmt und ineinander verschlungen, die Gesichter ganz nah aneinander, sahen einander in die Augen.

Er ist stark, dachte Niemand.

Der Mann brachte die rechte Hand an den Lauf des Gewehrs, hatte den Vorteil, stoßen zu können. Niemand fühlte, wie die Kraft in seinem linken Arm schwand, er würde diesen Kampf verlieren, diesmal war er nicht der Schnellste gewesen, er konnte die Messerklinge sehen, sein Blut war daran.

Nein. Hier konnte er nicht sterben, nicht im Haus dieses Dreckskerls, nicht im Dienst eines englischen Arschlochs.

Er ließ den rechten Arm unvermittelt locker, überraschte so den schwarzen Mann, stieß den Gewehrlauf zu ihm hin, drückte ab.

Es funktionierte. Die Augen vor dem Mündungsfeuer geschlossen, sah er die Stichflamme durch die Lider, fühlte ein Brennen auf dem Gesicht, fühlte, wie der Mann erschlaffte, fühlte heiße Flüssigkeit in seinem Mund und seinen Augen und seiner Nase.

Nach einer Weile, noch ein Tönen in den Ohren, schob er den Körper von sich und hob die Schultern von dem immer dunkler werdenden maulbeerfarbenen Teppich.

»Mrs. Shawn?«

Keine Antwort.

Er ging auf die Knie.

Sie lag auf dem Rücken, ein Bein untergeschlagen, das andere ausgestreckt.

Er sah sie an und wusste, dass sie tot war. Er brauchte nicht nach dem Puls zu fühlen. Er tat es.

Sie war tot. Er hatte sie in die Brust getroffen. Als der Mann über ihm war und er abgedrückt hatte, hatte er Mrs. Shawn erschossen.

Wahrscheinlich hatte sie versucht, ihm zu helfen. Er erinnerte sich, wie sie geschrien hatte. Sie hatte geschrien, und dann hatte sie wahrscheinlich versucht, ihm zu helfen.

Er stand auf, ging in die Küche, wischte Zekes Gewehr gründlich ab, kehrte zurück und legte es in die Hände seines Freundes. Er musste die Hände biegen, ihn anders hinlegen. Er wollte Zeke zum Abschied einen Kuss geben, ihn auf das küssen, was von seinem Gesicht übrig geblieben war, aber er tat es nicht. Zeke hätte es nicht gewollt.

Dann, schnell, küsste er Zekes Hals. Er war noch warm.

Er rief Christa an, schaute sich kurz um, fand das Koks-Versteck, öffnete Brett Shawns Aktentasche, einen kleinen Koffer.

Ein großer gelber Umschlag mit drei Bündeln amerikanischer Hundert-Dollar-Noten, vielleicht zwanzigtausend Dollar. Drei gelbe Umschläge, Papiere, stapelweise, dick wie Telefonbücher. Eine Videokassette mit einem aufgeklebten Stück Papier, Buchstaben, Ziffern in einer schräg geneigten Handschrift.

Niemand nahm die Umschläge und die Kassette und ging hinaus zum Mercedes, die Pistole in der Hand. Keine Spur von den Freunden der Eindringlinge oder dem Israeli von nebenan. Er legte die gestohlenen Dinge in den im Boden eingelassenen Safe. Dann ging er zurück ins Haus und gönnte sich eine Linie Koks, während er wartete, zwei Linien. Eigentlich hielt er es für eine Schwäche, Drogen zu nehmen, er konnte sie nehmen, konnte es auch bleiben lassen, aber die Vorstellung, Koks an die Polizei zu verschwenden, konnte er nicht ertragen.

Er spülte gerade den Rest im Waschbecken hinunter, als das Telefon klingelte.

Er ließ es klingeln, trocknete sich die Hände ab, dann hielt er es nicht mehr aus und ging dran. Ferngespräch.

»Shawn?«

»Mr. Shawn ist etwas zugestoßen. Er ist tot.«

Schweigen.

»Und Sie sind?« Ein Akzent. Deutsch?

Niemand dachte nach. »Ein Angestellter«, sagte er.

»Shawn hatte Papiere. Und ein Band. Haben Sie das?«

»Ja.«

»Ich nehme an, Sie werden es rausbringen?«

Angestrengtes Nachdenken. »Was ist es wert?«, fragte Niemand.

»Für die Lieferung nach London die vereinbarte Summe. Zehntausend Pfund. Plus Spesen. Rückflug und so weiter. Sagen wir, noch weitere fünftausend.«

»Zwanzigtausend«, sagte Niemand. »Plus Spesen.«

»Abgemacht. Wenn Sie nach London kommen, tun Sie Folgendes …«

Er hätte mehr verlangen sollen.

2
HAMBURG

Tilders rief kurz vor vier an. Anselm stand rauchend auf dem Balkon, blickte auf den kabbeligen See hinaus, die Außenalster, massierte die leblosen Finger seiner linken Hand, dachte über seinen Bruder und Geld nach, darüber, wie kurz die Sommer wurden, jedes Jahr kürzer. Beate klopfte an die Glastür, hielt ihm das schnurlose Telefon hin.

Anselm schnippte die Zigarette weg, ging zur Tür und nahm das Telefon.

»Wir haben ihn«, sagte Tilders.

»Ja?« Tilders sprach über einen Mann namens Serrano. »Wo?«

»Hauptbahnhof, sieben zehn, im ICE aus Köln.«

»Im Zug? Dieser Junge?«

»Ja. Sie sind jetzt zu dritt.«

»Wie kommt das?«

»Eine Frau ist bei ihnen. Otto sagt, der Muskelmann ist losgezogen und hat einen Koffer gekauft, und jetzt trägt sie ihn.«

Serranos Bodyguard war ein Ungar namens Zander, ebenfalls bekannt als Sanders, Sweetman, Kendall. Das waren nur die Namen, von denen sie wussten.

»Rufe zurück«, sagte Anselm. »Ich muss den Kunden hinzuziehen.«

Er ging zu seinem Schreibtisch und rief O’Malley in England an. O’Malley war nicht da, würde aber benachrichtigt werden und sofort zurückrufen. Anselm ging wieder auf den Balkon hinaus, zündete sich noch eine Camel an und beobachtete, wie die Fähre anlegte. Es wurde dunkler, Regen lag in der Luft. Über dem gedrungenen Schiff schaukelte ein Schwarm Möwen, sich balgende schwarzäugige Raubtiere, die das Boot belauerten, als befänden sich essbare Dinge darin, was auch der Fall war. Er erinnerte sich dunkel an seine erste Fahrt auf der Alster, an dem Tag, als der »Schwanenvater« die Schwäne aus ihrem Winterdomizil brachte. Der Mann war in seinem kleinen Boot aus einem Kanal getuckert gekommen, einen Ausleger im Schlepptau. Dahinter schwammen Hunderte von Schwänen, und im offenen Wasser begannen einzelne Paare, sich aus dem Pulk zu lösen, um ihre Kanäle aufzusuchen. Jahrelang hatte Anselm gedacht, das geschähe jeden Tag, jeden Tag brächte ein Mann die Schwäne nach draußen, der Schwanenfänger von Hamburg.

Er hörte, wie die Tür hinter ihm aufging.

»Herr Anselm?«

Der blasse Buchhalter. Konnte man noch unterwürfiger an jemanden herantreten? Was machte manche Menschen so furchtsam? Ihre Geschichte, dachte Anselm, ihre Geschichte. Er drehte sich um. »Herr Brinkmann.«

»Darf ich eine Angelegenheit ansprechen, Herr Anselm?« Brinkmann biss sich auf die Unterlippe. Sie bekam etwas Farbe.

»Schießen Sie los.«

Brinkmann sah sich nach Lauschern um und wurde noch leiser: »Ich spreche das nur sehr ungern an, Herr Anselm, aber Sie sind hier derjenige, der Verantwortung zeigt. Herr Baader scheint die Dringlichkeit nicht zu erkennen. Der Vermieter fängt allmählich an, wegen der Mietrückstände zu drohen. Und es gibt noch andere Probleme.«

»Er kommt ja bald zurück. Ich werde ihm klarmachen, wie dringlich die Angelegenheit ist«, sagte Anselm.

Baader gehörte die Firma. Er war auf Flitterwochen in der Karibik. Flitterwochen Nummer vier, oder war es schon fünf?

»Da ist noch etwas«, sagte Brinkmann.

»Ja?«

Brinkmann wiegte den Kopf hin und her, biss sich auf die Unterlippe.

»Was dann?«

»Herr Baader möchte, dass ich gewisse Ausgaben auf die Firma buche, die wir nicht als Geschäftsausgabe rechtfertigen können. Ich könnte dafür ins Gefängnis kommen.«

Anselm war nicht im Mindesten überrascht. »Haben Sie ihm Ihre Bedenken vorgetragen?«

Brinkmann nickte. »Er hört nicht auf mich.«

»Ich rede mit ihm.«

»Herr Anselm, Herr Baader mischt sich in den Zahlungsverkehr ein.«

»Wie?«

»Er unterschreibt manchmal Schecks. Andere kommen nicht zu mir zurück.«

»Ich rede mit ihm. Versprochen.«

Der Pflicht Genüge getan, nickte Brinkmann angsterfüllt. Anselm wandte sich wieder zum Wasser und dachte über Baader und seine diversen Begierden nach, seine Manipulationen in den Büchern.

Das Klopfen am Glas. Beate mit dem Telefon, wieder.

Es war O’Malley. Er pfiff, als Anselm ihm von Serrano berichtete.

»Und Sie sind sicher, dass es sein Koffer ist, den sie trägt, mein Junge?«

»Ja«, sagte Anselm. Tilders sagte nicht »ja«, wenn er »ich glaube« meinte. Er hatte Otto ausgebildet, und Baader hatte ihn ausgebildet, und Baader war wirklich in allem exzellent ausgebildet, bis auf Redlichkeit in der Abrechnung.

»Nicht nur Socken und Hemden und dreckige Unterwäsche?«, fragte O’Malley.

»Nach allem, was wir wissen, könnten es auch handgeschnitzte Dildos und alte Ausgaben des L’Osservatore Romano sein.«

»Verflucht«, sagte O’Malley. »John, ich weiß mit diesem Kerl nicht weiter. Wir brauchen nur einen Blick, einen kurzen Blick. Minuten.«

»Nur zu«, sagte Anselm. »Keine falsche Bescheidenheit. Sie kennen Zeit und Ort. Unsere Arbeit ist erledigt.«

»John, John.«

»Gehört nicht zu unseren üblichen Aufgaben«, sagte Anselm. »Das wissen Sie.«

»Unsinn, ich weiß, dass Baader das machen würde.«

Er würde es auch machen, dachte Anselm. »Ich weiß das nicht. Rufen Sie ihn auf seinem Handy an.«

»Hören Sie, Sie könnten jemanden dafür finden, John.«

»Selbst wenn ich könnte, solche Dinge fallen irgendwann auf einen zurück.«

»Zehn Riesen.«

»Was wollen Sie für zehn Riesen?«

Er sagte es Anselm, der seufzte. »Das ist alles? Gegen einen Leibwächter antreten für zehn Riesen? Der Kerl könnte seinen Job ernst nehmen. Ich bin absolut dagegen.«

»Zwölf.«

Anselm dachte darüber nach. Er wusste, dass er sich nicht in solche Geschichten hineinziehen lassen sollte. Aber da waren Gehälter zu zahlen, einschließlich seines eigenen. Er kannte Leute, die so etwas für einen Tausender, vielleicht fünfzehnhundert Dollar arrangieren konnten. »Nein«, sagte er.

»Zwölf, das ist mein letztes Wort.«

»Fünfzehn, oder Sie können das Ganze vergessen.«

Jetzt war O’Malley mit Seufzen an der Reihe. »Mein Gott, Sie sind ein harter Hund.«

Anselm verzog das Gesicht. Er hätte zwanzig rausschlagen können, mehr. Er legte auf und rief Tilders an. »Es gibt etwas zu tun.«

»Ja«, sagte Tilders. »Was?«

»Was für einen Koffer hat Zander gekauft?«

»Fotografenkoffer aus Aluminium.«

Anselm schwieg so lange, dass Tilders schon dachte, die Verbindung sei unterbrochen. »John?«

»Sagen Sie Otto, er soll so einen kaufen. Den gleichen. Exakt das gleiche Modell.«

Jetzt musste er nur noch den Schlosser anrufen und vier weitere Anrufe erledigen, zwanzig Minuten am Telefon.

3
HAMBURG

Der ICE glitt in das riesige Gewölbe des Hauptbahnhofs, der großen Bahnhofsuhr nach auf die Sekunde pünktlich. Zander, der Leibwächter, erschien als Erster, er blockierte die Tür des schmalen Waggons, und das war ihm verdammt egal, er schaute sich in aller Ruhe um. Er war schlank für jemanden in seinem Beruf, blond und elegant, trug einen dunklen Anzug, die Jacke offen. Als er zufrieden war, machte er einen Schritt zur Seite, und Serrano trat auf den Bahnsteig. Er trug ebenfalls einen dunklen Anzug, doch an ihm war nichts elegant. Er war klein und pummelig, sein Gesicht glänzte leicht, sein Haar sah aus wie lackiert, und eine Speckrolle quoll über seinen Kragen. Über der Schulter trug er eine Laptop-Tasche.

Als Nächster stieg ein Geschäftsmann mittleren Alters aus, ein Mann mit einem verkniffenen und unglücklichen Gesichtsausdruck, der den Kopf hob und die abgestandene Bahnhofsluft einsog. Nach ihm kam eine ältere Frau mit quasi einbalsamiertem Gesicht, perfekt und stilsicher gekleidet, danach eine vierköpfige Familie, die Eltern zuerst. Früher Gastarbeiter aus Anatolien, dachte Anselm, jetzt wohlhabend. Die Kinder, ein Junge und ein Mädchen im Teenageralter, folgten, Bürger von nirgendwo und überall. Beide hörten Musik aus Köpfhörern und nickten, als litten sie unter irgendeiner exotischen Nervenkrankheit.

Eine Frau stand in der Türöffnung. Sie war vielleicht dreißig, ganz in Schwarz, Hosen, vernünftige Absätze, dunkles zurückgekämmtes Haar, dunkler Lippenstift. Ihr Gesicht war ernst, scharf geschnitten, ebenmäßig, nicht unattraktiv.

»Die Frau«, sagte Tilders. Er hatte ein Handy am Gesicht, einem langen, ernsten Philosophengesicht, wie geschaffen zum Nachdenken.

Anselm wandte sich halb ab, nahm einen Schluck Apfelkorn aus der kleinen Flasche, ließ ihn im Mund kreisen, spürte das sanfte Brennen des Alkohols. Es war sein zweiter. Er hatte Angst vor einer Panikattacke, und Alkohol schien hilfreich, um sie abzuwehren. Er trank ohnehin zu viel, es war ihm egal, außer in den Stunden vor dem Morgengrauen, dem Ödland der Nacht. Die Frau trug einen Aluminiumkoffer in der linken Hand, mühelos.

»Aus dem Osten«, sagte Tilders.

»Sicher, dass die nur zu dritt sind?«

»Ich kann nichts dafür«, sagte Tilders. »Das ist nicht unsere Art Arbeit. Alles klar?«

Anselm leerte die kleine Flasche. »Ja«, sagte er. »Ich bin an allem schuld.«

Tilders sprach in sein Handy. Sie folgten der Frau und Serrano und seinem Bodyguard den Bahnsteig entlang auf die Rolltreppe zu, die zum Quergang führte. Die Frau hielt Abstand zu den Männern, stets andere Menschen zwischen ihnen. Auf der überfüllten Rolltreppe sah Zander einmal zurück, nur ein beiläufiger Blick. Serrano hielt den Kopf gesenkt, ein Mann, der sich nicht für seine Umgebung interessierte, auf der dem Wind abgewandten Seite seines gemieteten Schutzschildes.

Als sie den Quergang erreichten, blieb Zander kurz stehen, blickte sich wieder um und bog dann nach rechts ab, Richtung Kirchenallee. Die Frau zögerte nicht, als sie oben ankam, und bog schnellen Schrittes ebenfalls rechts ab.

Der Quergang war voll, Arbeiter und Schaufensterbummler, Reisende, Jugendliche auf Skateboards, Straßenmusikanten, Bettler, Kleinkriminelle, Zuhälter, Huren, Strichjungen.

Zander und Serrano waren beinahe am Ausgang. Zander blickte sich wieder um. Die Frau war von einer Gruppe Schulkinder auf einem Ausflug aufgehalten worden. Sie war zehn Meter hinter ihnen.

»Wird knapp«, sagte Anselm. Es würde nicht funktionieren, da war er sich sicher.

»Scheiße«, sagte Tilders.

Aus dem Nichts tauchte der Zigeunerjunge auf, bewegte sich beinahe im Lauf durch die Menge, wand sich zwischen den Menschen hindurch, ein drahtiges Kind in einem tristen Anorak, strubbeliges schwarzes Haar, rannte direkt in die Frau hinein, rempelte sie mit der Schulter in die Rippen, rempelte noch einmal, als sie zurückwich. Sie stürzte, knallte schmerzhaft auf den Boden, hielt aber den Koffer fest.

Ohne zu zögern, stampfte der Junge mit einem schweren, dick besohlten Doc-Martens-Stiefel auf ihre Hand. Sie schrie vor Schmerz auf, öffnete die Hand. Er bekam den Aluminiumkoffer mit der linken Hand zu fassen, doch sie schlang einen Arm um sein linkes Bein.

Der Junge trat ihr gegen den Hals, beugte sich vor und schlug ihr auf den Mund, zwischen die Brüste, ein, zwei Hiebe mit der rechten Hand, einer Faust wie ein kleines Säckchen Murmeln. Die Frau sank zurück, hatte keine Kraft mehr, um länger festzuhalten. Er war weg, rannte auf den Ausgang zu.

Niemand unternahm etwas. Die Leute wollten nicht in solche Geschichten hineingezogen werden. So etwas passierte ständig, und es war gefährlich, die Diebe anzugreifen. Selbst kleine Kinder zogen manchmal ein Messer und wedelten wild damit herum. Vor Kurzem erst war ein Mann in die Genitalien gestochen worden, zweimal, und im Krankenwagen gestorben. Ein Vater von drei Kindern.

Doch Zander war plötzlich da, lief geschmeidig, schlängelte sich wie ein Fisch um die Passanten herum. Der Junge hatte nicht genug Vorsprung, die Frau war zu nah bei Zander gewesen, es hatte zu lange gedauert, ihr den Koffer zu entreißen.

»Scheiße«, sagte Tilders wieder.

Dann schien irgendjemand in der Menge zu stolpern und schubste einen langhaarigen Mann in Zanders Weg. Der Mann ging auf ein Knie. Zander versuchte, ihm auszuweichen, konnte aber nicht. Sein linkes Bein traf den Mann. Er verlor das Gleichgewicht, fiel zur Seite, prallte vom Boden ab, kam wieder auf die Füße wie eine Marionette, die von ihren Fäden nach oben gezogen wurde.

Zu spät. Der Junge war weg, die Menge hatte sich hinter ihm geschlossen. Zander blieb stehen, unsicher, blickte zurück. Serrano war bei der Frau, die Arme in der Luft. Wut und Verzweiflung spiegelten sich auf seinem Gesicht. Zander verstand, drehte sich um, wollte die Verfolgung des Jungen erneut aufnehmen, erkannte, dass es hoffnungslos war, hielt inne und ging zu Serrano zurück. Serrano war außer sich. Anselm konnte sehen, wie Spuckefäden aus seinem Mund flogen, wie Zander zurückschreckte. Keiner von beiden würdigte die Frau eines Blickes, sie hatte sie enttäuscht.

Zwei Polizisten erschienen, einer sprach in sein Kragenmikrofon. Die Frau war jetzt aufgestanden, ihre Nase blutete ein wenig, Blut, das in dem künstlichen Licht schwarz aussah, mit der rechten Hand massierte sie ihr Brustbein. Ihre Frisur hatte sich gelöst, und sie musste das Haar mit der linken Hand zurückstreichen. Sie sah jetzt sehr viel jünger aus, wie ein Teenager.

Ein dritter Polizist kam hinzu, sagte den Leuten, sie sollten weitergehen, die Aufregung sei vorüber.

Die Frau erzählte den beiden Beamten ihre Geschichte. Sie schüttelten die Köpfe.

Anselm sah Tilders an, der auf seine Uhr blickte. Anselm spürte das innerliche Zittern, ein schlechtes Zeichen. Er ging zum Kiosk hinüber und kaufte ein Abendblatt. Die Wirtschaft lahmte, die IG Metall stieß Drohungen aus, ein weiterer Bestechungsskandal zeichnete sich ab. Er kehrte zurück, stellte sich hinter Tilders.

»Wie lange?«

»Fünf Minuten.«

Serrano und Zander stritten miteinander, die Hände des kleinen Mannes bewegten sich heftig, Zander ließ den Kopf hängen, seine Arme baumelten kraftlos am Körper. Serrano machte eine verächtliche Geste, abschließend.

Anselm sagte: »Ich denke, wir sind am Limit.«

Ein großer Mann bahnte sich einen Weg durch die Menge, ein Mann mit einer Mütze, ein Arbeiter, dem Aussehen nach zu urteilen. Die Schaulustigen wichen auseinander. Mit einer Hand hatte er den Zigeunerjungen am Schlafittchen gepackt, mit der anderen hielt er den Fotografenkoffer, hielt ihn hoch, als wöge er nichts.

Die Frau und die Polizisten gingen ihm entgegen. Als sie nur noch ein paar Meter entfernt waren, wand sich der Junge wie eine Katze, drehte sich zu dem Mann, trat ihm fest auf den linken Spann und boxte ihn in den Magen. Der Mann verzog das Gesicht, lockerte den Griff, und der Junge ergriff die Flucht, auf demselben Weg, den er beim ersten Mal genommen hatte.

»Was soll man da machen?«, sagte der Mann zu der Frau. »Der Abschaum erobert allmählich die ganze Welt. Ist das Ihrer?«

Serrano tauchte hinter der Frau auf. Er war knallrot, hatte Geld in der Hand, Banknoten, ein Bündel, bot es an. Der Mann mit der Mütze zuckte die Achseln, unsicher. »Das ist doch nicht nötig«, sagte er. »Bürgerpflicht.«

»Vielen Dank«, sagte Serrano, indem er nach dem Koffer griff. »Nehmen Sie das Geld. Sie haben es sich verdient.«

Der Mann nahm das Geld, schaute es an, steckte es in seine Hosentasche. »Ich kauf den Kindern was Schönes davon«, sagte er. Dann drehte er sich um und ging den Weg zurück, den er gekommen war, hinkte ein wenig von dem Tritt.

Tilders ging seiner Wege. Anselm zwang sich dazu, langsam wegzugehen, fand den Wagen im Halteverbot, mit laufendem Motor.

Im Mittelweg sagte Fat Otto, der Mann, der Zanders den unschuldigen Passanten vor die Füße gestoßen hatte: »Das Kind hat was, oder? Verdient einen Bonus.«

»Der verdient, in den Knast zu kommen, bevor er noch gefährlicher wird«, sagte Anselm.

Sein Handy klingelte. Tilders, mit ausdrucksloser Stimme. »Sie haben ungefähr fünfzig Seiten geschafft. Von zweihundert, schätzen sie.«

»Das ist gut. Lassen Sie das ausdrucken.«

»Der Grund, warum sie zu dritt sein mussten, um den Koffer zu transportieren«, sagte Tilders, »sind wahrscheinlich die Diamanten.«

»Ah.«

Anselm rief Bowden International an. O’Malley war diesmal da. »Ungefähr fünfzig Seiten. Von vielleicht zweihundert.«

»Gut gemacht. Mehr war wohl kaum zu erwarten. Ich schicke jemanden vorbei.«

Das ist der richtige Augenblick, dachte Anselm. »Wir brauchen die Summe in voller Höhe bei Lieferung«, sagte er. »Einschließlich Bonus.«

»Was soll denn das? Begleichen wir unsere Rechnungen denn nicht?«

Anselm schloss die Augen. Er hatte nie etwas mit der finanziellen Seite des Geschäfts zu tun haben wollen. »War nicht so gemeint. Es ist ein bisschen eng im Moment. Sie wissen ja, wie’s so geht.«

Eine Pause. »Geben Sie unserem Mann die Rechnung. Er wird Ihnen einen Scheck geben.« Pause. »Sie akzeptieren doch einen Scheck von uns, Compadre

»In tiefer und ergebener Dankbarkeit.«

Anselm steckte das Telefon weg, erleichtert. Sie saßen im Verkehr fest. »Hat jemand Lust auf einen Drink?« Fat Otto warf ihm einen kurzen Blick zu.

»Ich will euch alle auf einen Drink einladen«, sagte Anselm. Er wusste, was der Mann dachte. »Verstehst, warum, oder?«

Sie gingen in das Lokal an der Sierichstraße. Er war ein paarmal allein hier gewesen, hatte in der dunklen Ecke gesessen, gegen seine Angst angekämpft, unter Menschen zu sein, seine Paranoia wegen der Leute, wegen des Wissens, das er in den Augen von Fremden sah.