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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation

in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten

sind im Internet über dnb.d-nb.de abrufbar.

© 2010 Bodo Schulenburg

Einband, Illustrationen, Satz und Layout: Elinor Weise

Gesetzt in Baskerville

Herstellung und Verlag: Books on Demand GmbH, Norderstedt

ISBN 978-3-8423-1976-9

Eins…
Friedrich, der König auf dem Zauberberg

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line Wie man König wird line

Früher war das König werden etwas einfacher. Du konntest es, zum Beispiel, mit drei gelösten Rätseln. Die stellte der König. Der, der auf dem Thron saß. Es waren schwere Rätsel, wenn der König wollte, dass die Rätsel nicht gelöst werden. Denn für einen neuen König musste das Königreich in der Mitte durchgeschnitten werden. Nämlich in zwei Hälften. Und der neue König bekam eine Hälfte. Er freute sich. Und der alte freute sich nicht.

Ein beliebtes schweres Rätsel ging so: Es hängt an der Wand und wenn die Uhr runter fällt, ist sie kaputt. Na, was ist das?

Da standen die Rätsellöser nun da. Grübelten sich Blasen in den Kopf und runzelten sich Furchen auf die Stirn. Manche scharrten mit den Füßen, wie ungeduldige Marathonläufer. Anderen klappte vor Anstrengung das Kinn runter, aber auch Nase, Mund und Augen sackten ab. Der Thronkönig guckte grimmig, aber heimlich freute er sich:

Da kommen die Dumpftrottel nie drauf!

Und er wartete. Aber aus den Blasen und Furchen kam keine Lösung. Nicht mal eine halbe. Nur Schweißtropfen. Einmal sagte einer: Ein Stuhl ist von der Wand gefallen. Aber das war klar falsch.

Ihr denkt: Ganz schön blöd, die Königskronenwoller! Aber das stimmt nicht. Es gab auch kluge Rätsellöser. Die lösten ein Kreuzworträtsel von der Größe einer Zeitungsseite in knapp drei Minuten. Und die Hälfte der Wörter stimmte sogar. Die anderen Wörter hatten sie sich ausgedacht. Aber sie passten gut in die Zeilen.

Warum war dieses Rätsel: Es hängt an der Wand und so weiter, so schwer? Es war so schwer, weil es im ganzen Königsschloss keine Uhr gab! Und es gab keine Uhr, weil die noch gar nicht erfunden war! Nur im Schlosshof stand eine Sonnenuhr, welche allerdings nur eine Stunde die Zeit zeigte, weil nicht mehr Sonne in den Hof fiel. Sie hieß deshalb auch Stundenuhr und hing nicht an der Wand.

Hinzu kommt: Nur ein Prinz mit Pferd und Schwert durfte so ein Königsquiz mitmachen. Das war Bedingung! Aber es war nicht das Schwierigste. Weil du ja hättest sagen können: Ich bin ein Prinz und habe schon drei Drachen abgestochen und aus meiner Sparkasse wurden mir drei Beutel Gold gestohlen, deshalb bin ich ohne Pferd hier. Das klingt tapfer und traurig. Und keiner kann es nachprüfen!

Verzwickter war schon die Sache mit der Prinzessin. Sie war manchmal oder meistens die zweite Bedingung. Wer die Rätsel gelöst hatte, durfte die Prinzessin heiraten. Oder musste sie heiraten!

Verzwickt war: Es gab hübsche Prinzessinnen und auch hässliche. Dumm wie Kochlöffel waren beide Sorten. Größtenteils. Die Hässlichen wollte der König loswerden. Also war das Rätsel leichter: Wenn die Uhr runterfällt schreit sie: Kuckuck, Kuckuck. Warum? Klar, weil es eine Kuckucksuhr ist. Rätsel gelöst. Fertigmachen zur Hochzeit! Königskrone putzen!

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Von Friedrich, welcher König werden will

Die Geschichte läuft später weiter. In der Zeit, als die Uhr endlich erfunden war. Die Räderuhr. Welche man aufziehen musste. Fünfmal am Tag, fünfmal die Nacht. Deshalb war das ein Beruf: Königlicher Räderuhrenaufzieher. Diese Uhren tickten und rasselten so laut, dass die Mäuse in ihre Löcher flohen. Und nie wieder rauskamen. Kurz erzählt: Das Rätsel mit der Uhr, die von der Wand fällt, war kein Rätsel mehr.

In dieser Zeit lebte Friedrich. Er war ein Markgraf, weil ihm die Mark Brandenburg gehörte. Alle Kühe, Hunde, Spatzen, Regenwürmer, alle Sorten Spreefische, dazu Fliederbäume, deutsche Eichen und sonstiges Gesträuch, selbst der Streusand gehörten ihm. Was habe ich vergessen? Die Menschen, aber die waren seine Untertanen und gehörten sowieso dazu. Ihr könntet meinen, er wäre es zufrieden. War er nicht! Warum? Er wollte König werden. Unbedingt! Auf Biegen und sogar auf Brechen. So kam es, dass er auch ein Rätsel hatte. Sein Rätsel ging so: Wie werde ich König!?

Deshalb stand er ebenso da wie die Märchenprinzen und grübelte, furchte, scharrte und das Kinn rutschte ihm runter. Armer Kurfürst! Er wurde ganz mager, obwohl er schon mager war. Auch war er etwas schief gewachsen, mit einem kleinen Buckel. Den versteckte er unter einem langen Markgrafenmantel und einer langen Perücke. Zwei Tränen links und zwei rechts, groß wie unreife Johannisbeeren, stiegen in seine Augen, wenn er daran dachte, dass ein Königsmantel viel besser versteckte (den Buckel) und dabei viel schöner wäre. Mit einem Hermelinbesatz und einer Diamantbrosche, welche den Mantel zusammenhielt. Vorne. Und seine Untertanen aus Berlin würden ihn dann nicht mehr den schiefen Fritz nennen, sondern den schiefen König!

Die Johannisbeeren (Tränen) hängten sich jetzt an seine Nasenspitze. Er zwinkerte, rümpfte sie weg. Sah ulkig aus. Aber Friedrich blieb trotzdem traurig.

Wie sollte er das Rätsel lösen? Ihm war klar, dass er nicht auf einen Gemüse- und Hühnermarkt gehen konnte. Freitag oder Sonnabend.

Guten Morgen, lieber Untertan, hätten Sie zufällig eine Königskrone im Angebot?

Halten zu Diensten, höchstwürdigster und schiefer Graf Friedrich, Königskronen nur zu Weihnachten. Und aus Pappe. Aber Teltower Rübchen kann ich empfehlen! Zart, schlohweiß, frisch aus dem Boden gezogen. Lecker und gleichzeitig ein Mittelchen gegen Falten im Gesicht oder Hügelchen auf dem Rücken.

Es war so: Untertanen verteilten oder verkauften keine Kronen.

Weil sie das nicht durften!

Wer durfte es? Der Kaiser durfte. Aber der wohnte weit weg. Im Land Österreich, in Wien. Markgraf Friedrich hatte dreimal geschrieben, nachgefragt oder nachgebettelt. Null Antwort! Und Null ist weniger als nichts! Friedrichs Post-Minister tröstete: Die Wiener Pferde werden sich verlaufen haben. Hängen jetzt fest im Potsdamer Sumpf. Oder: Räuberische Ritter aus Sachsen haben die Pferde geklaut. Schmatzen jetzt Pferdegulasch. Diese Gauner! Oder: Die Kutschräder sind in unseren Löcherstraßen zusammengebrochen. In diesem Augenblick sagte, nein donnerte der Markgraf ein sogenanntes dreiteiliges Machtwort:

Erster Teil: Jetzt habe ich die Schnauze voll!

Zweiter Teil: Ich reise selbst nach Wien!

Dritter Teil: Und Sie reisen mit!

Der Post-Minister zitterte vor Schreck. Wollte im Steinfußboden versinken. Krümmte sich klein, kleiner, sozusagen fingernagelgroß. Und flüsterte: Oh, bitte nicht mit einer Brandenburgischen Kutsche!

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Empfang beim Kaiser

Es gibt das Märchen von der Prinzessin auf der Erbse. Jeder kennt es. Und es gibt die wahre Geschichte vom Markgrafen auf dem Rad. Oder den Rädern. Keiner kennt sie. Diese Geschichte geht so: Friedrich legte sich vier Kissen unter sein Hinterteil. Weil die Kutsche vier Räder hatte. Aber keines der Räder hatte eine Federung. Das heißt: Achse starr und Räder dran! Dabei hatte sie (die Kutsche) sonst alles: Silberne Einstiegsleisten, niedliche Türen und Fenster mit zarten Gardinen, markgräfliches Wappen, zwei Öllampen, festes Regenverdeck, sogar einen Kutscher mit Peitsche und einen Ersatzkutscher mit Säbel. Diese total tolle Kutsche hatte nur einen Fehler: Sie polterte und bullerte sich durchs Land!

Ein rollendes Gewitter.