001

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Inhaltsverzeichnis
 
Buch
Autor
 
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
 
Copyright

Buch
Ankunft auf dem Lande: Ein nicht mehr ganz junger Mann tritt in einem kleinen Heidedorf seine erste Lehrerstelle an. Das Landleben verläuft im gemächlichen Takt der frühen sechziger Jahre. Die idyllischen Impressionen, die der Lehrer empfängt, erweisen sich aber zunehmend als trügerisch. Unter der Oberfläche ist vieles anders, als es scheint. Kaum einer der Landbewohner (auch nicht der gefürchtete Landschulrat) hat eine ganz reine Weste, und der berühmte Maler – ein Naziopfer, wie erzählt wird – ist bei näherer Betrachtung alles andere als ein antifaschistischer Held. Die kleinen Skandale und Verfehlungen werden fein säuberlich unter der Decke gehalten. Die heile Welt ist alles andere als heil. Der Neuankömmling, ein später Nachfahre des Eichendorffschen Taugenichts, versucht sich in dieser Welt zu etablieren. Er bleibt aber ein Außenseiter im dörflichen Mikrokosmos, ein Kauz, der seine Zeit ein wenig ziellos zwischen täglichen Pflichten, der Jagd nach Antiquitäten und kleinen amourösen Abenteuern zubringt. Dabei käme es für ihn jetzt wirklich darauf an: Es ist bereits sein dritter Anlauf, eine bürgerliche Existenz zu gründen...

Autor
Walter Kempowski zählt seit vielen Jahren zu den bedeutendsten und produktivsten Autoren der deutschen Gegenwartsliteratur. Mit seiner monumentalen Collage«Das Echolot»(1993) gelang ihm ein sensationeller Erfolg, der von der Kritik im In- und Ausland gefeiert wurde. Im Oktober 1999 erschienen die lange erwarteten Folgebände«Das Echolot. Fuga furiosa».

Walter Kempowski bei btb
Die deutsche Chronik. 9 Bände im Schuber (90870) Die Bände im einzelnen: Aus großer Zeit (72546/72015) · Schöne Aussicht (72547) · Haben Sie Hitler gesehen? Deutsche Antworten (72539) · Tadelöser & Wolff (72548) · Uns geht’s ja noch gold (72537) · Haben Sie davon gewußt? Deutsche Antworten (72541) · Ein Kapitel für sich (72538) · Schule. Immer so durchgemogelt. (72540) · Herzlich willkommen (72549)
Weltschmerz. Kinderszenen, fast zu ernst (72202) Das Echolot. 4 Bände im Schuber (72076)

1
An einem kalten Apriltag des Jahres 1961 hielt ein Schienenbus der«Kreuzthaler Kreisbahn AG»auf dem Bahnhof Kreuzthal. Der Wind pfiff über den Bahnsteig, auf dem zwischen zwei Reihen schiefgewachsener Rotdorne in Augenhöhe ein schwarz umrandetes Schild angebracht war:«Kreuzthal». Unter diesem Schild, mit Bindfaden festgebunden, hing ein Stück Pappe:«Achtung! Frisch gestrichen!»
Ein junger Mann stieg aus dem Schienenbus – linke Hand am linken Griff -, er faßte den sich aufblähenden Staubmantel mit der rechten und guckte sich um,«leicht amüsiert»: was das für ein Nest ist, in dem er hier gelandet ist...
«Beim Deibel auf der Rinn bin ich», dachte er und zog seinen Koffer aus dem Bus. Aber das war es ja, was er gewollt hatte: alles hinter sich lassen und ganz neu anfangen. Es mit Kindern zu tun kriegen, auf einem Dorf, das würde ihm guttun nach den Enttäuschungen seines Lebens. Je verrotteter die Schule sein würde, an die man ihn versetzte, um so besser würden sich seine kleinen Talente entfalten können.
 
Matthias Jänicke hieß er, und der Name hatte ihm schon viel Verdruß bereitet.«Jänicke?»fragten die Leute.
«Ohne h, aber mit ck.»
«Ja, aber wie denn nu?»wurde dann gesagt.
Es war auch schon geschehen, daß man ihn«Jähnisch»genannt hatte. Die Abkunft des Namens von«Jahn»riß vieles wieder heraus.
 
Das kleine freundliche Bahnhofsgebäude mit Rotdornallee hatte ein Bremer Architekt entwerfen und bauen dürfen, ein Vertreter des Jugendstils, obwohl der ortsansässige Maurermeister das genauso gut hingekriegt hätte, wie immer wieder gesagt wurde. Der Schankraum des Bahnhofs war die Oase von Landarbeitern, die sich in den Kreuzthaler Gasthöfen nicht so gern vollaufen ließen. Hier draußen waren sie weit vom Schuß. Er war mit Stirb-und-werde-Möbeln ausgestattet worden und mit einem von Hand gemalten Heidebild an der Wand.
 
Der Lagerschuppen des Bahnhofsgebäudes war mit grünen Schiebetüren versehen. Hier hatte schon mal ein Sarg gestanden, die Leute erinnerten sich noch daran. Und hier war 1944 ein unrasierter Mann aufbewahrt worden, der in das Moorlager Emsthal überstellt werden sollte. Auch das wußten die Leute noch. Das war damals nicht recht gewesen, das hätte nicht sein dürfen, aber man hatte es nicht verhindern können.
Unter dem stuckverzierten Giebel des kleinen Bahnhofs war ein Spruch angebracht, von gleicher Hand entworfen wie das M und F der Klos:
Wie de Tied, so ändern sick de Lüd!
Vor dem kleinen Bahnhof stand ein Dieselölfaß, mit Schlauch und Plastiktrichter. Aus diesem Faß wurde, wenn nötig, der Schienenbus betankt, mit Handpumpe, zick-zack. Ein schwarzglänzender Ölschatten hatte sich auf dem Schotter rundherum gebildet: für Archäologen in fernen Zeiten ein sicheres Indiz dafür, daß hier einmal Menschen gewohnt hatten.
 
Neben der Schlachtviehrampe war ein Lkw-Anhänger abgestellt, beladen mit ineinandergeschobenen grünen Heuwendern, nagelneu, für den örtlichen Landhandel bestimmt, ein Rätsel, wieso sie nicht längst abgeholt worden waren und verkauft. Einmal in Gebrauch genommen, würden sie schnell ihr festliches Aussehen verlieren. Ein einziges Mal den Acker hoch und runter – aus ist es mit der Herrlichkeit.
 
Matthias ging nach vorn zum Schaffner. Der schnallte ihm das Fahrrad ab, das draußen am«Molly»hing, und dann notierte er es auf einem Schreibbrett, daß er das getan hat, das Rad abschnallen und dem Einlieferer aushändigen. Ein neues Rad war das, Marke Herkules, mit Packtaschen am Gepäckträger, die Lederschnallen noch steif. Viergangschaltung und ein Kilometerzähler, den man mit der Hand auf Null drehen konnte.
 
Es war auch eine junge Frau ausgestiegen, in hellem Tuchmantel, das Kleid darunter schwarz. Sie wirkte hier fremd, aber sie kannte sich aus, denn sie ging geradewegs auf ein kleines Auto zu, das neben der Viehrampe abgestellt war, einen FIAT 500, mit Püppchen am Rückspiegel. – Eine randlose Brille trug sie, und sie wirkte etwas unbeholfen wegen dieser Brille, aber doch auch lustig. Das kam wohl von ihrem kurz gekräuselten Haar. Durch den Rückspiegel betrachtete sie den jungen Mann, der zu ihr herüberguckte. Dann bleckte sie die Zähne in den Spiegel hinein, ob die noch einigermaßen in Ordnung sind, und fuhr davon.
 
Nun kam der Stationsvorsteher geschritten, der hatte einen schönen Schnurrbart. Er grüßte den Zugschaffner, den er jeden Tag viermal zu sehen kriegte, zweimal auf der Hintour und zweimal auf der Rücktour, und blickte gemeinsam mit ihm hinter dem jungen Mann her, der da mit seinem Mantel kämpfte; dann legte er die Weiche um. Er spuckte zwischen die Gleise und gab die Ausfahrt frei. Der Molly blies eine blaue Wolke hintenraus und gab ein quietschendes Signal von sich und legte sich in die Kurve. Biöööt!
Zwischen einem Wall von Holunderbüschen, Weißdorn und Hundsrose zockelte er dahin, 40 km/h – ein Karnickel sprang hohlkreuzig-turnerisch über die Gleise.
 
Eine kräftige Frau trat aus dem Bahnhofsgebäude und goß einen Eimer Wasser auf die Treppe – die Hühner flatterten zur Seite – und schrubbte die Stufen. Das verursachte ein angenehm resches Geräusch. Als der junge Mann vorüberging, mit Fahrrad und Koffer, hielt sie einen Moment inne.
Wie de Tied, so ännern sick de Lüd: Hier war schon so mancher Fremde angekommen und bald wieder abgereist.

2
Matthias radelte durch eine kopfsteingepflasterte Allee von arg beschnittenen Linden in die Kleinstadt hinein, an Villen aus den dreißiger Jahren vorüber, mit Gärten, in denen der Mai sich bereits ankündigte; die Ziersträucher lagen schon auf dem Sprung, endlich wieder voll loszulegen.
 
Das Rad schepperte, obwohl Matthias im Rinnstein fuhr, abgefedert durch braune Knospenkapseln: links und rechts die zum Strunk beschnittenen Linden, jetzt ließen sie das erste junge Grün schlaff heraushängen.
Leider mußte Matthias es im Vorüberfahren mit ansehen, daß in dieser stillen Straße eine Katze langgestreckt hinter einer schon beschädigten, quiekenden Maus herlief. Ein Schatten lief über sein Gesicht: Was würde er unternehmen können, wenn er die Kinder nicht«in den Griff»bekäme? Wenn sie weiterredeten, anstatt aufzustehen in den Bänken, wenn er die Klasse betritt, und ihn zu grüßen? Wenn sie also nichts dergleichen täten? Von einem solchen Fall war im Seminar bei Petersen nicht die Rede gewesen. Disziplinarmaßnahmen – gab es die?
 
Menschen ließen sich hier nicht blicken. In dieser Straße wohnten Ärzte, wie an den Approbationsschildern zu sehen war, und die waren zu Ostern nach Oberbayern geeilt, die Skier auf das Dach ihres Mercedes geschnallt. Mit rasselnden Spikesreifen, die den Autobahnen natürlich überhaupt nicht schadeten, fuhren sie durch deutsche Lande, dem sogenannten Ferienziel entgegen. Zu dieser Tageszeit schwebten diese Leute wahrscheinlich zünftig vermummt im Skilift den Hang hinauf und sausten ihn traumhaft wieder hinunter, Stemmbogen links, Stemmbogen rechts, um erneut hinaufzuschweben und wieder hinunterzusausen. Dem Leben lebenswerte Seiten abgewinnen! den Körper auslasten! die Lungen sich weiten lassen in frischer bayerischer Winterluft! Schau, das Lieschen hält auch schon mit!
Abends würden sie natürlich essen gehen, in die«Traube», wo 1937 ein Ufa-Film gedreht worden war,«Firnelicht», und wo es Haxen zu essen gab wie sonst nirgendwo.
Matthias würde niemals mit rasselnden Spikesreifen zum Skilaufen in den Süden fahren, das war ihm klar. Aber das, was er jetzt vor sich hatte, war auch nicht zu verachten: eine Dorfschulmeisterexistenz auf dem Lande, ein Häuschen und ein Garten?
 
In der Bahnhofsallee hatten die Haubitzen der Engländer gestanden, 1945, fünf Schuß hatten sie abgegeben, und dann war schon der Parlamentär um die Ecke gekommen: Friseur Hacker, ein aufrechter Sozialdemokrat, der keinen Dreck am Stecken hatte, sondern ganz im Gegenteil: fünf Wochen bei der Gestapo gesessen. Ein Händedruck war ihm von den Engländern verweigert worden. Einer der fünf Schüsse hatte die Klosterscheune in Brand gesetzt, aber die Kirche, gleich daneben, war unbeschädigt geblieben, dieses Kleinod mittelalterlichen Bauens! Die Seele war der Stadt erhalten geblieben. Hier wurde weiterhin getauft, konfirmiert und geheiratet. Und der Pfarrer guckt aus dem Fenster und sagt:«Wo bleibt bloß meine Frau?»
 
Die Allee mündete mit einem Knick in die Hauptstraße ein – an dieser Stelle, an der noch im vorigen Jahrhundert ein Stadttor gestanden hatte, war von den Nazis damals aus Baumstämmen eine Panzersperre gebaut worden, 1945, als Kreuzthal zur Festung erklärt worden war. Und hier war beim Einmarsch der Engländer Volkssturmmann Grotheer zu Tode gekommen. Nachdem Friseur Hacker die Stadt bereits übergeben hatte, war er noch mal hin und her gerannt – das hatte sich der Feind nicht bieten lassen können.
 
Matthias fuhr an dem Gymnasium vorüber, wegen der Osterferien war es geschlossen. Die leeren Fenster mit je einem Hartblattgewächs auf den Fensterbrettern: Das Lärmen im Treppenhaus und auf den Gängen ist verboten! – Schule stellte Matthias sich anders vor, er dachte an sein Landschulpraktikum, im Weserbergland, an die Schulstube, an den freundlichen alten Lehrer und an die Fliederlaube im Schulgarten, in der die großen Mädchen mit den Kleinen Fibeltexte buchstabierten – das war eine andere Art Schule gewesen als dieses steinerne Lehrinstitut. Er stellte sich die Schule, in der er nun ein neues Leben beginnen sollte, wie die kleine Dorfschule im Weserbergland vor, ein Birnbaum auf dem Hof, die Sprunggrube von Brennesseln überwuchert... Hier würde er«freischaffendes Lernen in offener Behaustheit»praktizieren können, wie es der alte Petersen auf dem Seminar wieder und wieder ausgedrückt hatte:«Vertrauen Sie in die Kinder hinein!»
Mit den Kindern durch die Wälder streifen, im Fluß baden und Heu aufstaken... In einem sonnigen Klassenzimmer sitzen, den Globus zwischen den Händen drehen. Warmer Wind bauscht die Vorhänge, Blumen stehen auf dem Tisch.
 
Neben dem Gymnasium befand sich das Kreisschulamt, eine umfangreiche Gründerzeitvilla mit Fachwerkgiebel und einem von dorischen Säulen eingefaßten Portal. Die Polizei saß im Parterre. Ein Steckbriefaushang und ein Plakat:
DEUTSCHLAND DREIGETEILT?
NIEMALS!
Matthias stellte sein Rad in eine Betonritze und betrat das Behördenhaus. Fünfzehn Uhr – er war angemeldet.
 
Um diese Zeit saß der Schulrat erwartungsvoll hinter seinem Schreibtisch und drehte die Daumen überm Bauch. Er wartete auf Matthias, den zweiten der beiden Lehramtskandidaten, die man ihm zugeteilt hatte. Der andere war gerade gegangen, ein Mensch mit roten Fingern und unentschiedenem Haarschnitt. Ganze zwei Kandidaten für den gesamten Schulaufsichtskreis! Keine Ahnung, wie das noch werden sollte, die Decke war zu knapp! Sieben Planstellen offen und keine Lehrer zu kriegen! – Er drehte sich um und nahm eine Kinderzeichnung von der Wand, den Sputnik darstellend, wie er durch den Weltraum rast, an Sternen und Monden vorüber... eine Krakelei seiner Tochter, die inzwischen schon dem Abitur entgegenstrebte, neulich erst wieder eine Zwei in Französisch. In das Alter der Pampigkeit noch nicht eingeschwenkt. Sie hatte sich auf seinen Schoß gesetzt, ihm die Arme um den Hals geschlungen und«Papschi»gesagt. Ein warmer Sonnenstrahl fuhr in die Klüfte des Schulratgehirns, wenn er an seine Tochter dachte, es schien ihm, als ob das ein ganz besonderes Wesen sei, das ihm der Herrgott anvertraut hatte, auf ungewöhnliche Weise kostbar.
In das Pädagogengehirn des Schulrats war der Geist der neuen Zeit bereits eingezogen. So durfte seine Tochter ihn«Egon»nennen -«Papschi», das war zwar nicht mehr zeitgemäß, hielt sich jedoch. -«Papschi ist gestorben», würde es eines Tages heißen. Und in der Zeitung würden sogar zwei Todesanzeigen stehen. Vielleicht sogar drei! Die Familie, die dankbare Lehrerschaft und die Regierung? Wer konnte es denn wissen?
 
Nun zog er die Uhr aus der Tasche: ob der junge Mensch, der hier nun jetzt vereidigt werden soll, wohl pünktlich ist? – Er war es!, und zwar auf die Minute: Es klopfte, und der Schulrat steckte die Uhr in die Westentasche und rief«Herein!», und als der junge Mann, der sein ganzes Leben noch vor sich hatte, eintrat, stand er sogar auf und ging dem kostbaren Lehramtsanwärter offenherzig entgegen. Hier mußte eine Lebensschaukel angestoßen werden, zu hohem und höchstem Schwung! Ein feierlicher Moment, den man sich als Pädagoge bewußtzumachen hatte, und deshalb reichte er ihm auch beide Hände.
«Seien Sie herzlich willkommen!»
 
Der Schulrat bot ihm einen Platz auf einem Korbstuhl der behelfsmäßigen Einrichtung an -«Wir sind die billigste Ein-Mann-Behörde der Bun’srepublik!»-, setzte sich hinter seinen Schreibtisch und fragte den Neuling über das Schreibgeschirr hinweg nach Namen und Herkunft, obwohl er dessen Lebensdaten doch vor sich liegen hatte. Es interessierte ihn, ob dieser junge Mensch wohl wußte, woher sich dessen Name leite? Ohne h, aber mit ck? Matthias reproduzierte seine Familienstory, und die nahm sich vorteilhaft aus, auch wenn darin viel von der Ostzone die Rede war.
 
Ostzone? In der Ostzone kannte sich der Schulrat aus, als Primaner hatte er eine Klassenfahrt auf die Insel Hiddensee gemacht: Vor Gerhart Hauptmanns Haus hatten sie ein Ständchen gebracht, aber der Dichter war nicht dagewesen.
Später hatte er drüben im Lazarett gelegen, in Thüringen, dort war ihm von Schwester Gertrud mit gefälschten Blutwerten das Leben gerettet worden, zu Fuß dann, als die Russen kamen, allein nach Hause getippelt.«Ich hol’ dich nach...», hatte er zu ihr gesagt. Ja, er hatte sie nachholen wollen, die Krankenschwester mit dem leichten Silberblick, aber das hatte sich dann irgendwie zerschlagen.
 
Der Schulrat zog einen gebrauchten Schnellhefter aus dem Schreibtisch, strich den Namen des soeben pensionierten Kollegen durch und schrieb den neuen drauf: ein neuer Akt, ein neues Leben. Kollege Schmauch, den Matthias jetzt ablöse, sei lange in russischer Gefangenschaft gewesen, deshalb wohl dessen fatale Neigung zum Alkohol.
Ein guter Lehrer, aber ein Trinker, leider.
 
Ihm selbst sei Gefangenschaft ja glücklicherweise erspart geblieben, sagte er und dachte noch ein wenig an Schwester Gertrud, die seine Blutwerte gefälscht hatte, obwohl der Oberarzt von Tag zu Tag aufmerksamer auf die Krankenkarte geguckt hatte, das tapfere Mädel. Kopf und Kragen für ihn riskiert, nur damit er nicht wieder an die Front mußte! Und dann hatte er rechtzeitig die Kurve gekratzt, als die Amerikaner abrückten und die Russen kamen, allein, ohne sie. Einen siebten Sinn und eine achte Nase hatte er gehabt, und es hatte schließlich alles noch ein gutes Ende genommen.
Er stellte einen Tischwecker hinter Matthias auf das Bücherbord, damit er jederzeit im Bilde ist, wie lange er sich mit diesem jungen Mann hier befaßt, einem Menschen, der sich offenbar im Leben noch nichts versucht hatte, abgesehen von einem unfreiwilligen Aufenthalt in einem Gefängnis des Unrechtsstaats da drüben, über den jedoch eine ehrenrettende Bescheinigung vorlag, auch die Erste-Hilfe-Prüfung beim Roten Kreuz und das Vorhandensein eines Befähigungsausweises zum Vorführen von Filmen machten einen guten Eindruck.
«Unsere jungen Damen haben ein gestörtes Verhältnis zur Technik...», sagte er. Es sei schon vorgekommen, daß sie den gerissenen Film mit Büroklammern zusammengesteckt hätten. In der Kreisbildstelle gäb’s eine ganze Sammlung solcher Untaten.
Die Religionsfakultas, auf allerletzten Drücker noch erworben, vervollständigte den positiven Eindruck, den man nach und nach von diesem Menschen hier gewann, ohne Gott gehe es nun einmal nicht, und wie sollte wohl der Rahmen aussehen, in dem Erziehung sich verwirkliche, wenn nicht im Christentum?«Pädagogik ist ein schwieriges Geschäft!»
 
«War Ihr Herr Vater Pastor?»fragte der Schulrat und durchraschelte mit der kriegsversehrten Hand die Papiere, die er nun der Reihe nach in den Schnellhefter einordnete. Geburtsurkunde, Abitur und Examenszeugnis, Gesundheitsattest und polizeiliches Führungszeugnis, er lochte die Bescheinigungen und heftete sie ein. Ein Mann gleichen Namens sei Fähnrich in seiner Kompanie gewesen, ein guter Kamerad, Theologiestudent, natürlich sofort gefallen, wie all die jungen Studenten, idealistisch bis dort hinaus... Obwohl Matthias mit diesem Mann nicht verwandt war, sicherten ihm Namensgleichheit mit einem prachtvollen Menschen und die Religionsfakultas eine erste Portion Wohlwollen seines Vorgesetzten, der jetzt damit begann, Kleingeld aus der Jackentasche zu sammeln, es zu sortieren und zu einem Turm zu fügen. Er mochte dabei an einen heißen Sommertag denken, an dem er in Frankreich aus dem Fenster der Dienstbaracke gesprungen war, hintenraus, weil Resistanceleute auf der Straße mit einer Maschinenpistole herumschossen. Er fragte Matthias, ob er eigentlich wisse, wieviel Theologiestudenten im letzten Krieg gefallen sind. Er meine, rein numerisch.«Blutzoll»und«zur Ader lassen», diese Worte fielen.
 
Ohne Zweifel hatte dieser junge Mensch eine glänzende Volksschullehrerkarriere vor sich. -«Stichnoth»hingegen, wenn einer schon Stichnoth heißt, wie der junge Kollege aus Hildesheim zum Beispiel, der jetzt auch grade anfängt, auf dem zweiten Bildungsweg herangerobbt, zunächst Schlosser, dann Polizist, und sich nun ein ruhiges Leben auf dem Lande erhofft – eben ist er zur Türe hinaus... dann schwant einem schon nichts Gutes. Leute, die Stichnoth heißen, tun sich in der Gewerkschaft hervor, und die verweigern das Wort«Gott»in der Eidesformel. Merkwürdig, aber auch anerkennenswert, hier vor seinem Vorgesetzten das Wort«Gott»zurückzuweisen und statt dessen mit einem Vakuum vorliebzunehmen.
Menschen, die das Wort«Gott»verweigern, können es sich doch denken, daß man ihnen das ankreidet?
 
Na – comme ci, comme ça, das spielte ja jetzt keine Rolle. Was einzig zählte, war, daß auch mit diesem Menschen eine vakante Lehrerstelle zu besetzen war.
 
Matthias akzeptierte das Wort«Gott»ohne weiteres, womit er auf der Wohlwollensbriefwaage des Schulrats ein kleines Guthaben ansammelte. Um einen noch besseren Eindruck zu machen, strich er sich das Haar aus der Stirn und ließ seine rehbraunen Augen vertrauenerweckend aus den Höhlungen treten. Er zog die Beine an, die er unter dem Schreibtisch des Schulrats weit von sich gestreckt hatte, und nahm die Arme von der Lehne des Korbsessels.
 
Nun also die Vereidigung vornehmen.
Es wurde aufgestanden, und die beiden sprachen die Eidesformel: der eine vor, der andere nach. Leider klingelte das Telefon während der Zeremonie, aber sie ließen sich nicht beirren, sie brachten die Sache hinter sich, und dann hörte das Klingeln auf. Worauf man sich wieder setzte. Zu Hause würde der Schulrat es seiner Frau erzählen: Denk mal, als ich heute einen jungen Mann vereidigte, klingelte das Telefon!
 
Ah – eben noch unterschreiben... Der Schnellhefter wird herumgedreht, da steht’s, daß man vereidigt worden ist, und was alles damit zusammenhängt: Residenzpflicht in den Ferien! Und ohne Genehmigung nicht in die Ostzone fahren! Matthias setzte seinen Namen unter das Dokument, und er dachte daran, daß er schon allerhand unterschrieben hatte in seinem Leben, Dokumente, an die er sich nicht gerne erinnerte. Der Schriftzug war immer noch der gleiche: hier unter der Vereidigungsakte und dort unter die Vergangenheit, verstaubt, aber nicht vergessen, ein Bindfaden hält die Papiere zusammen.
 
Der Schulrat mochte auch schon so manches unterschrieben haben, aber daran dachte der jetzt nicht. Der dachte mehr an seinen Volkswagen, daß es eigentlich nicht geht, als Schulrat einen Volkswagen zu fahren, und noch dazu einen«Standard»von der billigsten Sorte, wie ein Tierarzt, mit Zwischengas und Handhebel zum Umschalten auf Reservetank, und er beschloß, in die nächsthöhere Klasse umzusteigen, wenn schon kein großer Wagen drin war: Der VW 1600 bot sich als Lösung an.
 
Nun noch ein wenig miteinander plaudern, auf den Zahn fühlen, abtasten. Pädagogik – eigentlich ja ein herrlicher Beruf.«Wie Arzt oder Pfarrer», sagte der Schulrat. Aber wenn er an die älteren Kollegen denke... was sich da abspiele, das sei doch oft sehr bedenklich, da überwintere so mancher Kommiskopp mit einer ruhigen Kugel.
 
Matthias fand ebenfalls, daß Pädagogik eine herrliche Sache sei, nicht Lehrer sein, sondern Pädagoge, das sei seine Einstellung dazu, und er führte zur Verdeutlichung seiner Lebenseinstellung die Begriffe Arzt und Mediziner an, den Unterschied, und daß er natürlich Arzt sein wolle, um im Vergleich zu bleiben, und kein Mediziner, der immerfort nur Pillen verschreibt, also an den Symptomen herumdoktert, anstatt das Übel seelisch-körperlich bei der Wurzel zu packen. Dann redete er von freischaffendem Lernen in offener Behaustheit, und daß er mit den Kindern Heu staken wolle und im Flusse baden...
«Aber nicht zu frei, lieber Kollege», sagte der Schulrat und tippte an die Wohlwollensbriefwaage,«auch Zucht ist nötig. Zuviel Freiheit schafft plumpe Vertraulichkeit. Da sofort einen Riegel vorschieben! Unbedingt.»
Abstand halten – eingerissene Mauern ließen sich so bald nicht wieder aufrichten. Pädagogik sei ein schwieriges Geschäft!«Respekt, verstehen Sie? Respekt muß erhalten bleiben, bis zur letzten Konsequenz.»Er habe zwar seiner Tochter erlaubt, ihn Egon zu nennen, deshalb sei er aber noch lange nicht ihr Kumpel.
 
Matthias hätte gern noch dies und das zur Sprache gebracht, er hätte zunächst einmal gern gewußt, auf welche Weise man sich Respekt verschaffen kann, das war ihm irgendwie nicht klar. Wenn er in die Klasse tritt und keiner nimmt Notiz von ihm?, was wäre dann zu tun, beispielsweise?
Statt einer Auskunft folgte ein Exkurs über die Prügelstrafe, daß die abgeschafft sei – also keine Ohrfeigen austeilen, um Gottes willen!, kein Puffen und kein Stoßen, nicht an den Haaren ziehen oder an den Ohren:«Wenn einer querschießt – einfach nicht beachten, eine Woche lang nicht ansprechen, dann wird der so klein mit Hut...»Aber wenn ihm dann doch mal die Hand ausrutsche, dann sei das auch kein Beinbruch hier auf dem Lande. Pädagogik sei ein schwieriges Geschäft! Aber so schwierig nun auch wieder nicht! Locker sein, natürlich, und ruhig den Hasen auch mal laufen lassen, wie er läuft... Wenn so etwas passieren sollte, daß er mal eine Ohrfeige austeilt, die berühmte Ohrfeige zur rechten Zeit zum Beispiel!, dann ihn am besten gleich anrufen, dann gäbe es keine Weiterungen.
«So was kann man dann telefonisch irgendwie ausbalancieren... »
 
Das eben noch erblühte Wohlwollen des Schulrats fiel rasch in sich zusammen, als Matthias auf die Besoldung zu sprechen kam, ob er für den Monat April nicht noch irgendwie ein Gehalt kriegen kann, es ist schließlich erst der neunundzwanzigste? Er sei nämlich absolut blank... Ob sich das nicht deichseln läßt? Unter der Hand?
 
Deichseln? Was war denn das für ein Wort! und:«Unter der Hand»? Da war sie wieder, diese Geldgier, das Berechnende, Unkorrekte, das es früher so gar nicht gegeben hatte. Hier demaskierte sich Egoismus, wo ein Sich-Einsetzen für das große Ganze geboten war. Oder kam hier gar was Ostzonales zum Vorschein? Was Östliches? Damals die Flüchtlinge, die ihm den letzten Koffer gestohlen hatten, auf dem Bahnhof zu Reiferscheidt? Und nun kam ihm hier ein junger Mensch mit Gelddingen. – Schade. Und: Mein Gott! Er habe nach dem Krieg für ein Gehalt zwei Schulen leiten müssen, ob Matthias sich das vorstellen könne?, morgens 89 Schüler in Woltersen und mittags mit dem Fahrrad nach Steddorf hinüberfahren bei Wind und Wetter, und dort dann nochmals 80 Schüler verarzten! Achtzig strahlende Augenpaare! Und das mit Steckrübenscheiben auf Brot statt Wurst, und die Bauernkinder aßen Schmalzstullen! Daß zu dieser Zeit der Stock regiert hatte, behielt er für sich, an stramm gezogene Hosen mußte er denken und auch an Röcke, aus denen dann Staub aufstieg...
Er packte die Groschen, die er da vor sich zu einem Turm aufgeschichtet hatte, ein und holte aus dem Soennecken-Rollschrank ein in schwarzes Kaliko gebundenes Heft hervor, in das er so manches Erinnernswerte eingetragen hatte aus seinem Pädagogenleben. Er blätterte es auf und blickte einen Augenblick versonnen hinein und schickte sich an, daraus vorzulesen. Aber er tat’s dann doch nicht – nein, das jetzt nicht. Das würde Unverständnis hervorrufen, auch hier mußte Abstand gewahrt werden... und er stellte das Heft wieder in den Schrank, direkt neben die ergänzbare Sammlung des Schulrechts, deren Nachträge verdammt oft kamen, schwierig einzuordnen waren und jedesmal neunundsechzig Mark kosteten.
 
Wenn er es recht bedenke, sei die Zeit nach dem Krieg im Grunde eigentlich die schönste Zeit gewesen, sagte er und ließ Sonnenschein über sein Gesicht gleiten. Zwar nagenden Hunger und eiskalt in der Klasse... Aber doch auch glücklich irgendwie. Kinder seien ja oft ganz lustig. Urlaub allerdings -«Jetzt fahren die Kollegen ja alle nach Tunesien»... -, Urlaub habe es damals nicht gegeben. Eine unselige Entwicklung. Die Ferien habe man in Balkonien oder Bad Meingarten verlebt, genug zu tun mit Haus, Hof und Vieh. Er wisse noch, wie er mal als junger Lehrer mit seiner Frau ein Wochenende per Fahrrad an die Nordsee gefahren sei!
 
Nein, ein Gehalt für den nahezu abgelaufenen Monat gäbe es nicht, und schon gar nicht unter der Hand! Aber wenn er ihm irgendwie aushelfen könne,...? (er griff zu seiner Brieftasche) – Nein? Und weil das so gütig war von ihm, hier ganz schlicht zur Brieftasche zu greifen:«Du brauchst und ich gebe...»und einen so guten Eindruck machte, der sich sicherlich unter den jungen Leuten herumsprechen würde, fand er doch zu Wohlwollen zurück, das einem Vorgesetzten ja schließlich besser zu Gesichte steht als Strenge.
 
Zum Schluß beglückwünschte der Schulrat den jungen Mann, er freue sich besonders darüber, daß er nach Klein-Wense komme, Kollege Schmauch sei über dreißig Jahre dort gewesen, im schönen Eischetal gelegen, zwölf Kilometer südlich von Kreuzthal.
Auf der Landkarte des Regierungsbezirks, die an der Wand hing, war der Ort leicht auszumachen. Wie neben allen Schulorten des Kreises befand sich auch neben Klein-Wense ein Zeigefinger-Fettfleck. Nette Leute wohnten in Klein-Wense, nie Schwierigkeiten gehabt mit der Gemeinde. Und daran nun auch ja nicht rühren! Keine Neuerungen einführen, alles hübsch so lassen, wie es ist, nicht als neuer Besen auskehren wollen irgendwas. Bauern sind konservativ, die werden mißtrauisch, wenn man die gewohnten Pfade verläßt. Und ja nicht vergessen, dem Pastor einen Besuch abzustatten! Und dem Bürgermeister. Erst dem Pastor, dann dem Bürgermeister. Auf so was schauten die Leute. Das sei hier eben noch so, das müsse man akzeptieren. Bauern seien erzkonservativ.
 
«Auf Klein-Wense können Sie sich freuen!»wurde gesagt.«Wer weiß, vielleicht sind Sie am Ende dann auch dreißig Jahre dort? Wie Kollege Schmauch?»- Klein-Wense sei ein nettes kleines Dorf mit uralten Häusern – auch landschaftsmäßig, das Eischetal, das Glumm und der Sassenholzer Wald. Aber bevor man mit den Kindern in den Wald geht, eben noch mal schnell den Wandererlaß ansehen, das empfehle er dringend, und vorher abschreiten die Tour, damit keinem Schüler durch herunterhängende Zweige ein Auge ausgestochen wird womöglich. Im Sassenholzer Wald sei übrigens vor kurzem ein prähistorischer Backofen entdeckt worden, Kollege Jagels habe davon eine Nachbildung angefertigt mit seinen Schülern, eins zu hundert, und dem Heimatmuseum übergeben. Das sich mal angucken, unbedingt. Schon allein des Kollegen wegen, der sich solche Mühe gegeben habe damit. Pädagogik im Allroundsinne, jederzeit und überall.
 
In Klein-Wense wohne übrigens die Tochter von von Kallroy, dem berühmten Maler -«Sie wissen doch, Ernst Werner von Kallroy, der immer diese in die Länge gezogenen Jünglinge gemalt hat... Münchner Schule... In jeder Kunstgeschichte drin. Von den Nazis ins KZ gesteckt? Nein, wissen Sie nicht?»Und da er gerade bei der Malerei war, wies er auf das Sputnikbild seiner Tochter – an sich untypisch für Mädchen, so etwas zu malen...
«Sehen Sie mal, dies hat meine Tochter gemalt...», sagte er. Es wundere ihn, mit welcher Sicherheit ein so kleines Mädchen die Proportionen verteile auf dem Papier, nicht etwa alles links unten in die Ecke zusammengedrückt, nein, frei und harmonisch auf dem Blatt verteilt, und alles ganz korrekt wiedergegeben, Antenne und Sichtfenster und so weiter und so fort, et cetera p.p., derartig korrekt, wie er selbst es niemals schaffen würde, er selbst wisse gar nicht, wie ein Sputnik überhaupt aussieht. – Er wies mit seiner kriegsbeschädigten Hand besonders auf die Rundform des Sputniks hin. Der eine male eben gern rund, der andere eckig und der dritte mehr das, was länglich ist.
«Chacun à son goüt, wie ich immer sage.»
 
Matthias ließ vor Bewunderung erneut die Augen aus den Höhlungen treten und sagte, er komme sich jetzt auch wie dieser Sputnik vor, der in den schwerelosen Raum geschossen wird, ins kalte Weltall, und ihm werde bange, wenn er an die Anforderungen denke, die jetzt das Leben an ihn stelle. Wenn die Kinder nun zum Beispiel nicht annähmen, was er ihnen aus vollem Herzen schenken wolle? Dann stehe man da mit seinem guten Willen...
Und siehe da, die Prise Wohlwollen auf der Schulratswaage häufte sich zu einem kleinen Kegel. Das war ja ganz außerordentlich, was er hier heute zu hören kriegte... Es fehlte nicht viel, und«Egon»hätte dem jungen Mann die Hand auf die Schulter gelegt.
 
Eben denke er -«attention!»-, ob Matthias sich nicht eine größere Aufgabe zutraue? sagte er: Ihm falle gerade ein: Ob er nicht Klein-Wense sausen lassen wolle, kurz und trocken, und gleich hier in Kreuzthal anfange! Manchmal müsse man den gordischen Knoten zerschneiden, wenigstens in einer Richtung... Noch sei es Zeit... Ein einziges Telefongespräch mit dem Regierungsschulrat, und die Sache sei geritzt? – Auf dem Dorf sei man eben doch oft sehr einsam, die Bauern stur und die Kinder einfältig, und keine Anregung! Hier in Kreuzthal gäb’s eine richtige Buchhandlung und einen gemischten Chor, Pastoren, Ärzte, Apotheke und so weiter... In der Hermann-Sulzberg-Schule hier gleich nebenan wär der Sportlehrer gerade gegangen, wär das nicht was? Den gesamten Sportunterricht der Schule übernehmen und dazu dann noch Musik? Stadtkinder seien doch ein ganz anderes Material? Und sich nebenbei aufs höhere Lehramt vorbereiten? Von hinten durch die kalte Küche? Studienrat werden? Peu à peu? Eine Wohnung werde sich hier schon finden, er glaube, die Hälfte der Hausmeisterwohnung stände leer, unterm Dach, zwei Mansarden. Wär das nicht was? Noch lasse sich das deichseln? – Der Hausmeister ein ganz verträglicher Mensch, mit Schwächen behaftet natürlich, mit menschlichen Schwächen.
 
Er griff zum Telefonhörer, trat dann aber doch erst mal ans Fenster und lud Matthias ein, sich die Schule da drüben anzusehen und zu prüfen, ob das nicht was wär?
Sie blickten beide am Außenthermometer vorbei, hinunter auf die vier eingegitterten Linden, die auf dem windverwehten Schulhof standen, an jeder ein Starenkasten, und der Schulrat wischte seine Brille mit dem Schlips sauber, damit er es besser sehen kann, was das für eine famose Schule ist. So manchen Blick riskierte er auf diesen Hof des gemischten Gymnasiums, morgens halb zehn, die große Pause, in der sich Mädel und Buben bis zum Balgen hin haschten?
 
Matthias schwammen die Felle weg – Sport! Das hatte ihm grade noch gefehlt! – Heu aufstaken und jauchzend in den Wald laufen, das war es, was er sich vorgestellt hatte, aber doch nicht Ristgriff mit Aushänge-Unterschwung zum Stand? Hatte er dafür das Unterstufenseminar von Petersen mitgemacht, um seine Tage im Trainingsanzug hinzubringen, mit Trillerpfeife um den Hals? In einer nach Schweiß riechenden Behelfsturnhalle? Und: Kanons singen zu lassen?«Laßt doch der Jugend, der Jugend, der Jugend ihren Lauf...»?
Er versteifte sich, er machte es, daß von seinem Körper Ablehnung ausging. Ohne daß er ein Wort gesagt hätte, kapierte der Schulrat, daß er hier auf Granit gebissen hatte.
 
Dann eben nicht! Dann eben die Zukunft verspielen, sausen lassen alles, was eine Stadt zu bieten hat, und auf eine Karriere verzichten, die bis wer weiß wohin geführt hätte? Bis in die Schulaufsichtsbehörde hinein? Wer könne das denn wissen? – Er händigte dem jungen Mann ein kostenloses Exemplar des Grundgesetzes aus, mit vergoldetem Adler auf dem Umschlag, sowie die Rahmenrichtlinien für den Unterricht. Dann gab er ihm die Hand, und er vermerkte es in der Akte, daß hier ein Junglehrer, geboren 1930, ordnungsgemäß eingewiesen sei in die bis zum nächsten Jahr vertretungsweise zu besetzende Stelle an der einklassigen Schule in Klein-Wense, vertretungsweise, wodurch man ein Jahr lang den Zuschlag sparte für den«Ersten Lehrer», fünfzehn Mark pro Monat durch einen solchen Schachzug immerhin.
 
An der Tür dann noch: Dumm, zu dumm, daß er sich nicht für die Hermann-Sulzbach-Schule entscheiden könne – an einer größeren Schule gäb’s doch ganz andere Chancen, Fachberater für Sport könne er werden, den Turnverein leiten und sich ins höhere Lehramt hineinschieben, wenn kein andrer da ist, der das tun will? Vielleicht sogar Konrektor werden und so weiter und so fort? Als Turnlehrer habe man ja auch die Kinder ganz anders in der Hand, Disziplinschwierigkeiten gäb’s da keine.
Außerdem, das müsse er ihm noch eben sagen, in Klein-Wense trete er ein schweres Erbe an, der pensionierte Kollege dort, zwar ein guter Lehrer, aber zeitlebens eigentlich immer betrunken; so und so oft schärfstens gerügt...
Na ja,«Chacun, wie ich immer sage, nach seinem Geschmack»- und damit war die Sache vom Tisch.
 
Anschließend gab der Schulrat dem jungen Menschen, der hier soeben die Chance seine Lebens ausgeschlagen hatte, noch einen gereimten Rat mit auf den Weg:«Zuviel zu tun ist schädlich/zu wenig tödlich!»Auf so mancher Lehrerversammlung hatte er diese Maxime schon verlauten lassen, und alle waren gut damit gefahren.

3
Dem Schulamt gegenüber befand sich ein Zeitungsladen mit heraushängender Lottofahne. Vom Wind wurden Magazinschönheiten aufgeflattert. FLORIDA! Nackt und schön, von Sonne umschmeichelt!
Der Lottomann kam heraus aus seinem Laden, als er den jungen Mann mit seinem Fahrrad sah, und legte gußeiserne Reklamestäbe auf die Zeitungen, und dann erklärte er ihm einigermaßen freundlich, wie man nach Klein-Wense kommt, und machte ihn auf eine Abkürzung aufmerksam, die sehr angenehm zu fahren sei. An einer alten Mühle gehe es links ab und dann immer geradeaus. Matthias folgte dem Mann in den nach Tabak und Pfefferminzpastillen riechenden Laden und kaufte sich ein Notizbuch: ein neuer Lebensabschnitt war schon ein neues Notizbuch wert.«Wo kommen Sie her?»fragte der Lottomann, auf Barras-Geschichten hoffend oder:«Egerländer halt’s zusamma...», auf Heimat.
Wo kommt man schon her!
Matthias sagte, er wolle in Klein-Wense einen neuen Anfang machen mit seinem Leben, er habe allerhand Pech gehabt, Brücken hinter sich abgebrochen, und: Kindern das Lesen und Schreiben beibringen, was könnt’ es Schöneres geben?
«Gar nicht so dumm», sagte der Mann.«Da kriegen Sie jedenfalls sofort’ne Wohnung und später Pension.»
 
Der Schulrat ließ oben am Fenster die Gardine fallen, und Matthias fuhr die enge Hauptstraße hinunter in die Stadt hinein. Früher hatten hier Linden gestanden, die viereckigen Erdinseln auf dem Gehsteig waren noch vorhanden. Wegen der Lastwagen, die hier ab und zu mal durchfuhren, waren sie gefällt worden, ohne viel Trara. Es war hier zwar noch niemals ein Fußgänger zu Schaden gekommen, aber wer will der erste sein? Für das Leben eines einzigen Menschen gibt man doch tausend Bäume hin! – Es existierten noch Ansichtskarten, auf denen die Straße mit den schon von jeher alten Bäumen zu sehen war. Eine schattige Straße, vor jedem Haus eine weiße Bank, auf der alte Männer sitzen und Pfeife rauchen.
 
Jetzt eben klapperte ein Lieferwagen um die Kurve, er hatte altes Bauernmobiliar geladen, Schränke, Schatullen und Truhen. Strikke hielten die Sachen zusammen. Ein holländischer Lieferwagen war das, mit gelbem Nummernschild.
Eine Bäckerei, Schlachterei Tense mit einem fröhlichen Schwein auf einer Reklametafel, Friseur Hacker und das Kaufhaus Weber, in dem es offenbar alles zu kaufen gab, was Menschheit zum Leben benötigt. In den Schaufenstern saßen Osterhasen zwischen Konfirmandenpuppen und einem vollständig ausstaffierten Brautpaar. Auch auf Gartenmöbeln, die zu dieser Jahreszeit angeboten wurden, saßen Osterhasen, und zwischen grüner Papierwolle lagen bunte Eier ausgestreut, als wenn das eine gute Saat ist, die schon noch aufgehen wird.
Osterhasen aus Pappmache mit abschraubbarem Kopf. Gelbe Küken mit Pappschnabel und Drahtbeinen. Die Schaufenster wurden gerade von zwei Lehrmädchen abgeräumt, sie holten Schulranzen aus dem Inneren des Ladens und stapelten sie gefällig ins Fenster, dann steckten sie Zuckertüten dazu in allen Farben, sehr kleine und sehr große.«Alles für den Schulanfang!»stand auf einem selbstgemalten Schild, das einer Schiefertafel nachempfunden war.
 
Direkt neben dem Kaufhaus war etwas zurück noch ein zweites Geschäft, das hieß auch Weber, und zwar Ludwig Weber. Ein altes umgebautes Bauernhaus war das. Auf den Rechnungen, die hier geschrieben wurden, war das«Ludwig»kursiv gedruckt, damit man sich das endlich mal merkt!
 
Die Besitzer der beiden Kaufhäuser waren verfeindete Vettern. Wilhelm Weber, auch«großer Weber»genannt oder«Weh-weh», war begünstigt durch die Lage an der Hauptstraße, was Ende des Krieges, als die Engländer einrückten und die Polen plündernd von Haus zu Haus zogen, kein Vorteil gewesen war. Bei Ludwig Weber, dem«kleinen Weber»- konnte man handeln, das wußten die Bauern, aber dessen Angebot war stark eingeschränkt:«Gurkengläser hebbt wi nich...», hieß es, und dann mußten die Bauern eben doch zu Weh-Weh hinübergehen, wo’s keine Prozente gab und wo zickig bedient wurde, weil die Verkäuferinnen es mitgekriegt hatten, daß man von nebenan kam.
 
Matthias dachte, daß er sich ja eigentlich auch eine Schultüte kaufen müßte, er war ja ebenfalls ein Schulanfänger. Dreißig Jahre alt und noch einmal ganz von vorn beginnen.
Am Ende der Straße stand ein behäbiges Landgasthaus. Nach dem Krieg war das die Kommandantur gewesen, es existierten noch Fotos davon: damals, als die beiden Jungen verhaftet wurden, weil sie im Wald mit Handgranaten gespielt hatten. Auf«Werwolf»hatte die Anklage gelautet, und sie waren an die Wand gestellt worden, was Wellen geschlagen hatte bis ins alliierte Hauptquartier. Nun gab es hier Frühlingssuppe zu essen und Braten mit viel Soße.
 
Gleich neben dem Gasthaus stand auf einem verbogenen Wegweiser:«Sassenholz 13 km», und darunter, etwas kleiner:«Klein-Wense 9 km». Klein-Wense, das war der Ort, in den sich Matthias, vom Schicksal unbemerkt, verdrücken wollte.«In Deckung gehen»,«sich abmelden», wie er es im Seminar verkündet hatte, und seine Freunde hatten es überhaupt nicht verstanden, wieso sich eine so flotte Type aufs platte Land begibt.
Aber sämtliche Professoren, die er auf der Hochschule um Rat gebeten hatte, sollte er aufs Land gehen oder in die Stadt?, waren in ihrer Verlobungszeit dort umhergeschweift, den Schmeil-Fitchen unterm Arm und die Laute auf dem Rücken: Im August, wenn die Heide blüht, alles lila! Und das hübsche Wollgras, und: Mit Porst kann man Ostereier färben!
«Das Eischetal ist landschaftlich reizvoll», hatte es geheißen,«da kommen Sie in eine wunderschöne Gegend!»
Der alte Petersen hatte gar sein Fotoalbum hervorgekramt, Einband handgewebt, von einer sauber gedrehten Wollkordel zusammengehalten – Holzperle unten dran – und zwischen den Seiten Pergamentpapier mit Spinnennetzmuster versehen.
«Mit Evchen am Wilseder Berg.»
Auch die Zimmerwirtin hatte nur Positives zu berichten gewußt:«Da unten backen die Leute ihr Brot ja noch selber! Und dieser wunderbare Heidehonig, und: Buchweizengrütze!»Die wußte, daß dort nette Leute wohnten, sogenannte Heidjer...«Wenn die Sonne dann so untergeht und sich die Heidschnucken um den Schäfer geschart durch die Fluren tummeln»- Buchweizen sei von den Nazis nicht«bewirtschaftet»gewesen, den hatte es ohne Marken gegeben. Mit Sirup und angebratenem Speck!
Über die Heide geht mein Gedenken,
Rosemarie...
All meine Liebe will ich dir schenken,
Rosemarie...
Das«Grüne Buch»von Hermann Löns hatte sie ihm geschenkt, eine Ausgabe von 1916, mit getrocknetem Heidekrautbüschel darin und Rostflecken von den vergammelten Heftklammern. Und eine Radfahrerlandkarte aus dem Jahr 1910: Kreuzthal und Umgebung. Ein Hünengrab war darauf eingezeichnet und eine tausendjährige Eiche.«Moore, Wälder, von einem Flüßchen namens Eische durchflossen...»
«Ich an Ihrer Stelle würde aufs Land gehen», hatten die Professoren gesagt: wenn sie noch einmal vor die Wahl gestellt würden – für sie käm’ nur die Lüneburger Heide in Frage. Ostfriesland nicht, ehrlich gesagt – um Gottes willen -, aber die Lüneburger Heide?«Grüßen Sie mir das Eischetal!»
 
Die Freunde in der Mensa, die sich mit ihren Motorrollern vorwiegend an die Weser versetzen ließen, nach Holzminden, Höxter oder Hameln – von da aus hat man’s in den Süden nicht so weit-, hatten ihn«Heideschulmeister Uwe Karsten»genannt. – Für die kamen nur zweizügige Mittelpunktschulen in Frage. Städte, wo man ins Kino gehen kann und tanzen, ohne jedesmal eine Weltreise antreten zu müssen.
 
Außer Heide, Moor und Wälder hatte die Gegend, für die sich Matthias entschieden hatte, nichts zu bieten, aber eben das war für einen Neuanfang genau das richtige. Ganz von vorn beginnen, Höhlenkinder im Heimlichen Grund – so etwas stellte Matthias sich vor, Kräuter suchen und Pilze, und morgens kommen die Kinder in die Klasse, einfache, natürliche Menschenkinder, und man setzt sich zu ihnen und sagt ihnen, wie’s in der Welt zugeht.
 
Matthias fuhr an einer stillgelegten Sägerei entlang, mit Teich davor, auf dem Enten schwammen. Dann ging es die Landstraße bergauf, langsam, aber stetig, linker Hand von alters her der sandige«Sommerweg»für Pferd und Wagen. Kein Schild kündete davon, daß dies die Todesstraße gewesen war, 1945. Die Bürger von Kreuzthal hatten zwar Türen und Fenster geschlossen, als die Blaugestreiften vorüberschlurften, von einem KZ ins andere, Vorhänge zu, aber gesehen hatten sie doch alles.
«Ich werde hier irgendwie zurechtkommen», dachte Matthias und legte den ersten Gang ein. Ein altes Lehrerhaus stellte er sich vor, von Wein berankt, mit großem Garten. Jeden Apfel einzeln pflücken, mit einem Tuch polieren und auf Borde legen im Keller, für den Winter, wenn draußen der Schnee klafterhoch liegt. In einem solchen Haus alt werden. Mit achtzig Jahren dann, eine bestickte Mütze auf dem Kopf, die lange Pfeife rauchen und lächelnd auf das Leben zurückblicken: Es hatte alles seinen Sinn gehabt. Eine alte Fotografie von Mörike hatte er vor Augen, wenn er darüber nachdachte. Er trat in die Pedale. Der Wind blies ihm entgegen, und es dauerte seine Zeit, bis die Anhöhe geschafft war. Hier stand dann auch ganz richtig die Mühle, von der der Lottomann gesprochen hatte. Sie machte einen verlotterten Eindruck. In ihr war schon lange kein Korn mehr gemahlen worden. Es war eine holländische Mühle. Die Schieferplatten der Haube waren zum Teil abgefallen, und ein Flügel war abgebrochen, die anderen drei ragten nur noch als zersplitterte Balken in die Luft. Wie eine Fliege, der man einen Flügel ausgerissen hat, dachte Matthias. Das Ding renovieren und dann ein Café daraus machen, für Radfahrer, die hier innehalten, am Wendepunkt ihres Lebens.«So was muß doch wieder hinzukriegen sein?»
 
Vom Mühlberg aus gab es eine pathetische Aussicht über das Urstromtal. Matthias lehnte sich auf den Lenker und guckte in die Ferne. Wälder und sanfte Matten waren zu einer idealen Parklandschaft zusammengewachsen, in der sich die Eische schlängelte. Pflügende Trecker als Riesenspielzeug darin herumkriechend. Die Sonne schickte zwischen zwei Wolken hindurch einen Scheinwerferstrahl auf die frisch begrünte Landschaft, zog dann aber doch die Luke wieder zu. Jetzt sprühte Wind einen feinen Regen über die Straße, und die Eichen am Weg regten sich: Laub vom vorigen Jahr.
Vielleicht hatte der Müller im Krieg von seiner Bodenluke aus die Bombardierung Bremens beobachtet: die roten Wolken, und darunter, über dem Horizont, der weiße Flammenstrich. Und bestimmt hatte er die Kolonnen der Engländer gesehen, wie sie sich heranschlängelten, Jeeps, Lastwagen und Panzer, und er hatte das Fenster geschlossen und war in den Keller gestiegen. Im Mittelalter hatten die Müller den Strick für den Galgen stiften müssen.
 
Was fängt man mit Aussicht an? Auf diesem Aussichtspunkt fehlte eine Panoramatafel, auf der das, was es hier jetzt zu sehen gab oder auch nicht zu sehen gab, erklärt wurde, damit man es mit der Landkarte vergleichen könnte: Urstromtal oder Geestrücken und die Namen der Dörfer oder weiß der Himmel was. Eine Übersichtstafel, so wie es sie im Hochgebirge für Touristen gibt, leicht geneigt, wie das Pult auf einer Kanzel, mit zweisprachigen Erklärungen, mit Pfeilen ins Bild hinein und unter Glas.
Was nützt einem die schönste Aussicht, wenn man nicht weiß, wie das heißt, was man da sieht?
 
Mit den Schülern würde er einen Ausflug zu dieser Mühle machen, das war ihm klar, schon jetzt mal angucken, wo es sich rasten läßt. Mit den Großen dann ein Modell anfertigen von der Mühle, zum Aufklappen und Hineingucken, und mit den Kleinen Windräder aus Papier basteln und ihnen vorher Grimms Märchen vorlesen, vom großen und kleinen Klaus. Und Lieder singen: Es klappert die Mühle am rauschenden Bach... Und in der Sprachlehre: Der Wind, der Wind, das himmlische Kind... Der Wind bläst – pustet – heult – säuselt – winselt um das Haus herum.
«Der Wind ist ein lustiger Geselle. Unsern Drachen wirft er hin und her. Erzähle, was er noch anstellt! Im Struwwelpeter steht auch eine feine Geschichte.»
Windmühlen, Wassermühlen, Bockmühlen... Sammelmappen anlegen, und ein Segel konstruieren für das Fahrrad, dann kommt man unter Umständen ganz ohne zu treten vorwärts. Vielleicht gab es das schon?
 
Keine schöne Müllerstochter winkte ihn herein zu frischem Trunk. Aus einem Bretterschuppen kam ein Hund gelaufen, sprang den Drahtzaun in die Höhe und kläffte. Das war der Kontemplation nicht förderlich. Matthias nahm also das Rad auf und fuhr links den Feldweg hinunter, das war die Abkürzung, von der der Mann am Kiosk gesprochen hatte. Nach aufgerösteten Brötchen roch es, und das war sonderbar.