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Inhaltsverzeichnis

Karl Heinz Bittel - Unsereiner heißt bloß Walter
Hans Christian Andersen
Margaret Atwood
Honoré de Balzac
Herman Bang
Harriet Beecher Stowe
Walter Benjamin
Thomas Bernhard
Tania Blixen
Giovanni Boccaccio
Heinrich Böll
Emily Brontë
Albert Camus
Truman Capote
Lewis Carroll
Louis-Ferdinand Céline
Miguel de Cervantes Saavedra
Agatha Christie
Daniel Defoe
Charles Dickens
Alfred Döblin
Heimito von Doderer
John Dos Passos
Fjodor Dostojewski
William Faulkner
Lion Feuchtwanger
Gustave Flaubert
Theodor Fontane
Max Frisch
John Galsworthy
Gabriel García Márquez
Johann Wolfgang Goethe
Nikolai Gogol
Witold Gombrowicz
Günter Grass
Julien Green
Knut Hamsun
Ernest Hemingway
Hermann Hesse
E. T. A. Hoffmann
Victor Hugo
Aldous Huxley
Uwe Johnson
James Joyce
Ernst Jünger
Franz Kafka
Gottfried Keller
Heinz G. Konsalik
Selma Lagerlöf
Halldór Laxness
Siegfried Lenz
Doris Lessing
Sinclair Lewis
Heinrich Mann
Thomas Mann
Katherine Mansfield
Karl May
Herman Melville
Henry Miller
Margaret Mitchell
Alberto Moravia
Christian Morgenstern
Robert Musil
Vladimir Nabokov
Marcel Proust
Joseph Roth
Jerome David Salinger
Nathalie Sarraute
Arno Schmidt
Georges Simenon
Johannes Mario Simmel
Alexander Solschenizyn
Susan Sontag
Stendhal
Laurence Sterne
Adalbert Stifter
Theodor Storm
August Strindberg
Italo Svevo
Jonathan Swift
Leo Tolstoi
Giuseppe Tomasi di Lampedusa
Anton Tschechow
Iwan Turgenjew
Mark Twain
Jules Verne
Edgar Wallace
Martin Walser
Robert Walser
Christoph Martin Wieland
Christa Wolf
Virginia Woolf
Stefan Zweig
Copyright

Hans Christian Andersen

H.C. Andersen, auch einer der Dichter, deren Vornamen man in Abkürzungen zu zitieren pflegt, war ständig auf Reisen. Durch halb Europa bis nach Spanien ist er gefahren, alles in der Postkutsche, in einem Jahr war er zweimal in Paris, und Rom hat er viermal gesehen. Er zog in Deutschland umher, ließ sich am Weimarer Hof feiern, traf Liszt und Grillparzer in Wien und freundete sich in Olmütz mit Walter von Goethe, dem Enkel Johann Wolfgangs, an.

Der dänische Dichter, der uns mit so einzigartigen Märchen beschenkt hat wie »Das häßliche Entlein«, »Der standhafte Zinnsoldat« und »Die kleine Meerjungfrau«, wuchs in Armut auf. Er besuchte nur unregelmäßig eine Schule. Sein Vater war Schuster in Odense, die Mutter konnte kaum lesen und schreiben (der spätere Briefwechsel mit ihrem Sohn wurde über Dritte geführt), am Ende war sie dem Alkohol verfallen. Als ihr Sohn gerade zum erstenmal in Rom weilte, starb sie in einem Armenhaus.

Mittellos, ungebildet und von unvorteilhaftem Äußeren war er im Alter von vierzehn Jahren nach Kopenhagen gekommen. Ein Vierteljahrhundert später wurde er dann als blendender Unterhalter vom dänischen König nach Föhr eingeladen, las seine Märchen vor, jeden Abend zwei, und trank mit der Königin Schokolade. Schließlich wurde er sogar zum Etats- und Konferenzrat ernannt.

Andersen war nie verheiratet. Einen »Distanzliebhaber« hat man ihn genannt. Seiner ersten Liebe erklärte er sich schriftlich, ihren Antwortbrief fand man nach seinem Tod in einem Lederbeutel um seinen Hals. Er wurde weisungsgemäß ungelesen verbrannt. Eine seiner großen Leidenschaften, Jenny Lind, gab ihm nur Freundschaft, und noch in seinen letzten Lebensjahren hat er im Tagebuch unablässig von Frauen phantasiert.

Immer hat er Geschichten erzählt, den Mitreisenden in der Kutsche oder den Umsitzenden während der Pause im Königlichen Theater, seine eigene (gleich drei Autobiographien hat er verfaßt) und eben die Märchen, die ihn weltberühmt machten. Zwischen 1835 und 1872 wurden an die zweihundert in mehreren Serien und Fortsetzungen gedruckt: »Eventyr, fortalte for Børn«; »Historier«, »Nye Eventyr og Historier«. Er schöpfte aus deutschen, griechischen, dänischen Quellen, übernahm Sagen und Geschichten aus dem Volksglauben und aus dem Alltagsleben, aus der Welt der neuen technischen Erfindungen.

In über fünfunddreißig Sprachen hat man sie übersetzt. Von Baron Blixen, dem eremitenhaft in den Wäldern Nordamerikas lebenden Vater der Dichterin, ist überliefert, daß er eines Tages in eine verlassene Hütte trat und auf dem Tisch ein aufgeschlagenes Exemplar der Märchen vorfand. Andersen hat auch drei Romane, Theaterstücke und Gedichte veröffentlicht, das ist in Deutschland unbekannt.

H.C. Andersen gehört zu den wenigen großen Märchenerzählern der europäischen Literatur. Er entwickelte einen eigenen Stil, verband die knappe Form der Grimmschen Märchen mit der philosophischen Phantastik der Romantiker. Seine Märchenwelt drang noch bis vor einer Generation in alle Kinderzimmer, neuerer Zeit blieb es vorbehalten, in ihr komplizierte literarische Gebilde zu sehen voller Anspielungen und Artistik.

Margaret Atwood

Margaret Atwood wurde 1939 in Ottawa geboren und wuchs in den Wäldern von Ontario und Quebec auf, wo ihr Vater, ein Insektenforscher, nach seltenen Raupen jagte. Sie studierte Anglistik an den Universitäten von Toronto und Harvard. Als Dozentin und Writer in Residence lehrte sie später an zahlreichen Universitäten. Sie verbrachte einige Jahre in Boston, Montreal, London, Berlin und Südfrankreich. Zurzeit lebt sie in einer alten Villa in Toronto, mit ihrem Mann, einem Kollegen, dessen Arbeitszimmer ganz oben unter dem Dach liegt, weil er Zigarre raucht.

In den sechziger Jahren veröffentlichte Margaret Atwood zuerst Gedichte, weil die Verleger keine dicken Bücher wollten. Und sie machte sich bald einen Namen. Wann sie sich denn umbringt, fragte sie ein Journalist. Er meinte, das gehöre sich so für seriöse Lyriker, die Männer immer unter Alkohol und die Frauen: Selbstmord.

Margaret Atwood ist die bedeutendste Schriftstellerin Kanadas. Auch wenn sie nur langsam schreibt, an jedem Roman drei bis fünf Jahre arbeitet, so hat sie es inzwischen doch auf mehr als dreißig Bücher gebracht, darunter auch Kinderbücher und Kurzgeschichten. Die Gedichte gehören an amerikanischen Universitäten zur Pflichtlektüre, und ihre Romane sind in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt. Sie war Präsidentin der kanadischen Schriftstellervereinigung und des PEN-Club. Mehr als sechzig Preise hat sie bekommen. Anläßlich einer internationalen PEN-Veranstaltung näherte ich mich ihr schüchtern: Ich habe etwas übrig für Romancièren. Leider sah sie mich nur eben über die Schulter an und ging davon.

Honoré de Balzac

Wenn ich an Honoré de Balzac denke, fällt mir eine der drei Statuen ein, die Rodin geschaffen hat (nicht die nackte!), erst danach jenes bekannte Foto: die fetten Backen und das kleine Bärtchen. Er führte das Leben eines Gesellschaftslöwen mit wechselnden Liebschaften, allesamt mit wundervollen Namen, die Herzogin von Abrantès, Olympe Pélissier, Marie du Fresnay, die Gräfin Hanska. Letztere holte er aus der Ukraine, und als er mit ihr vor seinem Haus vorfuhr, hatte der Diener inzwischen Fenster und Türen verrammelt. Vom Garten mußte er sich einen Weg in seine Villa bahnen. Einen imposanten Spazierstock hatte er, der große goldene Knauf mit Türkisen bestückt.

Balzac arbeitete unausgesetzt, täglich sechzehn Stunden, ein Fall von Workaholic, aber auch, um seinen Verbindlichkeiten nachzukommen. Er schrieb unter falschem Namen Artikel für eine Zeitung der Linksopposition, unter seinem richtigen für ein Blatt der Legitimisten. Er gestaltete in der »Comédie Humaine« ein literarisches Großreich. In der zwölfbändigen Ausgabe, von Ernst Sander herausgegeben, ist der Plan abgedruckt, den Balzac seinen Dichtungen zugrunde legte.

In neuerer Zeit hat Hubert Fichte Ähnliches versucht. Er subsumierte Romane, Interviews, Reisebeschreibungen, Hörspiele und sogar Glossen und Polemiken unter dem Titel »Die Geschichte der Empfindlichkeit«.

Die »Comédie Humaine« ist in ihrem kolossalen Umfang einzigartig geblieben. Nicht weniger als 137 Publikationen waren geplant, immerhin 91 Romane hat Balzac geschrieben, in denen rund 3000 Personen auftreten! Grillparzer sprach abfällig von philosophischen »Hanswurstereien«, Victor Hugo hingegen meinte, daß der Dichter oberhalb der Wolken als Stern seinem Vaterland glänzen würde.

»Nacht für Nacht am Schreibtisch, und ein Band nach dem anderen! Was ich vollbringen möchte, ist so erhebend, so umfassend!« heißt es in einem Brief. Ein repräsentatives Bild der Menschheit am Beispiel der französischen Gesellschaft seiner Zeit sollte entstehen, das »Tausendundeine Nacht des Abendlandes«, wie er es einmal ausdrückte.

Es ist zu fragen: Was wird von all dem noch gelesen? Mir scheint, daß die Frage des Nutzens nur von literaturfremden Lesern gestellt werden kann. Wer wäre denn imstande, alle Bilder Picassos in sich aufzunehmen? Die meisten lagern in Depots und sind den Augen verborgen. Die bloße Existenz der inkommensurablen Sophien-Ausgabe von Goethes Werken ist schon Nutzen genug. Allerdings muß ich gestehen, daß mir das Gesamtwerk des bankrotten Druckereibesitzers und exzessiven Kaffeetrinkers – fünfzig Tassen soll er am Tag zu sich genommen haben – verschlossen bleibt. Ein, zwei Spitzen dieses Massivs müssen für das Ganze stehen. Seinen Roman »Eugénie Grandet« habe ich mit Gewinn gelesen. Er zeigt, wohin Geiz und Geldgier führen können – ein Sujet, das aktuell geblieben ist.

Herman Bang

In der Aufzählung der skandinavischen Autoren (Hamsun, Lagerlöf, Laxness und Strindberg) fehlt in der Regel der große Herman Bang. So, wie man sich in unserem Land angewöhnt hat, »Grass-Lenz-Böll« zu sagen, und damit alle anderen unter den Tisch fallen läßt. Und das ist ungerecht! Gleich nach der Wende erwarb ich die dreibändige Auswahlausgabe seiner Werke aus dem VEB Hinstorff Verlag Rostock für – in Worten – dreizehn Mark.

Herman Bang war der bedeutendste dänische Vertreter des literarischen Impressionismus. Man nannte ihn den »Dichter der Erinnerung« und »Schilderer der stillen Existenzen«, aber auch einen scharfsichtigen Analytiker der Gesellschaft seiner Zeit. Lion Feuchtwanger bezeichnete ihn sogar als einen der größten Erzähler des letzten Jahrhunderts. Thomas Mann schrieb 1902, er lese »jetzt beständig Herman Bang, dem ich mich tief verwandt fühle« (was freilich auch außerliterarische Gründe gehabt haben mag), später dann, er habe alles gelesen und viel gelernt. Wie auch immer, wer sich auf Herman Bang einläßt, ist für ein paar Wochen mit Lektüre wohlversorgt.

1857 wurde er als Sohn eines Pfarrers auf Alsen geboren. Ob sich schon mal jemand mit der kulturspendenden Wirkung von Pfarrhäusern beschäftigt hat? Vermutlich ja. Aufgewachsen ist er in der Provinzstadt Horsens auf Jütland, wo er den Deutsch-Dänischen Krieg miterlebte, Kämpfe vor der Stadt und die preußische Besetzung.

Er begann wie Strindberg seine Karriere als Schauspieler, versuchte auch als Theaterregisseur und Journalist zu reüssieren, bevor er seine erste Novellensammlung 1880 veröffentlichte. Mit Romanen wie »Hoffnungslose Geschlechter« (1880) und »Am Wege« (1886) und »Tine« (1889) wurde er in Europa bekannt.

Bang – ein unermüdlicher Arbeiter – gab sich als exaltierter Dandy mit »Diva-Allüren« (teures Parfüm), nahm Morphium und litt unter Depressionen und Neurosen. Immer ruhelos, immer unterwegs – das halbe Leben verbrachte er in Zügen, in seiner engen Heimat hielt er es nicht aus. Er lebte in Oslo, in Prag, Paris und Wien, reiste nach St. Petersburg und Moskau. Ende 1911 bestieg er in Cuxhaven den Dampfer nach New York, von Bronchitis geplagt und in finanziellen Schwierigkeiten. Auf der Vortragsreise durch die USA erlitt er am 29. Januar 1912 in einem Eisenbahnabteil des Pazifikexpress einen Schlaganfall. In Ogden/Utah ist er im Krankenhaus gestorben.

Harriet Beecher Stowe

»Onkel Toms Hütte« stand in meiner Kinderbibliothek als Geschenk einer alten Tante, die das Buch selbst als Kind geschenkt bekommen hatte. Entsprechend sah es aus. Man konnte dergleichen Ausgaben früher in Antiquariaten kaufen. Jetzt sind sie wie weggeblasen.

In ähnlicher Ausstattung hatte ich »Sigismund Rüstig« und »Münchhausen«. Auf mich wirkte das Altertümliche abstoßend, und ich sah mir wohl nur die Bilder an. Ein Schulfreund erzählte mir von Auspeitschungen, die darin vorkämen, und er tat das irgendwie genüßlich. Bei Heranwachsenden mag das Interesse an solchen Torturen groß sein. Auch die Azteken geben da viel her. Ich zog die »Höhlenkinder« von Sonnleitner vor, da ging es gesitteter zu. Erst viel später griff ich mir eine neue Ausgabe und konnte nachempfinden, wie sensationell das Erscheinen dieses Buches gewirkt haben muß. Wir alle kennen die abstrakt schreckliche Zeichnung des Sklavenschiffs, auf der zu sehen ist, wie man die gefesselten Unglücklichen platzsparend im Laderaum verteilt. Es bedurfte eigentlich nicht des Riesenschinkens »Roots«, um uns nachhaltig zu schockieren.

Heute ist es unbegreiflich, daß die Sklaverei noch weit bis ins vorige Jahrhundert gang und gäbe war und nicht nur in Afrika, auch wenn seit der Aufklärung in ganz Europa immer wieder über die Aufhebung der Sklavenhaltung diskutiert wurde. Hat nicht auch Matthias Claudius ein Gedicht geschrieben: »Der Schwarze in der Zuckerplantage«?1

Andere Länder, andere Epochen zu verurteilen, davor bewahrt uns Ältere die Zeitgenossenschaft zum Holocaust. Neuerdings verlangen ja die afrikanischen Staaten – analog zur Zwangsarbeiterentschädigung – 777 Billionen Dollar von allen an Sklavenhandel und -haltung Beteiligten.

Harriet Beecher Stowe übrigens war Lehrerin und mit einem Theologieprofessor verheiratet. Ihr Roman aus dem Jahre 1852 entstand aus weiblichem Mitgefühl für das Los der Unterdrückten. Onkel Tom, ein überaus christlicher Schwarzer, wird in die Südstaaten verkauft, wo er am Ende brutal zu Tode geprügelt wird. Er hatte ein reales Vorbild, Josiah Hanson, über den Harriet Beecher Stowe einige Jahre später eine Lebensbeschreibung veröffentlichte.

Walter Benjamin

Walter Benjamin: Intensität im Kleinen und gigantisches Raumgreifen im Großen. Hier seine Miniaturen »Moskau«, »Weimar«, »Nordische See«, dort das riesige »Passagen-Werk«, das leider nur als Fragment erhalten ist und von unserer Hochschulgermanistik nicht zur Kenntnis genommen wird. Eine geschichtsphilosophische Arbeit über das 19. Jahrhundert sollte entstehen. Die Literatur der Zukunft sei die Collage, hat Gottfried Benn geschrieben. Benjamin begann 1927. Jahrelang arbeitete er an der Materialsammlung aus Zitaten und Kommentaren. Noch in der Emigration saß er in der Bibliothèque Nationale in Paris und hat mit seinen kurzsichtigen Augen Texte entziffert und seinem Jahrhundertwerk einverleibt, das auch Fotos enthalten sollte.

»Berliner Kindheit um Neunzehnhundert« – braucht es mehr als Ausweis für einzigartige schriftstellerische Qualitäten? Die Beschreibung der Siegessäule in Berlin und deren Fresken setzt uns – ohne viel Worte zu machen – ins Bild über den Krieg 70/71. Autobiographie aus Schlaglichtern der Erinnerung, aus Prosaminiaturen von zwei, drei Seiten Umfang. Wo fände sich heute noch ein Verleger, der sich mit solcher Art »Kurzgeschichten« abgäbe.

Wenn wir an Walter Benjamin denken, erinnern wir uns an eigenartige Begleitumstände: Da ist sein mysteriöser Tod, da ist die Verwandtschaft mit der »blutigen Hilde«2 (die Frau mit der Gretchenfrisur, die aus Haß und Verblendung reihenweise Menschen unglücklich machte und deren Sohn sich jüngst nicht entblödete, den Bau der Mauer 1961 gutzuheißen). Nicht zu vergessen die wohl schofelige Behandlung durch Adorno und Horkheimer, die es nicht fertigbrachten, aus was für Gründen auch immer, ihn ins Ausland zu retten.

Benjamin hatte eine wissenschaftliche Laufbahn einschlagen wollen. Seine Dissertation von 1919 leitete die Wiederentdeckung der deutschen Frühromantik ein, seine Habilitationsschrift über den »Ursprung des deutschen Trauerspiels« aber wurde von der Universität Frankfurt fünf Jahre später aus fadenscheinigen Gründen zurückgewiesen. Erich Kästner war so indiskret, die Umstände in seinem Roman »Fabian« abzuhandeln.

Benjamin war einer der wichtigsten Literaturkritiker der Weimarer Republik, schrieb Essays über Goethe, Proust, den er auch übersetzte, Karl Kraus, arbeitete für Zeitungen und den Rundfunk. Er beschäftigte sich mit dem Marxismus, den er der politischen Konzeption seiner Kunsttheorie zugrunde legte. Es gibt alte Spielfilme, in denen der hupende, lärmende Verkehr am Alexanderplatz für Sekunden zu sehen ist, ob er in einem der Busse saß? Im März 1933 mußte der Gefährdete Deutschland verlassen und emigrierte nach Paris.

Wir sehen ihn, den Herzkranken, den pyrenäischen Ziegenpfad hinaufklimmen (wie zwei Wochen zuvor Heinrich und Golo Mann, zusammen mit Alma Mahler und Franz Werfel) und drüben, gerettet geglaubt, schwer atmend vor spanischen Grenzposten in die Knie gehen. In der Nacht vor der Zurückweisung nahm er Morphium, das KZ vor Augen. Wie ist es zu erklären, daß Geist in unserem Jahrhundert so mißachtet wurde (wird!).

Warum waren die Mansarden unserer Jugend mit Che-Guevara- und Jimi-Hendrix-Postern tapeziert, und niemand kommt auf die Idee, sich ein Porträt von Benjamin, Robert Walser oder Joseph Roth aufzuhängen? Wie heißt es: »Hat hier die Schule versagt?«

Thomas Bernhard

Nun da Minetti tot ist, wird es Zeit, daß wir über Thomas Bernhard reden, dessen dramatisches Werk mit dem großen Schauspieler in ähnlicher Weise verbunden ist wie die Filme von Faßbinder mit Hanna Schygulla. Ich bin ihm einmal im Frankfurter Hof begegnet: narbiges Gesicht und nagelneue Cordhose. Er stand auf, als ich an seinen Tisch trat, eine in heutiger Zeit völlig in Vergessenheit geratene Höflichkeitsbezeigung.

Unehelich geboren, der Vater ein Tischler, der sich nach Berlin verdrückte … Da er von der Mutter »abgeschoben« wurde, kümmerte sich sein Großvater3 um ihn, ein Heimatschriftsteller, der in seinem Enkel jede künstlerische Regung aufspürte und förderte: Singen, Zeichnen, Theaterspielen oder Schreiben. Früh schon erkrankte Thomas Bernhard an einem Lungenleiden, war lange ans Bett gefesselt, und er wurde nur achtundfünfzig Jahre alt: Sein Leben war ein einziges Wundreiben, an seiner Kindheit und an seinem Land. Zunächst sang er noch durchaus heimatverklärende Elogen. Die österreichischen Verhältnisse, für die in unserer Zeit das Grubenunglück von Lassing ein bezeichnendes Beispiel ist, reizten ihn dann aber zu immer neuen Verwünschungen, von Buch zu Buch, von Stück zu Stück. »Die Mimose verletzte gern und zielgenau«, so hat es Ulrich Weinzierl ausgedrückt. Die Österreicher vergalten es ihm mit Haß, mit Skandalen und Prozessen. Der Träger des vaterländischen Staatspreises wurde zum Staatsfeind und Nestbeschmutzer, und während seine Stücke am Burgtheater unter Peymann Triumphe feierten, wurde Bernhard auf der Straße von aufgebrachten Bürgern attackiert.

Wie so manchem seiner Landsleute öffnete sich ihm das deutsche Publikum bereitwilligst. Das Fernsehen verbreitete seine Stücke dankenswerterweise immer wieder bis in die letzte Wohnstube. Zwanzig Jahre lang hat er Dramen geschrieben, wie besessen, unter Produktionszwang, manches Jahr noch einen Roman dazu. Nicht sein geringstes Verdienst ist es, den Konjunktiv, die indirekte Rede wieder literaturfähig gemacht zu haben. Thomas Bernhard, der neben Beckett wohl »düsterste Prophet der Gegenwartsliteratur« (Reinhard Tschapke), nahm eine Sonderstellung ein: Sein immer gegenwärtiger Tod bestimmte die Thematik seiner Werke, aber auch grotesker Humor, kunstvoll entfachter Zorn, eine Prosa der Beschimpfungen. Er war einer Mischung aus »Tod, Musik und Gelächter« (Georg Hensel) verfallen.

Thomas Bernhard, der in seiner Jugend so unbehaust war, kaufte später alte Bauernhöfe und renovierte sie. Es gibt einen Film, in dem man ihn in seinen großen, weißgekalkten Räumen umhergehen sieht. Unheilbar krank, schrieb der Einzelgänger meistens im warmen Süden, in Jugoslawien, Portugal, auf Mallorca, von Helferinnen umsorgt, und neben der Praxis seines Halbbruders, einem Internisten, hatte er eine kleine Wohnung. Ein schwerer Herzanfall schwächte ihn am Ende derart, daß er kaum noch die Zeitung halten konnte. Wenige Stunden nach dem vierzigsten Todestag seines Großvaters ist er gestorben. Bleibt die Erinnerung an ein Fernsehporträt, in Hamburg aufgezeichnet: Er sitzt auf einer weißen Bank unter einem großen Baum. Dort sitzt er heute noch.

Tania Blixen

Am Ende ihres Lebens lag Tania Blixen, die große dänische Schriftstellerin, die nicht nur Hemingway für nobelpreiswürdig hielt, in ihrem Arbeitszimmer auf dem Boden, von großen Schmerzen gepeinigt, und diktierte ihrer Sekretärin letzte Erzählungen. Exzentrisch war sie, in einer Weise, wie das in Deutschland ganz undenkbar wäre. Ganze Tage lag sie ketterauchend im Bett. Mit über siebzig hatte sie noch einen jungen Freund! Im Park ihres Gutes Rungstedlund am Öresund liegt sie unter einer alten Buche begraben, ein Holzkästchen mit afrikanischer Erde im Sarg.

Eigentlich hieß sie Karen Christence Dinesen. Sie war die Tochter eines dänischen Hauptmanns und Schriftstellers, der als junger Mann einige Jahre in Amerika unter Indianern gelebt hatte. Sie studierte an der Kunsthochschule im nahen Kopenhagen Malerei, unternahm Reisen nach Paris und Rom und heiratete den Schlagetot Baron Bror Blixen-Finecke, mit dem sie 1914 nach Kenia ging. In der Nähe von Nairobi betrieben sie eine Kaffeefarm, hundert Meilen südlich des Äquators, »am Fuße der Ngongberge«. Das Herrenleben – befreundet war sie mit dem General von Lettow-Vorbeck – war ganz nach ihrem Geschmack. Man fühle sich auf Safaris, als ob man eine halbe Flasche Champagner getrunken habe, hat sie gesagt. Aber die Fotos von ihr und den Ihren, alle in Weiß mit Tropenhelm – ein Kikuju-Diener wartet sklavisch in der Nähe, das Tablett mit Gläsern in der Hand –, wirken heute doch recht anstößig. Das macht wohl das veränderte Bewußtsein unserer Tage.

Ihr Mann, der berüchtigte Löwenjäger Blixen, der, wie es heißt, einen Schwarzen zu Tode peitschen ließ, weil der sich auf sein Pferd gesetzt hatte, erwies sich als unzuverlässig, besonders in Sachen ehelicher Treue. Er »hurte« herum und holte sich prompt die Syphilis, womit er dann auch seine Frau infizierte. Karen Blixen litt zeitlebens an den Folgen dieser Krankheit. Sie trennte sich von ihm, übernahm die Leitung der Plantage und tröstete sich mit dem englischen Aristokraten Denys Finch Hatton, den sie als »leibhaftiges Ideal« bezeichnete. Gemeinsam hörten sie Schubert-Lieder auf einem alten Grammophon. Im Jahre 1931 kam er zu ihrem Kummer bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Auf ihrem Schreibtisch steht noch heute in silbernem Rahmen eine Fotografie von ihm. Da in der Weltwirtschaftskrise die Kaffeepreise sanken, mußte der Besitz versteigert werden.

Die Baronesse kehrte zu Mutter und Tante nach Rungstedlund zurück. Von ihrem Arbeitszimmer, in dem hundertfünfzig Jahre zuvor der berühmte dänische Lyriker Johannes Ewald gewohnt hatte, blickte sie über die See hin bis zur schwedischen Küste.

Hier schrieb sie – »weil ich nichts gelernt und kein Geld hatte« – an den Erinnerungen weiter, die sie in trostlosen Regenzeiten bereits in Afrika begonnen hatte. Das Buch erschien 1937 unter dem Titel »Out of Africa« zuerst auf Englisch. Die dänische Übersetzung, die sie selbst anfertigte (»Den afrikanske farm«), folgte im selben Jahr. Die erste deutsche Ausgabe trug den Titel »Afrika – dunkel lockende Welt«.

Sie schilderte die Menschen, die Tiere und die Landschaft Kenias mit großer Zuneigung und brachte ihren Zeitgenossen die fremdartige Welt des schwarzen Kontinents nahe, der sie selbst bis zu ihrem Tod verfallen war. Ihr Werk hatte großen Erfolg und führte Dänemark, wenn man das so ausdrücken kann, in die Weltliteratur zurück. 1985 wurde »Out of Africa« von Sydney Pollack an Originalschauplätzen verfilmt.

Tania Blixen gehört zu den großen Schriftstellerinnen unseres Jahrhunderts wie Virginia Woolf, Katherine Mansfield oder Doris Lessing.

Giovanni Boccaccio

Boccaccio: In den Bleikammern von Venedig hat er nicht gesessen, aber im Bücherschrank meiner Eltern stand er in der hinteren Reihe, und das nicht etwa, weil man ihn geringgeachtet hätte. Ein Leckerbissen für Bibliophile, ledergebunden mit Goldschnitt und das Lesebändchen arg abgenutzt. Als Schüler nahm ich das mit wollüstigen Zeichnungen verzierte Buch zur Hand und war bitter enttäuscht. Da griff ich mir doch lieber gleich die Reklameschriften des FKK-Kreises.

Boccaccio wurde als unehelicher Sohn eines Florentiner Kaufmanns und einer französischen Adligen im Jahr 1313 bei Paris geboren.4 Früh mußte er in das Geschäft seines Vaters eintreten. Dann studierte er in Neapel die Rechte und die damals wiederentdeckte Antike. Mit einer Hofdame des Königs von Neapel hatte er ein eindrucksvolles Liebeserlebnis: Er begann zu dichten, Lobpreisungen der Angebeteten, übertrug die Geschichte von Floris und Blancheflor ins Italienische und schrieb einen Schäferroman mit dem Titel »Ameto«. Als ihn die Hofdame, eine verheiratete Frau und Mutter, fallenließ, rächte er sich mit einem Roman (»Fiammetta«), fiktiven Aufzeichnungen einer Frau, der ein treuloser Geliebter (Boccaccios Alter ego) das Herz bricht.

Nach dem Tod seines Vaters trat er in Florenz sein Erbe an, war für seine Heimatstadt in diplomatischen Missionen unterwegs, einmal sogar bei Papst Urban V. in Avignon. Er hielt in einer Kirche Vorlesungen über Dante und schrieb lateinische Handbücher über Mythologie und antike Erdkunde sowie etliche Folianten über Schicksale berühmter Männer. Ein Fresco in der Villa Carducci in Legnaia zeigt noch heute seine Abbildung.

Im Alter litt er unter Fettleibigkeit, so berichten die Quellen. Wassersucht behinderte seine Bewegungen, und Anfälle von Hautausschlägen und hohem Fieber setzten ihm zu. Auf seinem Landgut Certaldo erreichte ihn die Nachricht vom Tode Petrarcas, mit dem er gemeinsam humanistische Studien betrieben hatte. Ein letztes Sonnett war der Erinnerung an diese Freundschaft gewidmet.

Giovanni Boccaccio war der Schöpfer der europäischen Novelle (Rahmenerzählung, Pointe!). Sein »Dekameron«, das Zehn-Tage-Werk, das zwischen 1348 und 1353 entstand, gilt als Ursprung der italienischen Prosa und hat die Weltliteratur entscheidend beeinflußt.

Vor dem Hintergrund der in Florenz wütenden Pest, die auch Boccaccios Vater und zahlreiche Freunde hinwegraffte, wird eine Gesellschaft junger Adliger geschildert, die vor der Seuche auf ein idyllisches Landgut geflohen sind. Sieben Damen und drei Herren erzählen einander nach dem Essen an zehn Tagen jeweils zehn Geschichten. (Die alte heilige Zahl zehn nach Dantes hundert Gesängen der »Göttlichen Komödie«.)

Das vorherrschende Thema der Erzählungen ist die Liebe in all ihren Variationen. Jeder Tag hat seinen Schwerpunkt, beispielsweise Liebeseroberungen, unglückliche Liebe, eheliche Liebe und angesichts der Todesbedrohung auch die naive Liebe zum Leben. Die Novellen sind heiter und ernst, erbaulich und frivol. Erzählungen wie die Ringparabel oder die Falkennovelle sind später von Lessing oder Paul Heyse aufgegriffen worden. Goethe hat in seinen »Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten« an das Erzählmodell angeknüpft, in die Zeit der Französischen Revolution verlegt.

Heinrich Böll

Zu meinem großen Bedauern ist es zwischen Heinrich Böll und mir nie zu einem Gedankenaustausch gekommen. Ich hatte den Eindruck, als wiche er mir aus. Das ist sehr schade, denn ich habe ihn als Repräsentanten europäischen Schriftstellertums immer sehr hochgeschätzt. Wenn auch die Folgen seiner Intentionen uns nicht immer zum Segen gereicht haben. So war die wohl von ihm ausgegangene Eingliederung der biederen Schriftstellervereine in die Gewerkschaft Druck und Papier ein groteskes Unternehmen. An die Stelle von Autorengesprächen, die ja allerdings auch im PEN keine Rolle mehr spielen, traten Tarifdiskussionen.

Er war wohl das, was man einen guten Menschen nennt. Peter Hacks meinte, er habe die Augen eines Thurber-Hundes.

Seine Hilfsbereitschaft war bekannt. Es heißt, daß er sogar Menschen aus dem Osten über die Grenze geschmuggelt habe.

Wir sehen ihn mit dem anderen Nobelpreisträger vor seinem Haus stehen5, zum Seehund verändert durch einen grauen Schnauzbart, und wir sehen ihn aus der Hand des schwedischen Thronfolgers die begehrte Medaille entgegennehmen. In seiner Dankesrede, die sich mit der deutschen Nachkriegsliteratur befaßte, erwähnte er die Gruppe 47 mit keinem Wort.

Katholik von Herzen und auch wieder nicht – an die Ostfront meldete er sich freiwillig, weil er sich das »mal angucken« wollte, ein Faktum, das nachfolgende Generationen wohl nicht verstehen werden, genausowenig wie die Tatsache, daß die Scholls Hitlerjugendführer waren. Die Frage ist nur, ob es für Böll noch generationenlang Leser geben wird. Ich fürchte nicht, auch wenn kein Lesebuch in deutschen Schulen ohne ihn auskommt, auch wenn er zum eisernen Bestand aller Lehrpläne gehört.

Hans Werner Richter hat von seiner ausgeprägten Liebe zum Geld gesprochen, was eigentlich nicht erwähnenswert ist, wer liebte das Geld nicht. Konnte er Auto fahren? Ja, Citroën. Immer rauchend, immer ohne Schlips, immer bedächtig sprechend, immer im Vordergrund und sich aber auch leise zurückziehend, wenn es Zeit war. Trank er? Zusammen mit Walter Jens hat er sich vor dem Raketenzaun in Mutlangen in allen Ehren wegtragen lassen. Der Verfassungsschutz gab ihm die Ehre, sein Haus bei Nacht und Nebel zu stürmen, weil man unter den Gästen Terroristen vermutete.