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KOSMAČ • TANTADRUJ

CIRIL KOSMAČ

wurde am 29. August 1910 als Sohn von Bauern im slowenischen Küstengebiet geboren. Handelsschule, Matura in Görz. Wegen »nationaler und antifaschistischer Betätigung« in Italien inhaftiert. 1938 an der jugoslawischen Botschaft in Paris, danach Aufenthalt in London. 1949 Unterstützung der Partisanen. Bis zu seinem Tod am 28. Jänner 1980 freier Schriftsteller, Redakteur und Dramaturg. Veröffentlichte vier Romane, Erzählungen, Kindergeschichten, Essays.

CIRIL KOSMAČ

Tantadruj

Aus dem Slowenischen
von
Klaus Detlef Olof

Mit einem Nachwort
von
Karl-Markus Gauß

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Erstveröffentlichung 1994, als erster Druck bibliophiler
Ausgaben im Wieser Verlag
Titel der Originalausgabe:
TANTADRUJ
© der Originalausgabe bei Ciril Kosmač’ Erben
u. AAS, Slowenien

wtb 03

Cover unter Verwendung von
»Chaosminiaturen« von Wolf Vanderlendt.

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A-9020 Klagenfurt/Celovec, Ebentaler Straße 34b
Tel. + 43(0)463 370 36, Fax. + 43(0)463 376 35
office@wieser-verlag.com
www.wieser-verlag.com

Copyright © dieser Ausgabe 2014 bei Wieser Verlag GmbH,
Klagenfurt/Celovec
Alle Rechte vorbehalten
Korrektorat: Wolfgang Ebner
ISBN 978-3-99047-022-0

Inhalt

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

Kapitel IV

Kapitel V

Kapitel VI

Nachwort von Karl-Markus Gauß

In später, klarer und leicht windiger Nacht kehrte ich aus Piran zurück. Langsam stieg ich die schmale und steile Gasse hinauf, summte den Refrain eines fremdländischen Schlagers vor mich hin, der mir im Ohr geblieben war, und blieb immer wieder stehen und schaute und lauschte gebannt, wie der Herbstwind mit der Mondnacht spielte. Er spielte mit ihr wie mit einem Schleier: Seiden knisterte es rings um mich und über mir, fahlgoldenes Licht ergoß sich weich über die flach geneigten Dächer und tanzte verspielt über dem wogenden Meer.

Auch in meinem Herzen war dieser angenehme Wind und in meiner Seele diese ungewöhnliche Helle. Wieder suchten mich jene goldenen Stunden auf, die mich ganz durchleuchten und durchklingen, daß es in mir so freudig zu singen beginnt, wie ein hoher Sommertag singt, der mitten in einem grünen Tal halt macht. Es war viel zu schön, deshalb wußte ich, daß sich bald alles zu jener unbekannten und unbegreiflichen, mit bittersüßer Beklommenheit vermischten Sehnsucht verdunkeln würde, die mich zum Schreiben drängt. Und doch war ich so glücklich, daß ich gern allem und jedem gesagt hätte, wie schön es ist zu leben. Und weil es nirgends eine lebende Seele gab, sagte ich es den Toten: gerade in diesem Augenblick ging ich am Friedhof vorüber und erblickte die silberne Aufschrift, die über dem verschlossenen Eingang schimmerte.

»Resurrecturis«, las ich leise, laut aber sagte ich: »Schön ist es zu leben!«

Doch siehe, meine Stimme erschien mir irgendwie seltsam, tief und spröde, noch seltsamer aber war das Echo meiner Schritte.

»Schön ist es zu leben!« wiederholte ich absichtlich lauter. Und da war mir, als hörte ich, wie dort hinter den schwarzen Friedhofszypressen zwischen den weißen Steinen leichtfüßig das Echo meiner Stimme dahinhüpfte und sich verlor; dahinhüpfte wie ein leichter Vogel und mich ganz nach Vogelart sanft verspottete:

»Leben – leben – leben –«

Es war ein wenig unangenehm, und doch zugleich verlockend, und ich wäre wohl meinem Echo nachgegangen, wäre das Tor nicht verschlossen gewesen. Aber da es verschlossen war, schritt ich auf der harten Straße schneller aus. Meine Schritte hallten jetzt so seltsam wider, als würden mindestens zehn Seelen hinter mir hertrippeln. Unwillkürlich blickte ich mich nach dem breiten Band der glatten Straße um. Sie war hell und leer bis hin zum Friedhofseingang, und dort leuchtete die versilberte Aufschrift wie ein nasses, bitterlich verträumtes Auge.

»Resurrecturis …« murmelte ich. Und da erinnerte ich mich ohne jeden Anlaß, daß es genauso über dem Eingang unseres heimischen Friedhofs geschrieben steht. Nur ist dort die Inschrift nicht aus eisernen oder versilberten Lettern gemacht, sondern von der ungelenken Hand des Zimmermanns Podzemljič mit dem Meißel in den eichenen Querbalken gekerbt. An diesen Querbalken erinnerte ich mich, und dann erinnerte ich mich an die Mutter, die dahinter schon dreißig Jahre lang ruht. Ich erinnerte mich ihrer so lebhaft wie schon lange nicht mehr: Ich erinnerte mich an ihr Gesicht, ihre blauen Augen, ihr sanftes und doch so schelmisches Lächeln, erinnerte mich ihrer warmen Stimme und sogleich auch ihrer Geschichten, die sie so lebendig zu erzählen wußte, daß ich sie eigentlich schon längst hätte aufschreiben müssen.

Meine Seele wurde schwerer und schwerer und mein Herz unruhig, als ob mich das Gewissen brannte. Die goldenen Stunden waren zerronnen und der hohe Sommertag zerbrochen. Ein Wind kam auf, voll schöpferischer Sehnsucht und fruchtbarer Beklommenheit, deshalb stand mir der Sinn nicht mehr nach Heimgehen. Ich bog von der Straße ab und schlug den Fahrweg ein, der sich an der Trockenmauer emporzog. Bald war ich ins Reich des alten Bert gelangt, der sein Häuschen und seine Ackerstücke geradewegs am Gipfel der Welt hat, und dazu noch alles von einer hohen Mauer umfriedet, die an manchen Stellen zwar schon zusammenfällt, gerade dort aber von dichtem Brombeergestrüpp überwuchert ist. Das Eingangstor mußte einmal so mächtig gewesen sein wie der Eingang zu einer Burg, jetzt aber steht dort nur noch der rechte Torpfeiler und darauf die mit Zement verputzte Büste eines mittelalterlichen Kriegers mit Helm und gewaltigem Schnauzbart, doch ohne Nase. Ich lauschte, ob alles still war und ob auch der Hund schlief, von dem die Aufschrift auf dem Holzbrettchen sagte, er sei äußerst böse. Alles war still. Langsam und auf Zehenspitzen ging ich am Torpfeiler vorbei, und der Teufel mag wissen, weshalb ich die Rechte an die Schläfe hob, vor der bröckelnden Büste des alten Kriegers salutierte und abgehackt sagte:

»Božorno-boserna!«

Ich blieb wie angewurzelt stehen. Dann schüttelte ich den Kopf und fragte mich, woher dieser ungewöhnliche Gruß so plötzlich gekommen war. Und wieder sah ich meine Mutter, die mir schelmisch mit dem Finger drohte und mit wehmütiger Schalkhaftigkeit lächelte; und jetzt erinnerte ich mich, daß so immer der verrückte Maurer Luka aus ihrer Geschichte von Tantadruj gegrüßt hatte. Wirklich, wie seltsam sind die Zufälle der Eingebung! Fast vierzig Jahre war diese Geschichte in mir vergraben gewesen, und jetzt war sie erwacht, mitten in einer windigen Herbstnacht an der zerbröckelten Büste eines Kriegers, hatte sich erhoben und zu leben begonnen.

Ich wandte mich nach rechts, machte einige Schritte an der Einfriedung entlang, hielt am Kiefernwäldchen inne und setzte mich auf die Mauer. Die Nacht war wirklich wunderschön, und der Herbstwind spielte mit ihr; ganz offensichtlich verbarg er sich in den Kiefern hinter meinem Rücken, denn dort rauschte es am stärksten. Unter mir lag das Seeräubernest Piran. Wie der Bug eines riesigen Piratenschiffs durchschnitt es das wogende Meer, und ich saß auf dem Gipfel des Hügels wie auf einem hohen Mast und fuhr mit. Ich war der gealterte Seeräuber, halb blind vom Sonnenglanz, den ich auf den unermeßlichen Weiten der Ozeane getrunken, halb taub von den fernen brüllenden Stürmen, die ich in den eisigen Meerengen verschluckt hatte, doch dafür hatte ich alles mit anderthalbem Herzen gesehen und mit anderthalber Seele gehört. Dieses Bild wollte mir irgendwie übertrieben erscheinen, deshalb floß es schnell in ein anderes über, das aber eher etwas unangenehm war: Ich war ein Adler, mit einer Kette an den Mast gefesselt. Doch gealteter Seeräuber oder gerupfter Adler, ich fuhr, ich fuhr wieder ins Unbekannte, zu neuen Torheiten und Weisheiten, Leiden und Leidenschaften. Die Leintücher, die auf den Dächern von Piran trockneten und im Wind flatterten, waren die Flaggen auf den Tauen meines Piratenschiffs, die Flaggen meiner Lasten, meiner unheilbaren Krankheiten, meiner unerreichbaren Ziele. Die Punta war der Bug des Schiffes, zur Büste einer üppigen Sirene geschnitzt, und der Leuchtturm war ihr rotes, gläsernes Auge. Mit gleichmäßigem Wiegen durchschnitten wir die Wellen. Vor uns ergoß sich ein Streifen fahlgoldenen Mondlichts gegen den Horizont. Darin war ganz in der Ferne ein winziger schwarzer Punkt, der hin und her schwankte, als ob dort ein winziges Menschlein auf einer hellen breiten Straße dahinwanderte.

»So ging Tantadruj«, murmelte ich. »Gehen wir ihm nach! Gehen wir auf Jagd nach dem Glück!«

Und dann? Dann wanderte mein Blick noch einmal über die Schönheiten der Nacht: Er wanderte über die weißen Steine hinter den schwarzen Zypressen, über die Türme der alten Festung, über den schlanken Glockenturm, der in den Himmel ragte, über die flach geneigten Dächer der Stadt Piran. Dann wanderte er weiter auf der breiten Straße des Mondlichts hinaus auf das offene Meer und pilgerte dem winzigen Fleckchen meiner Erinnerung nach, der Geschichte von Tantadruj …

I

Die gefrorene Erde erklang unter ihren Schuhen, und der kalte Mond leuchtete ihnen vom Himmel, denn der Winterhimmel war klar und der Morgen noch fern. Von fern her schritten auch die Menschen: Bauern und Häusler, Händler und Handwerker, Krämer und Hausierer, Aufkäufer und Makler, Knechte und Mägde, Burschen und Mädchen, Landstreicher und bescheidene Diebe, verlorene Seelen, Bettler, harmlose Narren von Geburt, zu denen man damals Kinder Gottes sagte, und solche, bei denen es sich erst später verwirrt hatte, die aber nicht so gefährlich waren, daß man sie hinter Schloß und Riegel setzen müßte. Einzeln und in kleinen Gruppen durcheilten sie alle vier Täler, die sich vor ihnen auftaten. Sie gingen nach St. Luzia, und sie gingen zum Kirchtag, deshalb gingen sie schweigend, damit sie leichter rechnen konnten und nachdenken über ihre Bedürfnisse und träumen von ihren Wünschen.

Nach St. Luzia strebte auch unser Dorfnarr Tantadruj. Wie sein eigentlicher Name war, hatten schon alle vergessen. Sie sagten Tantadruj zu ihm, weil er jeden Satz mit diesem seltsamen Wort begann, das aber gar nicht seltsam war. Als er noch klein war und von den Dorfkindern geärgert wurde, hatte sich seine unglückliche Mutter immer mit den Nachbarsfrauen gestritten; mit dem Finger hatte sie auf die Bälger gezeigt, die in angemessener Entfernung abwarteten, und hatte sich mit schriller Stimme über »den da und den da und den drüben« beklagt, die ihn geärgert hatten. Drüben klingt in unserem Dialekt wie druj. Dies hatte das Kind mehrmals am Tag gehört, deshalb ist es nicht verwunderlich, wenn es aus all diesen hastig ausgesprochenen Wörtern, die es noch nicht verstand, ein einziges zusammenfügte. Und das war auch das erste, das es aussprach. »Tantantadruj!« schluchzte es, wenn es sich bei der Mutter beklagte, und »Tantan-tadruj…« sang es leise, wenn es auf dem Ofen spielte oder im Staub vor der Hütte. Später, als es sprechen gelernt hatte, war ihm dieses Wort geblieben, um damit die Stimmbänder und die Zunge zu lockern. Und so war auch sein Name entstanden.