image

STRUHAR • DIE VERTRAUTEN STERNE DER HEIMAT

STANISLAV STRUHAR

Die vertrauten Sterne
der Heimat

Roman

image

Die Arbeit an diesem Roman wurde durch Stipendien des
Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur unterstützt.
Die Herausgabe des Buches erfolgte mit freundlicher
Unterstützung durch die Stadt Wien.

image

A-9020 Klagenfurt/Celovec, 8.-Mai-Straße 12
Tel. + 43(0)463 370 36, Fax. + 43(0)463 370 36-90
office@wieser-verlag.com
www.wieser-verlag.com

Copyright © dieser Ausgabe 2015 bei Wieser Verlag GmbH,
Klagenfurt/Celovec
Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Josef G. Pichler
ISBN 978-3-99047-017-6

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

1

Die Sonne sank schon hinter den Baumkronen, der Wind legte sich. Eine Brise atmete von den Bergkämmen, sie war still wie die nahen Wolken, die gegen Bajardo zogen. Unter dem sattgrünen Gezweig wurden die Düfte des Frühlings zart, wohltuend mutete die abendliche Kühle an.

Gelächter ertönte auf dem Tennisplatz am Saum des Waldes. Sibylles Haar strömte hellblond über ihr weißes Hemd, und in dem milden Licht des offen liegenden Spielfeldes nahm die Farbe ihrer Augen einen steinblauen Ton an, der Teint ihres schmalen Gesichts einen milchigen Glanz.

»Der wird dich nicht mehr anrufen!«, rief sie und schloss ihre Hand fest um den Griff ihres Schlägers. Ginevra trank noch einen Schluck Mineralwasser und stellte die Flasche zu ihrem Rucksack. Er müsse sich damit endlich abfinden, dass es aus sei, sagte sie wie zu sich selbst, langte nach ihrem Schläger und kehrte zurück auf das Spielfeld. Eine Weile lachten sie noch, bis ihr Spiel wieder an Härte zunahm. Sie liefen unermüdlich, so schnell sie konnten, den Atem laut und von Aufregung durchdrungen, die Schläge wild.

»Der war draußen!«, rief Ginevra, hob den Ball und steckte sich das Haar hinters Ohr. Sie besaß schönes Haar, schwarz und dicht, das in vielen Locken ihr rundes Gesicht umsäumte, wie eine Mähne auf ihre Schultern fiel.

»Nein, schau doch seine Spur, der war drinnen!«, rief Sibylle.

»Ich sehe keine Spur!«

»Fang bitte nicht schon wieder an!«

Ginevras Handy läutete, sie blickte zu ihrem Rucksack; rasch und ruckartig war die Bewegung ihres Kopfes, als hätte sie sich erschrocken, sie riss die Augen auf. Sie lief aus dem Spielfeld, nahm das Handy und sah nach. Ein Lächeln stieg auf den sinnlichen Schwung ihrer Lippen, und sie begrüßte ihre Mutter. Sibylle legte den Schläger auf den Boden, steckte ihr Hemd zurück in ihren Rock. Ihr Rock war schwarz wie ihre Strumpfhose, er machte ihre Hüften gleichmäßig glatt und schlank. Sie hob den Schläger auf und sah zu Ginevra, die ihrer Mutter versprach, sich zu beeilen.

»Ich muss nach Hause, meine Eltern stehen vor meiner Tür. Ich habe völlig vergessen, dass sie heute kommen wollten.«

Während Sibylle aus ihrer Flasche trank, sah sie, wie Ginevras Vespa hinter dem Friedhof verschwand. Sie nahm ihre Handtasche und ging zum Auto. Langsam legte sie alles in den Fond, und ihr Blick verharrte auf dem Friedhof, dann schloss sie die Tür.

Sie wusste, dass der Friedhof verlassen war, dennoch öffnete sie das Tor mit leichtem Druck, ganz behutsam, um jedes Knarren zu vermeiden. Sie ließ das Tor offen stehen, und der erste Grabstein erhob sich vor ihren Augen. In vollkommenem Frieden lag der Friedhof, wie ein Garten in sich verschlossen, sanft in Stille getaucht. In einem der Schatten, die seine Bäume warfen, blieb Sibylle stehen, und zärtlich lächelte sie einen kleinen Grabstein an.

»Heute habe ich keine Blumen mit, aber nächstes Mal bringe ich dir welche«, flüsterte sie, auf Deutsch. »Ich war mit Ginevra Tennis spielen. Wir haben uns fast gestritten.«

Sie nahm die alten Blumen aus der Vase, hockte sich hin und befreite die Grabkante von Erde.

»Du machst es deiner Mutter so schön!«, kam es von einem Weg, und Arnaldo, der zu einer Grabmauer eilte, winkte Sibylle. Sie erwiderte seinen Gruß, sah wieder auf die Fotografie ihrer Mutter.

»Der arme Arnaldo, sein Manuele wäre schon neunundzwanzig, so wie ich. Es ist schrecklich, das eigene Kind verlieren zu müssen.«

Die alten Blumen in der Hand, verabschiedete sie sich, dann schlenderte sie zum Ausgang. Sie entsorgte die Blumen, schloss das Tor und ging zum Auto.

Auf dem schmalen Weg, der im Halbdunkel der Bäume am Friedhof entlanglief, rollte sie im Schritttempo, erst als das Abendlicht sich ins Auto ergoss, beschleunigte sie. Die Straße zum historischen Ortskern lag menschenleer, schon ihre ersten Häuser schwiegen verschlossen, Autos standen verlassen. Vor einem der Häuser hielt sie, öffnete das Fenster und lächelte die Eselin Aleria an, die hinter dem Zaun stand.

»Nächstes Mal werde ich dich streicheln, ganz bestimmt«, sagte sie, bevor sie weiterfuhr.

Als sie aus dem Auto stieg und die erste Gasse betrat, bemerkte sie Angelica und Teresa, die zwei hübschen brünetten Mädchen. Sie saßen an einer Hausmauer und hatten mit ihren Handys gespielt, nun aber waren ihre Stimmen aufgeregt und laut, denn sie stritten sich.

»Wie du und Ginevra«, sagte Ludovica, die an ihrem Küchenfenster erschien.

»Bist du beim Kochen?«, fragte Sibylle.

»Nein«, antwortete Ludovica und beklagte sich darüber, dass sie seit Tagen unter Schmerzen in den Gelenken litt.

»Sag Bescheid, wenn du Hilfe brauchst.«

»Danke, das ist lieb. Ich bin zwar alt, aber ich schaffe alles noch alleine.«

»Wie geht es Erica?«

»Sie hat gestern angerufen«, antwortete Ludovica und erzählte, was Erica ihr über die Müllprobleme in Neapel berichtet hatte. Sibylle hörte ihr aufmerksam zu, dann fragte sie, wie es Ericas Familie gehe. Es gehe ihnen gut, Agostino sei mit der Schule schon fertig und wolle studieren.

»Da hast du aber einen fleißigen Enkel. Wann kommen sie dich besuchen?«

»Das weiß ich nicht«, antwortete Ludovica und wurde ernst.

Als Sibylle an den Mädchen vorbeikam, fragte sie, was für ein Spiel sie spielten. Die Mädchen zeigten es ihr, und sie hockte sich hin.

»Du hast so schöne Haare«, sagte Angelica.

»Meine Mutter hat solche gehabt«, sagte Sibylle.

»Ist deine Mama schon lange tot?«, fragte Teresa.

»Schon ein paar Jahre«, antwortete Sibylle.

»Und dein Papa?«, fragte Angelica.

»Der hat uns verlassen«, antwortete Sibylle und sah sie beide an. »Ich war damals elf. Ihr seid auch elf, oder?«

»Ja«, antwortete Angelica.

»Wir haben gehört, dass du auch in San Remo eine Wohnung hast«, sagte Teresa.

»Ich habe dort eine kleine Wohnung, damit ich nicht jedes Mal nach der Arbeit nach Bajardo muss.«

»Bist du wirklich eine Österreicherin?«, fragte Angelica.

»Nach meiner Mutter bin ich Österreicherin und nach meinem Vater Italienerin. Aber ich bin hier geboren, und hier habe ich genauso wie ihr gespielt. Und mich gestritten.«

»Wir streiten uns nur manchmal«, sagte Angelica und sah Teresa an. Sibylle lachte, dann fragte sie, ob sie mal mit ihnen spielen dürfe, und als die Mädchen bejahten, ging sie weiter. Am Ende der Gasse sah sie den weißen Kater Teodoro, wie er vor der Haustür des betagten Leonardo stand und hinauf zur Türklinke miaute. Die Tür öffnete sich und Leonardo kam heraus, der Kater fing an, sich an seiner Hose zu reiben.

»Wie ich sehe, hast du Besuch bekommen«, sagte Sibylle.

»Er kommt nur dann, wenn er Lust hat oder wenn er hungrig ist.«

»Typisch Mann.«

»Warst du Tennis spielen? Du bist ganz schön fit, so eine Frau können Männer sich nur wünschen.«

»Du hast die beste Frau gehabt, die ein Mann sich wünschen kann.«

»Ich weiß«, sagte Leonardo und fügte sogleich hinzu, dass vorige Woche seine Enkelin angerufen habe. Seine Augen funkelten, während er erzählte, wie gut es der Familie seines Sohnes in Mailand gehe, seine Stimme erbebte in freudiger Aufregung, als er kicherte.

Nachdem er sich wieder dem Kater zugewandt hatte, verabschiedete sich Sibylle. Vom Schatten umfangen ging sie den engen Weg, der verborgen zwischen Häusern lag, weiter hinauf, und in der nächsten Gasse beschleunigte sie noch ihre Schritte. Sie betrat einen Durchgang, und Enzo bellte sie an, der kleine schwarze Mischling, der hinter seinem Pförtchen Wache hielt, seinen Garten verteidigte. Danach erhob sich die Ruine der alten Kirche über die Dächer der Häuser, und Sibylle nahm die Schlüssel aus ihrer Handtasche. Sie schloss die Tür ihres Hauses auf und bemerkte am Himmel eine dunkle Wolke. Rasch legte sie ihre Sachen ab, dann lief sie durchs Haus in den Garten, um ihre Wäsche einzusammeln.

Als sie unter die Dusche stieg, kam ihr die Erinnerung daran, wie Ginevra über ihre Trennung von Filippo erzählt hatte. Auch während sie sich in der Küche das Essen bereitete, dachte sie an Ginevra und Filippo. Draußen wurde es schon dunkel; sie öffnete das Fenster und stellte fest, dass das Gras trocken war.

Der Himmel war voll Sterne. Sie stellte das Tablett mit dem Essen auf den Tisch im Garten, setzte sich und aß. In der klaren Dunkelheit war die Landschaft vollständig offen, die Bergkämme lagen in Mondschein getaucht, und in der Ferne strahlten die winzigen Lichter der Küste. Auch Perinaldo, das auf einem der Hügel vor der Küste thronte, leuchtete mit seinen Häusern. Sibylle schenkte sich den Rest des Tees in die Tasse und die Stimme einer Eule wurde laut. Sie nahm einen Schluck, sah zur Ruine hinauf und fühlte sich daran erinnert, wie sie einmal in der Nacht aus ihrem Bett gestiegen und in den Garten gelaufen war, um Mutter anzuflehen, endlich nach Hause zu kommen.

Die Sonne war nicht mehr zu sehen, und die Straße versank im Schatten des Waldes. Erst die Gärten, herrlich im Grün gebettet, brachten das morgendliche Licht zurück, und in der Tiefe öffnete sich das Tal, mit allen seinen Farben geschmückt. Hell und frei lag nun die Straße, doch dauerte es nicht lange, und Ceriana erhob sich aus dem Grün. Wieder verlangsamte Sibylle. Nur wenige alte Menschen bevölkerten den Gehsteig, dennoch passierte sie das Dorf in aller Vorsicht; nie würde sie den Morgen vergessen können, als ihre Mutter hier vor Schreck aufgeschrien hatte, heftig auf die Bremse gestiegen war.

Bald glänzte das Meer ganz nah, die Straße war nicht mehr still, und vor San Remo erschienen viele Autos wie aus dem Nichts. Im Stadtzentrum kam der Verkehr zum Stillstand, ein Rettungswagen und ein Polizeiauto blinkten mitten auf der Straße, eine Vespa lag in ihrem Schatten. Als Sibylle an der Unfallstelle vorbeifuhr, stand der Vespafahrer bereits auf den Beinen. Sie nahm ihr Handy und rief Alessandra an, um sich für die Verspätung zu entschuldigen.

Die Gassen der Altstadt waren noch ruhig, doch im Geschäft stand schon eine Gruppe japanischer Touristen. Sibylle winkte Alessandra und ging zum Kassapult. Alessandra lächelte ihr verzweifelt zu, bat leise um Hilfe, schließlich versuchte sie aufs Neue, die Gruppe in ihrem schlechten Englisch zu beraten.

»Sind Sie Französin?«, fragte wenig später einer der Männer Sibylle, während die Frauen Kleider anprobierten.

»Nein. Warum fragen Sie?«

»Es ist mir nur eingefallen, weil wir gerade aus Frankreich kommen«, antwortete der Mann. Auch die anderen Männer lächelten, einer von ihnen äußerte die Bemerkung, das Geschäft sei klein, aber reich an guten Angeboten.

Als die Gruppe das Geschäft verließ, bedankte Sibylle sich noch einmal bei Alessandra, dass sie die Lieferung neuer Kleider übernommen hatte, dann fragte sie, ob auch Giacomo hier gewesen sei. Nein, antwortete Alessandra, und ihre dunklen Augen schienen zu lächeln.

»Unser lieber Herr Chef hat sich krankgemeldet«, fügte sie hinzu.

»Trinkst du mit mir Kaffee?«, fragte Sibylle mit hörbarer Freude. Ja, antwortete Alessandra und trat vor den großen Wandspiegel, der zwischen dem Eingang und dem Kassapult hing. Sacht strich sie über ihr Haar, steckte es hoch und ließ es los, glitt mit den Augen über seinen braunen Glanz und drehte sich um.

»Was sagst du zu meinen neuen Jeans?«, fragte sie.

»Schön«, antwortete Sibylle, und danach gingen sie beide ins Büro.

Alessandra freute sich auf die freien Tage, die auf sie warteten, so viele Pläne hatte sie schon, war ganz aufgeregt. Sie wollte am Abend ausgehen, Prosecco trinken, wollte lachen und plaudern, nichts als Spaß haben.

»Komm schon, wann bist du zuletzt ausgegangen?«, drängte sie dann zu Mittag, draußen in der Gasse, nachdem Sibylle die Geschäftstür geschlossen hatte.

»Also gut, lang werde ich aber nicht bleiben.«

Zu Hause angekommen, leerte Sibylle ihre Einkaufstasche aus und öffnete im Wohnzimmer das Fenster. Im zweiten Stock war sie nicht hoch genug, eine tolle Aussicht zu haben, außer Himmel sah sie nur Fenster und die Gasse, aber sie fand ihre Wohnung gemütlich, ihre Zimmer schön. Sie zog ihren Pullover aus, machte sich etwas zu essen, danach schaltete sie den Fernseher ein. Doch ihr Blick wanderte vom Bildschirm auf die Wand, sie fühlte sich an ihre freien Tage in Bajardo erinnert.

Auch an diesem Tag, als sie auf dem Weg zurück ins Geschäft war, konnte sie der Verlockung nicht widerstehen und trat in Gianluigis Eissalon. Sein Eis zählte zu den besten in weitem Umkreis, und er füllte ihr auch diesmal den Behälter bis an den Rand voll. Dafür aber musste sie mit ihm ein paar Worte in deutscher Sprache wechseln. Er wollte die Sprache erlernen, sie unbedingt beherrschen, damit er sich mit deutschsprachigen Touristen unterhalten konnte. Vor allem mit den hübschen Frauen müsse er endlich plaudern können, wie er zu bemerken pflegte, wobei seine Augen erstrahlten.

»Du bist die beste Lehrerin!«, hörte Sibylle hinter ihrem Rücken, nachdem sie sich von ihm verabschiedet hatte, sie lächelte und bog in die nächste Gasse ein. Da gewahrte sie Giacomo, der in Begleitung einer Frau war. Sie blieb stehen, drehte sich zu einem Schaufenster und blickte noch einmal zu Giacomo. Reglos wartete sie, bis er und die Frau die Gasse verlassen hatten, erst dann ging sie weiter.

Das Geschäft war ruhig, es kamen keine Kunden. So öffnete sie den Kühlschrank bald wieder, nahm das Eis heraus und kehrte zurück zur Kasse. Sitzend betrachtete sie die neuen Kleider, die Alessandra in der Früh übernommen hatte, das Eis kühlte ihre Zunge. Auf einem knielangen weißen Kleid blieb ihr Blick haften. Und nachdem sie den leeren Behälter abgestellt hatte, probierte sie das Kleid im Büro an. Doch in dem Spiegel im Verkaufsraum konnte sie sich nicht ansehen, denn jemand betrat das Geschäft. Sie zog sich um und trug das Kleid zurück. Ein heranwachsendes Mädchen begrüßte sie, das neben einer Frau stand, die sich im Spiegel betrachtete. Die Frau drehte sich zu Sibylle und sagte, sie wolle ihrer Tochter ein Kleid kaufen. Sibylle hängte das weiße Kleid auf und wies auf die weiteren in der Reihe.

»Das sind unsere neuesten Modelle«, sagte sie. Die Frau trat zu den Kleidern, das Mädchen lächelte Sibylle an.

»Das wird schwierig sein, ich habe seit Tagen Kopfschmerzen deswegen, Tania hat eine unmögliche Figur«, sagte die Frau.

»Sie wächst noch«, sagte Sibylle.

»Sie ist leider nach ihrem Vater geraten«, versetzte die Frau.

»Also sie ist Ihnen wie aus dem Gesicht geschnitten«, sagte Sibylle, und das Mädchen kicherte unter vorgehaltener Hand. »Schauen Sie sich dieses Kleid an, es ist schön und luftig.«

»Ja«, stimmte das Mädchen zu.

»Es würde dich noch breiter machen«, sagte die Frau, nahm ein anderes Kleid und führte das Mädchen zu der Umkleidekabine.

Fast eine Stunde war vergangen, bis die Frau ein Kleid gefunden hatte, das ihrer Meinung nach ihrer Tochter stand, dann kehrte Stille zurück in das Geschäft. Und wieder stieg Sibylle in das weiße Kleid. Sie trat vor den Spiegel, band ihr Haar nach hinten. Löste ihr Haar, sah sich von der Seite an, hob die Arme hoch und ließ sie sinken; da bemerkte sie einen schlanken brünetten Mann, der sie von der Gasse aus anstarrte. Der Mann lächelte, und sie flüchtete ins Büro.

Kurz vor dem Schließen öffneten drei Frauen die Tür zum Geschäft, und wenngleich sie sich bei der Kleidersuche beeilten, kam Sibylle trotzdem mit Verspätung nach Hause. Sie zog sich um, nahm eine Kleinigkeit zu sich und lief wieder hinaus.

»Wieso kommst du so spät?«, fragte Alessandra nervös, die auf dem Barhocker am Ende der Bar saß, doch als Sibylle antwortete, gab sie ein Lachen von sich und bemerkte, wenn Giacomo im Geschäft gewesen wäre, hätte es wohl noch länger geöffnet gehabt. Sibylle ließ sich ein Glas Prosecco bringen und fragte, warum eigentlich Giacomo krank sei.

»Er hat Magenschmerzen.«

»Ich glaube, er hat ein Geheimnis.«

»Was für ein Geheimnis bitte?«, fragte Alessandra, und als sie die Antwort bekam, griff sie sich an den Kopf. Es dauerte eine Weile, bis sie die Fassung wiedergewann, und dann erzählte sie von jenen zwei Tagen, als Giacomo im Geschäft gewesen war.

Die Kellnerin brachte ihnen zwei neue Gläser mit Prosecco und kehrte zurück zur Theke, denn die Bar füllte sich mit Gästen. Das aber nahm Alessandra nicht mehr wahr; allzu aufgeregt war sie, als sie sich über ihre Eltern beklagte, mit denen sie sich gestritten hatte.

»Ich meine, warum wollen sie mir nicht helfen? Ich kann doch nicht in einer Wohnung wohnen, wo es fast keine Möbel gibt.«

»Du hast ja die Wohnung von ihnen bekommen, und die war nicht gerade billig. Die notwendige Einrichtung hast du doch, und den Rest kannst du dir nach und nach kaufen. Du musst sparen, weniger ausgehen zum Beispiel.«

»Ja, die Ältere und Erfahrene hat gesprochen. Aber ich bin nicht wie du. Ich verstehe nicht, wie du es dort oben aushalten kannst, völlig allein in Bergen.«

»Ich lebe nicht in Bergen, sondern in Bajardo, und ich bin dort nicht so allein, wie du es hier manchmal bist.«

»Das redest du dir nur ein. Du solltest endlich von dort wegziehen und zu leben anfangen.«

»Als ob ich nicht leben würde!«, lachte Sibylle, und ihr Blick glitt durch die Bar. Und jener Mann lächelte ihr zu, der sie am Abend durch die Geschäftstür angestarrt hatte. Er steuerte auf sie zu, und sie wurde ernst, wandte sich zurück zu ihrem Glas. Sanft begrüßte er sie, auf Französisch, und sie sah ihn wieder an. Er entschuldigte sich, dass er sie vorhin im Geschäft erschreckt hatte, und sie lächelte.

»Wieso weißt du, dass ich dich verstehen kann?«, fragte sie auf Französisch.

»Ich habe es mir gedacht, dass du Französisch kannst, und mein Italienisch ist leider schlecht«, sagte er, und ein Paar kam zu ihm, beide sahen Sibylle an und grüßten freundlich. Sie grüßte zurück, wandte sich wieder dem Mann zu und fragte:

»Seid ihr auf Urlaub hier?«

»Wir fahren übermorgen zurück nach Monaco, und jetzt suchen wir hier einen Platz, weil wir gern etwas trinken würden«, antwortete er, und sie drehte sich zu Alessandra, bat sie, mit ihrem Hocker an die Wand zu rücken. Na und?, sagte sie leise, als Alessandra sie erstaunt ansah.

»Ich bin Pascal«, sagte der Mann, nachdem er Platz genommen hatte. »Und das sind Sébastien und Marcelle.«

Alessandra stellte sich ihnen als Letzte vor, und da sie in ihrem schlechten Französisch Marcelle fragte, wie es ihnen in San Remo gefalle, rückte das Paar zu ihr hin. Pascal bestellte Prosecco und lächelte Sibylle an.

»Du bist aber keine echte Italienerin.«

»Meine Mutter kam aus Österreich nach Italien. Aber das muss nicht heißen, dass ich deshalb keine Italienerin bin.«

»Du bist Österreicherin?«, sagte er, und der blaue Glanz seiner Augen funkelte lebhaft. »Und dein Vater?«

»Er ist Italiener. Aber ich habe keinen Kontakt zu ihm.«

»Kannst du Deutsch?«

»Ja.«

»Dein Französisch ist aber sehr gut. Du musst ein Talent für Sprachen haben. Fährst du manchmal nach Österreich?«

»Ich war noch nie in Österreich.«

»Was? Habt ihr keine Verwandten in Österreich?«

»Nur wenige, in Wien. Mutter erzählte mir mal, dass sie sich mit ihnen zerstritten hat. Sag, was machst du eigentlich? Ich meine, wo arbeitest du?«

»Wir haben ein Restaurant.«

»Und wo?«

Er trank und erzählte, und sie hörte ihm aufmerksam zu. Doch kannte sie Monaco zu wenig, um sich an die Restaurants nahe dem Hafen Hercule zu erinnern, wusste keinen Straßennamen mehr.

Es war schon Mitternacht, als sie alle die Bar verließen. Marcelle nahm Alessandra um die Schultern, lobte ihr Französisch und sagte, es habe sich in der vergangenen Stunde hörbar verbessert. Pascal fragte wie nebenbei, ob sie sich an die vergangene Stunde tatsächlich noch erinnern könne. Hier würde man ganz sicher nicht verdursten, im Vergleich zu gewissen Restaurants in Monaco, gab Marcelle zurück, bevor sie sich Alessandra wieder zuwandte.

Kaum hatte Sibylle die Tür geöffnet, schon läutete ihr Handy. Sie sah, dass es Alessandra war, trat ins Geschäft, brachte das Handy ans Ohr und fragte:

»Schon aufgestanden?«

»Noch nicht.«

»Du weißt aber, es ist Nachmittag.«

»Ja«, sagte Alessandra, und Sibylle setzte sich. Eine Frau betrat das Geschäft, doch machte sie den Eindruck, als wollte sie sich nur umsehen.

»Du hast dein Französisch ganz schön auffrischen können«, sagte Sibylle.

»Die zwei waren so nett, sie haben so toll über Monaco erzählt«, sagte Alessandra, und während sie dann von Monaco schwärmte, verabschiedete die Frau sich. Sibylle schlug die Beine übereinander, drehte an einer ihrer Haarsträhnen. Da sagte Alessandra, dass es an der Tür läute, und die Verbindung brach ab. Sibylle entledigte sich ihrer Schuhe, streckte die Beine aus, und die Tür ging heftig auf. Junge Männer kamen herein, beide grinsten, grüßten lautstark, und der kleinere von ihnen sagte:

»Eine hübsche Frau und so einsam.«

Sibylle stieg in ihre Schuhe, stand auf und wies freundlich darauf hin, dass sie leider nur Damenbekleidung führten.

»Das ist genau das richtige Geschäft für uns«, sagte er.

»Wie hast du das jetzt gemeint?«, fragte der größere Mann, nahm ein Kleid und reichte es ihm mit den Worten, dieses würde ihm stehen. Wieder lachten sie, dann stellten sie sich mit dem Kleid vor den Spiegel, und der kleinere Mann fragte Sibylle, was sie als Expertin dazu sage. Nicht schlecht, antwortete sie. Er hängte das Kleid zurück und sagte, sie würden ein Geschenk für seine Schwester brauchen. Sibylle machte sich sofort auf die Suche, um weiteren Fragen zu entkommen, sprach schnell und ununterbrochen über die neuesten Modelle, um ihre Nervosität zu überspielen. Doch die Männer blickten misstrauisch, nahmen jedes Kleid mit sichtbarer Skepsis entgegen und legten es wieder ab. Und plötzlich äußerte der kleinere Mann den Wunsch, sie solle ihnen die Kleider vorführen.

»Da muss ich Sie enttäuschen«, sagte sie und wich zurück, denn schon machte er Anstalten, eines davon auf ihre Brust zu legen. Die Tür vom Geschäft öffnete sich, und Pascal trat herein. Sie begrüßte ihn freudig, ging auf ihn zu, und er fragte, wie es ihr gehe.

»Ich habe vor dem Einschlafen ein schlechtes Gewissen gehabt, weil wir so lange in der Bar waren und du heute ja arbeiten musst.«

»Das war eine schöne Nacht. Übrigens, Alessandra ist ganz begeistert von Sébastien und Marcelle.«

»Das freut mich. Die beiden haben schon ihr Programm, und mir ist es langweilig. Ich habe mir gedacht, dass es dir vielleicht auch langweilig ist, und dass wir am Abend zusammen essen könnten.«

»Ja«, sagte sie und spähte zu den Männern, die sich mit gedämpften Stimmen unterhielten. Der kleinere Mann legte das Kleid auf die anderen, und danach gingen sie beide hinaus.

»Wie ich sehe, haben die zwei dich beschäftigt«, bemerkte Pascal, den Blick auf die Kleider gerichtet, die auf dem Kassapult lagen. »Komm, ich helfe dir.«

Er hängte die ersten zwei Kleider auf und drehte sich wieder dem Kassapult zu, und sein Blick blieb auf dem weißen Kleid haften, das Sibylle getragen hatte, als er sie zum ersten Mal sah. Ob ihre Kunden nett seien, erkundigte er sich, nahm das Kleid und hängte es an den Anfang der Stange. Die meisten seien schon nett.