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RANKOV • ES GESCHAH AM ERSTEN SEPTEMBER

PAVOL RANKOV

Es geschah am ersten September
(oder ein andermal)

Historischer Roman aus den Jahren 1938 bis 1968

Aus dem Slowakischen von Ines Sebesta

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Die Herausgabe dieses Buches erfolgte mit freundlicher
Unterstützung der Stadt Wien, der Kommission SLOLIA und
des Literaturinformationszentrums Bratislava.

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A-9020 Klagenfurt/Celovec, 8.-Mai-Straße 12
Tel. + 43(0)463 370 36, Fax. + 43(0)463 370 36-90
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www.wieser-verlag.com

Titel der Originalausgabe: Stalo sa prvého septembra (alebo inokedy)

Copyright © dieser Ausgabe 2015 bei Wieser Verlag GmbH,
Klagenfurt/Celovec
Alle Rechte vorbehalten
ISBN 978-3-99047-018-3

Alle Figuren des Romans Es geschah am ersten September (oder ein andermal) sind erfunden. Erst haben sie zu der im Roman beschriebenen Zeit an den genannten Orten gelebt, und dann hat der Autor sie sich ausgedacht.

Alles ist erfunden. Nie gab es etwas, nie hat irgend jemand gelebt. Nicht einmal den ersten September hat es jemals gegeben.

Ich widme dieses Buch meinem Vater, seinen Freunden und dieser ganzen verlorenen Generation, die, wer weiß warum, alles am eigenen Leib erfahren musste.

Die handelnden Personen sind:

Peter (oder Péter), Jan (Ján, Honza, Honzik, János, Ian, Janiček, Janko, Janulinko), Gabriel (Gábor, Gabko, Gabo), Mária (Mara) und Katarínka (Katarína, Katka), sowie 49 historisch verbürgte Persönlichkeiten, die neben fremd Klingendem im angefügten Glossar erklärt werden. (Anm. d. Ü.)

Inhalt

Episode 1938

Episode 1939

Episode 1940

Episode 1941

Episode 1942

Episode 1943

Episode 1944

Episode 1945

Episode 1946

Episode 1947

Episode 1948

Episode 1949

Episode 1950

Episode 1951

Episode 1952

Episode 1953

Episode 1954

Episode 1955

Episode 1956

Episode 1957

Episode 1958

Episode 1959

Episode 1960

Episode 1961

Episode 1962

Episode 1963

Episode 1964

Episode 1965

Episode 1966

Episode 1967

Episode 1968

Glossar

Episode 1938

Ende der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts konnten sich nur wenige Kleinstädte in der Tschechoslowakischen Republik rühmen, ein eigenes Freibad zu besitzen. Levice gehörte dazu.

Der erste September 1938 war ein sonniger Tag, und deshalb waren so gut wie alle im Freibad – Erwachsene mit Kindern und ohne Kinder, Jugendliche und Alte, Leute aus Levice und den umliegenden Dörfern, Ungarn, Slowaken, Tschechen, Juden, Zigeuner, die Familie des Deutschen Barthel und der Bulgare Rankov. Demokraten waren hier, Liberale, Konservative, Monarchisten, Sozialisten, Nationalisten, Kommunisten und Faschisten. Nur der Anarchist Varga war gerade in Spanien.

Auch Peter, Honza und Gabriel fehlten im Freibad nicht. Die Augen wegen der stechenden Strahlen der Nachmittagssonne zukneifend, saßen sie auf der Betonmauer und ließen die Beine baumeln. Von Zeit zu Zeit spuckten sie den dicken Speichel aus, der sich in den ausgetrockneten Mündern sammelte. Sie freuten sich über die Freizeit am ersten Tag des neuen Schuljahres, an dem sie noch keine Hausaufgaben aufhatten, und sie bewunderten ihre Mitschülerin Mária Belajová. Die kleine Schönheit saß mit den Eltern und ihrem jüngeren Bruder Jurko nicht weit von ihnen entfernt.

Gewöhnlich trug das Mädchen das Haar zu einem dicken Pferdeschwanz gebunden, doch jetzt trocknete es in ungebändigten Strähnen an der Luft.

»Haare, wie aus einem Honigstrahl gegossen«, schwelgte Honza, dessen richtiger Name Ján war, und der, wie alle tschechischen Jungen dieses Namens meist Honza gerufen wurde. Honza las hin und wieder Liebesromane, die sich seine Schwester kaufte. Der letzte trug den Titel Herzensbeben. Peter und Gabriel waren schon daran gewöhnt, dass ihr Freund sich von Dichtern Vergleiche ausborgte, mit denen er Márias Schönheit beschrieb. Sie selbst hätten es so treffend nicht ausdrücken können.

Mária holte eine Pflaume aus der Tüte und legte sie sich mit ihren schlanken Fingern in den Mund.

»Sie hat wunderbare Lippen«, seufzte Gabriel.

»Dunkelrot sind sie … tiefrot«, suchte Honza nach dem richtigen Wort.

»Nicht rot, vörös«, widersprach Peter. Gabriel verstand was sein Freund meinte, obwohl sich Peter wie so oft der Sprache seiner ungarischen Vorfahren bedient hatte. Rubinfarben.

Während Mária kaute, spannte und lockerte sich die Haut ihres Gesichts. Dann holte sie tief Luft, schloss die Augen und spuckte gewandt den Kern aus. Er flog einen guten Meter und landete auf dem Scheitel ihres Bruders.

»Mara, du blöde Kuh!«, kreischte Jurko auf und warf mit dem Kern nach Mária.

Ohne den Kopf von ihrer Häkelarbeit zu heben, sagte Mutter Belajová ruhig:

»Aber Kinder, seid gut zueinander.«

»Sonst hau ich euch eins hinten drauf«, schob der Vater hinterher.

Peter, Honza und Gabriel waren verliebt. Und ihnen war klar, dass am Ende nur einer Mária kriegen würde.

»Wir können nicht gleichzeitig um sie kämpfen«, erläuterte Honza, »sie weiß, dass wir Freunde sind und denkt sonst sicher, wir veralbern sie.«

»Butaság!«, entgegnete Peter, dann wiederholte er es noch einmal auf Slowakisch: »Blödsinn! Woher willst du wissen, was sie denkt?!«

»Honza hat Recht«, grübelte Gabriel laut. »Wenn wir alle drei um sie herum scharwenzeln, wird sie sich in keinen verlieben. Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte, und wenn drei sich streiten, verlieren alle.«

»Dann lasst es uns doch wie in der Schule machen, dem Alphabet nach«, schlug Honza vor, »Bízek Ján, Rónai Peter, Rosenberg Gabriel. Als Erster habe ich ein Jahr Zeit, Mária zu erobern. Wenn ich es nicht schaffe, kommt Peter an die Reihe …«

»Nem, nem«, protestierte Peter, »kommt nicht in Frage, dass wir uns nach dem Alphabet richten. Wir müssen eine gerechte Methode finden, stimmt’s Gábor?!«

»Nenn mich nicht immer Gábor!«, rebellierte Gabriel gegen die ungarische Variante seines Namens. »Ich hab’s dir schon hundert Mal gesagt.«

»Entschuldigung!«, beschwichtigte ihn Peter.

»Versucht doch einfach mal einen Moment nicht an euch zu denken, sondern an sie«, kehrte Gabriel in ruhigem Ton zum Thema zurück, »ein junges Mädchen braucht einen gereiften Mann an seiner Seite …«

»Und das willst ausgerechnet du sein?!« Peters Stimme klang giftig.

»Ich bin der Älteste von uns«, stellte Gabriel sachlich fest, doch für Honza war das kein Argument.

»Ich bitte dich«, hielt er dagegen, »die paar Monate.«

»In ein paar Tagen werde ich dreizehn und habe Bar Mitzwa«, blieb Gabriel beharrlich, »ich bin dann mündig, also praktisch erwachsen.«

»Deine Bar Mitzwa ist nichts anderes als meine Firmung. Und die hatte ich schon vergangenes Frühjahr. Dir steht also erst noch bevor, was ich schon hinter mir habe«, echauffierte sich Peter. »Und? Wer ist nun mehr erwachsen, ha?«

»Also meine Herren«, Honza machte eine kurze Pause und lächelte die Freunde überlegen an. Dann fuhr er fort, sich wie gewöhnlich einer Mischung aus Tschechisch und Slowakisch bedienend: »erwachsen ist derjenige, kdo může súložit’, versteht ihr, also einer, der begatten kann wie ein echter Kerl. Ich hatte ganz vergessen, euch zu erzählen, dass es mir nachts schon gekommen ist. Als ich in den Ferien bei meiner Oma in Brno war. Zwei Mal schon.«

Gabriel und Peter starrten Honza mit aufgerissenen Augen an.

»Wie ist es?«, fragte Gabriel und schluckte laut.

Honza suchte kurz nach den passenden Worten aus den schwesterlichen Romanheften:

»Engelsgleich und teuflisch. Macht euch darauf gefasst, dass ihr durch den Himmel und die Hölle gleichzeitig gehen werdet. Euch wird schwindelig … Vor euren Augen werden sich bunte Regenbögen aufspannen.«

Gabriel und Peter nickten andächtig.

Honza schwieg einen Moment. Er ließ noch einmal wonnevoll Revue passieren, was er im Traum erlebt hatte.

»So ein Organismus ist etwas Phantastisches«, schloss er.

»Organismus?«, prustete Peter los. »Das heißt Orgasmus, du Trottel.«

»Genau! Du kannst es ja noch nicht mal aussprechen«, pflichtete Gabriel dem Freund bei, »wir werden das sicher auch bald kriegen.«

»Vielleicht aber auch nicht, vielleicht seid ihr ja impotent«, blieb Honza hartnäckig.

»Ich bin nicht impotent, ich habe schon Haare«, rief Gabriel.

»Ich bin auch nicht impotent«, brauste Peter auf.

»Bis jetzt seid ihr impotente Kinder«, konstatierte Honza. »Bei Mária werde ich anfangen. Und wenn es mir nicht gelingt, dann kriegt als Nächster derjenige von euch eine Chance, der schon Spermien hat.«

»Ist doch Mist«, widersprach Peter. »Das hängt nämlich nicht von den Spermien ab, sondern von …«

»Von der Liebe«, kam ihm Gabriel zu Hilfe. »Guck dir Mária doch mal an, vielleicht hat sie ja auch noch keine Frauenblutungen. Ihre Brüste fangen ja gerade an zu wachsen.«

»Aber sie hat mächtig schöne Brustwarzen«, seufzte Honza.

»Die hast du doch noch gar nicht gesehen!«, wetterte Peter los.

»Aber geträumt hab ich von ihnen. Und genau dabei ist es mir gekommen«, erläuterte Honza. »Deshalb weiß ich im Gegensatz zu euch, was das für ein Gefühl ist, mit Mária zu schlafen.«

»Einen Scheiß weißt du, du bist das nur geträumt«, brauste Peter auf.

»Du hast! Du hast das nur geträumt«, verbesserte Honza das Slowakisch seines ungarischstämmigen Freundes.

»Ich könnte mir ja auch ausdenken, ich hätte geträumt wie ich Mária küsse und ausziehe. Und ich könnte hier und jetzt genauso behaupten, dass ich Spermien in den Eiern hab. Was für ein Orgasmus, engelsgleich, teuflisch, Himmel, Hölle …«, ahmte Gabriel den schwärmerischen Tonfall des Freundes nach.

»Ihr seid neidisch«, bemerkte Honza trocken.

»Und du machst uns möglicherweise etwas vor«, hielt Peter dagegen.

»Jungs, lasst das jetzt mal beiseite.« Gabriels Stimme klang entschlossen. »Dann werden wir eben durch einen Wettbewerb entscheiden, wer bei Mária beginnt. Es muss etwas sein, wobei nicht von vornherein klar ist, wer gewinnt. Um die Wette zu laufen wäre beispielsweise sinnlos, denn wir wissen alle, dass Peter der Schnellste ist. Auf’s Fußballtor schießen geht auch nicht, denn dabei gewinnt fast immer Honza.«

»Du willst also, dass es etwas ist, bei dem du gewinnst, richtig?« Honza lachte laut.

»Nein, ich will etwas, worin wir uns noch nie gemessen haben, damit völlig offen ist, wie es ausgeht.«

»In der Schule gab es Hochsprung und Weitsprung«, sagte Peter.

»Und in Beidem warst du der Beste«, ergänzte Honza.

»Lasst es uns schlau anstellen. Wir müssen etwas finden, wo gleich klar ist, wer gewonnen hat«, überlegte Gabriel.

»Und was ist mit Sprüngen ins Schwimmbecken?« Honza sah die Freunde fragend an.

»Wie willst du denn im Wasser die Weite messen?!« Peter schüttelte den Kopf.

»Und Schwimmen?«, fragte Gabriel zurück.

»Schwimmen ist keine schlechte Idee«, fand Honza. »Wir sind noch nie gegeneinander geschwommen, und ich schätze, wir werden etwa gleich schnell sein. Wir brauchen dafür nicht mal eine Stoppuhr. Wir springen zusammen rein wie bei der Olympiade, und derjenige, der das Startsignal gibt, passt auf, wer als Erster auf der anderen Seite des Beckens anschlägt. Was meinst du dazu, Peter?«

»Jól van«, erklärte sich Peter einverstanden.

»Aber wer soll dieser Kampfrichter sein?« Honza sah die Freunde unschlüssig an.

»Mária!«, rief Gabriel.

Als Mária ihre drei Mitschüler auf ihre Decke zukommen sah, wurde sie rot. Sie wechselte kein Wort mit ihnen, dafür bot Herr Belaj sich an, als Kampfrichter zu fungieren, wodurch der Wettbewerb sofort an Bedeutung gewann. Nur dass der Kampfrichter nicht im Geringsten ahnte, dass im Schwimmbecken möglicherweise gleich über die Zukunft seiner Tochter entschieden wird.

»Jungs, könnt ihr mal kurz mit dem Springen aufhören. Die drei hier wollen um die Wette schwimmen«, wandte sich Márias Vater an ein paar Zigeunerkinder, die die eine Seite des Beckens in Beschlag genommen hatten.

»He Honza, ihr wollt um die Wette schwimmen? Ich mache mit«, rief der älteste der Zigeunerjungen. Kurz darauf stand Árpi Fizik bereits in Startpositur.

»Du darfst nicht mitmachen!«, entgegnete Honza. »Bist ja heute nicht mal in der Schule gewesen! Gleich den ersten Tag hast du geschwänzt …«

Vor zwei Jahren hatten sie in den Ruinen der Levicer Burg erbittert gegeneinander gekämpft. Gabriel und Peter war es damals gelungen, Árpi Fizik und ein paar andere Zigeunerjungen zu überreden, die Untertanen des Sultans zu mimen, und so konnten sie dank der Zigeunerkinder die große Schlacht von 1664 nachspielen, in der die Türken bei Levice geschlagen wurden. Peter war der legendäre Held Koharý István, doch im Gegensatz zur Originalschlacht starb er dabei nicht den Heldentod. Honza, der zwar ohne historisch bedeutungsvollen Namen, aber dennoch sehr tapfer an seiner Seite kämpfte, wurde im Eifer des Gefechts von Árpis Stock an der linken Wade verletzt. Árpi hatte ihn nicht absichtlich getroffen, schließlich war abgemacht, nur zum Schein zu fechten, doch Honza hatte das Bein noch einen Monat weh getan. Seitdem konnte er Árpi nicht mehr leiden.

»Wir tragen den Wettkampf unter uns aus, Árpi kann ja einfach so nebenher schwimmen«, kam Gabriel dem Zigeunerjungen zu Hilfe.

»Und was ist, wenn er gewinnt?«, raunte Honza.

»Natürlich nichts. Entscheidend ist, wer von uns Dreien Erster wird«, entgegnete Peter.

»Wie soll ich euch starten?«, fragte Márias Vater.

»Sie sagen: Auf die Plätze, fertig, los!«, erläuterte Honza.

»Gut, dann lasst uns anfangen.«

Alle drei sahen gespannt zu Herrn Belaj hinüber.

»Auf die Plätze. Fertig. Los!«

Sie sprangen ins Wasser und schwammen los. Ihr Stil erinnerte an Kraul, doch ihre Köpfe ragten über das Wasser hinaus. Die Armzüge waren kurz und flach, die Beine schleppten sich kraftlos hinter dem wogenden Körper her. Die Levicer nannten diesen Stil Kutyakölyök, Hundepaddeln.

Gabriel hatte sich im Stillen gewundert, dass seine Kameraden zu dem Wettschwimmen angetreten waren. Er hielt sich für den viel besseren Schwimmer und ihn überraschte, dass die anderen sich dessen nicht bewusst waren. Doch nachdem sie ins Becken gesprungen waren, schien plötzlich alles anders. Das Wasser leistete ihm Widerstand wie nie zuvor. Jetzt, am späten Nachmittag, war es von der Sonne aufgeheizt, und ihm war, als schwimme er durch eine immer dicker werdende Suppe. Dennoch lag er nach der Hälfte der Strecke in Führung. Honza und Peter schwammen links von ihm und wenn er zu dieser Seite schaute, sah er weder eine Bewegung noch aufgewühltes Wasser. Rechts schräg vor ihm schaukelte der dunkle Schopf von Árpi Fizik hin und her. Er wurde nicht nur von seinen Brüdern und Schwestern leidenschaftlich angefeuert, sondern auch von seinen Cousins aus Slatina.

Bei einem kräftigen Armzug geschah es plötzlich: Unter Gabriels Arm spritzte ein dicker Wasserstrahl auf. Große Tropfen schossen ihm in die Augen und in den offenen Mund. Er atmete sie ein. Obwohl er sich befahl, weiter zu schwimmen, ging es zwei, drei Armzüge später nicht mehr, er musste husten, doch anstatt wieder herauszukommen, drang ihm das inhalierte Wasser dabei noch tiefer in die Lunge. Das andere Ende des Beckens war nicht mehr weit. Vor Gabriel lagen nur noch etwa sieben Meter, vor seinen Freunden zwei mehr.

Gabriel spürte, dass ihm der Sauerstoff knapp wurde. Wie rasend ruderte er mit den Armen, doch anstatt schneller zu werden, verschluckt er sich noch einmal. Der Brustkorb wurde ihm schwer, das Wasser darin zog ihn unbarmherzig nach unten. Seine Brust schmerzte, als würde ihm gleich die Lunge explodieren. Der Druck breitete sich im ganzen Körper aus. Er presst ihm die Augen aus den Höhlen und drückte von innen gegen seine Trommelfelle, die plötzlich deutlich das Siegesgeheul der Zigeunerkinder wahrnahmen. Árpi hatte das Ziel erreicht. Und Gabriel versank. Der Raum unter ihm war endlos. Ihm fiel ein, dass er beten könnte, doch vom ganzen Gebet waren nur noch zwei Worte da: Gott hilf!

Die kräftige Hand Herrn Belajs, die ihn bei den Haaren packte und hochzog, spürte er schon nicht mehr.

Das Erste, was Gabriel sah, waren seine auf dem grauen Beton neben dem Schwimmbecken hingestreckten, kraftlosen Beine. Sein Körper und der Kopf lagen etwas höher. Ein kantiges Männerknie drückte sich in seinen Bauch. Er japste wie ein Hund, dann begann er zu spucken.

»Na endlich«, hörte er irgendwo über sich die Stimme von Márias Vater.

Frau Belajová wickelte ihn in eine Decke, doch er fror noch immer jämmerlich. Seine Lippen waren blau und die Zähne klapperten ununterbrochen.

Um sie herum stand ein Haufen Leute. Sie gaben die verschiedensten Ratschläge und beschrieben sich gegenseitig den Hergang des Geschehens. Mária starrte Gabriel bestürzt an. Peter und Honza schauten drein, als sei das alles ihrer beider Schuld.

Gabriel schämte sich dermaßen, dass er es kaum fertig brachte, Herrn Belaj seinen Dank auszusprechen. Es war zwar nicht klar, wer das Wettschwimmen gewonnen hatte, doch er hatte in jedem Fall verloren, und zwar auf der ganzen Linie. Und absolut alle hatten es gesehen, auch Mária.

Die Jungen zogen sich schweigend an und machten sich auf den Heimweg. Es schien, als habe sich die Nachricht von dem Vorfall im Schwimmbad bereits in ganz Levice herumgesprochen. Gabriel spürte die neugierigen Blicke der Passanten. Eine Frau sagte irgend etwas zu ihrem Kind und zeigte dabei in seine Richtung.

Gabriel verabschiedete sich von Peter und Honza. Als er in Richtung Štefánik Platz einbog, sah er den Rabbiner auf sich zukommen. Noch ehe Gabriel ihn grüßen konnte, sagte er:

»Gabriel, stimmt es, dass du beinah ertrunken wärst?! Nun, du siehst auch nicht gut aus. Es ist zu merken, dass du eben um dein Leben gekämpft hast. Wenn du nach Hause kommst, leg dich gleich hin. Iss nichts, schlaf dich dafür ordentlich aus.«

»Ja«, antwortete Gabriel folgsam und wandte sich zum Gehen.

»Warte, ich möchte dich etwas fragen«, hielt ihn der Rabbiner zurück. »Dich hat heute der Tod gestreift. Hast du in diesem Moment an Gott gedacht?«

»Ja.«

»Vergiss ihn auch dann nicht, wenn du den Hauch des Todes nicht mehr spürst. Gott hat dir heute das Leben geschenkt, doch vergiss nicht, dass er immer da ist und wir alle Sterbende sind, die ihn brauchen.«

Gabriel nickte verwirrt, dann schleppte er sich nach Hause. Als er schon den Schlüssel in der Hand hatte, sah er, dass jemand mit einem Messer die ungarischen Worte Mindent vissza in ihre Tür geritzt hatte. Das war sicher Gyula Harsányi aus dem Erdgeschoss. In letzter Zeit hatte er diese Worte mit Kreide an alle Türen des Kalvin Hofs geschmiert, außer seiner eigenen. Jetzt hatte er sie also mit dem Messer geritzt. Gabriel fiel auf, dass er Gyula schon lange nicht mehr verprügelt hatte. Obwohl, neuerdings wurde alles Mögliche über die Harsányis und die Leute erzählt, die sich bei ihnen trafen. Es war wohl besser, sich mit solchen nicht anzulegen.

Episode 1939

Es donnerte. Zwei halbwüchsige Jungen flüchteten vor dem Regen unter das schmale Vordach eines kleinen Ladens auf dem Levicer Marktplatz. Es waren Peter und Gabriel, genauer gesagt zu jener Zeit bereits Péter und Gábor, denn Levice gehörte seit vergangenem Herbst zu Ungarn. Letztendlich hatte auch die Stadt selbst einen ungarischen Namen erhalten. Sie hieß jetzt Léva.

»Komm schon, hol ihn endlich raus«, drängte Gábor den Freund.

»Und was mache ich gerade?«, entgegnete Péter ungehalten, während er einen mehrfach gefalteten zerknitterten Umschlag aus seiner Hosentasche zog. Er entnahm ihm einen Brief, doch bevor er ihn auseinander faltete, sah er sich noch einmal nach allen Seiten um. Der Marktplatz war an diesem Tag ungewöhnlich menschenleer.

»Wovor hast du Angst? Wir haben diesen Brief doch aus dem Reich erhalten«, grinste Gábor.

Liebe Levicer Freunde,

ich habe euch schon zwei Mal geschrieben aber keine Antwort erhalten. Vielleicht ist meine Post ja verlorengegangen, vielleicht eure. Doch bei diesem Brief glaube ich, dass er euch erreichen wird. Es dürfte keine Probleme mehr mit der Post geben, wo Ungarn und das Deutsche Reich, zu dem ja auch unser Reichsprotektorat Böhmen und Mähren gehört, jetzt befreundet sind.

Wir wohnen inzwischen in Brno, das heißt zu Deutsch Brünn. Es ist eine große Stadt. Levice ist im Vergleich dazu ein echtes Dorf. In Brünn gibt es hohe Häuser, es fahren Busse und Straßenbahnen. Bisher habe ich hier noch keine guten Freunde gefunden und mir ist jetzt in den Ferien langweilig. Mutter und Vater wollen mich noch nicht nach unten lassen. Sie haben Angst. Aber die meisten meiner Mitschüler scheinen ganz in Ordnung zu sein. Wenn das Schuljahr beginnt, werde ich mich sicher mit einigen von ihnen anfreunden. Einer meiner Klassenkameraden stammt übrigens auch aus der Slowakei. Manchmal rede ich mit ihm Slowakisch, dann gucken die anderen nur. Zum Ungarisch Reden habe ich niemanden, nur meine Schwester Jitka. Ihr könnt euch doch noch an sie erinnern, stimmt’s?

Ich habe auch eine schlechte Nachricht, meine Großmutter ist sehr krank.

Der erste September rückt näher, und ich muss an unseren missglückten Wettbewerb vom letzten Jahr denken. Danach ist noch vieles Andere missglückt. Obwohl Gabriel beinah ertrunken wäre, finde ich, dass er der wahre Sieger war. Mária war ihm wichtiger als das eigene Leben. Er hätte es verdient, Mária als Erster den Hof zu machen.

Ich schreibe an Peters Adresse, weil er ein reiner Ungar ist, aber gerichtet ist dieser Brief an euch beide. Haltet zusammen, komme was wolle. Ich werde euch mal besuchen kommen. Vielleicht ziehen wir ja auch irgendwann nach Levice zurück. Doch die Hauptsache ist, dass ihr Niemandem erlaubt, sich an Mária ranzumachen. Sie gehört uns. Ob nun einem von euch, oder möglicherweise mir. Kein Anderer hat sich ihr zu nähern.

Schickt mir ein Foto von Mária. Schreibt mir viel über euch und sie.

Es grüßt euch euer Freund, der schon mit dem kouřeni (Rauchen) angefangen hat.

Hans Bízek

Péter wartete, bis Gábor den Blick vom Brief hob, dann faltete er ihn wieder zusammen und steckte ihn zurück in die Tasche. Schweigend gingen die Jungen über den leeren Platz. Sie bogen in eine der entvölkerten Seitenstraßen ein.

Die Tropfen wurden größer, doch sie achteten nicht darauf.

Als Ungarn im vergangenen Herbst gemäß dem Wiener Schiedsspruch die Südgebiete der Tschechoslowakei zugesprochen bekam, beschloss Regent Horthy die zurück gewonnenen Gegenden zu besuchen. Ursprünglich hatte er nur der größten Stadt Kassa einen Besuch abstatten wollen, doch als sich diese Neuigkeit herum sprach, bat das Volk so flehentlich und nachdrücklich darum, seinen führenden Kopf zu sehen, dass sich der Admiral umstimmen ließ und in diesen phantastischen Tagen alle besuchte, die ihn zu sehen wünschten.

Am nachdrücklichsten hatten die Bürger der Stadt Léva den Wunsch geäußert, den Regenten zu grüßen, und so reiste er gleich am ersten Tag dort hin.

Der ehemalige Štefánik Platz, der bisher noch keinen neuen ungarischen Namen erhalten hatte, war geschmückt wie nie zuvor. Die Štefánik Statue hatte man mit mehreren ungarischen Fahnen verhüllt, damit sie nicht zu erkennen war.

Die Schaufenster der jüdischen Geschäfte, die wenige Stunden zuvor von Männern des ungarischen Freikorps und anderen Patrioten eingeschlagen worden waren, hatte man mit Brettern vernagelt und die wiederum waren mit dem Konterfei Horthys, dem ungarischen Staatswappen und mit Portraits des ersten ungarischen Königs, Stephan des Heiligen, beklebt. Im Jubiläumsjahr 1938 hatte ganz Europa gemeinsam mit Ungarn dessen 900en Todestag begangen. In den Mauerlöchern, in denen sich noch gestern die Halterungen für das tschechoslowakische Staatswappen und slowakische Schrifttafeln befunden hatten, steckten jetzt Blumensträuße.

Wein und Schnaps floss nicht nur in Strömen, sondern auch umsonst. An die Kinder wurden Bonbons und Oblaten verteilt. Die neuen Machthaber hatten beschlossen, für diesen würdevollen Anlass die gesamten Bestände der Freund’schen Gastwirtschaft und des Tauber’schen Süßwarenladens, in dem auch Gábors Mutter, Frau Rosenbergová, arbeitete, einzusetzen.

An der Westseite des Platzes spielte eine Militärkapelle, die aufgrund einer administrativen Fehlplanung vorerst als einzige Abordnung der Streitkräfte der neuen Macht in die Stadt eingezogen war.

Als es gegen Mittag zu nieseln begann, verboten die neuen Machthaber in aller Eile den Regen und wiesen per Dekret Sonnenschein an.

Horthys Ankunft war für drei Uhr nachmittags geplant. Und genau in jenem Moment, als die Turmuhr die volle Stunde zu schlagen begann, wurde die Sonne plötzlich von einem großen Schatten verdunkelt.

Es war der legendäre Vogel Turul, der in seinen Klauen das schneeweiße Pferd des Regenten brachte. Graziös mit seinen Schwingen schlagend, schwebte er über der riesigen Menschenmenge und setzte kurz darauf das Pferd mitten auf dem Marktplatz ab. Die größten Patrioten hatten hier anstelle ihrer Mäntel ein paar von den im Laden der Linkovs beschlagnahmten Teppiche ausgelegt. In Windeseile bildete sich ein dichtes Spalier, dann trat eine majestätische Stille ein.

Plötzlich wurde die Sonne abermals verdunkelt. Ein zweiter Turul brachte Horthy Miklós. Er trug den Admiral zu seinem Pferd, verharrte einen Moment darüber und ließ ihn dann dermaßen genau fallen, dass er mit einer kurzen Grätsche geradewegs in den Sattel glitt. Für einen Augenblick verzog sich Horthys Gesicht vor Schmerz.

Die Kapelle begann einen feierlichen Marsch zu spielen und das Pferd schritt graziös die sich durch die Menschenmenge bildende Gasse ab. Frauen warfen Blumen vor seine Hufe und oben maß, den Säbel fest in der Hand haltend, Reichsverweser Horthy die Menschen mit flammendem Blick. Er sah ihre Begeisterung und ihre Ängste, ihre Neugier und ihre Trauer sowie ihre Liebe zu ihrer Ur-Heimat, die gleichzeitig ihre neue Heimat war. Als der Admiral in der Mitte des Spaliers angekommen war, zog er an den Zügeln und brachte das Pferd zum Stehen, um eine kurze Rede zu halten:

»Ungarische Männer, ungarische Frauen, ungarische Jugend und ungarische Kinder! Ich begrüße euch im Volksstaat der Ungarn. Das ungarische Vaterland hat euch errettet und euch die Rückkehr zu dem Volk ermöglicht, aus dem ihr hervorgegangen seid.«

»Es lebe Ungarn!«, rief jemand.

»Es lebe Ungarn!«, wiederholte Horthy.

»Es lebe Ungarn!«, rief die Menge.

»Es lebe der Reichsverweser Horthy Miklós!«, rief ein anderer.

»Es lebe der Reichsverweser Horthy Miklós!«, wiederholte Horthy.

»Es lebe der Reichsverweser Horthy Miklós!«, rief die Menge.

»Es lebe Szálasi Ferenc!«, rief ein Dritter.

»Es lebe der Reichsverweser Horthy Miklós!«, wiederholte Horthy.

»Es lebe Szálasi, der Führer!«, rief die Menge.

Horthy brach genauso majestätisch auf, wie er gekommen war. Unvermittelt stieg vom klaren Himmel der erste Turullus pannonicus herab und griff sich mit seinen Fängen den Regenten, welcher seinem Volk noch ein letztes Mal zuwinkte. Dann packte der zweite Vogel das Pferd.

»Schade, dass er nur so kurz bei uns weilte«, seufzte eine der Frauen.

»Vor ihm liegt noch ein weiter Weg. Bis er in Nagysurány angekommen ist, wird Weihnachten sein«, mutmaßte der neben ihr stehende Junge.

Kurz darauf sah das versammelte Volk nur noch zwei schwindende Punkte am Himmel. Die Menschen schauten ihnen nach und allmählich, vielleicht auch aufgrund des Alkohols und des ausgelassenen Treibens, vernebelten sich ihre Gemüter, und in ihren Köpfen wurde die Erinnerung an den ruhmreichen Horthy-Besuch von anderen, viel unglaublicheren Erlebnissen überschattet. Später sollten sogar viele beteuern, der Admiral sei nie in der Stadt gewesen. Dieser Irrtum herrscht auch heute noch in der offiziellen Geschichtsschreibung vor.

Herr Bízek nahm an den Feierlichkeiten nicht teil. Vom Fenster seines Büros aus sah er dem Treiben auf dem Marktplatz zu. Er spitzte Bleistifte an und verglich Unterlagen. Er wusste, dass auch der ungarische Staat einen Leiter des Postamtes brauchen wird, und er hoffte, nach der Flucht des ehemaligen Leiters Pecháček genau diesen Posten einzunehmen. Bei einem guten Beamten, der die Anweisungen der Vorgesetzten stets befolgte, war die Nationalität schließlich nicht wichtig. Zwar hatten die tschechoslowakischen Behörden ihn nach seiner Ankunft in dieser Stadt vor zwanzig Jahren nur dank der passenden Nationalität und seiner guten Kenntnis der Amtssprache eingestellt, doch er hatte seitdem schließlich oft genug seine Qualitäten unter Beweis gestellt. Die ungarischen Behörden würden ihn sicher auf der Post belassen.

Nach Pecháčeks Flucht war Herr Bízek der am höchsten qualifizierte Mitarbeiter des Postamts. Und er erfüllte seine Pflichten. Ungeachtet der Feierlichkeiten musste die Post geöffnet bleiben, und Bízek und sein einziger Unterstellter hatten am Schalter zu sitzen, obwohl kein einziger Kunde kam. Und selbst wenn einer gekommen wäre, hätten sie noch keine ungarischen Briefmarken gehabt, die Telefonverbindung war auch unterbrochen.

Am Nachmittag begannen sich die Dinge dann anders zu entwickeln, als Herr Bízek erwartet hatte. Die Vergnügungen wurden wahrhaft volkstümlich und die Menschen zu Tieren. Bereits gegen halb vier begannen Banden betrunkener Jugendlicher von Süden her die Levicer Straßen zu durchkämmen. Sie suchten nach Tschechen. Irgend jemand hatte sich dabei auch an den Leiter der Post, Pecháček, erinnert.

Eine Gruppe von etwa zehn Männern wollte die Tür der Post aufbrechen, doch sie war ja schon offen, es war schließlich Werktag.

»Wo ist Pecháček?«, brüllte der Chef der Bande.

»In der Tschechoslowakei«, antwortete der Postangestellte hinter dem Schalter erschrocken.

»Wo?« Der Eindringling kam näher.

»Der da ist Tscheche!«, schrie der Mitarbeiter plötzlich und zeigte dabei auf ihn. »Bízek heißt er. Bízek! Bízek!«

Obwohl Herr Bízek im Vorfeld die historische Entwicklung nicht richtig eingeschätzt hatte, handelte er jetzt überraschend schnell. Er öffnete flink das Fenster und das äußere Gitter und sprang auf den Marktplatz hinaus. Noch während des Sprunges, den er nebenbei bemerkt hervorragend meisterte, riss er sich die Ärmelschoner herunter, kurz darauf war er in der feiernden Menge verschwunden. Einer der jungen Männer wollte ihn verfolgen, doch er verrenkte sich beim Hinausspringen die Schulter. Später behauptete er, diese Verletzung beim Kampf mit der tschechischen Armee erlitten zu haben, wofür er eine Auszeichnung erhielt. Der Postangestellte, der auf Jáns, beziehungsweise János’s Vater aufmerksam gemacht hatte, wurde bald darauf Leiter des Postamtes, denn bei der Übernahme der Post aus tschechischer Hand hatte er nicht nur Wachsamkeit und Mut bewiesen, sondern auch ungarische Vaterlandsliebe.

Péter, János und Gábor waren gerade dabei, die Flasche Barack Pálinka niederzumachen, die Peters älterer Bruder Karcsi ihnen gegeben hatte. Karcsi hatte den ungarischen Aprikosenschnaps von seinen neuen Freunden erhalten, die am Morgen von Süden her in die Stadt eingezogen waren.

»He, da ist ja Mária«, rief János beschwipst und zeigte in Richtung von Denk’s Kaffeehaus.

»Da ist ja auch Herr Belaj, mein … sozusagen … Retter«, ergänzte Gábor, dessen Stimme bereits den Dienst zu versagen begann.

»Los, kommt jetzt«, gab Péter, bei dem der Alkohol am wenigsten Wirkung zeigte, energisch das Zeichen zum Aufbruch.

Die Jungen wankten durch die feiernde Menge. Sie rempelten Leute an und Leute rempelten sie an.

»Was macht ihr denn hier?«, fragte Herr Belaj entsetzt, als er sie vor sich erblickte.

»Wir vergnügen uns«, antwortete János.

»Wir feiern«, fügte Gábor hinzu.

»Das ist nicht zu übersehen«, kicherte Mária.

»Honza, du bist doch Tscheche, du hast nichts zu feiern. Und du Gabriel bist Jude. Hast du das vergessen?« Herr Belaj schüttelte fassungslos den Kopf.

»Aber Herr Belaj«, begann Péter zu protestieren, »heut’ gibt’s doch alles umsonst. Es ist wie im Kommunismus. Gerade Ihnen muss das doch gefallen.«

»Das soll Kommunismus sein?«, rief Belaj, »heute erlebt Levice den ersten Tag des Faschismus. Frag deinen Vater, er ist ein alter Sozialdemokrat, er wird dir alles erklären. Wenn sie mit uns eine Volksfront gebildet hätten, wäre womöglich alles anders gekommen. In Spanien und auch hier.«

Belaj sah sich entrüstet auf dem Marktplatz um.

»Komm Mária, wir haben hier nichts mehr verloren«, schloss er und wandte sich zum Gehen.

»Kann Mária denn nicht hier bleiben?«, bat János.

»Mit uns … nachher ist noch Tanz«, näselte Gábor. Er versuchte einen Polkaschritt, doch er stieß dabei an Péter und drohte umzufallen. Zum Glück fingen ihn seine Freunde auf.

»Mit euch?«, lachte Mária, »ihr seid doch voll wie die Haubitzen.« Dann rannte sie dem Vater hinterher.

Die Jungen sahen dem davonlaufenden Mädchen nach. Der blonde Zopf sprang von einer Schulter zur anderen. Aus dem Rock schauten schlanke Wanden hervor und darin wölbte sich ein reizender Po.

»Ich liebe sie«, seufzte János.

»Ich noch mehr«, seufzte Gábor.

»Aber ihr Vater geht mir auf die Nerven«, erklärte Péter.

»Ist halt ein buta toth«, winkte Gábor ab.

»Ist halt ein buta kommunista«, imitierte János die Geste des Freundes, während er die von Ungarn gern benutzte Bemerkung vom dummen Slowaken auf die Kommunisten ummünzte.

Die Militärkapelle begann einen schneidigen Marsch zu spielen, der kurz darauf von einem Csárdás abgelöst wurde.

Nur durch Zufall entdeckte Herr Bízek seinen Sohn auf dem überfüllten Platz. Er schob sich mühsam durch tanzende Pärchen und an wankenden Betrunkenen vorbei an ihn heran. Kaum hatte er den Sohn erreicht, packte er ihn am Ärmel.

»Mindent vissza, Vater!«, schrie János.

Herr Bízek versetzte seinem Sohn eine gehörige Ohrfeige, womit er den Alkoholspiegel in dessen Blut augenblicklich um wenigstens eine Viertelpromille senkte.

»Wir müssen schnell zu Mutter und Jitka, sie wollen uns umbringen«, wies er den Sohn auf Tschechisch an.

János’s Vater scheuchte seine Familie mit zwei Koffern, in denen die wertvollsten Habseligkeiten der Familie steckten, zum Levicer Bahnhof obwohl ihm niemand gesagt hatte, dorthin zu gehen. Eher das Gegenteil war der Fall gewesen, denn am Morgen hatten ihm Leute erzählt, dass die Fahrpläne ungültig waren und keine Züge fuhren, da keine mehr da waren.

Auf dem Bahnsteig trafen sie auf etwa zehn weitere tschechische und slowakische Familien, die ebenfalls schnellstmöglich die neue, noch löchrige Grenze überwinden mussten und nervös von einem Bein aufs andere traten. Auch der Lehrer Koutun fehlte nicht, den ehemalige Schüler hatten lynchen wollen, die von ihm regelmäßig mit dem Rohrstock gezüchtigt worden waren. Am Ende des Bahnsteigs schmiegten sich der Fleischerlehrling Bela und seine Freundin Ildikó aneinander. Sie glaubten fest daran, dass es ihnen im allgemeinen Durcheinander gelingen wird, die Behörden auf der anderen Seite der Grenze zu überzeugen, dass auch sie Slowaken waren und in der Tschechoslowakei leben müssen. Das war die einzige Chance, zusammenzubleiben und sich des untersetzten Fleischers und Ildikós rechtmäßigen Ehemannes, Herrn Horvaths, zu entledigen.

»Eine romantische Liebe, so etwas würde ich auch gern mal erleben«, flüsterte Jitka Bízeková, dann saugte sie weiter verträumt an ihren roten Haaren. Ihr Bruder wieherte nur betrunken auf.

Plötzlich ertönte ein Pfiff und auf den Schienen erschien eine Draisine mit Hänger.

»Das Gepäck in den Hänger, die Leute in die Draisine«, befahl der Bahnhofsvorsteher Masaryk.

Der Fahrdienstleiter Štefánik blies in seine Pfeife und stieg selbst auf.

Seitdem hatten Péter und Gábor keine Nachricht von Honza erhalten. Die Leute erzählten, die Familie habe sich eine Zeit lang in Bratislava aufgehalten, jedoch hätten die Ludaken sie im März 1939 von dort vertrieben. Damit hatte sich Honzas Spur verloren. Erst an diesem regnerischen ersten Septembertag war nun ein Brief von ihm eingetroffen.

»Wahre Freundschaft übersteht so etwas«, sagte Gábor entschieden.

»Und wenn noch ein Jahr vergeht, ehe wir uns wieder sehen«, bekräftigte Péter, »Mária muss warten.«

Die Jungs lachten kurz auf.

»Dieser Regen ist so heftig, da können wir das Wettschwimmen ja gleich hier auf der Straße veranstalten«, rief Peter und begann Schwimmbewegungen zu machen.

»He, warte auf mich«, lachte Gábor und deutete mit den Armen einen Kopfsprung an.

Sie kreischten und schwammen im Platzregen umher.

Ganz in der Nähe ging ein Fenster auf. Im Rahmen erschien der graue Kopf einer alten Frau.

»Lausebengel, elende«, rief die Frau mit heiserer Stimme, »schert euch sofort heim, es ist Krieg. Hitler hat Polen angegriffen.«

Episode 1940

Im Jahr 1940 verabschiedete sich die Stadt Léva vom Sommer geradezu pompös. Am Sonntag, dem ersten September, wurde auf dem Markt das berühmte Stück János der Held nach Petöfis gereimtem Märchen aufgeführt. Hunderte Menschen waren aus der ganzen Umgebung herbeigeströmt, um es anzuschauen. Die Veranstalter hatten Mühe, die Schaulustigen von der Fläche fernzuhalten, auf der die historische Begebenheit nachgespielt wurde.

Péter und Gábor waren nicht auf dem Markt. Sie verfolgten die gesamte Aufführung von einem der Fenster des Kálvin Hauses aus, in dem die Rosenbergs wohnten. Von hier hatten sie einen hervorragenden Blick auf die unten in historischen Kostümen zu Pferde herumjagenden Schauspieler, die alten Waffen und das Orchester, das die Aufführung begleitete.

Als das Stück zu Ende war, brandeten begeisterte Ovationen auf.

»Und der König unverzagt an der Gänsekeule nagt« schrie Gábor einen Satz des jungen Schauspielers, der sich ihm eingeprägt hatte. Mehrere Leute auf dem Platz drehten sich lachend zu ihrem Fenster um. Die Jungen winkten ihnen zu. Doch dann sah Péter unter der Laterne neben dem Haus seinen Bruder mit Freunden stehen. Sie hatten sich um die Schultern gefasst und grölten irgend etwas, doch es ging im allgemeinen Lärm und dem verklingenden Applaus unter.

»Mach lieber zu«, sagte Péter.

»Warum?« Gábor sah ihn überrascht an.

»Da ist Karcsi.«

Gábor schloss das Fenster.

»Besoffen wie ein Schwein«, zischte Péter angesichts des betrunkenen Bruders wütend.

Er drehte sich zu Gábor um und erzählte:

»Wieder ist er erst am Morgen nach Hause gekommen, voll wie eine Haubitze … Unsere Mutter betet jetzt auch schon mittags. Sicher für ihn. Sie geht in die Kirche, damit er es nicht merkt. Heute ist sie auch hingegangen. Er hat dann mit dem Vater gestritten.«

»Worüber?«, fragte Gábor.

Péter warf ihm einen gelangweilten Blick zu.

»Na worüber wohl?«

»Politik?« Gábors Frage klang wie ein Seufzer.

»Klar. Der Vater soll endlich mal die Augen aufmachen. Hitler habe Paris eingenommen, ganz Europa sei in seiner Hand. Und unser liebes Vaterland breite sich weiter aus, immer weiter …«

»Auf die Juden hat er nicht geschimpft?«

»Heute nicht. Doch selbst wenn er es getan hätte, du weißt ja, was er immer sagt. Das gilt nicht für …«

»Rosenberg Gábor und seine Familie«, nickte Gábor.

»Er ist heute über die Slowaken hergezogen. Ich hab ihm gesagt, er soll Mária und ihre Familie nicht beleidigen. Und weißt du, was er daraufhin gesagt hat?«

»Und?«

»Es gäbe gar keine Familie Belaj mehr. Márias Vater habe angeblich ihren Namen geändert, sie hätten jetzt einen ungarischen – Belai.«

»Butaság!, rief Gabór.

»Im Ernst, es heißt, er habe sich der Hungaristischen Bewegung angeschlossen, du weißt schon, dieser Pfeilkreuzlerpartei.«

Gábor schüttelte energisch den Kopf.

»Das ist nicht möglich. Es kann doch nicht sein, dass mir die Tochter eines Faschisten gefällt.«

Peter grinste:

»Dem Herzen kann man nichts befehlen. Ich bin schließlich auch der Bruder eines Faschisten, und du bist mit mir befreundet.«

Sie schwiegen und sahen durch das Fenster auf die Menschenmenge hinunter, die sich langsam zu zerstreuen begann.

»Mária will uns sowieso nicht«, winkte Gábor schließlich ab.

»Woher willst du das wissen?«

»Am Freitag, als wir Dórika zum Zug gebracht haben …«

»Deine Schwester ist verreist?«, unterbrach Péter den Freund.

»In die Slowakei, zur Tante nach Banska Štiavnica. Sie will dort eine Ausbildung zur Schneiderin machen.«

»Die Glückliche. Das heißt, sie muss nicht mehr ins Gymnasium?«

»Lange geh ich da auch nicht mehr hin.«

»Was? Wieso nicht?«, rief Péter.

»Vater hat gesagt, Bildung mache für Juden keinerlei Sinn mehr. Man kriegt sowieso keinen Posten. Du weißt doch, dass sie auch ihn entlassen haben.«

»Stimmt«, seufzte Péter, »das heißt also, wir sind keine Klassenkameraden mehr.«

»Im Moment sind wir’s noch, aber meine Eltern suchen nach einem Meister, bei dem ich in die Lehre gehen kann. Vater sagt, Handwerk habe goldenen Boden. Dórika wird bei unserer Tante Anna lernen. Sie hat doch zwei Schneidereien. Die eine hat sie von Onkel Anton übernommen.«

Gábor begann zu flüstern:

»Der Onkel hat die Slowakei verlassen und ist jetzt in Palästina, unter Britischem Mandat.«

»Im Ernst?«, Péter zog die Augenbraue hoch, »das muss eine elend lange Reise gewesen sein.«

»Erst mit dem Zug, dann mit dem Schiff.«

»Sagtest du nicht, du hättest Mária auf dem Weg zum Bahnhof getroffen ….« holte ihn Péter wie beiläufig zum Thema zurück.

»Nein, auf dem Weg vom Bahnhof«, berichtigte ihn Gábor.

»Tsss, ist doch jetzt egal.«

»Du kannst dir sicher denken, was sie mich als Erstes gefragt hat.«

»Ob wir Post von Honza haben«, mutmaßte Péter.

»Genau«, nickte Gabriel traurig. »Glaub mir, sie ist in ihn verliebt.«

Anfang des Jahres 1940 fand Herr Bízek eine gut bezahlte Arbeit in der Brünner Waffenfabrik und zu Sommeranfang, als die Produktion erweitert wurde, bekam auch seine Frau hier eine Stelle. Sie mussten zwar in Schichten arbeiten, aber die Familie hatte endlich so viel Geld, wie sie brauchte.

Am Sonntag, dem ersten September, hatten beide Eltern Frühschicht.

»Heute koche ich«, sagte Jitka zu Honza, »also mach, dass du fortkommst. Ich will meine Ruhe vor dir haben. Komm bloß nicht vor zwölf zurück.«

»Jawohl, Herr Kommandant«, rief Honza auf Deutsch, seiner Schwester einen feindseligen Blick zuwerfend.

»Hier, nimm«, sie steckte ihm eine Münze zu und schob ihn hinaus auf den Pawlatschgang, »kannst ja ins Kino gehen.«

Honza lief mit tief in den Taschen vergrabenen Händen durch die Straßen von Brünn. Bis zum Beginn der ersten Vorstellung waren noch zwei Stunden Zeit.

Als es zu nieseln begann stellte sich Honza in der Kirche unter. Er wartete dort fast die gesamte deutsche Messe ab.

Als er wieder hinaus auf die Straße trat, hatte der Regen aufgehört, doch am Himmel ballten sich noch immer schwere graue Wolken zusammen. Er lief weiter in Richtung Kino, doch plötzlich prasselten große, kalte Tropfen auf ihn nieder. Sein Hemd war im Nu völlig durchgeweicht, das Wasser floss ihm in Strömen von den Haaren in die Augen, und er fror jämmerlich. Als er an eine Kreuzung kam, beschloss er, nicht ins Kino zu gehen, sondern zurück nach Hause.

Beim Betreten der Wohnung hörte er durch die geschlossene Tür des elterlichen Schlafzimmers etwas Seltsames, als stöhne und seufze jemand. Ein Schreck durchfuhr ihn. Nicht dass einem von den Eltern bei der Arbeit schlecht geworden war und Vater und Mutter zurück nach Hause kommen mussten. Honza hatte schon die Hand an der Klinke, als er fremde Stimmen vernahm. Sie sprachen Deutsch.

»Noch mal! Noch mal! Mit der Zunge!«

»Stärker!«

Die Gestapo, schoss es Honza durch den Kopf. Eine Sekunde lang schwankte er, ob er wegrennen oder lieber den Eltern zu Hilfe eilen soll. Vorsichtig beugte er sich zum Schlüsselloch hinab und lugte durch. Er sah die roten Haare der Schwester und ihren nackten Rücken, der auf einem Männerkörper regelmäßig auf und ab wippte. Außer den beiden befand sich noch ein weiteres koitierendes Paar im elterlichen Bett. Honza riss die Augen auf, sein Atem wurde schneller.

Jitka und ihr Partner rollten vom Bett. Dann sagte die andere Frau etwas, und der Mann unterbrach den Geschlechtsakt. Honza sah für einen Moment sein prall aufgerichtetes Glied. Er schrak zusammen, als sei es eine geladene Waffe. Honza wich von der Tür zurück, zum Glück, denn sie wurde kurz darauf geöffnet. Blitzschnell sprang er hinter den Schrank.

Die fremde Blondine ging über den Flur zur Toilette. Sie zog die Tür hinter sich nicht zu, so dass man hören konnte, wie sie in einem kräftigen Strahl urinierte. Honza schlackerten die Knie. Wenn die Blondine zurück ins Zimmer ging, würde sie ihn sicher entdecken. Jetzt war der richtige Moment, sich aus der Wohnung zu schleichen. Doch er beschloss zu bleiben. Er musste diese Frau von vorn sehen.

Als sie von der Toilette kam und Honza entdeckte, schien sie nicht einmal überrascht zu sein. Angesichts des Jungen, der abwechselnd auf ihren blond bewachsenen Schoß und ihre Brüste mit den spitzen Brustwarzen stierte, begann sie zu lächeln.

Sie war etwas größer als Honza. Ihre rot angemalten Lippen näherten sich langsam der Nase des Jungen. Dann fuhr sie ihm mit der Zunge über die Augenlider. Honza war vor Erregung nicht in der Lage, sich zu rühren, er stand wie zur Salzsäure erstarrt. Sie knöpfte seine Hose auf und ergriff das angeschwollene Geschlechtsteil.

»Er ist wie ein Torpedo«, flüsterte sie.

Im selben Moment quiekte Honza auf wie ein krepierendes Schwein und schon strömte es aus ihm heraus wie Lava.

Auf Honzas Schrei hin kam Jitka aus dem Zimmer gelaufen. Sie verpasste ihm eine Ohrfeige und stieß ihn in die Küche. Die Blondine fing lauthals an zu lachen. Zum Glück, denn dank dieses widerlichen, kratzigen Lachens konnte er sie hassen. Noch eine Minute zuvor hatte er sie geliebt und wäre wegen ihr zum Kollaborateur geworden.

Aus dem Zimmer schauten die beiden Männer heraus. Auch sie krümmten sich vor Lachen.

»Verdammte Nazis«, zischte Honza zwischen den Zähnen.

Jitka versetzte ihm noch eine Ohrfeige. Dann schloss sie ihn in der Küche ein. Die Orgie im elterlichen Schlafzimmer ging noch etwa eine Stunde weiter. Die ganze Zeit weinte Honza vor lauter Demütigung und Hass.

Als die Deutschen gegangen waren, schloss Jitka die Tür wieder auf. Sie wies ihn an, den Eltern kein Sterbenswörtchen zu sagen.

Warnend hob sie den Zeigefinger:

»Sonst gibt’s Probleme.«

Honza versuchte ein ironisches Grinsen.

»Mit ihnen«, konkretisierte sie und deutete mit dem Kopf zur Wohnungstür, als stünden die Männer noch dort.

Honza verschwieg den Eltern den Vorfall, doch sie erfuhren auch so bald darauf alles. Wenn beide Bízeks in der Arbeit waren, brachte Jitka nämlich regelmäßig Besuch mit nach Hause. Meist waren es Uniformierte. Sie war siebzehn und meinte, niemand könne es besser als die Deutschen.

Auf die Vorwürfe der Eltern pfiff sie. Sie schrie, in Levice würde sie jeder wegen ihrer roten Haare und der Sommersprossen auslachen, doch im Reich wären sie ihre Eintrittskarte in eine bessere Welt. Einer ihrer Liebhaber besorgte ihr später neue Papiere. Aus Jitka wurde Rita.

Episode 1941

Új Telep war die ärmste Straße von Levice. Eigentlich war es nicht einmal eine Straße, sondern nur eine Ansammlung von etwa zwanzig am Stadtrand hingestreuten Häuschen. Der Schiefer auf ihren Dächern war brüchig, der Putz bröckelte, viele der Fensterscheiben waren kaputt. Man hatte die Reparaturen auf bessere Zeiten verschoben.

In einer der Hütten mit morschem Dielenfußboden lebte jetzt Familie Rosenberg. Wenngleich die Kalvinische Kirchengemeinde die Wohnungsmieten im Kálvin Hof nur mäßig erhöht hatte, war das schon zu viel für die Rosenbergs gewesen. Der Vater war bereits vor anderthalb Jahren aus dem Staatsdienst entlassen worden, die Mutter arbeitete zwar noch im Tauber’schen Süßwarenladen, doch dort ging der Umsatz mit jedem Tag mehr zurück. Immer häufiger gaben die Leute unter den verschiedensten fadenscheinigen Gründen jenen Läden den Vorzug, die sich mit dem Schild Kein jüdisches Geschäft brüsten konnten.

Dórika war schon zu Beginn des Herbstes 1940 von der Lehre in Banska Štiavnica zurückgekehrt, denn Tante Anna hatte überraschend beide Schneidereien verkauft. Die Rosenbergs schickten die Tochter daraufhin in die Textilfabrik in Budapest und zogen gemeinsam mit Gábor in das Häuschen am Új Telep.

»Gestiegene Preise«, sagte Frau Rosenberg immer, wenn sie vom Einkaufen kam.

Obwohl Ungarn in den Krieg gegen die Sowjetunion eingetreten war, und ungeachtet der schwierigen finanziellen Situation der Familie hatte der Sommer für Gábor recht angenehm begonnen. Er besaß auf einmal eigenes Geld. Gábors Vater war unter die Schieber gegangen. Zwar war er sehr darauf bedacht, daran zu verdienen, doch die durch seine Hände gehende Ware warf nur tröpfchen weise Gewinn ab. Baron Majthényi war scharf auf kubanische Zigarren, seine Geliebte auf brasilianischen Kaffee und Schokolade mit Nüssen, die Zahnarztfrau wollte ein Kleid aus chinesischer Seide, genau wie die Töchter des Kommandeurs der Gendarmerie.

Juden ist der Zutritt verboten