Band 1  Mia legt los!
Band 2  Mia und das Mädchen vom anderen Stern
Band 3  Mia und der Traumprinz für Omi
Band 4  Mia und das Liebeskuddelmuddel
Band 5  Mia und der Großstadtdschungel
Band 6  Mia und das Schwesterndings
Band 7  Mia fast allein zu Haus

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Copyright (c) by Carlsen Verlag GmbH, Hamburg 2015
In Zusammenarbeit mit der Michael Meller Literary Agency, München
Umschlagillustration und Vorsatz: Dagmar Henze
Typografie Umschlag: Gerhard Schröder
Layout und Herstellung: Constanze Hinz
Satz und E-Book-Umsetzung: Dörlemann Satz, Lemförde
ISBN 978-3-646-92570-8

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Ein Biersack und eine hübsche Überraschung

Es ist früh am Morgen, ich kriege kaum die Augen auf und die Cornflakes, die ich zum Frühstück hatte, führen in meinem Magen einen wilden Tanz auf. Was nicht nur an Frau Joosts rasantem Fahrstil liegt, sondern auch daran, dass es gleich auf Klassenfahrt geht. Und zwar nach München! In die Stadt der Dirndl, Weißwürste und Brezeln. Was angesichts der beiden bescheidenen Reisen, die wir im letzten und vorletzten Schuljahr unternommen haben, mega-giga-irre aufregend ist.

Klassenfahrt Nummer eins war ein schnarchlangweiliger Ausflug in die Lüneburger Heide, wo wir Heidschnucken (also Schafe) gezählt haben und endlos auf staubtrockenen Wegen gewandert sind. Klassenfahrt Nummer zwei war eine Hafenrundfahrt in unserer Heimatstadt Hamburg mit anschließender Tombola in der Schule. Weiter weg sind wir noch nie gewesen. Und übernachtet haben wir schon gar nicht irgendwo.

Umso prickelnder ist es, mit einem Reisebus Hunderte von Kilometern gen Süden zu fahren. In eine fremde Stadt, die laut Omi Olga so fabelhaft ist, dass man auf der Stelle jodeln muss. Wir verreisen richtig mit Rollkoffer (Jette, Alina, Leonie und ich), einem Vorrat an Lakritzschnecken (Jette), einer Auswahl an Schmetterlingshaarspangen (ich) und einem roten Kuschelkissen (Jette).

Und trotzdem ist mir kodderschlecht.

Jettes Hand kommt angekrabbelt.

„Was ist denn los, Miss Butterfly?“ So nennt meine beste Freundin mich manchmal. Weil ich Schmetterlinge in allen Farben und Formen sammele.

„Hm, äh, nix“, brumme ich.

Jettes Mutter hält an einer Ampel und dreht sich nach uns um.

„Mia, alles klar?“

Obwohl es megafrüh ist, hat sie sich eine kunstvolle Plusterfrisur gesteckt und knallroten Lippenstift aufgetragen. Frau Joost sieht immer tipptopp aus. Wahrscheinlich selbst noch nachts im Bett.

„Hm, äh, ja“, nuschele ich wieder, als wäre ich ein bisschen plemplem.

Jette wirft mir einen besorgten Blick zu, und als ihre Mutter weiterfährt, beugt sie sich zu mir rüber. „Du wolltest doch nicht, dass deine Eltern dich bringen.“

Nein, das wollte ich nicht. Sie waren heute Morgen total in Hektik. Und es geht ja auch nicht auf eine Expedition zum Nordpol, sondern bloß auf eine minikurze Klassenfahrt.

„Weil du Angst hattest, du könntest vor der ganzen Klasse losheulen, wenn du dich von ihnen trennen musst?“

Ich verschränke die Arme vor der Brust und rutsche tiefer in den Sitz. Peinlich, peinlich. Jette hat den Nagel auf den Kopf getroffen. Manchmal denke ich, dass meine beste Freundin mich besser kennt als ich mich selbst.

„Stimmt’s oder hab ich Recht?“

„Weiß nicht … Stimmt vielleicht ein bisschen.“

„Ich wusste es.“ Jette kitzelt mein Ohrläppchen. „Sollen wir deine Eltern anrufen und sie fragen, ob sie nicht doch schnell kommen können?“

Ich schüttele den Kopf. „Vergiss es. Eher mache ich Herrn Meyer einen Heiratsantrag.“

„Herr Meyer! Heiratsantrag!“, kreischt Jette so laut, dass ihre Mutter sich nach uns umdreht.

„Wer will wem einen Heiratsantrag machen?“

„Niemand niemandem“, erkläre ich. „War nur Spaß.“

Herr Meyer ist Referendar an unserer Schule und unterrichtet uns in Geschichte und Kunst. Er ist an die zwei Meter groß, hat kurzes blondes Stoppelhaar und ein Tattoo auf dem Unterarm. Meinen Traumtypen stelle ich mir anders vor. Französisch und dunkel gelockt und viele, viele Jahre jünger.

Jette grinst mich an, aber ich gucke aus dem Fenster und befehle den Cornflakes in meinem Magen, endlich Ruhe zu geben. Irgendwie ist es vorhin wirklich blöd gelaufen. Meine Babyschwester Josefine hatte gerade so einen heftigen Kreischanfall, dass Mami mich zum Abschied nur kurz an sich gedrückt hat (schnief). Papi hat mich zwar etwas länger in den Arm genommen, nebenher aber Nachrichten gehört (noch mal schnief). Lena hat nur albern winke, winke gemacht und in Rekordzeit eine Stulle mit Stinkekäse gemampft. Mein Bruder Lukas war ganz auf Tauchstation. Mit einem benebelten Grinsen auf den Lippen hat er wie blöde auf seinem Handy herumgetippt. Wahrscheinlich hat er seiner Freundin Streber-Christi, die mit mir auf Klassenfahrt geht, megageheime Liebesbotschaften geschrieben.

Ganz toll. Wenigstens eine Person in meiner Family hätte mich mal richtig herzen und umarmen und mir sagen können, wie sehr sie mich vermissen wird. Ich schlucke gegen den Tränenkloß in meinem Hals an und male mit dem Zeigefinger Muster auf die beschlagene Scheibe.

Ein paar Minisekunden später landet Jettes Ellbogen in meiner Taille.

„Aua! Was denn?“

„Wie viele Hosen hast du mit?“ Sie deutet auf meine Spargelbeine, die in dunkelblauen blickdichten Strumpfhosen stecken. Dazu trage ich meinen blauen Cordrock.

„Eine graue Jeans, wieso?“

„Und wie viele Oberteile?“

„Häh?“, mache ich. Keine Ahnung, warum Jette mir so blöde Fragen stellt.

„Sag schon. Wie viele?“

„Zwei T-Shirts und meine Lieblingstunika“, leiere ich runter. „Und einen warmen Pulli.“

„Und wie viele Unterhosen?“

„Jette!“, tönt Frau Joost von vorne, aber meine Freundin schleudert ihre langen blonden Traumhaare zurück, bohrt ihren Zeigefinger in meine Rippen und quiekt: „Wenn du mir nicht sofort sagst, wie viele Unterhosen du dabeihast, mache ich dich briefmarkenplatt!“

Ich muss lachen. Der Spruch, mich oder Lena oder sonst wen briefmarkenplatt zu machen, ist die Lieblingsdrohung meines Bruders. Keine Ahnung, wie viele Briefmarken er schon aus mir machen wollte, aber wahrscheinlich könnten sie ein ganzes Sammelalbum füllen.

„Vier“, stöhne ich. „Vier Unterhosen. Und warum willst du das jetzt unbedingt wissen?“

Jette grinst so breit, dass eine Salatgurke quer in ihrem Mund Platz hätte: „Deine Unterhosen sind mir schnuppe. Ich wollte dich nur ablenken. Hat ja auch geklappt.“

„Menno! Blöde!“ Ich knuffe sie.

Trotzdem muss ich zugeben, dass Jettes Trick funktioniert hat. Seit sie von den Klamotten angefangen hat, habe ich glatt vergessen, dass mir vor Aufregung eigentlich kodderschlecht ist, und dann fährt Frau Joost auch schon vor unserer Schule vor.

Schmetterlingsvignette

Kaum sind wir ausgestiegen und haben unsere Rollkoffer aus dem Kofferraum gehievt, überkommt mich zum zweiten Mal an diesem Morgen der Katzenjammer. Jede einzelne Pappnase aus unserer Klasse ist in Begleitung ihrer Eltern gekommen. Selbst Kaspar alias Mr Rülps, dessen Vater ständig die Hand vor den Mund hält (rülpst der etwa auch?), und Henning, dessen Eltern schon ziemlich alt sind (oder sind das die Großeltern?)!

„Huhu! Hier sind wir!“, ruft eine vertraute Stimme.

Mein Kopf fährt herum und ich entdecke Alina und ihre Mutter in der Menge. Knapp dahinter: Leonie mit ihrem Stiefvater und ihrer Mutter. Das heißt, Leonie steht nicht einfach nur da, sie hat ihren Hund Wursti im Arm und knutscht ihn so wild ab, dass sie garantiert schon den ganzen Mund voller Hundefusseln hat. Igitt! Ein Wunder, dass sie nicht noch ihr Meerschweinchen Horst mitgebracht hat und auch das abknutscht. Leonie fällt es schon schwer, sich bloß ein paar Stunden von ihren heiß geliebten Tieren zu trennen. Wie soll sie es da bloß ein paar Tage lang schaffen? Zum Glück ist ihr Stiefbruder Enzo nirgends zu sehen. Ich fand Enzo mal ganz süß und irgendwie wäre es mir peinlich, ihm über den Weg zu laufen.

Frau Joost, die auf dem schnellsten Weg zur Arbeit in ihre Apotheke muss, drückt Jette an sich, streichelt ihr Blondhaar und sagt, sie solle in München ja keinen Unsinn anstellen.

„Ich und Unsinn, Mama?“, sagt Jette mit Unschuldsmiene. Als wäre das ein Widerspruch in sich.

„Ja, genau du.“ Frau Joost fährt sich schmunzelnd durch die Plusterfrisur, dann herzt sie Jette ein letztes Mal und reicht auch mir die Hand.

„Viel Spaß, Mia. Und passt schön auf euch auf.“

„Klar, machen wir“, murmele ich und spüre wieder die Cornflakes in meinem Magen rumoren. Nur allzu gut erinnere ich mich daran, wie Jette und ich nach Berlin gefahren sind und Jette plötzlich wie vom Erdboden verschluckt war.

Jette winkt ihrer Mutter zu, die steigt in ihren schicken großen Wagen und braust auch schon davon.

„Bist du gar nicht traurig?“, frage ich Jette, während wir unsere Rollkoffer zu Alina und Leonie rüberziehen.

„Traurig? Nee, wieso denn?“, will Jette wissen, aber ich erwidere nichts.

Ich finde ihre Reaktion ziemlich komisch. Hänge ich vielleicht mehr an Mami und Papi als meine Freundin an ihren Eltern? Ich hätte an ihrer Stelle ganz bestimmt eine Abschiedsträne verdrückt.

„Habt ihr’s schon gehört?“, piepst Alina aufgeregt.

„Nee, was denn?“, fragt Jette.

„Frau Müller-Stegemann ist krank geworden. Sie hat die ganze Nacht gespuckt. Wenn Herr Meyer auf die Schnelle keinen Ersatz für sie findet, fällt die Klassenfahrt ins Wasser.“

Jette wird blass. „Nicht wahr!“

„Leider doch.“ Alina schaut bedröpst zu ihrer Mutter.

„Wo steckt Herr Meyer denn jetzt?“, erkundige ich mich.

„Der telefoniert im Sekretariat alle Lehrer durch.“ Alinas Gesicht sieht immer mehr nach Weltuntergang aus. „Ich sag’s euch. Bestimmt können wir gleich unser Gepäck nehmen und in den Unterricht gehen.“

„Nun wartet doch erst mal ab“, meint Frau Beyer. „Da findet sich bestimmt jemand.“

Ich bin mir da nicht so sicher. Papi sagt immer, dass kurzfristige Stundenplanänderungen der Horror sind. Und er muss es wissen. Schließlich unterrichtet er an unserer Schule Deutsch und Geschichte.

Leonie steckt ihre Nase in Wurstis Fell. „Hörst du, Wursti? Vielleicht müssen wir heute Abend gar nicht getrennt schlafen!“

„Wenn das deine einzige Sorge ist“, brummt Jette genervt. Dann rempelt sie mich an. „Hauptsache, die Triefnase kommt nicht mit. Oder der Heilige!“

Die Triefnase, also Herr König, unterrichtet uns in Mathe. Der Heilige ist der Spitzname für unseren Religionslehrer Herrn Grützke. Beide gehören nicht gerade in die Kategorie Lieblingslehrer. Aber im Moment ist mir selbst das egal. Ich möchte einfach nur losfahren, egal mit wem.

Alina grinst in eine bestimmte Richtung und ich drehe mich um. Alles klar. Mr Rülps flattert mit seinem Rülps-Daddy in Luftlinie auf uns zu.

Mr Rülps: tuschkastenrot im Gesicht.

Sein Vater: normalbeige.

Alina: quietschrosa, stellenweise pink, flackernder Blick.

Im nächsten Moment sind die beiden bei uns und Alina sagt mit total gestelzter Stimme: „Äh, guten … äh … Tag, Herr Biersack.“

Kaspar starrt Alina an wie eine Erscheinung. „Wir heißen doch Bierstaak mit Nachnamen“, verbessert er sie.

Seit einiger Zeit sind Alina und Kaspar ineinander verknallt. Sie knutschen zwar nicht, halten aber Händchen, gehen zusammen ins Kino und stehen beide auf Kaugummi mit Kirschgeschmack.

Während Jette hinter vorgehaltener Hand losgluckst und Leonie sich noch fester an Wursti presst (der kaum noch Luft kriegt und beängstigend losfiept), läuft Alina tomatenketchuprot an und sagt: „Äh, ja … weiß ich doch.“

Der Mann, den ich jetzt garantiert nur noch Herrn Biersack nennen werde, lächelt freundlich und fragt: „Du bist also Alina?“

Alina nickt und der Rotton in ihrem Gesicht wird noch eine Spur knalliger.

„Kaspar hat schon so viel von dir erzählt.“

„Äh, ach so … äh … ja.“

Arme Alina! Wenn sie nicht gerade unterzuckert ist (was gut sein kann, da sie ja Diabetes hat), ist sie auf jeden Fall ganz schrecklich durcheinander.

Bevor alles noch viel peinlicher werden kann, begrüßen sich Alinas Mutter und Mr Rülps’ Vater. Dann plaudern sie über das Wetter in München (angeblich schön), über das Essen (angeblich lecker) und über das Bier (angeblich noch leckerer), außerdem über Alinas Diabetes (gar nicht schön).

Natürlich ist es ziemlich blöd, dass Alina diese Stoffwechselkrankheit hat, aber dass die beiden über ihren Kopf hinweg über sie reden, als wäre sie überhaupt nicht anwesend, finde ich ziemlich daneben. Sie könnten sie zumindest fragen, ob es okay ist, dass sie sich darüber austauschen. Alina sieht auch schon ziemlich angefressen aus.

„Und muss Kaspar etwas beachten? Ich meine, falls er mal mit Alina ein Eis essen geht?“, erkundigt sich der Rülps-Papa hinter vorgehaltener Hand.

Er kriegt aber keine Antwort mehr, denn in diesem Moment kommt Herr Meyer aus der Schule geschossen, die Arme wie ein Verkehrspolizist schwenkend.

In Windeseile bildet sich eine Traube Schüler um ihn.

„Und?!“, „Was ist denn nun?“, „Fahren wir?“, „Sagen Sie schon!“, rufen alle durcheinander.

Herr Meyer bremst ab, Mundwinkel auf halb acht. Shitikowski. Wenn das mal kein schlechtes Zeichen ist. Bestimmt fällt die Klassenfahrt ins Wasser und ich darf gleich meinen Koffer in die Klasse rollen. Mathe bei der Triefnase. Würg.

„Es gibt eine gute und eine schlechte Nachricht“, findet Herr Meyer seine Sprache wieder. „Welche wollt ihr zuerst hören?“

„Die gute!“, verlangt Alina.

Herr Meyer lächelt wie weichgespült. „Wir fahren!“

„Yeah!“ – „Yippie!“ – „Cool!“

Unsere Klasse klatscht und statt durcheinandergeratener Cornflakes spüre ich ein paar Glücksschmetterlinge in meinem Magen herumflattern. Ich hatte schon nicht mehr daran geglaubt, dass es was mit der Fahrt werden würde. Dass ich all die schönen Kirchen und Plätze, von denen Omi erzählt hat, überhaupt sehen würde.

„Und was ist die schlechte Nachricht?“ Henning guckt immer noch ein bisschen skeptisch.

„Die Abfahrt verzögert sich um etwa eine Stunde. Frau Hübsch kommt mit. Und die muss sich erst“, er zwinkert in die Runde, „hübsch machen.“

Gejohle und Getrampel. Frau Hübsch kommt mit! Das ist einfach nur supertruper! Frau Hübsch unterrichtet uns in Französisch (mein Lieblingsfach). Ich finde sie mit ihren kurzen blonden Haaren und den rehbraunen Augen nicht nur hübsch, sondern auch mega-giga-irre nett. Einen besseren Ersatz für Frau Müller-Stegemann hätte Herr Meyer kaum finden können.

Nur eins macht mich immer noch traurig: dass ich irgendwie verloren herumstehe und den anderen dabei zugucke, wie sie sich von ihren Eltern verabschieden.

„Ich glaub, du solltest dringend mal jemanden anrufen“, meint Jette und legt ihren Arm um meine Schulter.

„Wen denn? Meine Schmetterlingssammlung?“

„Richtig.“ Sie nimmt ihre Brille ab und haucht sie an, bevor sie mit einem T-Shirt-Zipfel darauf herumwischt. „Und bei der Gelegenheit kannst du gleich noch mal kurz mit deinen Eltern quatschen.“

Jette ist eine wirklich tolle Freundin. Sie weiß immer genau, was ich brauche, damit es mir gut geht.

„Okay. Bin gleich wieder da.“ Ich fische das Handy aus meiner Überlebenstasche und husche damit zu den Mülltonnen rüber.

Doch schon im nächsten Moment kippe ich fast hintenüber. Das hat mehrere Gründe:

1. Ein mittelmeerblauer Passat biegt auf den Parkplatz unserer Schule ein.

2. Er parkt so schief und krumm ein, wie nur Papi einparkt. (Hallo? Papi hat doch erst zur dritten Stunde Unterricht?)

3. Die Fahrertür geht auf und ein Mensch in Ökoschlabberklamotten und in schicken italienischen Tretern steigt aus. Papi? (Seit meine Eltern gemeinsam auf Capri waren, hat mein Vater endlich ein paar schöne Schuhe.)

4. Die Beifahrertür geht auf und eine quietschbunt angezogene ältere Dame mit grauen Haaren steigt aus. Omi Olga!

5. Auch die hintere Tür öffnet sich und eine Frau, die wie Mami aussieht, springt heraus.

6. Die Mami-Frau bückt sich und zerrt ein Paket aus Decken und Tüchern raus. Aus dem Paket lugt ein mischmaschbrauner Haarschopf hervor. Meine kleine Babyschwester Josefine?

Bevor ich einen siebten Gedanken denken kann, entlädt sich der Kloß in meinem Hals in einem Schrei, der bestimmt noch bis nach München zu hören ist, und ich spurte los. Egal, dass sich die anderen aus meiner Klasse über mich schlapp lachen könnten. Egal, dass ich jetzt vielleicht als Mega-Baby dastehe.

„Mami! Papi! Omi! Josefinchen!“, kreische ich, als hätte ich meine Familie jahrzehntelang nicht zu Gesicht bekommen.

Omi Olga kreischt auch etwas (es klingt nach „Mein Schmetterling!“), nur Mami, Papi und Josefinchen benehmen sich halbwegs normal. Josefinchen brabbelt Unverständliches in ihrem Baby-Chinesisch, Mami streicht über meine braunen Mischmaschhaare und Papi krault seinen kurzen Vollbart und scannt den Schulhof.

„Was macht ihr denn hier?“, will ich wissen. „Wir sind doch eigentlich längst weg.“

„Dein Vater hat im Sekretariat erfahren, dass Frau Müller-Stegemann ausfällt und ihr noch gar nicht los seid“, erklärt Mami und tätschelt nun auch noch meinen Rücken. „Und da dachten wir …“

„… dass es vielleicht nett wäre, dich doch am Bus zu verabschieden“, ergänzt Papi.

„Vielleicht nett wäre?“ Omi Olga kichert wie ein Kichermädchen. „Die beiden haben die ganze Zeit gejammert und gejault, dass ihr euch nicht richtig verabschiedet habt.“ Und mit verstellter Stimme fährt sie fort: „Das überlebe ich nicht! Mia kommt erst in fünf Tagen zurück! Das sind Millionen Stunden, die wir ohne sie verbringen müssen! Ich wette, meine Haare werden darüber grau!“

Aber Mami lacht nicht. Nicht mal ein Mundwinkel hebt sich, als sie erklärt: „Jetzt mach mal einen Punkt, Olga. Das mit den Millionen einsamer Stunden und den grauen Haaren habe ich aber nie ge …“

„Bröhhh“, unterbricht Josefinchen sie, indem sie einen orangefarbenen Schwall Brei auf ihre Schulter spuckt. Wahrscheinlich hat sie eben noch ihre Lieblingsmöhren zu essen bekommen.

Papi zieht eine riesige Stoffwindel aus der Tasche seines Jacketts und wischt Mami rasch die Schulter ab. Dennoch bleibt ein unschöner orangefarbener Fleck auf ihrer hellen Jacke zurück.

„Und wer kommt jetzt ersatzweise mit?“, erkundigt er sich. „Herr Grützke? Oder Herr König?“

Ich schüttele den Kopf. Zum Glück keiner von beiden.

„Frau Hübsch“, antworte ich. „Aber Herr Meyer meinte, dass das noch dauert. Weil sie sich ja hübsch machen muss.“

Mami und Papi lachen, Omi Olga gackert wie ein Huhn, Josefinchen strahlt uns zahnlos an. Und ich bin einfach nur mega-giga-irre froh, dass sich meine Family doch noch hat blickenlassen.

Der Bizepsfreund

Eine knappe Stunde später ist Frau Hübsch endlich da (sie hat ihre kurzen blonden Haare hübsch geföhnt und trägt einen schicken Trachtenblazer zu Jeans) und es heißt Abschied nehmen. Nein, ich heule nicht, ich verdrücke nur ein Mini-Tränchen. Ich streichele Josefinchen ein letztes Mal die Wange, dann steige ich mit den anderen ein.

Das gestaltet sich allerdings schwieriger, als den Mount Everest zu erklimmen. Die Jungs schieben und schubsen wie Kindergartenkinder.

„Lass die Blödmänner mal vor“, meint Jette und geht zur Seite. Prompt drängeln sich Oliver, Lars und Jens, wie die Affen schreiend, an uns vorbei. Fehlt noch, dass ihnen gleich ein Fell wächst und sie sich auf die Brust trommeln.

Das kann ja lustig werden. Mit Babyjungs, die sich in Extremsituationen noch viel babyhafter benehmen als sonst, auf Klassenfahrt gehen! Ehrlich gesagt gebe ich langsam die Hoffnung auf, dass die männlichen Wesen aus unserem Jahrgang irgendwann ein bisschen reifer werden. Dass sie eines Tages zu echten Männern (so wie Papi oder Herr Meyer) heranreifen, liegt sowieso außerhalb meiner Vorstellungskraft.

Nur einer drängelt nicht und stößt auch keine Affenlaute aus: Mr Rülps. Er bleibt dicht an Alinas Seite und macht keine Anstalten, der Horde zu folgen. Was garantiert nicht daran liegt, dass er spontan gereift ist, sondern daran, dass er die Busfahrt neben seiner Herzallerliebsten verbringen möchte.

Zu dumm. Eigentlich hatten Jette, Leonie und ich schon vorher ausgemacht, dass Jette neben mir und Alina neben Leonie sitzt. Wenn Alina aber nicht eine Sekunde auf Kaspars Anwesenheit verzichten kann, geht Leonie leer aus. Der scheint in dieser Sekunde genau der gleiche Gedanke durch den Kopf zu schießen, denn sie zieht ein Sauregurkengesicht und seufzt tief auf. Oder leidet sie etwa noch, weil sie sich von Wursti trennen musste?

„Soll ich mich neben Christi setzen?“, frage ich. „Dann kriegst du den Platz neben Jette. Oder Jette setzt sich neben Christi und wir …“

„Schon okay“, unterbricht sie mich. „Ich hab auch nichts gegen Christi.“ Sie grinst. „Vielleicht erklärt sie mir ja noch mal Bio. Oder Physik oder so.“

Doch dann kommt alles anders. Während die Affenhorde unter lautstarkem Gejohle den hinteren Teil des Busses belegt (klar, hier lässt sich am besten Quatsch machen), ergattert Sofia den Platz neben Streber-Christi (keine Ahnung, seit wann die beiden so dicke miteinander sind). Ich setze mich neben Jette, schräg vor uns quetschen sich Mr Rülps und Alina in eine Reihe und Leonie bleibt nichts anderes übrig, als sich neben Henning (zwei Reihen vor uns) zu hocken.

„Arme Leonie“, flüstere ich Jette ins Ohr. „Wie soll sie das nur aushalten? Mehr als zehn Stunden neben Henning im Bus! Ich würde echt durchdrehen.“

„Und ich erst“, meint Jette. Dann beugt sie sich schräg vor und starrt Kaspars Haarschopf an.

„Was machst du da?“

„Mr Rülps hypnotisieren.“ Kaum ausgesprochen, flüstert sie mit unheimlich klingender Stimme: „Ich will nicht neben Alina sitzen. In den Tiefen meines Unterbewusstseins will ich neben Henning sitzen. Ja, ja, ja! Neben Henning! Meinem allerliebsten Busen … äh … Bizepsfreund!“

Während ich einen mittelschweren Kicheranfall kriege, dreht sich Alina nach uns um. „Wie bitte? Bizepsfreund? Was soll das denn sein?“

Weder Jette noch ich kommen dazu zu antworten, weil Frau Hübsch und Herr Meyer einsteigen, die Bustüren zugehen und der Bus anfährt. Nur ganz langsam, damit alle ihren Lieben zuwinken können, aber es geht tatsächlich endlich los!

Ich sehe noch Mamis angespanntes Gesicht, Josefinchens mausbraunen Haarschopf, Papis Grinsemund und Omi Olgas schreigelben Schal, mit dem sie winkt, als würde ich in diesem Leben nicht mehr zurückkommen, dann biegt der Bus auf die Straße ein. Ich juchze ein paarmal laut auf. Juchhu! Das Abenteuer Klassenfahrt kann beginnen!

Huhu, liebes Tagebuch, lieber Punkteeinband,

hallo, da bin ich wieder!

Ups, Verzeihung, dass ich so schief und krumm schreibe, aber so ist das nun mal, wenn man im schaukelnden Bus sitzt und das Tagebuch auf den Knien hat.

Dass es auf große Klassenfahrt nach München geht, weißt du schon? Okay, falls nicht, hast du es gerade eben erfahren.

Was du aber garantiert nicht weißt, ist, dass ich lange überlegt habe, ob ich dich überhaupt mitnehmen soll. Nicht, weil mein Gepäck dann schwerer wird, sondern, weil … Stell dir bloß vor, die Jungs aus meiner Klasse schnüffeln in unserem Zimmer, finden dich, klauen dich und lesen dann aus dir vor. Das wäre der MEGAHORROR! (Du erinnerst dich vielleicht: So was hatten wir schon mal!) Bei mir zu Hause wärst du garantiert sicherer aufgehoben (da könnte dich höchstens meine neugierige Nervensägenschwester finden). Andererseits wäre es schon ziemlich blöd, dich nicht dabeizuhaben. Weil ich dann all die Abenteuer, die wir (hoffentlich) erleben werden, nicht aufschreiben kann. Höchstens auf Schmierzettel, die ich später zu Hause wieder mühsam abschreiben müsste, aber dazu bin ich garantiert zu faul. Außerdem könnten die Jungs die Schmierzettel ja genauso gut finden.

Bisher ist allerdings noch nichts Weltbewegendes passiert.

1. Wir sind schon hinter Hannover, die Sonne boxt sich langsam durch die Wolken und alle sind superguter Stimmung.

2. Jette textet mich die ganze Zeit zu (sie will in München süße Typen in Lederhosen kennenlernen!!!).

3. Alina und Mr Rülps tuscheln miteinander.

4. Die Affenhorde (= Jungs) albert hinten im Bus herum.

5. Herr Meyer und Frau Hübsch stecken die Köpfe zusammen und unterhalten sich über keine-Ahnung-was.

6. Nur um Leonie mache ich mir Sorgen. Sie sitzt total stumm neben Henning, der die ganze Zeit wie blöde auf seinem Handy herumdaddelt. Die Arme! Wie langweilig ist das denn!

Frage:

Bin ich eine schlechte Freundin, weil ich ihr nicht anbiete, den Platz zu tauschen?

Antwort:

Ja, das bin ich.

Fazit des Fazits: Ich sollte Leonie anbieten, dass wir die Plätze tauschen, und das tue ich jetzt auch.

Würg.