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Buch

Als Icherios Ceihn das Tagebuch seines ermordeten Freundes Vallentin in die Hände fällt, ist er entsetzt. Dort steht nämlich, dass Vallentin für den Ordo Occulto, eine geheime Abteilung des Rosenkreuzer-Ordens, gearbeitet hat. Außerdem finden sich Eintragungen, die darauf hinweisen, dass in den Reihen des Ordens seltsame Dinge vor sich gehen. Ausgerechnet jetzt wird Icherios von der »Kanzlei zur Inspektion unnatürlicher Begebenheiten« zum Medizinstudium nach Heidelberg geschickt und der dortigen Außenstelle des Ordo Occulto unterstellt. Mit Schrecken stellt er fest, dass sein neuer Vorgesetzter, Auberlin, Erwähnung in Vallentins Tagebuch findet. Hat Auberlin etwa Schuld am Tod des Freundes? Icherios muss unbedingt mehr darüber herausfinden, nur wem kann er trauen?

Autorin

Kerstin Pflieger wurde 1980 in eine Surferfamilie hineingeboren. Durch Reisen an die Küsten Europas, Afrikas und Asiens lernte sie unterschiedliche Kulturen und Denkweisen kennen. Nach dem Abitur studierte sie Biologie in Heidelberg und arbeitet unter anderem für ein Institut zur biologischen Stechmückenbekämpfung. Nach ihrem Debüt-Roman »Die Alchemie der Unsterblichkeit« ist »Der Krähenturm« ihr zweiter Roman bei Goldmann. Kerstin Pflieger lebt mit ihren Hunden im Landkreis Heilbronn. Weitere Informationen unter www.kerstin-pflieger.net.

Außerdem von Kerstin Pflieger bei Goldmann erschienen:

Die Alchemie der Unsterblichkeit. Roman (47483)

Kerstin Pflieger

Der
Krähenturm

Roman

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1. Auflage
Originalausgabe Januar 2012
Copyright © 2011 Kerstin Pflieger
Copyright © dieser Ausgabe 2012
Wilhelm Goldmann Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München.
Dieses Werk wurde vermittelt durch die
Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH,
30827 Garbsen.
Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München
Umschlagmotiv: Jürgen Gawron / FinePic, München
NG · Herstellung: Str.
Satz: DTP Service Apel, Hannover
ISBN: 978-3-641-06696-3
V002

www.goldmann-verlag.de

Hinter den Nebeln,
jenseits der Schleier
wartet die Wahrheit,
fühlst du es nicht?

Saltatio Mortis, Equinox

1

Hexenjagd

In der Nähe von Tübingen, 18. Octobris,
Anno Domini 1771

Tötet die Hexe!« Der untersetzte Mann, dem das Atmen schon hörbar schwerfiel, streckte Silas einen Lederbeutel entgegen, der verheißungsvoll klimperte.

Die beiden Männer standen sich in einem kleinen Forst gegenüber, gerade außerhalb der Sichtweite des kleinen Dorfs Hirsdingen, das einen halben Tagesritt von Tübingen entfernt lag.

Obwohl es bereits später Nachmittag war, besaß die Sonne nicht die Kraft, das Land zu erwärmen, dachte Silas bei sich. Im Schatten der Bäume, deren Blätter welk und kraftlos aussahen, war eine empfindliche Kälte zu spüren, die seine Hände rot färbte. Er nahm den Beutel entgegen und blickte prüfend hinein. Immerhin waren es wirklich Münzen, nicht viele, dennoch besser als in der letzten Ortschaft, in der ein habgieriger Pfaffe versucht hatte, ihn zu betrügen. Er hätte eine Nacht am Feuer und eine warme Mahlzeit als Bezahlung vorgezogen, aber ein Mann, wie er einer war, wurde nur selten eingeladen. Die Menschen fürchteten den Zorn der Toten, deren Seelen er ins Jenseits befördert hatte.

»Sie ist schon tot. Sie weiß es nur noch nicht.« Silas befestigte den Beutel an seinem Waffengurt, den er um seine schmalen Hüften geschlungen hatte. Zahlreiche Dolche und Messer gewährleisteten, dass er immer die richtige Waffe zur Hand hatte. Zusätzlich trug er auf dem Rücken einen schlichten Säbel, den er vor vielen Jahren von seinem Vater geschenkt bekommen hatte, und eine Muskete hing griffbereit am Sattel.

Er wandte sich seinem Maultier zu und kraulte die Nüstern des dunkelbraunen Tieres. Adele war größer als die meisten Reitpferde. Ihr eines Ohr, abgeknickt und eingerissen, erinnerte an den Kampf mit einer Pythonissa, einer Hexe, die Macht über die Toten besaß.

Der untersetzte Mann, Gernot, Bürgermeister von Hirsdingen, nickte ihm unsicher zu, bevor er sich umdrehte und in die Ortschaft zurückeilte.

Silas seufzte, dann stieg er in den Sattel. Seine Muskete legte er quer über seine Beine. Es war immer dasselbe. Für die Drecksarbeit war er gut genug, aber in den Dörfern wollte man ihn nicht sehen. Sein Magen knurrte. Vielleicht besaß die Hexe etwas Vernünftiges zu essen. Wenn er sie schon töten musste, wäre es eine Schande, ihre Vorräte verkommen zu lassen. Silas fasste sich an den Bauch, fühlte unter seinem Umhang aber nur seine hervorstehenden Rippen. Er hatte bereits zu viel Gewicht verloren wegen dieser verfluchten Kälte und der dadurch verursachten Hungersnot, die bereits das zweite Jahr anhielt. Hager war er zwar zeit seines Lebens gewesen, aber inzwischen war sogar der Stamm einer jungen Weide dicker als seine Beine.

Er ritt aus dem Wald hinaus und kam auf einen schmalen Weg, der entlang der abgeernteten Felder zu der Hexe Hela führte, die er töten sollte. Angeblich lebte sie an einem kleinen See, von dem der Bach gespeist wurde, der durch Hirsdingen floss. In dem Ort war eine Krankheit ausgebrochen, und nun brauchten die Bewohner einen Schuldigen. Alleinstehende Frauen boten sich als Sündenbock an. Selten vermochten sie Widerstand leisten, und man konnte auch gut ohne sie leben. Da sie zumeist ungelernt waren, fiel keine gelernte Arbeitskraft aus, wie es zum Beispiel bei einem Hufschmied oder Schreiner der Fall gewesen wäre. Erstaunlich war nur, wie oft die Menschen mit ihren Verdächtigungen tatsächlich richtig lagen und es dann, ohne es zu ahnen, mit wahren Hexen zu tun bekamen. Dieser hinterhältigen Brut, wie es das Hexenpack war, gelang es häufig über Jahre oder gar Jahrzehnte, sich erfolgreich zu verbergen. Es waren gute Zeiten für Hexenjäger. Seit die Hexenjagd zum Erliegen gekommen war, Kirche und Regierung nichts mehr von Magie wissen wollten, waren die einfachen Menschen bereit, viel Geld zu zahlen, damit man sie von dem Übel befreite.

Die Sonne sank hinter den sanften Hügeln, raubte dem Land den letzten Hauch von Wärme und veranlasste den Hexenjäger, seinen Umhang enger um sich zu schlingen. Nebelschwaden zogen über die Wiesen und Felder. Gespenstische Stille breitete sich langsam aus, je näher Silas dem Wald kam, in dem die Hexe lebte. Nur das leise Schlagen von Fledermausflügeln konnte er hin und wieder hören.

Schließlich zeichneten sich die Umrisse des Waldes in der schnell hereinbrechenden Nacht ab. Sobald der Hexenjäger die ersten Bäume erreichte, stieg er von Adele ab, befestigte die Muskete am Sattel, sodass er sie mit einem Handgriff lösen konnte, und zog den leicht gekrümmten Säbel mit den spitz zulaufenden Parierstangen. Er bevorzugte diese Waffe vor jedem Degen. Falls man eine Hexe erwischte, musste man sie so schwer wie möglich verwunden, da diese Biester die kleineren, wenn auch tiefen Stichwunden eines Degens ignorierten. Silas zog aus seinem Stiefel einen Dolch und hielt ihn in der linken Hand, dann trat er in den Schatten der sich leicht im Wind wiegenden Baumkronen. Adele folgte ihm auf einen unmerklichen Wink hin. So störrisch sie auch war, sie wusste, wann sie zu gehorchen hatte.

Der Weg ging nach wenigen Schritten in einen schmalen Pfad über, der sich auf den Bach zuwand, um eng an ihn geschmiegt im Dunkeln zwischen den Bäumen zu verschwinden. Ein Käuzchen rief einsam in der Nacht. Der Nebel verdichtete sich und zog in Schwaden in den Wald hinein, dessen Baumstämme fahlen Säulen gleich dicht an dicht standen. Das Mondlicht fiel wie Perlenschnüre durch das herbstliche Blätterdach und tauchte alles in ein düsteres Zwielicht. Silas packte seine Klingen fester. Ein Rascheln war in der Nähe zu hören. Er versuchte in der Finsternis etwas auszumachen, konnte aber nicht mehr als einen grauen Schatten, der geduckt vorbeihuschte, erkennen. Die Suche in der Dunkelheit stellte sich als keine gute Idee heraus. Der Hexenjäger wollte schon umdrehen, um die Suche bei Tageslicht fortzusetzen, da lichtete sich der Wald, und ein kleiner See, der seltsamerweise frei vom Nebel im Sternenglanz schimmerte, wurde sichtbar. Am gegenüberliegenden Ufer stand eine kleine Holzhütte, dicht an eine Trauerweide geschmiegt, deren lange Äste das Wasser berührten und die Hütte unter einem Vorhang aus Blattwerk verbargen. Aus einem schmalen Fenster drang gelbliches Licht und schien einsame Wanderer einzuladen, näher zu treten.

Silas steckte seine Waffen weg, nahm Adeles Zügel in die Hand und schritt, äußerlich gelassen, auf die Hütte zu. Ob es eine wahre Hexe war oder nicht, es war nie klug, seine Absichten zu früh zu verraten. Zudem schmerzte die Kälte in seinen Knochen. Vor zehn Jahren hätte er die Feuchtigkeit einfach abgeschüttelt, doch er musste sich eingestehen, dass auch Männer wie er nicht jünger wurden. Und an einem anstrengenden Kampf war er heute Nacht nicht mehr interessiert.

Adeles Hufschläge klangen dumpf auf dem angefrorenen Grasboden, der den See umgab. Langsam näherten sie sich der Hütte, hinter der sich ein kleiner Schuppen und ein sorgsam gepflegter Garten befanden, in dem Kräuter und Samen abgedeckt überwinterten.

Die Bewohnerin dieses einsamen Fleckchens schien ihre Ankunft bemerkt zu haben und spähte aus dem Fenster.

Silas befahl seiner Stute zu warten, dann ging er zur Tür und klopfte.

»Was wollt Ihr?« Eine hohe Stimme drang gedämpft durch das Holz.

»Ich bin ein Reisender. Mein Maultier lahmt, sodass ich den nächsten Ort nicht mehr vor Einbruch der Dunkelheit erreichen konnte. Ein freundlicher Wanderer empfahl mir, bei Euch um Unterschlupf und eine warme Mahlzeit zu bitten.« Silas klimperte mit dem Beutel an seinem Gürtel. »Ich werde Euch dafür natürlich entlohnen.«

Die Tür öffnete sich einen Spalt. »Zeigt mir die Münzen.« Eine schmale, feingliedrige Hand schob sich hinaus.

Der Hexenjäger drückte einige Kreuzer hinein, woraufhin sich der Türspalt weitete und er einer kleinen, zierlichen, aber wohlgerundeten Frau gegenüberstand. Silas konnte nicht anders, als die üppigen Rundungen ihrer Brüste, die sich unter dem leichten Leinenmieder abzeichneten, zu bewundern. Dann wanderte sein Blick zu ihrem Gesicht und blieb an den vollen, leicht geschwungenen Lippen hängen. Wie sie sich wohl anfühlen mochten? Weich und nachgiebig oder prall und fest? Ihrer abwehrenden Haltung und der Muskete, die sie quer vor der Brust hielt, schenkte er keine Beachtung. Trotzdem musste er sich vorsehen. Wieso sollte ein hübsches Ding wie sie alleine im Wald hausen, wenn sie an der Seite eines reichen Kaufmanns oder Gutsherren ihr Auskommen finden könnte? Es war die erste und wichtigste Regel eines Hexenjägers: Hüte dich vor schönen Frauen. Silas hatte diese Lektion viel zu oft schmerzhaft lernen müssen, und sie zu beachten, fiel ihm noch immer am schwersten.

»Ihr könnt im Schuppen übernachten. In einer halben Stunde gibt es Essen. Eintopf.« Ihre braunen Augen schimmerten golden.

Das war nicht gut.

Silas deutete mit dem Kopf auf die Muskete. »Die werdet Ihr nicht brauchen.«

Ihre Lippen verzogen sich zu einem belustigten Lächeln. »Das werde ich später entscheiden. Wollt Ihr Euer Maultier nicht absatteln? Ihr könnt es ebenfalls im Schuppen unterstellen.«

Silas nickte. Er fühlte sich unbehaglich, als er ihr den Rücken zudrehte. Aber noch durfte er sich nicht verraten. Erst musste er wissen, was sie war. Mensch oder Hexe?

Er führte Adele zum Schuppen. Als er die Tür öffnete, schlug ihm der beißende Geruch von Hühnerkot entgegen, doch außer ein paar Gartengeräten und dem vorbeihuschenden Schatten einer Ratte lag der Raum leer und erstaunlich trocken vor ihm. Er sattelte seine Stute ab und striegelte ihr staubiges, dichtes Fell. Anschließend massierte er die Ohren des Maultiers. »Es wird vermutlich laut werden, aber du kennst das ja, meine Kleine«, murmelte er, sein Kopf an ihre breite Stirn gelehnt.

Später ging er mit gemischten Gefühlen zurück in die Hütte. Die vermeintliche Hexe hatte bereits den Tisch gedeckt. Der schlichte Raum wurde nur durch das Feuer in der Kochstelle erhellt. An den Wänden befanden sich Regale mit Kochgeschirr und Vorräten. Getrocknete Kräuter hingen von der Decke und verbreiteten einen würzigen Duft, der es unmöglich machte, den Geruch des Todes wahrzunehmen, der womöglich unter der Oberfläche lauerte. Ein grob gezimmerter Tisch stand in der Mitte des Zimmers; in einer Ecke lud eine einfache Schlafstatt, die aus einem dicken Stapel Ziegenfell bestand, zum Verweilen ein. Insgesamt ein beunruhigend unverdächtiges Bild.

»Verratet Ihr mir Euren Namen, Herrin?«

Die Frau versicherte sich mit einem schnellen Blick, dass die Muskete noch immer neben ihr an der Wand lehnte.

»Hela.« Sie rührte bedächtig in dem Topf. »Es ist viele Monde her, dass mich jemand mit Herrin ansprach.«

»Ihr seid jung, so lange kann es nicht her sein.«

Sie lächelte tiefgründig.

»Ich bin Silas-Vivelin Ismalis.«

»Was führt Euch in diese Gegend?«

»Ich bin Jäger und auf dem Weg in den Schwarzwald, um dort meine Dienste anzubieten. In meiner Heimat sind nahezu alle Wildtiere den harten Wintern zum Opfer gefallen.«

Hela holte mit ihrem hölzernen Kochlöffel etwas von dem Eintopf aus dem Kessel und pustete, um es abzukühlen. Der köstliche Geruch von Karotten und Äpfeln stieg Silas in die Nase.

»Ihr tragt ungewöhnliche Waffen für einen Waidmann.«

»Auf einer solch weiten Reise muss man sich zu verteidigen wissen.«

»Hier benötigt Ihr sie nicht.« Sie kostete von dem Eintopf und nickte zufrieden.

Silas verstand die unausgesprochene Aufforderung, war sich aber zugleich der Gefahr bewusst, in die er sich begab, wenn er seine Waffen aus der Hand legte. Diese goldfarbenen Augen gefielen ihm immer weniger. Dennoch nahm er den Waffengurt ab und stellte seinen Säbel in die Ecke.

Sie lächelte ihn an, legte die Muskete in ein Regal und füllte dann zwei Schalen mit Eintopf.

Silas wartete, bis sie den ersten Bissen genommen hatte, doch wirklich sicher fühlte er sich auch dann nicht. Viele Hexen töteten mit Gift, leider waren sie oft gegen ihre eigenen Tinkturen immun. Bildete er es sich ein, oder belauerte ihn die goldäugige Schönheit und amüsierte sich über seine Sorgen? »Wie kommt es, dass so eine hübsche Frau alleine hier draußen lebt?«

»Mein Gemahl war ein Jägersmann wie Ihr. Dann wurde er von einem morschen Baum erschlagen.« Eine Träne kullerte über ihre Wange.

Verdammt, nicht hinsehen! Doch es war zu spät. Er war in die Falle getappt. Aus dem leichten Anflug von Mitgefühl, das Helas Tränen bei ihm hervorrief, wurde der unbezwingbare Drang, sie zu beschützen. Zudem verspürte er ein unbändiges Verlangen nach ihrem Körper. Hela war eine Hagzissa, für einen Mann die gefährlichste Hexenart! Sobald jemand Mitgefühl, Liebe oder eine andere positive Empfindung für sie verspürte, verstärkte die Hexe es um ein Vielfaches, sodass man in ihren Bann geriet. Einzig die goldenen Augen vermochten einen zu warnen. Zumindest wenn man nicht so leichtsinnig und überheblich war wie er, verfluchte sich der Hexenjäger. Seine Erfahrung hatte ihn zwar vor dem Hexenbann nicht schützen können, aber zumindest ein Teil seines Verstandes war unversehrt geblieben und vermochte seine Handlungen zu analysieren. Ich hätte sie gleich beim Anblick ihrer goldfarbenen Augen töten sollen.

»Wärst du so freundlich, den Tisch abzuräumen?«

Silas sprang sofort auf, nichts wünschte er sich mehr, als ihr zu gefallen. Außer sie zu töten vielleicht. Er sammelte das Geschirr auf. »Ich wasche es draußen am See.«

»Nein, später.« Sie fasste seinen Arm. »Schau mich an.«

Der Hexenjäger wollte sich abwenden, doch sein Kopf drehte sich zu ihr, als wenn ein zweiter Mann in seinem Körper wohnte, der nun die Kontrolle übernahm. Er beobachtete, wie sie die Schnüre ihres Kleides löste und es abstreifte. Ein dünnes Hemdchen schmiegte sich eng an ihren Leib und offenbarte mehr, als es verbarg. Die harten Spitzen ihrer Brüste zeichneten sich unter dem Stoff ab. »Komm her.«

Silas vermochte nicht, ihr zu widerstehen. Fast schon ehrfürchtig streckte er seine Hand nach ihr aus, streichelte ihre Kehle und fuhr über ihren Busen. Ein Stöhnen drang über seine Lippen. Seine Männlichkeit drückte gegen seine Hose.

Mit flinken Fingern zog sie ihm das Hemd über den Kopf, öffnete seinen Gürtel und zog seine Hose herunter.

Der Hexenjäger riss ihr das Hemd vom Körper und drückte sie an sich. Er konnte fühlen, wie ihre nackte Haut auf seinem Leib brannte und wie sich seine Lust steigerte, so sehr, dass er kurz davor war zu kommen, was sein Ende wäre. Nichts rief so starke Emotionen hervor wie der Liebesakt. Nichts würde ihr eine bessere Möglichkeit geben, ihn für immer an sich zu binden. Er musste etwas unternehmen. Doch wie konnte er, wenn ihre geschickten Finger ihn in den Wahnsinn trieben?

Als Hela ihre Lippen auf seine legte, konnte er fühlen, wie weich und nachgiebig sie waren. Aber als ihre Zunge in seinen Mund glitt, schmeckte er Fäulnis. Andere Männer hätten bereits zu sehr unter ihrem Bann gestanden, um es zu bemerken, Silas hingegen half es, ein weiteres Stückchen seines Verstandes zurückzuerobern. Er musste aber noch etwas durchhalten, den passenden Augenblick abwarten. Er ließ zu, dass sie ihn auf ihre Schlafstätte zog, die Beine spreizte und ihn in sich einführte. Keuchend rang er um Beherrschung.

Während Helas Finger die zahlreichen Narben, die seinen Körper bedeckten, nachzeichneten und sich ihr Leib unter ihm ekstatisch wand, kämpfte er weiter gegen ihren Bann an. Immer wieder rief er sich in Erinnerung: Hagzissas ließen ihre Opfer für sie arbeiten; benutzten sie, bis sie tot umfielen, um sich dann an ihrem Fleisch zu laben. Kein Wunder, dass sich niemand aus dem Dorf zu ihr gewagt hatte. Seine Hüften bewegten sich rhythmisch auf und ab. Er konnte nicht anders. Hela stöhnte wollüstig und bog sich ihm entgegen. Ihm blieb nicht mehr viel Zeit.

Dann war es so weit, mit all seiner Willenskraft riss er sich von ihr los, packte sie und schleuderte sie zum Feuer.

Sie schaffte es zwar, rechtzeitig auf die Füße zu kommen, torkelte aber einige Schritte nach hinten und trat dabei in die Flammen.

Ihr schriller Schrei brach den Bann, den sie um Silas gewirkt hatte. Doch noch war die Gefahr nicht ausgestanden. Im Kampf war eine Hagzissa den anderen Hexenarten wohl unterlegen, dennoch durfte man sie nicht unterschätzen.

Fauchend schritt sie auf ihn zu. »Dann nehme ich nur dein Fleisch.« Mit einem Kreischen sprang sie auf ihn los. Ihre Fingernägel verlängerten sich zu elfenbeinfarbenen, schimmernden Krallen, und ihre Lippen entblößten eine Reihe weiterer spitzer Zähne, die hinter ihrem menschlichen Gebiss hervorwuchsen. Ihre Zunge, die aussah wie die einer Schlange, schoss hervor.

Aber Silas war schneller. Er warf sich zu Boden, rollte zur Seite und eilte zum Kamin, wo er den Schürhaken packte, doch Helas nächster Angriff kam so rasch, dass er nicht mehr ausweichen konnte. Ihre langen Krallen kratzten über seine Brust, wo sie tiefe Furchen hinterließen, aus denen sofort das Blut schoss.

»Das könnte ich die ganze Nacht machen.« Die Schlangenzunge leckte das Blut von ihren Klauen.

Der Hexenjäger stieß grimmig hervor: »Genieß es. Es war deine letzte Mahlzeit auf Erden.« Er täuschte einen frontalen Angriff an, nur um sich dann zu ducken und der Hagzissa den Schürhaken in die Seite zu rammen.

Hela schrie gellend auf. Blut spritzte ihm entgegen, als sie sich losriss. »Das wirst du büßen.« Mit beiden Händen zerrte sie das Metall aus ihrem Leib. »Damit kannst du mich nicht aufhalten.«

Silas sah sie angewidert an. Dann sprang er auf sie zu, wirbelte sie herum, sodass ihr Rücken gegen seine Brust gedrückt wurde, packte sie mit einer Hand unter dem Kinn und brach ihr Genick. Sofort erschlaffte Helas Körper. »Damit aber schon.« Er atmete tief ein und ließ sie dann achtlos zu Boden fallen.

Die Kratzer auf seiner Brust schmerzten, bestätigten ihm aber, dass er noch lebte. Mit einem Anflug von Bedauern blickte er auf Hela hinab: Im Tod verwandelte sie sich wieder in eine unschuldig wirkende, junge Frau. Was für eine Verschwendung.

Seelenruhig durchstöberte Silas die Regale. Hela hatte offensichtlich nicht schlecht gelebt. Er würde seine Vorräte reichlich aufstocken können. Von Draußen konnte er das unruhige Stampfen von Adele hören, was ihn veranlasste, seine Suche zu unterbrechen. Das Maultier wurde ungeduldig, wenn es Kampflaute hörte und Blut roch. Er ging in den Stall und kraulte die Stute zwischen den Ohren, während sie ein paar kümmerliche Karotten verspeiste.

Aber er hatte noch etwas zu erledigen. Daher ging er noch einmal in die Hütte und hackte Helas Kopf ab. Dann befestigte er ihn so an der Weide, dass ihr langes Haar im Wind wehte und mit den Spitzen das Wasser berührte. Anschließend nahm er ihren Körper und hängte ihn an den Füßen auf. Es war ein mühseliges Unterfangen, aber er hatte in den umliegenden Dörfern gehört, dass die Menschen glaubten, eine Hexe wäre erst dann tot, wenn sie mit den Füßen nach oben hing. Ein gefährlicher Irrglaube, doch wenn es ihm einen guten Ruf als Hexenjäger, oder Hexenschlächter, wie manch einer ihn nannte, einbrachte, befolgte er selbst solch einfältige Wünsche. Morgen würde er nach Hirsdingen reiten und den Rest seiner Belohnung einfordern. Zuerst brauchte er allerdings Ruhe. Seufzend legte er sich in Helas Lager. Es war über eine Woche her, dass er in einem richtigen Bett geschlafen hatte. Ohne sich an den Blutflecken auf dem Boden und den Spritzern an den Wänden zu stören fiel er in einen tiefen Schlaf.

Hirsdingen lag in einer Senke direkt an einem Bach. Der Ort war in so dichten Nebel gehüllt, dass nur noch die Dachgiebel herausragten. Das Blöken von Kühen, die sich anscheinend vergewissern wollten, dass sie nicht allein auf der Welt sind, hallte über die Wiesen.

Silas saß auf Adeles Rücken und ließ die Stute mit losen Zügeln Weg und Tempo bestimmen. Oft wurde er gefragt, warum er sich mit einem hässlichen, sturen Maultier abgab, anstatt sich einen schönen, stattlichen Hengst zu kaufen. So wirklich wusste er auch keine Antwort darauf, es war einfach so passiert. Nachdem eine besonders hinterhältige Pythonissa den ihr hörigen Todesgeistern befohlen hatte, sein letztes Pferd zu zerreißen, war er in Tübingen auf den Markt gegangen, um sich ein neues Tier zu besorgen. Dort hatte er Adele entdeckt, und die Stute hatte es ihm gleich angetan. Der Händler war ihr stures Wesen und hässliches Aussehen leid gewesen, sodass sie am nächsten Tag beim Schlachter geendet wäre. Daher hatte sie Silas für wenige Münzen erstehen können. Er hatte es seither keinen Tag bereut. Sie war ausdauernd, ruhig, erstaunlich furchtlos und wich seitdem nicht mehr von seiner Seite.

Als er in den Ort hineinritt, war er sich der Blicke der Menschen, die aus den Fenstern starrten, nur zu bewusst. Die Muskete lag quer über dem Sattel, den Säbel trug er auf dem Rücken, und in seinem Waffengurt steckte eine Vielzahl an Dolchen und Messern in allen möglichen Formen und Größen. Die lange Narbe, die von seiner Stirn zur Wange verlief und so sein Gesicht in zwei Teile zu teilen schien, erschreckte die meisten Menschen mehr als der harte, kalte Blick aus seinen stahlgrauen Augen.

Vor der Hütte des Bürgermeisters hielt er an und stieg ab. Gernot würde nicht erfreut sein, ihn wiederzusehen. Er hatte den Mann in dem Glauben gelassen, dass er nicht wusste, wer er war und wo er wohnte. Der Hexenjäger hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, seine Auftraggeber und deren Umfeld zuerst auszuspähen, bevor er sich mit ihnen traf. Obwohl er am späten Nachmittag mit Gernot im Wald verabredet war, beabsichtigte er nicht, hier so viel Zeit zu verschwenden. Zwei Tagesritte von Hirsdingen entfernt ging das Gerücht um, dass drei Schwestern ihr magisches Unwesen im Süden trieben und die Menschen bereit waren, jedem eine ansehnliche Belohnung zu zahlen, der sie von der Plage befreite. Silas wollte dort sein, bevor ihm jemand anderes zuvorkam oder die Bevölkerung töricht genug war, sich mit echten Hexen anzulegen.

Nachdem er nur kurz angeklopft hatte, riss er auch schon die Tür auf. Bei dem Haus des Bürgermeisters handelte es sich um ein kleines, zweistöckiges Steingebäude mit Strohdach und Holzdecke. Im unteren Stockwerk gab es drei Räume, in deren Wohnstube sich Silas nun wiederfand. Auf dem Herd kochte zäher Haferschleim, ein wahrer Luxus in diesen Zeiten, und ein Wasserkessel steckte in den Kohlen. Um den Tisch herum saß die Familie. Zwei Mädchen, die sich im Sticken übten, und ein Junge, der an einem Holzstück schnitzte.

Gernot blickte erbost auf den Eindringling. Als er Silas erkannte, wich alles Blut aus seinem Gesicht. »Geht nach draußen«, befahl er den Kindern.

»Aber Vater!«, begehrte der Knabe auf.

Ein scharfer Blick brachte ihn zum Verstummen. Der Bursche nahm seine Schwestern bei der Hand – das kleine Mädchen fing dabei an zu weinen – und zog sie hinaus. Als er an Silas vorbei zur Tür hinausging, blickte der Junge Silas finster in die Augen.

Der hat Mut. Schade, dass er hier verkommt.

Gernot wartete, bis sich die Tür hinter den Kindern geschlossen hatte. Seine Frau trat an seinen Stuhl heran und umklammerte die Lehne so fest, dass die Knöchel ihrer Hand weiß hervortraten.

»Was wollt Ihr?«

»Die Hexe ist tot, und ich verlange meinen Lohn.«

»Wir waren heute Nachmittag verabredet. Dafür, dass Ihr Euch nicht daran gehalten habt, sollte ich Euch keine weitere Münze geben.« Der Bürgermeister gewann mit jedem Wort mehr Selbstsicherheit. »Wer sagt mir, dass Ihr die Hexe wirklich getötet habt?«

»Mein Ehrenwort. Ihr kennt meinen Ruf, sonst hättet Ihr mich nicht engagiert.«

»Das Wort eines Mörders.« Gernot spuckte ins Feuer.

Silas trat an ihn heran, zog ein Messer, prüfte dessen Schärfe mit der Spitze seines Fingers. »Wollt Ihr mir meinen rechtmäßigen Lohn vorenthalten?«

Die Frau des Bürgermeisters packte die Schulter ihres Mannes. »So gib ihm doch das Geld.«

»Was soll er denn tun?« Gernot schüttelte ihre Hand ab. »Ich muss nur einmal schreien, und das ganze Dorf steht vor der Tür.«

»Glaubt Ihr wirklich, dass ich Euch genug Zeit lasse, um auch nur einen Laut von Euch zu geben?« Silas balancierte das Messer auf der Spitze seines Fingers. »Oder Euren Kindern?« Mit einer kurzen Bewegung, die zu schnell war, um ihr folgen zu können, warf er die Klinge in Richtung Fenster, wo sie im hölzernen Fensterkreuz stecken blieb.

Von draußen war ein Schrei zu hören, und das Gesicht des Jungen, der heimlich hineingespäht hatte, war verschwunden.

»Das nächste Mal wird kein Holz dazwischen sein.«

Die Frau zitterte. Dann fasste sie sich ein Herz, ging zu einem Regal und holte aus einer Dose einige Münzen. Sie zählte den offenen Betrag ab und drückte Silas das Geld in die Hand. Ihr ganzer Körper bebte, und ihre Augen schimmerten feucht. »Nun geht«, flüsterte sie. »Kommt nie wieder.«

Silas verbeugte sich übertrieben tief und schritt zur Tür.

»Wartet!« Der Bürgermeister stand auf. »Ein Kurier hat einen Brief für Euch gebracht.« Er holte einen zerknitterten Umschlag aus seiner Westentasche.

Silas nahm ihn wortlos entgegen und verließ das Haus. Adele bemerkte seine Unruhe, als er auf ihren Rücken stieg, und trabte zügig aus der Ortschaft heraus. Erst nachdem die letzten Häuser schon nicht mehr zu sehen waren, hielt Silas an und betrachtete den Brief mit gerunzelter Stirn. Er kannte das Siegel, es gehörte Adele von Orvelsbach, seiner Stiefmutter, zu deren zweifelhaften Ehren er sein Maultier benannt hatte. Seit dem Tod seines Vaters hatte er keinen Kontakt mehr zu ihr gehabt und jeden ihrer Spione einfach getötet. Offensichtlich war er dabei nicht gründlich genug gewesen. Dann blickte er zum Himmel. Er konnte das Gefühl nicht loswerden, dass sich gerade eine düstere Wolke voll Unheil über seinem Kopf zusammenbraute. Fast glaubte er, sie sehen zu können. Dann brach er das Siegel und fing an zu lesen.

Dein Bruder ist verschwunden.

Man benachrichtigte mich, dass er eines Morgens nicht zur Andacht in Heidelberg erschien und sein Bett unberührt vorgefunden wurde.

Finde ihn!

Adele von Orvelsbach

2

Alte Wunden

19. Octobris, Karlsruhe

Die Kirchenglocken erklangen plötzlich mit einem lauten Getöse und schienen die Stadt daran zu erinnern, sich an Gottes Gebote zu halten. Icherios zuckte zusammen und durch die hastige Bewegung rutschten seine Füße auf den glatten Pflastersteinen weg, sodass er unsanft auf dem Boden landete. Obwohl die Sonne am klaren Himmel stand, hatte sich eine dünne Eisschicht gebildet, die den Boden in eine Rutschbahn verwandelt hatte. Fluchend rappelte er sich auf, strich seinen schmal geschnittenen, dunklen Gehrock glatt, aus dem die überlangen Ärmel seines weißen Hemds hervorragten, und fuhr sich durch die schulterlangen dunkelbraunen Haare. Mit einem flauen Gefühl im Magen beugte er sich herunter und hob seinen Hut auf.

Es führte kein Weg daran vorbei. Er musste in die Kanzlei, die den Ordo Occulto beherbergte. Nach seinem letzten Auftrag, bei dem er einen Serienmörder gestellt hatte, war nicht viel Zeit vergangen. Jetzt schien der geheime Orden der Rosenkreuzer, der sich mit der Erforschung übernatürlicher Phänomene beschäftigte, wieder etwas für ihn zu haben, was ihn nervös machte.

Mit beiden Händen betätigte er den Türklopfer, der die Form eines Basiliskenschädels hatte, und wartete. Doch nicht lang danach wurde die Tür einen Spalt geöffnet. Anselm von Freybergs listige Augen spähten nach draußen und erkannten den jungen Gelehrten. Dann wurde dieser auch schon gepackt und hineingezogen. »Jetzo, mein Jungchen, sei leise.«

Die Perücke saß wie üblich schief auf dem Kopf des alten, gebeugten Mannes. Puderflecken zierten seine Schultern und zogen ein feines Muster über seine dunkle Weste.

Der Chronist der Kanzelley zur Inspektion unnatürlicher Begebenheiten zerrte Icherios mit gehetztem Blick in die Bibliothek, die gleichzeitig als Arbeitsraum für alchemistische Experimente und als Ausstellungsraum für Skelette, ausgestopfte Tiere und in Alkohol eingelegte Präparate diente. Die hohe Decke des ehemaligen Ballsaales wurde von einer Reihe großer, metallener Rohre gesäumt, aus denen an manchen Stellen pfeifend Dampf entwich. Sie spendeten der Bibliothek eine wohlige Wärme, erzeugten aber auch die ungewöhnlich hohe Luftfeuchtigkeit, unter der die Bücher und Pergamente sich in weiche, nachgiebige Lappen verwandelten. Auf wundersame Weise verloren sie dabei jedoch nicht ihre Lesbarkeit.

Die Gebeine eines riesigen, urzeitlichen Ungetüms, vor denen sich Icherios bei seinem ersten Besuch erschreckt hatte, hingen noch immer vor der Eingangstür. Inzwischen war er den Anblick des gewaltigen Skeletts gewöhnt und beachtete es ebenso wenig wie die hoch aufragenden Regale und Pergamentstapel auf den Tischen. Helles Tageslicht fiel durch die prunkvollen Fenster, deren Schönheit auch die von innen befestigten Gitter nicht verbergen konnten.

Freyberg schloss die Tür und sperrte sie sorgfältig zu. Icherios hatte große Mühe, währenddessen nicht auf dessen prankengleiche, weiß behaarte Hände zu starren. Erst nachdem der Chronist auch den letzten Riegel vorgeschoben hatte, entspannten sich seine Gesichtszüge.

»Ist etwas geschehen?« Trotz seiner Unruhe vermochte Icherios seine Neugierde nicht zu bezwingen.

»Nur ein paar Feenkobolde.« Freyberg schnaubte. »Hartnäckige Biester, wenn sie einmal entkommen sind. Ich werde mich beim Lieferanten beschweren.«

»Lieferanten?« Der junge Gelehrte glaubte, sich verhört zu haben.

»Was glaubst du denn, Jungchen? Dass ich selbst durch die Wälder des Riesengebirges schleiche, um diese Kreaturen zu fangen?«

»Nein«, stotterte Icherios und lief rot an. »Ich habe mir darüber noch nie Gedanken gemacht.«

Der Chronist tippte ihm mit seinem runzeligen Zeigefinger gegen die Stirn. »Denken ist wichtig.« Dann ging er zu einem Tisch voller Pergamentrollen und Bücher. »Jetzo, ich habe ein Handbuch des Ordo Occulto aufgetrieben.« Er wühlte in einem Stapel Pergamente und holte ein kleines Büchlein hervor, das in dunkelgrünes Leder eingebunden war. Auf dem Buchrücken stand in hellroten Lettern Codex Nocturnus. Er drückte es Icherios in die Hand.

Neugierig betrachtete der junge Gelehrte die Hülle und schlug die erste Seite auf.

Den hochehrwürdigen Mitgliedern des Ordo Occulto überlassene Anweisungen zum Überleben von Begegnungen der übernatürlichen Art und ihrer Handhabung im Einklang mit den Grundsätzen der Rosenkreuzer.

Icherios widerstand der Versuchung weiterzulesen. »Warum habt Ihr mich hergerufen?«

»Der Ordo Occulto befiehlt dich nach Heidelberg, um ein Medizinstudium aufzunehmen.« Freybergs Augen funkelten.

Der junge Gelehrte konnte nicht verhindern, dass sich auf seinem Gesicht die Begeisterung widerspiegelte, die er in seinem Inneren verspürte. Ein Medizinstudium! Bis vor kurzem hatte er sich mit der Herstellung von Mottenkugeln seinen Lebensunterhalt verdient. Hin und wieder durfte er der Stadtwache bei der Aufklärung von Todesfällen zur Seite stehen und als billige Alternative zu einem ausgebildeten Arzt Leichen untersuchen. Ein Medizinstudium, sein größter Traum seit seiner Kindheit, hatte aufgrund seiner Armut in weiter Ferne gelegen. Bis zu dem Tag, an dem ihn sein Mentor Raban, ein uralter Vampir, den er zu dem Zeitpunkt noch für einen Menschen gehalten hatte, zur Kanzlei geschickt hatte, wo er Anselm von Freyberg, den Chronisten und Leiter dieser Einrichtung, kennengelernt hatte.

»Ich dachte, ich wäre ein Rekrut des Ordo Occulto und soll Aufträge für Euch erfüllen?«

»Ich brauche dich in Heidelberg.« Der Chronist fuhr sich unruhig durch die Haare.

»Eine neue Serie von Morden?«

Freyberg zögerte. »Nein.« Dann blickte er Icherios prüfend an. »Deine Ausbildung zum Mediziner kann sich als hilfreich für uns erweisen.«

Doch der junge Gelehrte war nicht bereit, sich so leicht ablenken zu lassen. »Das ist doch nicht die ganze Wahrheit.«

»Jetzo, Jungchen, wer bestimmt, was die Wahrheit ist?« Er hob mit einem Arm einen gewaltigen Stapel Bücher hoch, ohne das geringste Anzeichen von Anstrengung zu zeigen. »Du sollst deine Augen für mich in Heidelberg offen halten. Seltsame Dinge gehen dort vor. Menschen verschwinden.« Freyberg holte tief Luft. »Und dem dortigen Sitz des Ordo Occulto ist nicht zu trauen.«

Icherios lief ein Schauer den Rücken hinunter. Freyberg schickte ihn also wieder in eine ungewisse Zukunft, an einen Ort, an dem er Gefahren vermutete. Sein letzter Auftrag hatte ihn nach Dornfelde geführt, eine kleine Ortschaft im Nordschwarzwald, deren Bewohner – Vampire, Werwölfe und Menschen – von einem brutalen Serienmörder bedroht wurden. Er spürte, dass der Chronist ihm auch diesmal Informationen vorenthielt, aber die Aussicht auf ein Medizinstudium ließ ihn seine Bedenken in den Wind schlagen. »Wann soll ich abreisen?«

Unter dem Bücherstapel, den Freyberg zur Seite gestellt hatte, kam ein flacher Kasten aus dunklem Holz zum Vorschein. Er öffnete ihn, holte einen kleinen, dunkelroten Lederbeutel heraus, den er vorsichtig schüttelte. »Zur Mitternacht des übernächsten Tages. Du wirst im Magistratum, dem Sitz des Heidelberger Ordo Occultos, wohnen. Ich habe Auberlin, den Leiter der dortigen Außenstelle und dritten Schatzmeister des Ordens, bereits verständigt.«

»Warum in der Nacht?« Den jungen Gelehrten behagte der Gedanke nicht, in der Dunkelheit reisen zu müssen.

»Du wirst mit der Geisterkutsche fahren.«

Icherios blieb die Luft weg. Das klang nicht gut.

»Aufgrund des schlechten Wetters sind die gewohnten Reiserouten zu unsicher.« Freyberg löste die Schnüre des Beutels und zeigte ihm den Inhalt: ein rötlich-graues Pulver. »Folge der Straße, die durch das Durlacher Tor führt, bis zur ersten Wegkreuzung. Dort streust du das Pfauenblutpulver in einem Kreis um dich herum.«

»Das ist getrocknetes Pfauenblut?« Icherios fragte sich unwillkürlich, wie viele Tiere dafür hatten sterben müssen.

»Nein, das ist nur eine Bezeichnung.« Der Chronist seufzte. »Ich vergesse immer wieder, wie viel du noch lernen musst.«

Er zog aus einem Stapel aufgequollener Pergamente einen mehrfach gefalteten Zettel und drückte ihn Icherios in die Hand, der ihn beinahe angeekelt fallen gelassen hätte. Das Papier fühlte sich wie eine schleimige Schnecke an.

»Darauf befindet sich die Anleitung zur Herstellung der Substanz.«

Icherios überwand seine Abscheu, entfaltete ihn und begann, die verschnörkelte Handschrift zu entschlüsseln.

Zwei Teile gemahlene Pfauenfedern, ein Teil getrocknete und zerkleinerte Mäuseherzen, Brennnessel, Salz und Schwefel; vermengt in den letzten Strahlen der Sonne, entfaltet es seine Wirkung durch die Zugabe von vier Einheiten Mondlicht.

»Du wirst noch einiges davon anfertigen müssen, um genug für deine Reisen zu haben. Ich erwarte von dir regelmäßigen Bericht, persönlich.« Der Chronist blickte ihn ernst an.

Der junge Gelehrte war irritiert, warum sah der Chronist ihn so eindringlich an? Wusste Freyberg, was mit ihm los war, dass er seit Dornfelde kein Mensch mehr war? Vertraute er ihm nicht mehr? Er legte Zettel und Beutel auf einen Tisch, verschränkte die zitternden Hände vor seinem Körper. »Wieso wird sie Geisterkutsche genannt?«

»Ein Kutscher beging den Fehler, eine Hexe zu verärgern, und wurde von ihr verflucht. Seitdem ist er gezwungen, im Antlitz der Nacht die Straßen der Pfalz und angrenzenden Städte zu bereisen. Legenden ranken sich um ihn, da selbst gewöhnliche Sterbliche die Kutsche im Licht eines Blitzes sehen können.« Freyberg ergriff Icherios’ Hand. »Merk dir eines, Jungchen. Auch wenn dein Kopf voller Flausen ist, blicke ihm niemals in die Augen, oder du wirst des Todes sein.«

Icherios schluckte. »Wie finde ich ihn, wenn er nur im Blitzschein zu erkennen ist?«

»Der Kreis aus Pfauenblut wird es dir ermöglichen und den Kutscher zwingen anzuhalten. Die Reise ist schnell und sicher, vorausgesetzt du begehst keinen Fehler.«

Icherios steckte das Handbuch, die Anweisungen und den Beutel in seine Manteltasche. »Sollte ich sonst noch etwas wissen?«

Freyberg zögerte. »Sieh dich vor den Bewohnern des Magistratum vor.«

Der junge Gelehrte nickte und ließ sich schweigend nach draußen begleiten. Dabei bemerkte er, dass der Chronist ungewohnt nervös wirkte. Seine Hände fuhren fahrig in der Luft umher, als wenn er mit sich selbst streiten würde. Nachdem sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, blickte er sorgenvoll an dem Gebäude empor. Was würde ihn in der fremden Stadt erwarten? In dem Moment, in dem er sich zum Gehen wandte, öffnete sich die Tür erneut.

»Die Vorgänge in Heidelberg hängen eventuell mit den Narben an deinen Handgelenken zusammen«, flüsterte Freyberg ihm zu. »Mehr kann ich dir nicht sagen.«

Icherios stand wie erstarrt, nahm nicht einmal wahr, wie die Tür zufiel und ein lautes Quietschen erklang, als sie von innen verriegelt wurde. Erinnerungen, Ängste und Selbstzweifel, die er versucht hatte zu verdrängen, brachen mit Gewalt hervor. Gedankenverloren krempelte er seine überlangen Ärmel hoch und strich über die wulstigen Narben an seinen Handgelenken, die er sonst sorgsam verbarg. Die meisten Menschen sahen in ihnen die Male eines fehlgeschlagenen Selbstmordes. Für Icherios waren sie ein Andenken an die Todesnacht seines besten Freundes, Vallentin Zirker. Vor zwei Jahren war er schwer verletzt neben Vallentins blutüberströmter Leiche aufgewacht. Seitdem quälte ihn die Angst, dass er Schuld an dessen Tod trug oder ihn gar selbst getötet hatte.

Warum hatte Freyberg ausgerechnet jetzt angedeutet, dass er etwas von dieser Nacht wusste? Noch bei ihrer ersten Begegnung hatte er vorgegeben, aufgrund der Narben in Sorge zu sein, dass Icherios selbstmordgefährdet sein könnte.

Zorn brandete in ihm auf. Er war es leid, ständig wie eine Marionette nach dem Willen anderer zu tanzen. Wütend trommelte er mit den Fäusten gegen die Tür der Kanzlei. Es war schließlich sein Leben!

Doch es blieb still, und die Tür bewegte sich keinen Deut. Frustriert wandte er sich ab. Passanten waren stehen geblieben und tuschelten hinter vorgehaltener Hand. Es war Zeit zu gehen, bevor noch jemand die Stadtwache rief.

Zurück in seiner feuchten Kellerwohnung, die er von dem griesgrämigen Schreiner Meister Irgrim gemietet hatte, wanderte Icherios unruhig zwischen Bücherstapeln und alchemistischen Geräten auf und ab. Der Geruch von Schimmel, der sich durch Möbel und Bücher fraß, vermengte sich mit dem Gestank von Schwefelöl, Bleiessig und anderen Reagenzien, die er für seine Experimente verwendete. Eigentlich sollte er packen, aber die Erinnerungen an Vallentin und die neuen Fragen, die er sich wegen dessen Tod stellte, wühlten ihn zu sehr auf, um sich zu konzentrieren. Er blickte zu Maleficium, seiner zahmen Ratte, hinüber, die in ihrem aus Weidenzweigen gebauten Käfig ungeduldig hin und her lief und darauf wartete, dass er sie beachtete. Seufzend ging er zu seinem erbärmlich leeren Vorratsregal und holte eine Dose hervor, aus der er einen Streifen Trockenfleisch nahm. Dann öffnete er den Käfig und hielt dem Tier das Futter hin, das es gierig verschlang.

Maleficium hatte sich verändert, seitdem sie von diesem Trank, der Unsterblichkeit versprach, gekostet hatte: Die Augen leuchteten in einem dunklen Violett; außerdem hatte die Ratte eine Vorliebe für frisches, noch blutiges Fleisch entwickelt und war ein ganzes Stück gewachsen.

Nachdem Icherios das Tier gefüttert hatte, zog er seinen alten, angeschimmelten Koffer unter einem Regal hervor und begann einige Kleidungsstücke einzupacken. Das war der leichteste Teil, die Auswahl der wenigen Bücher und Gerätschaften, die er mitnehmen konnte, würde ihm viel schwerer fallen.

Ein Klopfen an der Haustür riss Icherios aus seinen Gedanken. Er hatte es sich angewöhnt, an die Tür zu stürmen, bevor Meister Irgrim sich die Treppe hinuntergewuchtet hatte und seine Besucher abfangen konnte. Zu oft war es vorgekommen, dass dieser Sendungen für Icherios in Empfang genommen und geöffnet oder Botschaften verschwiegen hatte. Auch dieses Mal war der Gelehrte schneller und für die Fettleibigkeit des geldgierigen, poltrigen Schreiners dankbar.

Ein kleiner, magerer Junge mit dreckverschmiertem Gesicht und Sommersprossen überbrachte ihm mit einem frechen Grinsen die Nachricht, dass er sich zur Abendstunde beim Anwesen von Raban von Helmstatt einzufinden hätte. Icherios drückte dem Burschen eine Münze in die Hand, ignorierte die gebrüllten Fragen seines Vermieters und kehrte in sein Zimmer zurück.

Was wollte Raban von ihm? Es konnte kein Zufall sein, dass er ihn zu sich bestellte, kurz nachdem er von seiner bevorstehenden Reise nach Heidelberg erfahren hatte. Ging es um die Geschehnisse während seines Aufenthalts in Dornfelde, die Maleficium und ihn so sehr verändert hatten?

Hatte Icherios früher nichts als Bewunderung für seinen Mentor empfunden, sah er ihn inzwischen mit anderen Augen. Es waren nicht so sehr Rabans Geheimnisse – er hatte Icherios nie verraten, dass er ein Vampir war – oder dass er den jungen Gelehrten ohne Warnung in ein gefährliches Abenteuer geschickt hatte, sondern etwas hatte sich in seinem Verhalten seit Icherios’ Rückkehr verändert. Manches Mal ertappte Icherios ihn, wie er ihn mit einem seltsamen Glitzern in den Augen abschätzend musterte. Auf Fragen nach dem Ordo Occulto und Rabans Verstrickungen in dessen Aktivitäten erhielt er nur ausweichende Antworten. Sollte er ihn tatsächlich besuchen oder vorgeben, dass der Bote ihn nicht erreicht hatte? Aber Icherios’ Neugierde war stärker. Auch wenn er nichts Gutes erwartete, wollte er wissen, warum ihn der Vampir zu sich zitierte.

Nachdem er seine Kleider gepackt hatte, begann Icherios mit der mühseligen Aufgabe, die wichtigsten Reagenzien, Tinkturen, Gerätschaften und Bücher zusammenzusuchen. Seine beiden Koffer boten kaum genug Platz für das Nötigste. So verging die Zeit bis zum Aufbruch für Icherios’ Geschmack viel zu schnell. Widerstrebend zog er seinen langen Mantel an, setzte die Brille mit den gelb getönten Gläsern und seinen drei Fuß hohen Kastorhut auf und sperrte Maleficium in seinen Käfig.

Als der junge Gelehrte aus dem Haus trat, heulte ein eisiger Wind durch die Gassen, der totes Laub aufwirbelte und den Obdachlosen die letzte Hoffnung raubte, die nahende Nacht zu überleben.

Icherios lebte in einer schmalen Seitenstraße am Rand von Karlsruhe. Die Stadt war erst im Jahr 1715 nach sorgfältiger Planung gegründet worden und erinnerte in ihrer Gestalt an eine Sonne, deren Straßen wie Strahlen vom Karlsruher Schloss ausgingen. Ihr einstiger Glanz ließ sich jedoch nur noch erahnen. Der Winter hatte seine Klauen den ganzen Sommer über nicht vom Land genommen und tiefe Spuren hinterlassen. Die von der andauernden Kälte der vergangenen Jahre verursachte Hungersnot weitete sich durch die anhaltenden Wettereskapaden aus. Aber die Menschen starben nicht nur an Hunger, sondern erfroren teilweise einfach auf der Straße, weil sie keinen ausreichenden Schutz fanden. Vor den Toren Karlsruhes brannten in den Hungerlagern die Feuer, doch die Holzvorräte schwanden rasch, und die Heimatlosen zündeten alles an, dessen sie habhaft werden konnten.

Gegen den Wind konnte Icherios’ schäbige Kleidung keinen Schutz bieten, sodass er zitternd und mit rot angelaufener Nase die nahezu zwei Fuß große, bronzene Glocke an dem massiven Eingangstor läutete. Kurz darauf erklangen die schlurfenden Schritte von Dred über dem Kiesweg, Rabans treu ergebenem, hinkendem Diener. Icherios war dessen schauderlichen Anblick gewohnt, sodass er nicht erschreckte, als die gekrümmte, bucklige Gestalt in der Abenddämmerung sichtbar wurde.

Es mutete seltsam an, diese gewählten Worte aus dem verzerrten Mund zu hören, doch der junge Gelehrte hatte gelernt, dass man sich nicht von Äußerlichkeiten täuschen lassen sollte. Hinter Dreds grausiger Fassade versteckte sich ein gebildeter Mann von nicht zu unterschätzender Intelligenz.

»Ich muss Euch unbedingt einen Brief von Sir Gallam zeigen«, sagte Dred mit unverkennbarer Aufregung in der Stimme. »Ihm gelang ein bahnbrechendes Experiment, indem er Oleum antimonii über mehrere Stufen reinigte und dann in der dritten Stunde des Vollmondes mit den sieben Elementen vereinte. Laut seinem letzten Bericht aus Indien wirkt es wahre Wunder gegen das Schwarze Fieber.«

Bis sie das Haus erreichten, waren sie so in das Gespräch vertieft, dass sie in der weitläufigen Eingangshalle weiterdiskutierten, bis Louise, Rabans Hausmädchen, sie unterbrach und Icherios aufforderte, ihr zu folgen.

Der junge Gelehrte lächelte ihn aufrichtig an. »Es war mir wie immer ein Vergnügen, mit Euch zu plaudern.« Dann verbeugte er sich tief und folgte Louise durch einen breiten Gang in das Speisezimmer des Anwesens, dessen Wände von dunkelgrünen Stofftapeten mit goldenen Bordüren geziert wurden. An der hohen weißen Decke prangten üppige Stuckverzierungen, und die Ecken waren in helles Gold gefasst.

Icherios deutete auf den Kelch in Rabans Hand. »Blut oder Wein?«

Die Worte trafen Icherios in ihrer Unverblümtheit. »Ich hätte Euch nie davon berichten sollen.«

»Nun ist es zu spät«, erwiderte Raban ungerührt.

»Ihr habt mich gerufen?«

Als Icherios ihm nicht antwortete, fuhr er fort. »Was ist mit der Andreasnacht? Euch bleiben nur wenige Tage.«

Der Vampir stand auf und lief im Raum auf und ab. »Ihr werdet nicht allein leben. Heidelberg ist eine dicht bevölkerte Stadt. Denkt Ihr wirklich, dass Ihr in einem Studentenzimmer oder gar im Magistratum unbemerkt wüten und toben könnt, ohne dass jemand Fragen stellt?« Raban blickte ihn eindringlich an. »Ihr habt keine Ahnung, wie stark und blutgierig der Strigoi sein wird. Was, wenn Ihr ausbrecht?«

Raban schüttelte den Kopf. »Wollt Ihr das Risiko eingehen, einen weiteren Menschen zu töten? Könntet Ihr damit leben?«

»Mir liegt nur Euer Wohl am Herzen.«

Raban legte auf seltsam echsenartige Weise den Kopf schief und musterte ihn. »Auch Vampire können sich Sorgen machen.«

»Kommt wenigstens in dieser Nacht nach Karlsruhe zurück. Ich werde über Euch wachen.«

Doch Raban war offensichtlich nicht bereit, es damit auf sich beruhen zu lassen. »Am besten wäre es, wenn Ihr hierbleiben würdet, um an einem Heilmittel zu arbeiten, bevor Ihr Euch von Freyberg durch die Weltgeschichte schicken lasst.«

»Die Dinge haben sich geändert. Das wisst Ihr ebenso gut wie ich. Und glaubt Ihr wirklich, dass Freyberg nur Euer Bestes im Sinne hat? Auch er hat seine Geheimnisse.«

»Nun gut«, Raban senkte seine Stimme zu einem Flüstern. »Aber hütet Euch vor dem Leiter des Magistratum. Er und Freyberg sind alte Feinde. Lasst Euch nicht in diesen Konflikt hineinziehen.«