cover

Buch

Anfang 1525: Erik Graf von Eisenberg und Caroline, Ziehtochter seiner Frau Emma, sind auf dem Weg zu den Peitinger Besitztümern der Familie. Zur Mittagszeit kehren sie in einem Waldgasthof ein, wo sie auf eine Gruppe Bauern treffen. Die Männer sind alkoholisiert und versuchen Caroline zu vergewaltigen. Erik geht dazwischen, und es kommt zu einem Handgemenge. Die Bauern prügeln auf Erik ein, bis dieser leblos liegenbleibt. Dann stürzen sie sich auf Caroline. Kurz bevor die Männer ihr schändliches Werk vollenden können, kommt ein Fremder angeritten, der die Situation sofort erkennt und die Bauern durch gezielte Pfeilschüsse vertreibt. Carolines Retter, der sich als Johannes Lenker vorstellt, reitet mit ihr und dem schwer verwundeten Erik zu Burg Eisenberg. Doch trotz Emmas unermüdlichen Bemühungen stirbt ihr Mann an seinen Verletzungen. Emma ist untröstlich. Johannes erholt sich dagegen rasch von den Hieben, die auch er einstecken musste, und offenbart Caroline, dass er zum sogenannten Allgäuer Haufen gehört, der für die Rechte der Bauern kämpft. Johannes‘ Schilderungen fesseln und begeistern Caroline, zwischen den beiden entwickelt sich sehr bald eine tiefe Zuneigung, aus der eine leidenschaftliche Liebe wird. Und Caroline muss sich entscheiden, ob sie bei ihrer Ziehmutter Emma bleiben oder Johannes auf seiner Mission begleiten soll.

Autorin

Stefanie Kasper ist Mitte zwanzig. Sie stammt aus Peiting im Bayerischen Oberland und lebt mit ihrem Mann und ihrem Sohn im Ostallgäu. Gleich mit ihrem ersten Roman, »Die Tochter der Seherin«, gelang ihr ein großer Erfolg.

Weitere Informationen zur Autorin unter www.Stefanie-Kasper.de

Von Stefanie Kasper außerdem bei Goldmann lieferbar:

Die Tochter der Seherin. Roman (46581)

Der Eid der Seherin. Roman (46859)

Stefanie Kasper

Das Bündnis
der Jungfrauen

Roman

GOLDMANN_Seite3_28mm_1C_R_Reg.eps

1. Auflage
Originalausgabe Dezember 2011
Copyright © 2011
by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der
Verlagsgruppe Random House GmbH
Vermittelt durch die Literatur- und Medienagentur
Ulrich Pöppl, München
Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur München
Umschlagfoto: © Artothek / Ursula Edelmann; © FinePic, München;
© Trevillion Images / JOHN FOLEY
Redaktion: Regine Weisbrod
BH · Herstellung: Str.
Satz: DTP Service Apel, Hannover
ISBN: 978-3-641-06149-4

www.goldmann-verlag.de

In Liebe
für meinen Sohn Sam

Karte_kasper_Buendnis.pdf

Der Bauer
an seinen durchlauchtigen Tyrannen

Wer bist du, Fürst, dass ohne Scheu
zerrollen mich dein Wagenrad,
zerschlagen darf dein Ross?

Wer bist du, Fürst, dass in mein Fleisch
dein Freund, dein Jagdhund, ungebläut
darf Klau’ und Rachen haun?

Wer bist du, dass, durch Saat und Forst,
das Hurra deiner Jagd mich treibt,
entatmet, wie das Wild?

Die Saat, so deine Jagd zertritt,
was Ross und Hund und du verschlingst,
das Brot, du Fürst, ist mein.

Du Fürst hast nicht, bei Egg’ und Pflug,
hast nicht den Erntedank durchschwitzt.
Mein, mein ist Fleiß und Brot!

Ha! Du wärst Obrigkeit vor Gott?
Gott spendet Segen aus; du raubst!
Du nicht von Gott, Tyrann!

Gottfried August Bürger

Prolog

Der Nebel umfing ihren Körper wie eine feuchte zweite Haut, kroch ihr unter die Röcke, biss in ihre Kopfhaut und erkaltete ihr Herz. Man hatte ihr geraten, bei dem nasskalten Wetter unter Deck zu bleiben. Doch wie konnte sie das, da Erik nicht bei ihr war? Sie musste ihn suchen.

Graue Schwaden trieben vor ihr her. Sie hatte Mühe, die Hand vor Augen zu erkennen. Dumpfe Geräusche drangen durch den Nebel. In der Nähe waren die Seeleute zugange. Neben dem rhythmischen Gesang der Wellen, die gegen den Bauch des Dreimasters schlugen, hörte sie ein blechernes Scheppern, dann das schmatzende Geräusch eines in Spülwasser tauchenden Tuches, einen über den Boden gleitenden Besen. Wischte der Schiffsjunge etwa bei diesem Wetter das Deck?

»Erik?« Emma von Eisenberg wisperte den Namen ihres Mannes. Er brauchte sie. Feine Wassertropfen umsprühten ihr Gesicht. Mit roten, rissigen Händen fuhr sie sich über Stirn und Wangen, rieb sich die Augen, war dankbar für die dunklen Haarsträhnen, die ihr die Ohren wärmten, und die Kapuze, die den Kopf ein wenig vor Wind und Feuchtigkeit schützte.

»Endlich! Da oben hat jemand Erbarmen mit uns!«

Emma sah den Matrosen nicht, der freudig die Hand gen Himmel reckte und die ersten Sonnenstrahlen seit Tagen begrüßte. Aber sie hörte seinen Jubel und öffnete die Augen.

Tatsächlich, der Nebel lichtete sich. Emma stand ganz still, während das Schiff sich langsam aus dem Nebel schälte, der Tag sich immer deutlicher abzeichnete und ihre Umgebung an Konturen gewann. Unter ihren Füßen gewahrte sie abgewetzte, vom Alter gezeichnete Holzplanken, mürbe von der Feuchtigkeit und der unermesslichen Kraft der See.

»Schwester, habt Ihr fleißig gebetet, damit die Sonne uns wieder scheint, ja?« Der Schiffsjunge kam Besen und Eimer schwenkend auf sie zu und lächelte sie breit an. Seine dunkle Haut erinnerte Emma an fahrende Zigeuner.

Schwester?

»Berchtold, Junge, halt keine Maulaffen feil und lass die Nonne in Frieden! Jetzt, da der Wettergott uns wieder gewogen ist!«

»Ich muss mich sputen, Schwester. Solange der Nebel anhielt, konnte mir Friedrich nicht so genau auf die Finger sehen.« Er eilte in Richtung des Rufenden davon, drehte sich dann aber noch einmal zu ihr um. »Ich bin froh, dass Eure Gebete geholfen haben!«

Emma blickte an sich hinab. Sie trug das dunkle Habit einer Klosterschwester. Minutenlang verharrte sie unsicher auf dem Fleck, ehe sie langsam an die Reling trat. Die Haut unter ihren Nägeln wurde weiß, so fest umklammerte sie die bauchhohe Holzwand, welche die Menschen an Deck vom tosenden Meer trennte. Während sie auf die schäumenden Wellen hin­unterblickte, erinnerte sie sich.

Erik war fort. Er war gestorben und hatte sie zurückgelassen.

Doch dann hatte sie das Rufen seiner Seele vernommen und war auf die Reise gegangen, ihm Frieden zu bringen. Emma von Eisenberg krümmte sich wie unter Krämpfen, so groß war der Schmerz des Begreifens.

Die Bilder zerflossen, wurden fortgespült wie Muscheln im Sand bei steigender Flut. Emma erwachte. Zurück blieben Bruchstücke der Erinnerung, die dann und wann vor ihren Augen aufblitzten und ihr ein vages Gefühl grauenhaften Entsetzens einflößten.

1

»Wir haben, Herrgott noch eins, ein Recht auf unsere Weiden!«

»Ein Recht auf unser Wasser!«

»Auf unsere Brücken und Gruben!«

Caroline Gaiß und ihr Begleiter Graf Erik von Eisenberg wandten gleichzeitig den Kopf in Richtung der lautstarken Gesellschaft. Den einfachen Kleidern nach waren die fünf jungen Männer am Nachbartisch arme Bauern. Sie trugen schlampig vernähte Wollhosen, die ihnen nur bis knapp über die Knie reichten und an einigen Stellen bereits zerrissen waren. Caroline empfand jähes Mitleid. Obwohl der Winter bislang gnädig gewesen war und bereits früh den Rückzug angetreten zu haben schien, war es jetzt, Mitte Februar, noch immer empfindlich kalt. Bestimmt hatten die Männer deshalb Schutz in der gemütlichen Stube des Gasthauses gesucht, wo dicke Holzscheite im Kamin knackten und der Alkohol die Glieder wärmte. Der Dialekt der Männer klang fremd in Carolines Ohren. Vielleicht, so vermutete die junge Frau, handelte es sich um entflohene Leibeigene.

»Trunkener Mund verrät des Herzens Grund.« Erik prostete Caroline mit ernster Miene zu. »So ist es eben, nicht wahr, schon immer gewesen.« Er schien nachdenklich, während er trockenes Brot in die vor ihm dampfende Suppe brockte. Anders als die Bauern beschränkte er sich ebenso wie seine Ziehtochter auf süßen Beerenmost und frische Milch. »Man hört in letzter Zeit häufiger, dass die einfachen Bauern nicht länger bereit sind, mit ihren Forderungen hinter dem Berg zu halten.«

»Sie fordern Gerechtigkeit und haben jedes Recht dazu«, erwiderte Caroline leise, aber bestimmt. Ihr Vater war drüben im Württembergischen der Anführer eines Bauernaufstands gewesen. »Gaispeter« hatten die Leute ihn genannt, bis zu jenem Tag, an dem Vasallen des Grafen von Württemberg ihn grausam getötet und seine damals dreizehnjährige Tochter mit einem Kreuz auf der Stirn gezeichnet hatten. Die junge Frau schauderte bei der Erinnerung an die grässlichen Geschehnisse von damals.

Caroline reiste zusammen mit dem Grafen zu den Peitinger Besitztümern der Familie, da die Gräfin ihrer erkälteten Zwillingstöchter wegen zu Hause auf Burg Eisenberg geblieben war. Sie waren schon in aller Herrgottsfrühe aufgebrochen und rasteten nun um die Mittagsstunde in einem Waldgasthof nordöstlich des Dorfes Roßhaupten.

Während Erik den Marktflecken Peiting besuchen und auf der dazugehörigen, vom Geschlecht der Welfen erbauten Burg nach dem Rechten sehen wollte, würde Caroline sich um die kleineren und größeren Wehwehchen der Peitinger kümmern, um Kranke, Schwangere und Alte. Gräfin Eisenberg hatte sie im kundigen Umgang mit Heilkräutern unterrichtet.

»Genug der Frondienste!«

»Sollen sie selbst zusehen, wie sie ihre Felder bestellen!«

Die Rufe der trunkenen Bauern rissen Caroline aus ihren Gedanken. Die Stimmung in der Gaststube schaukelte sich hoch, so dass der Wirt sich veranlasst sah, seine Gäste zur Ordnung zu rufen. »Um Gottes willen, Herrschaften, so lasst doch das Gegröle und reißt euch zusammen!«

»Bring mehr Bier, Wirt! Wir sind durstig.« Einer der Männer stand ruckartig auf und warf dabei seinen Stuhl um. Mit einer heftigen Bewegung wischte er seinen leeren Krug vom Tisch. »Mehr Bier, sage ich!«

Der schmächtig gebaute Besitzer des Gasthauses blickte hilfesuchend umher, doch außer dem gut gekleideten Herrn und seiner jungen Begleiterin – beide viel zu noble Gestalten für seine einfache Schenke – war niemand anwesend.

»Das gefällt mir nicht.« Graf Eisenberg beugte sich zu Caroline, die ihm lieb war wie eine eigene Tochter. »Geh nach draußen und warte dort auf mich.«

Die junge Frau erhob sich widerspruchslos. Sie vertraute Erik und beurteilte die Lage ähnlich. Selbst im Grunde lammfromme Männer konnten im trunkenen Zustand gefährlich werden. Eilig verließ sie den Gastraum und atmete auf, als die Tür hinter ihr zufiel.

Über dem Türstock war der Zweig eines Ahornbaums angenagelt, um Hexen abzuwehren. Caroline bekreuzigte sich flüchtig, wie ihre verstorbene Mutter es sie einst gelehrt hatte. Selbst wenn sie, was der landläufigen Meinung zuwiderlief, längst nicht mehr an Hexerei glaubte.

Caroline trat zu den Pferden, zwei stolzen Schimmeln, die auf dem kleinen Platz vor dem Gasthaus angebunden waren. Die Tiere scharrten mit den Hufen auf dem harten Boden, der zwar frei von Schnee, aber noch immer gefroren war. Sie klopfte den Schimmeln die Hälse und lauschte auf Geräusche von drinnen. Nichts zu hören. Würde Erik eingreifen müssen? Ob es nötig werden würde, die Bauern zur Ordnung zu rufen? Trotz ihrer wachsenden Besorgnis spürte Caroline, wie ihre Blase drückte. Sie sah sich suchend um und entdeckte den Abtritt, einen windschiefen Bretterverschlag, ein wenig abseits an der Nordseite des Gebäudes. Das Wirtshaus lag günstig für Reisende, direkt an der Straße, dafür allerdings ein gutes Stück entfernt von der nächsten menschlichen Ansiedlung und somit recht einsam. Gleich hinter dem Verschlag begann ein ausgedehntes Waldgebiet. Die junge Frau inspizierte den Abtritt, rümpfte die Nase und beschloss, besser im Gebüsch ihr Geschäft zu verrichten, und verschwand hinter einer Reihe dicht gewachsener Jungtannen. Der Wind fuhr zwischen die Zweige der Bäume und bewegte sie sacht hin und her.

Erik in der Gaststube runzelte die Stirn. Ihm war aufgefallen, wie die wollüstigen Blicke der Trunkenbolde sich beim Hinausgehen auf Carolines wohlproportionierte Gestalt gerichtet hatten.

Der Wirt, der sich unterdessen weigerte, den Männern weiteres Bier zu zapfen, bekam es mit der Angst zu tun und warf dem Grafen flehende, beinahe klägliche Blicke zu. Erik stammte aus Finnland, wo er vor langer Zeit seine erste Frau und ihre gemeinsamen Kinder verloren hatte, ehe er über das Meer nach Bayern gekommen war. Dort hatte ihm das Schicksal an einem bunten Markttag einen rettenden Engel in Form seiner Frau Emma gesandt. Groß und blond, wie er war, konnte der Finne seine nordischen Vorfahren nicht verleugnen. Auch wenn seine Falten sich in den zurückliegenden Jahren in tiefe Furchen verwandelt hatten und sich längst dicke graue Strähnen in sein helles Haar mischten, war er noch immer eine imposante Erscheinung; dafür geschaffen, kleinere und schmächtigere Zeitgenossen das Fürchten zu lehren.

»Brauchst du Hilfe, Wirt?«, fragte er so laut, dass auch die Zecher seine Worte gut verstehen konnten. Der Mann nickte dankbar. Daraufhin warf Erik einige Münzen als Bezahlung auf die Tischplatte, erhob sich langsam und streckte sich zu voller Größe. Fünf Saufköpfe waren eine Herausforderung, der man sich nicht unbedingt alleine stellen sollte, zumal er nicht mehr der Jüngste war. Pass auf dich auf, versprich mir das! – die mahnende Stimme seiner Frau Emma klang dem Grafen im Ohr. Er hoffte, dass die Kerle trotz ihres Suffs noch genug Vernunft besaßen, es nicht auf eine Prügelei ankommen zu lassen.

»Meine Herren.« Erik baute sich vor den Bauern auf. Die blauen Augen funkelten. »Der Wirt wünscht, die Zeche zu kassieren. Woher immer ihr stammt – für euch ist es an der Zeit, zu Hause ein ausgiebiges Schläfchen zu halten.«

»Misch dich nicht ein, Großväterchen. Los, verschwinde!«, grölte einer der Männer und ließ ein trunkenes Lachen folgen. Graf Eisenberg schüttelte missbilligend den Kopf und wartete gelassen ab. Aus seinem unbewegten Gesicht war nichts zu lesen. Niemals hätte er sich eingestanden, dass ihm die angespannte Situation ein wenig Vergnügen bereitete. Schließlich war er einst ein Kämpfer in herzoglichen Diensten gewesen und scheute trotz seines Alters nicht davor zurück, die Burschen mit gezielten Fausthieben in die Schranken zu weisen. Wenn es denn sein musste.

»Schaut, wie der dasteht! Hält sich für was Besseres!«

»Und so feine Gewänder trägt der Herr. Hast es wohl auf eine Abreibung abgesehen, du Sohn einer räudigen Hündin.«

»Genau solche elenden Teufel sind es, die uns unser Vieh und unsere Felder wegnehmen! Solche wie der!«

»Ausbeuter!«

»Menschenschinder!«

Erik hörte sich die Beleidigungen eine Weile an, dann packte er den am nächsten sitzenden Mann am Kragen und schleifte ihn kurzerhand zur Tür. »Vergesst nicht zu bezahlen!«, rief er den verdatterten Bauern zu und stieß den Betrunkenen, der sich vergeblich zu wehren versuchte, mit dem Kopf voran in den Staub des Hofs. Der krabbelte auf allen vieren umher, ehe er langsam und schwankend wieder auf die Füße kam.

Das unerwartete Einschreiten des Fremden schien seine Kumpane zu ernüchtern. Ihre Mienen waren grimmig.

Der Wirt, zutiefst beeindruckt vom Mut seines hochgewachsenen Gastes, wagte nicht, sich den Betrunkenen in den Weg zu stellen und sie – des Geldes wegen, das sie ihm schuldeten – am Verlassen des Wirtshauses zu hindern. Die Männer hätten ihm gewiss eine gehörige Tracht Prügel verabreicht. So lautete das Los jedes Wirts, der sein Gasthaus außerhalb einer sicheren Stadt ohne Schutz und Reglement der städtischen Zunftverbände betrieb. Niemand sorgte für Recht und Ordnung, wenn man es nicht selbst tat oder wenn der bullige Rausschmeißer, den man jahrelang beschäftigt hatte, über Nacht plötzlich gestorben war. Hoffentlich würde den Fremden sein selbstloses Eingreifen nicht allzu teuer zu stehen bekommen.

Der Wirt wich den vier Männern aus, die geschlossen nach draußen stürmten, um dem hinausbeförderten Kameraden beizustehen. Mit zusammengekniffenen Augen und klopfendem Herzen beobachtete er, wie sie die Fäuste ballten. Das sah nicht gut aus für den feinen Herrn.

»Himmelherrgott, lasst dieses närrische Verhalten und geht nach Hause!« Erik sah sich von den fünf Trunkenbolden umringt. »Eine Mütze Schlaf, und die Welt sieht wieder ganz anders aus.«

»Das hättest du wohl gern, mit ein paar wohlgesetzten Worten davonzukommen.« Der Mann stieß geräuschvoll auf. Ein ekelerregender Geruch nach Bier und Wurst hing kurz in der Luft. »Packt ihn!«

Graf Eisenberg runzelte die Brauen. In seinem markant geschnittenen Gesicht war keine Furcht, durchaus aber Besorgnis zu lesen.

Der erste Bauer schoss auf ihn zu und bekam seinen linken Unterarm zu fassen. Erik holte mit dem rechten Arm aus und verpasste dem Angreifer einen Fausthieb gegen das Kinn, der ihn taumelnd das Gleichgewicht verlieren ließ. Einen zweiten Mann erledigte er, indem er in einer fließenden Bewegung dessen Hinterkopf mit beiden Händen umfasste, nach unten drückte und ihm das angezogene Knie ins Gesicht rammte. Die Nase des Mannes brach mit einem knirschenden Laut. Er sank in sich zusammen.

Die übrigen drei Männer brüllten zornig auf und stürzten sich auf Erik. Trotz des Biergenusses waren sie erstaunlich flink. Dem Grafen gelang es, einen der Bauern abzuschütteln, da hatten die beiden anderen seine Arme schon umklammert und hielten sie ihm auf den Rücken gedreht fest.

»Ich sage es noch einmal: Verschwindet! Lasst es …« Ein gezielter Magenschwinger brachte Erik keuchend zum Verstummen. Er schnappte nach Luft. Die Bauern gaben ihm nicht die Zeit, sich von dem ersten Schlag zu erholen. Es folgten weitere Hiebe. Sie prasselten auf Bauch und Brust, und es kostete ihn große Anstrengung, nicht wie ein nasser Sack in sich zusammenzufallen. Auch die beiden zu Boden gegangenen Männer hatten sich wieder hochgerappelt und schlugen auf ihn ein. Durch einen Schleier aus Schmerz nahm er eine Bewegung am Waldrand wahr und sah Caroline zwischen dunklen Tannenstämmen hervortreten. »Nicht, Mädchen, bleib, wo du bist!«, versuchte er sie zu warnen, doch seine erstickte Stimme trug nicht bis zum Waldrand.

Caroline blickte einen Moment lang wie erstarrt auf das Geschehen. Dann rannte sie los. »Ihr Saukerle!«, brüllte sie. Ihre Stimme klang schrill und wütend. »Nehmt eure dreckigen Pfoten von ihm!«

Die Bauern blickten halb erschrocken, halb belustigt auf die junge Frau, die wie eine Furie auf sie zustürmte.

»Deine Hure oder vielleicht das werte Töchterlein?«, raunte einer der Männer Erik zu. Sein schmutziges Lachen und die eindeutige Geste, die er mit den Händen vollführte, hätten den Grafen bange Furcht um Caroline empfinden lassen, wäre er von den Schlägen nicht so benommen gewesen, dass das Geschehen vor seinen Augen verschwamm. Er rang mit den beiden Kerlen, die noch immer seine Arme festhielten, doch es gelang ihm nicht, sich aus ihrem Griff zu befreien. Die Burschen waren in der Überzahl, und sie waren jung und kräftig. Kräftiger als er, wie er sich hilflos eingestehen musste. Erik begann seinen leichtsinnigen Wage­mut zu bereuen, als ihm klar wurde, dass er sich überschätzt hatte.

Seine Ziehtochter war indessen herangekommen. Zielsicher schritt sie aus und schlug dem Erstbesten hart ins Gesicht. »Was fällt euch Hundsfotten ein, den Grafen zu belästigen!«

Der Mann legte verdutzt eine Hand an die brennende Wange. »Das wirst du mir büßen, Weib.« Er sprach gefährlich leise. Caroline hob trotz der durch ihre Röcke eingeschränkten Bewegungsfreiheit das Knie und rammte es ihm ins Gemächt.

Die übrigen Männer konnten sich ein spöttisches Lachen nicht verkneifen, als ihr Kumpan sich vor Schmerz krümmte. Die frische Luft sorgte dafür, dass ihre Benommenheit abnahm und ihre Köpfe klarer wurden. Während die einen sich zu fragen begannen, ob es vielleicht vernünftiger wäre, die Sache auf sich beruhen zu lassen, hatte der von Caroline Angegriffene sie bereits gepackt und grob zu Boden geschleudert. »Haltet den Mann gut fest«, befahl er schroff, »während ich dem frechen Weibsbild Manieren beibringe.« Er warf sich halb auf Caroline, die durch sein Gewicht am Boden gehalten wurde, und fingerte am Verschluss seiner Hose. Die junge Frau strampelte wild.

Erik gelang es endlich, sich loszureißen. Doch ehe er Gelegenheit bekam, Atem zu schöpfen und sich nach Caroline umzusehen, wurde er von seinen beiden Häschern erneut in eine heftige Prügelei verwickelt. Er benötigte seine volle Konzentration, um die Fausthiebe abzuwehren, die von überallher auf ihn einkrachten. So entging ihm die Not seines Schützlings.

Caroline kämpfte verbissen gegen den Mann, der von seinen zwei Gefährten lautstark angefeuert wurde. Sie gewahrte, dass der Graf in einen harten Kampf verwickelt war, und wagte deshalb nicht zu schreien, um Erik nicht im entscheidenden Moment abzulenken. Ihre Tritte und Schläge, mit denen sie sich zur Wehr zu setzen suchte, verpufften. Der Kerl schlug ihre zappelnden Arme und Beine zur Seite, als wären sie lästige Fliegen. »Gleich werde ich es dir so richtig besorgen«, kündigte er an. Sein schwerer Körper nahm ihr die Luft zum Atmen.

»Gott hilf«, murmelte sie und versuchte unter dem nach Schweiß und Alkohol stinkenden Bauern einen klaren Kopf zu bewahren. Wenn nur die Furcht sich nicht wie eine ­klauengekrümmte Hand in ihr Herz gekrallt hätte.

Als sie einen kurzen Blick auf das entblößte Glied ihres Angreifers erhaschte, überraschte sie sich selbst mit ihrer Reaktion. Während der Mann sich noch an ihren Röcken zu schaffen machte, begann sie ihn zu verspotten. »Mein Schlag hat wohl gesessen!«, rief sie in der Hoffnung, ihn zu verunsichern, und beobachtete, wie das Gesicht des Mannes eine tiefrote Färbung annahm.

»Mach schon!«, feuerten die anderen beiden, nun doch bereitwillig jede Vernunft außer Acht lassend, ihren Gefährten an. »Zeig dem Weibsstück, wo der Hammer hängt!« Der Mann rieb hektisch an seinem Glied, doch es tat sich nichts.

»Der kriegt heute keinen mehr hoch.« Mit einem derben Lachen wandten sich die zwei Zuschauer ab. Es reizte sie mehr, sich in die Prügelei mit dem großmäuligen Grafen zu stürzen, der tapfer kämpfte und bereits einen ihrer Gefährten zu Boden gerungen hatte. Blut tropfte aus Eriks Nase und färbte Lippen und Kinn dunkelrot. Einen weiteren Mann hielt er im Schwitzkasten.

Die beiden Bauern verständigten sich mit stummen Gesten. Sauber an der Außenmauer des Wirtshauses aufgereiht standen mehrere leere Holzfässer. Sie nahmen eines davon hoch, näherten sich dem Grafen von hinten und zogen es ihm über den Schädel.

Carolines Lachen war verstummt. Während der Kerl über ihr weiterhin versuchte, sein Glied zum Stehen zu bringen, verfolgte sie mit weit aufgerissenen Augen, wie Erik sich nach dem feigen Angriff mühsam wieder auf die Beine kämpfte. Ungeachtet dessen prügelten die Bauern nun zu viert auf ihn ein. Der Graf schwankte wie ein Halm im Wind. Längst griff er nicht mehr selbst an, sondern versuchte lediglich, die auf ihn einprasselnden Hiebe abzuwehren. Das Gesicht von Eriks Frau Emma stand Caroline plötzlich vor Augen. Sie hatte bei ihrer Abreise von Eisenberg Sorge darauf gelesen. Und Angst.

»Hilfe!« Caroline begann endlich zu schreien. »Hilfe! So helfe doch jemand!« Dabei ahnte sie, dass es hoffnungslos war. Hier war niemand außer dem feigen Wirt und vielleicht noch einer Küchenhilfe. Die würden keinen Finger krummmachen, um sich nicht selbst in Gefahr zu bringen.

»Halt’s Maul«, knurrte der Mann, der sich auf sie gestürzt hatte, und legte ihr eine Hand über den Mund, während er mit der anderen nach ihren Brüsten unter dem Kleid grapschte. Sie hörte das ratschende Geräusch von reißendem Stoff. Kurz darauf bemerkte Caroline entsetzt, wie sich zwischen seinen Beinen nun doch etwas regte. Vergeblich versuchte sie, sich unter ihm hervorzurollen. Sein Gewicht hielt sie am Boden. »Hilfe!«, brüllte sie wieder, kaum dass er die Hand einen Augenblick lang von ihrem Mund genommen hatte, und sah im gleichen Moment Erik zu Boden gehen. Er stürzte so unglücklich, dass sein Kopf mit der linken Schläfe hart auf einen faustgroßen Stein schlug, und regte sich nicht mehr. »Erik«, flüsterte sie, und ihre feuchten Augen flackerten.

»Jetzt mach endlich die Beine breit, Täubchen.« Der Mann über ihr hatte ihre Röcke hochgeschoben und drängte ihre Schenkel auseinander. Caroline bäumte sich auf, versuchte sich mit aller Gewalt zur Wehr zu setzen, aber es fehlte ihr an der nötigen Kraft. Sie wandte den Kopf von Eriks reglosem Körper ab und erkannte aus den Augenwinkeln heraus den Wirt, der den Kopf aus der Tür des Gasthauses gestreckt hatte.

»So hilf doch, um Himmels willen!«

Auf ihren Ruf hin zog der Kopf sich eilends zurück und verschwand. Mit ihm war die einzige Chance auf Rettung dahin.

Zwar hatte der Wirt tatsächlich kurz erwogen, sich fortzustehlen und ins nächste Dorf zu laufen. Aber, zu diesem Schluss war er gekommen, bis dahin wäre es für das Leben des Mannes und die Tugend der Frau wohl längst zu spät. Nicht auszudenken zudem, was die besoffenen Kerle mit ihm anstellen würden, sollten sie sein Weglaufen bemerken und ihn einfangen.

Caroline schloss die Augen. Sie hörte auf zu strampeln, ihr Kampfeswillen erlosch. Sie spürte das pochende Glied des Mannes an ihrem Schenkel. Ihr war übel. Wenn es nur schnell gehen würde und die Schufte hinterher verschwanden, damit sie sich um Erik kümmern konnte.

Die Bauern hatten ihr niedergeschlagenes Opfer achtlos liegen gelassen und sich dem unter ihrem Kumpan angst­bebenden Frauenkörper zugewandt. Der Kampf und das Blut hatten sie erregt. Sie hatten den hochmütigen Adligen bezwungen. Die ungerecht verteilte Zahl der Kämpfer trübte ihr Triumphgefühl nicht. Mit Genugtuung betrachteten sie das Weib, welches recht ansehnlich war, so dass sie alle noch ihr Vergnügen mit ihm haben wollten.

Die junge Frau wartete darauf, dass es endlich geschehen würde. Blut rauschte ihr in den Ohren, und der abscheuliche Geruch des Mannes nahm ihr den Atem. Zuerst schenkte sie dem rhythmischen Geräusch keine Beachtung. Erst als es lauter wurde, erkannte sie die herannahenden Hufschläge eines Pferdes.

Johannes Lenker hoffte auf eine deftige Brotzeit, als er auf den Hof des Gasthauses zuritt. Momente später, beim Anblick des leblos am Boden liegenden Körpers und der Horde Männer, die ein wehrloses Mädchen bedrängten und offensichtlich im Begriff standen, es zu vergewaltigen, meinte er seinen Augen nicht zu trauen.

Er reagierte ohne Zögern. Noch im Sattel sitzend griff er nach dem gespannten Kurzbogen auf seinem Rücken und dankte Gott dafür, dass er die Waffe schussbereit mit sich trug. Augenblicke später surrte ein Pfeil über das Geschehen hinweg und bohrte sich hinter den Bauern in den frostharten Boden.

»Haltet ein!«, rief Lenker in befehlsgewohntem Ton. Ein weiterer Pfeil schoss durch die Luft und blieb ganz in der Nähe der Männer stecken.

»Scheiße, der kann mit dem Ding umgehen!«

»Mir wird die Sache zu heiß. Lasst uns abhauen!« Die vier Umstehenden nickten einander zu und gaben Fersengeld, sie stürzten in Richtung des Waldes davon. Lediglich der Mann auf Caroline war in seiner Gier blind gegenüber der Gefahr. Er würde seine Beute nicht entkommen lassen. Nicht jetzt, so kurz vor dem Ziel, wo er zwischen ihren Schenkeln lag und ihre krause Schambehaarung an seiner Haut kratzen fühlte.

Lenker, der nicht riskieren wollte, die Frau unter dem Vergewaltiger zu verletzen, ließ den Bogen fallen, warf sich im Laufschritt auf den Bauern und stieß ihn von seinem Opfer. Caroline verlor keine Zeit. Flink kam sie auf die Beine und stürzte zu Erik. Sein Gesicht war wächsern, das Blut darauf kontrastierte stark mit seiner bleichen Haut und ließ sie das Schlimmste befürchten. Mit den routinierten Griffen einer Heilkundigen fühlte sie ihm den Puls, horchte nach seinem Herzen – und das süße Gefühl grenzenloser Erleichterung durchströmte sie. Er war am Leben.

Lenker unterdessen drosch voller Zorn auf Carolines Angreifer ein und musste seinerseits schmerzhafte Hiebe einstecken. Ein harter Schlag traf ihn am Kinn, und Johannes fühlte, wie sich in seinem Kiefer etwas löste. Er barg den verlorenen Zahn unter seiner Zunge und kämpfte verbissen weiter. Die in aller Eile hochgezogene Hose wurde seinem Widersacher schließlich zum Verhängnis, als sie ihm mitten in einer Bewegung hinunter auf die Knöchel rutschte und ihn zum Stolpern brachte. Ehe Lenker recht begriff, was geschah, war das Mädchen bei ihm und trat mit seinen Stiefeln zornig gegen den liegenden Mann. Der kroch auf allen vieren davon.

Lenker, der ihn nicht entkommen lassen wollte, wurde von Caroline zurückgehalten.

»Bitte, wir müssen uns um den Grafen kümmern. Lasst den Schurken laufen – er ist Eurer Mühe nicht wert.«

Johannes sandte daraufhin dem Fliehenden, der sich hochgekämpft hatte und nun die Beine in die Hand nahm, einen derben Fluch hinterher und trat zu dem am Boden Liegenden.

»Er ist am Leben?«

»Ja, Gott sei es gedankt.« Caroline kniete neben Erik und horchte wieder auf seinen Atem.

»Von einem solchen Pack … lasse ich mich nicht ins Jenseits befördern.« Stöhnend erlangte Erik das Bewusstsein wieder. Seine Lider flatterten, dann öffnete er die Augen. »Caroline, Mädchen …« Er verschluckte sich und musste husten. »Alles in Ordnung?«

»Mir ist nichts geschehen«, beteuerte sie, und ihr breites Lächeln spiegelte ihre Erleichterung. Johannes betrachtete die Frau, ihre in Unordnung geratenen Kleider, das unter der Reisehaube hervorgerutschte wirre Haar, und fand sie schlichtweg bezaubernd. Wie der am Boden liegende Mann trug sie Gewänder aus gutem Stoff. Ob sie seine Tochter war? Am Anfang hatte er sie für ein Mädchen gehalten, tatsächlich mochte sie zwischen zwanzig und fünfundzwanzig Jahre alt sein. Vielleicht also sein Eheweib? Er bewunderte ihre Ruhe. Die meisten Frauen hätten nach einem solchen Erlebnis vermutlich Sturzbäche an Tränen vergossen. Sie aber kümmerte sich mit ruhiger Hand um den Verletzten. Unweit des Geschehens waren zwei Pferde angebunden, die nervös mit den Hufen scharrten. Aus den Satteltaschen ihres Schimmels holte die Frau einen Verband hervor, den sie ihrem Gefährten mit sicherer Hand anlegte.

Nachdem dies geschehen war, streckte Lenker dem Mann die Hand hin, um ihm aufzuhelfen.

»Lasst mich noch ein wenig liegen, bis das Surren in meinem Kopf nachlässt«, bat Erik.

»Der Boden ist viel zu kalt«, protestierte Caroline. »Wir bringen dich besser hinein.«

»Nein.« Der Graf beharrte darauf, sich an Ort und Stelle auszuruhen, woraufhin Caroline erneut zu den Pferden lief, um wenigstens eine Decke über ihn breiten zu können. »Er holt sich sonst den Tod«, murmelte sie und merkte dann, dass ihr Retter sie beobachtete.

»Danke.« Sie sah ihn an. Seine Augen waren von einem warmen Grün, durchbrochen von braunen Sprenkeln. »Ich weiß gar nicht, wie ich Euch danken soll.«

»Ich bin Johannes.« Er verweilte bei der Betrachtung ihres ausdrucksstarken Gesichts. Sie hatte Grübchen in beiden Wangen. »Johannes Lenker. Ein einfacher Mann nur.« Mit den Händen fuhr er an sich herab und wies sie damit auf seine schlichten Kleider hin. »Wenn ich helfen konnte, dann ist es gut.«

»Ihr sprecht, verzeiht mir, Ihr sprecht seltsam.« Caroline studierte ihn aufmerksam. »Und Ihr blutet aus dem Mund.«

»Ach, das ist nichts.« Gefangen vom Anblick dieser bemerkenswerten Frau hatte Johannes seinen unter der Zunge geborgenen Backenzahn völlig vergessen. Nun spuckte er ihn in seine offene Handfläche und drehte ihn zwischen den Fingern. »Einer weniger.«

»Lasst mich sehen.« Caroline trat zu ihm. »Es kann sein, dass …« Sie unterbrach sich und wandte sich zu dem Verletzten um. »Geht es, Erik?«, fragte sie besorgt. Dieser bejahte und lehnte es erneut ab, hinein ins Warme gebracht zu werden. Daraufhin dirigierte sie Johannes zu einem Baumstumpf. »Setzt Euch bitte. Ich werde sehen, was sich machen lässt. Mund auf.«

Wenig später hatte Caroline den verlorenen Zahn zurück in seine Kuhle gedrückt. Zwar saß er nicht sehr fest, doch blieb er vorerst an Ort und Stelle. »Kann sein, er wächst wieder an.« Sie lächelte. »Dürfte ich Euch bitten, uns nach Hause zu begleiten? Unsere Reise müssen wir nun ohnehin abbrechen. Graf Eisenberg«, sie wies auf den Liegenden, »braucht die kundige Pflege seiner Frau. Burg Eisenberg liegt kaum mehr als einen halben Tagesritt von hier entfernt.«

Lenker wollte der Frau gerade Antwort geben, da erspähte er durch einen Riss in ihrem Kleid ein sternförmiges Muttermal links oberhalb ihres Nabels. Ein Ruck ging durch seinen Körper, und seine Augen weiteten sich vor Erstaunen.

»Was habt Ihr?« Caroline sah, wie von einem Moment zum anderen die Farbe aus dem Gesicht ihres Retters wich.

»Ich …« Es drängte ihn danach, sie auf den Leberfleck anzusprechen. Doch war dies weder der rechte Ort noch die rechte Zeit. »Ich komme gerne mit Euch.« Johannes Lenker, der in das Dorf Denklingen unterwegs war, nickte. Ein oder zwei verlorene Tage, so sagte er sich, würden seiner Mis­sion nicht schaden. Sicher lag seine Zustimmung nicht daran, dass er die Begegnung, die ihn in Denklingen erwartete, aufschieben wollte. Vielmehr wollte er sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, mehr über Caroline herauszufinden, die ihn zutiefst beeindruckte.