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Inhaltsverzeichnis



















Danksagung

Victoria Hobbs, Julian Loose, Jean Vaché, Caroline Hill, Amelia Hill, Stephen Page, Rachel Alexander, Zoe Pagnamenta, Walter Donohue, ASB, Bomi Odufunade, Catherine Argand, Chris und Jen Hamilton-Emery, Denise Johnstone-Burt, Sam Edenborough, XB, Pip Pank, Anthony Thwaite, Professor Mary Beard, Cricklewood im Allgemeinen und die Company of the Luckless.

 

Baronessa Beatrice Monti della Corte für Bruce Chatwins Turm.

 

Drue Heinz für ein Gespräch am Comer See.

 

Eton College, Newnham College und Royal Literary Fund.

 

Professor Richard Jenkyns für gute Ratschläge über Harfen und Götter.

 

Terry Buckley. Es ist alles deine Schuld, weißt du.

 

Hannah, immer.

I

Aufzeichnungen für eine Doktorarbeit

Die Geschichte, so sagt man, wird von den Siegern geschrieben. In einem Fall ist dieser Gemeinplatz falsch. Die Spartaner waren einst Herren über alles, was sie überblickten, sie herrschten über Griechenland durch Schrecken und Krieg, doch sie vertrauten ihre Macht nicht Geschriebenem an.

Das geschriebene Wort ist uneigennützig. Bereitwillig gibt es seine Geheimnisse preis: Es richtet sich gleichermaßen an Freund und Feind. Die Spartaner überließen deshalb nur wenig seiner Obhut. Sie waren ein verschwiegenes Volk. Sie schrieben wenig, und auch von diesem Wenigen ist nur wenig erhalten. Die Schriften der Spartaner, die uns überliefert sind – Alkmans freudige Mädchenlieder, Lysanders prahlerische Inschriften –, sind nicht die fehlenden Teile des Puzzles, sie sind dessen einzige noch vorhandene Teile; das Puzzle selbst fehlt, und so wurde das Wesen des Puzzles – das Wesen Spartas – an sich zum Rätsel.

Es ist gewagt, über ein so wortkarges Volk fast ausschließlich Mutmaßungen anzustellen. Man könnte (beispielsweise) mutmaßen, dass unsere Ungewissheit den Spartanern Genugtuung bereiten würde, aber selbst darüber gibt es keine Gewissheit. Dass sie der Welt keine Erklärungen hinterlassen haben, würde sie nicht übermäßig bekümmern, denn was die Welt dachte, hat sie kaum interessiert. Sie waren ein Volk, das vieles tat und wenig sagte, und es wäre ihnen vermutlich angemessen erschienen, nicht nach ihren Worten, sondern nach ihren Taten beurteilt zu werden. Und dass die Geschichtsschreibung über sie auf wenig mehr beruhen würde als auf vagen Vermutungen, ähnlich meinen eigenen hier – dass ihre Geheimnisse gewahrt bleiben würden, auch über die zweieinhalbtausend Jahre hinaus –, das hätte sie vielleicht auch gefreut.

Würde es sie freuen, dass man sich überhaupt an sie erinnert? Wer mit ihnen umging, beschrieb sie als ein stolzes Volk. Niemand gerät gern in Vergessenheit. Die Neugier der Geschichte aber kennt kein Pardon, und Sparta ist so bedeutend, dass für den guten Historiker kein Weg daran vorbeiführt. Was überliefert ist, wird endlos nach dem Gold der Wahrheit abgesucht. Die Motive der Feldherren und Könige werden überprüft und nochmals überprüft, in Zweifel gezogen und zerpflückt. Die spärlichen Funde der Archäologie werden in ihrer Bedeutung überschätzt, zuweilen über jedes Maß hinaus. Und die uns bekannten Taten der Spartaner nehmen das Gewicht von Sagen an, so dass die Mythologie der Stadt heute von größerem Einfluss ist, als es ihre Archäologie vielleicht je sein wird.

Da ist zum Beispiel die Sage von der Schlacht bei den Thermopylen. Sie lautet folgendermaßen:

Vierhundertachtzig Jahre vor Christus zogen die Perser aus, Griechenland zu erobern. Ihr Heer war so groß wie ihr Reich, das sich vom Nil bis zum Indus erstreckte. So unvermeidlich war ihr Sieg, dass sich der Großkönig Xerxes mit seinen Leuten aufmachte, um seine Eroberungen selbst in Augenschein zu nehmen. Und so erdrückend war seine Macht, dass große Teile Hellas’, noch ehe er griechischen Boden betrat, Frieden schlossen und ihm Erde und Wasser darboten, Persiens Symbole der Unterwerfung.

Jene, die Widerstand leisteten, wurden von den Spartanern angeführt. Doch nur wenige wollten von einem Krieg gegen das Reich sprechen, und noch weniger waren bereit, ihren Worten Männer folgen zu lassen. Die Perser waren bereits weit nach Süden vorgedrungen, bis zum Thermopylenpass dreihundert Kilometer vor Sparta, ehe sich ihnen auch nur ein einziger Hellene entgegenstellte.

Die Thermopylen: Die heißen Tore. Seinen Namen verdankt der Pass schwefelhaltigen vulkanischen Quellen und drei Engstellen, den Toren. Es war eine tief liegende Straße, im Süden von Felsen überragt, im Norden zum Meer hin offen. Landeinwärts gab es nur endlose Berge, hohe Wälder und Felswände, Land, das für Ziegen taugte, aber für wenig mehr. Die Perser hätten andere Wege nach Süden finden können, hätten sie den Wunsch gehabt, danach zu suchen. Doch sie hatten ihn nicht. Sie brauchten ihn nicht zu haben. Sie wollten durch die Thermopylen, wo ihre Feinde sich gesammelt hatten.

Xerxes’ Feinde wurden von Leonidas befehligt, dem König der Spartaner. Er führte fünftausendzweihundert Griechen an, unter ihnen dreihundert Homoioi, jene Spartiaten, die ihr Leben ausschließlich der Übung und Praxis des Krieges widmeten.

Dreihunderttausend Perser standen den Griechen gegenüber. Über den Hellespont und westwärts hatte Xerxes eine noch größere Streitmacht aufmarschieren lassen: Seiner Vorhut folgte ein Heer von achthunderttausend Mann. Der Großkönig sah keine Notwendigkeit, seine volle Million gegen die wenigen an den Thermopylen aufzubieten. Seine Unsterblichen waren ja bei ihm, die zehntausend besten Soldaten seines Reichs.

Xerxes war gnädig. Drei Tage wartete er darauf, dass die Griechen den Pass freigeben würden. Doch sie taten es nicht. Seine Späher berichteten ihm, dass die Fremden eine verfallene Mauer instand setzten, die eines der Tore überspannte. Entgegen aller Wahrscheinlichkeit glaubten die Hellenen, an den Thermopylen Widerstand leisten zu können. Und noch etwas war da, etwas weitaus Verblüffenderes. Unter den Griechen gab es Männer in roten Umhängen, Männer, die sich keineswegs für die Schlacht rüsteten, wie die anderen es taten. Sie machten Leibesübungen. Man sah sie ihr Haar kämmen. Von seinen Kundschaftern erfuhr der Großkönig, dass es Spartaner waren. Sie schmückten ihr Haupt, so die Kundschafter, um sich auf den Tod vorzubereiten.

Als Xerxes dies vernahm, gab er den Befehl zum Angriff. Sein Zelt war im Hochland oberhalb der Thermopylen aufgeschlagen. Dort saß er, um dem Untergang seiner Feinde beizuwohnen.

Die Schlacht bei den Thermopylen währte drei Tage. Am ersten Morgen schickte der Großkönig seine Meder und Kissier aus, mit dem Befehl, die Griechen lebend gefangen zu nehmen. Die Griechen aber drängten die Perser zurück. Am Nachmittag zog Xerxes die regulären Truppen ab und schickte seine Unsterblichen vor. Auch sie wurden zurückgeschlagen. Dreimal sah man den König von seinem Thron aufspringen. Als die Nacht hereinbrach, stand die Mauer der Griechen noch immer.

Der zweite Tag begann, wie der erste geendet hatte. Der Großkönig saß auf seinem Thron und sah seine Männer sterben. Die Thermopylen wurden zum Schauplatz eines Gemetzels. An den Engstellen konnten die Perser ihre Soldaten nicht wirkungsvoll einsetzen. Die Schützen hatten Bogen, die so lang waren wie sie selbst, doch als sie anrückten, lagen die Griechen flach hinter ihrer behelfsmäßigen Mauer. Die persischen Fußtruppen waren wendig und geschickt, aber die Speere der Hellenen flogen weiter. Manchmal griffen die Männer mit den roten Umhängen in den Kampf ein. Manchmal schien es, als brächen ihre Linien, und sie stoben im Schrecken der Schlacht auseinander, um sich dann unvermittelt neu zu formieren – wie Trommelwirbel klang das Aneinanderstoßen ihrer Schilde – und die anstürmenden Perser mit ihren Speeren zu durchbohren.

Es war die Zeit der Sommergewitter. Die Tage waren heiß und unerträglich schwül. Nachts schimmerte der fast volle Mond durch den Regen. Die Perser waren weit weg von daheim. Ihre Haut war schlammverkrustet, ihr Haar verfilzt. Weiß blickten ihre Augen aus den geschwärzten Gesichtern hervor. Die Luft roch nach Urin, Schwefel und Ozon.

Am Nachmittag des zweiten Tages wurde ein Einheimischer zum Großkönig geführt. Er kenne, sagte er, einen Pfad durch die Berge. Über diesen Pfad könne der Großkönig, wenn er es wünsche, Männer ans andere Ende der Thermopylen schicken. Die Griechen würden in der Falle sitzen wie Wachteln im Netz.

Als die Dunkelheit hereinbrach, befahl der Großkönig seinen Unsterblichen, den Bergpfad einzuschlagen. Leonidas wusste von dem Pfad, und da er dessen Entdeckung befürchtete, hatte er tausend Mann zu seiner Bewachung abgestellt. Doch sie konnten der zehnfachen Übermacht nicht standhalten. Sie wichen in die Wälder zurück und sandten ihren Verbündeten die Botschaft, die Thermopylen seien verloren.

Alle, die heimkehren wollten, ließ Leonidas ziehen. Die meisten wünschten sich nichts sehnlicher und brachen, bevor der Feind sie umzingeln konnte, im Schutz der Dunkelheit auf. Die Spartaner aber gaben den Pass nicht preis. Und sie waren nicht die Einzigen. Vierzehnhundert Griechen kämpften unter dem König von Sparta weiter.

Als am dritten Tag der Morgen graute, kamen die Perser erneut von Westen herab. Die Schlacht war schon eine Weile im Gange, da sichteten die Griechen im Osten die Unsterblichen. Sie fanden nun nirgendwo mehr Schutz und zogen sich auf eine kleine Anhöhe zurück. Die meisten ihrer Speere waren bereits zerbrochen. Sie kämpften, bis ihnen die Schwerter aus der Hand geschlagen wurden. König Leonidas fiel. Dreimal brachten sie den Toten in Sicherheit. Sie kämpften mit Dolchen, Händen und Zähnen. Doch die Barbaren begruben sie unter ihren Geschossen. Bis zum letzten Mann wurden sie niedergemacht.

Nach der Schlacht befahl Xerxes, das Schlachtfeld nach dem Leichnam des Königs abzusuchen. Als man ihn fand, ließ er ihn schänden: Der Kopf des Leonidas wurde abgeschlagen und auf einen Pfahl gesteckt. Ohne Bestattung würde seine Seele niemals ins Totenreich eingehen. Dann zog der Großkönig mit seinen Truppen, seinen achtzigtausend Reitern und zwanzigtausend Wagenlenkern weiter ins Innere Griechenlands.

Die Schlacht, für die Sparta am besten in Erinnerung geblieben ist, war kein großartiger Sieg, sie war eine grandiose Niederlage. Und sie ist eines der frühesten Beispiele für die Macht des Märtyrertums. Als sich die Geschichte des Opfergangs bei den Thermopylen herumsprach, fassten die Griechen frischen Mut. Nur wenige ließen Xerxes von Neuem Erde und Wasser überbringen. Stattdessen rückten die Hellenen zusammen. Die persische Invasion ging weiter, und sie war fürchterlich – Athen wurde dem Erdboden gleichgemacht –, aber noch im selben Jahr, in dem die Thermopylen fielen, wurde die persische Flotte zerstört, und ein Jahr nach dem Tod des Leonidas sammelten sich die restlichen griechischen Truppen unter dem Oberbefehl der Spartaner. Bei der Schlacht von Plataiai stellten sie sich vereint den Persern entgegen und vernichteten sie.

 

 

Die Thermopylen. Eine gute Geschichte. Aber nur eine Geschichte. Boten fünftausend Mann dreihunderttausend Soldaten drei Tage lang die Stirn? Sprang der Großkönig dreimal von seinem Thron auf? Vertrieben die Spartaner dreimal die Perser vom Leichnam ihres gefallenen Königs? An all dem ist etwas Wahres, doch es bleibt vage. Herodot von Halikarnassos, der Chronist der Thermopylen, war nicht nur Historiker, sondern auch Geschichtenerzähler. Sein Bericht weist alle Merkmale eines Märchens auf. Wir finden darin nicht die Antworten, die die Geschichte verlangt. Was bewog die Spartaner, so fern der geliebten Heimat zu sterben? Warum gab ihr König sein Leben hin? Worin liegt die Bedeutung, die politische Bedeutung, worin liegt der menschliche Sinn der Inschrift, die sie hinterließen?

Wanderer, kommst du nach Sparta, verkündige dorten,
Du habest uns hier liegen gesehn, wie das Gesetz es befahl.

Das Sparta der Thermopylen ist uns durch eine Geschichte überliefert, nicht durch die Geschichte. Ein guter Historiker ist auch Skeptiker. Mit Geschichten kann er sich nicht zufriedengeben. Als einer, der eine Geschichte hört, muss er seinen Unglauben zurückstellen; aber als einer, der die Geschichte studiert, muss er vor allem den Glauben zurückstellen. In der Geschichte von der Schlacht bei den Thermopylen stirbt König Leonidas für die Freiheit Griechenlands. Die Historie aber zeichnet von niemandem ein so klares Bild. Die reine, einfache Wahrheit, so sagt man, ist selten rein und niemals einfach.

Würde es die Spartaner freuen, dass sie Fiktion geworden sind? Herodots Spartaner sind so radikal, so unergründlich, dass sie jede menschliche Proportion verlieren; sie werden zu einem einzigen monolithischen Ganzen, ohne Furcht und Hoffnung: Sparta.

So viele Fragen lässt Herodot unbeantwortet. Doch die Spartaner mochten es nun einmal nicht, Rechenschaft über ihr Tun abzulegen. Sie gaben keine Antworten. Sie kannten den Wert der Fiktion. Sie wären zufrieden.

 

Mitschrift eines öffentlichen Vortrags,
Cherwell Historical Society,
Ben Mercer, Oxford, 2003.