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SIKORA • ECHNATONS FRÜHLING

CLAUDIA SIKORA

Echnatons Frühling

Ein Kaleidoskop

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Die Herausgabe dieses Bandes erfolgte mit freundlicher
Unterstützung durch die
Stadt Wien und das Land Niederösterreich.

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A-9020 Klagenfurt/Celovec, 8.-Mai-Straße 12

Copyright © dieser Ausgabe 2015 bei Wieser Verlag GmbH,
Klagenfurt/Celovec
Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Emil Bleibtreu
Lektorat der englischen Texte: Helga Wagner
ISBN 978-3-99047-012-1

»Der Sinn des Lebens ist das Unvollendete«

Bruno Kreisky

Inhalt

PROLOG

1. Februar 2011

29. November 2013

4. Dezember 2013

5. Dezember 2013

7. Dezember 2013

24. Dezember 2013

29. Dezember 2013

7. Jänner 2014.

15. Februar 2014

GLOSSAR

PROLOG

Der Duft der Schatzsuche ist geblieben.

Den Schatzsucher hat das Kind später, erwachsen geworden, nicht mehr gemocht.

Aber damals, als der Duft der Schatzsuche aus einem dicken Buch mit bunten Bildern aufgestiegen war, erschien dem Kind Howard Carter als der glücklichste Mensch. Was er fand, wie er es fand, würde für immer unübertroffen bleiben.

Der Großvater hatte Bildbände zu Wissensgebieten gesammelt. Die Wissensgebiete interessierten ihn nicht, bloß die Bildbände, und so eignete er sich zufällig Wissen an, aus Vergnügen an dicken Büchern mit vielen Bildern.

Von der Weltumsegelung der Novara bis zu Darwins Galapagosaufenthalt – der Großvater war nicht wählerisch.

Allein das bilderreiche Buch über Maria Callas kaufte er wegen Maria Callas.

Das Kind verstand die Begeisterung des Großvaters für diese Frau nicht. Was er wohl an den schwarz geschminkten Augen schön fand?

Die Stimme, sagte der Großvater, die Stimme dieser Frau – unerreicht!

Der Großvater seinerseits verstand die Begeisterung des Kindes nicht.

Kleine Mädchen wollen doch nicht Schatzsucherin werden, wenn sie groß sind, sondern Prinzessin.

Das Kind aber wollte Schatzsucherin werden, und obwohl es dieses Vorhaben dem Großvater nicht glaubhaft machen konnte, brachte es ihn doch dazu, geduldig aus dem Buch über die größte und schönste Schatzsuche vorzulesen, die Sätze darin in eine für das Kind verstehbare Sprache zu übertragen und Fragen zu beantworten, wie beispielsweise:

»Was ist eine Revolution?«

Mutter und Großmutter etwas indigniert: Ob er, der Großvater es für förderlich halte, dem Kind Mumienbücher vorzulesen und die Präparierung königlicher Leichen zu erklären. Das Kind sei ohnehin viel zu blaß, weil es nie im Garten sei, immer nur im Haus mit Büchern, die Albträume erzeugen.

Das Kind protestierte. Der Großvater schloß sich dem Prostest des Kindes an, obwohl er sich von dessen Zukunft als Schatzsucherin nichts versprach.

Mumifizierungspraktiken, auch wenn sie nicht erbaulich wären, seien nicht anrüchig, sondern wissenswert.

Revolutionen! Ihre fünfjährige Tochter wolle wissen, was eine Revolution sei. Na, da wünsche sie ihrem Vater viel Vergnügen das zu erklären, jedenfalls seien Revolutionen dem Kind zuträglicher als ausgeweidete Leichen.

Die Großmutter versuchte es gütlicher mit dem Vorschlag, man könne dem Kind die Schätze näherbringen und die alte Religion, anstatt es über Mumien und Revolutionen aufzuklären.

Der Großvater aber klärte über Revolutionen auf.

Die altägyptischen Könige seien Stellvertreter der Götter auf Erden gewesen, die Lenkung des Landes sei vom König und von den Göttern zugleich gemacht worden.

Bei uns, heute, dreitausend Jahre später, sagte der Großvater, werde ein Land nicht mehr von Königen und Göttern gelenkt, sondern von einem Mann, den die erwachsenen Menschen zum Präsidenten wählen. Die Menschen suchen sich also den Mann, der das Land lenkt, selber aus.

Damals hätten sie den Obersten im Land nicht aussuchen dürfen, das war der König, und der war göttlich, und wenn er starb, wurde sein Sohn König, der auch göttlich war und so weiter.

Und als der alte Pharao Amenophis starb, sei dessen Sohn Echnaton König von Ägypten geworden.

Echnaton – Hier! Der Großvater zeigte im Buch auf einen steinernen Mann mit langem Gesicht und ernstem Blick.

Echnaton mochte die Götter seines Vaters, seines Großvaters und seines Urgroßvaters nicht, obwohl er selbst als neuer König der Stellvertreter dieser Götter auf Erden war.

Vielleicht, so meinte der Großvater, waren dem neuen König die Priester, die in den Tempeln zu diesen Göttern gebetet haben, zu mächtig und zu reich. Vielleicht waren für ihn die alten Götter zu weit weg von den Menschen, den Bauern, den Steinmetzen, Schreibern, Fischern.

Die Götterstatuen seien in den Tempeln in einem dunklen Raum aufgestellt gewesen, der Raum hieß »das Allerheiligste«. Dort hätten nur die Priester beten dürfen und der König. Die Menschen im ganzen Land mußten ihre Gebete draußen an der Tempelmauer sprechen.

Das Bilderbuch voller Tempel – große Anlagen aus Stein, labyrinthische Gänge, weite Wege bis in die dunkle heilige Kammer; ein Buch voller Goldschätze, fremder Gesichter, ebenmäßig und immer ernst; Tiere – goldene Kühe mit mächtigen Hörnern, schwarze Hunde mit spitzen goldumrandeten Augen und Ohrmuscheln, Katzen aus Alabaster.

Für den Pharao Echnaton – so der Großvater weiter – war allein die Sonne göttlich, weil es ohne Sonne kein Leben gibt. Er habe die Tempel der alten Götter zusperren lassen. Die Priester hatten keine Arbeit mehr. Und dann habe er viele Baumeister und Arbeiter beschäftigt, die ihm eine neue Königsstadt bauen sollten, mit offenen Tempeln, damit die Sonne überall hineinscheinen konnte.

Sein neuer Gott, der hinter der Sonne wohnte, hieß Aton, und er sollte für alle Menschen da sein und für alle Tiere. Zu den anderen Göttern durfte niemand mehr beten. Echnaton und seine Frau Nofretete waren nun die Stellvertreter Atons auf der Erde.

Das sei eine Revolution, wenn in einem Land auf einmal anders bestimmt wird und jemand neu anschafft, wie es weitergeht.

Tut-ench-Aton sei der einzige Sohn von Echnaton und Nofretete gewesen. Als seine Eltern starben, war er noch ein Kind und mußte nun ein großes Land regieren. Eine so schwere Aufgabe könne ein kleiner Bub nicht bewältigen, meinte der Großvater, also hätten sich die Priester eingemischt. Sie gaben dem jungen König, den Namen Tut-ench-Amun, damit nun alle Menschen wüßten, daß die alten Götter und der frühere Hauptgott Amun den Sonnengott Aton verdrängt hatten.

In Wahrheit hätten die Priester nur ihre Tempel zurückhaben wollen und ihren früheren Reichtum.

Die Königsstadt von Echnaton und Nofretete sei dann im Wüstensand verschwunden und mit ihr die Sonnentempel für den Gott Aton.

Das sei eine Gegenrevolution. Konterrevolution, ein Wort, das der Großvater leise aussprach und nachdenklich.

Bravo! – die Mutter im Vorbeihuschen.

Immer huschten diese Frauen rasch von hier nach da, waren, kaum aufgetaucht, schon wieder verschwunden, wie schwebende, uneindeutige Feen, stets ein sarkastisches Wort auf den Lippen. Bravo! Sie, die Mutter hätte es nicht besser erklären können.

Fünfjährige wüßten heutzutage, was eine Revolution ist – die Großmutter ihrerseits im Vorbeihuschen, und das Essen sei bald fertig.

Essen – ein gefürchtetes Wort, denn da hatten sich auf einmal alle gegen das Kind verschworen, sogar der Großvater.

Wovon dieses Kind lebe, von Luft und Mumienstaub? Wer wie sie, die Großmutter, in zwei Kriegen entbehrungsreich habe leben müssen und wisse, wie der Hunger sich anfühlt, der hätte kein Verständnis für dieses lustlose Stochern am Teller.

Und keine Sonne! Keine frische Luft!, wußte die Mutter anzufügen. Andere Kinder wären froh, wenn sie einen Garten zum Spielen hätten.

Eine Schatzsucherin müsse essen, fiel ihr der Großvater in den Rücken. Die Arbeit mit Schaufel und Spaten und Krampen sei schwer. Jeder Schatzsucher esse gut und viel.

Paprikahendl und Schulterscherzl, was der Großvater so liebte, eine Tortur. Kalbsbeuschel, die Hölle auf Erden!

Howard Carter habe, das wisse der Großvater genau – es stehe nämlich in dem Buch –, leidenschaftlich gern Kalbsbeuschel gegessen, seine Leibspeise, damit er wieder tüchtig schaufeln konnte. Ohne Kalbsbeuschel keine Auffindung von Tut-ench-Amuns Grabschatz!

Und ohne Sonne keine Revolution!

Der Großvater hatte heimlich große Glasmurmeln und silberne Zehnschillingstücke in der Sandkiste vergraben.

Er vermute einen Schatz ebendort.

Das Kind mochte die Sandkiste nicht – in der prallen Sonne stehen, die auf der blassen dünnen Kinderhaut biß; und das Kalbsbeuschel wurde im Mund immer mehr und mehr, ein unverwindliches Gummigebirge in einem zu kleinen Mund.

Tut-ench-Amun, so die Großmutter, habe gewiß lustlos am Teller herumgestochert, deswegen sei er so jung verstorben; selbst ein König müsse essen, sonst würde er verhungern.

Das Kind sagte, es werde auch eine Revolution machen, eine Gegen-gegen, damit die Priester in Ägypten dem Königskind nicht mehr vorschreiben können, welchen Namen es trägt, und damit es nicht essen muß. Denn das Königskind war bestimmt nur darum so früh verstorben, weil es Gummifleisch essen mußte und einen falschen Namen hatte.

Die Glasmurmeln waren wunderschön, kleine schimmernd bunte Welten in Glas verschlossen, wie Bernstein-bienen, doch etwas fehlte ihnen: das Türkis und Blau aus Tut-ench-Amuns Grabschatz; aber die hübsche Wachauerin mit der Goldhaube auf den Zehnschillingstücken war fast so schön wie Nofretete.

Ein weißes Baumwollhütchen zum Schutz gegen die Sonne am Kopf, stand das Kind mitten in der Sandkiste, schwang triumphierend Sandschaufel und Sieb; auch ohne Kalbsbeuschel war es stark genug gewesen, einen Schatz auszugraben.

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Mamsell liegt am Schafwollteppich, schläft. Traumlos.

Es ist still, nur ihre gleichmäßigen Atemzüge.

Heute nacht wird Ruhe sein. Heute nacht wird er nicht kommen. Keiner wird kommen. Wilhelm im oberen Stockwerk, schläft. Traumlos? Sind seine Atemzüge gleichmäßig?

Vielleicht kommt doch noch jemand – die Kröte aus dem Garten? Wilhelm gab ihr den Namen Lotte.

Das Nähzeug am Schreibtisch – ein fehlender Knopf, am Morgen eilig angenäht, und ein Nachtfalter hockt seit Stunden mit halb angezogenen Flügeln reglos am Fuß der Schreibtischlampe, seine taubengraue Musterung ein psychedelisches Zickzack.

Wilhelm war im grauen Fauteuil neben meinem Schreibtisch gesessen und hatte den Kopf geschüttelt; jeder denkende Mensch müsse das heutige Tagesgeschehen lausig finden. Dann ging er zu Bett.

Das Nähzeug liegt noch da. Die Weltkugel ist dem armen Atlas nicht von den Schultern gerutscht – noch nie bisher, an keinem lausigen Tag, und es gab lausigere Tage, seit er sich abschleppt mit der Welt.

Mamsell schläft am Teppich wie jede Nacht. Nur die Kröte läßt auf sich warten.

Bradley Manning leaked about 700,000 Iraq and Afghanistan battlefield reports and US State Department diplomatic cables in 2010 while working as an intelligence analyst in Iraq. He also leaked video of a US helicopter attack in Baghdad in which at least nine people were killed, including a Reuters news photographer.

Bradley Manning, sehr jung, sehr blaß, schmal, dünnhäutig. Fünfunddreißig Jahre Haft wegen Diebstahls und Spionage.

Ein dritter Anklagepunkt »Unterstützung des Feindes« wurde aufgehoben, da kein Feind aufzutreiben war.

»Man hat uns Verfolgungswahn angedichtet nach 68«, sagt Wilhelm.

Haben die Studenten von damals seit dem Jahr 1968 ohne Aussicht auf Weltveränderung recht?

Die Verschwörungstheoretiker stehen in noch schlechterem Ruf als die Esoteriker.

Mamsell ist riesengroß, so groß, daß sie ihren Schädel auf jeden Tisch legen kann. Ihr Gebell klingt wie eine Arie Sarastros.

Mamsell schläft. Wilhelm schläft. Von Lotte keine Spur, und der Falter reglos am Fuß der Lampe.

Hosni Mubaraks zweijährige Untersuchungshaft wurde heute aufgehoben.

He will remain under house arrest as he stands trial on corruption and murder charges.

Sein Haar frisch gefärbt. Er winkt im Gerichtssaal hinter Käfiggittern. Wem?

Gemäß ägyptischem Recht darf niemand länger als vierundzwanzig Monate in Untersuchungshaft verbleiben. – Ein offensichtlich verschleppter Prozeß. Vermutlich verbrachte er die letzten beiden Jahre in Sharm el Sheikh …

Heute ist der 21. August 2013.

Der Uroboros beißt in seinen Schwanz; die Ägyptische Revolution wurde im Kreis geschickt. Khaled Said ist seit dem 6. Juni 2010 tot.

Die Verschwörungstheoretiker werden mehr belächelt als die Esoteriker.

Was Wilhelm nicht wissen kann: Daß hier noch jemand ist, außer Mamsell und Lotte.

Eine abgekühlte Sommernacht, der Herbst nah, die Zinnien in voller Blüte, der Buchsbaumzünsler vorläufig ausgerottet. Das Gift heißt Calypso. Lotte hat keinen Schaden davongetragen.

Der Herausgeber des Guardian wird über einen Mittelsmann vom Britischen Premier David Cameron aufgefordert, sämtliche, von Edward Snowden erhaltenen Dokumente zu vernichten, Redaktion gefilzt, Festplatten konfisziert.

Wir sind in Wahrheit kaum schockiert, was Edward Snowden – auch jung, auch blaß, aber nicht so dünnhäutig wie Manning – uns zu erzählen weiß von Abhörspionage und Überwachung unserer elektronischen Gerätschaften, die unsere dienstliche Post erledigen, unsere persönliche. Angebote, Kostenvoranschläge, Reiserechnungen, Liebesschwüre, Eifersuchtsdramen, Beteuerungen, unsere Recherchen, Einkäufe, Vorlieben – alles bekannt, alles registriert.

Wir sausen mit Reiserechnung und Eifersuchtsdrama, mit elektronisch befüllten Warenkörben in die datengesammelte Verdachtsfalle, weil wir vielleicht einmal blauäugig wissen wollten wie der Molotowcocktail zu seinem Namen kam und eine Biographie über Ulrike Meinhof kauften.

Wir ärgern uns ein wenig, empören uns – ein wenig.

Snowden hat es rechtzeitig nach Moskau geschafft, andernfalls wäre auch er für die nächsten fünfunddreißig Jahre aus dem Verkehr gezogen worden wegen Diebstahls und Spionage.

Mamsell schnappt nach einer Fliege. Wir sind hier auf dem Lande. Die Schweineställe sind noch da, obwohl keiner mehr ein Schwein hält, folglich auch die Fliegen; und die Mittagsglocken zerrupfen die Anordnung der Knöchelchen im Gehörgang.

Besser jetzt nicht Asylant in Moskau sein, nicht Khaled Saids Mutter, aber auch nicht Bradley Mannings Folterknecht.

Mamsell schläft wieder ein, beginnt zu träumen. Ihr Traumgebell klingt wie leises Schluchzen. Ihre Läufe schlagen aus.

Mamsell erinnert an eine Löwin mit dem Gesicht Echnatons.

Breaking News – Giftgasleichen in Damaskus.

Der Demiurg findet alles lustig, den frisch gefärbten Mubarak als kleine Dreingabe und den gebrochenen Willen Bradley Mannings als Cartoon zum Schmunzeln. Die Welt hält alles aus, sogar den Demiurg, darin ist sie erprobt und nicht zimperlich. Die Verschwörungstheoretiker fallen unter eine wegwerfende Handbewegung. Der Weltschmerz zahlt sich nicht aus. Der Öffentlichkeit war schon immer alles egal. Moral ist vielleicht ein Zierrat, damit wir gut dastehen.

Wilhelm schläft und kann sich daher zum Giftgas in Damaskus keine Steigerungsformen von »lausig« einfallen lassen.

»Wir sehen die Realität nicht. Könnten wir sie sehen, wir würden sterben an dem Schock«, sagt er. Immer wieder sagt er es; wenn er in der Küche steht und Oliven aus einem Glas fischt, Mamsells Wasserschüssel frisch befüllt, an einem schwülen Abend auf der Terrasse, während er mich fragt, ob es mich stört, wenn er die Beine hochlagert, nachdem ich ihn gefragt habe, ob es ihn stört, wenn ich schon rauche, während er noch ißt. Er wird nicht müde es zu sagen.

– Wir würden nicht sterben an dem Schock, plötzlich zu wissen, was abläuft, weil wir keine Öffentlichkeit sind, nie eine waren. Bradley Manning und Edward Snowden hätten es sich sparen können, Kopf und Kragen und Willen und Freiheit zu riskieren, um der Öffentlichkeit die Machenschaften von Militär und Geheimdienst, der sich Sicherheitsdienst nennt, darzulegen. Schon Daniel Ellsberg hätte sich die Zores mit den Pentagon-Papers sparen können. Hat uns wirklich aufgeregt, wer den Vietnamkrieg begonnen hat?

Womöglich hat der Demiurg die Weltöffentlichkeit erfunden, vor der sich alle fürchten, der aber alles egal ist. Schließlich hat der Mann Humor.

Was Wilhelm nicht wissen kann: daß hier ein Mann aus einer Lehmziegelmauer fiel.

Wann war das?

Ich weiß es nicht mehr. Am 11. Februar 2011, als Hosni Mubarak gestürzt war und Omar Suleiman dies mit Grabesstimme verkündete und Wilhelm eine Sektflasche aufriß und ich mit Juchu und Hurra vors Haus lief mit meinem Sektglas?

Die Revolution zahlt sich doch aus! Es lohnt sich! Die ganze Menschheit ist erhoben worden mit der Erhebung des tunesischen Volkes, des ägyptischen Volkes. Wir haben unsere Würde wieder! Juchu und Hurra! – Vor dem Haus war es still, hinter den sieben Weinbergen schreckten Rehe. Wir sind hier auf dem Lande. Hier schreit man nicht Juchu und Hurra.

Hier fallen keine Männer aus Lehmziegelwänden. Hier ist niemand verrückt und schon gar nicht normal. Hier ist das Wort Revolution ein unübersetzbarer Begriff.

Wilhelm lachte, weil ich außer mir war vor Freude, er hätte wetten mögen, daß ich hinauslaufe mit Geschrei und Hurra.

»Dein Ägypten«, hatte Wilhelm gesagt, wie man zu einem Kind spricht, dessen sehnlichster Wunsch sich plötzlich erfüllt hat.

Zwischen Weinen und Lachen mit einem Glas Sekt in der Hand – mein Ägypten!

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Der erste demokratisch gewählte Präsident Ägyptens wird seit dem 3.Juli 2013 an einem unbekannten Ort festgehalten; daß er noch lebt, wird am 30. Juli von der EU Außenministerin Lady Ashton bezeugt, die im Hubschrauber dorthin gebracht wurde und selbst nicht weiß oder nicht wissen darf, wohin man sie flog.

Mohammed Mursi, Verlegenheitskandidat aus den Reihen der Moslembrüder tritt in der Stichwahl gegen Ahmed Shafik, den Verlegenheitskandidaten aus den Reihen der Mubarakisten an, gewinnt am 17. Juni 2012 die Wahl zum ägyptischen Präsidenten. Das für die Wahl zuständige Richtergremium läßt sich mit der Bekanntgabe des Wahlergebnisses Zeit.

Am 30. Juni 2012 wird Mursi vereidigt. Seine Präsidentschaft überlebt ein Jahr und zwei Tage.

Er steigt über die schlafende Mamsell, setzt sich in den grauen Fauteuil neben meinem Schreibtisch, lächelt.

»Mach das nicht wieder!«

»Was?«

»Über meine Mamsell steigen. Sie ist eine Dame!«

»Hat Dein Weltempfänger schlechte Kunde?«

Ist er also doch noch gekommen, heute nacht, der Mann der aus meiner Mauer fiel.

Ja, schlechte Kunde, mein Weltempfänger hat immer schlechte Kunde. Was sonst? –

Er macht ein Gesicht, als wollte er sagen: Hätte ich dir gleich sagen können, daß es so ausgeht.

Und wenn er Beweise für schlechte Kunde sehen will, so nur darum, weil es Bilder aus Kairo sind, neuerdings sparsamer Bilder aus Bengasi, Tripolis; er freut sich sogar über Bilder aus dem Gaza-Streifen. Er sagt, er kann die Luft atmen bei diesen Bildern.

Ich sage, er sei nur wegen dieser Bilder hier. Er sagt, nein, er sei meinetwegen hier. Schweigen.

Die Fotos über meinem Schreibtisch: das Kind im Faschingskostüm eines Leoparden, die Großmutter Anfang der Dreißigerjahre mit Nerzstola, Wilhelm im Filmkostüm eines Arbeiters.

Er verfolgt meinen Blick.

»Ein schöner Mann, Wilhelm«, sagt er.

»Ja«, sage ich, »ein schöner Mann, Wilhelm. – Hast du meine Kröte gesehen?«

Er zuckt mit den Schultern.

Eine Kinderzeichnung inmitten der kleinen sentimentalen Bildergalerie: Tut-ench-Amun aus einem alten Bildband abgezeichnet, den ich als Kind nicht oft genug ansehen konnte, der später meinem Kind zur Vorlage für diese Zeichnung diente.

»Wir haben nie über diese Zeichnung gesprochen«, sagt der Mann aus der Mauer.

Ich sehe ihn verwundert an. »Willst du darüber sprechen?«

Kopfschütteln.

Nein, wir sprechen darüber nicht. Seit er aus der Mauer fiel, sprechen wir darüber nicht. Kein Wort – es hätte mich auch gewundert.

Er überschlägt die Beine, hält ein Knie mit verschränkten Händen fest.

»Schau nicht so traurig! Nimm dir eine Zigarette. Ich sehe das gern wenn du rauchst. Ach, bitte!«

Endlich höre ich draußen Lotte über den Kies hüpfen.

»Wie schön«, sagt er, während Rauchgirlanden aufsteigen, als wären es schillernde Seifenblasen.

Alle haben mich gewarnt. Wilhelm hat mich gewarnt, Freunde haben mich gewarnt. Alle.

Nein, habe ich gesagt. Die Menschen in Ägypten, im Jemen, in Libyen, Syrien, Tunesien werden uns noch vorhüpfen, was Demokratie ist.

Wer war dieser griechische Angeber, der sich Demokratie auf den Schultern versklavter Menschen ausgedacht hat?

Sie hatten recht. Alle. Revolutionen sind nicht dazu da, mir eine Freude zu machen.

»Giftgas«, sage ich.

»Damaskus?«

»Ja. Viele Kinder.«

»Du hast dich an die Bilder von Kinderleichen gewöhnt.«

Was soll ich darauf sagen?

Er überschlägt die Beine andersrum.

»Bist du gescheitert?«

»Ja.«

Wilhelm sagt oft, sie seien nach 68 gescheitert.

Er verfolgt weiterhin die ondulierten Rauchsäulchen, wie sie zur Gewölbedecke steigen und sich dort verlieren.

Gescheitert mit der fixen Idee, die Menschen könnten sich erheben. Die Erfahrung von der Staatsmacht am längeren Ast hab ich abgetan. Es macht nichts, daß ich auf die Nase gefallen bin. In Damaskus, in Kairo, in Tripolis würde es mir mehr wehtun, wirklich wehtun, wenn ich noch am Leben wäre.

»Menschen, Schafe, Ziegen, Katzen. Tot. Wie der Vulkanausbruch von Pompeji. Damaskus. – Wann bist du aus meiner Mauer gefallen?«

Er zuckt mit den Schultern.

»Ach weißt du – ich und Zeit …«

Mamsell streckt die Glieder, stößt einen behaglichen Laut aus.

Er lächelt. »Du wirst dich wohl nie daran gewöhnen, daß sie mich nicht beachtet.«

Ich streiche über ihren Kopf, sie blinzelt, streckt nochmals die Beine, krümmt ihre Vorderpfoten, es sieht aus wie bei einer Katze, wenn sie ihre Krallen ausfährt.

»Du bildest dir was drauf ein, daß sie dich nicht beachtet.«

Wieder zuckt er mit den Schultern.

»Sieh doch nach.«

»Was soll ich nachsehen?«

»In deinen Mitschriften, Aufzeichnungen, Protokollen, was weiß ich, wie du deine schriftliche Sammlerleidenschaft nennst. Deine revolutionäre Sammlerleidenschaft. – Da!«

Er deutet auf einen Packen Papier. »Da, das hat dein Gerät neulich ausgespuckt.«

»Ausgedruckt«, sage ich.

»Ausgedruckt, meinetwegen.«

Ich beginne zu blättern.

Es ist der 20. Oktober 2011.

Die Bilder sind frisch, wie ich dem Bericht entnehme. Hier wird ein Mann zerfetzt, und am Ende der tote Rest dieser Zerfetzung aufs Trottoir geschmissen.

»… besser ein Mensch hätte so nicht gelebt …«

Kann man einen Menschen also einfach zerfetzen.

Es ist ein Unterschied, ob man grundsätzlich davon weiß, oder gerade vor einem verruckelten Bilddokument sitzt, das eine Zerfetzung wiedergibt.

»Zeig her!«

Er verfolgt die Bewegungen meiner Hände auf der Tastatur, nickt dann anerkennend, als er das Bild sieht.

»Sag bloß, er tut dir leid.«

Das Gerät wackelt ein wenig auf meinen Knien und das blutige Bild wackelt mit.

»Natürlich tut er mir nicht leid, aber daß da jemand zerfetzt wird, das tut mir leid – weh. Das Phänomen.«

Er lacht.

»Du bist wohl die einzige Person, die man mit Phänomenen kränken kann. Dabei hättest du ihn bestimmt selbst so zugerichtet.«

»Was willst du? Daß ich meine Hand für mich ins Feuer lege?«

»Die Wüste«, sagt er, während er näherrückt und auf den Bildschirm blickt. »Die Farbe der Wüste.«

»Du bist geruchlos wie die Wüste.«

»Was sollte ich sonst sein«, sagt er, »aber du riechst gut, nach einem teuren Parfum, das du dir nicht leisten kannst.«

Ich will protestieren. Er winkt ab. »Du kannst es dir nicht leisten. Sag jetzt nicht: Da haben sie gerade einen Menschen zerfetzt! Sag jetzt nichts Moralisches. Sag jetzt nichts Politisches! Politische Sätze stehen dir nicht. Sag etwas Sinnliches.«

»Denk dir mein Parfum stattdessen.«

Er klatscht in die Hände. »Na bitte! War doch gar nicht so schwer.«

»Hör mal!« Das Bild des zerfetzten Mannes in der Wüste ist am Bildschirm wieder erstarrt, voller Blut; klebrige Haare, verschwitzt, eine qualvolle Kapitulation. »Hör mal! Du bist doch nicht wegen meiner sinnlichen Sätze aus meiner Wand gefallen.«

Er rückt noch näher.

»Ich bin nicht wegen deiner sinnlichen Sätze aus deiner Wand gefallen, aber vielleicht bin ich aus der Wand gefallen, um dir deine angelernten Sätze abzugewöhnen!«

Wahrscheinlich möchte er mich jetzt am Kragen packen, so, wie er mich ansieht, aber wir packen einander nicht am Kragen, nicht an den Schultern, wir schütteln einander nicht, brüllen uns nicht an, wir fallen uns nicht um den Hals.

»Wir müssen wahre Sätze finden«, sagt er und sieht mich noch immer ziemlich wild an. –

»Wahre Sätze – die Frau, die das schrieb, hat auch gelogen.«

Er deutet mit spitzem Finger auf mein Gerät.

»Und du glaubst, aus deinem Weltempfänger da kommt die Wahrheit raus?«

»Nein«, sage ich, »wo sollte die Wahrheit schon rauskommen? Sie ist noch nirgendwo rausgekommen, schon gar nicht aus irgendwelchen wahren Sätzen, aber – Al Jazeera, mein Freund, allein das Wort: Al Jazeera. Klingt das nicht wie Samt und Seide?«

Er lacht. Würde er mich dabei nicht auslachen, könnte ich sein Lachen schön finden.

»Man wird sich doch noch aussuchen dürfen, wovon man sich manipulieren läßt«, sage ich.

»Du bist naiv, meine Liebe und hältst dich für schlau.«

Wahre Sätze, eine Verheißung, wie das Goldene Zeitalter, das Gelobte Land …

Woher hat er den Satz mit den wahren Sätzen? – Liest er heimlich meine Bücher?

Der Versuch, mir die Hysterie der Männer vorzustellen, die ihn zerfetzen, die Panik, die vermutlich mehr Triebkraft war, als etwas wie Haß: daß sie eben das begehrteste und unwahrscheinlichste Objekt dieses Krieges aus einer Betonröhre zerren, wie eine Ratte aus einem Schacht für Kloake. Wer rechnet damit?

Sie haben ihm die Pistole abgenommen und den Ehering. Wenigstens den Ehering hätten sie ihm lassen können. Vielleicht hängen sie ihn auch noch irgendwo verkehrt auf, wie den Duce, würde mich nicht wundern. Bloß das mit dem Ehering geht mir gegen den Strich, das ist etwas Persönliches, das gehört sich nicht.

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