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IVANJI • KAISER KONSTANTIN. DER DREIZEHNTE APOSTEL

Die Herausgabe dieses Buches erfolgte
mit freundlicher Unterstützung der Stadt Wien.

IVAN IVANJI,

geboren 1929 in Zrenjanin, in einer jüdischen Ärztefamilie.

Da hieß die Stadt Veliki Bečkerek, ab 1934 Petrovgrad, zur Zeit der deutschen Besatzung 1941 bis 1945 Großbetschkerek, nach dem Zweiten Weltkrieg wieder Zrenjanin. Liegt im Banat.

Einst Österreich-Ungarn, dann Jugoslawien, heute Serbien.

Turbulenten Zeiten, in denen er lebte und lebt. Verhaftet in Novi Sad, von März 1944 bis April 1945 in den Konzentrationslagern Auschwitz, Buchenwald und Arbeitskommandos von Buchenwald. Journalist, Verlagslektor, Dramaturg und Direktor mehrerer Theater. Veröffentlicht seit 1951, zuerst auf Serbisch, danach auch auf Deutsch. Zwanzig Jahre lang war er auch der Dolmetscher Titos.

Auf Serbisch erschienen 16 Romane, 3 Sammelbände mit Erzählungen, Essaybände, Dramen, Lyrik, Sachbücher. Ivanji hat viele seiner Bücher auf Deutsch neu geschrieben, sie unterscheiden sich zum Teil vom serbischen Original, einige Titel erschienen zuerst in der deutschsprachigen Version, der Autor hat sie nachträglich in der serbischen Sprache verfasst.

Aus dem Deutschen ins Serbische übertrug Ivanji: Günter Grass, Heinrich Böll, Bertolt Brecht, Milo Dor; aus dem Serbischen ins Deutsche: Danilo Kiš, David Albahari u. a. Lebt in Wien und Beograd.

IVAN IVANJI

Kaiser Konstantin

Der dreizehnte Apostel

Historischer Roman

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Cover unter Verwendung von
»Chaosminiaturen« von Wolf Vanderlendt.

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Copyright © dieser Ausgabe 2014 bei Wieser Verlag GmbH,
Klagenfurt/Celovec
Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Josef G. Pichler
ISBN 978-3-99047-001-5

Inhalt

I

Die armenische Legende

Gregor in der Grube

Die Vereinbarung zwischen König und Priester

II

Die Verkündung des Goldenen Zeitalters

Die Vermählung mit dem kleinen Mädchen

Die Schlacht an der Milvischen Brücke

III

Der Beste auf der Welt

Es gibt Wunder

Die schöne Constantia

IV

Ein Kaiser kann nicht glücklich sein

Vater und Sohn

V

Alles, was entsteht, ist vergänglich

Armenisch-persische Verhandlungen

VI

Der unsichtbare Gott offenbart sich

Der Krieg gegen Licinus

VII

Das erste ökumenische Konzil

Der Bischof aller Menschen außerhalb der Kirche

VIII

Fausta und Crispus

Der Purpurschal

Die Freveltat

IX

Helena in Galiläa

Pilgerfahrt und politische Ziele

X

Der kalte Herbst

Fisch und Adler

Das kleine Land zwischen zwei Weltreichen

XI

Die neue Hauptstadt

Das vollkommene Urprinzip

Die vier Krieger aus Porphyr

Die Kornschiffe verspäten sich

XII

Die Aufteilung des Reichs

Ein Tag der überraschenden Wendungen

Für alles bezahlen

Mobed, der persische Magier

Krankheit und Tod

XIII

Beisetzung und Epilog

Als Kind verstand ich das Wort Geschichte so, als bedeute es einfach Erzählung. Oder Märchen. »Papa, erzähl mir doch noch schnell vor dem Einschlafen eine Geschichte!« Dass die Geschichtswissenschaft angeblich dokumentarisch belegte Geschichten über die Vergangenheit erzählt, sollte ich erst viel später erfahren. Gustav Schwabs »Sagen des klassischen Altertums« habe ich früh gelesen und natürlich noch nicht gewusst, wie beschönigt, wie entmannt sie waren. Der Historiker beruft sich auf Quellen. Die können falsch oder widersprüchlich sein. Was der Held der Geschichte dachte und fühlte, weiß der gelehrte Professor für Geschichte erst recht nicht, selbst wenn autobiografische Schriften vorliegen, denn die hat ihr Autor bestimmt rechtzeitig zu eigenen Gunsten gefälscht. Wenn man Geschichtenerzähler und nicht Geschichtswissenschaftler ist, darf man sich jedoch herauspicken, was einem schmeckt. Dann nennt man das, was man zusammengebracht hat, einen historischer Roman.

Ende der Sechzigerjahre des vorigen Jahrhunderts bat mich der serbisch-deutsche Schriftsteller Oto Bihalji-Merin als Herausgeber einer großen illustrierten Zeitschrift, dreißig Seiten über den Diokletianpalast in Split zu schreiben. Er wollte ein Fotobuch herausgeben, mein Text sollte eine kleine Einleitung sein. Mit auf den Weg gab er mir die Anekdote, das Schloss Diokletians in Nikomedia, das in Flammen aufgegangen war, sei angezündet worden, um die Schuld den Christen in die Schuhe zu schieben und einen Grund zu haben, sie zu verfolgen. Das erinnere ihn an den Reichstagsbrand und das solle ich bitte miteinbeziehen.

Ich war jung, fing an zu forschen und kam zu dem Schluss, so einfach konnte das nicht gewesen sein. Zwar stellten die Christen damals einen politischen Faktor dar, Diokletians Frau Prisca und Tochter Valeria waren Christinnen, und einige Jahrzehnte nach dem Brand übernahmen die Christen das Reich dank Konstantin, der als »der Große« in die Geschichtsbücher eingehen würde. Konstantin war als Offizier in Nikomedia stationiert und erzählte später seinem Biografen Eusebius, es habe damals ein Blitz eingeschlagen, was aber nicht unbedingt wahr sein muss. Er hatte in der Nacht des Brandes dienstfrei, war nicht selbst im Palast, sondern … Die Geschichtswissenschaft weiß nicht, wo er in dieser entscheidenden Nacht wirklich war.

Mich reizte diese Geschichte. Ich gab den Auftrag, einen Einleitungstext zu schreiben, dankend zurück und begann etwas anderes. Einen Roman? Es sollten drei Romane werden und die Arbeit an ihnen zog sich über mehr als vierzig Jahre hin.

Konstantin war der außereheliche Sohn von Constantius Chlorus, einem Freund, Mitstreiter und später Mitkaiser Diokletians. Sollte ich erfinden, er sei eigentlich Diokletians Sohn gewesen? Das wäre übertrieben. Aber Diokletian, der nur eine Tochter hatte, zu unterstellen, er habe gedacht, der begabte junge Mann hätte sein Sohn sein können, das war erlaubt. Oder nicht? Als ich mit dem Buch über Diokletian 1973 fertig war, wusste ich, dass der Roman über Konstantin folgen würde und dass es am Ende eine Trilogie sein müsste, aber noch nicht, wie es weitergehen sollte.

Da wurde ich von den Schriftstellern Armeniens eingeladen, ihr Land zu besuchen. Fein. Am zweiten Tag sollten wir Sehenswürdigkeiten besuchen. Langweilig, aber man musste es höflicherweise über sich ergehen lassen. Ein kleiner Tempel. Römische Architektur. Gleich daneben eine beeindruckende Schlucht. Unsere Reiseführerin, eine freundliche armenische Dichterin, spulte ihre Kenntnisse herunter, ich hörte nicht besonders aufmerksam zu, aber da fiel mehrmals ein Name, der seltsam klang: etwa wie Trrr-Dat … Trrr-Dat.

»Meinen Sie Tiridates?«, fragte ich.

»Natürlich!«, freute sich unsere Begleiterin, dass ich Bescheid wusste.

»Über den habe ich in meinem Roman über Kaiser Diokletian geschrieben, Ihr Tiridates war ein Freund Konstantins des Großen, nicht wahr?«

Frau Dichterin nickte.

So kommt man zu Ideen. So fand ich den Zugang zu meinem Roman über Konstantin den Großen.

I

Die armenische Legende

»Wer hat eigentlich heute Morgen Dienst, Nuschriwana?« Tiridates, König von Armenien, stand im halbrunden Vestibül des nach römischem Vorbild errichteten Bades auf seinem Sommersitz Garni nahe der Hauptstadt Etschmiadsin.

»Da du nichts zu befehlen geruhtest, habe ich auf dich gewartet.«

Der König warf den Mantel ab, unter dem er nackt war, und betrat den Raum mit dem Bassin. Ein unterirdisches Rohrsystem, durch das Dampf geleitet wurde, erwärmte das Wasser, die ganze Anlage wurde von außen geheizt. Die Baumeister hatte Tiridates von Diokletians Hof geholt. Er setzte sich auf einen dreibeinigen Ebenholzschemel und überließ sich der alten Frau.

Sie begann mit Wassergüssen aus einer großen hölzernen Schöpfkelle.

»Du brauchst nur ein Wort zu sagen, und ich lasse sofort ein hübsches junges Mädchen holen.« Da der König weiter schwieg, fuhr sie vertraulicher fort: »Es tut mir leid, dass du schlechter Stimmung bist, mein König.«

Er winkte ab.

»Es ist mir einerlei. Alles ist mir einerlei. Ich nehme schnell ein Bad, auf Mädchen habe ich keine Lust. Du wirst mich ölen und massieren wie einst, nicht wahr? Du kannst es am besten.«

Der König, der meist entspannt mit seiner einstigen Amme plauderte, war an diesem Morgen überhaupt nicht gesprächig. Und sie wusste genau, was sie sich erlauben durfte. Sie betrachtete ihn mit unverhohlenem Stolz.

Tiridates war hochgewachsen, und obwohl er im fünften Lebensjahrzehnt stand, wirkte er wie ein Jüngling. Als junger Exulant war er seinerzeit sogar Sieger bei den Olympischen Spielen gewesen, und er hatte das tägliche Training auch als römischer General und nach dem erneuten Antritt der Herrschaft in seinem Vaterland beibehalten. Diesmal blieb er lange in dem warmen, von den aromatischen Salzen grünlichen und duftenden Wasser sitzen. Er kniff sich zerstreut in den Bauch: Die Fettschicht war zwei Finger dick. Einst waren seine Muskeln hart und glatt wie Marmor gewesen. Auf einer Pritsche aus Rohrgeflecht ausgestreckt überließ er sich der alten Frau, deren magere Hände ihn abwechselnd sanft und kraftvoll massierten. Plötzlich stand er auf, warf den Mantel um seine Schultern.

»Komm mit!«

Nuschriwana folgte ihm erstaunt.

»Dieses Mosaik magst du nicht besonders?«

Der König wies auf den Fußboden aus geschliffenen Steinen in fünfzehn Farben. Er zeigte Liebeszenen zwischen Göttern und Nymphen, Kentauren und Mädchen, aber auch zwischen Greisen und Jünglingen.

»Kommt es darauf an, was mir gefällt?«

»Die größten römischen Meister haben es für mich geschaffen!« Da sie schwieg, fuhr er finster fort: »Ein bisschen Luxus darf ich mir wohl leisten, wenn man mich schon in diese Einöde verbannt hat.«

»Gestattest du, dass ich etwas sage, mein König?«

»Wenn ich mich mit dir unterhalte, gestatte ich es nicht nur, sondern ich fordere es!«

»In Rom warst du in der Verbannung. Jetzt bist du in deinem Vaterland. Und wenn es wirklich eine Einöde ist, dann ist es an dir, einen Garten aus ihr zu machen.«

»Wenn es der Wunsch der Götter ist …« Die Alte schwieg. »Na gut. Meinetwegen deines Gottes. Ich weiß, dass du Christin bist. Du brauchst keine Angst zu haben, es gibt sie auch am Hof unseres Kaisers Diokletian.«

So schnell, dass sie ihm kaum folgen konnte, überquerte er das dreieckige Plateau. Zuerst dachte sie, er wolle die breiten Stufen zum Tempel des Sonnengottes Mithras hinaufsteigen, den sein Großvater von griechischen Baumeistern hatte errichten lassen. Der König aber ging weiter bis zum Rand des Abgrunds. Die Hochebene endete plötzlich, und dreihundert Meter unter ihnen toste der reißende Gebirgsfluss Aras.

Der Komplex aus Palästen, Tempeln und Unterkünften für Soldaten und Bedienstete war auf ziemlich engem Raum zusammengedrängt. Kaum hatte sich Platz für das römische Bad gefunden, ohne das Tiridates nicht leben wollte. Eingedenk seiner eigenen Kämpfe mit den Persern, aber auch ihrer Überfälle während vergangener Jahrzehnte und Jahrhunderte, hatte er den ganzen Komplex mit einem starken Wall aus gewaltigen Basaltquadern umgeben lassen, doch hier über dem steilen Abgrund war keine Einfriedung nötig. Diese Wände vermochte niemand zu erklimmen. Todesstrafen waren am einfachsten zu vollstrecken, indem man die Verurteilten hinunterstürzte. Blieb einer zufällig am Leben, konnte es nur der Wille der Götter gewesen sein.

Ein lauer Frühlingswind wehte Wolken über den Morgenhimmel, die Sonne brach durch. Auch jenseits der Schlucht ragten Berge auf, über ihnen kreiste ein einsamer Adler. Plötzlich tauchte in der Ferne aus dem Dunst der Ararat auf, der von hier aus nur selten zu sehen war. Meist waren seine zerklüfteten Gipfel von Wolken verhüllt.

»Das ist ein gutes Zeichen!«, sagte Tiridates, ohne sich umzuwenden. Er war sicher, dass die alte Sklavin schon herangekommen war.

»Wenn du es sagst.«

»Komm näher, wovor hast du Angst? Warst du mir nicht wie eine Mutter?« Er legte ihr den Arm um die Schultern und zog sie an sich. Ganz leise fragte er: »Dieser Gregor … ob er noch lebt?«

»Weißt du es nicht?«

»Ich weiß allerhand. Zum Beispiel weiß ich, dass du und einige andere Sklavinnen ihm zu essen bringt, und alles, was er braucht, in seine Felsenhöhle hinunterlasst, obwohl er wegen einer Verschwörung gegen die Götter dort eingesperrt wurde. Wenn ihr meine Anordnungen geschickt genug umgangen habt, lebt er vielleicht noch.«

Er ließ es geschehen, dass Nuschriwana sich aus seinem Arm befreite. Sie trat an den Rand des Abgrunds und straffte sich.

»Mir liegt nichts am Leben, König. Stoß mich mit dem kleinen Finger an, damit ich nicht mehr an deinen Absichten zweifle. Hättest du gewollt, dass er dort unten verhungert, konntest du uns leicht daran hindern, ihm zu essen zu geben. Wenn du dir den Finger nicht schmutzig machen willst, kann ich auch selbst hinunterspringen, denn ich weiß, dass die Engel meine Seele auffangen und zum Himmel hinauftragen werden.«

»Tu es noch nicht. Ich bin nicht sicher, dass deine Engel existieren. Natürlich weiß ich, dass ihr ihn auch mit Wein und sogar mit Büchern und Lampen versorgt habt. Ihr nennt ihn Illuminator, Erleuchter. Wenn es so ist – warum leuchtet er sich nicht selbst in der Dunkelheit?«

»Du kannst tun, was du willst, nur bitte ich dich, mich nicht zu verspotten.«

»Nein, Nuschriwana. Hör auf zu schmollen. Du hast recht, nirgends im Römischen Reich atmet man so leicht wie hier oben. Wir sind hier tatsächlich den Göttern näher. Auch deinem einzigen Gott. Soweit ich weiß, ist er doch ein Verwandter von Mithras.«

»Er ist der Herr, unser Gott, und wir haben keine anderen Götter neben ihm.«

»Lassen wir das. Sag mir lieber, wann du zum letzten Mal mit Gregor gesprochen hast.«

»Gestern am Abend, mein König.«

»Wie geht es ihm?«

»Ganz gut.«

»Heute Abend sagst du ihm, dass er sich bereithalten soll. Ich werde befehlen, dass er aus dem Loch geholt wird. Ich muss mit ihm reden.«

Er wandte sich zum Tempel, stieg einige Stufen hinauf und wandte sich wieder um:

»Nuschriwana!«

»Mein König?«

»Unter den Sklavinnen befindet sich eine neue, Ripsime mit Namen?«

Die Greisin schien unangenehm berührt.

»So ist es, Majestät.«

»Wie lange ist sie schon am Hof?«

»Man hat sie vor einigen Monaten hergebracht.«

»Das habe ich gehört. Man hat sie mir mit elf weiteren Gefährtinnen geschickt. Warum habe ich sie noch nicht in meinem Schlafgemach gesehen? Weil sie Christin ist und du sie vor einem Sünder wie mir beschützen willst?« Nuschriwana schwieg. Tiridates lachte: »Zum Nachtmahl will ich sie alle an meiner Tafel sehen. Sie sollen sich schön machen.«

Leichten Fußes stieg er zum Tempel hinauf, betrachtete den Fries, Girlanden wanden sich um Löwenköpfe, Ornamente in Blätterform waren so plastisch in den harten Stein gemeißelt, als sei es Ton. Er hätte zufrieden sein können, ein harmonischerer kleiner Tempel war schwerlich im ganzen Reich finden, aber hier mangelte es ihm an Gesprächspartnern. Die immer gleichen Jagden und Trinkgelage hatte er satt, der immer selben Umarmungen, wenn auch mit verschiedenen Frauen, war er überdrüssig.

Etwas außer Atem erschien Asir, der Hohepriester des Sonnengottes, den man benachrichtigt hatte, dass der König in seinem Heiligtum erschienen war.

»Majestät?« Er verneigte sich tief.

»Heute brauche ich dich nicht, mein Guter, aber es ist freundlich, dass du herbeigeeilt bist. Ich werde kein Opfer darbringen, sondern muss mit Gott Mithras unter vier Augen sprechen. Ein Gespräch zwischen der Gottheit und dem König, hast du verstanden?«

Der Geistliche verneigte sich abermals und zog sich verwundert, aber wortlos zurück.

Ein leichter Zitteranfall ergriff Tiridates und plötzlich dieser unerträgliche Kopfschmerz, der ihn schon seit Monaten ab und zu quälte. Er fror im kühlen Tempel, weil er unter dem leichten Mantel nichts anhatte. Der Herrscher versuchte sich jetzt auf einen Punkt zu konzentrieren. Er stand still, hielt den Atem an, zwang seinen durchtrainierten Leib so auszuhalten, dass kein einziger Muskel zuckte.

Etwas musste er tun. Es galt, einen Entschluss zu fassen. Schon Kaiser Aurelian hatte Mithras besonders verehrt, nach seinem großen Sieg über die Perser hatte er Armenien befreit. Und Constantius Chlorus im fernen Ebokarum, einer der vier Kaiser, Mitglied der Tetrarchie, an deren Spitze Diokletian stand, pflegte den Kult des Mithras ebenfalls ganz besonders. Er nannte ihn Sol invictus, die unbesiegbare Sonne. Wenn ich der König bin, muss mir die Gottheit ein Zeichen geben! Mit aller Kraft versuchte Tiridates einen plötzlichen Schwächeanfall zu überwinden, wollte in der disziplinierten Bewegungslosigkeit verharren, aber dann schien ihm, als erhebe sich der steinerne Fußboden und schlage ihn mit aller Gewalt auf die Stirn.

Mit dem Gesicht voran stürzte der König zu Boden, instinktiv konnte er im letzten Augenblick die Arme vorstrecken und so den Fall mildern. Einige Zeit lang lag er ohnmächtig da, seine Stirn blutete. Erst nach einer guten halben Stunde wagte es Asir, in den Tempel hineinzuschauen, fand seinen König auf dem Boden liegend und befahl natürlich sofort, Ärzte zu holen und den Bewusstlosen in das Schloss zu bringen.

»König Tiridates hat mit dem Sonnengott ein Gespräch geführt«, flüsterte er, weil er überzeugt war, das könne sehr gut für seinen Kult und auch für seine eigene Karriere sein, ganz abgesehen davon, ob der Herrscher überleben oder deshalb sterben würde, weil er die Begegnung mit Mithras ohne die Darbietung von Opfern und der Assistenz des Priesters versucht hatte.

Persien war seit einigen Jahrhunderten der größte Feind des Römischen Reiches. Obwohl auch die Kämpfe gegen verschiedene Barbarenvölker in Afrika und Nordeuropa nie aufgehört hatten, war dieses mächtige und rätselhafte Land im Osten die einzige Kraft, die die befestigten Grenzen auf Dauer ernsthaft bedrohen konnte und die den römischen Legionen immer wieder empfindliche Niederlagen beigebracht hatte. Persien galt als Heimat der Magier. Armenien, das kleine Königreich inmitten der kaukasischen Berge, hatte es nicht leicht, seine Eigenständigkeit zwischen den beiden mächtigen Imperien zu bewahren. Rom lag weiter entfernt und war vermutlich aus diesem Grund – schon um östlich des Schwarzen Meeres gesicherte Verhältnisse zu haben – zu Kompromissen bereit, die für die Unabhängigkeit Armeniens günstiger waren.

Zur Zeit der Kaiser Valerianus und Gallienus, als es schien, dass das Römische Reich zerfallen würde, war es Sapor I. geglückt, ganz Armenien zu unterwerfen. Daran erinnerten die Perser gern, ebenso wie an die Hofintrige, der der armenische König Mithridates zum Opfer gefallen war; sein Sohn Tiridates I. hatte sich nach neunmonatiger Reise in Rom vor Kaiser und Senat verneigt. Die gegnerische Seite indes wies darauf hin, dass der Auftritt dieses älteren Tiridates durchaus triumphal gewesen war. Er hatte die Erlaubnis bekommen, von dreitausend Höflingen begleitet zu werden und mit gegürtetem Schwert vor die römischen Größen zu treten, nicht unbewaffnet, wie es die alten Bräuche verlangten. Und jetzt herrschte er, Tiridates junior, als König.

Allerdings war er gleichzeitig auch römischer Statthalter.

Diokletian hatte die Politik von Augustus und Hadrian fortgesetzt; er wollte die Grenzen seines Reiches nicht mehr erweitern, sondern nur den Einfluss seiner Herrschaft sichern. In den fernen Nordosten, ans andere Ufer des Schwarzen Meeres, wollte er seine Legionen nicht mehr entsenden. Aber ihm lag daran, dort treue Bündnispartner zu haben. Er verlangte nicht, dass sie sich Rom offiziell unterwarfen. Wichtig war, dass in den kleineren Nachbarreichen Männer herrschten, die in römischem Geist erzogen worden waren.

Tiridates war zweifellos ein geeigneter Mann. Er hatte seine Bildung bei den Griechen, seine militärische Ausbildung in der römischen Armee erhalten. Dennoch gehörte er bereits einer anderen Generation an, er huldigte keiner Tradition mehr. An Diokletians Hof hatte er keinen richtigen Freund gehabt. Wirklich sympathisch war ihm nur Hauptmann Konstantin, der Sohn des Cäsaren Constantius Chlorus gewesen. Zu seinem Bedauern hatte er nicht einmal zu diesem eine intimere Beziehung herstellen können. Damals in Nikomedia war Konstantin in seiner freien Zeit stets seiner eigenen Wege gegangen.

Nirgends auf der Welt fühlte sich der Armenier wirklich zu Hause, nicht einmal im Lande seiner Geburt, in dem er jetzt herrschte. Als Jüngling hatte er sich an schwerem Rotwein laben können oder, wenn er durstig war, an frischem Quellwasser, hatte sich an der Kraft und Geschicklichkeit seines eigenen Körpers oder der Schönheit einer einsamen, nutzlosen Zypresse erfreuen können. Jetzt genügte ihm das alles nicht mehr. Er fand aber auch in der Lektüre philosophischer Traktate keinen Trost. Er suchte etwas und wusste nicht, was. Trotz aller Anerkennung, die er einst bei den Griechen und in Rom gefunden hatte, war er ein Fremder geblieben. Er kämpfte bei den Olympischen Spielen, wusste, dass ihm der Lorbeerkranz mehr bedeutete als jeder Sieg auf einem Feldzug. Wohin er auch kam, wurde nach wie vor von seinen Erfolgen gesprochen, und früher bewunderten ihn selbst die angesehensten römischen Damen. Den Jüngling luden die reichsten und mächtigsten Männer des Reiches gerne als Gast. Aber er wusste stets, dass er nur seiner exotischen Herkunft wegen interessant war. Überhaupt waren Barbaren zeitweilig in Mode, doch Intimität mit ihnen konnte es nicht geben. Sie durften nur vorübergehend als Zierde einer ansonsten unzugänglichen Gesellschaft dienen. Später musste er zweimal seine Heimat von Grund auf neu kennenlernen. Er war in das bergige Land seiner Ahnen zurückgekehrt, als habe man ihn nunmehr aus Rom verbannt, der strahlenden Ewigen Stadt, aus dem mächtigen, gut organisierten römischen Heer, in dem er als Offizier Privilegien genoss. Als König trug er für das Reich wie auch für sich selbst ein ganz anderes Maß an Verantwortung.

Manchmal tröstete sich Tiridates mit Julius Cäsars Worten, dass es besser sei, der Erste auf dem Dorf als der Zweite in Rom zu sein. Aber das beruhigte ihn nicht ganz. Er wusste, dass der Zenit seiner Lebensbahn bereits hinter ihm lag. Was hatte er erreicht? Olympischen Lorbeer? Zwei, drei Siege auf dem Schlachtfeld? Er hatte die Krone eines abgelegenen Königreichs bekommen. Der Wein schmeckte ihm nicht mehr wie früher, Leidenschaft und Neugier trieben ihn nicht mehr in immer neue Umarmungen. Er suchte nach einer Verbindung mit der Ewigkeit, mit den Göttern, vor allem mit Mithras, doch sein gesunder Zynismus siegte stets über den aufrichtigen Wunsch, in neue Räume des Übernatürlichen aufzusteigen. Zu seinem Pech kannte er die Priester zu gut. Sie alle waren mehr mit irdischen Gütern als mit den geheimnisvollen Wünschen ihrer himmlischen Herrscher beschäftigt.

Gregor in der Grube

Als Tiridates in seinem breiten vergoldeten Bett wieder zu sich kam, erinnerte er sich an alles bis zum Sturz im Tempel des Sonnengottes.

»Wie lange war ich bewusstlos?«, fragte er seinen griechischen Arzt Hippolyt.

»Vermutlich eine Stunde, Majestät.«

»Was ist mit mir los?«

Der Grieche lachte.

»Asir sagt, dass du Probleme mit dem Gott Mithras hattest.«

»Lass das. Was sagt deine Erfahrung?«

»Ich bin nicht sicher, mein König. Dein Puls ist jetzt in Ordnung, die Augen sind klar, der Atem ist nur wenig beschleunigt. Solche Ohnmachten sind oft Warnsignale des Körpers. Sie können vor schweren Erkrankungen auftreten. Oder aber sie bleiben einmalig, was wir hoffen wollen. Leider ist unser Wissen diesbezüglich begrenzt. Die Priester sagen, dass man während solcher Ohnmachten manchmal mit den Göttern spricht. Dafür bin ich aber nicht zuständig. Hast du …«

»Ich erinnere mich an nichts. Aber ich könnte jetzt natürlich alles erzählen, was ich möchte, nicht wahr?«

Der Arzt stand auf.

»Das kannst du immer, mein König – wenn dir die Weisheit des Herrschers einflüstert, dass so eine Chance genutzt werden muss.«

»Ich habe Kopfschmerzen.«

»Dagegen gebe ich dir eine Arznei. Streck bitte die Hände aus. Spreize die Finger.«

Die Hände des Königs zitterten nicht. Tiridates konnte aufstehen, wobei sich der Kopfschmerz verstärkte, aber er trat in aufrechter Haltung ans Fenster. Am Stand der Sonne sah er, dass noch nicht Mittag war.

»Du solltest dich bitte heute nicht besonders anstrengen und ich empfehle nur leichtere Kost. Den Trunk gegen die Kopfschmerzen mische ich dir sofort. Deine Lebensweise brauchst du sonst nicht zu ändern, nur vielleicht ein, zwei Tage nicht reiten, wenn möglich.«

Tiridates klatschte in die Hände, befahl den Sklaven, ihn anzukleiden, und ging hinüber in den Thronsaal. Er ließ sich Obst bringen, bestellte zum Mittagessen Rebhühner und verlangte, unverzüglich Mamgo zu sehen.

Die Boten ritten sofort los. Mamgo hielt sich gerade in einer nahe gelegenen Garnison auf. Der alte Krieger regierte im Namen des Königs sozusagen vom Sattel aus das ganze Land auf eine Art, wie es Nomadenhäuptlinge tun. Tiridates wurde wütend, wenn man ihm sagte, dass das so nicht mehr gehe, dass die aufblühende Wirtschaft Armeniens nach einer stabilen Macht verlange, die von Persönlichkeiten verkörpert werden müsse, die sich möglichst oft in der Hauptstadt Etschmiadsin aufhalten sollten. Aber das mochten weder der König noch sein Vertrauter Mamgo.

Den Bewohnern des Landes waren sowohl Rom als auch Persien gleichgültig. Sie glaubten, dass es in der Luft, im Feuer, im Wasser und in den Wäldern, im Himmel und unter der Erde Götter gab, und sie wussten, dass es nun eben auf der Erde Könige und Heerführer gab, denen man gehorchen musste, wenn man nicht wollte, dass einem der Sohn zur Armee geholt, die Tochter oder Frau entführt, dass das Haus angesteckt und man selbst ermordet wurde.

Tiridates verbrachte einen jener Tage, die des Erinnerns nicht wert sind. Der bittere Trunk, den ihm Hippolyt in einem Becher reichte, half tatsächlich gegen den Schmerz, er hatte nicht mehr das Gefühl, dass ihm ein eiserner Ring um Stirn und Nacken lag, aber das Unwohlsein blieb. Selbst die Rebhühner mit dem feinen Gemüse schmeckten ihm nicht. Sein Lager ließ er unter einer Eiche in der Nähe des Abgrunds aufschlagen.

Er schlief nicht fest, dämmerte eher nur vor sich hin, als er Hufgetrappel hörte. Er wusste, wenn Mamgo eines Tages beschlösse, die Macht an sich zu reißen, könnte er mit einem Dutzend ergebener Soldaten so heransprengen und ihn im Schlaf töten. Tiridates verzichtete auf eine ständig anwesende Leibwache. Und er wusste, dass Armenien auf seinen Tod mit Gleichgültigkeit reagieren würde. Auch war er davon überzeugt, dass Mamgo an keinen Umsturz dachte. Mamgos Standpunkt war, dass König sein mochte, wer da wollte, Hauptsache, niemand tastete seine Vorrechte an, denen zufolge er durchs Land reiten und die Dinge nach eigenem Gutdünken ordnen konnte.

Mamgo verneigte sich zeremoniell. Tiridates stand auf, gab dem Geleit ein Zeichen, sich zu entfernen. Zunächst erkundigte er sich höflich nach der Gesundheit von Mamgos Frauen, Kindern, Enkeln und neuen Konkubinen, dann nach der Weizen- und Gerstenernte und den Problemen mit einer Krankheit der Weinstöcke. Er wusste nur zu gut, dass der alte Reiter das von seinem König erwartete, bevor er selbst seine erste Frage stellte:

»Dir war heute nicht wohl, Majestät? Sag es mir bitte. Du warst ohnmächtig?«

»Dir will ich die Wahrheit sagen, Mamgo, aber ich bitte dich, mit niemandem darüber zu sprechen. Allenfalls mit deinen zuverlässigsten Männern. Ich habe mit Mithras gesprochen. Es war fast ein Gespräch unter Gleichgestellten, nur habe ich am Ende einen Fehler begangen und versucht, ihm in die Augen zu sehen, und das konnte ich natürlich nicht aushalten, denn seine Augen sind ein Teil der Sonne. Wer in sie blickt, stirbt auf der Stelle oder erblindet zumindest. Nur weil ich König bin und der Sonnengott bestimmte Pläne mit unserem Land und mir hat, war er gnädig, sodass ich nur ihn Ohnmacht gefallen bin und weiterlebe, um seinen Willen zu erfüllen. Sieh hier, sein Zeichen.« Tiridates löste das Purpurtuch, das Hippolyt um seinen Stirnverband geschlungen hatte. Er zeigte dem abergläubischen Mamgo seine frische Wunde.

»Was beabsichtigt der göttliche Mithras?«

»Er hat mir noch nicht alles gesagt, nur befohlen, dass ich den Christen Gregor aus der Grube befreie, in die wir ihn vor einem Jahr geworfen haben. Du erinnerst dich doch, Mamgo?«

»Vor einem Jahr? Ja, ich weiß. Natürlich. Ich selbst habe dir empfohlen, mein König, ihn so zu bestrafen. Aber er muss doch schon längst tot und verfault sein.«

»Davon war auch ich überzeugt, und darum habe ich es gleich überprüfen lassen. Er lebt. Nur die Götter wissen, was er ein Jahr lang gegessen und getrunken hat. Morgen will ich ihn sehen. Darum habe ich dich rufen lassen, mein treuer Mamgo, mein Lehrer und Beschützer.«

Tiridates wusste genau, dass er keine plötzlichen Veränderungen einführen konnte, ohne dass Mamgo und seine schrecklichen Reiter sie beim Volk durchsetzten. Wer weiß, dachte er und unterdrückte mühsam ein Lächeln über sich selbst, vielleicht hat mir wirklich irgendein Gott diesen Plan eingegeben, als ich ohnmächtig war. Er staunte selbst, dass sich auf einmal alles so gut zusammenfügte wie die Mosaiksteine in seinem Bad.

»Lass hören, mein König.«

»Heute Nacht, wenn der Mond untergegangen ist, sollen treue und zuverlässige Männer diesen Gregor aus der Grube holen. Aber sie sollen sich auf kein Gespräch mit ihm einlassen. Was er auch sagt, sie sollen schweigen. Ich weiß nicht, welche Dämonen sich seiner bedienen werden. Am Tage werden ältere Sklavinnen unter Anleitung meiner Amme Nuschriwana ihn baden, kleiden, ihm leichte Nahrung und Milch geben. Wenn die Sonne untergeht, bringen sie ihn zu uns auf die Terrasse.«

Mamgo nickte ernst.

»Wie du befiehlst. Lebt er tatsächlich noch, nach einem Jahr ohne Nahrung in der Schlangengrube?«

Der Reiterführer wunderte sich sehr. Indes wusste er, dass er nicht imstande war, den Willen der allmächtigen Götter zu ergründen. Das war nicht sein Metier. Was er konnte, war, Soldaten zu befehligen, die Ernte einzutreiben, Feinde zu bestrafen. Aufgabe der Könige, Priester und Magier war es, sich mit den seltsam verworrenen Interessen zahlreicher übernatürlicher Wesen auseinanderzusetzen. Mit seinen mehr als sechzig Jahren konnte er noch immer mit Leichtigkeit den schweren Schild in der einen und die lange Lanze in der anderen Hand halten, aber der Schweiß brach ihm aus, wenn er nur daran dachte, wie viele Vorschriften mit der Opferung eines gewöhnlichen Ziegenbocks aus feierlichem Anlass verbunden waren.

Wie am Morgen mit seiner alten Amme ging Tiridates jetzt auch mit seinem Vertrauten zum Abgrund.

»Schön ist unser Land, Mamgo.«

Man konnte jetzt nicht so weit sehen. Der Ararat, von grauen Wolken umhüllt, verschwamm in der Ferne.

»Ja, mein König.« Nach kurzer Pause fuhr er unverhofft mit einem eigenen Gedanken fort: »Jedes Land ist schön, Tiridates, wenn es gehorsam und untertan ist.«

»Meinst du?«, fragte der König überrascht. »Vielleicht hast du recht. Ja, vielleicht … Du bist nicht hier geboren. Aber weißt du, es ist immerhin mein Land. Als ich jünger war, habe ich das gar nicht empfunden, verstehst du? Ich bin nicht nur sein Herrscher, sondern zugleich auch sein Sohn. Das habe ich oft vergessen, wenn ich vor den römischen Legionen durch ferne Lande geritten bin, aber heute ist es mir klar. Mithras, der Gott der unbesiegbaren Sonne, hat es mir gezeigt.«

»Es ist nicht meine Sache, das zu begreifen.«

»Ich sage dir, Mamgo, ich mag die Römer lieber als die Perser. Aber nicht, weil ich lange unter ihnen gelebt habe. Die Römer drängen uns ihre Götter nicht auf. Sie lassen uns mehr Freiheit. Ich möchte aber, dass mein Land völlig frei und unabhängig ist, und darüber bestimmen vor allem die Götter, denen es huldigt. Ich möchte weder dem persischen noch dem römischen Kaiser gehorchen, wenn es schon mein Los ist, über diese Schluchten und Felsen zu herrschen. Und welcher Gott auch immer mir hilft, das zu erreichen, mein Mamgo, welcher Gott auch immer mich befähigt, Armenien zu einigen, dem werde ich in Treue dienen, verstehst du mich? Wirst du mir auf diesem Weg folgen?«

»Ja, mein König! Ich schwöre …«

»Gut. Du brauchst nicht zu schwören. Dein Wort, Mamgo, gilt mehr als jeder Eid. Aber wenn du dein Versprechen nicht hältst, dann werde ich befehlen, dass du von diesem Felsen gestürzt wirst.«

»Ich stürze mich selbst hinunter!«, sagte Mamgo bewegt. »Ich springe selbst, wenn ich je in die Versuchung gerate, mich deiner Weisheit nicht zu unterwerfen, König Tiridates.«

Gregor war mit Tiridates verwandt. Auch er entstammte der Dynastie der Arsakiden, allerdings einer Nebenlinie, und auch ihm drohte Gefahr, als die Perser sich anschickten, alle männlichen Nachkommen dieses Geschlechts auszurotten. So gelangte er, selbst noch ein Kind, zur gleichen Zeit wie Tiridates nach Italien. Er wuchs in Kappadokien in der Obhut einer angesehenen christlichen Familie auf, wurde getauft und mit einer Christin namens Maria verheiratet. Nach dreijähriger Ehe trennten sie sich, um in freiwilliger Enthaltsamkeit Gott zu dienen. Der jüngere ihrer beider Söhne, Aristakes, wurde später selbst ein frommer Eremit, ein Anachoret, und schließlich Bischof. Der ältere sorgte für den Fortbestand der Familie.

Schon bei Tiridates’ erster Rückkehr war auch Gregor wieder in seine Heimat gekommen und hatte begonnen, das Christentum zu predigen. Bei den Armen hatte er recht großen Erfolg. Er wanderte zu Fuß von Dorf zu Dorf, schlief in Ställen, aß, was man ihm anbot, betete … Mit seinem Bart und dem langen ungepflegten Haar sah er nicht aus wie der Spross einer königlichen Familie. Nur seine gewählte Redeweise konnte ihn verraten, doch die erklärte man sich so, dass sein Gott durch seinen Mund sprach. Während er durch Armenien zog, erlebte er die neue persische Okkupation. Gregor waren alle Götter fremd außer dem einen, in dessen Namen er predigte und taufte. Die Perser hatten keine Zeit, sich mit allen Religionen und Ideologien zu befassen, für sie ging es vorerst um die nackte Macht. Die unzugänglichen armenischen Gebirge konnten von großer strategischer Bedeutung sein, aber nur, wenn sie sich in persischer Hand befanden. Ein neutralisiertes Armenien war für die Perser nicht wichtig, ihr Interesse lag südlicher, auf den Straßen, die entlang der großen Flüsse, besonders des Euphrats, verliefen. Wichtig war nur, dass Armenien auf keinen Fall eine römische Basis wurde, die eine Bedrohung für die Verkehrsadern durch Mesopotamien darstellte.

Später, als wieder Tiridates’ Leute im Land herrschten und Mamgo auch in den entferntesten Gegenden des Königreichs Ordnung geschaffen hatte, wurde Gregor festgenommen. Mamgo wusste natürlich, dass er mit dem König verwandt war, so wie er in Armenien nahezu alles erfuhr. Er informierte Tiridates, aber der Herrscher war nicht geneigt, sich eingehend mit uninteressanten polizeilichen Aktionen zu beschäftigen.

»Von der Familie hat er sich losgesagt, also kümmert er mich nicht. Behandle ihn, als wäre er kein Arsakide.«

»Aber wenn er das nicht wäre, müsste ich ihn hinrichten. Er wiegelt das Volk auf und redet ihm ein, dass es weder dem Kaiser noch den alten Göttern zu opfern brauche. Alles, was sich gegen unsere Tradition richtet, kann nur unseren Gegnern nützen. Ohne deine Einwilligung darf ich kein königliches Blut vergießen.«

»Dann vergieße es nicht. Als gäbe es keine anderen Möglichkeiten! Ich sagte schon, mach mit ihm, was du willst.«

Mamgo hielt sich an die alten Bräuche und Gesetze. Er brachte Gregor nicht um, sondern ließ ihn an Seilen in eine tiefe Höhle nahe der königlichen Sommerresidenz Garni hinab. Er vertraute darauf, dass Giftschlangen oder unterirdische Gewässer das ihre tun würden oder dass Gregor im schlimmsten Fall langsam und qualvoll verhungern und verdursten würde. Was er nicht einkalkulierte, war, dass es unter Tiridates’ Dienerschaft viele Christen gab, vor allem unter den Sklavinnen, bis hinauf zu Nuschriwana, der einstigen Amme des Königs.

Die Grube war trocken. Jedenfalls viel behaglicher als viele Höhlen, in die sich Eremiten freiwillig zurückzogen. Gregor bekam nicht nur ausreichend Nahrung und Obst, man ließ in den Weidenkörben auch Bücher, Pergament und Schreibstifte hinab. Er betete, er trank frisches Wasser, denn in der Tiefe hatte er eine unterirdische Quelle entdeckt. Da er mit Licht sparen musste und so fast ständig im Dunkeln saß, nahm er dankbar Gottes Willen an, sich hier in Ruhe auf die Rettung seiner Seele zu konzentrieren, denn sein ganzes Leben war nur Vorbereitung auf den Augenblick, da er ins ewige Licht und vor Gottes Angesicht treten würde. Er wusste, dass er sich nicht fragen durfte, wie lange all das dauern sollte und was der Sinn seiner Leiden war. Gott sorgte für ihn. Manchmal las er bei flackerndem Licht etwas in den heiligen Büchern nach, aber er kannte vieles auswendig, er sprach die Evangelientexte zuerst bei sich und dann laut und lauschte dem Echo der eigenen Stimme. Tage und Nächte zählte er nicht, da er sie nicht unterscheiden konnte. Er musste den Kopf weit zurücklegen, um zu der runden Öffnung der Grube hinaufzublicken und daran, ob sie dämmrig oder völlig finster war, das Verrinnen der Zeit zu erkennen. Wenn die Stunde kommt, sagte er sich, wird mich der Herr rufen. Das ist nicht meine Sorge.

Da ihm die Sklavinnen etwas zugerufen hatten, was er nicht verstand, gelang es ihm, kaltblütig zu bleiben, als er kurz darauf ungewöhnliche, stärkere Geräusche vernahm. Sie waren viel lauter, als wenn die guten Frauen Nahrung, eine neue Decke, Öl für die Lampe oder ein Schriftstück hinabließen und der Korb gegen die Grubenwände schlug. Jetzt senkte sich etwas Größeres herunter, von den Wänden bröckelten kleine Steine, und er zwang sich, den Kopf nicht zu heben, obwohl er bald begriff, dass jemand zu ihm hinuntergelassen wurde. Ein neuer Gefangener? Gesellschaft in der ewigen Finsternis? Oder der Henker, der ihn hinrichten würde? Hatten sie ihm das zugerufen, damit er sich bereithielt? Das wäre nicht nötig gewesen. Er war immer vorbereitet.

Gregor stand auf, senkte ergeben den Blick und wartete, wie er schon seit einem Jahr gewartet hatte.

»He!«, rief eine raue Stimme. »Wir holen dich ans Tageslicht.«

»Der Wille des Herrn geschehe, geheiligt werde sein Name!«, sagte Gregor in der Überzeugung, dass man ihn töten würde.

»Rede nicht, sondern beeil dich!«

»Mensch, ist der schwach«, sagte eine andere Stimme. »Wir müssen ihm helfen. Ihr da oben, zieht!«

Gregor öffnete die Augen und sah, dass sich zwei armenische Soldaten, ein älterer und ein jüngerer, an Stricken zu ihm heruntergelassen hatten. Der ältere leuchtete mit einer Fackel, der jüngere wand das Seil um den Leib des Gefangenen. Von oben wurde kräftig gezogen und es begann ein schmerzvoller Aufstieg, denn das Seil schnitt in seinen mageren Körper. Immer wieder stieß er mit Kopf, Ellenbogen und Knien gegen die Grubenwände. Als er den Fuß auf die Lichtung über der Grube setzte, blieb er geblendet stehen. Nach so langem Aufenthalt im Dunkeln vermochte er nichts zu sehen. Er lehnte sich an einen Baum.

»Wir müssen ihn tragen.«

Er murmelte Gebete, fühlte sich erleichtert, als sie ihn in ein Haus brachten, wo es dämmrig war.

»Du bist erblindet, weil du den guten Sonnengott gelästert und zu deinem Krestos gebetet hast«, belehrte ihn der ältere Soldat.

»Ich werde auch für dich beten, Soldat, damit deine Augen durch ein anderes Licht geöffnet werden, viel herrlicher als das irdische Sonnenlicht.«

»Bete nur«, sagte der Wächter skeptisch, jedoch bereit, sich jedem Geist oder Dämon anzuvertrauen. Er übertrat den Befehl, mit diesem struppigen Mann nicht zu sprechen, denn er wollte wissen, wie er überlebt hatte. »Schaden kann es nicht, wenn es auch nicht hilft. Aber bezahlen werde ich dich nicht. Das muss doch ein ziemlich schwacher Gott sein, wenn nur die Armen ihn verehren.«

Gregor wollte antworten, aber die beiden Soldaten waren schon fortgegangen. Er war allein mit den Sklavinnen, die ihm seine alten Lumpen auszogen und ihn wuschen. Nuschriwana hatte Salben aus der persönlichen Apotheke des Königs mitgeschickt, damit sie ihn einrieben und parfümierten.

Obwohl er in Tiridates’ Alter war, wirkte Gregor nach den Jahren des Wanderlebens unter armen Bauern und nach dem in der Grube verbrachten Jahr wie ein Greis. Als der Barbier des Königs eintraf, fand er die Kraft, sich zu widersetzen:

»Das dulde ich nicht! Haar und Bart dürft ihr nicht anrühren!«

Die Vereinbarung zwischen König und Priester

Kopfschmerz war nicht das richtige Wort, er spürte einen Druck, der nicht nachlassen wollte und ihn an die Zeit erinnerte, da er von früh bis spät den schweren Helm tragen musste und kaum den Abend erwarten konnte, um ihn abnehmen zu dürfen. Der Spaziergang über die Wälle tat gut, die Abendluft war kühler, der Blick auf die vertrauten Umrisse der Berggipfel beruhigte ihn, aber er fühlte sich nicht wohl. Tiridates hatte seit je in seinem Körper ein gehorsames Instrument gehabt, das er gründlich kannte und von dem er nur abverlangte, was es leisten konnte, aber er wusste auch, dass er den meisten anderen Menschen an Kraft überlegen war. Er war noch nicht berauscht, wenn seine Gefährten schon von den Bänken fielen, er war als Liebhaber unersättlich, er konnte ungeachtet vorausgegangener Anstrengung auch im Harnisch leichtfüßig laufen, wenn andere, dünner Gekleidete, schon ermatteten. Er hatte nie darüber nachdenken müssen, wie er sich fühlte, und die Gesellschaft von Ärzten suchte er nur, wenn er das Bedürfnis hatte, über Leben und Tod zu reden, oder wenn ihm Wunden verbunden werden mussten.

Erst bei den Griechen, wo man der körperlichen und militärischen Erziehung ebenso viel Bedeutung beimaß wie der Philosophie, hatte er bewusst zu denken begonnen. Er hatte nicht nur gelernt, seinen Körper zu pflegen und zu trainieren, sondern auch, sich Empfindungen und Schmerzen nicht anmerken zu lassen. Auch jetzt durfte seine Umgebung nicht spüren, dass es ihm nicht gut ging. Er beschloss, das bereits bekannt gegebene Programm nicht zu ändern und sich ans Protokoll zu halten, obwohl er eigentlich niemanden sehen mochte. Natürlich musste er Mamgo zum Abendessen bitten. Er gab seinem Sekretär Agathangelos entsprechende Anweisungen.

Nach römischer Sitte lag man beim Essen auf bequemen Kissen ausgestreckt. Zu seiner Linken der alte Vertraute, zur Rechten der Priester Asir. Er lud die Priester der verschiedenen Kulte regelmäßig zum Essen ein. Die Musik, die auf Lyren unterschiedlicher Größe und Blasinstrumenten gespielt wurde, war vermutlich recht durchschnittlich, aber weder maß Tiridates dem Bedeutung bei noch verstand seine Gesellschaft etwas von dieser Kunst. Für den armenischen König war nur wesentlich, dass an den Höfen der römischen Kaiser zum Essen musiziert wurde, also musste es auch bei ihm so sein. Mit allem, was er tat, wollte er beweisen: Wir stehen nicht am Rand der zivilisierten Welt, sondern sind ein Teil von ihr.

Vielleicht war der König an diesem Abend etwas wortkarger als sonst. Es ist das Recht der Herrscher, über das Geschick ihres Reichs und der Welt nachzudenken. Und da es unhöflich gewesen wäre, sich über seinen Kopf hinweg zu unterhalten, aßen alle fast schweigend und sprachen umso eifriger dem Wein zu.

»Wird es auch Spiele geben, Majestät?«, fragte schließlich der Ehrengast Mamgo.

»Selbstverständlich!« Tiridates klatschte in die Hände. »Agathangelos, worauf wartet man noch?«

Die Gäste wunderten sich, dass die zwölf Mädchen lange weiße Gewänder trugen. Nicht einmal ihre Füße waren zu sehen. An der Tafel lagen nur Männer. Sie machten es sich bequemer. Wahrscheinlich erwarteten viele, dass sich die jungen Frauen nach und nach ihrer Kleidung entledigen würden. Stattdessen aber trat eine von ihnen, die die größte und offensichtlich schlank und biegsam war, denn sie zeigte trotz des vielen Stoffs schöne Bewegungen, etwas vor und begann in griechischer Sprache zu rezitieren, während sich die anderen hinter ihr kaum merklich wiegten. Es war eine rhythmische Deklamation, die bisweilen an Gesang erinnerte. Das Mädchen sprach von Gnade und Buße.

»Verbirg dein Antlitz nicht vor mir in der Not; neige deine Ohren zu mir; wenn ich dich anrufe, so erhöre mich bald. Denn meine Tage sind vergangen wie ein Rauch; und meine Gebeine sind verbrannt wie ein Brand. Mein Herz ist geschlagen, und verdorret wie Gras, dass ich auch vergesse, mein Brot zu essen. Mein Gebein klebet an meinem Fleisch vor Heulen und Seufzen. Ich bin wie eine Rohrdommel in der Wüste; ich bin wie ein Käuzlein in den verstörten Städten. Ich wache, und bin wie ein einsamer Vogel auf dem Dache …«

Nur Tiridates und Hippolyt konnten gut genug Griechisch, um das Lied zu verstehen, und der König wusste außerdem, dass es sich um einen biblischen Text handelte. Mamgo glaubte wahrscheinlich, dass im fernen Westen solche Klagelieder als fein galten und die notwendige Einleitung für leidenschaftlichere Töne und schließlich die Enthüllung der weißen Mädchenkörper waren. Er wusste, dass er bei solchen langweiligen königlichen Festen warten musste, bis etwas kam, das ihn interessierte, und deshalb trank er kräftig weiter. Endlich hob Tiridates die Hand und gab das Zeichen zum Innehalten.

»Wer bist du?«, fragte er die griechische Sängerin.

»Ich heiße Ripsime.«

»Du bist das also? Man hat mir gesagt, dass du mit deinen Gefährtinnen hergebracht wurdest. Was könnt ihr noch?«

»Bist du nicht zufrieden, mein König?«

»Mir hat heute Abend wohlgetan, dass du gesungen hast. Aber wir sind in der Wildnis, mein Kind. Hier erwartet man von Mädchen etwas anderes, hat man dir das nicht gesagt?«

»Wir sind Christinnen.«

»Soweit ich weiß, sind Christinnen ebenso gebaut wie alle anderen Frauen auf der Welt. Ich habe nie gehört, dass ihnen etwas fehlt, was den Männern gefällt. Ich sehe, dass du schön bist. Willst du dich uns zeigen?«

»Ich habe gelobt, Jungfrau zu bleiben. Ich bin meinem Gott versprochen.«

Tiridates stand langsam auf, als wäre ihm etwas eingefallen. Laut Protokoll mussten sich auch die anderen erheben.

»Ich bin müde«, sagte er zu Mamgo. »Verzeih mir, alter Freund. Ich hatte eine anstrengende Begegnung mit dem Sonnengott und werde mich jetzt zurückziehen. Euch bitte ich, weiterzufeiern, als wäre ich unter euch. Du kommst mit mir, Mädchen!«

Er wandte sich nicht um, denn er wusste, dass seine Anordnungen ohne Widerrede erfüllt wurden. Durch den gewölbten Säulengang begab er sich zu seinen persönlichen Gemächern und wartete hier auf Ripsime, die ihm tatsächlich demütig gefolgt war. Er fasste ihren Arm und spürte, dass sie zitterte. Aber sie schien sich nicht wehren zu wollen. Im Vorraum seines Schlafgemachs ließ er sich in einen bequemen Sessel fallen und winkte dem schwarzen Sklaven, dem man die Zunge abgeschnitten hatte, damit er nie über das sprechen konnte, was beim König vor sich ging. Der Sklave löste ihm die Sandalen und brachte ein Kupfergefäß mit lauwarmem Wasser, in dem er aromatische Salze aufgelöst hatte. Tiridates steckte die Füße ins Wasser.

Ripsime stand stumm vor ihm. Sie hielt sich sehr gerade. Auf einen weiteren Wink des Königs rückte ihr der Sklave einen Schemel hin, und nach einem Augenblick des Zögerns setzte sie sich ebenfalls. Eine Zeit lang schwiegen beide. Die Fenster waren weit geöffnet, die Nachtluft kühl. Vielleicht deshalb überlief Ripsime ein Schauder und sie zitterte merklich.

»Du weißt natürlich, dass ich dir jetzt leicht deine Jungfräulichkeit nehmen könnte, ob du es nun willst oder nicht.«

»Was geschieht mit meinen Gefährtinnen?«

»Was mit dir geschieht, danach fragst du nicht?«

»Du hast recht, König. Ich sollte weder nach ihnen noch nach mir fragen. Wir alle sind in Gottes Hand.«

»Vorerst seid ihr in meiner Hand.«

»Auch deine Hand ist ein Werkzeug des allmächtigen Gottes.«

Der König schüttelte den Kopf, als sei er leicht unzufrieden.