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BARBIERI • EPITAPH EINES KÖNIGLICHEN FEINSCHMECKERS

VELJKO BARBIERI

1959 in Split geboren, Reifeprüfung und Universitätsabschluss in Zagreb, verfasste vierzehn Prosabücher. Ist in vielen heimischen und ausländischen Anthologien vertreten. Sein bekanntester Roman, Epitaph eines königlichen Feinschmeckers, in welchem die Gastronomie der Ausgangspunkt des Kampfes gegen die autoritäre Herrschaft ist, gilt als eines der meistverkauften Bücher der Neuzeit in Kroatien. Barbieri schreibt regelmäßig gastronomische Rubriken in Zeitschriften und kulinarische Beiträge für das kroatische Fernsehen.

VELJKO BARBIERI

Epitaph eines königlichen
Feinschmeckers

Roman

Aus dem Kroatischen
von Barbara Antowiak

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Erstausgabe 2008
Wieser Verlag Klagenfurt/Celovec

Titel der Originalausgabe:
Epitaf carskog gurmana
© der Originalausgabe by Veljko Barbieri

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Cover unter Verwendung von
»Chaosminiaturen« von Wolf Vanderlendt.

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A-9020 Klagenfurt/Celovec, Ebentaler Straße 34b
Tel. + 43(0)463 370 36, Fax. + 43(0)463 376 35
office@wieser-verlag.com
www.wieser-verlag.com

Copyright © dieser Ausgabe 2014 bei Wieser Verlag GmbH,
Klagenfurt/Celovec
Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Gerhard Maierhofer
Korrektorat: Wolfgang Ebner
ISBN 978-3-99047-000-8

Soles occidere et redire possunt:
nobis cum semel occidit brevis lux
nox est perpetua una dormienda

C. Valerius Catullus

Sonnen sinken und können wiederkehren:
doch wenn unseres Lebens kurzes Licht erlosch,
deckt die ewige, eine Nacht uns Schläfer.

Übersetzung: Otto Weinreich

Inhalt

Kapitel I

5. Februar

7. Februar

8. Februar

10. Februar

11. Februar

13. Februar

15. Februar

19. Februar

20. Februar

21. Februar

23. Februar

Kapitel II

1. März

2. März

10. März

11. März

12. März

11. März

Kapitel III

15. März

16. März

17. März

19. März

23. März

24. März

25. März

26. März

29. März

30. März

I

5. Februar

Als sie in meine Wohnung eingedrungen waren, stellten sie zu ihrer Verblüffung fest, dass ich keine Völlerei trieb. Dennoch waren sie noch immer misstrauisch. Sie setzten sich um mich herum. »Wir haben die Meldung erhalten, dass hier übermäßig geprasst wird.«

»Wo?«, fragte ich und umklammerte das rohe Wachtelbeinchen, das ich bei dem Überfall soeben aus der Marinade genommen hatte.

»Bei Ihnen, Mensch!«, antwortete der »Chef«.

»Sie meinen, ich …?«

»Ja, Sie, natürlich Sie! Hätten wir uns sonst bei dieser Kälte herbemüht?«

Dabei sah er seine Untergebenen listig an, und sie bekundeten ihre Zustimmung durch gemeinsames Nicken. Ich fühlte, wie mir der mit Essig vermischte Fleischsaft über die Hand rann, und machte einen Schritt in Richtung Küche, um das Beinchen abzulegen.

»Wohin wollen Sie?«, bremste mich der »Chef«.

»Nur die Keule in die Marinade zurücktun …«

»Welche Keule?«

Da ich nicht wusste, was ich entgegnen sollte, hob ich das winzige Beinchen, als wäre es eine Blütenknospe. Den »Chef« begann das offenbar zu interessieren, denn er erhob sich und schnüffelte an meiner Hand.

»Wachteln?«

»Ja, aber tiefgefroren.«

Er kam mir so nahe, dass seine Nase meine Finger berührte und ich schon fürchtete, von ihm gebissen zu werden. Aber das Wachtelbeinchen ließ wohl seine Stimmung umschlagen, er wurde plötzlich anders, ich hätte fast gesagt: herzlich.

»An Feiertagen gehen wir oft auf die Jagd. Über Wachteln weiß auch ich ein bisschen Bescheid.«

»Tatsächlich?«

Doch der »Chef« hörte mir nicht mehr zu, er hatte sich bereits in die Küche begeben, tauchte einen Finger in das Gefäß mit dem marinierten Fleisch und leckte ihn gelassen ab.

»Spanische Marinade«, behauptete er und rezitierte:

»Etwas Sellerie, Mohrrübe, Essig, Rotwein, Thymian …«

»Nein … nach eigenem Rezept!«

Wieder schlug seine Stimmung um; er entriss mir das Wachtelbeinchen und warf es in die Marinade, dann befahl er mir, augenblicklich ins Zimmer zurückzukehren. Als wir alle wieder saßen, trat längeres Schweigen ein. Schließlich ergriff er das Wort.

»Wir haben keinerlei Beweise, aber was ich gesehen habe, rechtfertigt unseren Verdacht. Sie, mein Herr, scheinen ein unverbesserlicher Genießer zu sein! Ein Hedonist!«

»Ich habe keinem Menschen etwas Böses getan.«

»Schweigen Sie!«, unterbrach er mich schroff, als wollte er sagen: So versuchen sich alle herauszureden. Danach begann er mich gründlich zu mustern. Seine großen, kaviarschwarzen Pupillen zuckten kein einziges Mal, sie schienen von meinem Gesicht den Plan zu einer teuflischen Sabotage abzulesen, die, wäre sie nicht von ihnen aufgedeckt worden, schon tags darauf den Staat zerschlagen hätte. Unvermittelt schloss er die Augen und machte wieder den Mund auf:

»Sie kennen das Gesetz?«

»Nicht eben gut …«

»Sie sind sich Ihres Vergehens bewusst?«

Als er »Vergehen« sagte, erschrak ich. Ich musste mich verteidigen, und darum erklärte ich betont leise:

»Wachteln sind gesetzlich nicht verboten.«

Darauf lächelte er.

»Sie kennen das Gesetz also doch«, sagte er höhnisch, sodass auch die anderen lachten. Er wurde wieder ernst.

»Junggeselle?«

»Ja!«

Er machte eine Pause. Schon im nächsten Augenblick nahm sein Gesicht wieder den hinterhältigen Ausdruck an.

»Und es kommt Ihnen nicht seltsam vor, für sich allein so ein kompliziertes Gericht zuzubereiten wie Wachteln in spanischer … also gut, irgendeiner Marinade?«

»Nein. Damit vertreibe ich mir die Zeit.«

»Das ist ja noch schöner!«, rief er. »Während andere Menschen in südlichen Breiten hungern, vertreibt sich der Herr seine Zeit mit Wachtelbraten.«

»Sie sagten doch, dass Sie selbst auf Wachteljagd gehen.«

»Das hat mit Ihrem Fall nichts zu tun. Erstens schieße ich sie nur in der vom Gesetz vorgeschriebenen Saison. Zweitens ist es meine Frau, die sie zubereitet. Und drittens mache ich das nur zwei bis drei Mal jährlich und denke mir dabei keine Marinaden aus.«

Wieder schwieg ich, womit ich meine Lage nur verschlimmerte.

»Also: Was haben Sie auf all das zu sagen?«, drängte er siegessicher.

Da fiel mir die rettende Antwort ein:

»Ich esse auch nicht jeden Tag Wachteln.«

Der »Chef« war überrumpelt und blieb vorübergehend friedlich.

»Natürlich. Wer denkt denn auch an so was. Übrigens werden Sie deshalb von niemandem beschuldigt. Ich sagte, dass Sie verdächtig sind.«

»Warum dann zum Teufel …«, entfuhr es mir. »Sie dringen in meine Wohnung ein, schnüffeln in der Küche herum … was wollen Sie noch? Soll ich meine Därme umstülpen, damit Sie sehen, was drin ist … was ich gestern gegessen habe?«

»Genau das!«

»Wie bitte?«

»Was haben Sie gestern gegessen?«

Ich war ihm in die Falle gegangen wie eine Wachtel und verstummte hilflos.

»Na?«, fuhr der »Chef« ungerührt fort.

»Warten Sie, gestern … ach so, ja, ein Schnitzel vom Rind.«

»Sie meinen ein Steak …!«

»Nein, kein Steak, ein ganz gewöhnliches Rinderschnitzel.«

»Dann Roastbeef …!«

»Ich sagte doch: Nein! Ein Schnitzel, eine gewöhnliche Scheibe Rindfleisch, wenn Sie wissen, was das ist. Ich glaube, in der Pfanne ist noch ein Rest.«

Darauf schnippte der »Chef« mit den Fingern, einer der Untergebenen stand auf und ging in die Küche. Wenig später kam er mit der Pfanne zurück und setzte sie auf dem Couchtisch vor dem »Chef« ab.

»Nimm das Beweisstück an dich … Nein, warte.« Und zu mir gewandt: »Haben Sie ein Stück Brot?«

Ich erhob mich und brachte es ihm.

»Sie sind mir doch nicht böse. Hmmm, köstlich, wenn auch von gestern. Nein, Sie haben nicht gelogen, es ist kein Steak. Es ist ein gewöhnliches Schnitzel, ja, vom Rind… aber warten Sie, Senf ist dran, Pfeffer …« Er schmatzte, um das Aroma nachzuschmecken. Das letzte Stückchen reichte er dem Burschen, der noch neben ihm stand, und wischte sich den Mund mit dem Taschentuch ab. Dann schmatzte er noch einmal.

»Sie haben die Wahrheit gesagt, aber wir werden es trotzdem im Labor überprüfen.«

Er lehnte sich im Stuhl zurück.

»Haben Sie Wein im Haus?«

»Ja.«

»Roten?«

»Ja.«

»Bekomme ich einen Schluck?«

Als ich Flasche und Glas vor ihn hingestellt hatte, wartete er nicht lange und schenkte sich ein.

»Sie wollen nicht?«

»Nein, danke.«

Und so trank er und goss nach, trank und goss nach, bis die Flasche leer war.

Er lehnte sich abermals zurück und mümmelte wie ein wiederkäuendes Rind, wobei er das eine Auge leicht geschlossen hielt. Das andere starrte immer noch mich an, schläfrig und etwas getrübt.

»Sie geben sich vielleicht keine Rechenschaft darüber, mein Herr, welchen Schaden Sie Ihrer Umwelt zufügen, ich meine durch Ihre Verschwendungssucht und Gefräßigkeit. Gestern ein Steak – denn was für ein Unterschied besteht schon zwischen Steak und Rindschnitzel? Heute Wachteln. Und morgen, was wird morgen sein? Wenn es alle so machten wie Sie, wie soll die Menschheit überleben?«

An dieser Stelle schlummerte er ein. Seine Assistenten und ich wechselten Blicke, denn wir wussten nicht, was wir beginnen sollten. Schließlich griff ich nach den Zigaretten. Das weckte ihn augenblicklich.

»Halt, stehen bleiben! Ach nichts, nichts … Ich meine, was wird morgen sein?«

»Woher soll ich das wissen?«

»Der Herr sind Pessimist?«

»Nein, aber ich denke, dass das niemand weiß.«

»Aber wissen Sie, was Sie morgen kochen werden?«

»Nein, nicht einmal das.«

»Das heißt, Sie leben ohne Plan. Einfach so, von heute auf morgen?«

Ich wusste nicht mehr, was ich ihm antworten sollte. Er sah mich jetzt aus beiden Augen an, aber immer noch zurückgelehnt, und er wiederholte ohne Ende wie einen Refrain:

»Hedonist, Pessimist …«

Da klingelte es an der Wohnungstür. Der »Chef« sprang auf und scharte die Assistenten um sich. »Öffnen Sie«, sagte er leise, ganz auf der Hut.

Es war Tina. Fein gemacht und tadellos geschminkt drängte sie herein, aber in der Zimmertür prallte sie erschrocken zurück. In diesem Moment war sie unwiderstehlich. Ich dachte nicht mehr an den »Chef« und nicht an die Wachteln, an nichts. Aber seine Stimme riss mich hoch, als er sie aufforderte einzutreten. Ich folgte ihr, und er hielt mich auf.

»Das Fräulein kann ruhig hereinkommen, wir gehen sowieso.«

Die Untergebenen waren schon draußen, er hielt sich noch im Korridor auf.

»Ihre Verlobte?«

»Eine Freundin.«

»Haben Sie viele?«

»Nicht besonders viele.«

»Lügen Sie nicht!«

»Ich lüge ja gar nicht.«

»Sagen Sie mir sofort, wie viele! Ich kann Sie auch auf einen bloßen Verdacht hin festnehmen.«

»Ich weiß es nicht, glauben Sie mir, ich weiß es nicht.«

Den Hut tief in der Stirn, näherte er sein Gesicht dem meinen.

»Ist es Ihnen jetzt etwas klarer? Es geht nicht nur um Steaks, Wachteln, Pessimismus. Da gibt es auch Freundinnen, wie Sie zu sagen belieben. Wohin soll denn das führen, wenn es alle so machen wollten? Bekanntlich gibt es bei uns weniger Frauen als Männer. Verstehen Sie? Sie nehmen ehrsamen Bürgern die letzte Möglichkeit, mit einer unbescholtenen Person die Ehe einzugehen. Wie viele Rinder müsste man schlachten, wenn alle Leute Steaks äßen, wie viele Wachteln, zum Teufel … begreifen Sie?«

»Nein«, erwiderte ich müde.

Da packte er mich wütend am Pullover, als wollte er mir einen Stoß mit dem Kopf versetzen. Er stieß mich aber nur aus aller Kraft von sich.

»Obendrein sind Sie auch noch Anarchist! Sehen Sie sich vor!« Und er knallte die Tür zu.

Ich kehrte ins Zimmer zurück und erblickte Tina, die sich bereits entspannt im Sessel rekelte.

»Sind sie fertig?«, fragte sie, und mir war, als hätte ich alles geträumt.

»Ich brauche sie nur noch in den Ofen zu schieben.«

Sie stand auf und umarmte mich.

»Soll ich dir helfen?«, flüsterte sie mit gespitzten Lippen. Ich kam nicht dazu, ihr zu antworten. Schon im nächsten Augenblick küssten wir uns. Ihr Speichel war angenehm leicht bitter, akkurat wie spanische Marinade.

7. Februar

Gestern musste ich den ganzen Tag an den seltsamen Besuch denken. Da sich aber keiner sehen ließ, vergaß ich gegen Abend den »Chef« und seine Assistenten fast völlig. Ich verbrachte eine im Großen und Ganzen gute Nacht und überlegte, was ich heute kochen sollte. Der »Chef« hatte mich sogar auf eine Idee gebracht. Ich stand früh auf und kaufte bei meinem Fleischer ein prächtiges Stück Roastbeef, briet es sofort und stellte es zum Auskühlen weg. Jetzt sitze ich im Zimmer und warte darauf, dass alles fertig wird.

Wenn ich richtig nachdenke, weiß ich selbst nicht, warum ich so gern koche. Vielleicht steckt in mir ein kleiner Ödipus, der sich, da er keine Familie und keine andere Wahl hatte, für die Zubereitung von Speisen entschieden hat.

Eben war ich in der Küche und habe noch einmal alles kontrolliert. Das Fleisch ist ausgezeichnet gelungen. Außen dunkelbraun, nimmt es innen, im Anschnitt zur Mitte hin, allmählich eine rosige Färbung an, wie das Schnäuzchen eines frierenden Ferkels. Bei so einem Anblick bin ich zufrieden und weiß, dass alles in Ordnung ist.

Draußen hat es zu schneien begonnen. Das Fenster wird allmählich dunkel. Wenn man es recht überlegt, so weiß man nicht mehr, wohin man ausgehen soll. Solange noch neue Bücher gedruckt wurden, fand ich Spaß am Lesen, aber heute erscheint mir das völlig sinnlos. Man veröffentlicht die Bücher der veralteten Klassiker, deren Lektüre mir schon als Schüler schwergefallen ist. Die Zeitungen, die ich jeden Morgen auf meinem Büroschreibtisch vorfinde, sind um nichts weniger uninteressant.

Es schneit immer noch. Bald ist es fünf. Ich habe mir den Mantel angezogen und verlasse die Wohnung. Ich habe entdeckt, dass mir der Cayennepfeffer ausgegangen ist. Damit überziehe ich gewöhnlich das Roastbeef. Er verleiht ihm jenen etwas herben Geschmack.

Der Laden ist in meinem Haus. Nachdem ich alles Nötige eingekauft hatte, sah mich die Verkäuferin irgendwie merkwürdig an.

»Ich muss Sie aufschreiben.«

»Weshalb?«, fragte ich verstört.

»Wegen des roten Pfeffers.«

»Ich verstehe nicht …«

»Ab heute müssen wir alle Kunden aufschreiben, die exotische Gewürze kaufen.«

»Aber Pfeffer ist kein exotisches Gewürz.«

»Wir importieren ihn.«

»Alle importieren ihn.«

Sie warf nur den Kopf zurück und schob mir einen Wälzer von der Stärke eines Telefonbuchs unter die Nase. Auf dem Einband klebte ein weißes Etikett, und darauf wiederum prangten die Buchstaben:

INDEX DES MINISTERIUMS FÜR

ÖFFENTLICHE ORDNUNG UND MORAL

Unter Nr. 864 stand:

»CAYENNEPFEFFER, rot. Der Verbrauch dieses Gewürzes unterliegt der öffentlichen Registrierung.«

Sie räumte das Buch wieder weg.

»Haben Sie schon jemanden registriert?«

»In unserem Viertel sind Sie der Einzige, der roten Pfeffer kauft.«

»Wenn ich recht begriffen habe, wird man nicht nur wegen Pfeffer registriert.«

»Ach, so meinen Sie das. Ja, es hat einige Verstöße gegeben.«

Sie redete von »Verstößen«, genau wie der »Chef«. Mich packte die kalte Angst, als säße ich auf der Anklagebank und wartete auf einen Spruch der Geschworenen, von dem ich wusste, dass er »schuldig« lauten würde.

»Wissen Sie«, stammelte ich, »eigentlich brauche ich keinen roten Pfeffer. Ich nehme lieber schwarzen.«

»Aber Sie haben schon bezahlt. Der rote ist doppelt so teuer.«

»Dann geben Sie mir zweimal schwarzen.«

Sie schwieg einen Moment und musterte mich noch einmal gründlich.

»Das ist unmöglich.«

»Warum?«

»Weil ich Sie schon aufgeschrieben habe«, antwortete sie und reichte mir die Liste, an deren Spitze mein Name stand.

Ich konnte nichts mehr ändern, steckte das Tütchen ein und verließ den Laden. Auf dem vom tauenden Schnee nassen Asphalt glänzten die Straßenlichter wie Fischaugen. Durch den Schlamm krochen Regenwürmer, träge und von der verschluckten Erde fett wie die Kalbswürstchen. Fröstelnd betrat ich das Haus und rannte die Treppen hinauf, als würde ich verfolgt.

In der Küche herrschte die übliche Ordnung. Ganz in der Ecke auf einem Tischchen prangte die Platte mit dem bereits abgekühlten Roastbeef. Der Anblick meines trauten Heims wirkte sogleich beruhigend auf mich.

Ich wusch mir die Hände und begann den Pfeffer im Kupfermörser zu zerstoßen. Als ich damit fertig war, hatte ich meine Angst vergessen. Ich schüttete den Pfeffer auf einen großen Teller und wälzte das Fleisch darin. Dann legte ich das Roastbeef auf ein Holzbrett, schnitt dünne Scheiben davon ab und garnierte sie auf einer ovalen Platte. Ich war vollkommen ruhig. Die Fleischscheiben sahen aus wie die Blütenblätter von Tulpen …