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RYŠAVÝ • DIMITRIJ DER HEILER

Eine Landkarte für Literatur aus Ost- und Zentraleuropa sowie Südosteuropa

Im Jahr 2001 haben KulturKontakt Austria, der Wieser Verlag und die Bank Austria gemeinsam die zunächst zweisprachige EditionZwei ins Leben gerufen. Ziel dieser literarischen Reihe war und ist es, das umfangreiche literarische Schaffen in der Region Ost- und Zentraleuropa sowie Südosteuropa einem deutschsprachigen Lesepublikum zugänglich zu machen.

Aus der EditionZwei wurde der Literaturpreis »Bank Austria Literaris«, die wohl weiterhin umfassendste Auszeichnung für Literatur aus dieser Region: Von 2006 bis 2012 nominierten lokale Jurys aus 16 Ländern – Bosnien-Herzegowina, Bulgarien, Estland, Kroatien, Lettland, Litauen, Polen, Rumänien, Russland, Serbien, Slowakei, Slowenien, Tschechien, Türkei, Ukraine und Ungarn – alle zwei Jahre Autorinnen und Autoren für die Entscheidungsfindung der internationalen Jury.

Diese vergab unter dem Vorsitz von Jiří Gruša und später von György Dalos den »Bank Austria Literaris« für Prosa, eine Auszeichnung für den besten Lyrikband sowie sieben »Writers in Residence«-Stipendien von KulturKontakt Austria.

Mit diesem umfangreichen Projekt entstand die literarische Landkarte einer Region, die weiterhin in einigen Bereichen auf ihre Entdeckung wartet. Die vorliegenden Bände im Schuber entführen uns in ein »europäisches Karussell«. Zuvor haben renommierte Autoren die hier präsentierten Kolleginnen und Kollegen besucht. So wurde aus dem Road-Movie ein Road-Feuilleton. Die Tageszeitung »Der Standard« und »Ö1« unternahmen literarische Reisen zur Literatur und in Landschaften, vor deren Hintergrund die Texte entstehen. Wir laden Sie ein, mit den vorliegenden Bänden die außergewöhnliche Entdeckungsreise fortzusetzen.

Grafische Gestaltung des Umschlags und des Schubers unter Verwendung einer Grafik des slowenischen Künstlers Tomaž Kržišnik (geb. 1943) aus Ljubljana. Titel: »Piran« (1986). Privatbesitz.

MARTIN RYŠAVÝ

Dimitrij der Heiler

Skizzen

Aus dem Tschechischen
von
Kristina Kallert

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Vrač
© DES TSCHECHISCHEN ORIGINALS BEI MARTIN RYŠAVÝ

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A-9020 Klagenfurt/Celovec, 8.-Mai-Straße 12

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Copyright © dieser Ausgabe 2014 bei Wieser Verlag GmbH,

Klagenfurt/Celovec

Alle Rechte vorbehalten

ISBN 978-3-99047-009-1

Inhalt

BANK AUSTRIA LITERARIS – EIN EUROPÄISCHES KARUSSELL

Gelendžik

Bol’šaja Nikitskaja

BANK AUSTRIA LITERARIS –
EIN EUROPÄISCHES KARUSSELL

Versuch über eine literarische Integration
EditionZwei, KulturKontakt Austria,
Bank Austria Literaris

GYÖRGY DALOS / LOJZE WIESER

An die 6000 Bücher waren es, aus denen eine internationale Jury seit 2006 ihre Auswahl zu treffen hatte. In diesem Schuber liegen sie nun gesammelt vor. Entstanden ist ein literarisches europäisches Karussell. Geschichten und Bilder, die aufwühlen, uns mitziehen, die einen Sog entwickeln. Es sind Zeugnisse einer im dramatischen Wandel befindlichen Welt. Ausgewählt, ins Deutsche übersetzt und geehrt werden sie einem größeren Kreis von Leserinnen und Lesern präsentiert.

Der Sinn der historischen Veränderungen der späten achtziger und frühen neunziger Jahre bestand darin, die verrosteten Diktaturen in den ehemaligen Ostblockstaaten durch funktionsfähige demokratische Systeme zu ersetzen. Der Weg zur offenen Gesellschaft setzte eine Öffnung auch nach außen, das heißt eine Aneignung europäischer Werte und eine direkte Annäherung an die europäischen Normen, voraus. Ohne den Erfolg dieses Prozesses herabsetzen zu wollen, müssen wir betonen, dass er einerseits für die betreffenden Länder und Gesellschaften kein leichter Spaziergang war, und andererseits bis heute als nicht abgeschlossen betrachtet werden muss. Der zusammengebrochene »real existierende Sozialismus« hinterließ in den meisten Ländern eine bankrotte Wirtschaft, die Kapitalisierung ging mit der Verarmung ganzer sozialer Gruppen einher, und die Frustration der Gesellschaft äußerte sich mancherorts in aggressivem und kriegerischem Nationalismus. Mehrere ehemalige Mitgliedsstaaten des Warschauer Pakts, die baltischen Republiken sowie Slowenien und Kroatien schafften den Durchbruch – die Aufnahme in die EU –, während zahlreiche andere, meist kleine bis winzige Republiken, teilweise mit alter europäischer Kulturtradition, nach wie vor auf der Warteliste stehen.

Befanden und befinden sich teilweise die ostmittel- und mehr noch die südosteuropäischen Regionen politisch, ökonomisch und institutionell in einem chronischen Rückstand gegenüber den entwickelten westlichen Staaten, so lässt sich diese Behauptung auf ihre Kultur und erst recht auf ihre Literatur überhaupt nicht anwenden. Vielmehr verfügen sie über eine ausgereifte literarische Tradition und – was aus unserer Sicht noch wichtiger erscheint – eine von der Zensur befreite, pulsierende zeitgenössische Literatur. Einige Leistungen dieser Schreibkunst werden weltweit geschätzt – denken wir etwa an die Nobelpreise an den Ungarn Imre Kertész und die Rumäniendeutsche Herta Müller –, andere wie Nádas, Cărtărescu, Tokarczuk, und Andruchowitsch kommen auf die Bestsellerlisten. Kollektive Auftritte bringen die literarische Welt einzelner Kulturen den westlichen Lesern näher – so die Schwerpunkte Ungarn (1999), Polen (2000) und Litauen (2001) auf der Frankfurter, Rumänien (1998), Bulgarien (1999), Slowenien (2008) und Kroatien (2009) auf der Leipziger Buchmesse. Trotzdem blieben Kenntnis und Akzeptanz vor allem der ost- und südosteuropäischen Literatur unterhalb des Möglichen. Die Integration der schreibenden Zunft, eine Art literarischer Ost- und Süderweiterung, verlangte weitere Anstrengungen.

Die Einsicht in die Notwendigkeit veranlasste den Klagenfurter Wieser Verlag anno 2001 zum Starten der bilingualen Bücherreihe EditionZwei. Bereits lange davor beschäftigte er sich mit der Publikation ungarischer, serbischer, kroatischer, bosnischer, slowenischer Texte, von Texten in Romanes und vielem mehr in zweisprachigen Editionen. Das ausgereifte Konzept entstand jedoch erst 2006 auf der Frankfurter Buchmesse, wo auch der »Große Preis für osteuropäische Literatur« – der Vorläufer des späteren »Bank Austria Literaris«-Preises – verkündet wurde. Die mit Unterstützung von KulturKontakt Austria und Förderung der Bank Austria gegründete Institution nahm eine vielfältige Tätigkeit auf: Die internationale Jury sichtete während ihres Bestehens im Rahmen von Vorauswahl und Probeübersetzungen in den einzelnen Ländern jedes zweite Jahr 1500 Bücher und verlieh jeweils einen Hauptpreis, einen Preis für Lyrik und in Einzelfällen einen Sonderpreis. Die ausgezeichneten Bücher erschienen meist zur Leipziger Buchmesse in der Reihe des Wieser Verlags. Neben den Preisen wurden von KulturKontakt Austria innerhalb von sechs Jahren rund 30 Stipendien im Rahmen des »Writers in Residence«-Programmes vergeben. Während des einmonatigen Aufenthalts der Autorinnen und Autoren in Wien wurden Lesungen zur Präsentation ihrer Werke organisiert. Insofern boten die Organisatoren des Projekts eine im deutschen Sprachraum einzigartige, komplexe Dienstleistung an: Direkte Förderung von Büchern und Schreibenden sowie Öffentlichkeitsarbeit für die Bekanntmachung einer literarischen Region waren hier gleichzeitig gewährleistet. Zugleich ging es auch um die Unterstützung der intensiven Übersetzungstätigkeit. So schrieb Annemarie Türk: »Die Leistung der Übersetzerinnen und Übersetzer kann gar nicht hoch genug bewertet werden, sind sie doch die Verbindungsboote zwischen dem einen und dem anderen Ufer, die die Stimmen und die Bilder in das neue Bewusstsein übersetzen. Sie haben sich als Wortschmuggler und Berater bewährt.«

Benützen wir das Verb schmuggeln für die Vermittlung von literarischen Schätzen, dann müssen wir gleich auf die enormen Schwierigkeiten dieses Vorhabens hinweisen. Schriftstellerische Güter werden heutzutage an keinen Zollgrenzen aufgehalten, sondern durch den kulturellen Paradigmenwechsel, die radikale Veränderung der Lesegewohnheiten und das Vordringen der Neuen Medien. Insbesondere in den Ländern, deren Autorinnen und Autoren das Projekt »Bank Austria Literaris« hauptsächlich im Auge hatte, kommt noch ein anderer Faktor hinzu: die aufgrund sozialer Schwierigkeiten abnehmende Kaufkraft der ansonsten an niveauvoller Literatur interessierten Schichten. Trotzdem wird in Ost- und Südosteuropa weiterhin geschrieben, und immer neue Werke entstehen, die neben ihren ästhetischen Qualitäten auch wichtige menschliche Zeugnisse einer im dramatischen Wandel befindlichen Welt darstellen. Und dennoch werden diese Zeugnisse nur langsam in unser Bewusstsein sickern.

Der Weg zum gemeinsamen größeren Europa ist nicht nur ein politischer und wirtschaftlicher Prozess, er ist vor allem gekennzeichnet durch das Kulturelle. Heute könnte man nach den neuen Entwicklungen im Kaukasus und beim Kräftemessen um die Krim meinen, dass die machtpolitischen und militärischen Aspekte wieder einmal die kulturellen zurückdrängen und ihnen die Kraft nehmen werden. Doch mit dem Fall des Eisernen Vorhangs wurden Hoffnungen geweckt, die Verständigung in Europa beschleunigen zu können. Es war der Geist, der, zu Wort geworden, den Eisernen Vorhang gesprengt hat. Damit wurde uns vor Augen geführt, dass Wort Sprache, Sprache Kultur und Kultur Verstehen bedeutet.

War es nicht immer das Wort – ob 1952 in der DDR, 1956 in Ungarn, 1968 in der Tschechoslowakei oder zuletzt 1989 im gesamten Osten –, das den Eisernen Vorhang morsch gemacht hat? Wir betreiben eine Spurensuche, die uns die Literaturen angrenzender Sprachen erschließt und vermeintlich Fernes nahebringt. Es sind Streifzüge zu neuen Klängen alter Sprachen, die erstmals durch die Übersetzung ins Deutsche einem größeren Kreis von Leserinnen und Lesern bekannt gemacht werden.

Es ist eine Reise in die Zukunft, ein Hinhorchen, Befragen und Finden von Antworten. Und es erfordert Geduld. »Ich möchte Sie, so gut ich kann, bitten«, schreibt Rainer Maria Rilke, »Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in Ihrem Herzen und zu versuchen, die Frage selbst lieb zu haben wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind. Forschen Sie jetzt nicht nach Antworten, die Ihnen nicht gegeben werden können, weil Sie es nicht leben können. Und es handelt sich darum, alles zu leben. Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein.«

Wenn wir mit unserer jahrelangen Arbeit dazu beigetragen haben, eine Hälfte unseres Kontinents der anderen zugänglicher zu machen, dann ist uns im Dienst des europäischen Geistes etwas sehr Wichtiges gelungen. Sind nicht schon viele Bücher verschollen gegangen, weil sie es aufgrund ihrer Sprache nicht in den gewohnten Kanon schafften? Einige Bücher, vor allem die aus den anderen, fremden, oft auch slawischen Sprachen, kommen auf leisen Sohlen daher und verbergen sich wie Pilze lange Zeit unterm Laub. Das eine Mal verschwinden sie auch im Nebel der Wahrnehmung, noch bevor sie richtig zur Hand genommen werden; das andere Mal im vernebelten Blick der kurzsichtigen Betrachter, die ihnen voreingenommen begegnen.

Wir leben in einer Zeit, die mehr und mehr Anpassung und Uniformiertheit fordert. Sind das nicht alles Vorläufer zukünftiger gewaltsamer Differenzierungen, Diffamierungen und Sprachverachtungen, wie sie in der Geschichte immer dann auftraten, wenn sich gesellschaftliche Eruption andeutet, sich vorbereitet; und ist es nicht Ausdruck einer verzagten Reibung zwischen Zukunft und Vergangenheit, in der auch Kultur zum Spielball machtorientierter Selbstdarsteller verkommt?

BA Literaris – ein europäisches Karussell

So lesen wir in diesem »europäischen Karussell« Rudolf Juroleks Poesie als Ruhekissen in unruhigen Zeiten; bei Ákos Fodor fragt man sich, wie eine derart leise Muse in turbulenten Zeiten überlebt, und möchte seine Miniaturen einfach per SMS weitersenden; Adisa Bašić gelingt es, die seelische Welt einer von Krieg und Nachkriegszeit geprägten Generation wiederzugeben; Boris Chersonskij schreibt eine lakonische Familienbiografie und gleichzeitig eine Parabel über das Leben und gegen das Verschwinden; Teodora Dimova erzählt uns vom Zerfall der Familie in der Zeit nach der Wende, einfühlsam und mit mitleidloser Härte; Palmi Ranchev führt uns in die skurrile Welt des nachkommunistischen Neureichtums, aber auch in die bittere Armut der Verlierer; Renata Šerelytė schreibt das Blaubart-Märchen fort und lässt uns in eine aufwühlende Familiengeschichte und präzise Zeitdiagnose der Geschichte und Gegenwart blicken; und in Anna Zonovás Roman treffen wir auf Menschen, die zur Zeit des Stalinismus entweder zur Strafe in eine trostlose Gegend verbannt oder als (vermeintliche) Belohnung dort angesiedelt werden; mit Martin Ryšavýs Hauptfigur, einem früheren Theaterregisseur, erleben wir auf bizarre, groteske und tragikomische Weise stalinistische Vergangenheit und postkommunistisches Chaos; skurrilen Helden begegnen wir in der apokalyptischen Punkballade Agda Bavi Pains, um letztendlich bei Florin Lăzărescu in einem Fresko Rumäniens nach der Wende zu landen.

Nicht alles, was in den Büchern unseres Projekts vermittelt wird, bietet ein erfreuliches Bild der osteuropäischen Wirklichkeit, aber wahre Literatur konfrontiert mit der Realität, und jede Heilung beginnt mit einer präzisen Diagnose. »Ich glaube, man sollte nur noch solche Bücher lesen«, schreibt Franz Kafka, »die einen beißen und stechen.« In diesem Sinne verdienen all die Personen eine Anerkennung, die an der gemeinsamen Arbeit mit ihrem Wissen und Engagement beteiligt waren.

Zuerst sei der Gründungsvorsitzende unserer internationalen Jury, Jiří Gruša (1938–2011), der tschechische Schriftsteller, zuerst von der Diktatur verfolgter Dissident, dann Botschafter der demokratischen Regierung, genannt. Dankbarkeit verdienen die mit dem Projekt unmittelbar Beschäftigten der Bank Austria, des KulturKontakts, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Wieser Verlages und alle, die in den einzelnen Ländern an der Vorarbeit der Jury mit ihren Gutachten und Probeübersetzungen beteiligt waren.

Noch etwas: Obwohl die bisherige Tätigkeit um den »Bank Austria Literaris« zunächst abgeschlossen ist, hoffen wir, dass das Ziel, die Popularisierung der lebendigen Literatur von der Ukraine bis nach Bosnien, von Litauen bis nach Bulgarien, weiterverfolgt wird.

Berlin und Klagenfurt/Celovec im März 2014

MARTIN RYŠAVÝ

Dimitrij der Heiler

Russland, das ist das Land,
wo man gute Sachen schlecht macht.
Und schlechte gut
.

Für Alexander I. Utkin

Gelendžik

Das ist die Bora, der Wind, der entsteht, wenn kalte Luft auf ein Gebirgsmassiv stößt und, hat sie das Hindernis überwunden, mit ungeheurer Vehemenz ins Tal hinabstürzt. Die Bora bricht geradezu über dich herein, Luftmassen, die vertikal von oben nach unten fallen, durchaus auch Hunderte Meter. Sie tritt auf, wo ein nicht allzu hohes Gebirge direkt ans Meer grenzt, und in Russland ist sie am stärksten gerade hier, am Fuß des Kaukasus. Sie kann einen Tag dauern oder auch eine Woche, was uns hoffentlich nicht bevorsteht, das wäre, wie du dir denken kannst, zum Verrücktwerden, in einem fort dieses Geheul zu hören und vor Kälte zu klappern. Ich hab hier mal, das ist jetzt mehrere Jahre her, eine solche Bora erlebt, dass mir noch jetzt der Schreck in den Knochen sitzt. Tagsüber im Schatten 40 Grad, und dann hat sich dort über dem Berg Nexis eine so dichte graublaue Wolke geballt, und los ging’s, verstehst du: Atlas gibt ein klein wenig nach, und schon stürzt der Himmel auf uns herab. Eine unglaubliche Gewalt, ein Wind von 50 Metern in der Sekunde, Staubwolken jagen durch die Straßen, du kannst nicht atmen und auch kein Fenster öffnen. Die Temperatur fällt um dreißig Grad, aus einem Sommertag wird augenblicks Winter. Irgendwo bei Novorossijsk sind auch Menschen ums Leben gekommen, den einen erschlug ein Baum, der andere ertrank in den Fluten, schreckliche Dinge sind damals passiert. Aber andererseits, im Sommer erlebst du das eigentlich nie, erst ab September. Deswegen sind dann in Gelendžik auch so wenige Gäste, und die alten Weiber geben dir ein Zimmer schon für 150 Rubel am Tag, ein Preis, den ich mir gerade so leisten kann. Samtene Saison heißt das hier.

Hörst du? Dieses Jaulen treibt dich in einer Nacht in den Wahnsinn, und jetzt stell dir mal eine Woche vor! Dabei regnet es nicht, verstehst du, oder eigentlich regnet es doch, aber nur so einen feinen trockenen Staub, der überall hindringt. Und auch wenn es nicht so viel kälter wird, die Straßen und der Strand bleiben wie ausgestorben. Du gehst durch die Stadt, siehst keine einzige Menschenseele, als wären alle auf einen Schlag von hier weggezogen, nur die Plastikflaschen springen hinter dir her, zerknüllte Zeitungen und Unrat in jeder Form, die Bäume schwanken von einer Seite zur andern und du hörst immerzu dieses abscheuliche Heulen. Das Baden können wir für heute jedenfalls streichen. Hoffen wir mal, dass morgen alles vorüber ist. Bei einem Cognac zu sitzen und zu erzählen ist schließlich auch nicht so schlecht. Na gut, Cognac ist das eigentlich nicht, eher ein Hausgebrannter von hier, ein Trester, aber Kopfschmerzen bekommst du nicht davon, wirst sehen. Mir hat der Kopf nie davon wehgetan, ich denke also, wir werden den Tag ganz angenehm damit hinbringen, wenn wir noch ein Stückchen Salami kaufen und unserer Alten ein paar Trauben wegpflücken. Gestern hat sie mich wieder angemosert, dieser Gierschnabel, dabei weiß sie, dass sie die Trauben nie und nimmer alle allein essen kann, wenn wir ihr nicht helfen, muss sie sie sowieso weiterverteilen, sonst werden sie ihr verfaulen. Schade, dass ich nicht bei der Alten gegenüber untergekommen bin, bei der war ich letztes Jahr, die ist in Ordnung. Pech, dieses Jahr hat sie schon jemanden, Gott mit ihr und mit uns auch, und da sie uns nun mal hier rübergeschickt hat, sitzen wir eben hier …

Dir geht sicher schon langsam auf, dass das Städtchen Gelendžik ganz zauberhaft ist. Ich wollte dir das schon in Moskau erklären, was aber so gut wie unmöglich ist, du musst es am eigenen Leib erfahren. Allein der Weg vom Bus den Hügel zum Ufer hinunter ist interessant, erst siehst du den Nexis, dann die Bucht, dann den Leuchtturm auf dem Dicken Dorn. Gelendžik hat eine fantastische Aura, ansonsten ist es nicht gerade die schönste Sommerfrische am Schwarzen Meer, und auch das Wasser ist ziemlich verschmutzt. Soči ist das hier nicht, verstehst du, aber ich sag dir eins, was soll ich in Soči, wenn ich hier in Gelendžik sein kann. Denn hier gibt es einen lebendigen Genius Loci, so würde ich sagen, ein bisschen banal zwar, aber wozu nach neuen Ausdrücken suchen, wenn die alten völlig genügen? Hier ist auch Pjatibrat, ein Beweis, dass gerade hier, vor Gelendžik, die sieben Krieger des Schicksals das kosmische Schiff der prometheischen Sonnenkämpfer unter Beschuss nahmen und im Meer versenkten, woraufhin die Bucht entstand. Und von den Dolmen hier weiß jeder anderes zu berichten, da ist die Skala breit: Mystiker, die ihre Kraft aus ihnen beziehen, die Historiker, die herausfinden wollen, wann und wie sie hier aufgestellt wurden, Touristen, die sich die Deutungen ihrer Reiseleiter anhören, aber auch Menschen, die bei ihrem Anblick lediglich skeptisch grinsen oder sich gar ein Nickerchen gönnen. Die Anastasier treffen sich hier, wie du gestern gesehen hast, die Kršianer und die Anhänger Vissarions, hier und nicht in Soči oder sonst wo. Du kannst hier ganz unglaublichen Menschen begegnen, Sonderlingen, Visionären, höchst merkwürdigen Frauen aller Art, wie die Blonde mit der Zigarette, die zu Pjatibrat kam und vom Typ her – mit ihrem schmalen Kinn und dem leichten Überbiss – allen meinen drei Frauen so sagenhaft ähnlich sieht. Fehlt nur noch, dass sie auch Olga heißt!

Du wirst lebendige Träume hier träumen – schon der Traum heute Nacht war ja nicht schlecht, ganz zweifellos, wenn das kein deutliches Zeichen ist, dann, mein Lieber, weiß ich wirklich nicht, was du eigentlich noch alles willst. Oder gestern, als wir beim Leuchtturm geschwommen sind und vor dir plötzlich der Delfin aus den Wellen sprang … ich hatte dich direkt im Blick, und da seh ich mit einem Mal, wie aus deinem Kopf dieser große graublaue Körper taucht, ein Meeresgott, anders lässt sich das nicht benennen, mir lief es eiskalt über den Rücken. Ich komme seit Jahren hierher, aber so etwas ist mir nie passiert, und du kommst zum ersten Mal und gleich widerfährt dir ein solches Wunder. Aber hier tun sich immer besondere Dinge, ohne tieferen Grund bist du nicht hier gelandet, das kann ich dir garantieren, auch wenn du den Sinn dieser Reise noch nicht begreifst. Auch wenn du glaubst, dass das nur ein Abstecher ist auf deinem Weg, der dich wichtigeren Zielen entgegenführt. Selbst wenn es so wäre – ich denke, es kann nicht schaden, wenn du dich vor deinem Abflug nach Sibirien ein bisschen aufwärmst, Sonne auf Vorrat tankst, oben im Norden wirst du sie brauchen. Übrigens, im September gibt es hier Sonnenuntergänge, so etwas hast du im Leben noch nicht gesehen, das musst du mir filmen, dann kann ich mir das im Winter anschauen, wenn ich wieder in Moskau bin. Du verstehst, kann meditieren … Gestern sind uns die Wolken dazwischengekommen, heute sieht es auch nicht gerade günstig aus, aber ganz bestimmt werden wir hier noch das eine oder andere fantastische Schauspiel geboten bekommen. Und keins ist wie das andere, wirklich, ich habe die Sonne noch keine zwei Mal auf dieselbe Weise versinken sehen, und erst recht noch keinen mit Kamera hier gehabt, der das hätte filmen können.

Sowieso kaum zu fassen, noch vor einer Woche hätte ich nicht gedacht, dass du kommst, und dabei hat mir Svetlana, die Nachbarin aus dem alten Haus in der Voznesenskaja, gesagt, dass ich dieses Jahr nicht allein hier sein werde. Anders als mich hat man sie noch nicht aus dem Haus verjagt, sie wohnt da noch immer im Erdgeschoss, obwohl sie nur Strom hat. Gas und Wasser hat man ihr abgedreht, über kurz oder lang wird auch sie wegziehen, sie und die zehn Kirgisen aus dem ersten Stock. Das Haus ist zum Abriss bestimmt, das hat der Moskauer Magistrat entschieden, da lässt sich nichts machen, mich haben sie schon im Frühling vertrieben und in diese schreckliche Kommunalka mit den Straßenkehrern gesteckt. Das hat mich ziemlich mitgenommen, das sag ich dir, das, worin ich jetzt lebe, kann man nicht mal Zimmer nennen, das ist eine Spelunke, eine Gefängniszelle, ein wahres Arrestloch, kurzum die Hölle. Wie ich da je wieder rauskomme, keine Ahnung. Das ist der Tod, das spür ich im Gebälk, ein weiterer Tod kommt auf mich zu, aber ob ich ihn überlebe, das ist die Frage. Ich hab ihn in den Karten gesehen, ganz deutlich hat er sich mir gezeigt, aber auch ohne Karten hätte ich ihn gesehen. Svetlana hat es mir auch bestätigt. Übrigens, Svetlana liest hervorragend aus dem Kaffeesatz, ich kann mich nicht erinnern, dass ihre Voraussagen irgendwann einmal nicht gestimmt hätten, aber neulich, als sie sagte, dass ich nicht allein nach Gelendžik fahre, da hab ich sie ausgelacht. Svetka, bei Gott, wer würde mit mir schon fahren. Von den alten Bekannten besucht mich schon längst keiner mehr, das liebe lange Jahr über nicht, alle sind sie verheiratet oder ins Ausland gegangen, und die, die geblieben sind, kümmern sich um ihre Kinder oder ums Business. Ich könnte keinen Einzigen nennen, der sich für mich Zeit nehmen könnte oder auch wollte. Und sie sagt: Wart ab! Na ja, wie hätte ich wissen können, dass ausgerechnet du das goldene Prag so mir nichts dir nichts hinter dir lässt und in Moskau auftauchst, eine unstete Seele mit etwas Geld in der Tasche und ohne ein eiliges Ziel. Nein, Svetka ist als Orakel außer jedweder Konkurrenz.

Übrigens, ich finde, du solltest dich bei ihr blicken lassen. Du bist auch gerade in einer Umbruchsphase. Die eine Lebensgeschichte endet, die andere hat noch nicht angefangen, und Svetka könnte dir sicher einiges Interessantes sagen. Aber wenn du nicht willst, dann eben nicht, das liegt bei dir … Ich habe aber den Eindruck, dass wir uns irgendwie in einer ähnlichen Situation befinden, schon deswegen, weil wir beide klar spüren, dass etwas zu Ende gegangen ist, aber wir wollen das, was von uns weggeht, nicht loslassen und klammern uns an seinen Schwanz. Aber wir müssen es lassen, so oder anders, ich meine alte Wohnung und du Sibirien … Auch deine Sachaljarin wirst du aufgeben müssen, und wenn du noch so sehr glaubst, dass du es mit ihr noch einmal versuchen kannst. Das ist vorbei, Beziehungen enden, sie sterben, im wahrsten Sinne des Wortes, und du stirbst mit ihnen, deine alte Gestalt stirbt – was anderes könnte ein Traum bedeuten, in dem du dich selbst siehst, wie du in deinem Elternhaus auf dem Dachboden hängst? Vater, sei mir nicht böse, es ist mir peinlich, aber ich häng da nun mal … Ein Bild, klar wie der helle Tag: Deine alte Gestalt schaukelt bei deinen Eltern im Dach, und in welcher du demnächst erscheinst, falls überhaupt, das ist schwer zu sagen. Vielleicht kommst du gar nicht mehr wieder, winkst in Erinnerung meiner Worte nur ab, weil du woanders bist.

Na und ich, wenn ich mir allein die Sachen vor Augen rufe, die ich in der alten Wohnung zurücklassen musste, denn in das neue Mauseloch passen sie nicht hinein … eine Unmenge Sachen, die bis dahin für mich unverzichtbar waren, zum Beispiel das Bett, verstehst du! Jetzt schlaf ich auf einer Luftmatratze, schrecklich. Das ist eher was für die Kirgisen, die schlafen auch auf dem Boden, für die ist das ganz normal, aber ich als Russe, von wegen, völlig unmöglich. Aber was kann ich machen? Nacht für Nacht heule und fluche ich, aber was hilft’s, erst hier, bei der Alten, habe ich mich seit langer Zeit wieder einmal ordentlich ausgeschlafen. Bis auf das kaputte Radio und das Geticke der Uhr, das muss ich noch irgendwie lösen. Das Radio schweigt wie ein Grab und die Uhr hämmert mir auf den Schädel – ich sag das, damit du weißt, wie ich vor dem Einschlafen leide. Klar, wohin die Gedanken da wandern, wenn man sich von einer Seite auf die andere wälzt und nicht schlafen kann. Zu all den Dingen, die unwiederbringlich dahingehen und die man so sehr beweint … Allein die Bücher, die ich weggeben musste und noch werde weggeben müssen, weil ich nicht in einer Bude leben kann, die von einem Ende zum anderen, vom Boden bis zur Decke vollgestopft ist. Ich werde langsam krepieren, das sag ich dir, mit jedem einzelnen Buch stirbt ein Stück meiner selbst, und Gott weiß, was sein wird, wenn mir keins mehr geblieben ist. Dabei weiß ich durchaus, dass es eigentlich gut so ist, es gibt mir die Möglichkeit, mich von der Vergangenheit zu befreien, die sowieso nur belastet, verstehst du. Aber es macht mir Angst, umso mehr, als ich diese Prozedur nur allzu gut kenne: Seit ich als Straßenkehrer arbeite, hab ich oft gesehen, wie man Wohnungen im Moskauer Zentrum, aus der irgendein Opa rausmusste, geräumt hat. Führ dir das nur mal vor Augen, die alten Menschen haben ihr ganzes Leben mit diesen Sachen gelebt – und auf einmal sind sie gezwungen, sich von allem zu trennen, und meist haben sie nicht einmal jemanden, dem sie es geben könnten, und müssen es wegschmeißen. Und dann noch zusehen, wie diese alten Häuser eins nach dem anderen fallen, ich weiß nicht, ob du dir vorstellen kannst, was sie, was auch ich durchgemacht habe.

Zu guter Letzt haben sie auch noch das Haus abgerissen, das mir den Blick auf die Christ-Erlöser-Kathedrale verstellte. Total paradox: die letzten Monate noch den herrlichen Blick genießen … tja, du siehst es ja selbst, ach je, ach je, die letzte Oase in meinem Leben ist zerstört, und das ist erst einmal der Anfang der großen Krise. Aber wer weiß, vielleicht ist es ja doch nicht der Schlusspunkt, vielleicht wühle ich mich da wieder raus und es kommt doch noch was anderes, auch wenn ich nicht weiß, was und von wo. Ich lege mir dauernd Karten, aber da zeigt sich kein helles Licht, nichts als ein unumgänglicher Sprung ins Unbekannte hinein, oder anders gesagt, genau das, was mir als professionellem Feigling immer die größte Angst eingejagt hat. Obwohl ich weiß, dass der Mensch einzig und allein in solchen Momenten von der Vorsehung an den Platz geführt wird, den er im Leben einnehmen soll. Nur, verstehst du … Und Svetka sagt sogar, dass eine Frau in mein Leben tritt, nach meinen drei gescheiterten Ehen eigentlich eher eine Schreckensnachricht. Aber trotzdem bin ich gespannt, weil mir ein Rätsel ist, wie und wo ich eine Frau überhaupt kennenlernen könnte und warum die sich ausgerechnet für jemanden interessieren sollte, der in so einer Situation steckt wie ich. Das soll nicht heißen, ich würde mir etwa Hoffnungen machen oder gar Pläne schmieden, ganz im Gegenteil, das konnte ich eigentlich nie.

Und trotzdem weiß keiner wirklich, was kommt, für irgendwelche Pläne oder auch Ergebnisse gibt es keinerlei Garantie. Die Götter greifen nämlich sehr gern in unsere kreativen Projekte ein und stellen uns in Situationen, in denen wir dann etwas anderes filmen, die Regie eines ganz anderen Stückes übernehmen müssen, als wir eigentlich vorhatten, das kennst du ja. Du willst, dass es so läuft, aber es läuft ganz anders, und dann denkt jeder, du bist nicht clever genug, du hast es einfach nicht drauf, bist unfähig, zumindest nach gängigem Maßstab. Man sagt zu dir, schlag vier Nägel ein, also schlägst du vier Nägel ein, man sagt zu dir, lern Englisch, also lernst du Englisch – gerade das ist mir nie gelungen, in keinem meiner Berufe. Aber hätte ich in meinen jungen Jahren Genossen Husserl studieren können, wär ich von all dem nicht dermaßen traumatisiert. Vielleicht hätte ich dann begriffen, dass man allein schon daran Freude haben kann, die Erscheinungen der Welt wahrzunehmen, sie zu befragen, sie aber zu nehmen, wie sie sind, ohne Vorurteile. Dazu hätte ich allerdings andere Schulen besuchen müssen, nicht die sowjetischen. Ich hab sowieso das Gefühl, dass alle meine Lehrer Sadisten waren. Natürlich wussten sie in ihrem Fach ganz gut Bescheid, aber sie haben so fürchterlich davon erzählt, dass sie uns eine Menge Sachen einfach für immer verleidet haben. Ich bin absolut derselben Meinung wie eine meiner Bekannten, die es bis zur Schulinspektorin gebracht und einmal zu mir gesagt hat, dass man solche Lehrer nicht nur entlassen müsste, sondern an Ort und Stelle erschießen, weil sie mit ihren Ausführungen die Kinder völlig verderben. Und dann passiert genau das: Der normale russische Schüler wird das, wovon er in der Schule gehört hat, nie lesen, denn sofort hat er den entsetzlichen Pečorin aus der Schule vor Augen oder Tatjana Larina mit ihrem zitronengelben Barett.

Aber ich bin abgeschweift, was ich eigentlich sagen will: Ich hab nie das erreicht, was ich wollte, ich habe immer etwas anderes erreicht. Bin immer an ein anderes Ziel gelangt, als ich dachte, und war seinerzeit deswegen auch richtiggehend hysterisch, bis ich begriff, dass ich in diesem Leben einfach keine Karriere mache, denn nicht einmal, wenn ich einfach nur so erzähle, gelingt es mir, die logische Abfolge der Dinge bis zum Ende zu wahren, ich vergesse, was ich gerade erzähle, und in meinem Bemühen, alle Gedankenstränge, die mir unter dem Reden zuwachsen, gleichzeitig weiterzuführen, verheddere ich mich unentwegt. Oder wenn ich schreibe, eine totale Katastrophe, die Sätze verzweigen sich ohne Ende und schaffen ein regelrechtes Labyrinth an grammatischen Strukturen, in dem nur schwer ein roter Faden zu finden ist, dafür aber zahllose Sackgassen und tote Arme, aus denen kein Weg zurückführt. Daher hab ich auch nie irgendwas Vernünftiges geschrieben, obwohl es mir, vor allem was das Theater betrifft, an guten Sujets nicht mangelt. Trotzdem, etwas mache ich und etwas macht sich wie von selbst, verstehst du, und ab einem bestimmten Moment stelle ich fest, dass das, was herauskommt, im Grunde besser ist, als das, was ich geplant habe. Nicht schöner, nicht ausgesuchter, nicht vollkommener, keineswegs eine Neun im Tarot (die Neun übrigens, die aus numerologischer Sicht unveränderlich ist, denn die Quersumme ihrer Vielfachen ergibt auch immer neun, sollte man überwinden und die Zehn anstreben), aber besser adaptiert, wahrer. Und das gilt auch fürs Theater.

Wahrer – das muss man allerdings richtig verstehen, denn das Theater, dessen ureigenstes Wesen Trug ist, Täuschung ist, wollte immer die Wahrheit des Lebens abbilden und hat im Namen dieser Idee mitunter schrecklich Dummes verbrochen. Nimm nur einmal den Naturalismus à la Stanislavskij … Heute spricht keiner mehr davon, dass Stanislavskij erst nach der Revolution zum Realismus gefunden hat, bis zur Revolution propagierte er ein naturalistisches Theater, da standen echte Kühe auf der Bühne, haben echtes Heu gefressen und echte Fladen geschissen. Und ein waschechtes Weibsbild stand auch dabei – ein schlichtweg geniales Weib für diese Rolle –, die hatte man aus einem Dorf rangekarrt und ihr den Text eingetrichtert und sie hat ihn von vorn bis hinten mit ihrer eigenen Redeweise durchwürzt: Scheiß drauf, soll er mich doch, wo ist er denn jetzt, Himmel Arsch, wieder hin? Und so weiter. So dürfen Sie das nicht sagen, hat man sie angeschrien, sagen Sie einfach: Wo ist er denn jetzt wieder hin? Und sie sagt: Aber das ist ja nicht wahr! Wir auf dem Land reden so nicht. Und weder mit der Kuh noch mit der Alten war irgendwas anzufangen, sie mussten sie wieder zurückbringen in ihr Dorf, das naturalistische Experiment war gescheitert. Eins aber kam dennoch dabei heraus, und zwar wiederum irgendwie nebenbei: ein Theater, das einfacher war, klarer, und sich nicht in Effekten und Paradoxen gefiel. Tja, und genau diesen Weg habe ich auch hinter mir. Anfangs hab ich auch über alles, was das Theater und die Kunst allgemein betrifft, viel zu kompliziert nachgedacht, alles sollte einen wahnsinnigen Effekt haben, ins Paradoxe münden, und dann hab ich gemerkt, dass weitaus effektvoller als jede Klügelei, jedes Getüftel, jede Subtilität etwas ganz anderes ist, was sich am besten mit dem Wort Klarheit bezeichnen lässt. Das philosophische und künstlerische Denken gipfelt nicht etwa im Paradox, verstehst du, das Paradox ist nur eine Finesse des Verstandes, und der Verstand versagt oft oder führt in die Irre. Nur das Herz lügt nicht, eine dämliche Phrase, könnte man meinen, aber nur für den, der nicht weiß, worum es geht. Man muss der Klarheit vertrauen, der Nüchternheit. Wenn du nach Klarheit strebst, wachsen dir Tiefe und Höhe ganz von allein zu (zwei verschiedene Sachen, auch wenn ein Halbgebildeter das oft nicht zu unterscheiden weiß), Subtexte bilden sich heraus, und du erntest während der Vorstellung Früchte, die du gar nicht gesät hast.

Es gibt natürlich Situationen, wo man nicht klar sieht, wo einem nichts bleibt als abzuwarten, abzuwarten, bis die Dinge sich deutlicher darstellen. Das ist im Moment auch bei dir der Fall – du hast es ja selbst gesehen, als ich versucht hab, dir die Karten zu legen, als erste kam die weiße. Nichts, null. Im Grunde auch eine klare Sache: Noch hat die Deutung nicht begonnen, ist sie auch schon zu Ende, weil du dich eben in einer Zwischenphase befindest, das eine ist schon zu Ende, das andere hat noch nicht angefangen. Du wartest auf einen ersten Schritt, in dem sich zumindest eine gewisse Richtung andeutet. Dann lassen die Karten sich lesen. Dein rätselhafter alter Traum allerdings, von dem du mir heute Morgen erzählt hast, scheint mir ganz klar, ja, geradezu von banaler Anschaulichkeit. Also: Das Kino, in das so viele möchten und für das ausgerechnet du eine Karte hast, meint irgendein Privileg, ein angeborenes oder erworbenes, etwas wie Talent, Bildung, Weihe, was weiß ich. Einfach etwas, was nur wenige bekommen. Nicht jeder hat Anspruch darauf, aber du hast es bekommen, verstehst du, aber du lehnst es ab, die Gründe dafür sind jetzt nicht ausschlaggebend. Vielleicht bist du zu feig, vielleicht zu vernagelt, zu unentschlossen, ich weiß nicht. Vielleicht hast du auch gedacht, dass das für dich nicht das Richtige ist, vielleicht hattest du Angst vor der Verantwortung oder siehst dich anderswo in der Pflicht, alles Mögliche kann da eine Rolle spielen. Kurz, du hast abgelehnt, und weil du ein Altruist sein willst, willst du die Karte jemand anderem schenken – aber wem? Wer ist eines solchen Geschenkes würdig? Eine schöne Frau? Ein guter Freund? Nein, das wäre in deinen Augen nicht wirklich edelmütig, diese grandiose, fantastische Sache musst du dem Allerletzten schenken: einem Enterbten, einem Obdachlosen, einem Krüppel, dem Alleruntersten, das erst ist eine wahrlich gute Tat! Aber du hast dir nicht klargemacht, dass du ihn durch dieses Geschenk vielleicht demütigst, du hast eines nicht bedacht: Machst du dem Ärmsten der Armen dieses Geschenk, zeigst du damit vor allem, was du von ihm denkst – nämlich, dass er der Ärmste der Armen ist! Du deutest praktisch mit dem Finger auf ihn und erhöhst dadurch dich selbst. Und er dreht sich aus deinem Geschenk einen Glimmstängel, entwertet es, damit dir ein Licht aufgeht, aber für dich hat das nicht gereicht, deswegen hat er dir auch den Ärmel verschmiert und, weil du gar so begriffsstutzig bist, schließlich noch das brennende Ende auf die Stirn gedrückt, genau auf die Stelle, wo sich das geistige Auge öffnet. Im Grunde hat er dir damit gesagt: Denk nach, Dummkopf, wach auf! Aber du hast nicht verstanden, und was du dann durchlebt hast, da könnte ich höchstens raten. Die Wurzel des Ganzen ist zweifellos dein Stolz, das Gefühl der eigenen Wichtigkeit, bitte versteh mich nicht falsch, ich will dich nicht verleumden. Nein, so ist das bei allen und immer, das ist ganz normal, alle sind wir dieselben Dummköpfe, und daher kehrt die klassische Tragödie immer wieder auf die Bühne zurück.

Das Gefühl der eigenen Wichtigkeit als Kern des tragischen Sujets, verstehst du! Stolz und Hochmut als die eigentlichen Todsünden … Die Lehre der Kirche spricht zwar von sieben Todsünden, betrachten wir aber die übrigen sechs genauer, dann sehen wir, dass sie eigentlich alle Spielarten des Hochmuts sind und sich nur jeweils anders gewanden. Und was flüstert der Hochmut mir ein? Dass ich und nur ich hier die Hauptperson bin und genial und dass keiner über mir steht. Menschliches Urteilen, menschliches Richten, das zweiundzwanzigste Arkanum, Egoismus genannt! Aber auch das hat, wie alles, zwei Pole (das göttliche Spiel der Dialektik gilt auch hier): einerseits Hochmut, andererseits ein Gefühl der Schuld, das sich gern als Gewissen ausgibt. Das Gewissen ist aber etwas viel Tieferes, viel Verlässlicheres, das Gewissen quält nicht, wie uns manch kirchlicher Vertreter einreden will, uns quält einzig und allein das Gefühl der Schuld, und auch dieses Gefühl ist Hochmut, nur wie ein Handschuh auf links gedreht. Das Schuldgefühl verwehrt mir zu sagen, dass mir etwas gelungen ist, etwas anderes nicht, denn ich bin ja ein Tunichtgut, ein widerlicher Schwätzer, ein Hornochse, das grässlichste Monster auf der ganzen Welt, keiner liebt mich und so weiter und so fort … ich habe einen ganz außerordentlichen Hang zu so was, und du kennst das auch, ich denke, es ist einer der Gründe, warum du weg bist, nach Sibirien, oder nicht? Und sieh dir nur Keša an, den armen Hund. Hast du gehört, was er auf unserem Weg zum Nexis hinauf gesagt hat? Dass er nicht mehr kann, auf alles pfeift, auf alles, dass er sich den Anastasiern anschließt oder Vissarion, kurzum, dass er sich eine Sekte sucht, die ihn richtig geißelt und peitscht, denn das habe er schließlich verdient! Ich Bastard, ich Nichtsnutz, ich Missgeburt, verstehst du, ich bin der schrecklichsten Strafen würdig!

Was hat er denn Schlimmes getan? Er hat zehn Jahre als Fluglehrer gearbeitet, ein fähiger Kerl, mutig, denn ich sag dir eins, jemandem beizubringen, wie man einen Jagdbomber steuert, ist keine Kleinigkeit. Das eine oder andere kann man jemandem beibringen, aber manches auch nicht, zum Beispiel das Landen. Trotzdem sagt Keša, wenn der Schüler das erste Mal landen soll: Keine Angst, wenn was nicht klappt, greif ich ein. Damit der Schüler nicht schon während des Flugs die Ruhe verliert. Aber wenn er dann landet, dann merkt auch er, dass die Landung ab einem gewissen Moment nicht mehr zu beeinflussen ist, dass es hopp oder dropp geht, dass der Lehrer ihn angelogen hat. Die Hälfte der Schüler bringt Keša dann eine Flasche und einen Blumenstrauß, die andere Hälfte würde ihm am liebsten die Fresse polieren. Einer hat das sogar mal gemacht. Keša riskiert also mehrmals im Jahr zwei Leben, das eigene und das eines anderen, und dieses Jahr ist ihm einfach die Kraft ausgegangen, Burn-out, wie man sagt, einfach am Ende. Mit den Nerven am Hund, er kann nicht mehr schlafen, hat zwanzig Kilo zugelegt … Der war einmal so ein Spund wie du, als ich ihn hier vor Jahren zum ersten Mal traf, nicht grade Haut und Knochen, aber auf keinen Fall dick, und jetzt schau ihn dir an. Ich hab zu ihm gesagt: Was soll denn das? Gefällt dir meine Figur so gut, dass du sie kopieren willst? Und er, er seufzt. Sagt sich nicht etwa: Ich hab meine Schuldigkeit getan, ich hab meine Sache nicht schlecht gemacht, und jetzt probier ich was Neues, nein, er hat das Gefühl, dass er enttäuscht hat, dass er ein Schwächling ist, nichts wert, und zwar umso mehr, als er seit dem Austritt aus der Armee sehr viel weniger verdient. Und noch dazu ist ihm die Frau weggelaufen, das hat ihn schwer mitgenommen. Und jetzt dreht er durch und würde sich am liebsten irgendeine Art Buße oktroyieren lassen. Er will seine Wohnung verkaufen, will fort aus der Stadt, irgendwo im Dorf in einer Kommune leben und sein tägliches Brot im Schweiße seines Angesichts essen, wozu er freilich nicht die geringsten Voraussetzungen mitbringt. Geißelt mich mit eisernen Besen, das kennst du ja, das haben uns die abrahamitischen Religionen eingebläut, mit dieser ganzen von ihnen erfundenen Sünde, die die Menschen letzten Endes zum Flagellantentum führt, zur Selbstbefriedigung in der Selbsterniedrigung. Hat doch auch Genosse de Sade den Klerikern damals gesagt: Kommt, wir machen es öffentlich, wenn es doch sowieso alle machen. Kommt, warum nicht öffentlich Lust und Genuss daraus ziehen, dass uns nicht wohl ist in unserer Haut, dass uns etwas schmerzt. Da haben sie alle aufgeschrien: So eine Bagage, so ein perverser Lump, dieser Marquis!

Dabei hat er nur als einer der Ersten verstanden, dass es in diesem Stück nicht um Gewissen und um Ideen geht, sondern um die Instinkte, und das hat er laut gesagt. He, du kennst doch sicher den Witz: Ein Flugzeug stürzt ins Meer, zwei Männer und eine Stewardess retten sich auf eine Insel. Da leben sie einige Zeit, bis die Männer sich sagen, ne, also so geht das nicht weiter, diese Schweinerei muss ein Ende haben, und sie erschlagen die Stewardess. Sie sind jetzt also zu zweit, und wieder nach einiger Zeit sagen sie sich, ne, also so geht das nicht weiter, diese Schweinerei muss ein Ende haben, und sie verbuddeln die Stewardess. Und wieder leben sie einige Zeit, und wieder sagen sie sich, ne, also so geht das nicht weiter, diese Schweinerei muss ein Ende haben, und sie buddeln die Stewardess wieder aus … du verstehst, ja, als der Marquis damals anfing, die Konsequenzen aus seinen Gedanken zu ziehen, hat er zu seinen Freunden gesagt: Jungs, ihr müsst das, verdammt noch mal, ganz zu Ende denken! Ihr sprecht hier von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, na gut, eine nette Parole, aber die, die dafür auf die Barrikaden sollen, richten sich in ihrem Leben vor allem nach ihren Instinkten, und deshalb werdet ihr am Schluss etwas anderes bekommen, als das, wofür ihr euch jetzt so sehr einsetzt. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, das sind Privilegien, die nur den Höchsten gebühren, vielleicht nur den Königen, man kann sie nicht einfach so nehmen und der Masse vermachen. Denn Brüderschaft korrespondiert mit dem ewigen Bruderkampf um das Erbteil, und Freundschaft heißt auch Verrat. Wählst du dir einen Menschen und erklärst ihn zum Freund, das heißt zu dem, der dich nicht verraten wird, auf welcher Grundlage wählst du ihn? Was weißt du denn schon über ihn? Warum hinterher das Geschrei, wie dumm du warst, ihm zu vertrauen? Trottel, warum hast du ihm denn vertraut? Aber er war doch mein Freund! Freund, warum? Weil du ihn zum Freund erklärt hast? Weiß der Teufel, was er sich denkt! Eine fremde Seele ist dunkel, verlangt vor allem nach Lust, und Lust empfindet sie nur, wenn sie ihre natürlichen Triebe befriedigt, und das werde ich jetzt an diesem Tomatensalat demonstrieren und an dieser 10-Rubel-Fertigsuppe.

Ein weiterer Vorteil der samtenen Saison, das Gemüse ist billig. Aber bitte, du musst dich meinen Ernährungsgewohnheiten keineswegs unterordnen. Ich kaufe immer das Billigste, ich habe gar keine andere Wahl, aber essen kann ich ansonsten alles, und lädst du mich ein, werde ich mich nicht wehren. Hast du Lust auf Salami, dann kauf Salami, hast du Lust auf eine Melone, kauf eine Melone … zumindest die lokale Suppenspezialität solltest du mal probieren, heißt Čichirtma, die Georgier kochen sie in ihren Ständen auf dem Hauptplatz. Wer weiß, wie lang noch, wo jetzt ein Krieg ins Haus steht, wie viele Georgier dann in Russland bleiben und wie es ihnen ergehen wird, das ist noch die Frage. Hammelschaschlik sollten wir uns wenigstens einmal auch zu Gemüte führen, vielleicht auch Keša dazu einladen, damit er auf andre Gedanken kommt. Ich will dich aber keineswegs drängen, du musst selbst wissen, was dein Geldbeutel hergibt. Ich sag nur, ich wär nicht dagegen. Und wenn du eventuell Interesse hast an einer der Ausflugsfahrten, die hier veranstaltet werden, dann könnten wir zum Beispiel zu den Dolmen bei Pšada fahren, du brauchst es bloß zu sagen. Ich war ja schon öfters hier, aber du, bei Gott, du solltest dir nicht in irgendeiner Weise Beschränkungen auferlegen. Du kannst hier essen, schlafen, schwimmen, tanzen oder Mädchen anbaggern, ganz wie du willst. Hier kommen von überallher viele Damen zur Kur, die warten geradezu darauf. Mit den Mädchen von hier ist es nicht so einfach, das wirst du selber sehen, andererseits, warum solltest du ausgerechnet mit einer von hier anbandeln … und außerdem, mit dem Gelendžiker Kognak lässt sich jederzeit auf irgendwas trinken, auf die Gesundheit und – auf die Kunst, übrigens der einzige Toast, den mein Freund Kim auszubringen imstande war. Du weißt schon, der aus Charkov. Das Theatergenie. Sofern er mal etwas trank, das hat er nur selten getan, und wenn, dann eben, verstehst du, einzig und allein auf die Kunst! Das machen wir heute auch.

Dabei gilt weiterhin, dass, wie Genosse Freud entdeckt hat, die sensibleren Empfindungen, wie etwa die Kunst sie ermöglicht, nichts als Sublimierungen unserer elementaren Instinkte sind, Gott sei Dank gibt es nur vier. Drei davon – der Fresstrieb, der Fortpflanzungstrieb und der Erkenntnistrieb – haben unmittelbaren Einfluss auf unser Verhalten im Alltag, der vierte ist bei Normalbetrieb auf Stand-by geschaltet, das heißt, er ist in Ruhestellung, kann aber augenblicks in Gang gesetzt werden. Das ist der Selbsterhaltungstrieb, den wir nur in Momenten größter Anspannung aktivieren, wenn der Tod sich frech an uns heranschleicht und fragt: Was willst du denn eigentlich hier? Dann fährt uns ein solcher Schrecken ein, dass die oberste Befehlszentrale alle Reserven mobilisiert, und ich brauch dir nicht zu erklären, wozu man dann fähig ist und im Nachhinein nicht begreift, wie man dies oder jenes konnte. Ansonsten hängt die Kunst vor allem unmittelbar mit dem Erkenntnistrieb zusammen, mit dem Neid und der Aggression. Klar, solange wir nicht neidisch sind, verspüren wir gar nicht den Wunsch, besser zu schreiben oder großartiger zu inszenieren, kurz und gut, mehr zu erreichen als unsere Väter und Großväter. Den Neid kann man nicht besiegen, es ist auch gar nicht wünschenswert, verstehst du, aber die Aggression, die er auslöst, die muss man in die richtige Richtung lenken, denn eine Aggression, die nicht darauf aus ist zu töten, mündet in einen schöpferischen Akt, selbst dann, wenn dich jemand an die Wand stellt und dich eben nicht erschießt, sondern nur mit Messern haarscharf absteckt, wie manchmal im Zirkus. Bei einer schöpferischen Tätigkeit durchlebt man etwas ungeheuer Starkes, so dass unser Blick auf die Welt sich verändert, sich unser Verbindungspunkt mit ihr verschiebt. Was ein schöpferischer Mensch tun kann, ist einzig und allein genau das, und zwar möglichst intensiv: den Verbindungspunkt verschieben, alles erfahren, was daraus folgt, um so sich selbst und die Welt ringsum besser zu erkennen. Mit dieser Formulierung kannst du dich hoffentlich einverstanden erklären.