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BAVI PAIN • AM ENDE DER WELT

Eine Landkarte für Literatur aus Ost- und Zentraleuropa sowie Südosteuropa

Im Jahr 2001 haben KulturKontakt Austria, der Wieser Verlag und die Bank Austria gemeinsam die zunächst zweisprachige EditionZwei ins Leben gerufen. Ziel dieser literarischen Reihe war und ist es, das umfangreiche literarische Schaffen in der Region Ost- und Zentraleuropa sowie Südosteuropa einem deutschsprachigen Lesepublikum zugänglich zu machen.

Aus der EditionZwei wurde der Literaturpreis »Bank Austria Literaris«, die wohl weiterhin umfassendste Auszeichnung für Literatur aus dieser Region: Von 2006 bis 2012 nominierten lokale Jurys aus 16 Ländern – Bosnien-Herzegowina, Bulgarien, Estland, Kroatien, Lettland, Litauen, Polen, Rumänien, Russland, Serbien, Slowakei, Slowenien, Tschechien, Türkei, Ukraine und Ungarn – alle zwei Jahre Autorinnen und Autoren für die Entscheidungsfindung der internationalen Jury.

Diese vergab unter dem Vorsitz von Jiří Gruša und später von György Dalos den »Bank Austria Literaris« für Prosa, eine Auszeichnung für den besten Lyrikband sowie sieben »Writers in Residence«-Stipendien von KulturKontakt Austria.

Mit diesem umfangreichen Projekt entstand die literarische Landkarte einer Region, die weiterhin in einigen Bereichen auf ihre Entdeckung wartet. Die vorliegenden Bände im Schuber entführen uns in ein »europäisches Karussell«. Zuvor haben renommierte Autoren die hier präsentierten Kolleginnen und Kollegen besucht. So wurde aus dem Road-Movie ein Road-Feuilleton. Die Tageszeitung »Der Standard« und »Ö1« unternahmen literarische Reisen zur Literatur und in Landschaften, vor deren Hintergrund die Texte entstehen. Wir laden Sie ein, mit den vorliegenden Bänden die außergewöhnliche Entdeckungsreise fortzusetzen.

Grafische Gestaltung des Umschlags und des Schubers unter Verwendung einer Grafik des slowenischen Künstlers Tomaž Kržišnik (geb. 1943) aus Ljubljana. Titel: »Piran« (1986). Privatbesitz.

AGDA BAVI PAIN

Am Ende der Welt

Roman

Aus dem Slowakischen
von
Mirko Kraetsch

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Koniec Sveta
© DES SLOWAKISCHEN ORIGINALS BEI
KOLOMAN KERTÉSZ UND AGDA BAVI PAIN

wtb 08

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Copyright © dieser Ausgabe 2014 bei Wieser Verlag GmbH,
Klagenfurt/Celovec
Alle Rechte vorbehalten
ISBN 978-3-99047-005-3

INHALT

BANK AUSTRIA LITERARIS – EIN EUROPÄISCHES KARUSSELL

Versuch über eine literarische Integration EditionZwei, KulturKontakt Austria, Bank Austria Literaris

AGDA BAVI PAIN

Am Ende der Welt

Jesoskéro Ňilaj – Altweibersommer

Und was, wenn mir jemand zusieht?

BANK AUSTRIA LITERARIS –
EIN EUROPÄISCHES KARUSSELL

Versuch über eine literarische Integration
EditionZwei, KulturKontakt Austria,
Bank Austria Literaris

GYÖRGY DALOS / LOJZE WIESER

An die 6000 Bücher waren es, aus denen eine internationale Jury seit 2006 ihre Auswahl zu treffen hatte. In diesem Schuber liegt diese nun gesammelt vor. Entstanden ist ein literarisches europäisches Karussell. Geschichten und Bilder, die aufwühlen, uns mitziehen, die einen Sog entwickeln. Es sind Zeugnisse einer im dramatischen Wandel befindlichen Welt. Ausgewählt, ins Deutsche übersetzt und geehrt werden sie einem größeren Kreis von Leserinnen und Lesern präsentiert.

Der Sinn der historischen Veränderungen der späten achtziger und frühen neunziger Jahre bestand darin, die verrosteten Diktaturen in den ehemaligen Ostblockstaaten durch funktionsfähige demokratische Systeme zu ersetzen. Der Weg zur offenen Gesellschaft setzte eine Öffnung auch nach außen, das heißt eine Aneignung europäischer Werte und eine direkte Annäherung an die europäischen Normen, voraus. Ohne den Erfolg dieses Prozesses herabsetzen zu wollen, müssen wir betonen, dass er einerseits für die betreffenden Länder und Gesellschaften kein leichter Spaziergang war, und andererseits bis heute als nicht abgeschlossen betrachtet werden muss. Der zusammengebrochene »real existierende Sozialismus« hinterließ in den meisten Ländern eine bankrotte Wirtschaft, die Kapitalisierung ging mit der Verarmung ganzer sozialer Gruppen einher, und die Frustration der Gesellschaft äußerte sich mancherorts in aggressivem und kriegerischem Nationalismus. Mehrere ehemalige Mitgliedsstaaten des Warschauer Pakts, die baltischen Republiken sowie Slowenien und Kroatien schafften den Durchbruch – die Aufnahme in die EU –, während zahlreiche andere, meist kleine bis winzige Republiken, teilweise mit alter europäischer Kulturtradition, nach wie vor auf der Warteliste stehen.

Befanden und befinden sich teilweise die ostmittel- und mehr noch die südosteuropäischen Regionen politisch, ökonomisch und institutionell in einem chronischen Rückstand gegenüber den entwickelten westlichen Staaten, so lässt sich diese Behauptung auf ihre Kultur und erst recht auf ihre Literatur überhaupt nicht anwenden. Vielmehr verfügen sie über eine ausgereifte literarische Tradition und – was aus unserer Sicht noch wichtiger erscheint – eine von der Zensur befreite, pulsierende zeitgenössische Literatur. Einige Leistungen dieser Schreibkunst werden weltweit geschätzt – denken wir etwa an die Nobelpreise an den Ungarn Imre Kertész und die Rumäniendeutsche Herta Müller –, andere wie Nádas, Cărtărescu, Tokarczuk, und Andruchowitsch kommen auf die Bestsellerlisten. Kollektive Auftritte bringen die literarische Welt einzelner Kulturen den westlichen Lesern näher – so die Schwerpunkte Ungarn (1999), Polen (2000) und Litauen (2001) auf der Frankfurter, Rumänien (1998), Bulgarien (1999), Slowenien (2008) und Kroatien (2009) auf der Leipziger Buchmesse. Trotzdem blieben Kenntnis und Akzeptanz vor allem der ost- und südosteuropäischen Literatur unterhalb des Möglichen. Die Integration der schreibenden Zunft, eine Art literarischer Ost- und Süderweiterung, verlangte weitere Anstrengungen.

Die Einsicht in die Notwendigkeit veranlasste den Klagenfurter Wieser Verlag anno 2001 zum Starten der bilingualen Bücherreihe EditionZwei. Bereits lange davor beschäftigte er sich mit der Publikation ungarischer, serbischer, kroatischer, bosnischer, slowenischer Texte, von Texten in Romanes und vielem mehr in zweisprachigen Editionen. Das ausgereifte Konzept entstand jedoch erst 2006 auf der Frankfurter Buchmesse, wo auch der »Große Preis für osteuropäische Literatur« – der Vorläufer des späteren »Bank Austria Literaris«-Preises – verkündet wurde. Die mit Unterstützung von KulturKontakt Austria und Förderung der Bank Austria gegründete Institution nahm eine vielfältige Tätigkeit auf: Die internationale Jury sichtete während ihres Bestehens im Rahmen von Vorauswahl und Probeübersetzungen in den einzelnen Ländern jedes zweite Jahr 1500 Bücher und verlieh jeweils einen Hauptpreis, einen Preis für Lyrik und in Einzelfällen einen Sonderpreis. Die ausgezeichneten Bücher erschienen meist zur Leipziger Buchmesse in der Reihe des Wieser Verlags. Neben den Preisen wurden von KulturKontakt Austria innerhalb von sechs Jahren rund 30 Stipendien im Rahmen des »Writers in Residence«-Programmes vergeben. Während des einmonatigen Aufenthalts der Autorinnen und Autoren in Wien wurden Lesungen zur Präsentation ihrer Werke organisiert. Insofern boten die Organisatoren des Projekts eine im deutschen Sprachraum einzigartige, komplexe Dienstleistung an: Direkte Förderung von Büchern und Schreibenden sowie Öffentlichkeitsarbeit für die Bekanntmachung einer literarischen Region waren hier gleichzeitig gewährleistet. Zugleich ging es auch um die Unterstützung der intensiven Übersetzungstätigkeit. So schrieb Annemarie Türk: »Die Leistung der Übersetzerinnen und Übersetzer kann gar nicht hoch genug bewertet werden, sind sie doch die Verbindungsboote zwischen dem einen und dem anderen Ufer, die die Stimmen und die Bilder in das neue Bewusstsein übersetzen. Sie haben sich als Wortschmuggler und Berater bewährt.«

Benützen wir das Verb schmuggeln für die Vermittlung von literarischen Schätzen, dann müssen wir gleich auf die enormen Schwierigkeiten dieses Vorhabens hinweisen. Schriftstellerische Güter werden heutzutage an keinen Zollgrenzen aufgehalten, sondern durch den kulturellen Paradigmenwechsel, die radikale Veränderung der Lesegewohnheiten und das Vordringen der Neuen Medien. Insbesondere in den Ländern, deren Autorinnen und Autoren das Projekt »Bank Austria Literaris« hauptsächlich im Auge hatte, kommt noch ein anderer Faktor hinzu: die aufgrund sozialer Schwierigkeiten abnehmende Kaufkraft der ansonsten an niveauvoller Literatur interessierten Schichten. Trotzdem wird in Ost- und Südosteuropa weiterhin geschrieben, und immer neue Werke entstehen, die neben ihren ästhetischen Qualitäten auch wichtige menschliche Zeugnisse einer im dramatischen Wandel befindlichen Welt darstellen. Und dennoch werden diese Zeugnisse nur langsam in unser Bewusstsein sickern.

Der Weg zum gemeinsamen größeren Europa ist nicht nur ein politischer und wirtschaftlicher Prozess, er ist vor allem gekennzeichnet durch das Kulturelle. Heute könnte man nach den neuen Entwicklungen im Kaukasus und beim Kräftemessen um die Krim meinen, dass die machtpolitischen und militärischen Aspekte wieder einmal die kulturellen zurückdrängen und ihnen die Kraft nehmen werden. Doch mit dem Fall des Eisernen Vorhangs wurden Hoffnungen geweckt, die Verständigung in Europa beschleunigen zu können. Es war der Geist, der, zu Wort geworden, den Eisernen Vorhang gesprengt hat. Damit wurde uns vor Augen geführt, dass Wort Sprache, Sprache Kultur und Kultur Verstehen bedeutet.

War es nicht immer das Wort – ob 1952 in der DDR, 1956 in Ungarn, 1968 in der Tschechoslowakei oder zuletzt 1989 im gesamten Osten –, das den Eisernen Vorhang morsch gemacht hat? Wir betreiben eine Spurensuche, die uns die Literaturen angrenzender Sprachen erschließt und vermeintlich Fernes nahebringt. Es sind Streifzüge zu neuen Klängen alter Sprachen, die erstmals durch die Übersetzung ins Deutsche einem größeren Kreis von Leserinnen und Lesern bekannt gemacht werden.

Es ist eine Reise in die Zukunft, ein Hinhorchen, Befragen und Finden von Antworten. Und es erfordert Geduld. »Ich möchte Sie, so gut ich kann, bitten«, schreibt Rainer Maria Rilke, »Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in Ihrem Herzen und zu versuchen, die Frage selbst lieb zu haben wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind. Forschen Sie jetzt nicht nach Antworten, die Ihnen nicht gegeben werden können, weil Sie es nicht leben können. Und es handelt sich darum, alles zu leben. Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein.«

Wenn wir mit unserer jahrelangen Arbeit dazu beigetragen haben, eine Hälfte unseres Kontinents der anderen zugänglicher zu machen, dann ist uns im Dienst des europäischen Geistes etwas sehr Wichtiges gelungen. Sind nicht schon viele Bücher verschollen gegangen, weil sie es aufgrund ihrer Sprache nicht in den gewohnten Kanon schafften? Einige Bücher, vor allem die aus den anderen, fremden, oft auch slawischen Sprachen, kommen auf leisen Sohlen daher und verbergen sich wie Pilze lange Zeit unterm Laub. Das eine Mal verschwinden sie auch im Nebel der Wahrnehmung, noch bevor sie richtig zur Hand genommen werden; das andere Mal im vernebelten Blick der kurzsichtigen Betrachter, die ihnen voreingenommen begegnen.

Wir leben in einer Zeit, die mehr und mehr Anpassung und Uniformiertheit fordert. Sind das nicht alles Vorläufer zukünftiger gewaltsamer Differenzierungen, Diffamierungen und Sprachverachtungen, wie sie in der Geschichte immer dann auftraten, wenn sich gesellschaftliche Eruption andeutet, sich vorbereitet; und ist es nicht Ausdruck einer verzagten Reibung zwischen Zukunft und Vergangenheit, in der auch Kultur zum Spielball machtorientierter Selbstdarsteller verkommt?

BA Literaris – ein europäisches Karussell

So lesen wir in diesem »europäischen Karussell« Rudolf Juroleks Poesie als Ruhekissen in unruhigen Zeiten; bei Ákos Fodor fragt man sich, wie eine derart leise Muse in turbulenten Zeiten überlebt, und möchte seine Miniaturen einfach per SMS weitersenden; Adisa Bašić gelingt es, die seelische Welt einer von Krieg und Nachkriegszeit geprägten Generation wiederzugeben; Boris Chersonskij schreibt eine lakonische Familienbiografie und gleichzeitig eine Parabel über das Leben und gegen das Verschwinden; Teodora Dimova erzählt uns vom Zerfall der Familie in der Zeit nach der Wende, einfühlsam und mit mitleidloser Härte; Palmi Ranchev führt uns in die skurrile Welt des nachkommunistischen Neureichtums, aber auch in die bittere Armut der Verlierer; Renata Šerelytė schreibt das Blaubart-Märchen fort und lässt uns in eine aufwühlende Familiengeschichte und präzise Zeitdiagnose der Geschichte und Gegenwart blicken; und in Anna Zonovás Roman treffen wir auf Menschen, die zur Zeit des Stalinismus entweder zur Strafe in eine trostlose Gegend verbannt oder als (vermeintliche) Belohnung dort angesiedelt werden; mit Martin Ryšavýs Hauptfigur, einem früheren Theaterregisseur, erleben wir auf bizarre, groteske und tragikomische Weise stalinistische Vergangenheit und postkommunistisches Chaos; skurrilen Helden begegnen wir in der apokalyptischen Punkballade Agda Bavi Pains, um letztendlich bei Florin Lăzărescu in einem Fresko Rumäniens nach der Wende zu landen.

Nicht alles, was in den Büchern unseres Projekts vermittelt wird, bietet ein erfreuliches Bild der osteuropäischen Wirklichkeit, aber wahre Literatur konfrontiert mit der Realität, und jede Heilung beginnt mit einer präzisen Diagnose. »Ich glaube, man sollte nur noch solche Bücher lesen«, schreibt Franz Kafka, »die einen beißen und stechen.« In diesem Sinne verdienen all die Personen eine Anerkennung, die an der gemeinsamen Arbeit mit ihrem Wissen und Engagement beteiligt waren.

Zuerst sei der Gründungsvorsitzende unserer internationalen Jury, Jiří Gruša (1938–2011), der tschechische Schriftsteller, zuerst von der Diktatur verfolgter Dissident, dann Botschafter der demokratischen Regierung, genannt. Dankbarkeit verdienen die mit dem Projekt unmittelbar Beschäftigten der Bank Austria, des KulturKontakts, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Wieser Verlages und alle, die in den einzelnen Ländern an der Vorarbeit der Jury mit ihren Gutachten und Probeübersetzungen beteiligt waren.

Noch etwas: Obwohl die bisherige Tätigkeit um den »Bank Austria Literaris« zunächst abgeschlossen ist, hoffen wir, dass das Ziel, die Popularisierung der lebendigen Literatur von der Ukraine bis nach Bosnien, von Litauen bis nach Bulgarien, weiterverfolgt wird.

Berlin und Klagenfurt/Celovec im März 2014

AGDA BAVI PAIN

Am Ende der Welt

Jesoskéro Ňilaj – Altweibersommer

Dunkelheit. Sie füllt den ganzen Raum aus, lastet jedoch nicht auf ihm. Die Leere ist noch satter so. Und das Ende des Tunnels kommt nicht. Es ist Nacht.

Die Klotür geht mit einer bestimmten Bewegung auf und schlägt auch gleich wieder zu. Robi Kuchta ist drin. Das Schummerlicht der schwachen, flimmernden Neonröhre nimmt dem Gestank kein bisschen an Intensität. Der Zug schwankt. Robi stützt sich mit einer Hand an der Wand ab, mit den Fingern der anderen hält er seinen Penis und pisst alles um sich herum voll. Im Gesicht tote Hose. Abwesend guckt er geradeaus: ein detaillierter Plan der Toilettenmechanik. Natürlich spült er nicht – und so wie früher kommt beim Waschbecken auch kein Wasser. Robi versenkt seinen Blick in den schmutzigen Spiegel; sein rechter Mundwinkel verzieht sich kaum sichtbar in Richtung von etwas, das früher mal ein Lächeln war.

Aus der Innentasche seines Sakkos holt er eine Plastiktüte. Wiegt sie in seiner Hand wie einen Goldbarren oder ein dickes Päckchen Banknoten. Schmeißt den Beutel in den Müll. Die Schienenstöße schlagen gegen die Metallräder des Zugs, läuten eine unbekannte Stunde, eine unbekannte Minute ein. Noch einmal schaut er in den Spiegel, diesmal ohne zu lächeln, und geht hinaus in den dunklen Gang.

In ein paar Abteilen brennt Licht. Schwankend bleibt er vor den Glasscheiben der einzelnen Türen stehen. Für eine Sekunde bremst er leicht ab und checkt mit einem blitzschnellen konzentrierten Blick die Insassen. In einer Ecke des vierten Abteils macht sich eine Zeitung breit. Pravda. Die Wahrheit. Der große rothaarige Mann hinter der aufgeschlagenen Doppelseite hebt den Blick und schaut Robi an. Schüttelt die Zeitung mit seinen schlanken langen Fingern glatt und faltet sie zusammen.

Robi schlendert langsam noch ein paar Meter weiter, dann geht er zurück und verkriecht sich in sein Abteil, das erste neben dem Klo. Er sitzt am Fenster und beobachtet den trüben Gang.

Einen kurzen Moment später geht eine große dunkle Gestalt vorbei. Das Schloss der Klotür klackt. Auf dem Rückweg schaut der Mann Robi noch einmal an, ihre Blicke begegnen sich. Der Rothaarige sieht sich nervös um, stopft sich die Plastiktüte am Bauch hinter den Hosenbund und knöpft sein Sakko zu.

Robi dreht sich um, schaut nach draußen in die rotierende Finsternis, den verschwindenden Oberleitungsmasten hinterher. Wie oft hatte er Angst, dass er beim Abspringen vom Zug gegen einen dieser Betonstiele klatscht. Er sitzt allein im Abteil.

Der rothaarige Lulatsch zwängt sich mit Mühe zwischen den dicken Bäuchen der ihm Entgegenkommenden durch.

Robi verrenkt sich fast den Hals: Er schaut nach allen Seiten und hebt den Blick zur Decke des riesigen Bahnhofs von Košice. Von klein auf schon konnte er nicht genug von diesem Gefühl kriegen. Dem Gefühl, das ihn bei der Rückkehr nach Hause packte, nach den ersten unsicheren Schritten auf der weichen Heimatscholle. Er steht inmitten des Marmors oder Granits und ihm ist ganz leicht, die Hände in den Taschen, den Kopf perfekt kahl geschoren. Abgetragenes graues Sakko, weißes Hemd und schwarze Hose, an den Füßen glänzende kastanienbraune Lackschuhe. Das Sakko hat nicht mehr die stolze und breitschultrige Form wie früher: Die rechtwinkligen Kanten mit den Schulterpolstern sind entlang der tatsächlichen Schultern ein ordentliches Stück nach unten gesackt. Die zusammengeschrumpfte Plastiktüte ist alles, was er hat, nicht hat. Die Menschenmenge schlägt Wellen um ihn, die Leute rempeln ihn an, sie haben es eilig, zur Arbeit zu kommen. Zum ersten Mal kehrt er nach so langer Zeit zurück, nach einer ganzen Ewigkeit.

»Bahnsteig zwei, Gleis sechs, ist soeben eingefahren Schnellzug 601 Ružín aus Bratislava über Trnava, Leopoldov, Žilina und Poprad/Tatra«, verkündet nach dem Gong eine unterkühlte Frauenstimme.

Auch sie hat er ewig nicht gehört. Robi begibt sich nach draußen – durch den Eingang, dem Menschenstrom entgegen. Den eigentlichen Ausgang am anderen Ende des Bahnhofs passiert gerade eine große dunkle Gestalt mit roten Haaren. Auf der linken Seite des kurzen Gangs stehen Mädchen wie gemalt: Sie offerieren den Wachturm, kostenlos. Der Glaube stellt so seine Forderungen, doch er hat auch viel zu geben. Und Jehova ist besonders freigiebig.

»Na? Wie laufen die Geschäfte?«, fragt Robi beiläufig.

Er lächelt den Mädchen zu.

Der Park vor dem Bahnhof ist mit Hunderten Krähen übersät. Und mit herumstehenden, -sitzenden oder -liegenden asketisch aussehenden Personen unterschiedlicher Hautfarbe. Zwischen ihnen wuselt ein ausgemergelter Mann herum, mit einem langen Stab wühlt er die Papierkörbe durch, die besseren Sachen schmeißt er zu einem Kind in einen Kinderwagen. Vor dem Eingang zum Bahnhof sind kleine Zigeuner beim Hütchenspiel. Sie locken Touristen mit der Aussicht auf einen anständigen Gewinn und tun so, als gehörten sie nicht zusammen. Sie schließen untereinander Wetten ab und gewinnen jedes Mal. Wenn einer von den zuguckenden Gewinngeilen auf das Theater anspringt und auf einen der Kunststoffbecher setzt, rücken sie ganz eng zusammen, damit er nichts sieht, nicht einmal seinen eigenen Fuß, den er vorausschauend auf den Becher gestellt hat, unter dem sich das gelbe Schaumstoffbällchen verbirgt. Wenn die Menge wieder auseinandertritt, ist der Ball natürlich in einem ganz anderen Becher, und der Fünfhunderter des Betrogenen wechselt ebenfalls seinen vorübergehenden Aufenthaltsort. Sollte es irgendwelche Einwände geben, könnte es passieren, dass gleich das ganze Portemonnaie umzieht. Und zu allem Überfluss stolpert der Betreffende auch noch unglücklich und bricht sich an der Bordsteinkante den Unterkiefer. Alle würden das bezeugen.

Auch Robi, der leger am Taxistand vorbei ins Zentrum der Altstadt schlendert. Unbewusst registriert er aus dem Augenwinkel einen Škoda, einen gelben Hundertzwanziger. In dem Moment, in dem er den Blick voll auf ihn richtet, steht bereits eine Tür offen. Aus dem Innern dringt nervöse Punkmusik, Schwaden von Zigarettenrauch wabern hervor. Robi bleibt stehen. Neigt seinen Kopf ein wenig, um besser sehen zu können.

»Steig ein«, ertönt es aus dem Auto: Leutnant Lučkay.

Als Robi noch in Freiheit gewesen war, hatten sie Glück miteinander gehabt: Mit Ausnahme einiger weniger Fälle hatte nie jemand anderer die Untersuchungen geführt. Auch beim letzten hatte Lučkay angefangen, aber dann irgendwie die Kontrolle darüber verloren; das Ganze war ihm aus der Hand geglitten wie eine schleimige lebendige Schlange, und Robi musste ins Gefängnis.

Der Motor hustet zweimal, bevor er ruhig und gleichmäßig zu brummen beginnt. Das große Plastikgerippe, das am Rückspiegel hängt, wird lebendig. Das Auto fährt los, rattert über die Straßenbahntrasse und stürzt sich im Kreisverkehr in die Blechlawine hinein.

»Astrein«, sagt Robi, »ich hab nich mal Geld für’n Taxi.«

Demonstrativ reckt er seinen Arm durchs offene Fenster nach draußen. Genießerisch kostet er die Fahrt aus.

»Wo soll’s hingehn?«, fragt der Leutnant und schaut seinen Beifahrer nicht einmal an. »Hörst du?«

Mit beiden Händen hält er das Lenkrad. Dass Robi ihn anstarrt, bemerkt er nicht. Die Asche von seiner Zigarette fliegt überall herum.

»Richtung Demos.«

Robi dreht sich um. Er betrachtet die vorbeiziehende Stadt, die sich in der Zwischenzeit so verändert hat, dass er sie kaum noch wiedererkennt. Lauter Pfandleiher und Secondhandläden. Häuser mit frischen Fassaden leuchten rot und grün, anderswo unappetitlich gelb oder rosa. Supermärkte und Bierlokale locken anonyme Konsumenten von der Straße in ihr Inneres. Auch Banken gibt es mehr. Und bunte Leuchtschriften. Sachen wie Lacke und Farben, Haushaltwaren oder Obst und Gemüse. Gemischtwarenhandlung. Eine andere Welt.

»He, Vajsz, warum bist’n hergekomm’? Hier is jetzt ewig Ruhe gewesen«, unterbricht Lučkay nach einer Weile die Stille.

Robi schaut aus dem Fenster: Die Bäume rücken mit den warmen Farben raus. Den Leuten rascheln die ersten vertrockneten Blätter unter den Füßen. Der Himmel wird blasser. Und: Die Sonne, schon mutiger, streckt ihre kleinen goldenen Morgenhörner hervor.

»Jesoskéro Ňilaj!«, schreit Robi. Er guckt immer noch durch die Scheibe.

»Was?«

»Altweibersommer.«

Aber Lučkay kapiert nicht. Als wäre ihm etwas Wichtiges durchs offene Fenster abhandengekommen.

»Altweibersommer is am schönsten in Košice. Und außerdem bin ich hier zu Hause, oder?«

Ihre Blicke treffen sich. Lučkay brummt nur zustimmend. Trotzdem versteht er nicht, was das Wort bedeutet; eigentlich weiß er überhaupt nicht, was er von der ganzen Sache halten soll. Sie stehen vor einer roten Ampel. Durch die Fensterscheiben der nagelneuen Autos um sie herum, die mindestens aus zweiter bis dritter Hand sind, drängen dezibelweise wummernde Discoklänge ins Freie. Robi ist nicht nach Tanzen.

»Siehst immer noch genauso jung aus.«

»Da, wo ich gewesen bin, da wird man nich älter.«

Lučkay deutet mit einem Schnaufen durch die Nase die Interjektion eines Lachens an, nur eine einzige Silbe: ha!

»Weltuntergang! Mensch, Vajsz, hast dich überhaupt nich verändert«, schüttelt er den Kopf samt Lächeln. »Du bringst’s fertig und machst aus’m Knast einfach so’n poetisches Hawaii! Lauter lachende schwarze Schauspielerinn’ mit Kränzen um’n Hals!«

Voller Desinteresse raunzt Robi ihn an: »Also wenn ich hier poetisch bin, dann bist du ’n Droschkenkutscher.«

Stumpfsinnig gucken sie durch die dreckige Frontscheibe des alten Škoda. Es ist schon eine ganze Weile grün, aber die Autos wollen sich partout nicht in Bewegung setzen. Vorn ist anscheinend irgendwas los.

»Was macht’n der Dödel da?!«

Lučkay trommelt auf dem Lenkrad herum, steckt den Kopf aus dem Fenster und fuchtelt mit den Armen. Auch Robi schlägt mit dem Handrücken gegen die Frontscheibe.

»Hup doch mal!«

Endlich kommt die Kolonne in Gang. Lučkay fährt bei Rot. Er biegt zur Markthalle am Dominikanerplatz ab und bahnt sich seinen Weg durch die zähe Melasse aus Menschen. Er kommt nur langsam voran und flucht: Der Markt ist voll. Letzten Endes bremst er doch noch und parkt. Macht den Motor aus. Mit einer Hand greift er sich mechanisch in den Schritt, berührt mit der geballten Faust nur leicht den Hosenschlitz. Er checkt seine Fingernägel, stützt sich mit dem linken Ellbogen aufs Lenkrad und hebt sein Gesicht.

»Hör mal.« Lučkay dreht sich zu Robi um. Offensichtlich ist es was Ernstes. »Ich könnt Hilfe gebrauchen. Hörst du?«

Robi starrt vor sich hin: »Hm?«

»Vor zwei Monaten ham se mich bei uns gefeuert.«

Robi hebt verwundert die schlappen Augenbrauen und lächelt mit geschlossenem Mund.

»Und?«, sagt er beiläufig.

Einen Moment lang schaut er Lučkay an, aber wirklich nur einen Moment. Der macht mit der Hand schon wieder zwischen den Beinen rum. Robi starrt wieder vor sich hin. Blinzelt. Sein Blick verliert sich im übervölkerten Markttreiben, zwischen Kisten mit Obst und Haufen aus schmutzigem Gemüse.

»Ich müsste mich bei den’ irgendwie einschleim’.« Lučkay blinzelt vielsagend. »So was in der Art, dass mir viel an dem Job liegt, verstehste? Dass ich ohne die Arbeit nich weiterleben kann und so. Dass sie mich wieder nehm’ solln. Tja, und du könntest mir zuarbeiten, irgend’n Tipp geben oder so. Was grad so Interessantes abgeht. Weißt schon, was ich mein. Hm? Hörst du?«

Robi sagt gar nichts, er trommelt mit den Fingerkuppen auf dem Handgriff an der Tür herum, offensichtlich glaubt er Lučkay nicht.

»Hab verstanden. Gib mir mal deine Nummer, ich meld mich.«

Blitzartig zückt Lučkay einen Stift, und mit fahrigen Bewegungen schreibt er die Ziffern auf ein Stück Papier, das er Robi reicht. Der schaut den Zettel nicht mal an und steckt ihn in die Hintertasche seiner schwarzen Stoffhose. Grußlos steigt er aus.

Als würde im unterirdischen Halbdunkel Leim über seine Netzhäute rinnen. Er blinzelt, versucht damit den Blick freizukriegen, wie mit Scheibenwischern. Nur schwer kann er die Silhouetten der Gestalten und die Winkel des Raums erkennen und er reibt sich die tränenden Augen. Wie benommen geht er über die Schwelle. Das Demos: In der Bar hat sich zur Abwechslung gar nichts verändert. Die verschwitzten Steinwände und die feuchte Luft mixen den ewig gleichen Trödelladencocktail aus Zeit und Raum. Auch die großen zusammenfaltbaren Rosen aus rotem Krepppapier, die früher an den Spitzen von Winkelementen flackerten, sind bis jetzt nicht von den Wänden gefallen, und auch die Tischdecken sind noch nicht zu Staub zerbröselt.

»Grüß dich, Vajsz, lange nich hier gewesen!«, zerreißt der Kellner Laci den alten Sack voll leisen monotonen Gebrabbels.

Der Laci. Hat’s auch noch nicht geschafft zu sterben.

»Sévas!«

Robi geht breitbeinig schwankend hinüber zum Tresen.

»Balevas«, greift er lakonisch nach der ausgestreckten Hand und lässt sich seinen Arm ordentlich durchschütteln. Er ist froh, als sich die Umklammerung löst.

»Monte, da staun ich ja, dass es das hier überhaupt noch gibt, na echt.«

Er klopft mit seinen Fingernägeln auf den Tresen. Der eintätowierte »SMRT« auf den Fingern seiner rechten Hand tänzelt in rhythmischen Wellenbewegungen. Er schlürft ein Dezi Borovička und spült mit Soda nach. Mit dem Schleier der Erinnerungen vor Augen schaut er sich in der Bar um.

»Na? Was geht, Urlauber?!!«, wird Robi von einem großen, wuchtigen Kerl um die vierzig begrüßt, der plötzlich neben ihm steht. »Sévas, Verbrecher!«

»Hallo«, antwortet Robi desinteressiert.

»Höllo! Papu! Erkennst mich nich?«, redet der Bursche weiter.

Er fährt sich mit der Hand über seine kurz geschnittenen blonden Haare. Robi betrachtet ihn für einen Moment. Er nimmt einen Schluck Borovička.

»Kein’ scheiß Dunst?«

»Blas mir ein’, dann vielleicht.«

»Hamburger, wie wär’s damit?«

»Szia«, reicht ihm Robi entschuldigend als Erster die Hand.

Hamburger reichen aber die Finger nicht: Er drückt einmal zu, greift sofort um und zieht Robis Hand zu sich. Das zweite Zudrücken kommt dann erst mit dem alten Gruß der Blutsbrüder: Daumen in Daumen verhakt, Handfläche auf Handfläche. Er bringt Robi zum Rotieren, bis der die Augen verdreht. Robi kommt ins Taumeln.

»Zwei Dezi Borovička«, ruft er Laci zu und dreht sich wieder zu Hamburger um. »Also wie jetzt? Wie steht’s?«

»Mein Goldjunge, erzähl du.«

»Gibt nix zu erzählen.« Er stützt sich mit den Ellbogen auf den Tresen, reckt seinen Körper nach hinten, legt seinen Kopf fast in den Aschenbecher. Er sieht Hamburger an und lächelt verlegen: »Alles Scheiße«, formt er langsam seine Worte. Es ist eher ein Zischen.

»Ich weiß, ich weiß«, stimmt Hamburger zu.

Die Hände in den Taschen seiner Trainingshose aus Ballonseide, mustert er die nervös wippenden Spitzen seiner Edelturnschuhe. Kumpelhaft klopft er Robi auf die Schulter.

»Wart mal, Papu, ich muss da noch was erledigen. Egy pillanat, Moment …«, sagt er mit antrainiertem Zigeunerakzent und verschwindet hinter dem Vorhang des Separees nebenan.

»Was is’n jetzt los?!!«, hört man kurz danach Geschrei aus dem Nachbarraum.

Robi merkt erst jetzt, dass es eine Weile still gewesen ist. Dumpfe Schläge und das Klirren von Glas bringen den Fußboden zum Beben.

»Von wegen fester Boden unter’n Füßen«, grummelt Robi.

Laci poliert Gläser.

»Was sagst du?« Er dreht sich um.

»Nix.« Robi lehnt sich nach vorn, damit er besser zu verstehen ist. »Nur weil der Boden so wackelt, da sag ich, man kann gar keinen festen Boden unter’n Füßen haben.«

Laci, ganz gefesselt von seiner Arbeit, nickt nur.

Robi schaut zu dem Raum, aus dem der Lärm kommt. Er dreht sich ganz herum, lehnt mit dem Rücken am Tresen, und durch den Spalt im Vorhang beobachtet er, was dort drinnen vor sich geht. Drei kahlköpfige Arschlöcher dreschen hirnlos auf vier Männer ein. Eigentlich sind es noch kleine Jungs. Hamburger hüpft von den dreien am eifrigsten herum, er will irgendwas von den Jungs, aber man kann ihn kaum verstehen.

»Papu, und du, was sitzt du hier so rum wie’n Lenin!«, geht er auf einen blutverschmierten Burschen los, der in einer Ecke sitzt. Er haut ihm gleich noch ein paarmal voll auf die Zwölf.

Es sieht so aus, als wär’s mit dem Knaben vorbei, er liegt mit abgewendetem Blick reglos da, gegen die Steinwand gelehnt. Aber das interessiert Hamburger nicht. Anschließend schnürt er einem anderen Burschen mit einer Tischdecke die Kehle zu und zerschlägt effektvoll einen Aschenbecher auf seinem Kopf. Mit dem hat er sichtlich die größten Probleme. Sosehr er sich auch anstrengt, der Kerl sitzt ruhig da, mit einem verträumten Lächeln und übereinandergeschlagenen Beinen. Als er sieht, dass er da nicht weiterkommt, wendet er sich dem Nächsten aus dem Quartett zu und tritt ihm auch schon in den Bauch, sodass sich der Spacko kaum noch auf den Händen halten kann, auf allen vieren kriecht er über den Boden. Hamburgers Komplizen sind mehr oder weniger nur zur Show dort. Zwar verabreichen sie hie und da einem der Jungs großzügig einen beißenden Schlag in den Bizeps oder treten einem andern mit einem imposanten Kickbox-Ausfallschritt in die Visage, doch ihre Rolle besteht am ehesten darin, die Opfer zu schützen, damit sie sich nicht vor der gerechten Dingsda aus dem Staub machen. Der Strafe. Der Vergeltung.

»Was glotzt’n so?«, fährt einer von Hamburgers Komplizen Robi mit lispelndem Mund an. Und gleich fängt er sich auch genau dort einen Hieb von Hamburger ein. Aber Robi ist entweder blind, oder er hat überhaupt keine Angst.

»Macht der hier dauernd so Party?« Er dreht sich ruhig wieder zu Laci um, als er an der ganzen Sache keinen Spaß mehr hat.

Laci nickt und zuckt mit den Achseln. Ja, das auch. Hin und wieder. Er steht mit verschränkten Armen hinter seinem Tresen zwischen Kästen mit dem besten Gesöff und wartet auf Bestellungen. Niemand trinkt was. Am liebsten würde er so eine Bande von Bettlern auf die Straße setzen.

»Warum sagst’n dem nich mal was? Móre! Der schraubt doch die szegény Spackos dermaßen auseinander, dass die armen Schweine hinterher nur noch stottern könn’!«

»Damit ich auch eine in die Fresse krieg?«

»Hm.«

»Kennst’n doch. Kannst dir ’n Hamburger ohne Ketchup vorstellen?«

Robi will das aber irgendwie nicht in den Kopf, er kriegt’s nicht runter: Er hat sich abgewöhnt, harte Sachen zu trinken. Irgendwann waren die vom Selbstgebrannten verätzten Rohrleitungen seines Verdauungstrakts verheilt, aber jetzt streiken sie, drehen ihm zur Warnung den Magen um.

»Na echt. Ich hab ’ne Idee: Balevas!«, sagt er und hebt sein Glas.

»Auf dein Woll!«, wünscht Laci.

»Sauf dich voll!«

Er trinkt das Dezi auf ex.

»Wie lang hast’n eigentlich gesessen?«

Robi lächelt abwesend und hebt die Augenbrauen.

»Ewig …«

»Also wie jetzt?«, reißt Hamburger Robi aus seinen Grübeleien.

Robi zuckt zusammen. Er schaut Hamburger an – der tut so, als wäre nichts.

»Nix. Trink.«

Robi gibt ihm einen Borovička.

»Du machst hier super ein’ auf tollen Hirsch, Monte, aber wie ich seh, verdrischst ja immer noch bloß so jungsche Spackos.«

»Tja weißte, Papu – nix Pinkepinke, nix große Liebe! Das solltest du aber wissen, Papu

Hamburger schnuppert an dem Glas. Man sieht, dass er sich vorbereitet: Er erweitert den Durchflussquerschnitt seiner Kehle.

»So is eben die Natur!«

Er leert das Dezi mit einem Schluck, trinkt nicht mal was hinterher. Robi guckt ihm stumm zu.

»Soo.« Hamburger wischt sich über den Mund. »Offensichtlich willst du was über Lopéz und Krumm wissen.« Triumphierend grinst er.

Robi spielt mit der Sodawasseroberfläche in seinem Glas. »Kann sein«, nuschelt er.

»Das sind jetzt voll die Geschäftemacher, ’n Haufen Lój ham die, Papu. Superwichtige Leute sind die jetzt, richtig hohe Tiere. Ey Scheiße, die tun so, als wenn se sonst was für ’ne Vergangenheit hinter sich ham. Keiner kann den’ was anham. Und vor sich ’ne Zukunft, wo se mit ihrem ehrlich verdienten Geld abgesichert sin’. Dass die nix mit uns zu schaffen ham und auch nie hatten. Ham ihr ganzes Lój zusamm’geschmissen und irgendwelche Lokale gekauft. Im Zentrum. Scheinbar irgendwelche Bars oder Gasthäuser, weiß auch nich.«

Er schaut Robi lange an und bewegt dabei seinen Mund, als hätte er einen Kaugummi drin.

Robi nickt stumm. Langsam rafft er sich auf. Man erkennt das daran, dass er tief Luft holt und sich mit Schmackes vom Tresen abstößt.

»Okay. Und der Ďuluš? Der wohnt immer noch in der Kováčska oder …«

»Haste noch alle? Im Ghetto, Luník IX. Wo der nie was zahlt! Mit’m Bus, die Fünfundvierzig, vom Platz der Befreier, da biste ratzfatz dort, eins-fix-drei.«

Er stampft dazu mit dem Gummiabsatz auf die schmutzigen Fußbodenfliesen.

Der Kellner Laci unterbricht ihn für einen Moment: »Schnappt mir den da, der geht, ohne was bestellt zu ham!«

Ein langhaariger Kerl mit krummem Rücken, der gerade Richtung Ausgang will, bleibt stehen und dreht sich um.

Eine Sekunde später ist Hamburger in Alarmbereitschaft: Wen? Wo? Laci muss ihn bändigen, mit besänftigendem Arm um die bebenden Schultern hält er ihn fest. Mit derselben Hand winkt er dem lachenden Flüchtling zum Abschied.

Laci schickt Robi die holprige Schlangenlinie eines Lächelns zu und zieht die rechte Augenbraue hoch. Mit dem Kopf deutet er in Richtung Hamburger, er schüttelt den ausgepowerten Kopf. Hamburger starrt dem Hinausgehenden noch eine Weile misstrauisch nach, dann kommt er wieder zu sich, zurück zur Sache, der Krampf lässt nach. Wo war er stehen geblieben?

»Also. Papu. Eins-fix-drei, vier-fünf, merk dir’s, die Fünfundvierzig, dort wer’n se dir dann schon sagen, wo der genau wohnt. Mensch, mein Goldjunge!«

Robi nickt weiter, mit verflüchtigtem Blick in sich selbst versunken.

»Bin nich dein Goldjunge«, lächelt er Hamburger säuerlich an. »Goldjunge vielleicht, aber garantiert nich deiner«, sagt er ernst. »So isses.«

Er gibt Hamburger die Hand.

»Also, ich geh mal. Mach’s gut.«

»Tschüss.«

»Mach mir die Rechnung fertig«, verkündet er noch in Richtung Laci, dann hebt er die Hand zu einer kurzen Verabschiedung und geht.

Als Robis Rücken um die Ecke verschwunden ist, bittet Hamburger um ein Telefon. Eilig wählt er eine Nummer.