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DIMOVA • DIE MÜTTER

Eine Landkarte für Literatur aus Ost- und Zentraleuropa sowie Südosteuropa

Im Jahr 2001 haben KulturKontakt Austria, der Wieser Verlag und die Bank Austria gemeinsam die zunächst zweisprachige EditionZwei ins Leben gerufen. Ziel dieser literarischen Reihe war und ist es, das umfangreiche literarische Schaffen in der Region Ost- und Zentraleuropa sowie Südosteuropa einem deutschsprachigen Lesepublikum zugänglich zu machen.

Aus der EditionZwei wurde der Literaturpreis »Bank Austria Literaris«, die wohl weiterhin umfassendste Auszeichnung für Literatur aus dieser Region: Von 2006 bis 2012 nominierten lokale Jurys aus 16 Ländern – Bosnien-Herzegowina, Bulgarien, Estland, Kroatien, Lettland, Litauen, Polen, Rumänien, Russland, Serbien, Slowakei, Slowenien, Tschechien, Türkei, Ukraine und Ungarn – alle zwei Jahre Autorinnen und Autoren für die Entscheidungsfindung der internationalen Jury.

Diese vergab unter dem Vorsitz von Jiří Gruša und später von György Dalos den »Bank Austria Literaris« für Prosa, eine Auszeichnung für den besten Lyrikband sowie sieben »Writers in Residence«-Stipendien von KulturKontakt Austria.

Mit diesem umfangreichen Projekt entstand die literarische Landkarte einer Region, die weiterhin in einigen Bereichen auf ihre Entdeckung wartet. Die vorliegenden Bände im Schuber entführen uns in ein »europäisches Karussell«. Zuvor haben renommierte Autoren die hier präsentierten Kolleginnen und Kollegen besucht. So wurde aus dem Road-Movie ein Road-Feuilleton. Die Tageszeitung »Der Standard« und »Ö1« unternahmen literarische Reisen zur Literatur und in Landschaften, vor deren Hintergrund die Texte entstehen. Wir laden Sie ein, mit den vorliegenden Bänden die außergewöhnliche Entdeckungsreise fortzusetzen.

Grafische Gestaltung des Umschlags und des Schubers unter Verwendung einer Grafik des slowenischen Künstlers Tomaž Kržišnik (geb. 1943) aus Ljubljana. Titel: »Piran« (1986). Privatbesitz.

TEODORA DIMOVA

Die Mütter

Aus dem Bulgarischen
von
Alexander Sitzmann

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МАЙКИТЕ
© DES BULGARISCHEN ORIGINALS BEI TEODORA DIMOVA

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Copyright © dieser Ausgabe 2014 bei Wieser Verlag GmbH,
Klagenfurt/Celovec
Alle Rechte vorbehalten
ISBN 978-3-99047-002-2

Inhalt

BANK AUSTRIA LITERARIS – EIN EUROPÄISCHES KARUSSELL

BA Literaris – ein europäisches Karussell

Andreja

Lija

Dana

Aleksandăr

Nikola

Dejan

Kalina

BANK AUSTRIA LITERARIS –
EIN EUROPÄISCHES KARUSSELL

Versuch über eine literarische Integration
EditionZwei, KulturKontakt Austria,
Bank Austria Literaris

GYÖRGY DALOS / LOJZE WIESER

An die 6000 Bücher waren es, aus denen eine internationale Jury seit 2006 ihre Auswahl zu treffen hatte. In diesem Schuber liegen sie nun gesammelt vor. Entstanden ist ein literarisches europäisches Karussell. Geschichten und Bilder, die aufwühlen, uns mitziehen, die einen Sog entwickeln. Es sind Zeugnisse einer im dramatischen Wandel befindlichen Welt. Ausgewählt, ins Deutsche übersetzt und geehrt werden sie einem größeren Kreis von Leserinnen und Lesern präsentiert.

Der Sinn der historischen Veränderungen der späten achtziger und frühen neunziger Jahre bestand darin, die verrosteten Diktaturen in den ehemaligen Ostblockstaaten durch funktionsfähige demokratische Systeme zu ersetzen. Der Weg zur offenen Gesellschaft setzte eine Öffnung auch nach außen, das heißt eine Aneignung europäischer Werte und eine direkte Annäherung an die europäischen Normen, voraus. Ohne den Erfolg dieses Prozesses herabsetzen zu wollen, müssen wir betonen, dass er einerseits für die betreffenden Länder und Gesellschaften kein leichter Spaziergang war, und andererseits bis heute als nicht abgeschlossen betrachtet werden muss. Der zusammengebrochene »real existierende Sozialismus« hinterließ in den meisten Ländern eine bankrotte Wirtschaft, die Kapitalisierung ging mit der Verarmung ganzer sozialer Gruppen einher, und die Frustration der Gesellschaft äußerte sich mancherorts in aggressivem und kriegerischem Nationalismus. Mehrere ehemalige Mitgliedsstaaten des Warschauer Pakts, die baltischen Republiken sowie Slowenien und Kroatien schafften den Durchbruch – die Aufnahme in die EU –, während zahlreiche andere, meist kleine bis winzige Republiken, teilweise mit alter europäischer Kulturtradition, nach wie vor auf der Warteliste stehen.

Befanden und befinden sich teilweise die ostmittel- und mehr noch die südosteuropäischen Regionen politisch, ökonomisch und institutionell in einem chronischen Rückstand gegenüber den entwickelten westlichen Staaten, so lässt sich diese Behauptung auf ihre Kultur und erst recht auf ihre Literatur überhaupt nicht anwenden. Vielmehr verfügen sie über eine ausgereifte literarische Tradition und – was aus unserer Sicht noch wichtiger erscheint – eine von der Zensur befreite, pulsierende zeitgenössische Literatur. Einige Leistungen dieser Schreibkunst werden weltweit geschätzt – denken wir etwa an die Nobelpreise an den Ungarn Imre Kertész und die Rumäniendeutsche Herta Müller –, andere wie Nádas, Cărtărescu, Tokarczuk, und Andruchowitsch kommen auf die Bestsellerlisten. Kollektive Auftritte bringen die literarische Welt einzelner Kulturen den westlichen Lesern näher – so die Schwerpunkte Ungarn (1999), Polen (2000) und Litauen (2001) auf der Frankfurter, Rumänien (1998), Bulgarien (1999), Slowenien (2008) und Kroatien (2009) auf der Leipziger Buchmesse. Trotzdem blieben Kenntnis und Akzeptanz vor allem der ost- und südosteuropäischen Literatur unterhalb des Möglichen. Die Integration der schreibenden Zunft, eine Art literarischer Ost- und Süderweiterung, verlangte weitere Anstrengungen.

Die Einsicht in die Notwendigkeit veranlasste den Klagenfurter Wieser Verlag anno 2001 zum Starten der bilingualen Bücherreihe EditionZwei. Bereits lange davor beschäftigte er sich mit der Publikation ungarischer, serbischer, kroatischer, bosnischer, slowenischer Texte, von Texten in Romanes und vielem mehr in zweisprachigen Editionen. Das ausgereifte Konzept entstand jedoch erst 2006 auf der Frankfurter Buchmesse, wo auch der »Große Preis für osteuropäische Literatur« – der Vorläufer des späteren »Bank Austria Literaris«-Preises – verkündet wurde. Die mit Unterstützung von KulturKontakt Austria und Förderung der Bank Austria gegründete Institution nahm eine vielfältige Tätigkeit auf: Die internationale Jury sichtete während ihres Bestehens im Rahmen von Vorauswahl und Probeübersetzungen in den einzelnen Ländern jedes zweite Jahr 1500 Bücher und verlieh jeweils einen Hauptpreis, einen Preis für Lyrik und in Einzelfällen einen Sonderpreis. Die ausgezeichneten Bücher erschienen meist zur Leipziger Buchmesse in der Reihe des Wieser Verlags. Neben den Preisen wurden von KulturKontakt Austria innerhalb von sechs Jahren rund 30 Stipendien im Rahmen des »Writers in Residence«-Programmes vergeben. Während des einmonatigen Aufenthalts der Autorinnen und Autoren in Wien wurden Lesungen zur Präsentation ihrer Werke organisiert. Insofern boten die Organisatoren des Projekts eine im deutschen Sprachraum einzigartige, komplexe Dienstleistung an: Direkte Förderung von Büchern und Schreibenden sowie Öffentlichkeitsarbeit für die Bekanntmachung einer literarischen Region waren hier gleichzeitig gewährleistet. Zugleich ging es auch um die Unterstützung der intensiven Übersetzungstätigkeit. So schrieb Annemarie Türk: »Die Leistung der Übersetzerinnen und Übersetzer kann gar nicht hoch genug bewertet werden, sind sie doch die Verbindungsboote zwischen dem einen und dem anderen Ufer, die die Stimmen und die Bilder in das neue Bewusstsein übersetzen. Sie haben sich als Wortschmuggler und Berater bewährt.«

Benützen wir das Verb schmuggeln für die Vermittlung von literarischen Schätzen, dann müssen wir gleich auf die enormen Schwierigkeiten dieses Vorhabens hinweisen. Schriftstellerische Güter werden heutzutage an keinen Zollgrenzen aufgehalten, sondern durch den kulturellen Paradigmenwechsel, die radikale Veränderung der Lesegewohnheiten und das Vordringen der Neuen Medien. Insbesondere in den Ländern, deren Autorinnen und Autoren das Projekt »Bank Austria Literaris« hauptsächlich im Auge hatte, kommt noch ein anderer Faktor hinzu: die aufgrund sozialer Schwierigkeiten abnehmende Kaufkraft der ansonsten an niveauvoller Literatur interessierten Schichten. Trotzdem wird in Ost- und Südosteuropa weiterhin geschrieben, und immer neue Werke entstehen, die neben ihren ästhetischen Qualitäten auch wichtige menschliche Zeugnisse einer im dramatischen Wandel befindlichen Welt darstellen. Und dennoch werden diese Zeugnisse nur langsam in unser Bewusstsein sickern.

Der Weg zum gemeinsamen größeren Europa ist nicht nur ein politischer und wirtschaftlicher Prozess, er ist vor allem gekennzeichnet durch das Kulturelle. Heute könnte man nach den neuen Entwicklungen im Kaukasus und beim Kräftemessen um die Krim meinen, dass die machtpolitischen und militärischen Aspekte wieder einmal die kulturellen zurückdrängen und ihnen die Kraft nehmen werden. Doch mit dem Fall des Eisernen Vorhangs wurden Hoffnungen geweckt, die Verständigung in Europa beschleunigen zu können. Es war der Geist, der, zu Wort geworden, den Eisernen Vorhang gesprengt hat. Damit wurde uns vor Augen geführt, dass Wort Sprache, Sprache Kultur und Kultur Verstehen bedeutet.

War es nicht immer das Wort – ob 1952 in der DDR, 1956 in Ungarn, 1968 in der Tschechoslowakei oder zuletzt 1989 im gesamten Osten –, das den Eisernen Vorhang morsch gemacht hat? Wir betreiben eine Spurensuche, die uns die Literaturen angrenzender Sprachen erschließt und vermeintlich Fernes nahebringt. Es sind Streifzüge zu neuen Klängen alter Sprachen, die erstmals durch die Übersetzung ins Deutsche einem größeren Kreis von Leserinnen und Lesern bekannt gemacht werden.

Es ist eine Reise in die Zukunft, ein Hinhorchen, Befragen und Finden von Antworten. Und es erfordert Geduld. »Ich möchte Sie, so gut ich kann, bitten«, schreibt Rainer Maria Rilke, »Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in Ihrem Herzen und zu versuchen, die Frage selbst lieb zu haben wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind. Forschen Sie jetzt nicht nach Antworten, die Ihnen nicht gegeben werden können, weil Sie es nicht leben können. Und es handelt sich darum, alles zu leben. Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein.«

Wenn wir mit unserer jahrelangen Arbeit dazu beigetragen haben, eine Hälfte unseres Kontinents der anderen zugänglicher zu machen, dann ist uns im Dienst des europäischen Geistes etwas sehr Wichtiges gelungen. Sind nicht schon viele Bücher verschollen gegangen, weil sie es aufgrund ihrer Sprache nicht in den gewohnten Kanon schafften? Einige Bücher, vor allem die aus den anderen, fremden, oft auch slawischen Sprachen, kommen auf leisen Sohlen daher und verbergen sich wie Pilze lange Zeit unterm Laub. Das eine Mal verschwinden sie auch im Nebel der Wahrnehmung, noch bevor sie richtig zur Hand genommen werden; das andere Mal im vernebelten Blick der kurzsichtigen Betrachter, die ihnen voreingenommen begegnen.

Wir leben in einer Zeit, die mehr und mehr Anpassung und Uniformiertheit fordert. Sind das nicht alles Vorläufer zukünftiger gewaltsamer Differenzierungen, Diffamierungen und Sprachverachtungen, wie sie in der Geschichte immer dann auftraten, wenn sich gesellschaftliche Eruption andeutet, sich vorbereitet; und ist es nicht Ausdruck einer verzagten Reibung zwischen Zukunft und Vergangenheit, in der auch Kultur zum Spielball machtorientierter Selbstdarsteller verkommt?

BA Literaris – ein europäisches Karussell

So lesen wir in diesem »europäischen Karussell« Rudolf Juroleks Poesie als Ruhekissen in unruhigen Zeiten; bei Ákos Fodor fragt man sich, wie eine derart leise Muse in turbulenten Zeiten überlebt, und möchte seine Miniaturen einfach per SMS weitersenden; Adisa Bašić gelingt es, die seelische Welt einer von Krieg und Nachkriegszeit geprägten Generation wiederzugeben; Boris Chersonskij schreibt eine lakonische Familienbiografie und gleichzeitig eine Parabel über das Leben und gegen das Verschwinden; Teodora Dimova erzählt uns vom Zerfall der Familie in der Zeit nach der Wende, einfühlsam und mit mitleidloser Härte; Palmi Ranchev führt uns in die skurrile Welt des nachkommunistischen Neureichtums, aber auch in die bittere Armut der Verlierer; Renata Šerelytė schreibt das Blaubart-Märchen fort und lässt uns in eine aufwühlende Familiengeschichte und präzise Zeitdiagnose der Geschichte und Gegenwart blicken; und in Anna Zonovás Roman treffen wir auf Menschen, die zur Zeit des Stalinismus entweder zur Strafe in eine trostlose Gegend verbannt oder als (vermeintliche) Belohnung dort angesiedelt werden; mit Martin Ryšavýs Hauptfigur, einem früheren Theaterregisseur, erleben wir auf bizarre, groteske und tragikomische Weise stalinistische Vergangenheit und postkommunistisches Chaos; skurrilen Helden begegnen wir in der apokalyptischen Punkballade Agda Bavi Pains, um letztendlich bei Florin Lăzărescu in einem Fresko Rumäniens nach der Wende zu landen.

Nicht alles, was in den Büchern unseres Projekts vermittelt wird, bietet ein erfreuliches Bild der osteuropäischen Wirklichkeit, aber wahre Literatur konfrontiert mit der Realität, und jede Heilung beginnt mit einer präzisen Diagnose. »Ich glaube, man sollte nur noch solche Bücher lesen«, schreibt Franz Kafka, »die einen beißen und stechen.« In diesem Sinne verdienen all die Personen eine Anerkennung, die an der gemeinsamen Arbeit mit ihrem Wissen und Engagement beteiligt waren.

Zuerst sei der Gründungsvorsitzende unserer internationalen Jury, Jiří Gruša (1938–2011), der tschechische Schriftsteller, zuerst von der Diktatur verfolgter Dissident, dann Botschafter der demokratischen Regierung, genannt. Dankbarkeit verdienen die mit dem Projekt unmittelbar Beschäftigten der Bank Austria, des KulturKontakts, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Wieser Verlages und alle, die in den einzelnen Ländern an der Vorarbeit der Jury mit ihren Gutachten und Probeübersetzungen beteiligt waren.

Noch etwas: Obwohl die bisherige Tätigkeit um den »Bank Austria Literaris« zunächst abgeschlossen ist, hoffen wir, dass das Ziel, die Popularisierung der lebendigen Literatur von der Ukraine bis nach Bosnien, von Litauen bis nach Bulgarien, weiterverfolgt wird.

Berlin und Klagenfurt/Celovec im März 2014

TEODORA DIMOVA

Die Mütter

Andreja

Sie sah ihr zu, wie sie die Treppe hinunterstieg – mit ihren verlangsamten Bewegungen, mit den weißen Secondhandklamotten, sie wollte die Kleider nicht, die Pavel ihr kaufte, warum gibt Pavel mir kein Geld, damit ich mir meine Kleider selbst kaufe, sondern geht mit mir ins Geschäft, wo es die weißen Secondhandklamotten gibt, sie hat sich nicht einmal die Mühe gemacht, sie zu waschen, so dass von ihnen der charakteristische Geruch der Armut ausgeht, der Misere, der Fremdheit, der Not, der Überlegenheit jener, die diese Kleider verschenken, der Überlegenheit jener reichen Säcke aus Europa, ihr angenehmer Duft, ihre schönen Stoffe, das Selbstvertrauen ihrer Gerüche – ihre Kleider waren weiß, auf der Brust ihres T-Shirts war ein Zeichen aufgedruckt, das dem Zeichen der Hippies vor ewigen Zeiten ähnelte, das Zeichen, dem sie gefolgt war und das sie wahrscheinlich mit dem des T-Shirts verwechselt hatte, wahrscheinlich hatte sie gerade deshalb dieses T-Shirt gekauft, hatte ganze zwei Leva dafür ausgegeben, weil sie das Hippie-Symbol in diesem undeutlichen Zeichen auf dem T-Shirt wiederzuerkennen glaubte. Aber wenn Andreja sie danach gefragt hätte – du hast wohl gedacht, dass es das Zeichen der Hippies ist, und das T-Shirt deshalb gekauft, nicht wahr? Unsinn! hätte Christina dann erwidert, hätte ihre riesigen blauen Augen weit aufgerissen mit den noch riesigeren Tränensäcken darunter, du jetzt wieder, hätte Christina weitergesprochen, was weißt du schon über die Hippies, du, meine Tochter, eine vierzehnjährige Göre, ich weiß alles, Mama, würde Andreja erwidern, alles, alles weiß ich über sie, ihre ausgeleierten Klamotten, ihre durchgescheuerten Pullover, dass es keine Jeans gab, eure Schuluniformen, wie sie euch am Eingang wie eine Schafherde geschoren haben, wie ihr heimlich auf dem Klo geraucht habt, »Stolichnaya«-Wodka, ich kann nicht begreifen, wie ihr ihn trinken konntet, die Feten, auf die sie euch bis elf Uhr gehen ließen, dass es keine T-Shirts gab, dass es keine Schallplatten gab, damals nanntet ihr sie »Scheiben«, »Scheiben«! rief Christina fast laut aus, ganz genau, Mama, ich weiß es, damals rieft ihr: Ich habe die neueste Scheibe von »Bad Company«, zum Beispiel, woher kennst du »Bad Company«, ich weiß es, liebe Mama, aus den Gesprächen mit Papa, mit euren Freunden, denn ab einem gewissen Moment, wenn ihr bei jemandem eingeladen seid oder wenn ihr Gäste habt, redet ihr nur noch davon, Mama, von den Scheiben, den Feten, den Uniformen, vom Kommunismus – Mama, ich bitte dich, geh nicht hinaus, warum? fragte Christina, und ihre Augen erstarrten irgendwie im Raum, einer dieser so erschreckenden Momente der Regungslosigkeit, und Andreja konnte ihr nicht antworten, sie hatte das Gefühl, dass ihre Mutter während dieser Sekunden, in denen sie erstarrte, starb, sie war sich nicht sicher, ob sie wieder beginnen würde, sich zu bewegen, warum soll ich heute Abend nicht ausgehen? fragte Christina noch einmal erstaunt, als wäre nichts vorgefallen, ich werde nur spazieren gehen, Christina blickte sie noch seltsamer an, ich werde nur über die nächtlichen Straßen spazieren, du weißt doch, ich weiß, Mama, entgegnete Andreja, und ich werde dir folgen, werde mich verstecken, werde Angst vor den Straßen haben, durch die du gehst, Angst davor, hinter dir in die Unterführungen hinunterzugehen, hinter dir in die Parkanlagen einzutauchen, dir aufzulauern, dich zu verfolgen, dir in den Tag und Nacht geöffneten Geschäften den Rücken zuzudrehen, während du an mir vorbeigehst und nicht einmal ahnst, dass ich in der Nähe bin, zuzusehen, wie du dich umsiehst, wie du eine Flasche Wodka in deiner Tasche verschwinden lässt, wie du dich abermals umsiehst, so erschrocken, so klein, so winzig, blauäugig, mit den riesigen Tränensäcken unter deinen Augen, um dich zu zittern, dass sie dich nicht mit dem Wodka erwischen, zu sehen, wie du dich auf eine Parkbank setzt, wie du einen Schluck nimmst, wie du deine erste Zigarette anzündest, wie dauernd allerlei Typen an dir vorbeigehen und du ihnen anbietest, Wodka zu trinken, und wie manche von ihnen sich zu dir setzen, vollgepumpt mit Drogen, betrunken, und ihr trinkt aus ein und derselben Flasche Wodka, dann bin ich es leid, im Dunkeln zu stehen, im Gebüsch, hinter irgendeinem Baum, dann bin ich es leid, dich zu verfolgen, beginne, dich zu hassen, beginne, dich so zu hassen, dass mir der Magen wehtut, und es gelingt mir, nicht in Tränen auszubrechen, und es gelingt mir, nicht aus voller Kehle in der Stille, in der Nacht, einige Meter von dir und deiner zufälligen Begleitung entfernt zu schreien: Warum, warum, warum, Gott, hast du den anderen Kindern Mütter gegeben und mir nur dieses Wrack, diesen Abschaum, vernichtet durch die unauslöschliche Krankheit seiner Seele, warum ist es diesem Abschaum nicht gelungen, mit der Wunde in seiner Seele fertig zu werden, während es den andern gelang, warum ließ sie sich so mit Alkohol volllaufen, was fehlte ihr, was wollte sie, sie hatte mich, Papa, ihre Arbeit, war das letztlich nicht genug, was mehr kann ein Mensch vom Leben verlangen, und woher kam ihre Krankheit, das ganze Unglück, das von ihr ausging, der Niedergang, der Verfall, warum leidest du, was fehlt dir, fragte sie Andreja einmal, bist du nicht zufrieden, wir haben doch alles, Papa arbeitet und verdient genug, warum bist du immer so traurig, liebe Mama, warum lachst du nicht, warum ist dein Gesicht so furchtbar vom Schmerz verzerrt, sag es mir, ich bitte dich, sag es mir, und Christina antwortete: Ich wache morgens auf, als würde ich aus einem Teerfass voller Trauer geholt, es fällt mir sogar schwer, zu atmen, ich spüre eine physische Erschöpfung, als hätte ich den ganzen Tag gearbeitet, und alles ist schwarz, schwarz, schwarz, und ich will nicht aufstehen, und ich will nicht mehr atmen, und nichts kann mich freuen, jeder neue Gedanke belastet mich nur mehr, und immer mehr zieht er mich herunter in den Teer der Trauer, mache ich dir denn keine Freude, fragte Andreja, nein, du machst mir keine Freude, Andreja, du machst mir überhaupt keine Freude, weißt du, je größer du wirst, desto mehr bedauere ich, dass ich dich geboren habe, ich bedauere, dass ich Pavel geheiratet habe, ich bedauere, dass ich lebe, ich bedauere, dass ich überhaupt geboren worden bin, und ihr beide, Pavel und du, ihr belastet mich schrecklich, ich muss dir gestehen, Liebes, dass ich mir sogar manchmal insgeheim vorstelle, wie ihr beide auf einen Streich von einer Straßenbahn überfahren werdet, wie ich bei eurer Beerdigung hinter meiner dunklen Brille weine, mich aber tief im Innersten freue, weil ich mich jetzt beruhigt werde umbringen können, ohne mir Sorgen machen zu müssen, dass ich mit meinem Selbstmord deine Seele belaste, dein Leben, dein Schicksal, aber, Mama, wie kannst du nur so etwas zu mir sagen? fragte Andreja und fuhr mit ihrer Hand über die langen, blonden Locken ihrer Mutter, wie ist es möglich, dass du so schön und so unglücklich bist, liebe Mama, hältst du mich wirklich für schön? fragte Christina, jeder hält dich für schön, Vater, deine Freunde, deine Kollegen, Vater behauptet, dass alle irgendwann mal in dich verliebt gewesen sind, irgendwann mal, irgendwann, wiederholte Christina, irgendwann mal, aber nicht jetzt, jetzt geben sie mir ihre Handynummer nicht, sie machen die Tür nicht auf, wenn ich zu ihnen komme, sie heben nicht ab, wenn ich sie anrufe, sie schweigen nur und schauen mich an, wenn ich mich zufällig mit ihnen unterhalte, woher ist dieses Unglück gekommen, Andreja, dieser Mangel an Freude, es ist eine Krankheit, Andreja, nicht leben zu wollen, Himmel und Erde zu verleugnen, ich weiß nicht, Andreja, ich überlege mir, ob ich jemanden bezahlen soll, der mich erschießt, ob ich einen Mörder anheuern soll, so kannst du nicht mit mir sprechen, liebe Mama, du hast kein Recht, so mit mir zu sprechen, wenn du bereit bist, mich zu erschießen, Andreja, mein Kind, wird es die größte Gnade sein, die du deiner Mutter erweisen kannst, bist du bereit, Andreja, du wirst stolz darauf sein, deiner Mutter die größte Gnade erwiesen zu haben, nein, ich bitte dich, das Weinen reizt mich, du weißt, dass Tränen keine Wirkung zeigen, nur der Tod zeigt Wirkung, und das Weinen ist nur ein Hirngespinst, es gibt sogar Medikamente gegen das Weinen, und wenn du weitermachst, denn du weinst schon die ganze Nacht, dann werde ich dir eines meiner Medikamente geben, die gegen das Weinen helfen, die die Tränen töten, so, wie ich von dir wollte, dass du mich tötest! Wenn du mich tötest, Andreja, wenn du deine Mutter tötest, wirst du keine Mörderin sein, sondern eine Retterin, ich werde mir einen Plan für dich ausdenken, wie du mich töten kannst, natürlich würde ich es vorziehen, wenn es ein Profi erledigt, aber du siehst ja, dein Vater gibt mir nicht einmal fünf Leva in die Hand, glaubst du etwa, ich hätte es nicht versucht, ich hätte keinen Kontakt aufgenommen, ich habe Kontakt aufgenommen, Andreja, ich habe es versucht, fünftausend Euro kostet es, die eine Hälfte vor dem Mord und die andere Hälfte nach dem Mord, in meinem Fall allerdings die ganze Summe im Voraus, und Andreja sinkt vom Bett hinunter auf den Boden, schluchzt erstickt, mit geröteten Augen, ist in Tränen aufgelöst, jene Besinnungslosigkeit tritt ein, die aus dem maßlosen Weinen und dem Schmerz der vielen Tränen resultiert, jene Auslöschung der Gründe, jene Entrückung, so als wäre es Christina gelungen, ihrer Tochter einen Teil der Seele zu entreißen, lange hatte sie gekämpft, und endlich war es ihr gelungen, sie ihr zu entreißen, jetzt nahm sie sie gierig in sich selbst auf, treubrüchig kaute sie darauf herum, sie nagte an diesem Stück von Andrejas Seele, vielleicht dachte sie, dass es ihr Kraft geben oder dass sie zumindest ihre Tochter mit ihrer Krankheit anstecken würde, so dass sie beide gemeinsam daran leiden und gemeinsam im Teerfass von Trauer, Verdammnis und Unglück schmoren würden, so als würde Christina ein für alle andern unsichtbares Kreuz auf ihren Schultern tragen, so als müsste sie für eine ihr selbst unbegreifliche Sünde büßen. Die Stimmen Pavels und ihrer Freunde hallten im Entree wider, wo Andreja ihre Mutter verabschiedete, die sich auf ihre unbegreiflichen nächtlichen Bahnen begeben würde, auf denen sie sich seit Jahren bewegte und ihren Tod herbeisehnte, ihre Bewegungen waren durch die Medikamente verlangsamt, sie stieg die Stufen langsam und konzentriert hinunter, hielt sich gut am Geländer fest, auf dem Absatz beim Aufzug blieb sie stehen, öffnete die Tür, hatte nicht genug Kraft, um schnell und geschickt hineinzuschlüpfen, bevor seine riesige Eisentür ihr einen Stoß versetzte, ihre Schultern einklemmte und sie taumeln ließ, und von oben sah ihr Andreja zu, und ihr Herz verkrampfte sich vor Wehmut ihrer Mutter wegen, ihrer Medikamente wegen, ihrer nächtlichen Spaziergänge wegen, deswegen, weil die metallische Tür des Aufzugs ihr einen Stoß versetzte, ihre Schultern einklemmte und sie taumeln ließ, schuldbewusst drehte sie sich zu ihr um und sagte mit Blicken: Entschuldige, verzeih mir, dass ich so bin, ich kann nicht einmal einen Aufzug auf normale Art und Weise betreten, und sie drückte auf den Knopf und verschwand in der Tiefe. Draußen war es Hochsommer, es war der Tag des Endspiels der Fußballweltmeisterschaft, und ihr Vater und seine Gäste lachten im Wohnzimmer, und der Kühlschrank war übervoll mit Bier, und niemand bekam mit, dass Christina ausgegangen war, oder war deswegen besorgt, Pavel und die andern sahen sie als unbeseelten Gegenstand oder als lästiges Detail, an das sie sich schon lange gewöhnt hatten, und sie hatten sich mit ihrem starren Blick, ihrem Schweigen, ihrer Anwesenheit in Zeitlupe, während sie das Zimmer durchquerte, abgefunden. Wenn sie bei ihnen blieb, senkte Christina sanft – blockiert, fast bewegungslos durch die Medikamente – den Blick und schaute zu Boden wie ein verschämtes Schulmädchen, denn eigentlich schlief sie ein, entschwand in ihre fruchtlosen, unklaren Träume, aus denen aufzuwachen für sie noch schrecklicher war. Pavel hatte schon lange eine Geliebte, seine erste Freundin aus dem Gymnasium, seine einzige, seine große Liebe, sie hatte geheiratet und war wieder geschieden worden, und seit einigen Jahren waren Pavel und Ina erneut zusammen, aber Pavel, wie er Andreja erklärt hatte, wollte sich nicht von Christina scheiden lassen, nicht, weil er sie liebte, nicht, weil sie ihm leidtat, sondern weil es elementare Gesetze der Ethik gab, die es ihm verboten, sie in einem solchen Zustand im Stich zu lassen. Das hatte er zu seiner Tochter gesagt. Er hatte sie dazu genötigt, eines Abends zu zweit auszugehen, in ein Restaurant, und er hatte ihr erklärt, dass er ihre Mutter nie geliebt habe, dass er nicht wisse, warum er sie geheiratet hatte. Eigentlich weiß ich es, ich weiß es, fuhr Pavel fort, und jetzt werde ich es dir sagen: Weil Ina, meine große und einzige Liebe, heiratete, nachdem wir uns getrennt hatten, und weil ich schrecklich eifersüchtig war, und sie bekam ein Kind, und auch ich wollte eine Familie haben, Frau und Kind, ich wollte so sein wie Ina, ein ernsthafter Mensch mit Familie und Verpflichtungen, so einer, wie Ina geworden war, ich wollte mich an ihr rächen, ich wollte sie eifersüchtig auf mich machen, sie sollte so unglücklich sein, wie ich es war, und ich heiratete deine Mutter, und sofort danach wurdest du geboren, und ich wurde zu einem ernsthaften Menschen mit Familie und Verpflichtungen, aber ich hörte nicht auf, an Ina zu denken, ihr Leben mitzuverfolgen, sie von Zeit zu Zeit zu sehen und sie immer mehr zu lieben, ihretwegen eifersüchtig zu sein, sie mit Schmerzen durchbohren zu wollen, mich an ihr rächen zu wollen, sie besitzen zu wollen, Liebe mit ihr machen zu wollen, mit ihr leben zu wollen, Kinder, viele Kinder mit ihr haben zu wollen. Es tut mir leid, entgegnete Andreja, es tut mir leid, dass du nur ein Kind hast und dass es nicht von Ina ist, sondern von Christina, es tut mir leid, Papa, dass du mit mir vorliebnehmen musst, es tut mir leid, dass ich geboren worden bin, nein, weine nicht, wurde Pavel bleich, du hast mich nicht verstanden, Andreja, du hast mich wirklich nicht verstanden, alle schauen schon zu uns herüber, ich bitte dich, sei etwas leiser, geh hinaus, und Andreja verließ das Restaurant schwankend, begleitet von den bestürzten und mitleidigen Blicken der Gäste, und Pavel folgte ihr kurz darauf, er holte sie ein, packte sie an den Schultern und schüttelte sie, und Andreja sah, dass er ebenfalls weinte, dass er nicht sprechen konnte, dass ihn die Worte, die er soeben ausgesprochen hatte, erstickten, Andreja, mein Kind, Andreja, liebes Kind, und er fuhr ihr zärtlich übers Haar, kannst du mir nicht verzeihen, sag, wirst du mir irgendwann verzeihen können, und seine Schultern erbebten unter dem Schluchzen, und er drückte sie an sich, gleich werde ich zerbrechen und ihm ausgeliefert sein, dachte sich Andreja, und sein Bart zerkratzte ihre Augen, während er sie mit seinen Küssen überhäufte, ich verspreche, raunte er, vor Gott und meinem Kind verspreche ich, dass ich nie, nie, nie ein anderes Kind haben werde außer dir, wenn du mir nur verzeihen kannst, Andreja, mein Kind, und beide gingen Hand in Hand durch die sommerlichen Straßen, umschlungen, heiter und rein, so, als hätten sie einander gerade eben erst getroffen und die Liebe entdeckt. Von diesem Tag an lernte Ina ihre gemeinsamen Bekannten kennen und wurde allmählich zur engsten Freundin der Familie, zur liebsten Freundin, die Christina an Geburtstagen, an Wochenenden, zu Weihnachten und zu Ostern vertrat, Christina blieb zu Hause, bei ihrem Lieblingskaktus, benebelt von den Medikamenten, einen Punkt anstarrend, mit dem gleichmäßigen und charakteristischen Schaukeln der Verrückten, mit den Stimmen vom Grunde des Ozeans, die zu ihr sprachen, mit den Visionen aus der Hölle der Trauer, die um sie herumschwirrten, mit der schwarzen Schminke ihrer abgrundtiefen Depressionen, die wie Giftspinnen das Haus aussaugten, sich darin verbissen, in die Sessel, in die Teppiche, in die Tapeten, in die Augen Christinas, die einst so blau und durchsichtig gewesen waren; ihre Untröstlichkeit, ihr Entsetzen, ihre Trauer und ihre Krankheit trieben Pavel und Andreja aus dem Haus, und sie stiegen ins Auto, holten Ina und ihr Kind ab und gingen irgendwo weit weg mittagessen, weit weg, weit weg von der Stadt und von Christina, Andreja und Inas Kind spielten miteinander und versuchten, einander damit zu übertreffen, wer Mitglied in welcher Bande war, wer welchem Clan bei Counterstrike angehörte und wer wie viele Verehrer hatte, wo er am Meer gewesen war und was für Links im Internet er kannte und mit wem er chattete, und währenddessen tranken Pavel und Ina die Flasche Rotwein aus, rauchten, hielten sich an der Hand und schauten einander in die Augen, und die Kinder wagten es nicht, sich am Tisch blicken zu lassen, um nicht den Kokon der Liebe, der Pavel und Ina umhüllte, zu zerstören, denn nur er gab ihnen das Gefühl von Sicherheit und Wärme. Wenn sie am Nachmittag nach Hause kamen, fanden sie Christina in derselben Pose vor, im selben Zustand, den Blick starr auf denselben Punkt gerichtet, manchmal konnte man die verflossene Zeit nur an der Zahl der gerauchten Zigaretten erkennen, und dann bat Andreja ihren Vater flehentlich, die starken Medikamente abzusetzen, ihr nur die nötigsten zu verabreichen, damit sie sich zumindest bewegen konnte, damit sie zumindest sprechen konnte, um ihre Bewegungen und ihr Gehirn nicht völlig lahmzulegen, aber in diesem Falle wird man sie ins Krankenhaus einweisen, sagte Pavel dann, und es will doch niemand, dass sie ins Krankenhaus kommt, nein, schrie Andreja, niemand will, dass sie ins Krankenhaus kommt, dann müssen wir ihr die hoch dosierten, starken Medikamente geben, die ihre Anfälle bekämpfen sollen, einen Monat lang wird sie noch in diesem Zustand sein, der Anfall wird mit dem Beginn des Winters vergehen, und wir werden die Dosis auf das normale Maß verringern, gut, Papi, raunte Andreja, und die beiden begannen, Christina wie eine alte, missgebildete Puppe auszuziehen, ihr die Hosenbeine ihres Pyjamas überzustreifen, ihre versteiften Arme in die Ärmel ihres Oberteils zu stopfen, sie zum Bad zu führen und ihr die Zahnbürste zu geben, ihr zu sagen, sie solle sich die Zähne putzen, während sie mit der Zahnbürste in der Hand unbeweglich dastand und ihr Gesicht im Spiegel über dem Waschbecken betrachtete, putz dir die Zähne, putz dir die Zähne, schrie Pavel, Christina, hörst du, putz dir die Zähne, du stinkst, du riechst schlecht, du wechselst deine Unterwäsche überhaupt nicht, du badest nicht, man hält es um dich herum nicht mehr aus, Mami, liebe Mama, putz dir bitte die Zähne, flüsterte ihr Andreja ins Ohr, Papa ist wütend, Papa kann dich nicht mehr ertragen, weil du so riechst, er kann nicht mehr in einem Zimmer mit dir schlafen, weil du so stinkst, er schläft schon längst auf dem Sofa im Wohnzimmer, weil du dir die Zähne nicht putzt, und er kann nicht richtig schlafen und ist sehr, sehr gereizt, und nach diesen niederschmetternden Argumenten nahm Christina ihre Prothesen heraus, drehte den Wasserhahn auf und begann steif, ihre Zähne mit der Bürste zu putzen, du musst Zahnpasta verwenden, sagte Pavel, und seine Stimme war gebrochen, eine entzweigegangene Stimme, und sein Blick folgte Christinas Bewegungen schwerfällig und langsam, den eifrigen Bewegungen ihrer Hände, jetzt schrubbte sie, schrubbte, schrubbte ihre rosa Prothesen, drehte sie um und fuhr fort, sie auch von der anderen Seite zu schrubben, so lange, bis Pavel sie ihr aus der Hand riss, sie abspülte und ihr erneut zurück in den Mund stopfte, dann spiegelten die riesigen blauen Augen Christinas Entsetzen wider, wenn Pavel nach ihren Prothesen griff, Entsetzen wegen seiner starken Hände, wegen des Öffnens ihres Mundes, wegen der unverständlichen Worte, wegen seiner lauten Stimme, wegen Andrejas beruhigendem Flüstern, wegen des Halls der Stimmen im Bad, sie vermischten sich zu irgendeiner riesigen, schweren Kugel, die in ihrem Kopf herumrollte, die Kugel aus Stimmen heulte und stieß von innen gegen ihre Schädeldecke, sie erinnerte sie an das Bad im Krankenhaus, wo man sie mit einem Schlauch wusch, wo man sie nackt hineinsteckte – sie und noch ein paar andere wie sie – man zog sie grob aus, sie waren ganz nackt, und einer der Krankenpfleger spritzte sie mit einem Schlauch ab, ein starker Strahl, eine lange Bürste, mit der man sie einseifte, danach wurde das Wasser so weit wie möglich aufgedreht, alle schrien, weil der Strahl so stark wurde, alle drehten sich instinktiv um, und der Krankenpfleger peitschte mit dem starken Strahl über ihre Rücken, wie mit einem Riemen, unter ihre Achseln, zwischen ihre Beine, mit dem starken Strahl, auf ihre Fußsohlen, über ihr Haar, danach wickelte man sie in weiße Laken ein, weil es keine Badetücher gab, verfrachtete sie ins Zimmer und sagte ihnen, sie sollten sich abtrocknen und schlafen.