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René Paul Niemann

 

TÖDLICHER HERMANNSLAUF

 

MORS CERTA, HORA INCERTA

 

 

 

 

 

Impressum:

Cover: Karsten Sturm-Chichili Agency

Foto: fotolia.de

© 110th / Chichili Agency 2014

EPUB ISBN 978-3-95865-147-0

MOBI ISBN 978-3-95865-148-7

 

Urheberrechtshinweis:

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Autors oder der beteiligten Agentur „Chichili Agency“ reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Kurzinhalt

Stefan Weidinger und Felix Mehlbaum sind zwei vom Ehrgeiz zerfressene Historiker. Erbittert verfechten sie unterschiedliche Theorien über den Ort der Varusschlacht, wobei es nicht nur um die wissenschaftliche Wahrheit, sondern auch um Fördergelder und persönliche Eitelkeiten geht. Auf dem Hermannslauf, dem größten sportlichen Ereignis Ostwestfalens, eskaliert der Streit. Ein tödlicher Wettlauf beginnt, bei dem mehr als nur Anstand und Ehre auf der Strecke bleiben.

 

Ein satirischer Kriminalroman, der akademischen Übereifer und schlummernde menschliche Abgründe aufs Korn nimmt.

1.

Mit griesgrämiger Miene öffnete Kommissar Wilke die Akte, die vor ihm auf dem Schreibtisch lag. Hier und da befanden sich Kaffeeflecken auf den Seiten, wie immer, wenn er sich mit einem Fall eingehend beschäftigte. Dieser würde noch viele Ladungen Koffein kosten. Er seufzte leise. Kriminalassistent Rothmanns, der sich mit den Unmutsäußerungen seines Chefs auskannte, schaute vom PC auf, auf dessen Bildschirm ein detaillierter Plan des Straßen- und Wegenetzes zwischen Bielefeld und Detmold flimmerte.

„Noch einen Kaffee, Chef?“, fragte er beflissen. „Oder soll ich ein paar Kekse besorgen?“

„Nee“, grummelte Wilke, dessen kleine Schwächen allgemein bekannt waren. „Das hilft mir diesmal auch nicht weiter!“

Rothmanns runzelte die Stirn. Ein ernster Fall. Der Kommissar hatte die Akte im Laufe des Vormittags bereits zehnmal auf- und wieder zugeklappt. Mindestens.

„Kann ich helfen?“

„Ich suche nach dem fehlenden Teilchen!“, brummte Wilke.

„Sind Sie sicher, dass es existiert, Chef?“

„Es muss existieren, sonst macht diese ganze bescheuerte Geschichte keinen Sinn.“

Missmutig warf Wilke einen Blick auf die altmodische Wanduhr über der Tür. „Für ein Uhr habe ich Frau Weidinger herbestellt. Wollen wir wetten, dass sie auf die Minute pünktlich sein wird? Eine von diesen langweiligen Frauen, die Perfektion für eine Tugend halten. Ich habe sie gestern schon flüchtig gesehen. Sie hat kaum eine Miene verzogen, als die Kollegen ihr die Nachricht überbrachten. Still, fast unscheinbar.“

Rothmanns nickte. „Ja, ich habe sie auch gesehen. Und ich glaube, wir brauchen nicht wetten, was ihre Pünktlichkeit angeht!“

Die Uhr an der Wand schnarrte, wie immer zur vollen Stunde. Vor ewiglanger Zeit hatte sie mal ein funktionierendes Schlagwerk besessen. An der Tür ein Klopfen, ganz sachte, als wäre es auf der Hut. Kommissar Wilke stand auf und gab der eintretenden Frau die Hand. Sie trug einen dunklen Rock, eine etwas hellere Bluse. Kein Schwarz. Dezentes Blaugrau, passend zu ihren Augen, die hinter den blonden Wimpern auf eine seltsame Weise abwesend wirkten, als wären sie nicht ganz von dieser Welt.

„Frau Weidinger. Ist es in Ordnung, wenn wir Ihnen einige Fragen stellen?“

Der Kommissar war fürsorglich. Er rückte ihr den Stuhl zurecht.

„Ja.“ Die Stimme der Frau war so ausdruckslos wie ihr Gesicht, farblos wie ihre Lippen. Unter ihren Augen lagen tiefe Ringe, die Lider waren ein wenig geschwollen, aber nicht gerötet. Mit einer langsamen Bewegung strich sie sich eine Strähne aus dem Gesicht.

„Sind Sie sicher? Sie sehen etwas mitgenommen aus. Geht es Ihnen gut genug?“

„Doch, es geht schon.“

„Wir versuchen etwas über die konkreten Umstände herauszufinden, die zum Ableben ihres Mannes und Herrn Mehlbaums geführt haben. Dazu ist es vor allem einmal notwendig, den Ablauf des gestrigen Tages so genau wie möglich zu rekonstruieren.“

Die Frau nickte kaum merklich. Ihre Augen waren nun aufmerksam, wenn auch nicht sehr interessiert.

 

 

2.

„Mehlbaum ist ein kleinkariertes Arschloch. Aber dieses Jahr werde ich es ihm zeigen. Meinen Staub soll er fressen!“

Wie gewöhnlich kam keine Reaktion.

Stefan Weidinger war ein stattlicher Mann, sogar in den etwas unvorteilhaften Trainingshosen, die um die Körpermitte ein wenig spannten. Er war schon vor längerer Zeit dazu übergegangen, die leichten Fettablagerungen auf seinen Hüften als potentielle Muskelmasse zu interpretieren, ebenso wie er das Schweigen in seinem Haus als friedliche Stille auslegte. Es war sehr friedlich an diesem frühen Sonntagmorgen. Er wölbte den Brustkorb, wobei er gleichzeitig die Schultern nach unten zu drücken und die Gesäßmuskeln anzuspannen versuchte. Prüfend blickte er an seinem Spiegelbild hinunter, drehte sich um etwa 30 Grad zur linken Seite und zog den Bauch ein.

„Sag mal, findest du, dass ich zugelegt habe seit dem letzten Jahr?“

In der Zimmertür tauchte eine blässliche Nase auf. „Ja, finde ich. Und die Waage würde dir das Gleiche sagen, wenn du sie fragen würdest.“

„Eine Kleinigkeit vielleicht. Das hat nichts zu bedeuten“, sagte er wegwerfend. „Ich bin gut im Training!“

„Wenn du meinst.“ Die Stimme klang gleichgültig. Fünfzehn Jahre hatten einigen Sand im Getriebe hinterlassen.

„Ich bin immer noch zehnmal fitter als Mehlbaum!“

Die Frau war blond, dünn, fast mager, ein Strich in der Landschaft, mit langsamen, resignierten Lidschlägen, welche die pastellfarbenen Augen regelmäßig verdeckten. Ihre ganze Erscheinung wirkte farblos, verwaschen, wie eine einst duftige Sommerbluse, die jemand unachtsam zusammen mit den alten Socken und Arbeitsklamotten in die Waschmaschine geworfen hatte. Die schulterlangen Haare waren etwas strähnig, obwohl frisch gewaschen, als wären sie ihrer selbst überdrüssig.

„Könnt ihr nicht endlich mit diesem Mist aufhören und euch normal benehmen? Ihr seid wie zwei dumme Jungs, die sich gegenseitig Beine stellen und die Zungen herausstrecken.“ Sie lehnte sich an den Türrahmen und ließ die Lider in Zeitlupe vor die Iris sinken.

„Davon verstehst du nichts“, brummte er, ohne sie anzusehen. Es war sowieso egal, was sie dachte. Sie musste immer alles miesmachen. Wenn er sich freute, erstickte sie die Funken mit Gleichgültigkeit. Wenn er sich ärgerte, zuckte sie nur die Achseln. Manchmal fragte er sich, warum er überhaupt noch mit ihr sprach. Reine Gewohnheit wahrscheinlich. Hätte er einen Wellensittich, würde er mit dem reden. Er war nun mal eine gesellige Natur, und verbale Enthaltsamkeit lag ihm nicht.

Aus den Augenwinkeln schaute er kurz zu ihr hin. Sie hatte sich schon wieder umgedreht, verschwand im Flur wie ein Schluck Wasser, der immer durchsichtiger wurde. Die Welt perlte an ihr ab. In den letzten Jahren war sie so substanzlos geworden, dass er sich nicht mal mehr an ihr reiben konnte. Eines Tages würde sie ganz versickert sein. Vielleicht wäre es gut so. Wenn sie sich in der Rolle der blassen Sylphide gefiel, ließ er ihr die Freiheit. Ändern konnte er ohnehin nichts. Stattdessen blickte er wieder in den Spiegel.

Stattlich, ja. Das war er. Der kleine Bauchansatz ließ sich nicht leugnen, wenn er ehrlich war. Aber das machte nichts. Er hatte sich gut gehalten. Im Gegensatz zu Mehlbaum, der jedes Mal ein Stück schmächtiger geworden zu sein schien, wenn er ihn sah.

Weidinger lächelte, obwohl es eigentlich kein wirkliches Lächeln war. Zu viel Häme lag darin, wie immer, wenn er an Felix Mehlbaum dachte. Mehlbaum, selbsternannter Großmeister der provinzialrömischen Archäologie in Ostwestfalen und Rasputin der Deutung lateinischer Quellen, war seit Langem entzaubert, und wie ein Luftballon, aus dem allmählich die Luft entwich, fiel er nach und nach in sich zusammen. Sogar sein stets gesund gebräunter Teint wirkte neuerdings fahl und gelblich. Er sah aus wie ein Verlierer. Wie sollte er auch anders aussehen?

 

 

3.

Felix Mehlbaum fühlte sich lahm an diesem Morgen, obwohl er nie aufgehört hatte, zu trainieren. Aber auch die beste Kondition erschlaffte, wenn man immer nur bergan und immer gegen Wände lief. Die Zeit zermürbte nicht nur die Knochen, sondern auch den guten Willen, und weit länger als eine flüchtige Sekunde dachte er daran, sich einfach wieder die Decke über den Kopf zu ziehen und im Bett liegen zu bleiben.

Er dachte an den Trubel oben beim Hermannsdenkmal. An die nervige Busfahrt, auf der sie alle zu Brüdern wurden. Das Geschiebe, Körper an Körper. Warum tat er sich das jedes Jahr wieder an? Er mochte doch gar keine Menschenmassen. Und dieser aufgeblasene Vollidiot Stefan Weidinger, den er noch viel weniger mochte, würde ihm wieder den ganzen Tag penetrant auf der Pelle hängen, mit seinem Niveau unter dem Nullpunkt und seiner peinlichen Neigung zu verbalem Schwanzmessen. Ein ganz beschissener Tag würde es werden!

Nachdem er sich weitere fünf Minuten in Unlust gesuhlt hatte, warf der Mann mit dem sich lichtenden Blondhaar, das die Naturlöckchen der Jugend bewahrt hatte, jedoch energisch die Decke von sich und sprang aus dem Bett. Felix Mehlbaum war darin geübt, dem inneren Schweinehund die Stirn zu bieten. Ein schwächerer Charakter hätte vielleicht schon vor Jahren alles an den Nagel gehängt und wäre einfach von der Bildfläche verschwunden, hätte sich einen Kredit erschlichen und wäre unter falschem Namen in die Karibik verduftet. Auch Mehlbaum hatte darüber nachgedacht, mehr oder weniger ernsthaft. Aber ein Mann wie er gab sich nicht so leicht geschlagen. Er verließ nicht einfach seinen Platz, nur weil ein hohlköpfiger Emporkömmling wie Weidinger ihm das Leben schwer machte. Er blieb auf dem Posten. Seine Zeit würde kommen, diesen Glauben hatte er sich bewahrt!

 

Mehlbaums Küche war eine von diesen typischen Single-Küchen, in denen immer die gleiche alte Tasse alleine in der Spüle stand und der zweite Platz am Frühstückstisch als Zeitungsablage diente. Zu einer Ehefrau oder Lebenspartnerin hatte er es nie gebracht. Eine gewisse Sprunghaftigkeit lag ihm im Blut, was ernsthaften Bindungen keine wirkliche Grundlage bot. Und seit der berufliche Erfolg ausblieb und das Haar sich lichtete, wurden auch die Gelegenheiten rarer, es noch einmal zu versuchen.

Ohnehin war er eher ein Einzelgänger, ein Unikat, und mit den meisten seiner Artgenossen ab einem gewissen Grad nicht wirklich kompatibel. Er glaubte, dass die meisten Menschen sich ihm unterlegen fühlten, und es daher vorzogen, eine Art komplexvermeidenden Sicherheitsabstand einzuhalten. Mit dieser Deutung konnte er leben. Er war ein gewandter Redner, mit geschmeidiger, sozialer Intelligenz begabt, und auch ein gewisser Charme ging ihm nicht völlig ab. Doch im Grunde reichte ihm die Gesellschaft des fetten, schwarzen Katers, den er vor vier oder fünf Jahren aus einer Laune heraus adoptiert hatte, und mit dem er über Schliemanns Troja plauderte, über die Geheimnisse der Cheopspyramide, über Magnetogrammaufnahmen untergegangener Orte, und natürlich über Varus und Hermann, wobei er Letzteren stets bei seinem lateinischen Namen Arminius nannte.

Weidinger – so hieß der Kater – war ein geduldiger Zuhörer, der sich selbst dann nicht aus der Ruhe bringen ließ, wenn sein Herr ihn ein Dummbrot oder einen intellektuellen Flachwichser nannte, was gelegentlich vorkam, ihn der fachlichen Hochstapelei bezichtigte, oder ihm triumphierend umständliche Indizienketten auseinanderpflückte, mit deren Hilfe er seinen Namensvetter, den zweibeinigen Weidinger, zu vernichten plante. Das alles kratzte den trägen Kater kein Stück. Er ließ die Litaneien und Tiraden mit einer Gelassenheit über sich ergehen, die man bei einem Menschen als Stoizismus bezeichnet hätte, und wartete mit halbgeschlossenen, hellgelben Augen darauf, dass der aufgedrehte Vielredner heiser wurde und ihm eine neue Büchse Katzenfutter öffnete.

 

Mehlbaum war diszipliniert. Vor der Kür kam die Pflicht. Er öffnete das Fenster, um frische Luft einzulassen, und begann mit ein paar Streck- und Dehnübungen. Nichts Ermüdendes. Nur um die Muskeln zu lockern, ein Viertelstündchen. Dann bereitete er sich ein leichtes Energiefrühstück zu: eine Schnitte Weißbrot mit Honig, ein kleines Schälchen Müsli, dem er einen Magnesiumzusatz zufügte, sowie ein Glas frischgepressten Orangensaft mit einer Prise Traubenzucker. Er achtete auf sein Gewicht. Selbstkontrolle hatte er zu einem Lebensstil kultiviert. Kein Gramm Fett zu viel. Nicht so wie Weidinger, der langsam aber sicher feist zu werden begann und in drei oder vier Jahren Mühe haben würde, eine Treppe zu steigen, ohne außer Atem zu kommen, und der sich auf dem besten Wege befand, eine unangenehme Erscheinung zu werden. Wenn Mehlbaum auch sonst fast alles verloren hatte, die Kontrolle hatte er immer behalten!

 

 

4.

Stefan Weidinger wühlte in den Schubladen nach seinen neuen Sportsocken und legte die dicke Armbanduhr um, die mit einem Pulsfrequenzmesser ausgerüstet war. Er fühlte sich blendend, aber einunddreißig Kilometer waren kein Pappenstiel, und gelegentlich machte der Blutdruck ihm zu schaffen. Mehlbaum war einen halben Kopf kleiner und drahtig, keine schlechten Voraussetzungen. Aber er baute ab. Die berufliche Hangelpartie am absteigenden Ast, die er seit Jahren absolvierte, wirkte sich aus. Letzte Woche hatte er ihn zufällig in Bielefeld beim Penny-Markt gesehen, wie er seine Einkaufskarre schob. Fast schon wie ein alter Mann. Abgewirtschaftet hatte er. Abgewirtschaftet!

 

Es war im Jahr 1987 gewesen, als Felix Mehlbaums heile Welt einen Knacks bekommen hatte. Drei unscheinbare Metallklumpen hatten das bewirkt. Drei popelige, römische Schleuderbleie, die für sich genommen nicht reizvoller waren als ein Fliegenschiss. Aber sie hatten alles verändert, seit irgend so ein Wünschelrutengänger mit mehr Glück als Verstand in der Nähe von Osnabrück über sie gestolpert war und den Fund, statt ihn in die Hosentasche zu stecken und zu vergessen, mit pflichtbewusstem Stolz dem zuständigen Archäologen gemeldet hatte.

Das war der Anfang vom Ende Felix Mehlbaums gewesen. Die Theorien des hoffnungsvollen Jungdoktors waren plötzlich als falsch entlarvt, er selbst dem öffentlichen Spott preisgegeben. Die drei hässlichen Bleistücke machten aller Welt offensichtlich, dass Mehlbaums ganzer Forschungsansatz nichts war als das hohle Halali zu einer Schnitzeljagd ins Blaue, bei der die Zahl der Unbekannten die Menge der konkreten Beweise stets übertroffen hatte. Felix Mehlbaum, ungekrönte Koryphäe der Geschichtsimagination ohne Hand und Fuß, der Schlachtenforscher ohne Schlachtfeld, der tatsächlich geglaubt hatte, irgendwann im südlichen Teutoburger Wald den Helm des Varus oder des Schwert des Cheruskers zu finden, in dem womöglich sogar noch der Name des Besitzers eingraviert stand, war nicht mehr ernst zu nehmen. Sogar die Hühner lachten über ihn!

Weidinger lächelte leise. Der Fund der drei dreckverschmierten Bleiklumpen, runde achtzig Kilometer nordwestlich von Mehlbaums Wirkungskreis, hatte Großes bewirkt und mehr als nur ein Genick gebrochen. Die folgenden Ausgrabungen sorgten nicht nur regional für Aufsehen. Langsam, aber unaufhaltsam war die Entthronung Mehlbaums, der sich so gerne reden hörte und der so früh zu wissenschaftlichen Lorbeeren gekommen war, eingeleitet worden. Stück für Stück wurde er demontiert. Im gleichen Maße jedoch, wie Mehlbaums Stern sank, begann das Licht seines ehemaligen Kommilitonen Weidinger, der zu jenem Zeitpunkt eine ziemlich schlecht bezahlte Stelle in einem Örtchen, dessen Namen niemand kannte, innehatte, heller zu werden.

 

In der Küche nahm Weidinger die Schachtel mit den Vitamintabletten aus dem Schrank. Hedwig war zum Bäcker gegangen, vielleicht auch in die Kirche, wer wusste das schon genau. Jedenfalls war sie nicht da. Er füllte ein Glas mit Wasser und warf zwei von den Brausetabletten hinein. Dazu gab es eine Banane, mittelgroß. Das musste reichen. Er wollte sich nicht schwer fühlen. Schließlich ging es um einiges. Wie immer am letzten Sonntag im April.

Seit 1988, dem ersten Jahr nach Beginn der neuen Zeitrechnung, trafen sie sich in schöner Regelmäßigkeit am Hermannsdenkmal auf der Grotenburg, um mit Muskeln und physischem Durchhaltevermögen gegeneinander anzutreten, statt mit Sticheleien und verbalen Spitzen, welche die fachliche Kompetenz, die Lauterkeit oder gar die Potenz des jeweils anderen in Zweifel zogen, wie sie es den Rest des Jahres taten. Der Hermannslauf bildete die ideale Umrahmung für ihre grandiosen Duelle. Um den sportlichen Sieg über das Heer der Mitläufer ging es dabei gar nicht. Der war für sie beide so unerreichbar wie der Mond. Reine Zweikämpfe waren es, bei denen Tausende von applaudierenden Statisten ihnen huldigten und sie anspornten.

Das letzte Jahr war für Weidinger allerdings ein Reinfall gewesen. Er erinnerte sich nur ungern zurück: Regen. Wind. Knöcheltiefer Schlamm. Die ganze Strecke hatte sich in einen Morast verwandelt. Beim Umgehen der Pfützen war Mehlbaum im Vorteil gewesen, und nachdem er zuvor drei Jahre hintereinander in die Röhre geguckt hatte, war es der halben Portion gelungen, Weidinger den Sieg abzujagen. Um die Schmach im Rahmen des Erträglichen zu halten, hatte Weidinger sich genötigt gesehen, zwei Kilometer vorm Ziel einen verstauchten Knöchel zu simulieren, um auf diese Weise die abzusehende Niederlage einer höheren Gewalt anlasten zu können. Niemand hatte bemerkt, dass er schauspielerte, und um Mehlbaums Mundwinkel hatte es enttäuscht gezuckt, weil er sich den Sieg nicht in aller verdienten Größe auf die Fahne schreiben konnte. So hatte Weidinger ihm den Triumph zumindest geschmälert. Dennoch nagte die Sache an seiner Seele. Das musste dieses Jahr bereinigt werden!

Durch das Küchenfenster drangen vielversprechende Sonnenstrahlen. Der Himmel war von klarem Blau. Stefan Weidinger war zuversichtlich. Ausgezeichnetes Wetter für einen Sieg!

 

 

5.

Das Müsli knirschte zwischen Mehlbaums Zähnen, und zwischen magermilchgetränkten Haferflocken und Rosinen entschlüpfte ihm ein zweideutiges Lächeln, als er an Weidingers blasse Frau dachte. Hedwig. Sie war nicht immer so blass gewesen. Vor ein paar Jahren hatte man sie sogar noch als ziemlich appetitlich bezeichnen können. Natürlich vernachlässigte ihr Mann sie schon damals. Darum hatte sie dann auf dem Abendessen des Bielefelder Symposions zur Analyse historischer Schlachtfelder auch begonnen, mit ihrem neuen Sommerkleid zu wedeln und mit einem Glas Sekt in der Hand auf der Terrasse herumzuscharwenzeln und lange, langsame Blicke um sich zu werfen, die von noch viel langsameren Lidschlägen unterbrochen wurden.

Es war ein Kinderspiel gewesen. Sie hatte geradezu darauf gewartet, in ein Gespräch verwickelt zu werden, um endlich einmal wieder kichern und mit den Wimpern klimpern zu können wie ein Backfisch. Und Weidinger, diese aufgeblasene Nullnummer, hatte nichts davon bemerkt, so vertieft war er damit, sich mit geschwellter Brust in Positur zu bringen, leichtverdaulichen Archäologen-Smalltalk von sich zu geben, und in die billige Kamera eines Regionalreporters zu grinsen.

Mit dem spitzen Nagel seines Zeigefingers entfernte Mehlbaum eine Haferflocke aus der kleinen Lücke zwischen seinen Schneidezähnen. Seine Mundwinkel verzogen sich wieder, diesmal in deftigeren Erinnerungen. Ja, die Hedwig! Ihr Fähnchen war ziemlich kurz gewesen, und wenn sie die Beine übereinanderschlug, war es immer noch ein Stückchen höher gerutscht. Vier- oder fünfmal hatten sie sich in den folgenden Wochen getroffen. Einfach so. Waren etwas Trinken gegangen, hatten belangloses Zeug geplaudert, wobei beide wussten, dass es im Grunde um etwas anderes ging. Auf dem Rücksitz des Wagens. Einmal sogar in einem Pensionszimmer. Es war nett gewesen, wenn auch nichts Großartiges. Das Beste daran war das Gefühl, dass es ausgerechnet die Frau von Weidinger war, die er flachlegte. Eine Trumpfkarte, die er sicher im Ärmel hatte. Irgendwann würde er sie spielen. Bislang hatte er es nicht getan, denn er war ja kein Schwein. Die Situation war noch nicht reif gewesen. Aber das Gefühl, diese Karte ziehen zu können, wann immer er wollte, verursachte ihm ein wohliges Kribbeln in der Magengegend.

Mehlbaum erhob sich und stellte seine Müslischale in die Spüle. Das Wetter sah blendend aus. Keine Pfützen und Schlammlöcher würden Weidinger diesmal die Gelegenheit geben, eine Verletzung zu heucheln. Wahrscheinlich hielt er sich für einen begnadeten Komödianten, aber das Manöver im letzten Jahr war derart durchsichtig gewesen, dass nur die grundlegende Abscheu vor peinlichen Situationen ihn, Felix Mehlbaum, daran gehindert hatte, den Dummkopf coram publico bloßzustellen. Weidinger schien gar nicht zu merken, wie lächerlich er sich machte. Sein Fell war viel zu dick geworden, und seine Eitelkeit längst hatte begonnen, den gesunden Menschenverstand zu dominieren. Vielleicht würde er dieses Jahr eine Entführung auf offener Strecke inszenieren, wenn er seine Felle davonschwimmen sah. Er hatte nie gelernt, mit Würde zu verlieren.

Felix Mehlbaum hingegen wusste, dass es die Niederlagen waren, die das Rückgrat stählten. Im Stehen schlürfte er seinen Orangensaft und stopfte leise pfeifend seine Sportschuhe und eine grellgelbe Jacke in den großen Plastikbeutel, den er am Vortag bei der Abholung seiner Startnummer erhalten hatte. Als er ein paar Minuten später die Tür hinter sich ins Schloss fallen ließ, schaute der schwarze Kater ihm gelangweilt hinterher.

 

 

6.

„Wir wissen inzwischen, dass Ihr Mann und Felix Mehlbaum sich seit der Schulzeit kannten, Frau Weidinger. Damals sollen sie Freunde gewesen sein. Oder zumindest Kumpel. Wie würden Sie das Verhältnis zwischen den beiden beschreiben?“

„Was soll ich dazu sagen …“ Die farblose Sphinx hob kaum merklich die Schultern und verfiel wieder in Schweigen, kaum dass sie die Lippen geöffnet hatte.

„Waren sie denn heute auch noch Freunde?“, half der Kommissar ihr auf die Sprünge.

„Sie waren Kollegen. Fachkollegen.“

„Fachkollegen mit unterschiedlichen Ansichten über gewisse Dinge?“

„Ja. Das wissen sie doch bereits, wie ich vermute. Über die Verortung der Varusschlacht vor allem. Mein Mann war im musealen Bereich tätig. Herr Mehlbaum, soweit ich weiß, bei einer Kulturbehörde in Detmold. Beide waren Historiker. Archäologen. Da ergab es sich nun mal, dass sie gelegentlich in Konkurrenz zueinander traten.“

„Gelegentlich, aha. Würden Sie ihren Mann und Herrn Mehlbaum als Feinde bezeichnen?“

„Sie waren vielleicht nicht direkt Freunde.“

„Frau Weidinger, ich weiß, dass die Situation für Sie nicht leicht ist. Ihr Mann ist verstorben, und ich verstehe, dass Sie kein schlechtes Licht auf ihn werfen möchten. Aber es wäre für die Klärung der Umstände sehr hilfreich, wenn wir auf Beschönigungen verzichten könnten, und stattdessen die Dinge so aussprechen, wie sie nun einmal waren. Das tut dem guten Ruf Ihres Mannes sicher keinen Abbruch mehr. Und wenn die einen oder anderen unschönen Kleinigkeiten auftauchen, bleibt das ja unter uns. Uns geht es nur darum, den ganzen Fall zu einem ordentlichen Abschluss zu bringen, und dazu gehört es auch, ein gewisses Spektrum an Fragen aufzuarbeiten und Unklarheiten zu beseitigen.“

Die blonde Frau nickte aufmerksam. Ihre Pupillen weiteten sich etwas. Sie war vorsichtig, ihr Vertrauen war zerbrechliches Porzellan.

„Wie lange kannten Sie Felix Mehlbaum?“

„Persönlich kannte ich ihn eigentlich gar nicht. Eher aus den Erzählungen meines Mannes. Ihre Freundschaft gehörte schon der Vergangenheit an, als ich meinen Mann kennen lernte.“

„Wann war das?“

„Vor fünfzehn Jahren. Wir haben damals nicht lange gezögert. Nach vier Monaten waren wir verheiratet.“

„Und Herr Mehlbaum?“